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Die Abenteuer des Brigadiers Gerard. Zweiter Band

Arthur Conan Doyle: Die Abenteuer des Brigadiers Gerard. Zweiter Band - Kapitel 7
Quellenangabe
authorArthur Conan Doyle
titleDie Abenteuer des Brigadiers Gerard. Zweiter Band
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
yearo.J.
translatorR. Lautenbach u. Luise Schroeter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161108
projectidba9b0783
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Wie der Brigadier vom Teufel versucht wurde.

Der Frühling ist ins Land gezogen, liebe Freunde. Schon haben sich die Kastanien mit Kerzen geschmückt, und die Cafétische sind hinaus in den warmen Sonnenschein gerückt worden. Ja, es mag sehr angenehm sein, dort zu sitzen, und doch möchte ich meine Erzählung nicht gern der ganzen Stadt preisgeben. Bisher sind Sie mir auf meinen Wanderungen als Leutnant, als Offizier einer Schwadron, als Oberst, als Brigadechef gefolgt, nun aber tritt in meiner Person die Weltgeschichte selbst vor Sie hin.

Wenn Sie von den letzten Jahren des Kaisers gelesen haben, von jener Zeit, die er auf Sankt Helena verbrachte, da werden Sie sich erinnern, daß er immer und immer flehentlich um die Erlaubnis bat, einen einzigen Brief absenden zu dürfen, ohne daß er von seinen Hütern geöffnet würde. Sein Wunsch blieb unerfüllt, ja selbst dann, als er sich bereit erklärte, dagegen für seinen eigenen Unterhalt sorgen zu wollen, um so die britische Regierung der Ausgabe für ihn zu entheben. Die Wächter kannten eben den korpulenten, bleichen Herrn im Strohhut nur zu gut, um auf seine Vorschläge einzugehen. Man hat sich oft den Kopf zerbrochen über die Person, der er so wichtige Geheimnisse mitzuteilen haben konnte; war es seine Gattin, sein Schwiegervater, der Kaiser Alexander, der Marschall Soult? Wie aber nun, wenn Sie hören, daß ich es war, ja, ich, der Brigadier Etienne Gerard, an den der Kaiser zu schreiben wünschte! Meine Stellung im Leben ist heutzutage allerdings nur eine ganz bescheidene: wie könnte es auch, bei den 100 Frcs. monatlicher Pension, die mich eben nur vor dem Hunger schützen, anders sein? Aber trotzdem kann ich mich rühmen, daß mein Kaiser mich bis zu seinem letzten Atemzuge nicht vergessen hat, daß er seine linke Hand geopfert haben würde, hätte er mich nur fünf Minuten für sich allein haben können. Ich will Ihnen anvertrauen, wie die Dinge lagen.

Es war nach der Schlacht bei Fère Champenoise. Die Konskribierten in ihren blauen Blusen und Holzschuhen hatten tapfer standgehalten, aber die Weitsichtigeren unter uns sahen doch, daß alles verloren war. Man hatte uns unsre Munition weggenommen, und was konnten uns stumme Flinten und Kanonen nützen? Aber auch die Kavallerie war in einem jämmerlichen Zustande, hatte sich doch meine eigene Brigade bei Craonne aufgelöst. Zu alledem kam noch die Nachricht, daß der Feind in Paris war, daß die Bürger die weiße Fahne gehißt hatten, und endlich – oh, traurige Kunde – daß Marmont mit seinem Heere zu den Bourbonen übergegangen war. Da blickten wir einander an und fragten uns, wie viele Generäle wohl noch unserer Sache abtrünnig werden würden. Waren es doch bereits Jourdan, Marmont, Murat, Bernadotte und Jomini – zwar aus dem letzteren machte sich niemand viel, denn seine Feder war schärfer als sein Schwert. Bisher hatten wir uns unterfangen, mit Europa Krieg zu führen, und o weh, jetzt hatte es den Anschein, als ob auch noch halb Frankreich gegen uns sein würde.

Wir waren in Eilmärschen nach Fontainebleau marschiert und hatten dort die armseligen Trümmer unsrer Truppen zusammengezogen. Aber wenn wir uns auch alle vereinigten, Ney, mein Vetter Gerard, Macdonald – mehr als 30 000 Mann konnten wir nicht mehr ins Feld bringen. Doch wir hatten unsern Ruf, der 50 000 weitere aufwog, und hatten unseren Kaiser – abermals 50 000 dazu! Der letztere war immer unter uns, immer heiter lächelnd und guten Mutes, nahm sein Prischen und spielte mit der kleinen Reitpeitsche. Nicht bei seinem größten Siege ist er mir bewundernswerter erschienen, als bei dieser Campagne in Frankreich selbst.

Nun, eines Abends saß ich mit einigen Offizieren bei einem Glase Wein – nicht vom besten, meine Freunde, denn die Zeiten waren damals schlimm für uns. Plötzlich kam ein Bote von Berthier, der mich zu sehen wünschte. Mit Ihrer Erlaubnis werde ich, so oft ich von meinen alten Kriegskameraden rede, alle jene vornehmen Titel weglassen, welche ihnen während der Kriegsjahre zugefallen waren. Dergleichen hohe Namen mögen ja bei Hofe ganz gut sein, aber im Lager hörte man überhaupt nichts davon, denn wie hätten wir unsern Ney, Rapp oder auch unsern Soult fallen lassen können? Hatten doch diese Namen einen Klang, der uns durch und durch ging, gleich der Trompete, die zur Reveille bläst! Also Berthier ließ mich holen.

Er bewohnte eine Reihe Zimmer nicht weit von denen des Kaisers; als ich in das Vorzimmer trat, fand ich schon zwei Männer vor, die mir wohlbekannt waren – Oberst Despienne, von den Linientruppen, und Hauptmann Tremeau, von den Jägern, beides alte, erprobte Soldaten. Allerdings war Tremeau nun schon ein wenig steif, hatte er doch bereits in Aegypten die Flinte getragen, aber Despienne konnte jedermann noch als Vorbild dienen. Denken Sie sich einen Burschen, drei Zoll unter der richtigen Größe eines Mannes – er war genau um drei Zoll kleiner als ich – aber in Hieb und Stich kam er mir beinahe an Gewandtheit gleich. Was Wunder, daß wir etwas in der Luft witterten, als wir fanden, daß man drei Männer von unsern Eigenschaften zu gleicher Zeit in dasselbe Zimmer geführt hatte? Man kann doch nicht den Salat neben seinen Zutaten erblicken, ohne einen fertigen Salat zu vermuten?

»Potz Blitz!« rief Tremeau in seiner abrupten Weise, »wollen uns wohl drei Bourbonen über den Hals schicken?«

Das war kein übler Gedanke; jedenfalls würde man in der ganzen Armee keine drei Männer gefunden haben, die sich besser für ein derartiges Geschäft geeignet hätten.

»Der Fürst von Neufchâtel wünscht, mit dem Brigadier Gerard zu sprechen,« meldete jetzt ein Diener. Ich stieg davon und die ungeduldigen Blicke meiner Gefährten geleiteten mich.

