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Die Abenteuer einer Laus

Gottlieb Konrad Pfeffel: Die Abenteuer einer Laus - Kapitel 1
Quellenangabe
typesatire
booktitleBiographie eines Pudels
authorGottlieb Konrad Pfeffel
year1987
publisherLangewiesche-Brandt KG
addressEbenhausen
isbn3-7846-0134-0
titleDie Abenteuer einer Laus
pages37-46
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Gottlieb Konrad Pfeffel

Die Abenteuer einer Laus

Arma virumque cano, Trojae qui primus ab oris
Italiam fato profugus, Lavinaque venit
Littora. Multum ille & terris jactatus & alto...
Multa quoque & bello passus...

VIRG.

Als ich mich gestern Abends zu Bette legte, fand ich unter einigen Büchern auf meinem Nachttische ein Stück des Sammlers; es war dasjenige darin die Erzählung einer Floh enthalten ist; ich las es, und nachdem ich darüber eingeschlafen war, kam es mir vor, daß das Blatt noch vor mir liege; aber anstatt einer Floh sah ich eine Laus darauf sitzen, welche mich ganz pathetisch allso anredete:

Mein Herr! diejenigen, welche sich durch tiefe Nachforschungen und arbeitsamen Fleiß in den Minen der Erkenntnis bereichert haben, sind auf die Anmerkung gefallen, daß alle irdische Wesen sterblich seien, und daß dieses Leben ein Stand der beständigen Gefahr und Unruhe seie; Ich bin hievon bisher durch die Erfahrung überzeuget worden; und doch erinnere ich mich, daß ich das Ungemach durch keine ungemeinen Abweichungen von der Tugend oder der Klugheit über mich gezogen habe.

Ich wurde auf dem Kopfe eines Jungen ausgehecket, der ungefähr acht Jahre alt war, in der berüchtigten Wassersuppgasse. Ich befand mich daselbst wie in einer volkreichen Stadt, und, weil wir eben nicht lange jung bleiben, sah ich mich bald vermählet, und in wenig Monaten die Mutter einer zahlreichen Familie. Dieses war der glücklichste Zeitpunkt meines Lebens. Ich hatte wenig von dem Kamme oder dem Schermesser zu förchten, und sah kein anderes Unglück vorher, als daß etwann unser Land allzustark möchte bevölkert, und wir, gleich den nordischen Barbaren, gezwungen werden, uns in andere Länder zu begeben. In einer unglücklichen Stunde aber geschah es, daß der Eigentümer unserer Ländereien mit einigen seiner Gefährten nach Schilgen ging; es hatte da ein flinker Taschenspieler seinen Tisch unter freien Himmel gestellet, und er setzte durch seine Verwandlungen die Zuschauer in Verwunderung; unser guter Junge hatte sich bis zu ihm gedränget, und der Künstler versprach, eine große Menge Goldes unter seinen Hut zu bringen; unvermerkt brachte er ein faules Ei darunter; er schlug mit der Hand darauf, und zeigte wie das trinkbare Gold auf allen Seiten herunterfloß, zum unaussprechlichen Vergnügen der Zuschauer, aber zur größten Beschämung des Jungen, und zur gänzlichen Zerrüttung unsers gemeinen Wesens.

