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Die Abenteuer des Brigadiers Gerard. Zweiter Band

Arthur Conan Doyle: Die Abenteuer des Brigadiers Gerard. Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorArthur Conan Doyle
titleDie Abenteuer des Brigadiers Gerard. Zweiter Band
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
yearo.J.
translatorR. Lautenbach u. Luise Schroeter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161108
projectidba9b0783
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Wie der Brigadier das Schicksal Deutschlands in der Tasche hatte.

Im Café saß der alte Brigadier und erzählte Geschichten aus seiner Jugendzeit.

Ich hoffe, sagte er, daß keiner von meinen Freunden, die mir auf meinen kleinen Abenteuern gefolgt sind, den Eindruck erhalten hat, als ob ich von meinen eigenen Vorzügen eingenommen wäre, denn dann wäre er in der Tat in einem großen Irrtum befangen. Der wahrhaft gute Soldat verfällt nie in diesen Fehler. Allerdings habe ich meine Persönlichkeit hier als tapfer, dort als umsichtig und klug hingestellt, aber was blieb mir anderes übrig, wenn ich der Wahrheit treu bleiben wollte? Meiner Meinung nach würde es auf eine unwürdige Täuschung hinauslaufen, wollte ich meine Laufbahn nicht als eine glänzende schildern. Der Umstand, daß ich Ihnen nachfolgendes Ereignis überhaupt erzähle, spricht am besten für meine Bescheidenheit, und auch nur ein Mann in meiner Stellung kann es sich leisten, von etwas zu reden, was ein gewöhnlicher Sterblicher verschweigen würde.

Nach dem Feldzuge in Rußland wurden die Trümmer unseres armen Heeres westlich von der Elbe einquartiert, um dort ihre erstarrten Glieder zu erwärmen und mit Hilfe des guten deutschen Bieres die Lücken zwischen Haut und Knochen etwas auszufüllen. Alles ließ sich freilich nicht wieder ersetzen, denn ich glaube nicht, daß drei große Fouragewagen imstande gewesen wären, die Finger und Zehen zu fassen, die Rußlands Winter gefordert hatte. Ja, zum Skelett abgemagert und als Krüppel schlichen wir einher, und dennoch hatten wir alle Ursache, dankbar zu sein, wenn wir an die Kameraden dachten, welche wir zurückgelassen hatten, und an die Schneefelder – oh, jene furchtbaren Schneefelder! Ist mir doch bis auf den heutigen Tag eine Abneigung gegen die Zusammenstellung von Rot und Weiß geblieben; ja, böse Träume stören meinen nächtlichen Schlummer, wenn ich am Abend zuvor meine rote Nachtmütze auf meinem Bette liegend erblickt habe; dann tauchen jene schrecklichen Bilder von neuem vor mir auf – die ungeheuren Ebenen, die bleichen, wankenden Gestalten darauf und die purpurroten Flecke, die ihre Spur bezeichneten. Nein, nein, liebe Freunde, Sie locken keine Geschichte von jener Zeit aus mir heraus, der bloße Gedanke daran genügt, um mir den Wein in Essig und den Tabak in Stroh zu verwandeln.

+++

Von der halben Million, welche die Elbe im Sommer des Jahres 1812 überschritten hatten, sahen nur 40 000 den kommenden Frühling wieder. Das aber waren Leute! Männer von Eisen und Stahl, die sich von Pferdefleisch nähren und auf dem Schneefelde schlafen konnten! Treu zu ihrem Kaiser haltend und von Haß und Wut gegen die Russen erfüllt, hatten sie es unternommen, die Elbe zu halten, während Napoleon nach Frankreich geeilt war, um neue Truppen auszuheben.

Die Kavallerie dagegen befand sich in einem elenden Zustande. Meine Husaren lagen damals in Borna, und als ich sie zum ersten Male Revue passieren ließ, da konnte ich mich der Tränen nicht enthalten, und das Herz wollte mir vor Kummer brechen. Was war aus meinen stattlichen Männern, aus den kräftigen Pferden geworden! Aber bald gewann die Zuversicht in mir wieder die Oberhand: ich sagte mir, daß, solange meine Truppen ihren Oberst noch hatten, noch nicht alle Hoffnung zu Grabe getragen werden dürfte. Und so ging ich denn mit frischem Mute daran, den Schaden wieder gutzumachen und hatte bereits zwei tüchtige Schwadronen organisiert, als sämtliche Obersten der Kavallerie den Befehl erhielten, sich sofort nach Frankreich zu begeben, um die Rekruten und Remontepferde für den neuen Feldzug einzuexerzieren. Die Aussicht, meine alte Heimat wiederzusehen, beglückte mich durchaus nicht in dem Maße, wie mancher vielleicht denken wird. Allerdings freute ich mich sehr, meine alte Mutter in die Arme schließen zu können, und ich sagte mir auch, daß mein Erscheinen mehr als einer Frau willkommen sein würde, aber viele meiner Kameraden waren durch noch stärkere Bande als ich mit Frankreich verknüpft, hatten Weib und Kind, die sie vielleicht nie wieder sahen. Wie gern hätte ich mit ihnen getauscht! Aber was konnte es helfen! Das blaue Schreiben mit dem kleinen roten Siegel war nun einmal eingetroffen, und schon die nächste Stunde fand mich auf meinem weiten Ritt von der Elbe nach den Vogesen. Endlich sollte ich wieder einmal eine Zeit friedlicher Stille genießen; hinter uns lag der Krieg mit seinem Tumult und Schrecken, und vor uns winkte der Friede. Mit solchen Gedanken beschäftigt, ließ ich das Lager immer weiter hinter mir und ritt auf der langen, weißen Landstraße über Berg und Tal dahin, Frankreich zu.