Ein kleines, jedoch sehr prächtig ausgestattetes Gemach nahm mich auf. Berthier saß an einem Tische; er hatte einen Bleistift in der Hand und ein offnes Notizbuch vor sich. Wie hatte sich der Mann verändert! Ehemals pflegte er die Mode in der Armee anzugeben und hatte uns ärmere Offiziere oft bald zur Verzweiflung gebracht, wenn er in diesem Feldzuge seine Uniform mit Pelz, im nächsten mit grauem Astrachan besetzt hatte. Heute dagegen trugen seine Züge einen müden, sorgenvollen Ausdruck, seine Kleidung zeugte von einer großen Gleichgültigkeit gegen seine äußere Erscheinung. Als ich eintrat, schaute er von seinem Buche auf, und der Blick, womit er mich begrüßte, hatte etwas Lauerndes, Mißvergnügtes.

»Brigadechef Gerard?«

»Zu Diensten, Hoheit.«

»Ich muß Sie vor allen Dingen bitten, mir Ihr Ehrenwort als Mann und Soldat zu geben, daß alles, was jetzt zwischen uns vorgeht, jeder dritten Person ein Geheimnis bleibt.«

Der Tausend, ein netter Anfang; aber was blieb mir übrig, als seiner Aufforderung nachzukommen?

»So wissen Sie denn,« begann er, »daß es mit dem Kaiser aus ist.« Er hatte den Kopf gesenkt und sprach so langsam, als ob sich die Worte nur mühsam seiner Brust entringen könnten. »Jourdan in Rouen und Marmont in Paris sind zur weißen Kokarde übergetreten, Talleyrand hat Ney zu dem gleichen Schritte beredet. Es liegt ganz klar auf der Hand, daß jeder weitere Widerstand vergebens ist, daß er nur Elend auf unser Land häuft. Und nun möchte ich Ihnen die Frage vorlegen, ob Sie willens sind, mit mir Hand an den Kaiser zu legen, ihn den Verbündeten zu überliefern und so fernerem Kriege ein Ende zu machen?«

Dieses schändliche Ansinnen setzte mich dermaßen in Erstaunen, daß ich zu keiner Antwort fähig war. Was sollte denn das heißen? Dieser Mann da vor mir war doch des Kaisers ältester Freund, er hatte mehr Gunstbezeigungen von seinem Herrn empfangen, als irgend ein anderer! Er aber klopfte mit dem Bleistift an seine Zähne, schielte mich von der Seite an und fragte nach einer Weile: »Nun?«

»Ich bin auf dem einen Ohre etwas taub, es gibt Dinge, die ich absolut nicht verstehen kann, und Sie erlauben mir daher wohl, zu meinem Dienst zurückzukehren.«

Er stand auf und legte die Hand auf meine Schulter. »Seien Sie doch nicht so hartköpfig. Sie wissen ja, daß der Senat gegen Napoleon ist, und auch der Kaiser Alexander will nicht mehr mit ihm verhandeln.«

Da wurde ich aber hitzig. »Mein Herr,« rief ich, »merken Sie sich, daß ich weder nach dem Senat noch nach dem Kaiser Alexander einen Pfifferling frage.«

»So?« sprach er gedehnt, »nach wem fragen Sie denn?«

»Nach meiner eigenen Ehre und nach dem Dienste meines gnädigsten Herrn, des Kaisers Napoleon.«

»Das ist ja alles ganz schön,« entgegnete er mürrisch, die Schultern zuckend, »aber Tatsachen bleiben doch Tatsachen, und ein kluger Mann rechnet damit. Wollen wir uns gegen den Willen der ganzen Nation auflehnen? Wollen wir zu allem Unglück auch noch einen Bürgerkrieg heraufbeschwören? Ueberdies ist unser Heer zusammengeschmolzen, und jede Stunde bringt Kunde von neuen Ueberläufern. Jetzt ist's noch Zeit: es liegt in unsrer Hand, Frieden zu machen, und außerdem sind wir der höchsten Belohnung sicher, wenn wir den Kaiser ausliefern.«

Jetzt bebte ich so vor Wut, daß mir der Säbel gegen die Beine schlug. »Monsieur,« rief ich, »daß ich den Tag erleben muß, wo ein Marschall von Frankreich sich so tief erniedrigt! Finden Sie sich mit Ihrem eigenen Gewissen ab; ich aber schwöre hiermit, daß das Schwert eines Etienne Gerard so lange zwischen dem Kaiser und seinen Feinden stehen soll, bis er selbst mich von meiner Pflicht entbindet!«

Meine Worte und die Stellung, die ich dabei eingenommen, bewegten mich so, daß mir die Stimme versagte, und ich fast in Tränen ausgebrochen wäre. Ach, hätte mich doch die ganze Armee in dem Moment sehen können, wo ich, die Hand auf dem Herzen, meine Ergebenheit für den bedrängten Kaiser kundgab. Fürwahr, einer der erhabensten Augenblicke meines Lebens!

»Gut!« sagte der Marschall, indem er nach dem Lakai klingelte. »Führen Sie den Herrn Brigadechef Gerard in den Salon!«

Der Mann geleitete mich in ein benachbartes Zimmer und hieß mich Platz nehmen. Ich aber hegte keinen größeren Wunsch, als von hier fortzukommen und konnte garnicht begreifen, warum man mich noch zurückhielt. Wenn man einen ganzen langen Feldzug hindurch genötigt gewesen ist, immer dieselbe Uniform zu tragen, dann fühlt man sich in einem Palast nicht heimisch.

Nachdem ich eine Viertelstunde so gesessen hatte, tat sich die Tür abermals auf, und der Oberst Despienne wurde hereingelassen. Mein Gott, wie sah der Mann aus! Sein Gesicht weiß wie die Gamaschen eines Leibgardisten, die Augen weit herausgetreten, die Adern an seiner Stirn angeschwollen, während sich die Haare seines Bartes sträubten wie das Fell einer zornigen Katze. Reden konnte er nicht – nein, dazu war er zu wütend – aber er stieß gurgelnde Laute hervor, die mir wie »Mörder! Viper!« klangen, und ballte die Hände.

Natürlich merkte ich sofort, daß man ihm den gleichen Vorschlag gemacht hatte, wie mir, und daß er sich ganz so, wie ich selbst, dazu gestellt hatte. Nun waren zwar unsre Lippen durch unser Versprechen versiegelt, aber ich durfte doch »Scheußlich! Unerhört!« vor mich hinbrummen, so daß er wenigstens sah, ich war derselben Meinung, wie er.

Während er noch so mit langen Schritten das Zimmer durchmaß, und ich in meiner Ecke zustimmende Laute von mir gab, erhob sich plötzlich in dem Gemach, das wir kürzlich verlassen, ein seltsamer Lärm – fast klang es wie das Knurren eines bissigen Hundes, der etwas gepackt hat. Drauf ein Krach, und eine Stimme, welche um Hilfe rief. Wir stürzten schnell hinein, und mon Dieu, wir kamen nicht zu früh.

Der alte Tremeau und Berthier wälzten sich unter dem umgefallenen Tische auf dem Boden. Die gelbe, knöcherne Hand des Hauptmanns hatte den Marschall am Halse gepackt, und des letzteren Gesicht war bereits ganz verfärbt, seine Augen weit aus ihren Höhlen getreten. Tremeau aber war fast von Sinnen vor Wut; der Schaum stand ihm vor dem Munde, und seine Züge trugen einen Ausdruck, der mich erschreckte. Ja, ich bin der festen Ueberzeugung, hätten wir seine Finger nicht einzeln von ihrem Opfer losgelöst, sie hätten nicht abgelassen, bis der Marschall den letzten Atemzug getan. Nun stand er auf und schrie: »Der Teufel hat mich in Versuchung geführt, ja, ja, der Teufel hat mich in Versuchung geführt!«

Berthier lehnte sich an die Wand, hielt sich den Hals und wendete den Kopf vor Schmerzen hin und her.