Unmöglich lassen sich Worte finden, um die Verwirrung und das Herzeleid zu beschreiben, welche dieser Zufall plötzlich über uns zog: augenblicklich wurden wir in einem Sumpfe begraben, und es schauert mich, wenn ich von seinem unerträglichen Geruche reden soll. Die, welche der Strom mit sich gerissen hatte, fanden es unmöglich, wieder an ihren vorigen Wohnort zu kommen; und die wenigen, welche so glücklich waren, an den Ufern dieser Überschwemmung zu liegen, mußten alle ihre Kräfte anspannen, um sich an trockene Orter zu schleppen; aber vergeblich bemüheten sie sich, von den Banden los zu werden, die jeden Augenblick stärker wurden, je mehr der Stoff, aus dem sie bestunden, sich verhärtete; und er drohte ihnen, sie in kurzer Zeit aller Bewegung gänzlich zu berauben. Auch ich war unter dieser Zahl, und ich bebe itzt noch, wenn ich an meine damalige Gefahr denke. Unterdessen besann sich unser in seiner Hoffnung auf erzaubertes Gold betrogene Herr, der sich anstatt seines Vergnügens mit Unrat und Hunger behelfen mußte, der beschämt und müde war, daß es Zeit seie nach Hause zu kehren, von dannen er sich heimlich weggestohlen hatte; Er kam ganz still und niedergeschlagen zu seiner Mutter; Die gute Frau roch gleich was Böses und es stunde nicht lang an, ehe sie die Ursache entdeckte. Einige Fragen, und etliche Stöße, mit welchen der Rücken und die Rippen nicht zufrieden sein konnten, brachten das ganze Geheimnis an den Tag; und damit der Delinquent auf einmal gereiniget und gestrafet werde, führte sie ihn zu einem Brunnen, und begoß sein Haupt gewaltig. Bald wäre er darüber ersoffen; Aber sein Leiden war für nichts gegen dem unsrigen zu rechnen. Wir wurden durch eine zweite Überschwemmung heimgesuchet; die Ströme, welche sich mit einem zehnfacht stärkern Geräusche als des Donners über uns ergossen, schwemmten hundertweise von uns mit sich weg, und die wenigen übergebliebenen würden nicht stark genug gewesen sein, sich länger zu halten, wenn das Ungewitter nur wenige Minuten länger gedauert hätte. Ich befand mich wieder unter den Entronnenen; und, nachdem wir uns ein wenig von unserm Schrecken erholet hatten, fanden wir zwar, daß wir unsere Freunde verloren hatten, daß wir aber zugleich von dem harten und zähen Schleime befreiet worden, daraus uns unsere eigene Stärke niemalen hätte reißen können. Also hatten wir nicht mehr nötig zu förchten, daß wir entweder werden aus dem Lande ziehen oder verhungeren müssen; dieser Gedanke tröstete uns, und wir wurden durch ihn in den Stand gesetzet, uns zu fassen, und an den Tod der unsrigen ohne Murren zu denken.

Dieses war aber nur der Anfang des Unglücks, das mich nachgehende ohne Nachlasse verfolgte. Gleich den folgenden Tag fand es der junge Herr, dem wir so treulich anhingen, für gut, sich mit einem Stocke zu bewaffnen, und einen seiner Gefährten zum Gefechte aufzufordern; er bekam aber von seinem mit gleichem Gewehr versehenen Gegner einen solchen Streich auf den Kopf, der meinen Gemahl, samt drei Kindern, die von meiner ganzen Familie noch einzig übrig waren, zu Atomen zerquetschte. Ich selber war dem Streiche so nahe, daß es mir durch die Erschütterung schwindlicht wurde; und der Junge, der sich sogleich kratzte, um den Schmerzen zu stillen, hätte mich bei einem Haare mit seinen Nägeln zerstöret. Dieser Zufall schreckte mich so sehr, daß ich in die Halsbinde hinunterkroch, worin ich mich den ganzen übrigen Tag hindurch aufhielt; als er sich des Nachts, um sein Stück Brot zu essen, in der Küche in den Ofenwinkel setzte, glaubte ich wenigstens bis den künftigen Morgen sicher zu sein, und fing demnach meine Mahlzeit an, von welcher mich die Gefahr und der Unfall des Tages abgehalten hatte. Entweder aber hatte mein langes Fasten meinen Biß schärfer als sonsten gemacht, oder ich packte einen fühlbareren Ort an: kurz, der Junge fuhr mit seinem Finger so geschwind und richtig, daß er mich ergriff, und mich mit aller Gewalt in das Feur schmeißen wollte; diese grausame Absicht würde ihm auch gewiß gelungen sein, wäre ich nicht zwischen Finger und Nagel stecken geblieben, und darauf auf ein Stück der Wäsche gefallen, die daselbst um zu trocknen hing.

