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Die Abenteuer des Brigadiers Gerard. Zweiter Band

Arthur Conan Doyle: Die Abenteuer des Brigadiers Gerard. Zweiter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
authorArthur Conan Doyle
titleDie Abenteuer des Brigadiers Gerard. Zweiter Band
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
yearo.J.
translatorR. Lautenbach u. Luise Schroeter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161108
projectidba9b0783
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Wie sich der Brigadier bei Waterloo auszeichnete.

I Die Geschichte in der Waldschenke.

Von all den großen Schlachten, in denen ich die Ehre hatte, für den Kaiser und für Frankreich zu kämpfen, ist keine einzige verloren worden. Bei Waterloo jedoch war ich, obschon ich in einem gewissen Sinne dabei war, nicht in der Lage, mitzufechten, und der Feind war siegreich. Ich bin nicht der Mann, um zu behaupten, daß zwischen diesen beiden Tatsachen ein ursächlicher Zusammenhang besteht. Sie kennen mich zu gut, mes amis, um zu wissen, daß ich keinen derartigen Anspruch für meine Person erhebe. Aber es gibt immerhin zu denken, und verschiedene Leute haben für mich schmeichelhafte Schlüsse daraus gezogen. Wie dem auch sei, wir brauchten nur ein paar englische Karrees zu durchbrechen, und der Sieg würde sich an jenem Tage an unsere Fahnen geheftet haben. Ob die Conflans'schen Husaren, mit Etienne Gerard an der Spitze, dies nicht hätten fertigbringen können, darüber sind die Ansichten der berufensten Kritiker verschieden. Aber Schwamm drüber! Das Schicksal wollte, daß mein Arm gelähmt sein und das Kaiserreich zusammenbrechen sollte. Aber gleichzeitig wollte es auch, daß dieser Tag der Trauer und des Unglücks mir größere Ehren bringen sollte, als wenn mich das Glück im Siegeszuge von Boulogne bis nach Wien getragen hätte. Niemals würde mein Ruhm in so hellem Lichte erstrahlt sein wie in jenem erhabenen Moment, als es um mich herum dunkel wurde. Es ist Ihnen ja zur Genüge bekannt, Messieurs, daß ich dem Kaiser auch im Unglück treugeblieben bin und es zurückgewiesen habe, mein Schwert und meine Ehre an die Bourbonen zu verkaufen. Nie wieder sollte ich ein Schlachtroß zwischen den Schenkeln fühlen, nie wieder à la tête meiner braven Jungen Trommelwirbel und Trompetenschmettern hinter mir hören. Aber es tröstet mich, mes amis, und es treten mir die Tränen in die Augen, wenn ich daran denke, wie groß ich war an jenem letzten Tage meines Soldatenlebens, und wenn ich mir vergegenwärtige, daß von allen meinen großen Taten, die mir die Liebe so vieler schöner Frauen und die Achtung so vieler tapferer Männer gewonnen haben, keine einzige in bezug auf Glanz, Verwegenheit und Größe des Erfolgs meinem berühmten Ritt in der Nacht des 18. Juni 1815 an die Seite gestellt werden kann. Ich weiß, daß die Geschichte vielfach in den Offizierkasinos und in den Kasernen erzählt worden ist, sodaß es kaum in der Armee jemanden geben wird, der sie noch nicht kennt, obwohl ich selbst aus Bescheidenheit bis jetzt davon geschwiegen habe. Aber heute abend, mes amis, möchte ich Ihnen in diesem kleinen Kreise die Begebenheit doch einmal wahrheitsgetreu schildern.

Vor allen Dingen kann ich Ihnen eins versichern: in seiner ganzen glänzenden Laufbahn hatte Napoleon kein so vorzügliches Heer wie das, womit er diesen Feldzug eröffnete. Im Jahre 1813 war Frankreich erschöpft. Auf jeden Veteranen kamen damals fünf junge Bürschchen – »Marie Louiserchen« nannten wir sie scherzhaft, weil die Kaiserin selbst, während der Kaiser im Feld war, die Aushebungen betrieben hatte. Aber 1815 war das ganz anders. Die Gefangenen waren alle zurückgekehrt – aus den Schneefeldern Rußlands, aus den Kerkern Spaniens, aus den alten Schiffen Die Engländer hatten damals in Portsmouth alte unbrauchbare Schiffe zu Gefängnissen eingerichtet. Englands. Das waren lauter gefährliche Burschen, Leute, die in zwanzig Schlachten gekämpft hatten, die sich nach ihrer alten Tätigkeit zurücksehnten, und deren Herzen voller Zorn und Revanche waren. Die Reihen waren voll von Soldaten, die ihre zwei und drei Dienstmedaillen auf der Brust trugen, und jede solche Medaille bedeutete fünf Dienstjahre. Der Mut dieser Leute war geradezu furchtbar. Sie waren von Rache, Wut und Fanatismus erfüllt und beteten den Kaiser an, wie ein Muhammedaner seinen Propheten, bereit, sich in ihre Bajonette zu stürzen, wenn ihr Blut ihm von Nutzen sein könnte. Wenn Sie diese alten Veteranen mit ihren bärtigen Gesichtern, ihren wild leuchtenden Augen, ihrem schrecklichen Kampfgeschrei hätten in die Schlacht stürmen sehen, würden Sie sich gewundert haben, Messieurs, daß es vor ihnen überhaupt einen Widerstand gab. Diese Söhne Frankreichs besaßen damals einen Elan, dem kein anderer hätte standhalten können; aber diese Kerle, diese Engländer hatten weder Elan noch ein Herz im Leibe, sondern nur solides, unbewegliches » Beef«, gegen das wir vergeblich unsere Kräfte opferten. Das war die Sache, mes chers amis! Auf der einen Seite Poesie, Heldentum, Opfermut – ideale und heroische Eigenschaften. Auf der anderen Seite » Beef«. Unsere Hoffnungen, unser Streben, unsere Träume – prallten alle an dem schrecklichen » Beef« Old Englands ab.

Sie haben gelesen, wie der Kaiser seine Streitkräfte sammelte, und wie wir dann zusammen mit hundertunddreißigtausend alten Kriegern an die Nordgrenze eilten und uns den Preußen und Engländern entgegenwarfen. Am 16. Juni hielt Ney die Engländer bei Quatre Bras im Schach, während wir die Preußen bei Ligny aufs Haupt schlugen. Es steht mir nicht an, darüber zu reden, wie weit ich an diesem Siege Anteil hatte, aber es ist allgemein bekannt, daß die Conflansschen Husaren sich mit Ruhm bedeckt haben. Sie fochten wacker, die Preußen, und ließen achttausend Mann auf dem Kampfplatz. Der Kaiser glaubte, sie abgetan zu haben, als er den Marschall Grouchy mit zweiunddreißigtausend Mann zurückließ, um sie zu verfolgen und fernerhin unschädlich zu machen. Dann rückte er mit ungefähr achtzigtausend Mann den »gottverdammten« Engländern entgegen. Was wir alles mit ihnen abzurechnen hatten, wir Franzosen – die Guineen von Pitt, die Hulks Hulks waren die alten abgetakelten Schiffe, die den Engländern als Gefängnisse für die Franzosen dienten. von Portsmouth, den Einfall Wellingtons, die perfiden Siege Nelsons! Endlich schien der Tag der Vergeltung gekommen.

Wellington verfügte über siebenundsechzigtausend Mann, worunter aber viele Holländer und Belgier waren, die kein besonderes Bedürfnis und keine Veranlassung hatten, gegen uns zu kämpfen. Wirklich zuverlässige Truppen hatte er kaum fünfzigtausend. Als er merkte, daß er's mit dem Kaiser selbst an der Spitze von achtzigtausend Mann zu tun haben würde, war dieser Engländer so von Furcht gelähmt, daß er weder sich selbst, noch seine Armee von der Stelle bringen konnte. Sie werden schon zugesehen haben, meine Herren, wenn sich die Schlange dem Kaninchen nähert. So war's damals bei Waterloo. Am Abend vorher beorderte mich der Kaiser an Stelle eines bei Ligny gefallenen Adjutanten zu seinem Stab, und ich überließ meine Husaren der Obhut des Majors Victor. Ich weiß nicht, wem von uns es mehr Leid getan hat, daß ich sie am Vorabend der Schlacht verlassen mußte, ihnen oder mir; aber Befehl bleibt Befehl, dagegen kann ein guter Soldat höchstens die Achseln zucken, aber er muß gehorchen. Am Morgen des achtzehnten ritt ich mit dem Kaiser die Front der feindlichen Stellung ab, er guckte durch sein Fernrohr und machte sich einen Plan, wie er den Feind am besten vernichten könnte. Soult, Ney und Foy, sowie einige andere, die in Portugal und Spanien gegen die Engländer gefochten hatten, waren an seiner Seite. »Bedenken Sie, Sire,« sagte Soult, »die englische Infanterie ist sehr tüchtig.«

»Sie halten sie für gute Soldaten, weil Sie von ihnen geschlagen worden sind,« antwortete der Kaiser, und wir jüngeren Offiziere drehten uns 'rum und lächelten. Aber Ney und Foy blieben ganz ernst. Die Engländer hatten ihre Artillerie und Infanterie bereits in aller Stille in Schlachtordnung aufgestellt, und ihre bunten, roten und blauen Linien waren nur einen guten Büchsenschuß von uns entfernt. Auf der anderen Seite der leichten Tal-Einsenkung nahmen unsere eigenen Truppen, nachdem sie abgekocht hatten, ihre Aufstellung zur Schlacht. Es hatte sehr stark geregnet; aber im Augenblick war die Sonne durchgebrochen und ließ die blanken Rüstungen unserer Kavallerie und die tausend und abertausend Bajonette unseres Fußvolks in ihrem hellen Glanze erscheinen: es glitzerte und funkelte wie ein Meer von Stahl und Eisen. Beim Anblick dieser glänzenden Truppe und hingerissen von ihrer Schönheit und Majestät, konnte ich mich nicht länger halten. Ich richtete mich auf im Steigbügel, schwenkte meinen Säbel und rief: » Vive l'Empereur!« Dieser Ruf fand auf unserer ganzen Linie ein begeistertes Echo, die Reiter schwangen ihre Säbel, und die Infanteristen steckten ihre Käppis auf die Spitzen ihrer Bajonette. Die Engländer bekamen einen kolossalen Schrecken. Sie merkten, daß ihre letzte Stunde geschlagen hatte.

Und so würde es gekommen sein, wenn in jenem Moment der Befehl zum Angriff gegeben worden wäre, und die ganze Armee hätte losstürmen dürfen. Wir brauchten uns nur auf sie zu werfen, um sie vom Erdboden wegzufegen. Abgesehen von allen Fragen der beiderseitigen Tapferkeit, waren wir ihnen an Zahl überlegen, hatten ältere Mannschaften und eine bessere Führung. Aber der Kaiser wollte alles recht ordentlich machen und wartete, bis der Boden trockener und fester geworden war, damit seine Artillerie richtig operieren könnte. So wurden drei Stunden verloren, und es war bereits elf Uhr, als wir Jérôme Bonaparte mit dem linken Flügel vorrücken sahen und Kanonendonner hörten, das heißt also, daß die Schlacht ihren Anfang nahm. Der Verlust dieser drei Stunden war unser Ruin. Der Angriff unseres linken Flügels richtete sich auf einen Bauernhof, den die englische Garde besetzt hatte, und wir hörten die drei lauten Schreckensrufe, welche die Verteidiger ausstoßen mußten. Sie hielten noch aus, und d'Erlons Korps rückte auf der rechten Flanke gegen einen anderen Teil der englischen Linien vor, als unsere Aufmerksamkeit plötzlich von diesem Kampf direkt vor unseren Augen ab- und nach einem ganz entfernten Teil des Schlachtfeldes hingelenkt wurde.

Der Kaiser hatte mit dem Fernrohr die äußerste linke Flanke der englischen Schlachtordnung beobachtet und wandte sich mit einemmal an den Herzog von Dalmatien oder Soult. wie wir Soldaten ihn lieber nannten.

»Was ist das, Marschall?« sagte er.

Wir schauten alle in der Richtung seines Blickes, einige nahmen ihre Feldstecher, einige hielten sich die Hand über die Augen. Dort war ein dichtes Gehölz, dann folgte ein kahler Abhang und dann kam wieder Wald. Auf diesem freien Terrain zwischen den beiden Wäldern bewegte sich etwas Schwarzes, wie der Schatten einer fortziehenden Wolke.

»Ich halte es für Vieh, Sire,« antwortete Soult.

In diesem Augenblick blitzte etwas auf in dem dunkeln Schatten.

»Es ist Grouchy,« sagte der Kaiser und ließ sein Glas 'runter sinken. »Sie sind sicher verloren, die Engländer. Ich habe sie in den Händen. Sie können mir nicht entrinnen.«

Er blickte um sich, und sein Auge fiel auf mich.

»Ah! da ist ja der berühmte Bote,« sagte er. »Haben Sie ein gutes Pferd, Oberst Gerard?«

Ich ritt meine kleine Violetta, den Stolz der ganzen Brigade. Ich sagte ihm das.