Nachdem so einige Minuten verstrichen waren, wurde der schwere, blaue Vorhang hinter Berthiers Stuhl zur Seite geschoben – und der Kaiser trat hervor. Wie der Blitz stellten wir drei alten Soldaten uns auf, um zu salutieren, und doch wußten wir nicht, ob wir wachten oder träumten, und wagten nicht, unsren Augen zu trauen. Napoleon trug die grüne Uniform der Jäger und hatte die kleine Reitgerte mit dem silbernen Knopf in der Hand. Er blickte uns der Reihe nach mit jenem furchtbaren Lächeln an, an welchem weder die Augen noch die Stirn Teil hatten – und jeden von uns überrieselte wohl bei diesem Anblick ein kleiner Schauer. Dann schritt er zu Berthier hinüber und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Zürnen Sie diesen Schlägen nicht, lieber Fürst, sie ehren Sie.« Jetzt hatte sein ganzes Wesen etwas unendlich Sanftes und Einschmeichelndes an sich. Habe ich doch niemand gekannt, der unsrer Sprache einen so bestrickenden Wohllaut verleihen konnte, aber auch niemand wiederum, in dessen Munde sie härter und schrecklicher geklungen hätte.

»Ich glaube, er würde mich getötet haben!« klagte Berthier, immer noch den Kopf hin- und herwiegend.

»Nein, ich wäre Ihnen schon zur Hilfe gekommen, wenn diese Offiziere Sie nicht gehört hätten. Hoffentlich sind Sie nicht ernstlich verletzt!«

In diesen Worten lag ein Ton der Besorgnis; denn er hatte Berthier wirklich gern, lieber vielleicht, als irgend einen anderen, ausgenommen wohl meinen armen Freund Duroc.

Berthier lachte gezwungen auf.

»'s war mir etwas Neues, Beleidigungen von der Hand eines Franzosen zu empfangen.«

»Und doch geschah es im Dienste Frankreichs,« begütigte der Kaiser. Nun wendete er sich zu uns und faßte den alten Tremeau am Ohr. »Eh, alter Brummbär,« sagte er zu ihm, »sind doch mit mir in Aegypten gewesen und haben sich bei Marengo Ihr Ehrenschwert geholt! Ja, ja, lieber Freund, kenne Sie recht wohl! So, so, der alte Krater ist also noch nicht ausgebrannt, da loderts noch auf, wenn man meint, dem Kaiser geschieht unrecht! Sie aber, Oberst Despienne, ließen den Versucher nicht einmal ausreden, und meines Gerards treues Schwert will auf ewig zwischen mich und meine Feinde treten? Nun, wir haben letzthin der Verräter genug kennengelernt, aber heute habe ich gesehen, daß auch noch treue Herzen für mich schlagen.«

Ein unbeschreibliches Gefühl von Wonne durchrieselte uns, als wir den größten Mann der Welt so zu uns sprechen hörten. Tremeau zitterte so sehr, daß ich fürchtete, er möchte umfallen, und die Tränen rannen ihm in den großen Bart hernieder. Ja, wer es nicht mit eignen Augen gesehen hat, kann sich keinen Begriff von dem Einfluß machen, den der Kaiser auf diese alten, rauhen Veteranen ausübte.

»Nun, meine Getreuen,« sprach der Kaiser, »wenn Sie mir jetzt in dieses Zimmer folgen wollen, will ich Sie über den Zweck der kleinen Komödie, die wir mit Ihnen gespielt, aufklären. Sie, Berthier, bleiben wohl indes hier und sorgen, daß uns niemand stört.«

Das Ding war uns neu. Der Kaiser wollte uns in seine Pläne einweihen, während ein französischer Marschall an der Tür Schildwache stand! Aber wir folgten dem Kaiser in eine tiefe Fensterbrüstung, er stellte sich vor uns hin, und seine Stimme sank zum Flüstern herab.

»Meine Wahl ist auf Sie gefallen, weil Sie nicht nur die tüchtigsten, sondern auch die treuesten Soldaten in meiner ganzen Armee sind. Ich war fest überzeugt, daß keiner von Ihnen je in seiner Ergebenheit gegen mich wanken würde. Wenn ich trotzdem gewagt habe, Sie auf die Probe zu stellen, so geschah es nur, weil ich in diesen Tagen, wo mein eigen Fleisch und Blut den schwärzesten Verrat an mir geübt, doppelt vorsichtig sein muß. Seien Sie versichert, mein Vertrauen in Sie ist, nach dem, was ich in dieser Stunde erfahren, über jeden Zweifel erhaben.«

»Bis in den Tod getreu, Sire!« rief Tremeau, und wir andern stimmten bei.

Napoleon hieß uns noch näher herantreten und sprach nun so leise, daß seine Worte nur eben von uns vernommen werden konnten.

»Was Sie jetzt erfahren, weiß kein Mensch, ja, nicht einmal meine Gattin und meine Brüder. 's ist aus mit uns, meine Freunde, das Spiel ist zu Ende, und wir haben verloren.«

Als ich ihn so reden hörte, da wurde mir das Herz in der Brust schwer wie ein Neunpfünder. Trotz unsrer verzweifelten Lage hatten wir bis jetzt immer noch zu hoffen gewagt; nun aber verkündeten die Lippen des Mannes, der bei allen Wechselfällen immer noch seine heitere Ruhe bewahrt, der immer neue Hilfsmittel zu schaffen verstanden, daß die schwarzen Wetterwolken sich um uns zugezogen, daß nicht der schwächste Hoffnungsschimmer uns noch leuchtete. Tremeau fuhr grollend an seinen Säbel, und Despienne knirschte wütend mit den Zähnen, während ich mich in Positur stellte und die Hacken zusammenklappte, damit der Kaiser sah, es gab noch Leute, die Mißgeschick zu nehmen wußten.

»Es ist von der größten Wichtigkeit, daß meine Papiere und mein Geld in Sicherheit gebracht werden,« fuhr der Kaiser flüsternd fort. »Der Erfolg eines neuen Unternehmens und meine ganze Zukunft hängen davon ab. Diese Bourbonen werden bald genug einsehen, daß mein Fußschemel zu groß ist, um einen Thron für sie abzugeben. Wo aber diese wichtigen Dinge, die mir mehr wert sind, als mein Leben, aufbewahren? Mein Eigentum und die Häuser meiner Anhänger wird man natürlich durchsuchen. Deshalb brauche ich eben Männer, auf die ich mich verlassen kann, und auf Sie ist meine Wahl gefallen. Vor allem sollen Sie hören, worin diese Papiere bestehen, denn Sie dürfen nicht blinde Werkzeuge in dieser heiligen Sache sein. Es sind die amtlichen Urkunden meiner Trennung von Josephine, meiner rechtskräftigen Ehe mit Marie Luise und der Geburt des Königs von Rom. Höchst wichtige Dokumente, meine Herren, mit deren Verlust die Ansprüche meiner Familie auf den Thron Frankreichs erloschen sein würden. Außerdem handelt es sich noch um Wertpapiere im Betrag von beiläufig 40 Millionen Franks – auch ein ganz hübsches Sümmchen, aber verschwindend klein gegen den Wert jener Urkunden. Begreifen Sie jetzt die ungeheure Wichtigkeit Ihrer Aufgabe? Jetzt lassen Sie sich sagen, wo Sie diese Papiere finden werden und was Sie damit zu tun haben:

»Sie sind heute morgen meiner treuen Freundin, der Gräfin Walewski in Paris, eingehändigt worden, und diese fährt damit um 5 Uhr in ihrer blauen Reisekalesche von dort nach Fontainebleau, so daß sie gegen 10 hier eintreffen muß. Die Papiere sind in ihrem Wagen verborgen, aber das Versteck kennt niemand, außer ihr selbst. Man hat sie bereits in Kenntnis gesetzt, daß drei berittene Offiziere sie vor der Stadt anhalten werden, und sie wird Ihnen das Paket ohne weitere Umstände übergeben. Sie, Gerard, sind zwar der Jüngste, haben aber den höchsten Rang, und deshalb vertraue ich Ihnen diesen Amethystring an: ihn mögen Sie der Dame zur Beglaubigung Ihrer Mission vorzeigen und dann, als Empfangsbescheinigung für die Papiere, überlassen.