Es ist zugleich interessant, aber auch lustig, in einer Gegend zu reisen, wo zahlreiche Truppen liegen. Zur Zeit der Ernte hatte es ja mit unseren Soldaten keine Not gehabt, denn wir hatten sie angewiesen, sich im Vorbeimarschieren die Aehren selbst abzuschneiden und sie dann im Biwak zu mahlen. Auf diese Weise war es dem Kaiser möglich, jene schnellen Märsche auszuführen, die ganz Europa in Staunen und Schrecken versetzten. Nun aber sollte die ausgehungerte Schar wieder zu neuen Taten gekräftigt werden, und ich mußte beständig in den Straßengraben hinunterreiten, um den großen Schaf- und Rinderherden aus dem südlichen Deutschland, sowie den mit Bier und Schnaps beladenen Wagen auszuweichen. Von Zeit zu Zeit schlug Trommelwirbel und der schrille Ton der Pfeifen an mein Ohr, und dann zogen lange Reihen französischer Infanteristen in ihren blauen, staubbedeckten Röcken an mir vorüber. Das waren alte Soldaten, die man aus unseren deutschen Festungen requiriert hatte, denn die Neuausgehobenen konnten nicht vor Anfang Mai aus Frankreich eintreffen.

Schließlich aber wurde ich doch des ewigen Anhaltens und Ausweichens müde, so daß ich froh war, hinter Altenburg einen Seitenweg einschlagen zu können, der ebenfalls nach Greiz führte. Von nun an begegnete ich nur noch selten einem Wanderer, und der Weg zog sich durch prächtige Eichen- und Buchenwälder dahin, welche im ersten Grün des Frühlings prangten.

Sie wundern sich vielleicht über den seltsamen Kauz, der immer und immer wieder sein Pferd anhielt und sich an den zierlichen Blättchen und schwellenden Knospen nicht satt sehen konnte, aber, mes amis, wenn Ihre Augen sechs Monate nichts als russische Kiefern erblickt hätten, dann würden Sie mein Entzücken begreifen.

Dennoch gab es etwas, was mir durchaus nicht behagen wollte – das waren die Blicke und Reden der Dorfbewohner jener Gegend. Wir hatten uns doch während der letzten sechs Jahre vortrefflich mit Deutschland gestanden, und die guten Leute schienen es uns durchaus nicht übel zu nehmen, daß wir uns hier und da einige kleine Freiheiten in bezug auf ihr Land erlaubt hatten. Wir hatten den Männern allerlei Gefälligkeiten erwiesen, für welche die Frauen sich uns wiederum dankbar zeigten, so daß das gemütliche alte Deutschland uns schließlich zur zweiten Heimat geworden war. Jetzt schien sich auf einmal alles verändert zu haben. Der Wanderer hatte für mich keinen Gruß, der Waldarbeiter wendete sich ab, um mich nicht sehen zu müssen, und ritt ich durch ein Dorf, so standen die Bauern in Gruppen unter der Dorflinde und warfen mir finstere, drohende Blicke zu. Selbst die Frauen machten hiervon keine Ausnahme, und das wunderte mich um so mehr, als ich damals gewöhnt war, daß jedes Weib ein freundliches Lächeln für mich hatte.

Als ich in dem Marktflecken Schmölln Halt machte, da trat der erwähnte Umschwung noch auffälliger zutage. Ich war vor dem kleinen Wirtshaus abgestiegen, um einen frischen Trunk zu tun und den Staub aus der Kehle hinabzuspülen. Nun war es so Sitte bei mir, dem Mädchen, welches mir kredenzte, einige kleine Artigkeiten zu sagen oder ihr unter Umständen auch einen Kuß zu geben; aber die Hebe hier wollte weder vom einen noch vom anderen etwas wissen, sondern warf mir einen Blick zu, der mir durch und durch ging. Und als ich jetzt mein Glas erhob, um den übrigen Gästen zuzutrinken, da kehrten sie mir, mit Ausnahme eines einzigen, den Rücken, und dieser rief laut: »Kommt, Burschen, laßt uns aufs T anstoßen!« worauf alle die Gläser leerten und lachten – aber ein gemütliches Lachen, wie ehemals, war es nicht.

Das Ding gab mir zu denken und ging mir noch im Kopf herum, als ich bereits wieder im Sattel saß und zum Dorf hinausritt. Am Wegrande stand ein großer Baum, und als meine Augen so zufällig den Stamm streiften, sah ich, daß man kürzlich ein riesiges T in die Rinde eingeschnitten hatte. Das war mir nun zwar nichts Neues, denn ich hatte am Morgen schon wiederholt dasselbe Zeichen gesehen, aber jetzt machten mich doch die Worte jenes Toastes stutzig, und da zufälligerweise eben ein anständig gekleideter Mann vorbeiritt, wendete ich mich mit der Frage an ihn: »Können Sie mir wohl sagen, mein Herr, was dieses T bedeutet?«

Seine Blicke wanderten höchst seltsam zwischen mir und dem Buchstaben hin und her.

»Junger Herr,« sagte er endlich, »'s ist eben nicht der Buchstabe N

Ehe ich noch das Geringste erwidern konnte, gab er seinem Pferde die Sporen und ritt in gestrecktem Galopp davon. Ich legte anfangs jenen Worten keine besondere Bedeutung bei, als aber meine Violetta einmal den zierlichen Kopf zur Seite wendete, fielen meine Blicke auf das N am Zügel vorn. Das war ja des Kaisers Name, und jenes T bedeutete etwas, was ihm entgegen war! Es mußte sich in Deutschland letzthin so mancherlei ereignet haben, was den Riesen aus seinem Schlafe aufgeweckt hatte. Ja, ja, also darum jene trotzigen Gesichter! Wer doch auch in die Herzen der Leute hätte schauen können! Nun aber schnell nach Frankreich hinein, denn es schien Eile zu haben mit unseren Rekruten und Remonten.

