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Die Abenteuer des Brigadiers Gerard. Zweiter Band

Arthur Conan Doyle: Die Abenteuer des Brigadiers Gerard. Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
authorArthur Conan Doyle
titleDie Abenteuer des Brigadiers Gerard. Zweiter Band
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
yearo.J.
translatorR. Lautenbach u. Luise Schroeter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161108
projectidba9b0783
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Wie der Brigadier nach Minsk ritt.

Heute abend brauche ich einen schweren Wein, mes amis, eher einen Burgunder als einen Bordeaux. Mein Herz, das alte Soldatenherz, ist traurig in meiner Brust. Das Alter ist ein sonderbares Ding, es kommt, und man weiß nicht wie, man begreift's nicht; der Geist ist immer derselbe, und man wird nicht gewahr, daß der arme Körper schwach wird. Aber manchmal kommt's einem doch zum Bewußtsein, manchmal wird's einem plötzlich klar, und man merkt, was man war, und was man noch ist. Ja, ja, so ging mir's heut auch, und ich muß heute abend eine Flasche Burgunder trinken, weißen Burgunder – Montrachet!

Ich war heute früh auf dem Champ de Mars. Pardon, mes amis, verzeihen Sie, daß ein alter Mann sein Leid erzählt. Sie werden die Revue gesehen haben. War sie nicht großartig? Ich gehörte zu den alten Offizieren, die ausgezeichnet worden sind. Dies Band auf meiner Brust war mein Passeport. Das Kreuz bewahre ich zu Haus in einem Lederetui auf. Man hat uns geehrt, denn wir wurden in der Nähe des Kaisers aufgestellt, und die Hofequipagen standen zu unserer Rechten.

Es sind Jahre her, seitdem ich bei keiner Revue mehr gewesen bin, denn ich kann manches nicht gut heißen, was ich gesehen habe. Ich kann z. B. nicht billigen, daß die Infanterie rote Hosen trägt. Die Infanterie hat stets in weißen Hosen gefochten. Rot ist die Farbe der Kavallerie. Wenn's so fortgeht, wird sie auch bald unsere Tschakos und unsere Sporen haben wollen! Wenn ich zu den Revuen gegangen wäre, so würde es geheißen haben, daß ich, Etienne Gerard, so was gebilligt hätte. Deshalb bin ich weggeblieben. Aber jetzt vor dem Krim-Feldzug ist's eine andere Sache. Die Leute ziehen jetzt in den Krieg, und da bin ich nicht der Mann, der fehlt, wann tapfere Soldaten Abschied nehmen.

Wahrhaftig, sie marschieren fein, diese kleinen Infanteristen! Sie sind nicht sehr groß und stark, aber sie sehen kräftig aus und halten sich gut. Ich nahm den Hut ab, als sie vorbeizogen. Dann kam die Artillerie. Sie hatte gute Geschütze, flotte Pferde und stramme Leute. Darauf folgten die Genietruppen, vor denen ich auch den Hut abnahm. Es gibt keine braveren Leute als diese Truppengattung. Endlich ritt die Kavallerie vorüber, die Lanciers, die Kürassiere, die Chasseurs und die Spahis. Vor diesen allen konnte ich den Hut ziehen, nur nicht vor den Spahis Spahis, Bezeichnung der in Algerien und Tunis garnisonierenden Eingeborenen-Reiterregimenter.. Der Kaiser hatte keine Spahis. Aber als sie alle vorbei waren, was meinen Sie, Messieurs, was zum Schluß noch kam? Eine Brigade Husaren stürmte vorbei! Oh, mes amis, dieser Stolz und dieser Ruhm und diese Pracht, das Blitzen und Funkeln, der Hufschlag und das Rasseln der Geschirre, die flatternden Mähnen, die edeln Köpfe, wie eine gewaltige Wolke, wie ein lebendiges stählernes Meer wogten sie vorüber! Mein Herz schlug ihnen entgegen, als sie an mir vorübergaloppierten. Und ganz zuletzt, war's nicht mein eigenes Regiment? Mein Auge erblickte die silbergrauen Jacken, die Satteldecken aus Leopardenfell, im Moment verschwand mein Alter, ich war mit einemmal wieder jung, sah meine eigenen prächtigen Mannschaften und Pferde vor mir, sah sogar, wie sie hinter ihrem jungen Oberst hersausten, in der Kraft und Schönheit unserer Jugend, vor gerade vierzig Jahren. Mein Stock flog in die Luft. »Zur Attacke! Vorwärts! Vive l'Empereur!« Die Vergangenheit rief der Gegenwart zu. Aber, o weh, was für eine dünne, piepsende Stimme! War das die Stimme, die einst bei einer kriegsstarken Brigade von einem Flügel bis zum anderen gedonnert hatte? Und der Arm, der kaum einen Stock schwingen konnte! Waren das die Muskeln von Feuer und Stahl, die in der ganzen gewaltigen napoleonischen Armee keinen ebenbürtigen Gegner gefunden hatten? Sie lächelten mir zu, sie grüßten. Auch der Kaiser lachte und nickte mir zu. Aber die Gegenwart war mir nur ein dunkeler Traum, wirklich waren für mich nur meine achthundert toten Husaren und der Etienne Gerard von lange entschwundenen Zeiten. Genug – ein tapferer Mann kann dem Alter und dem Schicksal ebenso ins Auge sehen wie Kosaken und Ulanen! Aber es gibt Stunden, wo der Montrachet eher am Platz ist als der Bordeaux.

Sie ziehen nach Rußland, und so will ich Ihnen eine Geschichte von Rußland erzählen, Messieurs. Ach, was für ein böser Traum! Blut und Eis. Eis und Blut. Trotzige Gesichter mit Schnee in den Bärten. Blaue Hände ragen hilferufend in die Luft. Und durch die große, weiße Ebene eine einzige, lange, schwarze Linie vorwärtsrückender Gestalten, sich mühsam fortschleppend: einmal hundert Meilen, nochmal hundert Meilen, und immer noch dieselbe weiße Ebene. Manchmal wurde sie von Kiefernwäldern begrenzt, manchmal schien sie den kalten, blauen Himmel zu berühren, aber die schwarze Linie schlängelte sich vorwärts und immer vorwärts. Jene matten, zerlumpten, hungernden Männer, deren Lebensmut erfroren war, schauten weder nach rechts, noch nach links, sondern trotteten weiter und weiter, nach Frankreich zu, wie verwundete Tiere nach ihrem Lager. Sie sprachen kein Wort, man hörte kaum ihre Tritte im Schnee. Ich habe sie nur einmal lachen hören. Es war, als wir über Wilna hinaus waren, als ein Adjutant an die Spitze dieser gräßlichen Kolonne ritt und fragte, ob das die Grande Armée wäre. Alle, die in Hörweite waren, guckten sich um, und als sie diese gebrochenen Mannschaften, diese vernichteten Regimenter, diese Gerippe und Pelzmützen sahen, die einstmals die Garde vorgestellt hatten, fingen sie an zu lachen, und dieses Lachen ging wie ein Lauffeuer durch den ganzen Zug. Ich habe manches Stöhnen, Schreien und Wimmern gehört in meinem Leben, aber nichts klang so fürchterlich wie dieses Lachen der Großen Armee.