»Dann reiten Sie eiligst zum Marschall Grouchy, dessen Truppen Sie dort drüben sehen. Melden Sie ihm, daß er der linken Flanke und der Nachhut der Engländer in den Rücken fallen soll, während ich sie von vorne angreife. Zusammen werden wir sie zermalmen, und kein Mann soll uns entkommen.«

Ich salutierte und ritt davon, ohne ein Wort zu verlieren, mein Herz schlug höher in meiner Brust, daß ich einen solchen Auftrag bekommen hatte. Ich sah durch den Rauch der Geschütze die lange rote und blaue Schlachtlinie der Engländer und ballte die Faust, als ich dran vorbeisauste. »Wir werden sie zermalmen, und kein Mann soll uns entkommen.« Das waren die Worte des Kaisers, und ich, Etienne Gerard, war's, der sie in die Tat umsetzen sollte. Ich brannte vor Begier, den Marschall zu erreichen. Einen Augenblick dachte ich, gleich durch den englischen linken Flügel durchzureiten, weil das der kürzeste Weg sei. Ich habe verwegenere Taten ausgeführt und bin glücklich durchgekommen, aber ich überlegte mir, daß, wenn mir's schlecht gehen und ich gefangen oder niedergeschossen werden sollte, die Botschaft verloren sein und die Pläne des Kaisers fehlschlagen würden. Ich ritt also an der Kavallerie, den Chasseurs, den Gardeulanen, den Karabinieren, den Gardes du corps und endlich an meinen eigenen kleinen Schelmen vorüber, die mir sehnsüchtig mit ihren Blicken folgten. Jenseits der Reiterei stand die »Alte Garde«, zwölf Regimenter stark, lauter Veteranen vieler Schlachten, düster und ernst, in langen blauen Mänteln und hohen Bärenmützen. Jeder trug in seinem Tornister seine blauweiße Parade-Uniform, die sie am nächsten Tag bei ihrem Einzug in Brüssel anlegen wollten. Als ich an ihnen vorbeiritt, dachte ich so bei mir, daß diese Männer noch nie geschlagen worden waren, und wenn ich ihre wetterharten Gesichter und ihre ernste, ruhige Haltung betrachtete, sagte ich zu mir selbst, daß sie auch nie geschlagen werden würden. Heiliger Himmel, wie wenig konnte ich vorhersehen, was die nächsten Stunden bringen würden!

Rechts von der »Alten Garde« standen die junge Garde und das sechste, Lobausche Korps, und dann passierte ich noch die Jacquinotschen Lanziers und die Marbotschen Husaren, welche die äußerste linke Flanke der Schlachtlinie bildeten. All' diese Truppen hatten keine Ahnung von dem Korps, das ihnen durch den Wald entgegenkam, ihre Aufmerksamkeit wurde von der Beobachtung der Schlacht in Anspruch genommen, die zu ihrer Linken wütete. Mehr als hundert Kanonen donnerten auf jeder Seite, und der Schlachtenlärm war so stark, wie ich ihn trotz meiner vielen Feldzüge kaum sechsmal erlebt habe. Ich drehte mich um und sah, wie zwei Brigaden Kürassiere, englische und französische, den Hügel hinuntersausten, und wie ihre blanken Säbel blitzten wie ein Gewitterleuchten. Oh, wie ich mich sehnte, Violetta 'rumzudrehen und meine Husaren in das dickste Kampfgetümmel hineinzuführen! Was für 'n Bild! Etienne Gerard mit dem Rücken der Schlacht zugewandt, während sich ein großartiger Reiterkampf hinter ihm abspielte! Aber Pflicht ist Pflicht, und so ritt ich denn an Marbots Vorposten vorbei, dem Walde zu, während das Dorf Frichermont links liegen blieb. Vor mir lag ein großer Wald, der sogenannte »Pariser Wald«; er war größtenteils von Eichen bestanden, und hatte nur wenige Pfade. Als ich dort war, hielt ich und horchte: aber aus dem dunkeln Dickicht drang weder das Schmettern einer Trompete, noch das Knarren von Rädern, noch der Hufschlag von Pferden an mein Ohr, und kündigte den Vormarsch jener großen Kolonne an, die ich mit meinen eigenen Augen hatte drauflosmarschieren sehen. Hinter mir tobte die Schlacht, aber vor mir herrschte Grabesstille. Der Sonnenschein wurde durch das dichte Laubdach abgehalten, und der feuchte Rasen strömte einen starken dumpfigen Geruch aus. Mehrere Meilen galoppierte ich auf einem Pfad dahin, den wenige Reiter zu benutzen gewagt haben würden: am Boden liefen die dicken Wurzeln, und über mir hingen die Aeste im Weg. Dann erblickte ich endlich die erste Spur von Grouchys Avant-Garde. Zu beiden Seiten, aber noch in einiger Entfernung, bemerkte ich zerstreute Husarentrupps zwischen den Bäumen. In der Ferne hörte ich Trommelschlag und das leise Murmeln, wie's von einem Heer auf dem Marsch ausgeht. Jeden Moment konnte ich auf den Stab stoßen und meinen Auftrag Grouchy persönlich übermitteln, denn ich wußte, daß bei einer solchen Gelegenheit ein französischer Marschall sicher bei der Vorhut ist.

Plötzlich wurde es lichter vor mir, und ich merkte zu meiner Freude, daß ich mich am Rande des Waldes befand und bald ins Freie gelangen würde, wo ich die Armee sehen und den Marschall finden könnte. An der Stelle, wo das Pfädchen ausmündet, liegt eine kleine Waldschänke, wo Holzhauer und Fuhrleute ihr Glas Wein trinken. Ich hielt einen Augenblick mein Pferd an, um die Gegend in Augenschein zu nehmen. Ein paar Meilen entfernt lag der zweite große Wald, der von »St. Lambert«, aus dem der Kaiser die Truppen hatte herauskommen sehen. Ich sah leicht ein, warum sie von dem einen Wald zum andern so viel Zeit brauchten: dazwischen zog sich der tiefe Engpaß von Lasnes hin, der überschritten werden mußte. Ich sah ja auch deutlich, wie eine Heersäule von Reitern, Fußvolk und Artillerie den einen Abhang 'runterzog und am anderen emporschwärmte, während die Vorhut schon um mich herum war. Eine Batterie reitende Artillerie kam die Straße entlang, und ich war eben im Begriff, draufloszusprengen und den kommandierenden Offizier zu fragen, ob er mir nicht sagen könnte, wo ich den Marschall finden würde, als ich plötzlich bemerkte, daß die Kanoniere, obwohl sie blau montiert waren, nicht den Dolman mit den roten Aufschlägen trugen, den unsere reitenden Artilleristen hatten. Ganz erstaunt betrachtete ich zu meiner Rechten und Linken diese merkwürdigen Soldaten, als plötzlich eine Hand mein Bein faßte. Es war der Wirt, der aus seiner Kneipe herausgesprungen war.

»Allmächtiger Gott!« rief er, »was machen Sie hier? Was haben Sie vor? Sie sind wohl von Sinnen?!«

»Ich suche den Marschall Grouchy.«

»Sie sind mitten im preußischen Heer. Kehren Sie um und fliehen Sie!«

»Unmöglich; das ist doch das Korps Grouchys.«

»Woher wissen Sie das?«

»Weil's der Kaiser gesagt hat.«

»Dann befindet sich der Kaiser in einem schweren Irrtum! Ich sag' Ihnen, daß eine Patrouille schlesischer Husaren in diesem Augenblick mein Lokal verlassen hat. Haben Sie sie nicht im Wald gesehen?«

»Husaren hab' ich wohl gesehen.«

»Es sind feindliche.«

»Wo ist Grouchy?«

»Er ist dahinter; sie haben ihn überholt.«

»Wie kann ich da zurückreiten? Nur wenn ich vorwärts gehe, kann ich ihn vielleicht treffen. Ich muß meinen Befehl ausführen und ihn ausfindig machen, wo er auch stecken mag.«

Der Mann überlegte einen Moment.

»Rasch! rasch!« rief er und erfaßte meinen Zügel. »Tun Sie, was ich Ihnen sage, und Sie können womöglich noch durchkommen. Man hat Sie noch nicht bemerkt. Kommen Sie mit, und ich will Sie verbergen, bis sie vorbei sind.«

Hinter seinem Haus war ein niedriger Stall, da trieb er Violetta hinein. Dann führte er mich halb und zerrte mich halb in die Küche seiner Wirtschaft. Es war ein kahler, mit Steinen gepflasterter Raum. Ein stämmiges, rotbäckiges Weib briet Kotelettes auf dem Herd.

»Was ist denn nun los?« fragte sie und sah unfreundlich bald mich und bald den Wirt an. »Was ist das für 'n Kerl, den du da mitbringst?«

»Es ist 'n französischer Offizier, Marie. Wir dürfen ihn nicht von den Preußen gefangen nehmen lassen.«

»Warum nicht?«

»Warum nicht? Zum Donnerwetter! war ich nicht selbst ein napoleonischer Soldat? Hab' ich nicht eine Ehren-Muskete unter den Garde-Veliten erworben? Soll ich zusehen, wie ein Kamerad vor meinen Augen gefangen genommen wird? Nein, wir müssen ihn retten, Marie.«

Aber die Frau sah mich immer noch sehr unfreundlich an.

»Peter,« sagte sie, »du wirst nicht eher ruhn, bis sie dirs Haus über 'm Kopf anstecken. Verstehst du denn nicht, du Schafskopf, daß du nur für Napoleon gekämpft hast, weil er Herr von Belgien war? Jetzt ist er's nicht mehr. Die Preußen sind unsere Verbündeten, und das ist unser Feind. Laß mit ihm werden, was will!«

Der Wirt kratzte sich hinter den Ohren und guckte mich verzweifelt an, aber es war mir sehr klar, daß dieses Weib sich weder um Frankreich, noch um Belgien Sorge machte, daß ihr nur die Sicherheit ihres eigenen Hauses so sehr am Herzen lag.

»Madame,« sagte ich würdig und fest, »der Kaiser schlägt die Engländer, und eh 's Abend wird, werden die Franzosen hier sein. Wenn Sie mich gut behandeln, werden Sie belohnt werden, verraten Sie mich aber, so werden Sie dafür büßen müssen, und Ihr Haus wird sicher vom Generalprofoß niedergebrannt werden.«

Das machte sie ängstlich, und ich suchte sie nun rasch auf andere Weise vollends umzustimmen.

»Ich halte 's für ganz unmöglich, daß eine so schöne Frau so hartherzig sein kann. Sie werden mir sicher die Zuflucht jetzt nicht verweigern.«

Sie betrachtete meinen Schnurrbart, und ich bemerkte, wie sie sanftmütiger wurde. Ich erfaßte ihre Hand, und nach ein paar Minuten standen wir auf 'nem solchen Fuß miteinander, daß ihr Mann rund 'raus erklärte, er selbst würde mich 'naussetzen, wenn ich's so weiter triebe.

»Uebrigens, die Straße ist voller Preußen,« schrie er. »Geschwind! geschwind! auf 'n Boden!«

»Geschwind! geschwind! auf 'n Boden!« echote seine Frau, und eiligst schoben sie mich an eine Leiter, die zu einer Falltür an der Decke führte. Es klopfte laut an der Haustüre, sodaß Sie sich vorstellen können, Messieurs, daß es nicht lange dauerte, so waren meine Sporen durch das Loch verschwunden, und die Tür wieder 'runter gelassen. Im nächsten Augenblick hörte ich in den unteren Räumen die Stimmen der Deutschen.

Ich befand mich in einem einzigen großen Raum, dessen Decke das Dach bildete. Er ging über die eine Hälfte des ganzen Hauses, und durch die Ritzen konnte ich nach Belieben in die Küche, ins Gastzimmer und aufs Büfett gucken. Es gab zwar keine Fenster auf dem Boden, aber infolge noch nicht vollständig beendigter Reparaturen und mehrerer fehlender Ziegel fiel Licht 'rein, und ich konnte meine Beobachtungen anstellen. Der Platz war mit Gerümpel angefüllt – in einer Ecke lag ein Haufen Heu und in der anderen war ein mächtiger Haufen leerer Flaschen aufgetürmt. Es gab weiter keine Tür- oder Fensteröffnung als das Loch, wodurch ich 'raufgekrochen war.

Ich setzte mich ein paar Minuten auf den Heuhaufen, um mich zu sammeln und Pläne zu schmieden. Es war sehr fatal, daß die Preußen eher auf dem Kampfplatz ankommen sollten als unsere Reserven, doch schien's nur ein einzelnes Korps zu sein, und ein Armeekorps mehr oder weniger machte einem Manne wie dem Kaiser wenig aus. Er konnte diese Unterstützung den Engländern ruhig zukommen lassen, und sie doch noch schlagen. Das Beste, wodurch ich ihm dienen konnte, nachdem Grouchy nun 'mal doch noch hinten war, war, hier zu warten, bis sie vorbei waren, und dann meinen Weg fortzusetzen, den Marschall aufzusuchen und ihm die kaiserlichen Orders zu überbringen. Wenn er auf die Nachhut der Engländer vorrückte, anstatt die Preußen zu verfolgen, so würde alles gut werden. Das Schicksal Frankreichs hing von meinem Urteil und meinen Nerven ab. Es war nicht das erstemal, mes chers amis, wie Ihnen ja zur Genüge bekannt ist, und Sie wissen auch, daß ich wohl berechtigt war, mich auf mein Urteil und meine Nerven zu verlassen, daß sie nie mit mir durchgehen würden. Der Kaiser hatte für seine Mission entschieden den richtigen Mann ausgesucht. »Den berühmten Boten«, hatte er mich genannt. Ich wollte mich dieser Auszeichnung würdig erweisen.