So ritt ich, in tiefes Sinnen verloren, dahin; bald ließ ich mein Pferd im Schritt gehen, bald traben, wie es dem Reiter geziemt, der eine tüchtige Reise vor sich und ein williges Pferd unter sich hat. In dieser Gegend war die Axt des Holzhauers tätig gewesen, denn der Wald war stark gelichtet, und an der Seite der Straße lagen hohe Reisighaufen aufgestapelt. Während ich so daran hinritt, ertönte aus einem derselben ein eigentümlicher Ton, und hinschauend gewahrte ich ein Gesicht, ein erregtes, rotes Gesicht, das offenbar einem Manne angehörte, der sich in einem Zustande höchster Aufregung befand. Die Züge kamen mir bekannt vor; ich schaute nochmals hin und erkannte nun jene Person, die ich vor einer Stunde beim Dorfe angeredet hatte.

»Reiten Sie näher heran,« flüsterte er mir zu, »noch näher! So, nun steigen Sie ab und machen sich am Steigbügel etwas zu schaffen. Wir sind hier vor Spionen nicht sicher, und es wäre mein Tod, wenn man mich mit Ihnen reden sähe!«

»Ihr Tod? Aber wer sollte Sie töten?«

»Der Tugendbund! Lützows Freischaren! Ihr Franzosen steht auf einem Pulverfaß, es glimmt schon die Lunte, die euch vernichten soll!«

»Ich verstehe Sie nicht,« gab ich zur Antwort, während ich an meinem Steigbügel herumhantierte, »was ist's mit diesem Tugendbund?«

»So nennt sich jene geheime Gesellschaft, die zu einer allgemeinen Erhebung aufruft, um euch aus Deutschland hinauszuwerfen, wie es euch bereits in Rußland ergangen ist.«

»So bedeutet jenes T Tugendbund?«

»Gewiß, das ist ihr Zeichen. Ich hätte Sie gern schon im Dorfe darüber aufgeklärt, aber ich wagte es nicht und habe Sie deshalb hier erwartet.«

»Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar, lieber Freund. Sie sind der erste Deutsche, der mir heute mit schicklicher Höflichkeit entgegengekommen ist.«

»Ihr Kaiser ist sehr gütig gegen mich gewesen; alles, was ich besitze, verdanke ich meinen Lieferungen für die französische Armee. Aber nun genug: ich bitte Sie, reiten Sie davon und hüten Sie sich vor Lützows wilder Jagd!«

»Banditen?«

»Deutschlands wackerste Männer; aber um Gottes willen, reiten Sie fort, mein Leben steht auf dem Spiele!«

Die sonderbare Unterhaltung mit dem Manne hatte durchaus nicht dazu beigetragen, mich zu beruhigen, auch sein eigentümliches Benehmen war mir aufgefallen. Während der mit leiser, zitternder Stimme herausgestoßenen Erklärung hatte sein Gesicht krampfhaft gezuckt, hatte er ängstlich nach allen Richtungen hingespäht, und so oft ein Zweig im Gebüsch geknackt, hatten sich seine Augen vor Entsetzen weit geöffnet.

Er mußte furchtbare Angst ausgestanden haben und möglicherweise hatte er allen Grund dazu gehabt, denn kurze Zeit darauf hörte ich in der Ferne einen Schuß, und hinter mir lautes Rufen. Vielleicht war's ein Jäger gewesen, welcher seine Hunde abrief – von jenem Manne indes habe ich nie wieder etwas gehört.

Ich ließ mir die Warnung gesagt sein und ritt von nun an nur noch in offenem Lande schnell dahin, während ich überall da, wo jemand im Hinterhalt liegen konnte, äußerst vorsichtig war. Ich verhehlte mir das Gefährliche meiner Lage durchaus nicht – hatte ich doch noch Hunderte von Meilen in diesem Lande zu durchreisen. Aber trotzdem wollte kein Gefühl der Furcht in mir aufkommen, denn ich hatte die Deutschen stets als freundliche, gutherzige Leutchen kennen gelernt, deren Finger sich lieber um die Pfeife als um ein Schwert schlossen – nicht etwa, weil es ihnen an Mut gebrach, o nein, sondern weil diese treuherzige, friedfertige Nation mit jedermann in Ruhe leben wollte. Woher hätte ich auch wissen sollen, daß unter dieser anheimelnden, ruhigen Oberfläche ein Feuer glühte, das ebenso mächtig auflodern, aber noch anhaltender brennen würde, wie bei den Italienern oder Spaniern?

Bald sollte ich noch mit schlimmeren Dingen als mit rauhen Worten und bösen Gesichtern Bekanntschaft machen. Ich hatte eben ein gut Stück Heideland durchquert und näherte mich einem kleinen Gehölz, als ich einen Mann zwischen den Stämmen erblickte, dessen Erscheinung mich in nicht geringes Staunen versetzte. Sein Rock war so reich mit Gold geziert, daß er im Licht der Sonne wie Feuer strahlte; um den Nacken hatte er ein rotes Tuch geschlungen, welches er mit der einen Hand zu halten schien. Aber der Bursche schien schwer betrunken zu sein, denn er wankte unsicher hin und her.

Als er so auf mich zukam, hielt ich mein Pferd an und schaute voll Abscheu auf die Gestalt da vor mir. Wie konnte jemand, der eine so kostbare Uniform trug, sich am hellen Tage in solcher Verfassung sehen lassen? Aber auch er betrachtete mich mit prüfender Miene und schritt nur zögernd vorwärts. Plötzlich schien er aber doch seiner Sache sicher zu sein, denn er rief mit lauter Stimme: »Gott sei Dank!«, tat noch einige Schritte vorwärts und fiel dann auf der staubigen Landstraße nieder. Jetzt bemerkte ich, daß das, was ich für ein rotes Tuch gehalten hatte, eine ungeheure, klaffende Wunde war, aus welcher das Blut strömte. Blitzschnell war ich aus dem Sattel und eilte, ihm beizustehen.