»Mit diesen Dokumenten reiten Sie in den Wald hinein, bis an das verfallene Borkenhäuschen. Möglich, daß ich selbst Sie dort erwarte; sollten sich mir indes Schwierigkeiten in den Weg stellen, so sende ich meinen Leibdiener Mustapha, dessen Weisungen Sie als meinen eigenen nachkommen mögen. Das Häuschen ist ohne Dach, und wir haben heute Vollmond. Rechts an der Wand werden Sie drei Spaten lehnen sehen; graben Sie damit ein drei Fuß tiefes Loch in der nordwestlichen Ecke – also in der Ecke, links von der Tür, nach Fontainebleau zu. Sie bergen diese Papiere drin, bringen alles wieder sorgfältig in Ordnung und erstatten mir dann hier Bericht.«

So lauteten des Kaisers Befehle für uns, die er mit der ihm im hohen Grade eignen Genauigkeit und Ausführlichkeit erteilte. Als er geendet, ließ er uns schwören, das Geheimnis zu wahren, so lange er lebte, und so lange die Papiere dort verborgen sein würden, und entließ uns nicht, bis wir wiederholt jenen Eid geleistet.

Oberst Despienne hatte in der »Krone« Quartier genommen, und dort speisten wir nun zu Abend. Wenn wir drei auch nachgerade gelernt hatten, die merkwürdigsten Ereignisse und Aufträge als einen Teil unsres Lebens zu betrachten, so versetzte uns doch diese seltsame Unterhaltung und das Abenteuer, das vor uns lag, in die größte Aufregung. Mir war es ja nichts Neues, Befehle direkt aus dem Munde des Kaisers zu empfangen – aber was war mein Renkontre mit den Brüdern von Ajaccio, sowie mein berühmter Ritt nach Paris im Vergleich zur Bedeutung dieser Mission gewesen?

»Wenn das Ding glückt,« bemerkte Despienne, »so winkt uns allen noch der Marschallshut und -stab.«

Das schien uns plausibel, und wir stießen auf unsre zukünftige Größe an.

Um das Aufsehen und das Gerede zu vermeiden, welches voraussichtlich entstehen würde, wenn man drei so wohlbekannte Männer zusammen zur Stadt hinausreiten sah, beschlossen wir, uns einzeln nach einem Versammlungsort, und zwar dem ersten Meilenstein auf der Straße nach Paris, zu begeben. Nun hatte Violetta an jenem Morgen ein Hufeisen verloren, und der Hufschmied war noch mit ihr beschäftigt, als ich zurückkam, so daß meine Kameraden vor mir an dem Ort unsres Rendez-vous eintrafen. Ich hatte meinen Säbel mitgenommen, aber außerdem noch ein Paar prächtiger, englischer Pistolen; 150 Franks hatten mich die Waffen bei Trouvel, Rue de Rivoli, gekostet, aber es war nicht zu teuer gewesen. Es waren dieselben, mit denen ich in der Schlacht bei Leipzig dem alten Bouvet das Leben gerettet.

Ein sternenklarer Himmel wölbte sich an jenem Abend über uns, und der Mond schien so hell hinter uns drein, daß uns immer drei schwarze Schatten auf der Landstraße voranritten. Weit sehen konnten wir vor den vielen Bäumen allerdings nicht, und so oft wir auch lauschten, immer noch war von der Gräfin nichts zu hören, obgleich die große Uhr auf dem Schlosse bereits 10 geschlagen hatte.

Schon begannen wir zu fürchten, daß ihr etwas zugestoßen sein möchte, als wir in der Ferne das schwache Rollen eines Wagens und das Aufschlagen von Pferdehufen vernahmen. Das Geräusch wurde lauter und lauter, bis endlich ein Paar gelbe Lichter um die Biegung kamen, bei deren Schein wir ein Paar große, braune Rosse erblickten, welche eine hohe, blaue Karosse in scharfem Trabe hinter sich herzogen. Der Kutscher brachte knapp vor uns das schaumbedeckte, schnaubende Gespann zum Stehen, und augenblicklich standen wir salutierend am Fenster. Ein schönes, blasses Gesicht schaute uns an.

»Wir sind jene drei Offiziere des Kaisers, Madame,« sagte ich, mich an das offene Fenster niederbiegend, mit leiser Stimme. »Sie sind bereits benachrichtigt worden, daß wir Ihnen hier unsre Aufwartung machen würden.«

Das zarte, blasse Gesicht der Gräfin wurde kreideweiß, und ihre Züge nahmen einen harten Ausdruck an, als sie uns der Reihe nach forschend anschaute, um endlich zu bemerken: »Ich sehe, daß Sie alle drei Betrüger sind.«

Ein Schlag von ihrer schlanken, weißen Hand hätte mich nicht mehr verwunden können, als diese Worte, und der bittere Ton, mit welchem sie sprach.

»Madame,« sagte ich, »Sie lassen uns wenig Gerechtigkeit widerfahren. Hier Oberst Despienne und Hauptmann Tremeau. Ich bin der Brigadier Gerard, und dieser Name spricht doch wohl für sich selbst.«

»Oh, Sie Bösewichter,« klagte sie, »Sie meinen, weil ich nur ein schwaches Weib bin, werde es Ihnen ein Leichtes sein, mich hinters Licht zu führen. Oh, Sie elende Betrüger!«

Ich warf Despienne einen Blick zu – der war vor Schrecken erbleicht, während Tremeau seinen Bart wütend bearbeitete. Nun wendete ich mich abermals der Dame zu und sagte in sachlichem Tone: »Madame, als wir die Ehre hatten, vom Kaiser mit dieser Mission betraut zu werden, da händigte er mir diesen Amethystring als Ausweis ein. Ich hätte nicht geglaubt, daß drei Männer von Ehre einer solchen Bestätigung bedürften, aber wie ich sehe, kann ich Ihren unwürdigen Verdacht nur widerlegen, indem ich diesen Ring in Ihre Hände überliefere.«

Sie hielt ihn prüfend gegen das Licht der Laterne, und Kummer und Entsetzen sprachen aus ihren Zügen.