Es war ganz klar, daß ich nichts unternehmen konnte, bevor die Preußen vorüber waren; so benutzte ich meine Zeit, sie zu beobachten. Ich habe keine Vorliebe für dieses Volk, aber ich muß sagen, daß sie eine ausgezeichnete Disziplin hatten, denn kein Mann ging ins Wirtshaus, obwohl sie sicher durstig waren und vor Erschöpfung beinahe umfielen. Die an die Türe gepocht hatten, hatten einen ohnmächtigen Kameraden gebracht und waren, nachdem sie ihn hingelegt hatten, unverzüglich wieder ins Glied zurückgekehrt. Sie brachten noch mehrere und legten sie ebenso in die Küche, während ein blutjunger Assistenzarzt, der kaum den Knabenschuhen entwachsen war, zu ihrer Pflege zurückblieb. Nachdem ich sie durch die Spalten am Boden beobachtet hatte, ging ich nun an die Löcher im Dach, von denen aus ich genau sehen konnte, was draußen vorging. Das preußische Korps zog noch immer vorbei. Man sah ihnen leicht an, daß sie schon einen furchtbaren Marsch hinter sich hatten und wenig gegessen hatten, denn die Leute sahen sehr schlecht aus und waren von oben bis unten mit Schmutz bedeckt, weil sie auf den schlammigen, schlüpferigen Wegen oft ausgeglitten und gefallen waren. Aber so erschöpft sie auch waren, ihr Mut war erstaunlich, und sie schoben und zogen an den Kanonenwagen, wenn die Räder bis an die Naben in Dreck sanken, und die müden Pferde, ebenfalls bis an die Knie im Kot, nicht imstande waren, sie durchzuschleppen. Die Offiziere ritten auf und ab und spornten die Tätigeren durch Worte des Lobes an und die Lässigeren durch Schläge mit der flachen Säbelklinge. Während der ganzen Zeit ertönte von jenseits des Waldes der furchtbare Schlachtenlärm zu ihnen herüber, als ob sich alle Flüsse der Erde zu einem einzigen mächtigen Strom vereinigt hätten, der brausend und krachend in die Tiefe stürzte. Wie der Gischt dieses gewaltigen Wasserfalles erschien die lange Rauchwolke, die hoch über den Bäumen hinzog. Die Offiziere deuteten mit dem Säbel danach hin und trieben mit rauhen Rufen aus ihren ausgetrockneten Kehlen die schmutzbedeckten Mannschaften vorwärts nach der Schlacht. Eine Stunde lang hatte ich sie schon vorüberziehen sehen, und ich rechnete mir aus, daß ihre Vorhut bereits auf die Marbotschen Vorposten gestoßen, und daß der Kaiser schon von ihrer Ankunft unterrichtet sein müsse. »Ihr marschiert recht schnell drauf zu, meine Freunde, aber rückwärts wird's wohl noch bedeutend schneller gehen,« sagte ich zu mir selbst und tröstete mich mit diesem Gedanken.

Aber ein kleines Abenteuer unterbrach die Monotonie dieses langen Wartens. Ich saß an meinem Guckloch und freute mich, daß das Korps bald vorbei, und der Weg bald für meine Reise frei sein würde, als ich plötzlich auf französisch einen lauten Wortwechsel in der Küche hörte.

»Sie haben nichts oben zu tun!« schrie eine Frauenstimme.

»Ich sag' Ihnen, daß ich trotzdem 'naufsteige!« erwiderte ein Mann, und dann klang's wie eine Balgerei.

Sofort guckte ich durch die Ritze in der Küchendecke. Unten an der Leiter stand die kräftige Wirtin wie ein treuer Wachthund, während der junge deutsche Arzt, bleich vor Zorn, und mit aller Gewalt 'rauf in die Höhe steigen wollte. Mehrere der deutschen Soldaten, die sich wieder von ihrer Ohnmacht erholt hatten, saßen am Boden und sahen dem Streit mit dummen, aber aufmerksamen Gesichtern ruhig zu. Der Wirt war nirgends zu sehen.

»Es ist kein Branntwein droben,« sagte die Frau.

»Ich will auch gar keinen Branntwein; ich brauche Heu oder Stroh, um diese Leute hier drauf zu legen. Warum sollen sie auf den harten Steinen liegen, wenn's Stroh oben gibt?«

»Da liegt kein's.«

»Was ist denn oben?«

»Leere Flaschen.«

»Sonst nichts?«

»Nein.«

Einen Moment kam mir's vor, als ob der Arzt von seinem Vorhaben abstehen wollte, aber einer von den Soldaten deutete nach der Decke. Ich konnte seinen Worten so viel entnehmen, daß er das Heu durch die Risse in der Decke durchsehen konnte. Die Frau protestierte nunmehr vergeblich. Zwei Soldaten, die sich wieder besser rühren konnten, zerrten sie beiseite und hielten sie fest, während der junge Doktor die Leiter 'raufsprang, die Tür aufstieß und auf den Boden kletterte. Als er die Tür aufmachte, schlüpfte ich dahinter, aber der Zufall wollte es, daß er sie gleich wieder hinter sich zuschlug, und so standen wir uns denn von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

Ich habe nie im Leben einen so erstaunten jungen Mann gesehen.

»Ein französischer Offizier?« keuchte er.

»Pst! pst!«, machte ich. »Kein lautes Wort.« Ich hatte blank gezogen.

»Ich bin kein Kombattant,« sagte er; »ich bin Arzt. Warum bedrohen Sie mich mit dem Säbel? Ich bin nicht bewaffnet.«

»Ich will Sie auch nicht verletzen, aber ich muß mich doch schützen. Ich habe mich hier versteckt.«

»Ein Spion!«

»Ein Spion trägt keine solche Uniform, noch befinden sich Spione beim Stab einer Armee. Ich bin irrtümlicherweise mitten in das preußische Korps geritten, und habe mich hier in der Hoffnung verborgen, wenn es vorbei ist, zu entkommen. Ich will Sie nicht anrühren, wenn Sie mich in Ruhe lassen, aber, wenn Sie mir nicht versprechen, über meinen Aufenthalt hier keinen Ton verlauten zu lassen, werden Sie nicht lebend von diesem Boden 'nunterkommen.«

»Sie können Ihren Säbel ruhig wieder in die Scheide stecken,« antwortete der Arzt, und ich bemerkte ein freundliches Zwinkern in seinen Augen. »Ich bin von Geburt ein Pole und fühle durchaus keinen Haß gegen Ihre Nation. Ich sorge nach besten Kräften für meine Patienten, aber das übrige geht mich nichts an. Husaren zu fangen, gehört nicht zu den Funktionen eines Arztes. Wenn Sie nichts dagegen haben, will ich nun mit diesem Bündel Heu hinuntersteigen und für die armen Kerle drunten ein Lager zurechtmachen.«

Ich hatte ihm eigentlich den Eid darauf abnehmen wollen, aber ich habe die Erfahrung gemacht, daß wenn jemand die Wahrheit nicht sagen will, er sie auch nicht schwört, und daher gab ich mich damit zufrieden. Der Arzt machte die Falltüre auf, warf soviel Heu hinunter, wie er für seine Zwecke brauchte, stieg dann die Leiter hinab und ließ die Tür über seinem Kopf wieder zufallen. Ich beobachtete ihn sehr eifrig, als er zu seinen Kranken ging, und dasselbe tat auch meine Freundin, die Wirtin; aber er sagte nichts und beschäftigte sich lediglich mit der Pflege der Soldaten.

Ich nahm bestimmt an, daß mittlerweile der Rest des Armeekorps vorbei sei. Ich ging also an mein Guckloch, um zu sehen, ob die Luft rein sei, denn um ein paar Nachzügler würde ich mich nicht weiter kümmern. Das erste Korps war tatsächlich auch vorüber, und ich konnte die letzten Glieder des Fußvolks im Walde verschwinden sehen; aber Sie können sich meinen Schrecken vorstellen, meine Herrn, als ich aus dem » Forêt de St. Lambert« ein zweites Korps herauskommen sah, ein ebenso starkes wie das erste. Da konnte kein Zweifel mehr bestehen, daß die ganze preußische Armee, die wir bei Ligny vernichtet zu haben glaubten, im Begriff war, sich auf unseren rechten Flügel zu werfen, während der Marschall Grouchy durch irgend eine Täuschung weggelockt worden war. Da ich den Kanonendonner schon stärker hörte, sagte ich mir, daß die preußische Artillerie, die an mir vorbeigezogen war, schon in Aktion getreten sein müsse. Denken Sie sich nun in meine schreckliche Lage, Messieurs! Stunde um Stunde verging; die Sonne sank bereits nach Westen. Dabei war das verfluchte Wirtshaus, in dem ich versteckt lag, wie eine kleine Insel, rundum von preußischem Militär umwogt. Es war von größter Wichtigkeit, daß ich Grouchy erreichte, und trotzdem konnte ich nicht 'naus, ohne sofort gefangen genommen zu werden. Sie können sich denken, wie ich fluchte und mir die Haare ausraufte. Wie wenig wissen wir doch, was uns vorbehalten ist! Während ich gegen mein widriges Geschick wütete, hatte mich dieses selbe Geschick zu einer weit höheren Aufgabe ausersehen, als Grouchy einen Befehl zu übermitteln – eine Aufgabe, die mir nie zugefallen wäre, die ich nie hätte erfüllen können, wenn ich nicht in dieser Kneipe am Rand des »Forêt de Paris« festgehalten worden wäre.

Zwei preußische Korps waren vorbei und ein drittes zog herauf, da hörte ich mit einemmal Lärm und mehrere Stimmen im Gastzimmer. Ich legte mich auf den Boden und konnte durch einen Spalt sehen, was vorging.

Ich erblickte zwei preußische Generäle, die sich über eine auf dem Tisch ausgebreitete Karte beugten. Mehrere Adjutanten und Stabsoffiziere standen schweigend drum 'rum. Von den zwei Generälen war der eine ein heftiger alter Mann mit weißem Haar und mit Furchen im Gesicht, mit einem wüsten grauen Schnurrbart und einer belfernden Stimme. Der andere war noch jünger, und ruhiger und vornehmer. Er maß mit dem Zirkel Entfernungen auf der Karte ab, während sein Begleiter mit den Füßen stampfte und rauchte und fluchte wie ein Husarenwachtmeister. Es war merkwürdig anzusehen, den Alten so feuerig und den Jungen so zurückhaltend. Ich konnte im Einzelnen ihr Gespräch nicht verstehen, aber im großen und ganzen war ich mir klar darüber, was sie vorhatten.

»Ich sage Ihnen, wir müssen vorwärts, immer vorwärts!« schrie der alte Knabe mit einem drastischen deutschen Fluch. »Ich habe Wellington versprochen, mit der ganzen Armee zu ihm zu stoßen, und wenn ich auf meinem Gaul mit Riemen festgebunden werden müßte. Bülows Korps ist in Aktion und das Ziethen'sche soll ihm mit sämtlichen Mannschaften und Kanonen zu Hilfe kommen. Vorwärts, Gneisenau, vorwärts!«

Der andere schüttelte den Kopf.

»Sie müssen bedenken, Exzellenz, daß sich die Engländer, wenn sie geschlagen werden, nach der Küste zurückziehen werden. In welche Lage wollen Sie dann kommen, wenn Grouchy zwischen Ihnen und dem Rhein steht?«

» Wir müssen sie schlagen, Gneisenau; der Herzog und ich werden sie zu Staub zermalmen. Drauf, drauf! ist die Losung. Der ganze Krieg wird mit einem Schlag beendigt sein. Ziehen Sie Pirsch heran, so können wir sechzigtausend Mann in die Wagschale werfen, während Thielmann den Grouchy bei Wabern festhält.«

Gneisenau zuckte mit der Schulter; in diesem Moment trat eine Ordonnanz ein und meldete:

»Ein Adjutant vom Herzog von Wellington.«

»Ha! ha!« rief der Alte; »hören wir, was er uns bringt.«

Ein englischer Offizier, mit Schmutz und Blut bedeckt, wankte ins Zimmer. Er hatte ein blutiges Taschentuch um den Arm gebunden und hielt sich am Tisch fest, um nicht zu fallen.

»Ich habe eine Botschaft für den Marschall Blücher,« sagte er.

»Der Marschall Blücher bin ich. Sprechen Sie, sprechen Sie!« rief ungeduldig der Alte.

»Der Herzog hat mir befohlen, Ihnen zu sagen, daß sich die englische Armee allein halten kann, und daß er um den Ausgang keine Bange hat. Die französische Kavallerie ist geschlagen, zwei Infanterie-Divisionen sind vernichtet, nur die Garde ist noch in Reserve. Wenn Sie uns tatkräftig unterstützen, wird die Niederlage einem vollständigen Ruin –« Er sank in die Knie und fiel rücklings zu Boden.

»Das genügt mir vollkommen!« rief Blücher. »Gneisenau senden Sie sofort einen Boten zu Wellington und lassen Sie ihm sagen, daß er sich voll und ganz auf mich verlassen kann. Kommen Sie, meine Herren, wir müssen ans Werk!« Er stürmte hastig zur Türe 'naus, sein ganzer Stab klirrte hinter ihm her, während zwei Soldaten den englischen Adjutanten zum Arzt brachten.