»Guter Gott!« rief ich aus, »und ich meinte, Sie seien betrunken!«

»Ich sterbe,« stöhnte er, »dem Himmel sei Dank, daß ich einen französischen Offizier gefunden habe, so lange ich noch sprechen kann!«

Ich bettete ihn zwischen das Heidekraut und flößte ihm etwas Branntwein ein. Auf der sonnbeschienenen Halde ringsum lag tiefer Friede; kein lebendes Wesen war weit und breit zu sehen, als der sterbende Mann an meiner Seite. Ich bog mich zu ihm nieder.

»Wer hat Ihnen das getan, und wer seid Ihr? Was ist das für eine Uniform, die Sie da tragen?«

»Die der neuen Ehrenlegion Napoleons. Ich bin der Marquis St. Arnaud, der neunte meines Stammes, der sein Blut im Dienste Frankreichs vergießt. Lützows wilde Jäger sind hinter mir her gewesen und haben mich verwundet. In jenem Gebüsch dort habe ich mich vor ihnen geborgen und nach einem Franzosen ausgespäht. Da kamen Sie; freilich wußte ich nicht, ob Sie Freund oder Feind wären, aber der Tod saß mir im Rücken, und ich durfte keine Zeit mehr verlieren.«

»Mut, Mut, lieber Kamerad! Ich habe schon mehr als einen gesehen, der schlimmer daran war als Sie, und später noch seiner Wunden gelacht hat.«

»Nein, nein, mit mir geht's zu Ende.«

Dabei legte er seine Hand auf meinen Arm, und nun sah ich allerdings, daß seine Nägel schon blau waren.

»Hier in meinem Rock befinden sich wichtige Papiere, bringen Sie sie sofort dem König von Sachsen in Hof. Er hält noch zu uns, wenn auch die Königin uns feindlich gesinnt ist. Sie bemüht sich, ihn uns abtrünnig zu machen, und wenn ihr das gelingt, so werden die übrigen deutschen Fürsten seinem Beispiel folgen, denn der König von Preußen ist sein Onkel und der König von Bayern sein Vetter. Die Papiere werden ihn bestimmen, auf unserer Seite zu bleiben; aber sie müssen ihn erreichen, ehe er sich anders entschließt. Versuchen Sie, sie ihm heute noch zu übergeben und Sie werden ganz Deutschland für den Kaiser gewinnen. Das Pferd ist mir unter dem Leibe erschossen worden, sonst hätte ich vielleicht trotz meiner Wunden –« er verstummte; die erkaltende Hand umklammerte die meinige, ein tiefer Seufzer – und es war vorüber mit ihm.

Das war ja eine schöne Geschichte! Hatte ich da auf einmal einen Auftrag bekommen, über den ich mir durchaus nicht klar war, und der mir einen guten Teil meiner so wichtigen Zeit raubte. Anderenteils schien er mir wiederum so wichtig zu sein, daß ich ihn keinesfalls unberücksichtigt lassen durfte. Ich öffnete die Uniform des Verschiedenen, die der Kaiser deshalb so prächtig ausgestattet hatte, um die jungen Aristokraten geneigter zu machen, in jene neuorganisierten Regimenter einzutreten. Das kleine Paket Papiere wurde durch ein seidenes Band zusammengehaltenes trug die Adresse des Königs von Sachsen und in der einen Ecke den Vermerk »Höchst wichtig! Eilt!«, den der Kaiser selbst in seiner mir wohlbekannten, unregelmäßigen, gespreizten Handschrift hinzugefügt hatte. Und diese drei Worte, sie redeten eine so deutliche Sprache, als ob mein Herr selbst zu mir gesprochen und mich mit seinen kalten, grauen Augen angeblickt hätte. Mochten meine Truppen auf ihre Pferde warten, und der Marquis inmitten der Heide schlafen – der König sollte seine Papiere heute noch haben und wenn es mir und meiner Mähre ans Leben ging!

Nun hätte ich zwar gar kein Bedenken gehabt, auf der Landstraße im Walde weiter zu reiten, denn es ist ja Tatsache, daß man nie sicherer durch eine gefährliche Gegend reist, als unmittelbar nach einem Ueberfall, und daß die Zeit anscheinender Ruhe die größte Gefahr in sich birgt. Als ich jedoch meine Karte hervorzog, sah ich, daß Hof mehr nach dem Süden zu lag, und daß es zweckmäßiger sein würde, meinen Weg längs der Heide hin zu nehmen. Nun gut, also über die Heide! Kaum hatte ich hundert Schritte vorwärts getan, so knallten zwei Flintenschüsse aus dem Gebüsch, und eine Kugel sauste an meinem Ohr vorbei. Augenscheinlich waren die Lützower kühner als die spanischen Briganten, und ich wünschte mir Glück, nicht auf der Landstraße geblieben zu sein.

Alle Wetter, eine tolle Jagd! Knietief in Heidekraut und Ginster, quer durch verwachsenes Gesträuch, bergauf, bergab, immer mit verhängtem Zügel! Aber meine liebe, kleine Violetta strauchelte nie: sicher und schnell, wie immer, trug sie mich dahin, meinem Ziele zu, als hätte sie gewußt, was auf dem Spiele stand. Und ich? Nun, ich galt ja schon längst für den besten Reiter in den sechs Brigaden der leichten Reiterei, aber so wie damals hatte ich wohl noch nie geritten. Mein Freund, der Bart, hatte mir von den Fuchsjagden in England erzählt – nun, ich bin fest überzeugt, der schnellste Fuchs hätte mir an jenem Tage nicht entrinnen können. Immer gradaus, querfeldein stürmten wir dahin, gleich der wilden Taube über unsern Köpfen! Als Offizier bin ich stets bereit gewesen, das Leben für meine Leute in die Schanze zu schlagen, wenn auch der Kaiser mir nie dafür Dank gewußt hat. Nun ja – er hatte der Männer mehr, und doch nur einen einzigen – doch still davon!