Die Mutter des Jungen, die zuweilen von einer berühmten Wascherin etwas Weißgezeuge zum waschen bekam, hatte diesmalen feinere Arbeit als sonsten, und ich fiel auf den Ärmel eines Hemdes, das einem wegen seiner Schönheit in der Stadt sehr berühmten Frauenzimmer zugehörte. Ich versteckte mich mit vieler Behutsamkeit in die Falten; und den folgenden Abend hatte ich die Ehre, sie in eine vornehme Gesellschaft zu begleiten, wo sie jedermanns Augen auf sich zog; sie stand mitten im Zirkel des Neides, der Verwunderung, und der Sehnsucht. Hier fing ich an, meiner Gefängnis überdrüssig zu werden, und ich arbeitete mich zwischen den Halsspitzen hervor, in der Hoffnung, meinen Weeg unter dem Halstuche gegen dem Kopfe zu nehmen; aber ich fand mich in dieser Hoffnung gewaltig betrogen, denn sie hatte kein Halstuch um sich geleget. Doch wollte ich nicht gern den Rückweg nehmen; und weil der Ort, da ich mich befand, der Gegenstand aller Augen war, so wurde ich von denen, die zunächst standen, sehr bald entdecket. Sie sahen mich steif an, und von Zeit zu Zeit schaute eine Person die andere mit redenden Blicken an; das Frauenzimmer selber aber nahm dessen nicht wahr, weil sie sehr gewohnt war, jedermanns Auge nach ihr gerichtet zu sehen; doch dauerte das Hin- und Wiedersehen so lange, bis sie es endlich merken mußte, und als sie mit einer heimlichen Freude ihre Augen niederwärts richtete, entdeckte sie die fatale Ursache: Der Stolz färbte die Wangen augenblicklich mit Schamröte, welche die Bescheidenheit schon lange verlassen hatte, und weil ich meine Gefahr einsah, so eilte ich zurück. Ein junger Herr, welcher wahrnahm, wie empfindlich dieser Unfall dem guten Frauenzimmer seie, und welcher es vielleicht für unanständig hielt, sich in öffentlicher Gesellschaft dem Orte, da ich mich aufhielt, mit der Hand zu näheren, bückte sich, hielt seinen Hut für sein Gesicht, und blies so stark gegen mir, daß ich gleich einem Stäublein in einem Wirbelwinde hinwegfuhr; und ich fiel im gleichen Augenblicke auf den Kopf eines zierlich geputzten Stutzers, der gegen eine reiche Witwe seine Netze ausgestellt hatte, um mit ihrer Tonne Goldes seine Schulden zu bezahlen, und sich eine neue Mätresse anzuschaffen.

Hier aber war das Haar dünne, und überdies so kurz geschnitten, daß ich mich mit Mühe darunter verstecken konnte; nur war an jeder Seite eine einzige breite Rolle, da aber Puder und Fett meinem Gange unüberwindliche Hinternisse waren; doch hielt ich mich daselbst eine Woche lang auf, wiewohl ich mich auf alle Weise in fürchterlichen Umständen befand. Ich lebte in steter Einsamkeit und Gefahr von allen Geschöpfen meiner Art geschieden und den verfluchten Klauen des Bedienten bloß gesetzet, der mich alle Morgen und Abend verfolgte. Des Morgens war es das größte Glück von der Welt, wenn ich nicht in einen Klumpen Pomade eingeknetet wurde, oder zwischen der glühenden Zange eines Kräuseleisens zu Tode gepfetzet, und hatte ich mich gleich des Nachts aufs behutsamste und fertigste vom Kamme losgemacht, so war ich doch noch in Gefahr zwischen Papier zerquetschet, oder mit einer Stecknadel durchbohret zu werden.

Ich sann oft nach, wie ich mich von hier flüchten könnte, und machte zu diesem Ende vielerlei Entwürfe, die ich aber alle nachgehends als gefährlich und untunlich verwarf. Endlich bemerkte ich, daß der Herr bei weitem keinen so behaarten Kopf habe, als sein Diener, und daß dieser sich zuweilen seines Herrn Haarbeutel bediente; in diesen Beutel stieg ich daher eines Abends mit vieler Vorsicht, und ward samt ihm hinweggelegt; es stand nicht lange an, bis daß ich mich meines Wunsches gewähret sah, denn der Diener band, mein Schlafzimmer an sein eigen Haar, sobald der erste Morgen erwachte, und ich kam also zu einer neuen Wohnung. Der Haarbeutel war aber nicht das einzige Stück von der Kleidung des Herrn, die sich der Diener gelegentlich zueignete; bald darauf maßte sich der Kerl eines verbrämten Rockes an den der Herr noch nicht weggelegt hatte, und er wurde folglich zum Hause hinaus gejagt; aus Verzweiflung ergriff er wieder seinen vorigen Beruf, und bot einem Haarkünstler seine Dienste an; und weil dieser fand, daß er die Haare nach der neuesten Mode aufzustutzen wußte, so nahm er ihn in seine Werkstätte auf, ohne seinen moralischen Grundsätzen nachzufragen.