»'s ist sein Ring, 's ist sein Ring!« wehklagte sie. »Oh, mein Gott, mein Gott, was habe ich getan!«

Ich sah, daß etwas Schreckliches vorgefallen sein mußte und drängte: »Schnell, schnell, Madame, geben Sie uns das Paket!«

»Ich habe es schon hergegeben!«

»Schon hergegeben? Wem denn?«

»Drei Offizieren!«

»Wann?«

»Vor einer halben Stunde etwa.«

»Wo sind sie?«

»Bei Gott, ich weiß es nicht. Sie hielten meinen Wagen an, und ich gab ihnen das Paket ohne Bedenken, denn ich meinte, der Kaiser habe sie geschickt.«

Diese Nachricht traf uns wie ein Donnerschlag; aber dergleichen Momente bilden auch den Glanzpunkt meines Lebens. »Bleiben Sie hier,« sagte ich zu meinen Gefährten, »und wenn drei Reiter vorbeikommen, so halten Sie sie auf, komme, was da wolle! Ich bin sogleich zurück!« Nun jagte ich mit Violetta nach Fontainebleau hinein, sprang vor dem Palast ab, stürmte die Treppen hinan, stieß die Lakaien, welche mich aufhalten wollten, zurück und stürzte in das Arbeitszimmer des Kaisers.

Bleistift und Zirkel in der Hand, saß Napoleon mit Macdonald vor einer großen Karte und blickte bei meinem hastigen Eintritt unwillig auf, wechselte aber, sobald er meiner ansichtig wurde, die Farbe. »Lassen Sie uns allein, Marschall,« sagte er, und dann zu mir gewendet: »Was ist's mit den Papieren?«

»Fort, Sire!« antwortete ich und erzählte in wenig Worten den Vorgang.

»Gerard, Sie müssen sie wiederschaffen, es gilt die Zukunft meiner Dynastie! Schnell, schnell, zu Pferd!«

»Wer ist's, Sire?«

»Ich kann's nicht sagen; bin ich doch auf allen Seiten von Verrätern umgeben! Aber eins weiß ich: man wird sie nach Paris bringen und zu wem wohl sonst, als zu dem Schurken Talleyrand? Ja, ja, die Räuber reiten auf Paris zu; vielleicht gelingt es Ihnen, sie einzuholen. Nehmen Sie meine drei besten Pferde, und –«

Ich hörte nichts weiter, denn ich klapperte schon die Treppe hinunter. Keine fünf Minuten waren verstrichen, da galoppierte ich auf Violetta zur Stadt hinaus, in jeder Hand die Zügel eines arabischen Pferdes aus dem Marstall des Kaisers. Ich sollte durchaus drei nehmen, aber wie hätte ich Violetta je wieder in die Augen blicken können? Es muß ein großartiges Schauspiel gewesen sein, als ich so im hellen Mondlicht auf meine Kameraden zusprengte und meine Rosse so plötzlich halten ließ, daß sie kerzengerade in die Luft stiegen.

»Niemand vorbei?«

»Niemand!«

»Dann sind sie bereits auf Paris zu! Schnell, aufgesessen und ihnen nach!«

Die mutigen Soldaten ließen sich das nicht zweimal sagen; wie der Blitz schwangen sie sich auf des Kaisers Pferde und ließen ihre eigenen am Wegrande zurück. Nun ging's wie der Sturmwind dahin – ich in der Mitte, Despienne zu meiner Rechten, und Tremeau, als der Schwerste von uns, ein wenig zurück. Der Tausend, wie flogen wir dahin! Laut dröhnend schlugen die zwölf Hufe auf der festen, ebenen Straße auf; Meile um Meile nichts als schwarze Schatten und Streifen silbernen Mondenscheins; vor uns unsre eigenen Schatten, hinter uns dichte Staubwolken. Wir hörten, wie in den Hütten, an denen wir vorüberdonnerten, knarrend Riegel zurückgeschoben und Fensterläden aufgerissen wurden, aber ehe die Leute sich recht besinnen konnten, waren wir schon weit davon.

Es war schon Mitternacht, als wir nach Corbail hineinrasten, aber doch bemerkten wir einen Stallburschen, welcher, zwei Eimer in den Händen, nach Wasser ging.

»Drei Reiter?« keuchte ich ihn an, »durchgeritten?«

»Hab' eben ihre Pferde getränkt; sollte meinen –«

»Weiter, weiter, meine Freunde!« Und fort ging's, daß das Pflaster Funken sprühte. Ein Gendarm wollte uns anhalten, aber seine Stimme verhallte in dem Gerassel und Geklapper. Jetzt lag die Häuserreihe hinter uns, und wir befanden uns wieder auf der Landstraße und wußten, daß wenigstens 20 Meilen uns noch von Paris trennten. Wie hätten die frechen Räuber uns entkommen können, uns, auf den besten Pferden in Frankreich? Alle drei noch vollkommen frisch, aber Violetta immer den anderen um Kopfeslänge voraus.

»Dort, dort!« rief plötzlich Despienne.

»Wir haben sie!« schnarrte Tremeau.

»Vorwärts, Kameraden, vorwärts!« spornte ich an.

Weit vor uns sprengten auf der fast taghell erleuchteten Straße drei Reiter dahin, die Köpfe tief auf die Hälse ihrer Pferde geneigt. Mit jeder Minute rückten wir ihnen näher, trat ihr Bild schärfer vor unser Auge. Jetzt sah man schon ganz deutlich, daß die Reiter zu beiden Seiten in Mäntel gehüllt waren und Braune ritten, während der in der Mitte die Uniform der Jäger trug und einen Schimmel hatte. Die drei ritten zwar nebeneinander, aber es war unschwer zu sehen, daß das Tier in der Mitte das frischeste war. Sein Herr mochte wohl der Führer sein, denn er drehte sich von Zeit zu Zeit um, wie um die Entfernung zwischen uns zu messen.

Je näher wir kamen, desto klarer traten die Züge des Mannes hervor, und als wir den Staub von ihnen zu schlucken bekamen, da vermochte ich, ihm sogar seinen Namen zu geben.

»Halt, Oberst de Montluc, Halt! Im Namen des Kaisers!«

Ich kannte den kühnen Offizier, aber charakterlosen Menschen schon seit Jahren, und seitdem er meinen Freund Treville bei Warschau erschossen, hatte er es gehörig bei mir auf dem Kerbholz; munkelte man doch, sein Finger sei am Drücker geschäftig gewesen, bevor noch das Tuch zu Boden gefallen.

Kaum war jener Zuruf meinem Munde entflohen, so wendeten sich zwei der Männer gegen uns und feuerten ihre Pistolen auf uns ab. Despienne stieß einen entsetzlichen Schrei aus, und in demselben Augenblick zielten wir beide, Tremeau und ich, auf denselben Mann; er wankte, und seine beiden Arme fielen schlaff an den Seiten seines Pferdes nieder. Sein Gefährte sprengte auf Tremeau los, und ich hörte noch, wie ein starker Hieb von einem noch stärkeren pariert wurde, nahm mir aber nicht die Zeit, meinen Kopf nach der Seite zu wenden, sondern gab Violetta zum erstenmal die Sporen und flog dem Führer nach. Der Umstand, daß er seine Kameraden im Stich ließ und das Weite suchte, versetzte mich in die Notwendigkeit, ebenfalls die meinigen zu verlassen und ihn zu verfolgen.