Die Dämmerung begann, sich herabzusenken, als ich wieder auf die Landstraße kam und bald darauf gelangte ich in den Ort Lobenstein. Kaum hatte ich das harte Pflaster berührt, so verlor mein Pferd eines seiner Eisen, und ich sah mich genötigt, die Schmiede aufzusuchen. Nun hatte der Mann schon Feierabend gemacht und das Feuer niedergehen lassen, so daß ich nicht daran denken konnte, meinen Weg vor einer Stunde fortzusetzen. Meiner Verstimmung über den unfreiwilligen Aufenthalt kräftig Ausdruck gebend, schritt ich nach dem kleinen Wirtshaus des Ortes und bestellte mir ein kaltes Huhn und ein Glas Wein. Hof war nun nicht mehr weit entfernt, so daß ich hoffen konnte, meine Papiere noch heute abend loszuwerden und morgen früh mit Antwort für den Kaiser weiterreisen zu können. Doch, lassen Sie sich jetzt meine Erlebnisse im Wirtshaus zu Lobenstein erzählen, meine Herren!

Man hatte meine Mahlzeit aufgetragen, und ich war eben dabei, sie mit gehörigem Appetit in Angriff zu nehmen, als ich laute Stimmen und das Hin- und Herschlürfen von Füßen vor der Türe vernahm. »Bauern, die über ihrem Bier handgemein geworden sind,« sagte ich zu mir, »mögen die selber mit sich fertig werden!« Aber plötzlich drang ein Laut an mein Ohr, der imstande ist, einen Etienne Gerard aus dem Totenschlafe aufzuwecken – die klagende Stimme einer Frau. Messer und Gabel flogen nieder, und im nächsten Moment stand ich draußen, mitten unter den Leuten. Ich erblickte den behäbigen Wirt mit seiner flachshaarigen Frau, zwei Stallburschen, der Magd und einigen Bauern, die in großer Aufregung und lebhaft gestikulierend aufeinander einsprachen. In ihrer Mitte aber stand mit angsterfüllten Augen und blassen Wangen das lieblichste Weib, welches das Auge nur erschauen konnte. Wie ein Wesen aus einer anderen Welt kam sie mir vor, als sie in ihrer königlichen Haltung, mit zurückgeworfenem Haupte und einem Anflug von Trotz in den schönen Zügen auf die lärmende Schar um sich schaute. Ich hatte noch keine zwei Schritte vorwärts getan, da sprang sie mir auch schon entgegen, legte die Hand auf meinen Arm, und ihre blauen Augen blitzten in freudigem Triumph auf.

»Ein französischer Offizier! Ich bin gerettet!«

»Das sind Sie, Madame!« erwiderte ich und legte ihre Hand auf die meinige. »Befehlen Sie über mich!« fuhr ich fort, indem ich galant die Spitzen ihrer schlanken Finger küßte.

»Ich bin die Gräfin Palotta, eine Polin; man beschimpft mich hier, weil ich zu den Franzosen halte. Wer weiß, was mein Los gewesen wäre, wenn der Himmel nicht Sie zu meiner Rettung gesandt hätte!«

Nun küßte ich wiederholt ihre Hand, damit sie sah, wie aufrichtig ich es meinte, und warf dann den Leuten einen meiner bekannten Blicke zu – im Nu war der Platz geräumt.

»Gnädigste Gräfin, Sie stehen in meinem Schutze! Aber Sie sind erschöpft und bedürfen dringend eines Glases Wein zu Ihrer Stärkung!« Mit diesen Worten reichte ich ihr den Arm und geleitete sie in das Zimmer, wo sie neben mir am Tische Platz nahm.

Sie blühte in meiner Gegenwart völlig auf, wie die Blume in der Sonne, ja, das ganze Zimmer strahlte von ihrer Schönheit wider. Sie mußte die Bewunderung in meinen Augen gelesen haben, und ich wiederum bemerkte ganz ähnliche Regungen in den ihren. Ach, meine Freunde, Sie hätten mich aber auch sehen sollen, als ich dreißig Jahre zählte! Ja, da war ich kein gewöhnlicher Mann. Einen flotteren Schnurrbart hatte die ganze leichte Reiterei nicht aufzuweisen. Ich gebe zu, daß ihn Murat noch eine Idee länger hatte, aber Sachverständige behaupten, er sei eben eine Idee allzu lang gewesen. Und dann, meine Manieren! Es ist ja bekannt, daß derselbe Mann nicht bei allen Frauen das gleiche Glück hat, will ja auch die Festung je nach dem Wetter auf verschiedene Weise erstürmt werden; aber der Mann, welcher Kraft mit Anmut, Kühnheit mit Milde, Trotz mit Bescheidenheit zu paaren weiß – das ist der Mann, den Mütter fürchten mögen! Nun, diese Dame sollte nichts von mir zu befürchten haben; das Schicksal hatte mich zu ihrem Beschützer erkoren, und ich war gewaltig auf meiner Hut, denn ich kannte mich selbst gar wohl. Immerhin hat auch ein Beschützer seine Vorrechte, und ich verstand es ausgezeichnet, die meinigen zu wahren.