Aber warum, werden Sie fragen, meine Herren, haben die Russen diese hilflosen Scharen nicht niedergemacht? Wie kam's, daß sie nicht von den Kosaken aufgespießt oder umzingelt und als Gefangene in das Innere Rußlands getrieben worden sind? Soweit Sie die schwarze Schlange sich über den Schnee dahinwinden sahen, bemerkten Sie auch dunkle Schatten zu beiden Seiten, die wie flüchtige Wolken kamen und verschwanden. Das waren die Kosaken, die um uns herumschwärmten wie Wölfe um eine Schafherde. Aber der Grund, warum sie uns nicht niederritten war der, daß bei manchen unserer Soldaten das ganze Eis des russischen Winters ihren feurigen Mut nicht hatte erstarren können. Es gab schließlich immer noch Leute, die stets bereit waren, sich diesen Barbaren entgegenzuwerfen und ihnen die Beute streitig zu machen. Vor allen anderen wurde ein Mann mit zunehmender Gefahr immer gröber und machte seinen Ruhm im Unglück größer, als er's durch Siege vermocht hätte. Ihm weihe ich dieses Glas – dem Marschall Ney. dem rotmähnigen Löwen, der dafür sorgte, daß ihm der Feind nicht zu nah' auf den Nacken kam. Ich kann ihn mir jetzt noch vorstellen, sein bleiches, breites Gesicht, seine hellblauen Augen, die nach allen Seiten Funken sprühten, seine gewaltige Stimme, die das Knattern des Gewehrfeuers überdröhnte. Sein eisbedeckter, federloser Hut war das Zeichen, um das sich ganz Frankreich scharte in jenen Unglückstagen.

Es ist allgemein bekannt, daß weder ich, noch das Conflans'sche Husarenregiment mit in Moskau war. Wir mußten mit den Kommunikationstruppen bei Borodino bleiben. Wie der Kaiser ohne uns hat vorrücken können, ist mir unbegreiflich, und tatsächlich kam mir's erst damals zum Bewußtsein, daß seine Urteilskraft schwächer wurde, daß er nicht mehr der Mann war, der er gewesen. Doch der Soldat hat Order zu parieren, und so blieb ich in diesem kleinen Ort, der durch die Leichen von dreißigtausend Mann verpestet war, die in jener furchtbaren Schlacht das Leben verloren hatten. Ich benutzte die Tage des Spätherbstes dazu, meine Pferde in Stand zu setzen und meine Leute wieder ordentlich einzukleiden, sodaß, als die Armee auf dem Rückmarsch wieder in Borodino eintraf, meine Husaren sich von der ganzen Kavallerie in der besten Verfassung befanden und unter Ney der Arrieregarde einverleibt wurden. Was hätte er ohne uns anfangen sollen in jener schrecklichen Zeit? »Ach, Gerard,« sagte er eines Abends – doch, es kommt mir nicht zu, seine Worte zu wiederholen. Kurzum, er sprach das aus, was die ganze Armee fühlte. Die Arrieregarde deckte die Armee, und die Conflans'schen Husaren deckten die Arrieregarde. Dieser Satz sagt die ganze Wahrheit. Die Kosaken waren uns stets auf den Fersen, aber stets hielten wir sie ab. Es verging kein Tag, wo wir unsere Säbel nicht gebraucht hätten. Das war ein echtes Soldatenleben!

Aber es kam eine Zeit zwischen Smolensk und Wilna, wo unsere Lage verzweifelt wurde. Gegen die Kosaken, und zur Not auch gegen die Kälte, konnten wir uns wehren, aber nicht in gleicher Weise gegen den Hunger. Es mußten Nahrungsmittel beschafft werden, es mochte kosten, was es wollte. In jener Nacht ließ mich Ney an den Wagen rufen, in dem er zu schlafen pflegte. Sein mächtiges Haupt war in seine Hände gesunken. Geistig und körperlich war er zum Tod gebrochen.

»Oberst Gerard,« sagte er, »es geht schlecht mit uns, sehr schlecht. Die Leute sterben Hungers. Wir müssen um jeden Preis Nahrungsmittel schaffen.«

»Die Pferde,« sagte ich andeutungsweise.

»Behalten Sie Ihre Handvoll Kavallerie, wir haben weiter keine.«

»Die Spielleute,« sagte ich dann.

Er mußte trotz seiner Verzweiflung lachen.

»Warum die Spielleute?« fragte er.

»Gefechtsfähige Männer sind von großem Wert.«

»Gut!« sagte er. »Sie beabsichtigen das Spiel bis zur letzten Karte durchzuspielen: das will ich auch. Brav, Gerard, brav!« Er drückte mir die Hand. »Wir haben noch eine Chance, Gerard.« Er nahm eine Laterne von der Wagendecke und stellte sie auf eine vor ihm ausgebreitete Karte. »Südlich von uns,« fuhr er fort, »liegt die Stadt Minsk. Ein russischer Deserteur hat mir versichert, daß dort noch viel Korn aufgespeichert liegt. Ich wünsche nun von Ihnen, daß Sie so viele Leute aussuchen, wie Ihnen gut dünkt, nach Minsk reiten, in der städtischen Getreidehalle die Frucht nehmen und so viele Wagen voll laden, wie Sie nur in der Stadt auftreiben können, und damit zwischen hier und Smolensk zu mir stoßen. Schlägt's fehl, so ist nur eine kleine Abteilung abgeschnitten, gelingt's, so bedeutet es neues Leben für die ganze Armee.«

Er hatte sich nicht richtig ausgedrückt, denn, falls es mißglückte, war nicht nur ein Detachement verloren. Es kommt nicht nur auf die Quantität an, sondern auch auf die Qualität. Aber trotzdem, was für eine ehrenvolle Mission, was für ein ruhmreiches Wagnis! Wenn es sterbliche Menschen fertigbringen konnten, würde das Getreide von Minsk sicher kommen. Das beteuerte ich ihm und sprach einige zündende Worte von den Pflichten eines tapferen Soldaten, bis der Marschall so gerührt war, daß er aufstand, mich liebevoll auf die Schulter klopfte und zum Wagen hinausbegleitete.