Diese veränderten Umstände meines Patrons schlugen zu meinem großen Vorteile aus; denn ich fand Gesellschaft, und ward weniger beunruhiget. Unter andern Personen, die er, nicht des Haares sondern des Bartes wegen, zu bedienen hatte, befand sich ein nicht mehr junger Herr, ein Mitglied verschiedener gelehrten Gesellschaften, und in der Experimental-Physik ein großer Adeptus. Diesem Gelehrten war es eingefallen, Leuenhoecks Beobachtungen über die Vermehrung unsers Geschlechtes selbsten nachzuforschen, und er fragte deswegen den Eigentumsherrn meiner Wohnung, ob er ihm nicht Subjecta verschaffen könne. Der gute Pursche entfärbte sich anfänglich über die Anfrage; als er aber den Ernst und die Ursache vernahm, zog er einen helfenbeinernen Kamm hervor, und fing darmit mich, samt noch zween meiner Hausgenossen, des männlichen Geschlechtes, davon aber der einte an einer empfangenen Wunde gleich dahin starb. Der Weise nahm uns mit Dank an, und setzte uns mit der äußerten Behutsamkeit in einen seiner Strümpfe, welches zwar keine unserer Natur vollkommen angemessene Wohnung war, doch zeugten wir eine zahlreiche Nachkommenschaft. Aber auch hier litt ich viele Beschwerlichkeiten, und war vielen Gefahren ausgesetzet. Der Philosoph, der bei seinem steten Sitzen die Kälte nicht wohl vertragen konnte, saß oft mit seinen Beinen dem Feur so nahe, daß wir bei nahem lebendig gebraten wurden, ehe wir um den Waden herum in die Kühle kommen konnten. Er war auch den Zerstreuungen sehr unterworfen, und bei solchen Anfällen wurden viele von uns durch seine Brühen oder seinen Tee elendiglich zerstöret, denn er hielt die Tasse so sehr auf eine Seite, daß sie notwendig überlaufen mußte, und der sengende Strom ergoß sich vom Knie bis auf den Knöchel hinunter. Aber dieses war noch nicht alles; denn kaum fühlte er den Schmerzen, so rieb er mit seiner Hand den verletzten Teil, ohne an seine Pflanzschule zu denken, bis ein großer Teil der Entronnenen zerquetschet war. Ich hatte auch hier das Glück, neuen Abenteuern aufbehalten zu werden.

Der Philosoph war ein dienstfertiger Mann, der seine Entdeckungen gern mitteilte, und er hatte daher viele Besuche, zuweilen auch die Ehre, Frauenzimmer bei sich zu sehen. Um demselben eine Freude zu machen, wurde ich zum Unglück eines Morgens, da ich mir es am wenigsten vermutete, meiner Familie entrissen, und auf das Foltergerüste eines Sonnenvergrößerungsglases geleget. Nachdem ich ihrem Erstaunen und Vergnügen bei nahem eine Stunde hindurch entsprochen hatte, ließ mich Unmenschlichkeit und Undankbarkeit zwischen den beiden Stücken des Fernglases, durch welches ich gezeiget worden, hungernd liegen. Also blieb ich drei Tage und drei Nächte eingemauert; und in der vierten würde ich unfehlbar umgekommen sein, wenn ein Junge von sieben Jahren, der aus Unbehutsamkeit allein im Zimmer gelassen worden, seine Finger nicht in die Höhle gestecket, darin ich eingeschlossen war, und mich mit einmal in Freiheit gesetzet hätte. Doch war ich überaus schwach, und, weil das Fenster offen stand, wehete mich der Wind durch dasselbe gegen der Gasse hinaus, und ich fiel auf die unbedeckte Perruque eines Arztes, der eben vorbeiging, um einen Kranken zu besuchen. Dieses war das erstemal daß ich in einer Perruque einzog, einem kaum weniger abscheulichen Orte, als das Vergrößerungsglas war; ich fand sie gleich einer öden Wildnis, ohne Einwohner und ohne Grenzen. Ich durchkreuzte sie bald nach dieser bald nach jener Seite, ohne zu wissen nach welcher Himmmelsgegend, und verzweifelte bald, wieder einmal zur Nahrung und Ruhe zu gelangen; durch diese ungläubliche Mühe wurden alle meine Lebensgeister erschöpfet, ich konnte mich unmöglich mehr halten, und fiel bei nahem in einem Stande der Unempfindlichkeit von dem Gipfel des Labyrinths, in welchem ich mich verirret hatte, auf den Kopf eines Kranken im Spitale, über welchen sich, wie ich nachwärts merken konnte, der Arzt gebückt hatte, um die Zunge zu betrachten.