Auch ihre Unterhaltung entsprach ganz meinen Erwartungen. In wenig Worten klärte sie mich auf, daß sie mit ihrem Bruder nach Polen reiste. Derselbe war aber unterwegs krank geworden, und seitdem hatte sie mehr als einmal unter der schlechten Behandlung der Deutschen zu leiden gehabt, weil sie ihre Vorliebe für die Franzosen nicht hinreichend zu verbergen gewußt hatte. Nachdem sie von ihren eigenen Angelegenheiten gesprochen, kam sie auf allerhand andere Dinge zu reden, fragte nach unserer Armee und ließ sich von meinen Abenteuern erzählen. Wie sie mir mitteilte, hatte sie bereits durch Poniatowskys Offiziere, die ihr bekannt waren, von meinen Taten gehört; aber es machte ihr offenbar viel Vergnügen, sie zum zweiten Male von meinen eigenen Lippen zu vernehmen. Ihre Teilnahme freute mich ungemein. Die meisten Frauen begehen den Fehler, zu viel von sich selbst zu reden; aber diese da hörte mir mit demselben Interesse zu, wie Sie, mes amis, es jetzt tun, und wurde des Fragens nicht müde. Die Zeit eilte im Fluge dahin, und plötzlich vernahm ich mit Entsetzen, daß die Dorfuhr die elfte Stunde verkündete. Wie der Blitz sprang ich empor. »Pardon, gnädigste Gräfin, ich muß auf der Stelle nach Hof weiterreiten.«

Sie erbleichte und erhob sich ebenfalls. »Und ich? Was soll aus mir werden?« rief sie mit vorwurfsvoller Stimme aus.

»Des Kaisers Angelegenheit! Ich habe schon allzu lange verweilt. Die Pflicht ruft, ich muß gehen.«

»Müssen Sie? Und ich soll allein bei dieser Rotte bleiben? Oh, daß ich Ihnen nie begegnet wäre! Warum haben Sie mich gelehrt, wie süß Ihr Schutz ist!« Ihre Augen trübten sich – im nächsten Moment lag sie schluchzend an meiner Brust. Meiner Treu, eine gefährliche Situation für einen Beschützer! Jetzt galt es, einen jungen, heißblütigen Offizier im Zaum zu halten! Aber ich machte meine Sache brav. Ich streichelte ihr reiches, braunes Haar, ich flüsterte ihr allerhand Trostworte ins Ohr, ja, ich legte einen Arm um ihren Leib – das aber nur, um sie zu stützen, falls ihre Kraft sie verlassen sollte. Da wendete sie mir ihr von Tränen überströmtes Antlitz zu. »Wasser! Um des Himmels willen, schafft mir Wasser!« Ich sah, daß sie mit einer Ohnmacht kämpfte, bettete schnell ihr Haupt auf dem Sofa und stürzte von Zimmer zu Zimmer, bis ich endlich eine mit Wasser gefüllte Karaffe gefunden hatte. Als ich zurückkehrte, war die Dame verschwunden! Und mit ihr zugleich ihr Hut, sowie die silberbeschlagene Reitpeitsche, welche auf einem Stuhle gelegen hatten. Ich lief hinaus und rief nach dem Wirt. Der wußte von nichts, hatte die Dame nie zuvor gesehen, und würde froh sein, sie auch nie wieder zu erblicken. Ich forschte allerorten, rannte in Verzweiflung hin und her, bis ich endlich vor einem Spiegel stehen blieb, der mir mein eigenes Ich zeigte: die Augen weit aus ihren Höhlen herausgetreten, der Unterkiefer herabgefallen, soweit es eben der Lederriemen meines Tschakos erlauben wollte.

Vier Knöpfe meiner Uniform waren offen! Das sagte mir genug! Was brauchte ich erst noch nach meinen kostbaren Papieren zu fühlen? Oh, über die Tiefe von Hinterlist, welche in dem Busen des Weibes schlummert! Dieses Geschöpf hatte mich beraubt, während ihr Haupt an meiner Brust geruht, ihre Hände waren in der Tasche meines Rockes geschäftig gewesen, indes meine Finger ihr Haar gestreichelt, meine Lippen ihr Worte des Trostes zugeflüstert hatten!

Das also sollte das Ende einer Mission sein, welche einem wackeren Manne das Leben gekostet hatte und mir wahrscheinlich Ruf und Ehre für immer rauben würden. Was wohl der Kaiser sagte, wenn ihm mein Mißgeschick zu Ohren kam, was meine Kameraden! Und wenn nun gar ruchbar wurde, daß ein Weib mir die wichtigen Briefschaften abgeschmeichelt hatte – mußte das nicht ein Gelächter an der Offizierstafel und beim Lagerfeuer geben! Ach, ich hätte mich vor Verzweiflung auf dem Boden wälzen können!

Eines war klar: die ganze Geschichte mit dem Lärm auf dem Gange und dem Auftritt mit der sogenannten Gräfin war von Anfang an abgekartetes Spiel gewesen, um welches der Wirt gewußt hatte. Von ihm mußte ich Aufklärung erlangen können. Also geschwind den Säbel in die Hand und ihn aufgesucht! Aber der Kerl hatte meine Absichten durchschaut und seine Vorbereitungen getroffen. Ich entdeckte ihn, eine Flinte in der Hand, in einer Ecke des Hofes, und neben ihm stand sein Sohn, der einen riesigen Bullenbeißer an einem Koppelriemen festhielt. Die beiden Stallburschen hatten sich mit Heugabeln bewaffnet, während die Wirtin hinter ihnen eine Laterne emporhielt.

»Reiten Sie Ihres Weges, junger Herr!« rief mir der Wirt mit seiner knarrenden Stimme entgegen, »machen Sie sich auf, Ihr Pferd steht vor dem Tore. Lassen Sie sich nicht einfallen, sich hier zu zeigen, Sie sind allein gegen drei tapfere Männer!«

Nun hatte ich zwar nur den Hund zu fürchten, denn Flinte samt Heugabeln schwankten wie Zweige im Winde bedenklich hin und her; aber ich sagte mir, daß, wenn auch mein scharfer Säbel dem Burschen da eine Antwort entreißen würde, ich immer noch nicht die Gewißheit hatte, die Wahrheit zu erfahren. Wozu mich in einen Kampf einlassen, der mich vielleicht teuer zu stehen kam und mir schließlich doch nichts nützte? Ich begnügte mich also, sie mit einem Blick zu messen, der ihre albernen Waffen mehr als je aus dem Gleichgewicht brachte, und ritt, vom schrillen Gelächter der Wirtin begleitet, im gestreckten Galopp davon.