Es war mir klar, daß ich, wenn mein Unternehmen gelingen sollte, nur eine geringe Streitkraft mitnehmen durfte und mich lieber auf einen glücklichen Zufall, als auf gröbere Massen verlassen mußte, welche sich nicht verbergen, nicht leicht die nötige Fourage herbeischaffen könnten, und das gesamte russische Militär in der Nähe veranlassen würden, sich zu konzentrieren und uns zu vernichten. Wenn dagegen ein kleiner Trupp Reiter ungesehen durch die Kosaken durchkommen konnte, war's wahrscheinlich, daß sich ihnen dann keine Soldaten in den Weg stellen würden, denn wir wußten, daß die russische Hauptarmee noch mehrere Tagemärsche hinter uns war. Das Korn war zweifelsohne zu ihrem Bedarf bestimmt. Ich nahm also nur eine Schwadron Husaren und dreißig Lanciers zu meinem Abenteuer mit. Wir brachen noch in der nämlichen Nacht auf und ritten in südlicher Richtung nach Minsk zu.

Glücklicherweise war wenig Mondschein, und wir kamen durch, ohne vom Feind angegriffen zu werden. Zweimal erblickten wir große Feuer im Schnee, und drum herum eine Menge Stangen. Das waren die Lanzen der Kosaken, die sie in den Schnee gesteckt hatten, während sie schliefen. Es würde uns ein riesiges Vergnügen bereitet haben, dazwischenzufahren, denn wir hatten uns für Vieles zu revanchieren, und die Augen meiner Kameraden blickten sehnsüchtig von mir nach jenen roten, flackernden Feuern. Weiß Gott, ich war stark versucht, ihnen nachzugeben, denn es würde für diese Kerle eine gute Lektion gewesen sein, ihnen begreiflich zu machen, sie hätten einige Meilen Abstand zu nehmen von einer französischen Armee. Aber das Wesen eines guten Führers besteht darin, daß er alles zur richtigen Zeit tut; so ritten wir ruhig weiter durch den Schnee, und ließen die Kosakenbiwaks zur Rechten und Linken ruhig liegen. Hinter uns sahen wir an dem schwarzen Nachthimmel einen hellen Streifen, der uns zeigte, wo unsere unglücklichen Landsleute sich am Leben zu erhalten versuchten für fernere Tage des Elends und des Hungers.

Wir ritten die ganze Nacht langsam weiter, indem wir den Polarstern im Rücken behielten. Wir fanden zahlreiche Spuren von Pferden und benutzten diese Fährte, damit niemand merken könne, daß feindliche Reiterei durchgekommen war. Das sind so kleine Vorsichtsmaßregeln, die den erfahrenen Offizier kennzeichnen. Außerdem würden wir, wenn wir diesen Spuren folgten, am wahrscheinlichsten in Dörfer kommen, und nur in Dörfern konnten wir erwarten Fourage für Pferde und Mannschaften zu kriegen. Beim Morgengrauen waren wir in einem dichten Kiefernwald, die Bäume waren so dick beschneit, daß das Tageslicht kaum durchdringen konnte. Als wir draußen ankamen, war's hellichter Tag, die Strahlen der aufgehenden Sonne schienen über die unendlichen Schneefelder und ließen sie in rötlichem Lichte erglänzen. Ich ließ meine Reiter im Schatten des Waldes halten und rekognoszierte das Terrain. In unserer Nähe befand sich ein kleines Bauernhaus. Weiter weg, einige Meilen entfernt, lag ein Dorf. In noch weiterer Ferne tauchten am Horizont die Kirchtürme einer größeren Stadt auf. Das mußte Minsk sein. Ich konnte in keiner Richtung irgend welche Anzeichen von Soldaten erblicken. Offenbar hatten wir die Kosaken hinter uns, und zwischen uns und unserem Ziel lag kein Hindernis mehr. Meine Leute stießen ein Freudengeschrei aus, als ich ihnen unsere Lage auseinandersetzte, und wir ritten nun rasch auf das Dorf los.

Wie ich eben sagte, lag direkt vor uns ein kleiner Bauernhof. Als wir drauf zuritten, bemerkte ich einen stattlichen Schimmel, der einen Militärsattel trug und am Eingang angebunden war. Ich galoppierte sofort drauf los, ehe ich aber hinkommen konnte, stürzte ein Mann zur Tür 'raus, schwang sich auf das Pferd und sauste in wilder Hast davon, so daß der trockene Schnee hinter ihm in die Höhe flog und ihn wie eine Wolke einhüllte. Doch erkannte ich an seinen Epauletten, daß es ein russischer Offizier war. Er würde die ganze Gegend alarmieren, wenn wir ihn nicht einfingen. Ich gab Violetta die Sporen und setzte hinter ihm her. Meine Leute folgten mir; aber es war kein Pferd dabei, das sich mit Violetta vergleichen konnte, und ich wußte sehr wohl, daß, wenn ich den Russen nicht einholen konnte, ich von den anderen erst recht nichts zu erwarten hatte.

Freilich gehört ein flüchtiges Pferd und ein guter Reiter dazu, wenn er hoffen kann, Violetta mit Etienne Gerard im Sattel zu entrinnen. Er ritt ausgezeichnet, dieser junge Russe, und hatte ein feines Tier, aber allmählich kamen wir ihm näher. Er blickte fortwährend hinter sich und zeigte uns ein dunkles, hübsches Gesicht und blitzende Augen. Ich merkte, als ich ihm näher rückte, daß er die Distanz zwischen uns abschätzte. Plötzlich drehte er sich halb 'rum; ein Blitz und ein Knall, und seine Pistolenkugel pfiff an meinem Ohr vorbei. Ehe er noch den Säbel aus der Scheide ziehen konnte, war ich an ihm; aber er gab seinem Pferd noch immer die Sporen, und unsere beiden Tiere galoppierten nun über die Ebene, ich mit dem Bein an dem des Russen und meine linke Hand auf seiner Schulter. Ich sah, wie er rasch mit der Hand nach dem Mund fuhr. Ich zog ihn sofort zur Seite und drückte ihm die Kehle zu, daß er nicht schlucken konnte. Sein Pferd schoß unter ihm fort, aber ich hielt ihn fest, und Violetta blieb stehen. Wachtmeister Oudin kam zuerst hinzu. Er war 'n alter Soldat und sah auf den ersten Blick, worum sich's handelte.

»Halten Sie ihn fest, Herr Oberst!« rief er, »das übrige will ich schon besorgen.«

Er machte sein Messer auf, klemmte die Schneide dem Russen zwischen die festgeschlossenen Zähne und drückte, als ob er ihm den Mund aufbrechen wollte. Er hatte ein Stück feuchtes Papier auf der Zunge, das war's gewesen, was er so gerne hatte hinunterschlucken wollen. Oudin nahm's 'raus, und ich ließ nun den Hals des Mannes los. Trotz seines jammervollen Zustandes – er war halb erwürgt – behielt er das Papier im Auge. Es war mir klar, daß es eine äußerst wichtige Meldung enthalten mußte. Seine Hände zuckten, als ob er mir's entreißen wollte. Als ich mich wegen meines unsanften Benehmens entschuldigte, zuckte er jedoch nur noch die Schultern und lächelte gutmütig.