Gneisenau, der Generalstabschef, hatte noch einen Augenblick gezaudert; dann legte er einem der Adjutanten die Hand auf die Schulter. Der Junge war mir schon aufgefallen, denn ich habe immer ein gutes Auge für einen feinen Kerl. Er war groß und schlank, der richtige Typus eines Reiters: tatsächlich, in seiner Erscheinung lag etwas, das sie meiner nicht unähnlich machte. Er hatte ein verwegenes, kühnes Gesicht wie ein Falke, unter dichten, buschigen Brauen funkelten ein Paar trotzige Augen hervor, aber die größte Zierde war sein Schnurrbart, auf Grund dessen ich ihn in die Renommier-Schwadron meiner Husaren eingestellt haben würde. Er trug einen grünen Waffenrock mit weißen Aufschlägen und einen Helm mit Pferdeschweif – ein Dragoner, wie mir schien.

»Hören Sie, Graf Stein,« sagte Gneisenau zu ihm. »Wenn der Feind auch vernichtet wird und der Kaiser entkommt, nützt es nichts; er wird ein zweites Heer sammeln, und wir haben dieselbe Arbeit noch 'mal. Wenn es uns aber gelingt, den Kaiser zu fangen, dann ist der Krieg wirklich beendigt. Ein solches Ziel ist einer großen Anstrengung und eines großen Wagnisses wert.«

Der junge Dragoner erwiderte nichts, sondern hörte aufmerksam zu.

»Vorausgesetzt, daß sich die Worte Wellingtons bewahrheiten, und die Franzosen in wilde Flucht geschlagen werden, wird der Kaiser sicher nach Genappes und Charleroi fliehen, weil das der kürzeste Weg nach der Grenze ist. Wir dürfen wohl annehmen, daß er flotte Pferde hat, und daß ihm die Fliehenden den Weg bahnen. Unsere Reiterei muß die Nachhut der geschlagenen Armee verfolgen, aber der Kaiser wird sich ganz vorne beim Gros befinden.«

Der junge Dragoner nickte.

»Ihnen, Graf Stein, möchte ich den Kaiser empfehlen. Wenn Sie Ihn fangen, wird Ihr Name in der Geschichte fortleben. Sie stehen im Ruf, der beste Reiter in unserer Armee zu sein. Wählen Sie sich einige Kameraden, welche Sie wollen – zehn bis zwölf dürften genügen. Sie sollen nicht in die Schlacht eingreifen, sich auch nicht der allgemeinen Verfolgung anschließen, sondern sich abseits halten und Ihre Kräfte für ein edleres Ziel aufsparen. Verstehen Sie mich?«

Der Dragoner nickte wieder. Dieses Schweigen imponierte mir.

»Die Details überlasse ich Ihnen. Greifen Sie nach keinem anderen als nach dem Höchsten. Die kaiserliche Kutsche können Sie nicht verwechseln, ebensowenig, wie Sie sich in der Person des Kaisers irren können. Nun muß ich dem Marschall folgen. Adieu! Wenn ich Sie je wiedersehe, so hoffe ich, Ihnen bei der Gelegenheit zu der Tat gratulieren zu können, deren Kunde durch ganz Europa dringen wird.«

Der Dragoner salutierte, und Gneisenau eilte aus dem Zimmer. Der junge Offizier blieb ein paar Augenblicke in tiefen Gedanken stehen. Dann folgte er seinem Generalstabschef. Sein Pferd, ein prächtiger, kräftiger Brauner mit zwei weißen Füßen, war am Türpfosten angebunden. Er schwang sich in den Sattel und ritt an eine Abteilung Reiterei, die eben vorbeikam. Er sprach ein paar Worte mit einem Offizier, der das Regiment führte. Gleich darauf sah ich zwei Husaren – es war ein Husaren-Regiment – ihre Glieder verlassen und neben dem Grafen Stein Aufstellung nehmen. Das nächste Regiment wurde ebenso angehalten, und der Patrouille wurden zwei Ulanen zugefügt. Das folgende lieferte ihm zwei Dragoner und das letzte zwei Kürassiere. Dann nahm er seine kleine Reitergruppe beiseite, versammelte sie um sich und setzte ihnen auseinander, was sie tun sollten. Danach ritten die Neun zusammen weg und verschwanden in dem »Pariser Wald«.

Ich brauche Ihnen nicht weiter zu erklären, mes amis, was dies alles zu bedeuten hatte. Er hatte tatsächlich genau ebenso gehandelt, wie ich's an seiner Stelle getan haben würde. Von jedem Oberst hatte er sich die zwei besten Reiter im Regiment mitgeben lassen, und so eine kleine Schar zusammengebracht, die hoffen konnte, alles einzufangen, was sie verfolgte. Der Himmel mochte dem Kaiser gnädig sein, wenn er ohne Begleitung sein und diese Gesellschaft hinter ihn kommen sollte!

Und ich, mes chers amis – denken Sie sich das Fieber, die Gärung, die wahnsinnige Wut in meinem Innern! Jeder Gedanke an Grouchy war fort. Von Osten her war kein Kanonendonner zu hören, er konnte nicht in der Nähe sein. Wenn er auch noch kommen sollte, würde er doch nicht mehr rechtzeitig eintreffen, um den Ausgang der Schlacht zu ändern. Die Sonne stand schon tief, und es konnten höchstens noch zwei oder drei Stunden bis zum Eintritt der Dunkelheit sein. Meine ursprüngliche Mission konnte ich als zwecklos aufgeben. Aber ich hatte eine andere Mission, eine dringendere, die keinen Aufschub litt, die die Sicherheit und vielleicht das Leben des Kaisers bedeutete. Um jeden Preis, durch jede Gefahr hindurch, mußte ich zurück und an seine Seite. Aber wie sollte ich's anfangen? Zwischen mir und den französischen Linien befand sich jetzt die ganze preußische Armee. Sie hielten jeden Weg besetzt, aber den Pfad der Pflicht konnten sie nicht versperren, wenn Etienne Gerard ihn vor sich sah. Ich konnte nicht länger warten. Ich mußte aufbrechen.

Der Boden hatte nur den einen Ausgang, ich mußte also auch jetzt wieder die Leiter benutzen. Ich guckte durch einen Spalt in die Küche und sah, daß der junge Arzt noch drin war. Auf einem Stuhl saß der verwundete englische Offizier, und auf dem Heu lagen zwei preußische Soldaten. Die anderen hatten sich alle wieder erholt und waren 'nausgeschickt worden. Das waren meine Feinde, durch die ich hindurch mußte, um zu meinem Pferd zu gelangen. Von dem Arzt hatte ich nichts zu befürchten; der Engländer war verwundet und hatte seinen Säbel in der Ecke stehen; die beiden Deutschen waren halb bewußtlos und hatten ihre Gewehre nicht bei sich. Was konnte da einfacher sein? Ich klappte die Falltür auf, glitt rasch die Leiter hinunter und stand plötzlich mit blankem Säbel in ihrer Mitte.

Was für 'ne Ueberraschung! Was für 'n Bild! Der Arzt wußte natürlich Bescheid, aber der Engländer und die beiden Soldaten müssen gemeint haben, daß der Kriegsgott persönlich vom Himmel heruntergestiegen sei. Bei meiner Erscheinung, bei meiner Figur, in meiner silbergrauen Uniform, und das blitzende Schwert in der Rechten muß ich wirklich einen Anblick gewährt haben, der des Sehens wert war. Die zwei Deutschen stierten mich erschreckt an. Der englische Offizier suchte sich aufzurichten, sank aber vor Schwäche gleich wieder in seinen Stuhl zurück, er sperrte den Mund auf und hatte den Arm auf die Stuhllehne gelegt.

»Was der Teufel! was der Teufel!« rief er in einem fort.

»Bitte, rühren Sie sich nicht von der Stelle,« sagte ich; »ich will Ihnen nichts tun, aber wehe dem, der mich anfaßt und mich festzuhalten versucht! Sie brauchen keine Furcht zu haben, wenn Sie mich ungeschoren lassen, aber Sie brauchen auch keine Hoffnung zu haben, wenn Sie mir in den Weg treten. Ich bin der Oberst Etienne Gerard von den Conflansschen Husaren.«

»Alle Wetter!« sagte der Engländer. »Dann sind Sie der Mann, der den Fuchs erlegt hat!« Eine schreckliche Wut stieg in ihm auf und verfinsterte seine Züge. Die Eifersucht der Sportsleute ist eine niedrige Leidenschaft. Er haßte mich, dieser Engländer, weil ich ihn damals ausgestochen und ihm den Jagdsieg abgerungen hatte. Wie verschieden sind doch die menschlichen Naturen! Hätte ich ihn eine solche Tat vollbringen sehen, ich wäre ihm freudestrahlend um den Hals gefallen. Doch ich hatte keine Zeit zu längeren Erörterungen.

»Es tut mir leid, Sir,« sagte ich: »aber Sie haben hier Ihren Mantel liegen, von dem ich Besitz ergreifen muß.«

Er versuchte wieder aufzustehen und seinen Säbel zu fassen, aber ich war rasch zwischen ihm und jener Ecke.

»Wenn etwas in den Taschen steckt –«

»Ein Kästchen,« sagte er.

»Ich will Sie nicht berauben,« fuhr ich fort; und als ich den Rock aufhob, fand ich in den Taschen ein silbernes Pulverhorn, ein viereckiges Holzkästchen und einen Feldstecher. Ich händigte ihm alles ein. Da machte der verdammte Kerl das Kästchen auf, nahm eine Pistole 'raus und hielt sie mir direkt vor den Kopf.

»Nun, mein Lieber,« sagte er, »stecken Sie Ihren Säbel ruhig ein und übergeben Sie sich.«

Ich war über diese niederträchtige Handlungsweise so erstaunt, daß ich wie versteinert vor ihm stand. Ich versuchte ihm von Ehre und Dankbarkeit zu sprechen, aber ich sah, daß seine Augen hart und kalt auf die Pistole gerichtet blieben.

»Machen Sie keine Redensarten!« sagte er. »Den Säbel weg!«

Konnte ich mir eine solche Demütigung gefallen lassen? Der Tod war besser, als in dieser Weise entwaffnet zu werden. Das Wort »Schießen Sie zu!« war mir schon auf der Zunge, als der Engländer vor meinen Augen verschwand, und sich an seiner Stelle ein großer Heuhaufen auftürmte, aus dem ein roter Arm und zwei große Reiterstiefel herausragten und um sich schlugen. O, diese wackere Wirtsfrau! Mein Schnurrbart hatte mich gerettet.

»Flieh'n Sie, Soldat, flieh'n S'!« rief sie und warf immer neue Heubündel auf den zappelnden Engländer. In einem Moment war ich draußen im Hof, hatte Violetta aus dem Stall geführt und saß auf ihrem Rücken. Vom Fenster pfiff eine Pistolenkugel an mir vorbei, und ich sah ein wütendes Gesicht hinter mir hergucken. Ich lächelte nur verächtlich und gab Violetta die Sporen. Die letzten Preußen waren vorüber, und mein Weg und meine Pflicht lagen frei und klar vor mir. Siegte Frankreich, so war alles gut, verlor Frankreich, so hing's von mir und meiner kleinen Stute ab, was mehr als Sieg und Niederlage bedeutete – die Sicherheit und das Leben des Kaisers. »Voran, Etienne, voran!« rief ich aus. »Von allen deinen hervorragenden Taten liegt jetzt die größte vor dir, selbst wenn's deine letzte sein sollte!«

II Die Geschichte von den neun preußischen Reitern.

Als wir das vorigemal beisammen saßen, mes amis, habe ich Ihnen von dem wichtigen Auftrag erzählt, den ich vom Kaiser für den Marschall Grouchy bekommen hatte. Daß der Plan fehlschlug, war, wie Sie wissen, nicht meine Schuld. Ich habe Ihnen auch auseinandergesetzt, wie ich einen ganzen langen Nachmittag auf dem Boden eines Wirtshauses eingeschlossen war und nicht 'raus konnte, weil rundum alles voller Preußen war. Sie werden sich noch erinnern, Messieurs, daß ich bei dieser Gelegenheit erfuhr, wie der preußische Generalstabschef dem Grafen Stein Weisungen gab, und ich von dem gefährlichen Plan Kenntnis erlangte, der darauf abzielte, im Falle einer französischen Niederlage den Kaiser gefangen zu nehmen, sei es tot oder lebendig. Anfangs konnte ich diesen Fall nicht für möglich halten, aber nachdem den ganzen Tag geschossen worden war, und mir der Donner der Kanonen nicht näher kam, war's klar, daß die Engländer wenigstens Stand gehalten und alle unsere Angriffe abgeschlagen hatten.

Ich sagte schon, daß es an jenem Tag ein Kampf war » Beef« Englands, aber ich muß zugeben, daß wir das » Beef« sehr zäh fanden. Ich sah sehr wohl ein, daß, wenn der Kaiser die Engländer allein nicht schlagen konnte, es ihm dann tatsächlich schlecht ergehen müßte, wenn er noch sechzigtausend von diesen verfluchten Preußen auf dem Hals hatte. Auf jeden Fall mußte ich, wo ich dieses Geheimnis kannte, an seine Seite kommen.

Ich war, wie ich Ihnen das letztemal geschildert habe, auf ganz verwegene Art ins Freie gelangt und ließ den englischen Adjutanten ruhig eine Faust hinter mir hermachen. Ich mußte nur lachen, als ich mich umdrehte und ihn mit seinem wütenden, roten, heuumrahmten Gesicht am Fenster stehen sah. Sobald ich auf der Chaussee war, richtete ich mich in den Steigbügeln in die Höhe und warf seinen schönen, schwarzen, rotgebrämten Reitermantel über mich her. Er fiel bis auf die Stiefel 'runter und bedeckte meine Uniform vollständig. Was meinen Tschako betrifft, so ist diese Art Kopfbedeckung bei den Preußen gar nichts seltenes, und es lag kein Grund vor, daß sie auffallen sollte. So lange mich niemand anhielt und mich zum Sprechen veranlaßte, konnte ich getrost durch die ganze preußische Armee reiten: aber, obwohl ich ganz gut deutsch konnte, denn ich hatte während der Zeit, wo ich in diesem Lande gefochten hatte, viele Freundinnen erworben, so sprach ich doch mit etwas Pariser Akzent, der zu dieser rohen, unmusikalischen Sprache nicht recht paßte. Ich wußte, daß diese Aussprache auffallen würde, mußte also hoffen und wünschen, schweigend durchzukommen.