Mein Entschluß war schon gereift. Allerdings waren die Papiere selbst verloren, aber über ihren Inhalt war ich doch so ziemlich im klaren. Was hinderte mich denn, einfach zu dem König zu gehen und ihm die Sache mündlich vorzutragen, als ob der Kaiser mich damit beauftragt hätte? Es war ein kühner, aber auch gefährlicher Plan: denn wie leicht konnte meine Angabe später widerlegt werden! Und doch hieß es hier: entweder – oder, und wenn ganz Deutschland in der Wagschale lag, durften mich solche Bedenken nicht beeinflussen. Mitternacht war bereits vorüber, als ich in Hof einzog, dennoch waren alle Fenster des Ortes hell erleuchtet, und dieser Umstand sprach bei einem so ruheliebenden Volke deutlich von der Aufregung, in der sich die Gemüter befanden. Lautes Geschrei und Gespött begleiteten mich auf meinem Wege, und einmal flog ein Stein hart an meinem Kopf vorüber, aber ich kehrte mich nicht daran und gelangte glücklich an das Schloß. Auch in diesem Gebäude brannten die Lichter bis unter das Dach hinauf und die Bewohner hatten sich noch nicht der Ruhe hingegeben, denn unaufhörlich glitten Gestalten an den Fenstern vorüber. Ich stieg ab, warf einem Diener die Zügel zu und begehrte kurzweg, den König in einer sehr dringenden Angelegenheit zu sprechen.

Das Stimmengewirr, das ich bei meinem Eintritt in die Halle vernommen, war sogleich verstummt, als ich meinen Wunsch mit lauter Stimme kundgetan. Meiner Meinung nach fand da bereits eine große Versammlung statt, die über jene wichtige Frage, ob Krieg, ob Frieden, beraten sollte; doch kam ich vielleicht noch zeitig genug, um eine Entscheidung zu Gunsten meines Kaisers herbeizuführen. Der Hofmarschall warf mir einen finsteren Blick zu, geleitete mich in ein kleines Vorzimmer und ließ mich allein. Nach kurzer Zeit kehrte er zurück; der König könnte jetzt nicht gestört werden, aber die Königin würde mich empfangen. Die Königin? Was sollte ich bei einer Dame, die so durch und durch deutsch gesinnt war, die ihren Gemahl und den Staat gegen uns aufhetzte?

»Ich muß den König sehen!«

»Nein, nein, überbringen Sie mir gefälligst Ihre Botschaft!« ließ sich jetzt eine Stimme von der Türe her vernehmen. »Bleiben Sie hier, von Rosen! Nun, mein Herr, was haben Sie uns mitzuteilen?«

Ich war beim ersten Ton der Stimme aufgesprungen, und ein Blick auf die Gestalt machte mich vor Zorn erbeben. Jene Erscheinung mit dem königlichen Haupt und den Augen, welche blau wie die Garonne und kühl wie ihr Wasser im Winter waren, stand mir noch sehr wohl in der Erinnerung.

»Die Zeit ist kostbar,« rief sie aus, indem sie ungeduldig mit dem Fuße stampfte, »was haben Sie mir zu sagen?«

»Ihnen? Nur das eine: Sie haben mich gelehrt, fortan keinem Weibe mehr zu trauen, Sie haben mich zu Grunde gerichtet und für immer entehrt.«

Sie zog die Brauen hoch und blickte zu ihrem Begleiter hinüber. »Ist er von Sinnen? Oder was ist Ihre Meinung? Vielleicht ein kleiner Aderlaß?«

»Ah, Sie verstehen sich wohl aufs Verstellen, haben Sie mir doch schon Beweise davon gegeben!«

»Wollen Sie damit sagen, daß wir uns schon gesehen haben?«

»Daß Sie mich vor zwei Stunden beraubt!«

»Das übersteigt alle Grenzen!« rief sie, und der erheuchelte Zorn stand ihr allerliebst. »Sie wollen ein Gesandter sein; aber vergessen Sie nicht, daß das Recht eines solchen auch seine Grenzen hat.«

»Welche Dreistigkeit! Aber Sie sollen mich nicht zweimal in derselben Nacht zum besten haben!«

Ich sprang auf sie zu, bückte mich nieder und hob den Saum ihres Kleides empor. »Sie würden wohlgetan haben, Ihr Gewand zu wechseln, nachdem Sie einen so tüchtigen Ritt gemacht haben!«

Wie wenn die Morgenröte den Gipfel des schneebedeckten Berges beleuchtet, so schimmerte jetzt auf ihren Wangen glühende Röte. »Unverschämt! Ruft die Diener herbei und laßt ihn zum Schloß hinauswerfen!«

»Erst will ich den König sprechen!«

»Das wird nicht geschehen! Ah, halten Sie ihn fest, von Rosen, halten Sie ihn fest!«

Wenn sie gemeint hatte, ich würde ruhig warten, bis ihre Helfershelfer erschienen, so hatte sie sich gewaltig verrechnet. Warum hatte sie mir ihre Karte verraten! Ihre ganze Absicht ging darauf aus, mich von ihrem Gemahl fernzuhalten; nun, und die meine war, ihn um jeden Preis zu sprechen. Schnell wie der Blitz war ich aus dem Gemach, rannte durch die Halle und drang in jenes große Zimmer, aus welchem das Gemurmel gekommen war. Am entgegengesetzten Ende sah ich auf erhöhtem Sitz unter dem Thronhimmel den König, vor ihm eine Reihe vornehmer Würdenträger und zu beiden Seiten eine ganz ansehnliche Versammlung. Den Tschako unterm Arm schritt ich mit klirrendem Säbel vorwärts, blieb in der Mitte stehen und rief mit lauter Stimme:

»Ich bin der Abgesandte des Kaisers von Frankreich und überbringe dem König von Sachsen eine Botschaft.«

Der Mann unter dem Thronhimmel erhob sein Haupt und wendete mir sein abgezehrtes, vergrämtes Antlitz zu. Ich sah, daß sein Rücken so gebeugt war, als drücke ihn eine ungeheure Last.