»Nun zur Sache,« sagte ich, als er mit Keuchen und Räuspern fertig war. »Wie heißen Sie?«

»Alexis Barakoff.«

»Rang und Regiment?«

»Rittmeister bei den Grodnoer Dragonern.«

»Was ist das für eine Notiz, die Sie bei sich trugen?«

»Es sind ein paar Worte, die ich an meine Liebste geschrieben hatte.«

»Die Hetman Hetman heißt der Anführer bei den Kosaken. Platoff heißt,« vollendete ich seinen Satz. Gestehen Sie nur, mein Freund, das ist ein wichtiges militärisches Dokument, das Sie von einem General einem andern übermitteln sollen. Sagen Sie mir auf der Stelle, was es ist!«

»Lesen Sie's, dann werden Sie's ja sehen.« Er sprach perfekt französisch, wie die Mehrzahl der gebildeten Russen. Aber er wußte sehr wohl, daß unter tausend französischen Offizieren nicht ein einziger ein Wort Russisch kann. Das Blatt enthielt nur eine einzige Zeile, die folgendermaßen lautete:

– » Pustj Franzussy pridutt v Minst. Mui gotovy.«

Ich starrte es an und schüttelte den Kopf. Dann zeigte ich's meinen Husaren, die aber auch nichts daraus zu machen wußten. Die Polen waren sämtlich ungebildete Leute, die weder lesen noch schreiben konnten, außer einem Wachtmeister, der aus Memel in Ostpreußen kam, und kein Russisch konnte. Es war zum Tollwerden, denn ich fühlte, daß ich in den Besitz eines wertvollen Geheimnisses gekommen war, von dem womöglich das Wohl unserer Armee abhing, und ich konnte es nicht rausbringen. Wieder bat ich unseren Gefangenen, es zu übersetzen: ich bot ihm seine Freiheit, wenn er's täte. Er lächelte nur über meine Bitte. Ich konnte ihn nur bewundern, denn es war dasselbe Lächeln, das ich selbst auch gehabt haben würde, wenn ich an seiner Stelle gewesen-wäre.

»So sagen Sie uns wenigstens den Namen dieses Dorfes!«

»Dobrova.«

»Und das dort vorne ist Minsk, vermute ich?«

»Das ist Minsk.«

»Dann werden wir zusammen ins Dorf gehen und bald genug jemanden finden, der uns diese Nachricht übersetzt.«

So ritten wir zusammen weiter, auf jeder Seite unseres Gefangenen war ein Reiter mit dem Karabiner in der Hand. Es war nur ein kleines Oertchen, und ich stellte an den Enden der einzigen Straße Wachen auf, so daß uns niemand entschlüpfen konnte. Wir mußten Rast machen und für die Mannschaften und Pferde fouragieren, weil sie schon die ganze Nacht durch geritten waren und noch eine lange Tour vor sich hatten.

Mitten im Dorf war ein großes steinernes Haus, und darauf ritt ich zu. Es war das Pfarrhaus, der Bewohner war ein alter ungestalter, verdrießlicher Mann, der auf unsere Fragen nicht sehr höflich antwortete. Ich habe nie einen häßlicheren Kerl getroffen, aber, weiß Gott, ganz anders war's mit seiner Tochter, die ihm Haus hielt. Sie war ein Mädchen mit dunklem Teint, rabenschwarzem Haar und einem Paar der wunderbarsten schwarzen Augen, die je beim Anblick eines Husaren geglüht haben. Am ersten Blick erkannte ich, daß sie mein war. Es ist keine Zeit zu Liebeshändeln, wenn man seine Soldatenpflicht zu erfüllen hat, aber doch, während ich das einfache Mahl verzehrte, das sie mir vorsetzte, scherzte ich mit ihr, und ehe eine Stunde um war, waren wir die besten Freunde. Sophie hieß sie mit Vornamen, den Zunamen hab' ich nie erfahren. Ich sagte ihr, sie möchte mich Etienne nennen, und versuchte, sie aufzuheitern, denn ihr liebliches Gesichtchen war traurig, und die Tränen standen ihr in den herrlichen, dunklen Augen. Ich drängte sie, mir den Grund ihres Kummers zu erzählen.

»Wie könnte es anders sein,« sagte sie im reizendsten Französisch, »wenn sich einer meiner Landsleute als Gefangener in Ihren Händen befindet? Ich sah ihn zwischen zwei von Ihren Husaren, als sie ins Dorf 'reinritten.«

»Das geht so im Krieg,« antwortete ich. »Heute er, morgen vielleicht ich.«

»Aber bedenken Sie, Monsieur –« fuhr sie fort.

»Etienne,« verbesserte ich.

» Oh, Monsieur –«

»Etienne,« sagte ich wieder.

»Also gut,« rief sie, reizend errötend, endlich in ihrer Verzweiflung, »bedenken Sie, Etienne, daß dieser junge Offizier zu Ihrem Heer transportiert werden und Hungers sterben oder erfrieren wird, denn wenn, wie ich gehört habe, schon Ihre eigenen Soldaten einen beschwerlichen Marsch haben, was wird dann erst das Los eines Gefangenen sein?«

Ich zuckte die Schultern.

»Sie haben ein gutmütiges Gesicht. Etienne,« sagte sie weiter; »Sie wollen den armen Menschen gewiß nicht zum sicheren Tode verurteilen. Ich bitte Sie inständig, ihn los zu lassen.«

Ihre zarte Hand ruhte auf meinem Arm, ihre dunkeln Augen schauten flehentlich in meine.

Plötzlich kam mir ein Gedanke. Ich wollte ihr die Bitte gewähren, aber sie ihrerseits auch um einen Gefallen bitten. Ich gab Befehl, den Gefangenen ins Zimmer zu führen.

»Rittmeister Barakoff,« sagte ich, »diese junge Dame hat mich gebeten, Sie freizulassen, und ich bin nicht abgeneigt, es zu tun. Ich bitte Sie, mir Ihr Wort zu geben, vierundzwanzig Stunden unter diesem Dach zu bleiben und keinen Menschen über unsere Bewegungen zu informieren.«

»Das will ich tun,« versetzte er.

»Ich vertraue auf Ihre Ehre. Ein Mann mehr oder weniger macht im Kampfe so großer Heere keinen Unterschied, und Sie als Gefangenen mitnehmen, würde heißen, Sie zum Tode verurteilen. Gehen Sie und erweisen Sie Ihre Dankbarkeit nicht mir, sondern dem ersten französischen Offizier, der Ihnen in die Hände fällt.«

Als er hinaus war, zog ich mein Papier aus der Tasche.

»Nun, Sophie,« sagte ich, »ich habe Ihren Wunsch erfüllt, und ich bitte Sie Ihrerseits um weiter nichts, als um eine Lektion im Russischen.«

»Von Herzen gern,« antwortete sie.