Wärme und Nahrung, dazu ich hier gelangte, belebten mich bald wieder. Ich erfreute mich über meine Befreiung, und glaubte nichts weiter zu beförchten zu haben, als den Tod des Kranken, der mich so gut beherbergte. Doch sahe ich meinen Irrtum nur zu bald ein: Unter andern Patienten in der nämlichen Stube lag ein Kind von ungefähr sechs Jahren, das wegen einem Bruche hineingekommen war, und nun die Gelbsucht hatte. Gegen diese Krankheit hat die Wärterin, in Abwesenheit des Arztes, eine gewisse Zahl von Geschöpfen meiner Art verordnet die ihm lebendig in einem Löffel voll Milch sollten eingegeben werden. Man machte sogleich eine Sammlung, und ich kam unter die unglückliche Opfer, welche Unwissenheit und Unmenschlichkeit dem Verderben gewidmet hatten; ich fiel in den Trank, und sah mich dem greulichen Schlunde nahe, von welchem ich glaubte, daß er sich den Augenblick hinter mir schließen werde; die einzige schwache Hoffnung blieb mir übrig, ich werde vielleicht unbeschädigt den Schlund hinunter kommen, und mich im Abgrunde irgendwo seßhaft machen können. Mein Schicksal aber hatte es anderst beschlossen: das Kind, das verdrüßlich und zornig wurde, schlug der Wärterin den Löffel aus der Hand; und durch unglaubliche Bemühungen gelangte ich wieder auf des Kranken Kopf.

Ich wünschte mir wieder Glück zu meiner fast wunderbaren Errettung, als ich durch einen Barbierer erschreckt wurde, der sich mir mit seinem fürchterlichen Handwerksgeräte näherte. Ich erfuhr bald, daß der Mann, dessen Kopf ich mir zur Freistätte gewählet hatte, wahnsinnig geworden, und daß man das Haar wegscheren mußte, um nach Befehl des Arztes ein Pflaster auflegen zu können. Itzt entfiel mir der Mut ganz, und alle meine Hoffnungen verließen mich. Ob ich aber gleich in den Schaum des Seifenwassers geriet, so wurde ich doch unbeschädigt auf des Operators Sudeltuch gelegt; ich hängte mich ihm an; und als er Ihnen, mein Herr, diesen Abend den Bart herunter nahm, kroch ich an Sie; und diesen Augenblick bin ich aus den Falten Ihrer Halsbinde gekrochen, die Sie neben sich auf diesen Tisch geleget haben. Ob dieser Zufall für mich glücklich oder unglücklich sein werde, kann nur die Zeit entdecken; ich hoffe aber noch immer, einen Wohnort zu finden, dahin kein Kamm dringen wird, da keine Nägel nie kratzen werden; sicher vor der Schere, und kein Barbiermesser förchtend; wo ich den übrigen Teil meines Lebens in vollkommener Sicherheit werde zubringen können, in erfreulicher Ruhe mitten unter dem Zulächeln der Gesellschaft, und in reichem Überflusse.

Diese so lächerliche und ausschweifende Hoffnung, und welche auf eine so feierliche Weise erzählet wurde, machte mich so stark lachen, daß ich darüber erwachte. Allein meine Freude verlor sich bald in dem Gedanken, daß auch das menschliche Leben dem Übel nicht weniger bloß gestellet sei, und daß alle seine Erwartungen der Sicherheit und der Glückseligkeit bei zeitlichen Gütern eben so ausschweifend und widersinnig seien.