Der Pariser Wald war so groß, daß ich nicht d'ran denken konnte, d'rum 'rum zu reiten, ich faßte also Mut und galoppierte die Straße hinunter, hinter der preußischen Armee her. Ihre Spur war nicht leicht zu verfehlen, denn der Weg zeigte von den Wagenrädern zwei Fuß tiefe Einschnitte. Ich traf bald auf die ersten Verwundeten. Sie lagen an beiden Seiten des Weges, Preußen und Franzosen, es war wahrscheinlich an der Stelle, wo die ersten Vorposten Bülows mit den Marbotschen Husaren zusammengestoßen waren. Ein Alter mit einem langen, weißen Barte, ein Arzt vermutlich, schrie mich an und lief schreiend hinter mir her, aber ich drehte mich nicht um und nahm weiter keine Notiz von ihm, als daß ich mein Tempo beschleunigte. Ich hörte ihn noch eine ganze Zeitlang schreien, als ich ihn schon längst nicht mehr sehen konnte.

Gleich darauf kam ich an die preußischen Reserven. Die Infanterie stand auf ihre Gewehre gelehnt oder lag erschöpft auf der feuchten Erde: die Offiziere standen in Gruppen zusammen, hörten dem mächtigen Donner der Geschütze zu und diskutierten die Berichte, die sie von der Front erhielten. Ich sauste in rasendem Galopp dahin, aber einer der Offiziere stürzte vor mir auf den Weg und hob zum Zeichen, daß ich halten sollte, die Hand in die Höhe. Fünftausend Preußen richteten ihre Augen auf mich. Das war ein Moment! Sie werden blaß, mes amis, bei dem Gedanken d'ran. Nun stellen Sie sich vor, wie mir damals die Haare zu Berge standen. Aber keinen Augenblick hat mich je mein Witz und mein Mut verlassen. »General Blücher!« rief ich. War's nicht mein Schutzengel, der mir diese Worte eingeflüstert hatte? Der Preuße sprang mir rasch aus dem Weg, salutierte und deutete vorwärts. Sie sind fein diszipliniert, diese Preußen, und wer hätte es wagen sollen, einen Offizier aufzuhalten, der eine Botschaft für den General hatte? Es war ein Talisman, der mich aus jeder Gefahr ziehen würde, und ich freute mich riesig über diesen Einfall. Ich war so wohlgemut, daß ich gar nicht erst wartete, bis ich gefragt wurde, sondern, als ich durch die Truppen durchritt, einfach nach rechts und links immer »General Blücher! General Blücher!« rief; und überall deutete man nach vorne und machte mir Platz, um mich passieren zu lassen. Es gibt Zeiten, wo die größte Unverfrorenheit die höchste Weisheit ist. Aber immerhin muß eine gewisse Diskretion dabei sein, und ich muß zugeben, daß ich zu weit ging. Denn als ich weiter ritt und der Gefechtslinie immer näher kam, erwischte ein preußischer Ulanen-Offizier meine Zügel und deutete auf eine Gruppe Männer, die in der Nähe eines brennenden Bauerngehöfts standen. »Dort ist Marschall Blücher. Uebergeben Sie ihm Ihre Botschaft!« sagte er, und wahrhaftig, dort war der schreckliche Alte mit seinem grauen Schnauzbart, kaum einen Pistolenschuß von mir entfernt, das Gesicht in der Richtung nach mir gewandt.

Aber mein schützender Engel verließ mich auch jetzt nicht. Wie der Blitz fiel mir der Name des Generals ein, der die preußische Vorhut kommandierte. »General Bülow!« rief ich. Der Ulan ließ mich los. »General Bülow! General Bülow!« schrie ich bei jedem Satz, den mich meine liebe kleine Stute unseren Leuten näher brachte. Ich galoppierte durch das brennende Dorf Plancenoit, raste zwischen zwei Kolonnen preußischer Infanterie durch, setzte über Zäune, schlug einen schlesischen Ulanen zusammen, der sich mir entgegengeworfen hatte, ritt mit fliegendem Mantel, so daß meine Uniform darunter sichtbar wurde, durch das zehnte Linien-Regiment und befand mich im nächsten Moment wieder mitten im Lobauschen Korps, das von der preußischen Avantgarde schwer bedrängt wurde. Ich galoppierte weiter, nur von dem Gedanken getrieben, den Kaiser zu erreichen.

Aber ein Anblick bot sich mir, der mich festhielt und an die Stelle bannte, als ob ich in eine Reiter-Statue verwandelt worden wäre. Ich konnte kein Glied rühren, ich konnte kaum Atem schöpfen. Mein Weg führte über eine Schanze, und als ich oben ankam, schaute ich hinunter in das langgestreckte Tal von Waterloo. Als ich weggeritten war, hatte an jeder Seite eine grobe Armee gestanden, mit einem offenen Gelände dazwischen. Jetzt sah ich nur noch zu beiden Seiten je einen langen Streifen gebrochener und erschöpfter Regimenter, aber dazwischen eine Armee von Toten und Verwundeten. Zwei Meilen in der Länge und eine halbe Meile in der Breite bedeckten sie, neben- und übereinanderliegend, das Schlachtfeld. Das war jedoch kein neuer Anblick für mich, und das hielt mich nicht festgebannt: nein, es war etwas ganz anderes! Auf die lang ausgedehnte Stellung der Engländer wogte ein dunkler Wald zu – schwarz und ungestüm wie die ungebrochenen Wellen des Meeres. Kannte ich nicht die Bärenmützen der Garde? Und wußte ich nicht gleichfalls, sagte mir's nicht mein militärischer Instinkt, daß es die letzte Reserve Frankreichs war: daß der Kaiser wie ein verzweifelter Spieler alles auf diese letzte Karte setzte? Sie rückten näher und immer näher – großartig, mächtig, unbezwinglich, mit Gewehrsalven überschüttet, mit Granaten überworfen, gleich einer schweren, schwarzen Springflut überschwemmten sie die englischen Batterien. Mit meinem Fernglas konnte ich sehen, wie sich die englischen Kanoniere unter ihre Geschütze warfen oder davon liefen. Unaufhaltsam stürmten sie vorwärts, bis auf einmal ein furchtbares Getöse an mein Ohr drang; es war der Anprall gegen die englische Infanterie. Eine Minute verging, eine weitere, noch eine. Mir blieb der Atem in der Kehle stecken. Sie wogten hin und her; sie rückten nicht weiter vor; sie wurden aufgehalten. Heiliger Himmel! war's möglich, daß sie wankten? Ein schwarzer Haufe lief die Anhöhe hinunter, dann zwei, dann vier, dann zehn, dann eine große, aufgelöste Masse. Sie wehrten sich noch, hielten wieder Stand, wichen wieder zurück, hielten nochmals Stand, bis sie endlich auseinanderstoben und in wilder Flucht den Hügel hinunter rasten. »Die Garde flieht! Die Garde flieht!« drang es von allen Seiten an mein Ohr. Auf der ganzen Linie wandte sich die Infanterie zur Flucht, und die Artillerie ließ ihre Geschütze im Stich.

»Die alte Garde ist geschlagen! Die Garde retiriert!« schrie ein schreckensbleicher Offizier, der an mir vorbeikam. »Retten Sie sich! Retten Sie sich! Sie sind verloren!« rief mir ein anderer zu. »Retten Sie sich! Retten Sie sich!« Die Mannschaften liefen davon, wie eine ausbrechende Schafherde. Rufen und Schreien erfüllte die Luft. In diesem Moment erblickte mein Auge ein Bild, das mir unvergeßlich ist. Auf der Anhöhe hielt noch ein einzelner Reiter, einsam und verlassen: die letzten roten Strahlen der untergehenden Sonne fielen auf sein Gesicht. So finster, so regungslos erschien er in diesem blutroten Lichte, daß man ihn wahrhaftig für den Kriegsgott hätte halten können, der über das Tal des Schreckens hinwegschaute. Während ich noch hinüberstarrte, hob er hoch den Hut in die Luft, und auf dieses Zeichen flutete, mit einem tiefen Gebrüll wie eine brechende Woge, die ganze englische Armee über ihren Hügel und stürzte hinunter ins Tal. Endlose Reihen Infanterie, ein ganzes Meer von Kavallerie und reitender Artillerie rasten hinunter in unsere geschlagenen, aufgelösten Scharen. Es war vorbei! Ein letztes Schmerzensgeschrei, das Schreien tapferer Männer, die keine Hoffnung mehr sehen, erhob sich von einer Flanke zur anderen; und im Nu war diese ganze berühmte Armee in wildem Schrecken hinweggefegt. Noch jetzt, mes chers amis, kann ich, wie Sie sehen, nicht von diesem furchtbaren Moment sprechen, ohne daß mir die Tränen in die Augen treten, und meine Stimme zittert.

Zuerst wurde ich von diesem wilden Strudel mit fortgerissen wie ein Strohhalm von einem reißenden Wasser. Aber plötzlich, was sah ich da unter den durcheinandergewirrten Regimentern vor mir? – einen Haufen Reiter in silbergrauer Uniform und mitten drin eine zerfetzte, zerschossene Standarte! Die ganze Macht Englands und Preußens hatte die Kraft der Conflansschen Husaren nicht brechen können. Aber als ich zu ihnen stieb und sie betrachtete, blutete mir das Herz. Der Major, sieben Rittmeister und fünfhundert Mann waren auf dem Schlachtfeld geblieben. Der junge Rittmeister Sabbatier hatte die Führung übernommen, und als ich ihn fragte, wo die fünf fehlenden Schwadronen wären, deutete er nach hinten und antwortete: »Die werden Sie um eins jener britischen Karrees 'rum finden.« Mannschaften und Pferde konnten kaum noch japsen, sie waren mit Schweiß und Schmutz bedeckt, und die Zungen hingen ihnen zum Hals heraus: aber es erfüllte mein Herz mit Stolz, als ich sah, wie dieser zersprengte Ueberrest noch im Sattel saß und Ordnung hielt vom jüngsten Trompeter bis zum ältesten Wachtmeister. O, wenn ich die hätte mitnehmen können als Eskorte für den Kaiser! Von den Conflansschen Husaren umgeben, würde er wahrhaftig sicher sein! Aber die Pferde waren zu sehr ermattet, um traben zu können. Ich ritt also voraus und hinterließ den Befehl, sich auf dem Hof St. Aunay zu sammeln, wo wir vor zwei Nächten kampiert hatten. Ich selbst lenkte mein Pferd durch das Gewimmel hindurch, um den Kaiser zu suchen.

Als ich mich durch diese erschreckten Scharen durchdrängte, bekam ich noch Szenen zu sehen, die mir stets in der Erinnerung bleiben werden. In bösen Träumen tauchen sie noch vor mir auf, diese bleichen, starren, schreienden Gesichter, auf die ich damals niederblicken muhte. Im Sieg lernt man die Schrecken des Krieges nicht kennen. Erst in der eisigen Kälte der Niederlage werden sie einem klar. Ich entsinne mich, wie ein alter Grenadier mit durchschossenem Bein an der Seite des Weges lag und schrie: »Kam'raden, Kameraden, gebt auf mein Bein acht!« Aber alle stürmten und stürzten über ihn weg. Vor mir ritt ein Ulanen-Offizier ohne Rock. Ihm war in der Ambulanz eben der Arm abgenommen worden. Der Verband war abgefallen. Es war fürchterlich! Zwei Kanoniere suchten ihr Geschütz durchzufahren. Ein Chasseur legte sein Gewehr an und schoß den einen durch den Kopf. Ich war Zeuge, wie ein Kürassier-Major seine zwei Pistolen aus dem Halfter nahm und zuerst sein Pferd und dann sich selbst erschoß. Etwas abseits von der Chaussee wütete und raste ein Mann in blauer Uniform, er gebärdete sich wie ein Wahnsinniger. Das Gesicht war vom Pulverdampf geschwärzt, die Montur war zerrissen, ein Achselstück fehlte, das andere baumelte ihm über die Brust. Erst als ich ganz nahe an ihn 'ran kam, erkannte ich, daß es der Marschall Ney war. Er fluchte und wetterte über die fliehenden Truppen, seine Stimme klang kaum noch menschlich. Dann hob er den Stumpf seines Säbels hoch – er war drei Zoll über dem Heft abgebrochen. »Kommt und seht, wie ein Marschall von Frankreich sterben kann!« schrie er. Gern würde ich ihm gefolgt sein, aber ich hatte noch eine andere Pflicht zu erfüllen. Wie Ihnen bekannt sein wird, meine Herren, fand er nicht den Tod, den er suchte, sondern starb ein paar Wochen später mit kaltem Blute von den Händen seiner Widersacher.