Die paar hundert Schritt Vorsprung, welche er hatte, glich meine kleine, gute Violetta aus, ehe wir noch am zweiten Meilenstein vorübergeflogen waren. Mochte er sein Pferd peitschen und antreiben, wie der Artillerist, welcher auf aufgeweichtem Wege mit seinem schweren Geschütz vorwärts kommen muß – es half ihm alles nichts, die Hufschläge hinter ihm dröhnten doch lauter und immer lauter an sein Ohr. Jetzt flog ihm durch die rasche Bewegung der Hut davon, er jagte weiter, und sein kahler Kopf schimmerte hell im Mondlicht. Nun lagen kaum noch 50 Schritt zwischen ihm und mir, schon berührten sich unsre beiden Schatten – da wandte er sich plötzlich im Sattel um, stieß einen Fluch aus und feuerte beide Pistolen auf Violetta ab.

Ich selbst bin so oft verwundet worden, daß ich mich besinnen muß, wie oft es denn nun eigentlich gewesen ist. Flinte und Pistole, Bombe, Bajonett, Lanze, Säbel – alles hat sich an mir versucht, ja, sogar einmal ein Spitzbohrer, und das letztere war das Schmerzvollste von allem. Was war aber das alles im Vergleich zu dem Schmerz, der mich durchbohrte, als diese arme, stumme, geduldige Kreatur unter mir wankte und strauchelte? Ja, in diesem Augenblick kannte meine Wut keine Grenzen; ich riß das zweite Pistol aus der Halfter und schoß den Kerl gerade zwischen seine breiten Schultern. Erst meinte ich, das Ziel verfehlt zu haben, denn er peitschte wütend auf die Flanken seines Pferdes los, bald aber gewahrte ich, wie das rote Blut seine grüne Jägeruniform färbte, wie er im Sattel zu wanken begann und endlich niedersank. Ein Fuß blieb im Steigbügel hängen, und das ermüdete Pferd schleppte ihn noch etliche Schritte weiter, bis meine Hand endlich den schaumbespritzten Zügel ergriff und das Tier zum Stehen brachte. Nun gab auch der Steigbügel nach, und der Körper fiel schwer zur Erde.

»Die Papiere her!« rief ich, schnell aus dem Sattel springend, »schnell, her damit!«

Ich hatte gut schreien; als ich mich zu dem Manne niederbeugte, bemerkte ich, daß das Leben den Körper schon verlassen hatte. Meine Kugel hatte sein Herz durchbohrt, und nur sein eiserner Wille hatte ihn so lange im Sattel aufrecht gehalten. Wie er sich das Leben nicht leicht gemacht, so ergab er sich auch dem Tode nur schwer.

Aber die Papiere, die Papiere, wo mochten die sein! Ich knöpfte seinen Waffenrock auf, ich durchsuchte sein Hemd, unterwarf Halfter und Säbeltasche einer genauen Prüfung, ja, schließlich zog ich ihm sogar noch die Stiefel aus, forschte unter dem Sattel nach, ließ nicht das kleinste Eckchen unbesehen – alles umsonst. Die Papiere waren eben nicht da.

Das war ein harter Schlag! War es ein Wunder, daß die Verzweiflung die Oberhand in mir gewinnen wollte? Schien doch das Schicksal selbst gegen mich zu sein, und das ist ein Feind, welchen auch ein tapfrer Soldat fürchten darf, ohne erröten zu müssen. Den Arm am Halse meiner armen, verwundeten Violetta stand ich da und sann und sann. Daß der Kaiser keine besondere Meinung von meiner Geschicklichkeit hatte, war mir längst klar geworden; ach, daß ich ihm doch den Beweis liefern könnte, wie unrecht er damit getan! Montluc hatte die Papiere nicht – soviel war ganz sicher. Aber er hatte ja doch seine Gefährten im Stich gelassen, um zu entfliehen; wie reimte sich das zusammen? Nun, wenn er sie nicht hatte, so waren sie jedenfalls im Besitz eines seiner Kameraden. Der eine von ihnen war gewiß tot, und wenn der andere Tremeaus Hieben entronnen war, mußte er an mir vorüberkommen. Das alles unterlag keinem Zweifel – und demnach mußte meine Aufgabe hinter mir liegen.

Ich lud meine Pistolen wieder, steckte sie in die Halfter zurück und machte mich nun daran, meine kleine Mähre zu untersuchen. Das brave Tier schüttelte dabei den Kopf und spitzte die Ohren, als ob sie sagen wolle: »Was macht sich denn so'n alter Soldat, wie ich, aus so'n Paar Rissen!« Und allerdings hatte der erste Schuß auch nur ihre Schulter gestreift und eine unbedeutende Hautabschürfung hinterlassen, während der zweite schon etwas derber gekommen war, indem er eine Muskel ihres Halses durchdrungen hatte – aber die Wunde hatte bereits wieder aufgehört zu bluten. Sollte es ihr zu viel werden, so konnte ich ja immer noch Montlucs Schimmel besteigen – dachte ich und führte ihn einstweilen neben mir her, denn das schöne Tier war unter Brüdern seine 1500 Franks wert, und wer hatte wohl ein größeres Anrecht darauf als ich?

Nun brannte ich vor Ungeduld, wieder zu den andern zu kommen und hatte eben Violetta die Zügel schießen lassen, als mein Auge auf etwas Glänzendes am Wege fiel. Das war ja der Hut, der Montluc bei seinem eiligen Ritt vom Kopfe geflogen war! Ich stutzte. Doch eigentlich recht sonderbar, daß dieser Hut mit seinem schweren Zierat von Metall dem Träger nicht einfach vom Kopfe gefallen war! Der lag ja wenigstens seine 15 Schritt vom Wege entfernt im Felde drin! Nun, natürlich hatte ihn der Eigentümer von sich geworfen, als ich ihm so nahe auf den Leib gerückt war. Aber warum denn das? Weiter kam ich in meiner logischen Betrachtung nicht; ich sprang vom Pferde, während mein Herz Sturmlauf markierte.

Ja, ja, ganz recht, diesmal hatte ich's getroffen! Triumphierend zog ich die Rolle aus dem Hut hervor und führte dann sofort im Mondlicht einen Freudentanz auf freiem Felde auf. Endlich einmal ein Beweis für den Kaiser, daß er recht daran tat, seine Aufträge dem Brigadier Gerard anzuvertrauen!

Auf der Innenseite meines Waffenrockes befindet sich eine kleine, geheime Tasche, in welcher ich dies und das aufbewahre, was meinem Herzen teuer ist, und hier barg ich auch meinen kostbaren Fund. Dann schwang ich mich auf Violetta und jagte eilig dahin, um nach Tremeau zu sehen, als ich in der Ferne einen Mann querfeldein reiten sah. Zu gleicher Zeit aber hörte ich vor mir das Getrappel von Pferdehufen und erblickte den Kaiser, der auf seinem weißen Schlachtrosse, im grauen Ueberrock und kleinen Hütchen, wie ich ihn so oft schon auf dem Schlachtfelde gesehen, auf mich zukam.

»Nun, wo sind die Papiere?« rief er in dem scharfen, kurzen Ton eines Feldwebels, der zu einem Rekruten spricht.

Ich sprengte vorwärts und überreichte sie ihm ohne ein Wort. Er öffnete die Rolle und unterzog den Inhalt einer flüchtigen Prüfung. Und dann geschah etwas Wunderbares: der Kaiser schlang seinen linken Arm um mich, und seine Hand ruhte auf meiner Schulter. Ja, meine Freunde, Sie sehen heute in mir nur einen einfachen Mann in bescheidnen Verhältnissen, aber doch einen Mann, welchen sein hoher Herr selbst einst umarmt hat!

»Gerard,« rief er aus, »Sie sind ein Teufelskerl!«

Es lag nicht in meiner Absicht, ihm darin zu widersprechen, und es erfüllte mich mit großer Genugtuung, daß er mir nun endlich Gerechtigkeit widerfahren ließ.