»Wir wollen hiermit beginnen,« fuhr ich fort und breitete den Zettel vor ihr aus. »Wir wollen Wort für Wort übersetzen und sehen, wie's heißt.«

Sie sah das Schreiben erstaunt an. »Es heißt,« sagte sie, »Wenn die Franzosen nach Minsk kommen, ist alles verloren.« Mit einemmal wurde sie ganz bestürzt. »Großer Gott!« rief sie, »was hab' ich getan? Ich hab' mein Vaterland verraten! Oh, Etienne, Ihre Augen sind die letzten, für welche diese Mitteilung bestimmt ist. Wie konnten Sie so verschlagen sein, ein armes, einfältiges, nichtsahnendes Mädchen zum Vaterlandsverrat anzustiften?«

Ich tröstete meine arme Sophie, so gut ich konnte, und gab ihr die Versicherung, daß ihr niemand einen Vorwurf darüber machen könnte, daß sie von so einem alten Feldzügler und einem so schlauen Kerl wie mir überlistet worden sei. Aber es war jetzt keine Zeit mehr zur Unterhaltung. Aus dieser Botschaft ging deutlich hervor, daß in Minsk wirklich das Getreide lagerte, und daß keine Verteidigungstruppen dort waren. Ich ließ rasch zum Sammeln blasen, und nach zehn Minuten hatten wir das Dorf hinter uns und ritten schleunigst auf die Stadt los, deren goldene Kirchenkuppeln und Türmchen sich am fernen Horizont vom Schnee abhoben. Sie wurden immer höher und höher, und als die Sonne nach Westen sank, befanden wir uns in der breiten Hauptstraße und sprengten unter dem Fluchen der Muschiks und dem Geschrei der erschreckten Weiber immer weiter die Straße hinauf, bis wir an dem großen Rathaus angelangt waren. Ich ließ meine Leute draußen warten und begab mich dann selbst mit meinen zwei Wachtmeistern in das Haus.

Himmel! Den Anblick vergeß' ich nie wieder! Gerade vor uns standen drei Reihen russischer Grenadiere. Sie legten an und feuerten eine Gewehrsalve auf uns ab. Oudin und Papilette stürzten zu Boden. Mir selbst war der Tschako weggeschossen, und ich hatte zwei Löcher in meinem Dolman. Die Grenadiere gingen mir mit den Bajonetten zu Leibe. »Verrat!« schrie ich. »Wir sind verraten! Auf die Pferde!« Ich sprang 'naus, aber der ganze Platz wimmelte von Soldaten. Aus allen Seitengassen kamen Dragoner und Kosaken auf uns losgeritten, und aus den umliegenden Häusern krachten die Schüsse. Die Hälfte meiner Leute und Pferde lag auf dem Boden. »Folgt mir!« rief ich und schwang mich auf Violetta, aber ein riesenhafter russischer Dragoneroffizier riß mich 'runter, und wir fielen zusammen zur Erde. Er griff nach dem Säbel, mich zu töten, besann sich aber gleich wieder anders, faßte mich im Nacken und stieß meinen Kopf immer gegen das Steinpflaster, bis ich bewußtlos war. So wurde ich dann gefangengenommen.

Als ich wieder zu mir kam, bedauerte ich nur, daß er mir nicht den Garaus gemacht hatte. Auf dem großen Rathausplatz von Minsk lag die Hälfte meiner Reiter tot oder verwundet, um sie herum hatte sich eine jubelnde Menschenmenge versammelt. Die übrigen wurden in die Vorhalle getrieben und von einer Abteilung Kosaken bewacht. Ach! was sollte ich dazu sagen, was konnte ich tun? Es war klar, daß ich meine Mannschaften in eine sorgfältig gestellte Falle geführt hatte. Man hatte unsere Mission in Erfahrung gebracht und sich auf unseren Empfang vorbereitet. Und doch existierte diese Botschaft, infolge deren ich alle Vorsichtsmaßregeln außer acht gelassen hatte und schnurstracks in die Stadt hineingeritten war. Wie sollte ich das verstehen? Die Tränen liefen mir die Backen herunter, als ich die vernichtete Schwadron sah und an den Zustand meiner Kameraden von der großen Armee dachte, die auf die Nahrungszufuhr warteten, die ich ihnen bringen sollte. Ney hatte mir sein Vertrauen geschenkt, und ich hatte es nicht gerechtfertigt. Wie oft würde er über die Schneefelder nach dem Getreidetransport ausspähen, der niemals sein Gesicht aufheitern sollte! Mein eigenes Geschick war hart genug. Die Verbannung nach Sibirien war das geringste, was mir bevorstand. Aber Sie können mir glauben, mes amis, daß nicht seinetwegen, sondern wegen seiner hungernden Kameraden, Etienne Gerard die Tränen die Wangen herunterliefen und gleich zu Eis erstarrten.

»Was ist das?« sagte eine rauhe Stimme neben mir, und als ich mich umdrehte, erblickte ich den kolossalen, schwarzbärtigen Dragoner, der mich aus dem Sattel gezerrt hatte. »Seht, wie der Franzose heult! Ich dachte, der Korse hätte tapfere Männer und keine Kinder.«

»Wenn wir uns beide allein Mann gegen Mann gegenüberständen, wollte ich Ihnen schon zeigen, wer mehr Mut hätte,« erwiderte ich ihm.

Als Antwort versetzte mir das elende Vieh einen Faustschlag ins Gesicht. Ich sprang ihm an die Kehle, aber ein Dutzend Soldaten rissen mich von ihm los, und er schlug von neuem auf mich ein, während sie meine Hände festhielten.

»Gemeiner Hund!« schrie ich, »behandelt man einen Offizier und Kavalier in dieser Weise?«

»Wir haben Euch nie gerufen, nach Rußland zu kommen,« sagte er. »Wenn Ihr trotzdem gekommen seid, müßt Ihr eben mit der Behandlung vorlieb nehmen, die wir Euch angedeihen lassen. Ich würde Sie am liebsten kurzerhand niederschießen, wenn ich könnte, wie ich wollte.«

»Das werden Sie eines Tages zu verantworten haben,« schrie ich, während ich mir das Blut aus dem Schnurrbart wischte.

»Wenn der Hetman Platoff meinen Sinn hat, werden Sie morgen um diese Zeit nicht mehr leben,« antwortete er mit einem teuflischen Blick. Er fügte für die Soldaten noch etwas auf Russisch hinzu, worauf sofort alle aufsaßen. Die arme Violetta, die ebenso jämmerlich dreinschaute wie ihr Herr, wurde hergeführt, und ich wurde aufgefordert, sie zu besteigen. Mein linker Arm wurde mit einem Riemen an den Steigbügel eines Dragonerwachtmeisters festgeschnallt. In dieser äußerst elenden Verfassung ritt ich mit dem Rest meiner Leute aus Minsk hinaus.