Ein altes Sprichwort sagt, daß die Franzosen im Angriff mehr sind als Männer, auf der Flucht aber weniger als Weiber. An diesem Tage erfuhr ich, daß es wahr ist. Aber doch sah ich auch Dinge, die ich mit Stolz erzählen kann. Ueber die Felder längs der Straße zogen Cambronnes drei Reserve-Bataillone der Garde. Sie marschierten langsam in einem geschlossenen Viereck, über ihren schwarzen Bärenmützen wehten ihre Fahnen. Um sie herum wüteten die englische Reiterei und die schwarzen Braunschweiger Husaren, eine Abteilung nach der anderen sprengte gegen sie los, prallte donnernd an sie 'ran und zog sich mit schweren Verlusten zurück. Als ich mich zum letztenmal nach ihnen umdrehte, warfen die englischen Kanonen Granaten in ihre Reihen, immer aus sechs Rohren zugleich, und die Infanterie hatte sie von drei Seiten umzingelt und überschüttete sie mit Gewehrsalven: aber trotz alledem, gleich einem stolzen Löwen, an dessen Seiten sich wütende Hunde hängen, marschierte dieser glorreiche Rest der Garde weiter; langsam, zuweilen haltend und die Reihen schließend, verließen sie in Reih und Glied majestätisch das Feld ihrer letzten Schlacht. Hinter ihnen war die Garde-Artillerie mit ihren Zwölf-Pfündern an dem Abhang des Hügels aufgefahren. Jeder Kanonier war auf seinem Posten, aber kein Schuß war zu hören. »Warum feuern Sie nicht?« fragte ich den Oberst, als ich vorbeiritt. »Wir haben kein Pulver mehr.« »Warum ziehen Sie sich dann nicht zurück?« »Unser Anblick soll den Feind noch etwas zurückhalten. Wir müssen dem Kaiser Zeit geben, zu entkommen.« Das waren noch französische Soldaten!

Unter dem Schutz dieser tapferen Männer konnten die anderen etwas zu Atem kommen und setzten ihre Flucht in nicht ganz so verzweifelter Weise fort. Sie waren von der Straße abgebogen, und im Zwielicht konnte ich die furchtsame, zerstreute und erschreckte Menge über das Gelände hindrängen sehen, die flüchtige Menge, die vor zehn Stunden die stolzeste Armee gebildet hatte, die je in eine Schlacht zog! Ich konnte mit meiner großartigen Stute bald aus dem Gedränge 'rauskommen, und gleich hinter Genappes holte ich den Kaiser mit den Trümmern seines Stabes ein. Soult war noch immer bei ihm und ebenso Drouot, Lobau und Bertrand; außerdem befanden sich noch fünf Chasseurs in seiner Umgebung, aber deren Pferde konnten sich kaum noch vorwärts schleppen. Die Nacht brach an, und das verstörte Gesicht des Kaisers erschien mir ganz weiß in dem schwachen Dämmerlicht, als er sich nach mir umdrehte.

»Wer ist das?« fragte er.

»Das ist der Oberst Gerard,« sagte Soult.

»Haben Sie den Marschall Grouchy gesehen?«

»Nein, Sire. Die Preußen waren dazwischen.«

»Es schadet nichts. Jetzt schadet überhaupt nichts mehr. Soult, ich will umkehren.«

Er versuchte sein Pferd umzuwenden, aber Bertrand fuhr ihm in die Zügel. »Ach, Sire,« sagte Soult, »der Feind hat heute schon Glück genug gehabt.« Sie nötigten ihn, zwischen ihnen weiter zu reiten. Schweigend ritt er dahin, den Kopf auf die Brust gesenkt, der Größte und der Traurigste der Menschen. Weit hinter uns donnerten noch unbarmherzig die Kanonen. Manchmal drang durch die Dunkelheit noch Angstgeschrei und Gekreische an unser Ohr, und zuweilen der Schall flüchtiger Hufe. Bei diesem Geräusch gaben wir jedesmal unseren Pferden die Sporen und sprengten in rascherem Tempo weiter. Endlich, nachdem wir lange genug in der Finsternis fortgeritten waren, ging der Mond auf und zeigte uns, daß wir Verfolgte und Verfolger weit hinter uns gelassen hatten. Allmählich erreichten wir die Brücke bei Charleroi, und der neue Tag brach an. Was für gespensterhafte Gestalten erblickten wir in dem kalten, hellen Licht der Morgendämmerung: das Gesicht des Kaisers war blaß und leblos wie Wachs, Soult war vom Pulver geschwärzt, Lobau von Blut befleckt! Doch ritten wir jetzt ruhiger und drehten uns nicht mehr um, denn Waterloo lag mehr als dreißig Meilen hinter uns. In Charleroi hatten wir einen der kaiserlichen Wagen mitgenommen, und am anderen Ufer der Sambre machten wir Halt und stiegen von den Pferden.

Sie werden fragen, meine Freunde, warum ich auf dem ganzen Weg kein Wort von dem gesagt hatte, was mir am meisten am Herzen lag, die Notwendigkeit eines Schutzes für den Kaiser. Tatsächlich hatte ich sowohl mit Soult wie mit Lobau darüber zu sprechen versucht, aber sie waren so überwältigt von dem Unglück des vergangenen Tages und so zerstreut und nur auf die augenblicklichen Bedürfnisse bedacht, daß ich ihnen unmöglich begreiflich machen konnte, wie dringend meine Meldung war. Außerdem hatten wir auf dem ganzen Weg immer zahlreiche französische Flüchtlinge um uns gehabt, und brauchten, so mutlos sie auch waren, doch keine Angst vor dem Angriff von neun Mann zu haben. Aber nun, als wir in der Morgendämmerung um den kaiserlichen Wagen herumstanden, bemerkte ich mit Besorgnis, daß auf der langen, weißen Chaussee hinter uns kein einziger französischer Soldat mehr zu sehen war. Wir hatten alles überholt. Ich schaute mich um, um zu sehen, über was für Verteidigungsmittel wir eigentlich verfügten. Die Pferde der Garde-Chasseurs waren zusammengebrochen, und nur noch einer, ein graubärtiger Wachtmeister, war übrig geblieben. Dann waren noch Soult, Lobau und Bertrand da; aber, bei allem Respekt vor ihren Fähigkeiten, wenn's hart herging, hätte ich einen einzigen Husaren-Unteroffizier lieber an der Seite gehabt, als diese drei zusammengenommen. Dann kamen noch der Kaiser selbst, der Kutscher und ein Kammerdiener hinzu, die in Charleroi zu uns gestoßen waren – im ganzen also acht Mann; aber von diesen acht waren nur zwei kampftüchtige Soldaten, auf die man sich im Notfall verlassen konnte, der Chasseur und ich. Ein Schauer überlief mich, als ich mir überlegte, wie schrecklich hilflos wir waren. In diesem Moment hob ich die Augen auf und sah die neun preußischen Reiter den Berg herunterkommen.

Auf beiden Seiten der Landstraße zieht sich an dieser Stelle offenes, hügeliges Gelände hin, an der einen waren gelbe Kornfelder, an der anderen üppige Wiesen, durch die sich die Sambre hindurchschlängelte. Südlich von uns verlief ein niedriger Höhenzug, über den die Straße nach Frankreich führte. Dieses Weges entlang kam die kleine Reiterschar geritten. Graf Stein hatte seine Weisungen so ausgezeichnet befolgt, daß er einen großen Bogen nach Süden gemacht hatte, um sein Vorhaben, den Kaiser zu fangen, zum Gelingen zu bringen. Nun kam er von der Richtung, in der wir reiten wollten – von wo wir zu allerletzt einen Feind erwartet hätten. Als ich sie erblickte, waren sie noch eine halbe Meile entfernt.

»Sire!« rief ich, »die Preußen!«

Sie fuhren alle zusammen und starrten nach jener Seite. Der Kaiser brach das Schweigen.

»Wer sagt, daß es Preußen sind?«

»Ich sage es, Sire – ich, Etienne Gerard!«

Bei unangenehmen Nachrichten wurde der Kaiser stets wütend gegen den Ueberbringer. Jetzt schimpfte er mit seiner harten, krächzenden korsischen Stimme, die man nur hörte, wenn er die Selbstbeherrschung verloren hatte, auf mich los.

»Sie sind immer 'n Narr gewesen,« schrie er mich an. »Wie kommen Sie dazu, zu behaupten, daß es Preußen sind. Sie Schafskopf? Wie können Preußen von Frankreich herkommen? Sie sind wohl ganz verrückt geworden?«

Seine Worte trafen mich wie ein Peitschenschlag, doch hatten wir alle für den Kaiser das Gefühl, das ein alter treuer Hund für seinen Herrn hat. Seine Tritte sind bald vergessen und vergeben. Ich wollte nicht mit ihm rechten oder meine Behauptung begründen. Gleich beim ersten Blick hatte ich die zwei weißen Vorderfüße des ersten Pferdes wiedererkannt, und ich wußte wohl, daß Graf Stein drauf saß. Einen Moment machten die neun Reiter halt und beobachteten uns. Dann gaben sie ihren Pferden die Sporen und galoppierten mit Triumphgeschrei die Straße 'runter. Sie hatten gesehen, daß die Beute in ihrer Gewalt war.

Infolge dieser raschen Annäherung waren bald alle Zweifel behoben. »Bei Gott, Sire, es sind wahrhaftig die Preußen!« rief Soult. Lobau und Bertrand liefen wie ein paar geängstigte Hühner auf der Straße 'rum. Der Wachtmeister von den Chasseurs stieß die furchtbarsten Flüche aus und zog seinen Säbel. Der Kutscher und der Diener schrien und rangen die Hände. Napoleon stand mit kaltem Gesicht da, den einen Fuß auf dem Wagentritt. Und ich – ah, mes amis, herrlich! Wie soll ich Ihnen meine eigene Haltung in jenem erhabensten Moment meines Lebens in Worten schildern, um sie auch nur annähernd zu beschreiben? So ruhig, so furchtbar kühl, so klar im Kopf und tatbereit und tatenfroh! Er hatte mich einen Schafskopf und Narren genannt. Wie rasch und wie nobel war meine Revanche gekommen! Als ihn sein eigener Witz verließ, war's der Etienne Gerards, der diesen Mangel ausgleichen mußte.

Kämpfen war töricht: fliehen war lächerlich. Der Kaiser war wohlbeleibt und todmüde. Außerdem war er nie ein guter Reiter. Wie konnte er diesen Neun entfliehen, ausgesuchten Leuten aus einer ganzen Armee? Die besten preußischen Reiter befanden sich darunter. Aber ich war der beste französische. Ich, und ich ganz allein, konnte es mit ihnen aufnehmen. Wenn Sie mir statt dem Kaiser auf der Spur wären, dann könnte noch alles gut gehen. Das waren die Gedanken, die mir so rasch durch den Kopf fuhren, daß ich im Augenblick nach der ersten Idee auch schon den Entschluß gefaßt hatte, und im nächsten Moment war ich vom Entschluß bereits zu schnellem energischem Handeln übergegangen. Ich stürzte an die Seite des Kaisers, der wie versteinert zwischen seinem Wagen und seinen Feinden stand. »Ihren Mantel, Sire! Ihren Hut!« rief ich. Ich zog sie ihm 'runter. Nie in seinem Leben hatte er sich so zerren und stoßen lassen. Im Nu hatte ich sie an, und ihn in den Wagen gestoßen. Im Nu saß ich auf seinem berühmten weißen Araber und sprengte los, die kleine Gruppe allein lassend.

Sie haben meinen Plan bereits erraten, Messieurs; aber Sie werden mich fragen, wie ich hoffen konnte, für den Kaiser angesehen zu werden. Meine Figur ist, wie Sie sie noch sehen, und er war nie schön, denn er war klein und dick. Doch die Größe eines Mannes tritt nicht so hervor, wann er im Sattel sitzt, und im übrigen brauchte man sich nur noch vornüber zu beugen, einen Buckel zu machen und sich wie 'n Mehlsack zu halten. Ich hatte den kleinen dreieckigen Hut auf und den weiten grauen Rock an mit dem silbernen Stern, der jedem Kind bekannt war von einem Ende Europas bis zum anderen, und unter mir hatte ich des Kaisers eigenen weißen Araber. Das genügte.

Als ich los ritt, waren die Preußen nur zweihundert Meter von uns entfernt. Ich machte mit den Händen eine Geste des Entsetzens und der Verzweiflung und sprengte über den Straßengraben. Das war genug. Die Preußen stießen zugleich ein Freuden- und Wutgeheul aus, wie hungrige Wölfe, wenn sie die Beute riechen. Ich spornte mein Pferd über den Wiesengrund und guckte, während ich dahinsauste, unter meinem Arm durch nach hinten. O, der glorreiche Moment, als ich hintereinander acht Reiter über den Graben und hinter mir her setzen sah! Nur einer war zurückgeblieben. Ich hörte Kampfgeschrei: da fiel mir der alte Chasseur-Wachtmeister ein, und ich wußte bestimmt, daß Nummer neun uns nicht länger belästigen würde. Die Straße war frei, und der Kaiser konnte ruhig seine Reise fortsetzen.

Nun mußte ich aber auch an mich selbst denken. Wenn mich die Preußen erwischten, würden sie in ihrem Aerger und Zorn sicher kurzen Prozeß mit mir machen. Wenn dieser Fall eintreten sollte – wenn ich mein Leben verlieren sollte, würde ich's immerhin um einen hohen Preis verkauft haben. Aber ich hoffte, sie abzuschütteln. Mit gewöhnlichen Reitern auf gewöhnlichen Pferden würde mir das weiter keine Schwierigkeiten gemacht haben, aber hier hatte ich's mit den besten Rossen und Reitern zu tun. Es war ein wunderbares Tier, das ich unter mir hatte, aber es war müde von dem langen, nächtlichen Ritt, und der Kaiser war einer von den Reitern, die nicht wissen, wie man's einem Pferd leicht macht. Er hatte wenig Mitleid mit Pferden und eine schwere Hand, so daß ihnen das Maul sehr weh tat. Freilich hatten auch Stein und seine Leute eine lange anstrengende Tour hinter sich. Es war ein ebenbürtiges Rennen!