»Wo ist der Dieb, Gerard?« fragte er.

»Tot, Sire!«

»Haben Sie ihn getötet?«

»Er verwundete mein Pferd, Sire, und würde entkommen sein, wenn ich ihn nicht erschossen hätte.«

»Haben Sie ihn erkannt?«

»De Montluc, Sire, Oberst bei den Jägern.«

»Pah, damit ist nicht viel gewonnen; die Hand, welche die Fäden lenkt, hat immer noch freies Spiel.« Sein Kinn war tief auf die Brust herabgesunken, und so saß er eine Weile schweigend da. »Oh, Talleyrand, Talleyrand,« hörte ich ihn murmeln, »warum habe ich dich nicht wie eine Viper zertreten, als es noch in meiner Macht lag! Fünf Jahre lang hab ich dich durchschaut, und du hast mich ungehindert stechen dürfen!«

Plötzlich wendete er sich mir mit den Worten zu: »Sie sind ein wackrer Mann, Gerard: wenn der Tag der Abrechnung kommt, sollen Sie ebensowenig vergessen sein, wie meine Feinde.«

Ich hatte indes Zeit gehabt, mir die ganze Geschichte auch zu überlegen und sprach nun zu dem Kaiser:

»Sire, ich hoffe, Sie legen die Schuld nicht mir und meinen Gefährten bei, daß Ihre Absicht mit diesen Papieren zu den Ohren Ihrer Feinde gekommen ist.«

»Das läßt sich durchaus nicht annehmen,« war die Antwort, »denn dieser Anschlag ist in Paris geschmiedet worden, Sie aber haben Ihre Befehle erst vor wenigen Stunden in Fontainebleau empfangen.«

»Aber wie –«

»Lassen Sie das sein!« fiel er ein, »darüber zu reden kommt Ihnen nicht zu.«

Das war so ganz des Kaisers Art. Zuweilen konnte er mit jemand wie ein Freund oder Bruder reden, und wenn man nun für einen Augenblick die Kluft vergaß, die zwischen beiden lag, so brachte er den Unvorsichtigen mit einem Wort, einem Blick wieder zur Besinnung. Ich muß oft an den Kaiser denken, wenn ich meinen alten Hund streichele, bis er sich einige kleine Freiheiten herausnimmt, so daß ich ihn wieder zur Räson bringen muß.

Nun wendete er sein Pferd, und ich folgte ihm anfangs schweigend und schweren Herzens; aber als er jetzt wieder zu reden anfing, ließ ich schnell alle meine eigenen Kümmernisse fallen. »Konnte keinen Schlaf finden, bis ich wußte, was aus Ihnen geworden war,« sprach er. »Meine Papiere sind mich teuer zu stehen gekommen – zwei alte Soldaten in einer Nacht!«

Als ich das hörte, überrieselte es mich kalt.

»Oberst Despienne wurde erschossen, Sire.«

»Und der Hauptmann Tremeau niedergehauen. Wäre ich nur einige Minuten früher gekommen, so hätte ich ihn retten können.«

Da fiel mir der Reiter ein, der querfeldein gesprengt war, ehe ich den Kaiser getroffen. Hätte ich das nur früher gewußt, und wäre Violetta unverwundet gewesen, mein alter Waffenbruder wäre sicher gerächt worden! Wie mochte das nur gekommen sein? Waren vielleicht seine steifen Glieder daran schuld gewesen? Der Kaiser riß mich aus meinen Gedanken.

»Ja, ja, Brigadier, Sie sind nun noch der einzige, der um diese Papiere weiß!«

Fast wollte es mich dünken, als ob diese Worte nicht gerade in einem Tone des Bedauerns geäußert würden. Aber das war gewiß nur eine ganz unbegründete Einbildung von mir, worüber ich mich innerlich tüchtig zur Rede setzte, als er jetzt fortfuhr: »Ja, habe meine Papiere teuer erkauft, treue Diener, treue Diener!«

Unterdessen waren wir an der Stelle angelangt, wo der Kampf stattgefunden hatte. Despienne und der Mann, den wir erschossen hatten, lagen nebeneinander am Wege, während ihre Pferde friedlich beisammen grasten. Der Hauptmann Tremeau lag etwas abseits auf dem Rücken, und seine Hand umklammerte noch den zerbrochenen Säbel. Napoleon sprang vom Pferde und beugte sich über ihn.

»Er ist seit Rivoli bei mir gewesen; der alte Brummbär hat schon den Feldzug in Aegypten mitgemacht.«

Der Klang dieser Stimme rief den Mann von den Toten zurück. Ich sah, wie seine Augenlider zitterten, wie er mit dem Arme zuckte und den Griff des Säbels ein ganz klein wenig bewegte, wie um ihn zum Salut zu erheben. Dann öffnete sich der Mund, und der Säbel fiel klirrend zu Boden.

»Möchte unser Ende ebenso ruhmvoll sein!« sprach der Kaiser, worauf ich »Amen« sagte.

Keine hundert Schritt entfernt stand ein Bauernhäuschen am Wege. Der Bauer war durch den Hufschlag und die Schüsse aus dem Schlaf aufgeschreckt worden und stand nun stumm vor Staunen und Entsetzen da. Ihm überließen wir die Sorge für die vier Toten und vertrauten ihm auch die Pferde an. Auch Violetta blieb in seinem Schutz zurück, während ich Montlucs Schimmel bestieg; ich mußte doch ihre Wunden bedenken, da wir immer noch einen langen Ritt vor uns hatten.

Eine Zeitlang ritt der Kaiser schweigend neben mir her; wahrscheinlich lastete der Verlust der wackeren Männer zu schwer auf seiner Seele. Er war ja überhaupt ein schweigsamer Mann, unser Napoleon, und jetzt, wo jede Stunde fast ihm Kunde von neuen Enttäuschungen brachte, konnte man es ihm nicht verargen, wenn er kein fröhlicher Geselle war. Aber so ganz zufrieden war ich damals doch nicht mit ihm. War er doch nun wieder im Besitz seiner geliebten Papiere – ich bemerkte ganz deutlich, wie seine Hand immer und immer wieder liebkosend über sie hinstrich – er wußte auch recht wohl, wem er sie zu verdanken hatte, und doch nahm er nicht die geringste Notiz von mir. Endlich schien es ihm selbst zum Bewußtsein zu kommen, denn als wir die Landstraße verließen und in den Wald einbogen, wendete er sich zu mir und begann nun von dem zu sprechen, was mich so lange schon beschäftigt hatte.

»Wie ich Ihnen bereits gesagt, weiß niemand außer Ihnen und mir, wo diese Papiere verborgen sein werden, auch nicht mein Mameluck, der auf meinen Befehl die Spaten nach dem Häuschen gebracht hat. Den Plan, die Papiere aus Paris zu entfernen, habe ich zwar schon seit Montag gefaßt; drei Personen waren in das Geheimnis gezogen worden – eine Frau und zwei Männer. Für die Treue der ersteren stehe ich mit meinem eigenen Leben ein; wer von den Männern der Verräter gewesen ist, weiß ich bis jetzt nicht, ich denke aber, ich werde es ans Licht bringen können.«

Ich konnte jetzt seine Züge nicht erkennen, aber ich hörte, wie er fortwährend mit der Reitpeitsche an die Stiefelschäfte schlug und Prise um Prise nahm – ein Zeichen bei ihm, daß er sich in großer Aufregung befand. Abermals eine Pause, dann fuhr er fort:

»Es wundert Sie wohl, warum man den Wagen nicht direkt vor Paris angehalten hat, statt hier so nahe an Fontainebleau?«

Um offen zu reden, hatte ich mir nun darüber gar keine Gedanken gemacht, aber wozu ihn in seiner guten Meinung von mir irre machen?