In meinem ganzen Leben ist mir kein so brutaler Kerl vorgekommen wie dieser Serschin. der die Eskorte führte. Die Russen haben die besten und die schlechtesten Elemente in ihrer Armee, aber ein schlechteres Individuum als den Major Serschin von den Kiewer Dragonern habe ich in keiner Truppe kennen gelernt, wenn ich von den Guerillas auf der Pyrenäischen Halbinsel absehe. Er war von großer Statur mit einem wilden, roten Gesicht, und ein struppiger langer Bart fiel auf seinen Küraß herab. Ich habe später erfahren, daß er wegen seiner Kraft und Tapferkeit berühmt war, und ich muß zugeben, er hatte Bärentatzen; das hatte ich gemerkt, als er mich vom Pferd gerissen hatte. Er war in seiner Art auch witzig und machte fortwährend auf Russisch Glossen über uns, die all' seine Dragoner und Kosaken zum Lachen brachten. Zweimal schlug er meine Kameraden mit der Reitgerte, und einmal kam er auch auf mich damit los, aber ich warf ihm derartige Blicke zu, daß er doch nicht zuzuschlagen wagte. Elend und gedemütigt, frostig und hungerig, ritten wir in der weiten Schneewüste dahin. Die Sonne war untergegangen, aber bei der langen nordischen Dämmerung konnten wir immer unseren öden Weg sehen. Starr vor Kälte und vor Schmerz, gequält von den Schlägen, die ich bekommen hatte, wurde ich von Violetta weitergetragen, ohne recht zu wissen, wo ich war, und wohin es ging. Das arme Tier ließ den Kopf hängen, nur zeitweise hob sie ihn, um den sie umgebenden struppigen Kosakenpferden verächtlich zuzuschnaufen.

Aber plötzlich wurde Halt gemacht, und ich sah, daß wir uns auf der Straße in einem kleinen russischen Dorf befanden. Auf der einen Seite war eine Kirche und auf der anderen ein großes steinernes Haus, dessen Umrisse mir bekannt vorkamen. Ich schaute mich in dem Zwielicht um und erkannte, daß wir nach Dobrova zurücktransportiert waren, und daß das Haus, vor dessen Eingang wir warteten, kein anderes war als unser Pfarrhaus, wo wir am Morgen eingekehrt waren, und wo meine charmante Sophie in ihrer Unschuld die unglückselige Depesche übersetzt hatte, die auf irgend eine sonderbare Art und Weise unseren Untergang herbeigeführt hatte. Oh, wie hätte ich vor wenigen Stunden, als wir hoffnungsfroh waren und die besten Aussichten hatten, unsere Mission zu erfüllen, auch nur ahnen können, daß wir nach so kurzer Zeit hierher zurückkehren sollten, ein trauriger Ueberrest, geschlagen und gedemütigt und auf die Barmherzigkeit eines brutalen Feindes angewiesen! Doch das ist Soldatenlos, mes cher amis – heute Küsse, morgen Prügel, Tokayer im Palast, Grabenwasser in der Hütte, Pelze oder Lumpen, volle Beutel und leere Taschen, immer von einem Extrem zum andern, nur Mut und Ehre sind immer dieselben.

Die Russen stiegen ab, und meine armen Jungen mußten das gleiche tun. Es war bereits spät geworden, und man hatte offenbar die Absicht, die Nacht über dazubleiben. Die Bauern hatten eine riesige Freude, als sie hörten, daß wir alle gefangen genommen worden waren, und stürzten mit brennenden Fackeln aus den Häusern, die Weiber brachten Tee und Branntwein für die Kosaken. Unter anderen kam auch der alte Geistliche heraus – den wir am Morgen gesehen hatten. Er war jetzt äußerst freundlich und hielt auf einem Präsentierteller eine Terrine heißen Punsch, den ich heute noch rieche. Hinter ihrem Vater kam Sophie. Mit Schaudern sah ich, wie sie dem Major Serschin die Hand reichte und ihm etwas auf Russisch sagte, worauf er entrüstet die Stirn in Falten zog und mit dem Kopf schüttelte. Sie schien mit ihm zu rechten, sie stand mit ihm in dem Lichtschein, der durch die Haustüre fiel. Ich betrachtete unausgesetzt die beiden Gesichter, das des hübschen Mädchens und das des dunkeln robusten Mannes, denn ich merkte instinktiv, daß sie über mein eigenes Schicksal verhandelten. Der Major schüttelte lange Zeit sein Haupt, endlich schien er vor ihren Bitten zu kapitulieren und nachzugeben. Er drehte sich nach der Seite um, wo ich und mein wachthabender Sergeant standen.

»Diese guten Menschen bieten Ihnen ihr schützendes Dach für die Nacht an,« rief er mir zu, indem er mit giftigen Blicken an mir auf und niederschaute. »Ich mag's ihnen nicht abschlagen, aber ich kann Ihnen rund 'raus sagen, daß ich meinesteils Sie lieber im Schnee hätte liegen sehen. Das würde Ihre Hitze etwas abgekühlt haben, Sie schuftiger Franzose!«

Ich sah ihn mit der ganzen Verachtung an, die er mir einflößte. »Sie sind ein geborenes Scheusal und werden's auch bis ans Ende bleiben,« erwiderte ich.

Meine Worte trafen ihn, denn er stieß einen Fluch aus und erhob die Reitpeitsche, als ob er mich schlagen wollte.

»Halts Maul, elender Tropf!« schrie er. »Wenn's nach mir ging, würde dir die Unverschämtheit bis morgen früh teilweise ausgefroren sein.« Er bemeisterte seinen Zornesausbruch und wandte sich Sophie zu mit einer Bewegung, die er galant fand. »Wenn Sie einen gut verschließbaren Keller haben,« sagte er zu ihr, »so kann der Kerl heute drin übernachten, weil Sie ihm nun 'mal die Ehre erwiesen haben, sich für seine Bequemlichkeit zu interessieren. Er muß mir jedoch sein Wort geben, daß er uns keine Zicken machen will, denn ich habe bis morgen, wo ich ihn dem Hetman Platoff einhändigen werde, die Verantwortung für ihn.«

Seine hochmütige Art war mehr, als ich ertragen konnte. Er hatte absichtlich zu der jungen Dame französisch gesprochen, damit ich verstehen sollte, wie geringschätzig er von mir redete.

»Auf Ihre Gnade verzichte ich,« sagte ich zu ihm. »Machen Sie, was Sie wollen, aber mein Ehrenwort gebe ich Ihnen niemals.«

Er zuckte die mächtigen Schultern und wandte sich weg, als ob die Sache für ihn abgetan wäre.

»Also gut, Sie stolzer Herr, um so schlimmer für Ihre Finger und Zehen. Wir werden sehen, wie Ihnen morgen früh zu Mut ist, wenn Sie eine Nacht im Schnee zugebracht haben.«

»Einen Augenblick. Herr Major,« rief Sophie. »Sie müssen nicht so hartherzig gegen diesen Gefangenen sein. Es liegen besondere Gründe vor, warum er Anspruch auf unsere Güte und Barmherzigkeit hat.«

Der Russe blickte verdächtig bald sie an, bald mich.