Ich hatte so rasch überlegt und so schnell daraufhin gehandelt, daß ich nicht genügend an meine eigene Rettung gedacht hatte, sonst würde ich selbstverständlich direkt auf der Straße zurückgeritten sein, die wir gekommen waren, denn auf diese Weise würde ich unsere eigenen Leute getroffen haben. Aber ich war von der Chaussee weg und eine Meile über die Wiesen geritten, ehe mir das einfiel. Als ich mich dann umsah, halten die Preußen eine lange Linie gebildet, damit ich die Charleroier Landstraße nicht erreichen könnte. Zurück konnte ich also nicht mehr, aber wenigstens konnte ich mich nach Norden wenden. Ich wußte, daß die ganze Gegend in dieser Richtung von unseren fliehenden Truppen wimmeln, und daß ich früher oder später doch auf sie treffen mußte.

Aber ich hatte eins vergessen – die Sambre. In meiner Aufregung dachte ich ganz und gar nicht dran, bis ich sie sah, tief und breit, im Morgenlicht glänzend. Sie versperrte mir den Weg, und hinter mir heulten die Preußen. Ich sprengte bis ans Ufer, aber das Pferd war nicht weiter zu bringen. Ich gab ihm die Sporen, doch das Ufer war hoch und der Fluß tief. Es prallte zurück, zitterte und schnaufte. Die Triumphschreie wurden mit jedem Augenblick lauter. Ich drehte mich um und galoppierte an der Sambre hin. Sie bildet hier eine Schleife, und ich mußte auf irgendeine Weise hinüberkommen, denn der Rückweg war mir abgeschnitten. Plötzlich durchzuckte mich ein Hoffnungsstrahl. Ich sah ein Haus an meiner Seite des Flusses und ein anderes an der gegenüberliegenden. Wo zwei solche Häuser liegen, ist gewöhnlich auch eine Furt dazwischen. Ein abschüssiger Pfad führte hinunter ins Wasser, und ich spornte mein Pferd. Es ging. Das Wasser reichte bis an den Sattel, rechts und links spritzte der Schaum in die Höhe. Einmal stolperte es, und ich hielt uns für verloren, aber es kam wieder auf die Beine und stürzte im nächsten Moment den anderen Pfad 'nauf. Als wir am anderen Ufer waren, hörte ich, wie der erste Preuße ins Wasser platschte. Jetzt waren wir nur noch um die Breite der Sambre von einander entfernt.

Ich ritt nach der Art Napoleons mit eingezogenem Kopfe, und ich wagte nicht mich umzudrehen, weil ich fürchtete, sie könnten meinen Schnurrbart sehen. Ich hatte den Kragen des grauen Mantels in die Höhe geschlagen, um ihn wenigstens teilweise zu verbergen. Denn auch jetzt konnten sie, wenn sie ihren Irrtum entdeckten, noch umkehren und den Wagen einholen. Aber als wir erst wieder auf der Straße waren, konnte ich an dem Dröhnen des Hufschlags hören, wie weit sie von mir ab waren, und es kam mir vor, als ob er merklich lauter würde, und sie mir langsam näher rückten. Wir ritten den steinigen, ausgefahrenen Weg hinan, der von der Furt ausging. Ich guckte ganz vorsichtig unter meinem Arm durch und merkte, daß mir hauptsächlich von einem einzelnen Reiter Gefahr drohte, der seinen Kameraden weit voraus war. Es war ein Husar, ein sehr zierliches Bürschchen, auf einem großen, starken Rappen, und sein geringes Gewicht hatte ihn an die vorderste Stelle gebracht. Es ist dies ein Ehrenplatz, aber auch ein gefährlicher Platz, wie er bald erfahren sollte. Ich befühlte die Halfter, aber zu meinem Schrecken waren keine Pistolen drin. In der einen steckte ein Feldstecher, und die andere war mit Papieren vollgestopft. Mein Säbel war bei Violetta zurückgeblieben. Hätte ich nur meine Waffen und meine kleine Stute gehabt, dann hätte ich mit den Kerlen schon fertig werden wollen. Doch war ich nicht gänzlich unbewaffnet. Der Säbel des Kaisers hing am Sattel. Er war gekrümmt und ziemlich kurz, der Knauf mit Gold ausgelegt – ein Instrument, das besser als Zierat bei einer Parade als zur Verteidigung für einen Soldaten paßte, der sich in Todesgefahr befand. Ich zog ihn, wie er eben war, und wartete, wie's gehen würde. Der Hufschlag kam mit jedem Augenblick näher. Schon hörte ich das Schnaufen des Pferdes und die Drohrufe des Reiters. Der Weg machte eine Biegung. Als ich jenseits war, riß ich meinen weißen Araber 'rum und befand mich dem preußischen Husaren von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Er ritt zu rasch, um halten zu können, und seine einzige Aussicht bestand darin, mich niederzureiten. Wenn er das getan hätte, würde er zwar selbst den Tod gefunden, aber gleichzeitig auch mich und mein Roß derart verletzt haben, daß mir alle Hoffnung auf weitere Flucht vergangen wäre. Aber der dumme Kerl wich aus, als er mich warten sah und flog rechts an mir vorbei. Ich beugte mich über den Hals meines Arabers und stieß ihm mein Paradeschwert in die Seite. Es muß eine ausgezeichnete Klinge gehabt haben und so scharf wie ein Rasiermesser gewesen sein, denn ich fühlte kaum, wie 's eindrang, und doch war's bis drei Zoll vom Knauf rot von seinem Herzblut. Sein Pferd galoppierte weiter, und er hielt sich noch ungefähr hundert Meter weit im Sattel, bis er vornüber sank und 'runter stürzte. Ich war seinem Pferd gleich auf den Fersen gefolgt: der ganze Zwischenfall, den ich eben erzählt habe, hatte nur ein paar Sekunden in Anspruch genommen.

Ich hörte das Wut- und Rachegeschrei seiner Kameraden, als sie an ihm vorüberkamen, und ich mußte wirklich lächeln, wenn ich dran dachte, für was für einen guten Reiter und Fechter sie den Kaiser halten mußten. Ich blickte mich wieder um, so vorsichtig wie vorher, und sah, daß keiner von den sieben anhielt. Das Schicksal ihres Kameraden wollte nichts bedeuten gegen die Erfüllung ihrer Mission. Sie waren so unermüdlich und unbarmherzig wie Schweißhunde. Aber ich hatte einen guten Vorsprung, und mein braver Araber lief immer noch vorzüglich. Ich wähnte mich schon sicher. Und doch kam in diesem selben Augenblick gerade meine größte Gefahr. Der Weg teilte sich, und ich wählte den schmäleren, weil er mehr Rasen hatte und dadurch den Hufen einen weicheren und bequemeren Untergrund bot. Nun stellen Sie sich meinen Schrecken vor, Messieurs, als ich durch ein Tor geritten war, und mich in einem großen Bauernhof befand, der ringsum durch Stallungen und Häuser geschlossen war, und aus dem's keinen Ausweg gab, als den, auf dem ich eben 'reingekommen war! Ja, meine Freunde, wenn mein Haar jetzt schneeweiß ist, so ist's wahrlich kein Wunder nach dem, was ich durchgemacht habe!

Zurückreiten war ausgeschlossen. Ich hörte die Preußen den Weg hersprengen. Ich sah mich um, und die Natur hat mich mit jenem schnellen Blick ausgestattet, der das erste Erfordernis jedes Soldaten, aber ganz besonders eines Kavallerieführers ist. Zwischen einer langen Reihe Ställe und dem Wohnhaus befand sich eine Einfriedigung für Schweine. Dieser Platz war vorne vier Fuß hoch mit Brettern verschlagen und die Rückwand bildete eine Mauer, die etwas höher war. Was dahinter lag, konnte ich nicht sehen. Der Raum war nur wenige Meter breit. Es war ein verzweifeltes Wagnis, aber ich mußte 's drauf ankommen lassen. Der Hufschlag wurde mit jedem Augenblick stärker, die Feinde stürmten heran. Ich drehte meinen Araber nach dem Schweinestall, er nahm auch den Verschlag sehr schön, kam aber mit den Vorderbeinen auf ein schlafendes Schwein und glitt vornüber auf die Knie. Ich flog über die hintere Mauer und fiel mit den Händen und dem Gesicht auf ein weiches Blumenbeet. Mein Pferd befand sich nun auf der einen Seite der Mauer, und ich auf der anderen, und die Preußen im Hof. Doch ich war sofort wieder auf den Beinen und erfaßte über die Mauer weg den Zügel meines Pferdes. Sie war aus losen Steinen errichtet, so daß ich leicht einige 'rausnehmen und eine Oeffnung machen konnte. Als ich ihm zurief und mit dem Zügel einen Ruck gab, setzte das brave Tier über die Bresche, und im nächsten Moment stand es neben mir, und ich im Steigbügel.

Als ich wieder im Sattel saß, kam mir eine heroische Idee. Die Preußen konnten, falls sie auch den Weg über den Schweinestall wählten, nur einzeln kommen, und ihr Angriff konnte nicht allzu heftig werden, weil sie sich nach dem Sprung nicht erst erholen könnten. Warum sollte ich sie nicht ruhig erwarten und sie, einen nach dem andern, niedermachen, wenn sie über die Mauer kamen? Es war ein großartiger Gedanke. Sie sollten gewahr werden, daß Etienne Gerard nicht bloß ausreißen konnte. Ich griff nach meinem Schwert, aber Sie können sich mein Gefühl vorstellen, mes amis, als ich eine leere Scheide erfaßte. Es war 'rausgefallen, als das Pferd über das verdammte Schwein gestürzt war. Von was für verrückten Kleinigkeiten zuweilen unser Schicksal abhängt – auf der einen Seite ein Schwein, auf der anderen Oberst Gerard! Ueber die Mauer springen und das Schwert holen? Unmöglich! Die Preußen waren schon im Hof. Ich drehte meinen Araber 'rum und setzte wieder meine Flucht fort.

Aber für 'n Moment schien mir's, als ob ich in einer noch viel schlimmeren Falle steckte als vorher. Ich war im Obstgarten, in der Mitte standen Bäume und an den Seiten waren Beete. Der ganze Platz war von einer hohen Mauer eingeschlossen. Ich sagte mir jedoch, daß er irgendeinen Zugang haben müsse, weil doch nicht anzunehmen war, daß jeder Besucher über den Schweinestall springen würde. Ich ritt also um die Mauer 'rum und fand, wie ich erwartet hatte, eine Tür, in der ein Schlüssel steckte. Ich sprang ab, schloß auf und öffnete. Da erblickte ich, kaum sechs Fuß von mir entfernt, einen preußischen Ulanen.

Einen Moment starrten wir einander an. Dann schlug ich die Türe zu und schloß sie wieder ab. Von der anderen Seite des Gartens drang ein Krach und ein Schrei an mein Ohr. Ich merkte, daß einer meiner Feinde bei dem Versuch, über den Schweinestall zu setzen, zu Fall gekommen war und sich Schaden getan hatte. Wie konnte ich aus diesem cul-de-sac 'rauskommen? Offenbar waren einige von der Gesellschaft um das Gehöfte 'rum geritten, während die übrigen direkt meiner Spur nach waren. Hätte ich meinen Säbel gehabt, so hätte ich den Ulanen draußen an der Gartentüre niedermachen können, aber so 'nausreiten, wäre der reine Selbstmord gewesen. Hinwiederum, wenn ich lange zögerte, würden mir sicher einige zu Fuß über den Schweinestall folgen, und was wär's dann? Ich mußte auf der Stelle handeln, sonst war ich verloren. In solchen Augenblicken arbeitet mein Gehirn ungeheuer rasch, und meine Handlungen vollziehen sich am promptesten. Mein Pferd am Zügel führend, lief ich ungefähr hundert Meter an der Mauer entlang, an der Seite hin, wo der Ulan Wache stand. Ich blieb stehen, riß mit aller Kraft und in aller Geschwindigkeit oben auf der Mauer eine Anzahl der losen Steine weg und rannte in größter Hast mit meinem Pferd zurück nach dem Ausgang. Wie ich mir gedacht hatte, glaubte er, ich wollte an jener Stelle ausbrechen, und ich hörte wie er draußen hingaloppierte um mich abzuschneiden. An der Türe schaute ich mich um und erblickte einen Reiter in grüner Uniform, der den Schweinestall hinter sich hatte und wild mit einem Jubelgeschrei durch den Garten sprengte – es war Graf Stein. »Uebergeben Sie sich, Majestät, übergeben Sie sich!« brüllte er mir zu; »wir wollen Ihnen Pardon geben!« Ich sprang durch die Türe, hatte aber keine Zeit, sie von außen zuzuschließen. Stein war mir gerade auf den Fersen, und auch der Ulan hatte bereits sein Pferd wieder umgedreht. Ein Satz, und ich saß auf meinem Araber und sauste wieder los, über eine große weite Wiesenfläche hinweg. Stein mußte absteigen und das Tor aufmachen, sein Pferd durchführen und wieder aufsitzen, ehe er mir nachjagen konnte. Ihn fürchtete ich mehr als den Ulanen, weil dessen Pferd schwerer und müder war. Ich galoppierte über eine Meile weit, ehe ich mich umzusehen wagte; Stein war einen Flintenschuß hinter mir, der Ulan wohl ebensoweit hinter ihm, und von den übrigen konnte ich nur drei erblicken. Meine neun Preußen reduzierten sich so allmählich auf eine geringere Anzahl; immerhin war einer noch zuviel für einen Unbewaffneten.