»In der Tat, Sire, sehr befremdend!«

»War ganz klug von ihm eingefädelt, ganz klug. Der Alte wollte um jeden Preis alles Aufsehen vermeiden, um ja ganz sicher zu gehen. Hätten ja den Wagen gänzlich auseinanderlegen müssen, um die Papiere zu finden! Ja, ja, sehr gut geplant, konnte von jeher gut planen – hatte auch seine Männer gut gewählt, aber die meinigen waren noch besser!«

Es ist jetzt nicht an der Zeit, liebe Freunde, Ihnen alles zu erzählen, was der Kaiser damals zu mir sagte, als wir so langsam durch den dichten Wald und über mondbestrahlte Halden dahinritten. Aber mein Herz hat jene Worte in treuem Gedenken bewahrt, und ehe ich von hinnen scheide, möchte ich alle meine Erinnerungen aufzeichnen, um sie künftigen Geschlechtern zu überliefern. Er sprach viel von vergangnen Tagen, berührte aber auch die Zukunft; gedachte des treuen Macdonald, des abtrünnigen Marmont, des kleinen Königs von Rom, dem er mit derselben Zärtlichkeit zugetan war, wie irgend ein Vater seinem heißgeliebten, einzigen Kinde. Endlich erwähnte er auch noch seinen Schwiegervater, den Kaiser von Oesterreich, der, wie er hoffte, zwischen ihn und seine Feinde treten würde. Ich aber ritt stumm nebenher, denn der Gedanke an jene Zurechtweisung verschloß mir den Mund; aber glaubt mir, ich konnte kaum meinen Sinnen trauen, daß mein großer Kaiser so an meiner Seite ritt und mir, einem einfachen Soldaten, all seine Hoffnungen und Wünsche, seine Sorgen und Kümmernisse anvertraute. Möglich, daß ihm eine solche offene Aussprache nach dem Zwange des Hof- und Staatslebens das Herz erleichterte.

Auf diese Weise waren wir an dem Borkenhäuschen angelangt; wir stiegen ab und traten durch die verfallene Tür. Da lehnten die drei Spaten an der Wand, und als meine Blicke darauf fielen, schossen mir die Tränen in die Augen, denn ich gedachte der Hände, für die sie bestimmt gewesen.

Der Kaiser trieb zur Eile: »Schnell, schnell, die Dämmerung naht!« ergriff eins der Werkzeuge und bedeutete mir, das gleiche zu tun. Wir gruben ein Loch, legten die Rolle, nachdem wir sie zuvor zum Schutz gegen Feuchtigkeit in eine meiner wasserdichten Pistolenhalfter gesteckt hatten, hinein und bedeckten sie mit Erde. Alsdann brachten wir den Boden wieder sorgfältig in Ordnung und legten einen Stein auf die Stelle. Ich zweifle, ob des Kaisers Hände so fleißig gearbeitet, seit er ein junger Kanonier in Toulon war. Wir waren mit unsrer Arbeit noch lange nicht zu Ende, da trocknete er sich schon mit dem seidenen Tuche die Stirn.

Als wir das Häuschen verließen, stahl sich der erste, kalte Strahl des anbrechenden Morgens durch die Bäume des Waldes. Ich trat hurtig an des Kaisers Pferd heran, bereit, ihm aufsteigen zu helfen, als er, seine Hand auf meine Schulter legend, mit feierlicher Stimme zu mir sagte:

»Gerard, wir kehren jetzt ohne diese Papiere zurück; lassen Sie jede Erinnerung daran mit ihnen begraben sein, lassen Sie sie erst dann wieder auferstehen, wenn Sie von meiner eigenen Hand den Befehl dazu erhalten. Vergessen Sie von jetzt an alles, was hier vor sich gegangen ist!«

»Ich vergesse, Sire!«

Vor der Stadt gebot er mir, ihn zu verlassen; ich salutierte und war eben im Begriff, davonzureiten, als er mich zurückrief.

»Ich bin mir im Augenblick über die Himmelsgegenden nicht ganz klar; will es Ihnen nicht vorkommen, als hätten wir sie in der nordöstlichen Ecke vergraben?«

»Was vergraben, Sire?«

»Nun, die Papiere natürlich!« rief er ungeduldig.

»Was für Papiere, Sire?«

»Nun, zum Kuckuck, die Papiere, welche Sie mir wiedergeschafft haben!«

»Ich weiß beim besten Willen nicht, wovon Eure Majestät reden.«

Jetzt stieg ihm die Zornesröte ins Gesicht; aber plötzlich lachte er laut auf. »Bravo, Brigadier, es will mir scheinen, Sie sind als Diplomat und als Soldat gleich groß, und ein solches Lob können Sie sich schon gefallen lassen.«

Das war das seltsame Abenteuer; das mich zum Freund und Vertrauten des Kaisers machte. Nach seiner Rückkehr von der Insel Elba ließ er jene Papiere ruhig in ihrem Versteck, da er seine Lage noch nicht für hinreichend sicher hielt, und auch nach seiner Verbannung nach St. Helena blieben sie in der Ecke des alten Häuschens. Während seiner letzten Lebensjahre aber hätte er sie gern im Besitz seiner treuen Anhänger gesehen und schrieb auch, wie ich später erfuhr, drei Briefe an mich, die aber sämtlich von seinen Hütern mit Beschlag belegt wurden. So kam es, daß bei seinem Tode, im Jahre 1821, immer noch kein Befehl von seiner Hand an mich ergangen war. Nun würde ich Ihnen zwar noch sehr gern erzählen, wie Graf Bertrand und ich sie wieder ans Tageslicht beförderten, und in wessen Besitz sie jetzt sind, aber das Ende ist noch nicht gekommen.

Doch der Tag naht, wo Ihnen Kunde von diesen Papieren werden wird, und dann werden Sie sehen, wie der große Mann, wenn ihn auch längst schon die Erde deckt, immer noch Europa in Bewegung versetzen kann. Und wenn jener Tag kommt, dann weihen Sie auch Etienne Gerard ein freundliches Gedenken; erzählen Sie Ihren Kindern, daß Sie den seltsamen Kauz gekannt haben, daß Sie von seinen eignen Lippen gehört, welch' wichtige Rolle er bei jenen merkwürdigen Ereignissen gespielt – wie ihn der Marschall Berthier in Versuchung geführt, wie er den schlimmen Räuber auf dem Wege nach Paris verfolgt, wie der Kaiser ihn umarmt und mit ihm durch den Wald von Fontainebleau geritten ist.

Der Frühling ist ins Land gezogen, liebe Freunde; die Vögel singen, und die Knospen erschließen sich. Sie haben gewiß jetzt Besseres im Sonnenschein zu tun, als den Erzählungen eines alten, morschen Soldaten zu lauschen. Seien Sie versichert, daß noch mancher Lenz die Erde mit seiner Pracht überschütten wird, ehe Frankreich wieder einen Herrscher findet, wie der Mann war, dessen Diener gewesen zu sein uns ewig mit Stolz und Freude erfüllen wird.

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