»Was sind das für besondere Gründe? Sie scheinen ja ein auffallendes Interesse an diesem Franzosen zu nehmen,« sagte er.

»Der Hauptgrund ist, daß er erst heute morgen aus eigenem Entschluß den Rittmeister Alexis Barakoff von den Grodnoer Dragonern freigelassen hat.«

»Das ist wahr,« sagte Barakoff, der aus dem Hause gekommen war. »Er hat mich heute früh gefangen genommen, und er hat mich auf mein Wort auf freien Fuß gesetzt, anstatt mich zu der französischen Armee mitzunehmen, wo ich Hungers gestorben wäre.«

»Nachdem Oberst Gerard so großmütig gehandelt hat, werden Sie uns doch gewiß erlauben, daß wir ihm nun, wo sich das Glück gewandt hat, in dieser bitterkalten Nacht in unserem Keller ein armseliges Obdach gewähren,« sagte Sophie. »Es ist nur eine geringe Belohnung seines Edelmuts.«

Aber der Dragoner machte noch ein mürrisches Gesicht.

»Er soll mir zuvor sein Wort geben, daß er keine Fluchtversuche machen will,« versetzte er. »Haben Sie verstanden, Sie? Wollen Sie mir Ihr Ehrenwort geben?«

»Ich gebe Ihnen gar nichts,« antwortete ich.

»Oberst Gerard!« rief Sophie und lächelte mir freundlich zu, »Sie werden mir Ihr Wort geben, wollen Sie nicht?«

»Ihnen, gnädiges Fräulein, kann ich nichts abschlagen. Ich will Ihnen mit Vergnügen mein Wort geben.«

»Hören Sie, Herr Major!« rief Sophie triumphierend, »das wird Ihnen doch sicher genügen. Sie haben's gehört, daß er mir sein Wort gegeben hat. Ich will die Verantwortung übernehmen.«

Mein russischer Bär brummte sehr ungnädig seine Einwilligung. Ich wurde also ins Haus geführt, hinter mir folgten der ungehaltene Vater und der große schwarzbärtige Dragoner. Im Souterrain war ein großer Raum, wo im Winter Holz aufbewahrt wurde. Dorthinein wurde ich gebracht, und es wurde mir begreiflich gemacht, daß das mein Nachtquartier sei. An der einen Seite dieses frostigen Raumes war bis an die Decke gespaltenes Holz und Reisig aufgestapelt. Der übrige Teil war mit Steinen gepflastert und hatte kahle Wände mit einem einzigen tiefliegenden Fenster in der Mauer, welches jedoch mit Eisenstäben vergittert war. Als Beleuchtung hatte ich eine große Stallaterne, die an der Decke an einem Balken aufgehängt war. Major Serschin lächelte, als er sie runternahm und sie in der Hand schwang, damit ich die ganze Jämmerlichkeit meines Schlafgemachs richtig sehen sollte.

»Wie gefallen Ihnen unsere russischen Hotels, Monsieur?« fragte er mich hohnlachend. »Sie sind nicht sehr › grands‹, aber es sind die besten, die wir Ihnen anbieten können. Das nächstemal, wenn ihr Franzosen euch wieder beikommen lassen solltet, auf Reisen zu gehen, werdet ihr ein gastlicheres Land wählen, wo man's euch bequemer macht.« Er grinste mich mit seinen weißen Zähnen an, die durch den Bart durchschimmerten. Dann ging er 'naus, und ich hörte, wie er den großen Schlüssel im Schloß 'rumdrehte.

Eine Stunde lang saß ich in meinem Jammer auf einem Bündel Reisig. Ich war geistig und körperlich abgespannt, hatte meinen Kopf auf die Hände gestützt und war in traurige Gedanken versunken. Es war ja noch kalt genug innerhalb dieser vier Mauern, aber ich stellte mir die Leiden meiner armen Reiter draußen vor und nahm Anteil an ihrem Elend. Dann schritt ich auf und ab, rieb mir die Hände und stampfte gegen die Wände, um die Füße nicht zu erfrieren. Die Lampe strömte etwas Wärme aus, aber es war trotzdem bitterkalt, und ich hatte seit dem Morgen nichts gegessen. Es schien mir, als oh mich alle vergessen hätten, aber endlich hörte ich schließen, und wer trat herein? Mein Gefangner vom Morgen, Rittmeister Alexis Barakoff. Er hatte eine Flasche Wein unterm Arm und trug eine große Schüssel voll dampfenden Fleisches in den Händen.

»Pst!« machte er; »Kein Wort! Behalten Sie den Kopf hoch! Ich kann nicht lange bleiben, um's Ihnen genauer auseinanderzusetzen. Bleiben Sie wach und bereit!« Mit diesen flüchtigen Andeutungen stellte er die willkommene Speise auf den Boden und lief rasch wieder weg.

»Bleiben Sie wach und bereit!« Die Worte gingen mir im Kopf 'rum. Ich aß und trank, aber weder Fleisch noch Wein hatten mich innerlich erwärmt. Was sollten diese Worte von Barakoff bedeuten? Warum sollte ich munter bleiben? Wozu sollte ich mich bereit halten? Sollte wirklich noch eine Möglichkeit, zu entfliehen, vorhanden sein? Ich habe stets den Mann gering geachtet, der nur betet, wenn er in Gefahr ist. Er gleicht einem schlechten Soldaten, der seinem Obersten nur Respekt bezeigt, wenn er etwas von ihm haben will. Aber trotzdem, wenn ich an die sibirischen Bergwerke einerseits, und an meine Mutter andererseits dachte, konnte ich nicht umhin, ein Gebet zum Himmel zu senden, nicht mit den Lippen, sondern aus dem Herzen, daß die Worte Barakoffs die erhoffte Bedeutung haben möchten. Aber die Kirchenuhr schlug eine Stunde nach der anderen, und ich hörte nichts außer dem Ruf der russischen Wachen auf der Straße draußen.

Da endlich hüpfte mein Herz vor Freude in meiner Brust, denn ich hörte leichte Tritte auf dem Gang. Im nächsten Moment wurde aufgeschlossen, die Tür ging auf, und Sophie stand im Zimmer, wenn man's so nennen darf.

» Monsieur –« rief sie.

»Etienne,« sagte ich.

»Nichts scheint Sie umzustimmen,« sagte sie. »Aber ist's möglich, daß Sie mich nicht hassen? Haben Sie mir den Streich verziehen, den ich Ihnen gespielt habe?«

»Was für 'nen Streich?« fragte ich.

»Gerechter Himmel! ist's möglich, daß Sie's jetzt noch nicht begriffen haben? Sie baten mich, die Depesche zu übersetzen. Ich sagte Ihnen, es hieße: »Wenn die Franzosen nach Minsk kommen, ist alles verloren!«

»Ja, wie hieß es denn?«

»Es heißt: »Laßt die Franzosen nur nach Minsk kommen, wir erwarten sie!«

Ich prallte vor ihr zurück.