Es war mir aufgefallen, daß ich auf der ganzen langen Jagd keine Flüchtlinge von unserer Armee bemerkt hatte. Ich schloß daraus, daß ich zu weit westwärts von ihrer Fluchtlinie abgekommen war und mich mehr nach Osten halten mußte, um zu ihnen zu stoßen. Wenn mir das nicht gelang, würden mich meine Verfolger wahrscheinlich in Sicht behalten und, wenn sie selbst mich nicht einholen konnten, doch so weit treiben, bis mir von Norden her ihre Kameraden von vorne den Weg versperrten. Im Osten sah ich in weiter Ferne eine lange Staubwolke, die sich meilenweit durch die Gegend zog. Das war sicher die Hauptstraße, die unsere unglückliche Armee zu ihrer Flucht benutzte. Aber ich bekam bald einen Beweis, daß einzelne Nachzügler auch in die Seitenwege eingebogen waren, denn plötzlich stieß ich auf ein Pferd, das im Gras weidete, und nicht weit davon lag sein Herr, ein französischer Kürassier; er war furchtbar verwundet und augenscheinlich dem Tode nah. Ich sprang ab, ergriff seinen langen, schweren Säbel und ritt damit los. Das Gesicht des armen Teufels, als er mich mit den sterbenden Augen anblickte, werde ich nie vergessen. Es war ein alter Soldat mit grauem Schnurrbart, einer von den alten, echten Fanatikern, dem diese letzte Erscheinung seines Kaisers wie eine höhere Offenbarung vorkam. Staunen, Liebe, Stolz – malten sich auf seinem totenbleichen Gesicht ab. Er sagte etwas – ich fürchte, daß es seine letzten Worte waren – doch ich hatte keine Zeit, ihnen zu lauschen; ich mußte weiter rennen.

Während dieser ganzen Zeit war ich auf Wiesgründen, die von breiten Gräben durchzogen waren. Manche konnten nicht viel weniger als vierzehn bis fünfzehn Fuß breit sein, und mir zitterte jedesmal das Herz, wenn ich drüber setzte, denn ein Fehltritt würde meinen Ruin bedeutet haben. Aber wer's auch gewesen sein mag, der für den Kaiser die Pferde ausgesucht hat, er hatte seine Sache gut gemacht. Mit Ausnahme von jenem Mal an der Sambre, wo es versagt hatte, folgte mir das herrliche Tier ausgezeichnet. Wir nahmen jedes Hindernis mit einem Satz. Und trotzdem konnten wir diese verteufelten Preußen nicht los werden. Als ich über all' die Wassergräben weg war, schaute ich mich mit frischer Hoffnung um; aber auf seinem weißfüßigen Braunen flog Stein mit derselben Leichtigkeit hinter mir drüber weg, wie ich selbst. Er war mein Feind, aber ich mußte ihn hochachten wegen seiner Haltung an diesem Tage.

Wieder und wieder schätzte ich die Entfernung zwischen ihm und dem Nächstfolgenden. Ich dachte dran, kehrt zu machen und ihn, ehe ihm sein Kamerad zu Hilfe kommen könnte, niederzuhauen, wie ich's mit dem Husaren gemacht hatte. Aber die anderen hatten sich auch dazugehalten und waren nicht sehr weit dahinter. Ich überlegte mir auch, daß dieser Stein ein ebenso guter Fechter sein würde, wie er ein Reiter war, und daß es mich etwas Zeit kosten würde, ihn zu überwältigen. In diesem Fall würden ihm aber die übrigen zu Hilfe eilen können, und dann würde ich verloren sein. Alles in allem genommen war's also schlauer, meine Flucht fortzusetzen.

Von Osten nach Westen lief eine Straße durch die Ebene, sie war an beiden Seiten von hohen Pappeln umsäumt. Sie mußte mich nach der Staubwolke führen, die den Rückzug der Franzosen bezeichnete. Ich drehte also mein Pferd um und galoppierte hinunter. Als ich dahinritt, erblickte ich vor mir auf der rechten Seite ein einzelnes Haus mit einem großen Kranz über dem Eingang als Zeichen, daß es ein Wirtshaus war. Draußen standen mehrere Bauern, um die ich mich nicht weiter zu kümmern brauchte. Was mich dagegen erschreckte, war ein roter Rock, woraus ich ersah, daß Engländer dort sein mußten. Doch, ich konnte weder umkehren noch halten, es half also alles nichts, ich mußte weiter und einfach mein Glück versuchen. Ich konnte sonst keine Soldaten bemerken, es konnte sich also nur um irgendwelche Nachzügler oder Marodeure handeln, die ich wenig zu fürchten brauchte. Als ich näher kam, sah ich, daß zwei auf einer Bank vor der Türe saßen und zechten. Ich sah, wie sie aufstanden und taumelten, sie waren offenbar beide betrunken. Einer stand mitten im Weg und schwankte, »'s ist Boney Abkürzung für Bonaparte.! Helft mir, 's ist Boney! « schrie er. Er lief mir mit ausgestreckten Armen entgegen, um mich zu fangen, aber zu seinem Glück stolperte er in seiner Betrunkenheit und fiel der Länge nach mit dem Gesicht auf die Straße. Der andere war gefährlicher. Er war ins Wirtshaus gelaufen, und gerade, als ich vorbeikam, stürzte er mit dem Gewehr in der Hand zur Tür 'raus. Er bückte sich, und ich drückte mich an den Hals meines Pferdes. Ein einzelner Schuß von einem Preußen oder einem Oesterreicher wollte wenig heißen, aber die Briten waren zu jener Zeit die besten Schützen Europas, und mein Betrunkener schien noch ziemlich fest und sicher zu sein, als er das Gewehr im Anschlag hatte. Ich hörte einen Krach, und mein Pferd tat einen furchtbaren Satz, so daß wohl mancher Reiter 'runtergeflogen wäre. Im ersten Moment dachte ich, es wäre totgeschossen, aber als ich mich auf meinem Sattel umdrehte, sah ich, wie ihm am rechten Hinterviertel das Blut hinunterlief. Ich guckte zurück nach dem Engländer; der Kerl biß eben das Ende der zweiten Patrone ab und pfropfte sie in seine Muskete, aber bevor er schußfertig war, waren wir außerhalb seines Bereichs. Es waren Infanteristen, die sich der Verfolgung nicht anschließen konnten, aber ich hörte sie hinter mir her rufen und Hallo schreien, als ob sie auf der Fuchsjagd wären. Auch die Bauern stimmten mit ein, rannten querfeldein und schwangen ihre Stöcke. Von allen Seiten drang Geschrei an mein Ohr, und überall stürzten die drohenden Gestalten meiner Verfolger hinter mir her. Der Gedanke, daß der große Kaiser in der Weise übers Feld gehetzt würde! Ich hätte am liebsten diese Elenden meine Klinge spüren lassen.

Doch ich fühlte, daß ich bald nicht mehr konnte. Ich hatte getan, was ein Mann tun kann – manche sagen sogar mehr – aber endlich war ich an einem Punkt angekommen, von dem ich kein glückliches Entrinnen mehr hoffen konnte. Die Pferde meiner Verfolger waren erschöpft, doch mein's war's auch und noch verwundet dazu. Es blutete so stark, daß wir auf der weißen, staubigen Straße eine rote Fährte hinterließen. Sein Schritt wurde schon matter, und früher oder später mußte es unter mir zusammenbrechen. Ich drehte mich um und erblickte die fünf unvermeidlichen Preußen – Stein war ungefähr hundert Meter voraus, dann kam ein Ulan und dahinter nebeneinander die drei letzten. Stein hatte den Säbel gezogen und schwang ihn gegen mich in der Luft. Ich meinesteils war entschlossen, mich keinesfalls zu ergeben. Ich wollte suchen, möglichst viele von diesen Preußen mit mir hinüberzunehmen in die andere Welt. In diesem erhabenen Moment tauchten alle die großen Taten meines Lebens vor meinem geistigen Auge noch einmal auf, und ich hatte das Gefühl, daß diese, meine letzte, wahrhaftig ein würdiger Schluß einer solchen Laufbahn sei. Mein Tod würde freilich ein schwerer Schlag sein für jene, die mich liebten, für meine Husaren und für die anderen, deren Namen ich verschweigen will. Aber sie alle hatten meine Ehre und meinen Ruhm in ihren Herzen; und ihr Schmerz würde durch den Stolz gemindert sein, den sie empfinden würden, wenn sie erführen, wie ich an diesem letzten Tag geritten wäre und gekämpft hätte. Deshalb tröstete ich mich und, als mein Araber auf seinem lahmen Bein immer mehr und mehr hinkte, zog ich den schweren Säbel, den ich dem Kürassier abgenommen hatte, und machte mich zu meinem letzten und höchsten Kampfe bereit. Ich zog gerade den Zügel an, um kehrt zu machen, weil ich fürchtete, wenn ich noch länger wartete, womöglich zu Fuß gegen fünf Berittene fechten zu müssen. In diesem Augenblick fiel mein Auge auf etwas, das mir wieder Hoffnung einflößte und meiner Brust einen Freudenschrei entrang.

Aus einer kleinen Baumgruppe vor mir ragte der Turm einer Dorfkirche hervor. Es konnte kein anderer sein, als der, welchen ich erst vor zwei Tagen gesehen hatte, es mußte also das Dorf Gosselies sein. Der Turm hatte nämlich, weil an der einen Kante, wahrscheinlich durch Blitzschlag, das Mauerwerk zerstört und 'rausgefallen war, eine sehr charakteristische und phantastische Gestalt, die nicht zu verkennen war. Doch war's nicht die Hoffnung, das Dorf zu erreichen, was mich mit Freude erfüllte, sondern weil ich jetzt wieder wußte, wo ich war, und daß jenes Bauernhaus, dessen Giebel ich keine Viertelstunde weit durch die Bäume schimmern sah, das Gehöft St. Aunay sein mutzte, wo wir gelegen hatten, und das ich dem Rittmeister Sabbatier als Rendez-vous der Conflansschen Husaren bezeichnet hatte. Dort waren sie also, meine flinken Jungen, wenn ich sie nur erreichen konnte! Mit jedem Sprung wurde mein armes Tier matter. Mit jedem Augenblick kamen meine Verfolger näher. Schon hörte ich dicht hinter mir eine Salve germanischer Flüche, schon pfiff mir eine Karabinerkugel am Ohr vorbei. Wie toll spornte ich meinen Araber und schlug mit dem flachen Säbel auf ihn ein, um sein Tempo auf der Höhe zu halten. Das offene Hoftor war vor mir. Ich sah das Blinken der Waffen drin. Als ich durchdonnerte, war Stein keine zehn Meter mehr von mir entfernt. »Herbei, Kameraden! Herbei!« rief ich mit mächtiger Stimme. Ich hörte ein Summen, als wenn die emsigen Bienen aus ihrem Korb ausschwärmen. Dann stürzte mein herrlicher Araber tot unter mir zusammen, und ich fiel aufs Pflaster, womit meine Erinnerung aufhört.

Das war meine letzte und berühmteste Tat, mes chers amis, eine Tat, die in ganz Europa bekannt wurde, und den Namen Etienne Gerard im Buch der Geschichte unauslöschlich gemacht hat. Ach! daß alle meine Anstrengungen dem Kaiser nur wenige Wochen länger die Freiheit erhalten haben, weil er sich am 15. Juli den Engländern ergab! Doch, es war nicht meine Schuld, daß er nicht imstande war, die Kräfte zu sammeln, die in Frankreich noch seiner warteten, um ein zweites Waterloo zu liefern, mit einem glücklicheren Ausgang. Wenn andere so ergeben gewesen wären wie ich, so würde die Weltgeschichte eine andere Wendung genommen, der Kaiser seinen Thron behalten, und ein Soldat wie ich nicht nötig haben, sein Leben mit Kohlpflanzen hinzubringen, oder sich in seinen alten Tagen mit Geschichtenerzählen in einem Café die Zeit zu vertreiben. Sie wollen wissen, meine Herren, was aus Stein und den preußischen Reitern geworden ist? Von den dreien, die zurückgeblieben waren, weiß ich nichts. Einer ist, wie Sie sich entsinnen werden, durch meine Hand gefallen. Dann waren's also noch fünf. Drei davon sind von meinen Husaren niedergemacht worden, die, im Augenblick, wirklich unter dem Eindruck gestanden hatten, den Kaiser zu verteidigen. Stein wurde leicht verwundet und gefangen genommen, ebenso einer von den Ulanen. Wir sagten ihnen die Wahrheit nicht, weil wir's für besser hielten, keinerlei Nachrichten über den Aufenthalt des Kaisers in die Oeffentlichkeit dringen zu lassen. Stein lebte also immer noch in dem Glauben, daß er bis auf ein paar Meter dran war, den furchtbaren Fang zu machen. »Ich kann jetzt wohl begreifen, daß Ihr Eueren Kaiser liebt und verehrt,« sagte er eines Tages, »denn einen solchen Reiter und Fechter habe ich nie gesehen.« Er wußte nicht, warum der junge Husarenoberst bei seinen Worten so herzhaft lachte – aber er hat es später erfahren.

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