»Sie haben mich verraten!« rief ich. »Sie haben mich in diese Falle gelockt. Ihnen verdanke ich die Vernichtung und Gefangennahme meiner Mannschaft. Tor, der ich war, einem Weib zu trauen!«

»Seien Sie nicht ungerecht, Oberst Gerard. Ich bin eine Russin, und meine erste Pflicht bin ich meinem Vaterland schuldig. Würden Sie nicht von einer Französin verlangen, daß sie ebenso gehandelt hätte, wie ich's getan habe? Hätte ich Ihnen die richtige Bedeutung gesagt, so würden Sie nicht nach Minsk geritten, und Ihre Schwadron würde entkommen sein. Vergeben Sie mir! Tun Sie's!«

Sie sah bezaubernd aus, als sie so dastand und sich verteidigte. Aber da ich an meine toten Leute dachte, konnte ich die Hand nicht annehmen, die sie mir darbot.

»Gut,« sagte sie, während sie sie heruntersinken ließ. »Sie fühlen für Ihre Nation, und ich fühle für meine, dann sind wir also gleich. Aber in diesem Hause haben Sie ein wahres und gutes Wort gesprochen, Herr Oberst Gerard. Sie sagten, ein Mann mehr oder weniger macht keinen großen Unterschied beim Kampfe so großer Armeen. Ihre edelmütige Lehre ist nicht vergeblich gewesen. Hinter diesem Holzhaufen ist eine unbewachte Tür. Hier ist der Schlüssel dazu. Gehen Sie, Oberst Gerard, ich glaube, daß wir uns wohl nie Wiedersehen werden.«

Ich stand einen Augenblick da, den Schlüssel in der Hand und ganz wirr im Kopfe. Dann gab ich ihr ihn zurück.

»Ich kann's nicht tun,« sagte ich.

»Warum nicht?«

»Ich habe mein Wort gegeben.«

»Wem?« fragte sie.

»Nun, Ihnen.«

»Und ich geb's Ihnen zurück.«

Ich war voller Freude. Natürlich war's ganz richtig, was sie sagte. Ich hatte mich geweigert, Serschin das Wort zu geben. Ich hatte ihm gegenüber keine Verpflichtung. Wenn sie mich von meinem Versprechen entband, so war meine Ehre rein. Ich nahm wieder den Schlüssel aus ihrer Hand.

»Am Ende der Dorfstraße werden Sie Rittmeister Barakoff finden,« sagte sie. »Wir Nordländer vergessen weder Unrecht noch Güte. Er hat Ihr Pferd und Ihren Säbel und wartet auf Sie. Zögern Sie keinen Augenblick, denn in zwei Stunden wird's Tag.«

So ging ich hinaus in die sternhelle russische Nacht. Von Sophie bekam ich den letzten Blick, als sie durch die offene Türe hinter mir herschaute. Es war ein ausdrucksvoller Blick, sie mochte etwas mehr erwartet haben, als ein paar kalte Dankesworte, aber auch der unglücklichste Mensch besitzt seinen Stolz, und ich will nicht in Abrede stellen, Messieurs, daß meiner durch die Täuschung, die sie mir bereitet hatte, beleidigt war. Ich hätte es nicht über mich gewinnen können, ihr die Hand zu küssen, geschweige denn die Lippen. Die Türe führte in einen engen Gang, und am Ende desselben stand eine vermummte Gestalt, die Violetta am Zügel hatte.

»Sie sagten mir, ich möchte gegen den ersten französischen Offizier, den ich in Not träfe, mich gütig erweisen,« sagte er. »Gut Glück! Bon voyage!« flüsterte er, als ich in den Sattel stieg. »Vergessen Sie nicht, » Poltava«, wenn Sie an Wachen vorüberkommen.«

Es war gut, daß er mir das eingeschärft hatte, denn ich mußte zweimal an russischen Feldwachen vorbei, ehe ich durch die Kosakenlinien hindurchkam. Ich hatte gerade die letzten Vedetten passiert und hoffte, wieder ein freier Mann zu werden, als ich hinter mir ein Geräusch hörte, und einen schweren Mann auf einem Rappen rasch hinter mir herreiten sah. Im ersten Moment wollte ich Violetta die Sporen geben. Aber sofort, als ich einen langen, schwarzen Bart erkennen konnte, der auf einen stählernen Küraß herunterhing, machte ich Halt und erwartete den Reiter.

»Ich dachte mir, daß Sie's wären. Sie Franzosenhund!« schrie er und kam mit erhobenem Säbel auf mich los. »Sie haben Ihr Wort gebrochen, Sie Lump!«

»Ich habe Ihnen kein Wort gegeben.«

»Du lügst, du Hund!«

Ich schaute mich um, niemand war zu sehen. Die Wachen waren weit entfernt. Wir waren ganz allein, über uns der Mond, unter uns der Schnee. Fortuna ist mir immer hold gewesen.

»Ich hab' Ihnen kein Wort gegeben.«

»Aber der Dame haben Sie's gegeben.«

»Dann will ich's auch vor der Dame verantworten.«

»Das könnte Ihnen freilich besser passen, zweifelsohne. Aber leider werden Sie's vor mir zu verantworten haben.«

»Ich bin bereit.«

»Ihren Säbel auch?! Das ist Verrat! Ah, ich durchschaue alles! Das Frauenzimmer hat Ihnen beigestanden. Für diese nächtliche Tat soll sie Sibirien kennen lernen.«

Durch diese Worte hatte er sich das Leben verwirkt. Um Sophiens willen konnte ich ihn nicht lebend zurückkehren lassen. Unsere Säbel kreuzten sich, und einen Moment später war meiner durch seinen schwarzen Bart tief in den Hals gebohrt. Ich war fast ebenso rasch am Boden wie er, aber der eine Streich genügte. Er starb, indem er wie ein reißender Wolf mit den Zähnen nach meinen Füßen schnappte.

Zwei Tage darauf stieß ich in Smolensk wieder zu unserer Armee und bildete wieder einen Teil dieser jammervollen Prozession, die durch den Schnee weiter wanderte und eine lange Blutfährte hinterließ, um den Weg zu zeigen, den sie genommen hatte.

Genug, mes amis; ich will die Erinnerung an jene Tage des Elends und des Todes nicht wieder wecken. Sie schrecken mich noch im Traume. Als wir endlich in Warschau Rast machten, hatten wir unsere Kanonen verloren, unseren Troß und drei Viertel unserer Leute, aber nicht die Ehre Etienne Gerards. Man hat behauptet, ich hätte mein Wort gebrochen. Es möge's mir um Gottes willen kein Mensch ins Gesicht sagen, denn die Sache verhält sich so, wie ich erzählt habe, und wahrhaftig, Messieurs, so alt ich auch bin, meine Hand ist noch stark genug, um eine Pistole zu halten, wenn meine Ehre auf dem Spiel steht.

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