»Ihr Name, mein Herr?«

»Oberst Etienne Gerard von den dritten Husaren.«

Alle Blicke der zahlreichen Gäste waren auf mich gerichtet; aber ich bemerkte keinen einzigen darunter, der mich freundlich angeschaut hätte. Jene Frau war an mir vorüber zu dem König hingeeilt und flüsterte ihm mit zorniger Gebärde etwas ins Ohr. Und ich? Nun, ich warf mich gehörig in die Brust, drehte meinen Bart und sah mir die Gesellschaft gleichmütig an. Es waren lauter Männer, anscheinend Professoren, Studenten, Soldaten, Künstler, und alle saßen ernst und schweigend da. In der einen Ecke bemerkte ich eine Gruppe schwarzgekleideter Männer im Reitanzug, welche die Köpfe zusammensteckten und sich leise besprachen, wobei dann und wann das Klirren ihrer Säbel und Sporen hörbar wurde.

»Ich sehe aus des Kaisers Briefen an mich, daß der Marquis St. Arnaud beauftragt war, mir die schriftlichen Botschaften zu überbringen.« sagte der König.

»Der Marquis ist meuchlings ermordet worden,« antwortete ich, während die Anwesenden in ein dumpfes Gemurmel ausbrachen. Zugleich sah ich, daß mehr als ein Kopf sich den schwarzen Männern in der Ecke zuwendete.

»Ihre Papiere?« fuhr der König fort.

»Ich besitze keine.«

Da erhob sich wütender Lärm um mich herum. »Ein Spion, ein Spion! Hängt ihn!« brüllte eine tiefe Stimme aus der Ecke, und ein Dutzend anderer stimmten bei. Ich zog mein Taschentuch hervor und schnippte ein Stäubchen vom Pelzbesatz meines Rockes. Der Fürst streckte seine hageren Hände aus, worauf wieder tiefe Stille eintrat.

»Nun, so übergeben Sie uns Ihre Beglaubigung und bringen Sie Ihre Botschaft vor!«

»Die Uniform ist meine Beglaubigung, und jene Botschaft nur für Ihr Ohr bestimmt.«

Er fuhr mit der Hand nach der Stirn, wie jemand, der keinen Rat mehr weiß, während die Königin angelegentlich auf ihn einsprach. Endlich sagte er mit seiner müden Stimme: »Ich halte eben mit meinen treuen Untertanen Rat; ich habe keine Geheimnisse vor ihnen und meine, es ist nur billig, daß sie erfahren, was der Kaiser mir in dieser wichtigen Zeit zu sagen hat.«

Da ging ein Murmeln des Beifalls durch die Reihen, und aller Augen waren auf mich gerichtet. Potz tausend, meine Aufgabe war nicht leicht! Viel lieber hätte ich jetzt vor meinen achthundert Husaren eine Rede gehalten, als vor diesem Publikum hier. Aber ich heftete meine Blicke fest auf den König und sagte mit lauter, weithin schallender Stimme ganz dasselbe, was ich ihm auch unter vier Augen gesagt haben würde:

»Sie haben den Kaiser oft Ihrer Freundschaft versichert, die Zeit ist gekommen, wo sie sich bewähren soll. Wollen Sie zu ihm stehen, so will er Sie belohnen, wie nur er belohnen kann. Ihm ist es ein Leichtes, einen Fürsten zu einem König, ein Ländchen zu einer großen Macht zu machen. Seine Blicke sind auf Sie gerichtet; Sie können ihm wenig Schaden zufügen, er aber, er kann Sie ruinieren. In diesem Moment geht er mit zweihunderttausend Mann über den Rhein. Jede Festung im Lande ist in seinen Händen. In einer Woche wird er hier sein, und wenn Sie ihn verraten haben, dann gnade Gott Ihnen und Ihrem Volke. Sie glauben, er sei erschöpft, weil ein paar von uns letzten Winter Frostbeulen bekamen. Sehen Sie hier!« rief ich aus, indem ich nach einem hellen Sterne wies, der durch das Fenster gerade über des Fürsten Kopf hereinleuchtete, »das ist des Kaisers Stern! Wenn dieser in Stücke zerschellt, dann wird auch er untergehen – aber vorher nicht.«

Sie wären stolz auf mich gewesen, meine Freunde, wenn Sie mich hätten sehen und hören können, denn ich rasselte mit meinem Säbel, als ich sprach und schwang meinen Dolman, als stände mein Regiment im Hofe unten gefechtsbereit. Stillschweigend wurde ich angehört, aber der Rücken des Fürsten krümmte sich mehr und mehr, als ginge die darauf ruhende Last über seine Kräfte. Mit unsicherem Blicke sah er sich um.

»Wir haben einen Franzosen für Frankreich sprechen lassen,« sagte er; »nun soll ein Deutscher für Deutschland reden.«

Die Leute warfen einander fragende Blicke zu und flüsterten. Meine Rede hatte, meiner Meinung nach, ihre Wirkung getan, denn kein einziger wagte es, meinem Herrn entgegen zu sein. Die Augen der Königin blitzten erwartungsvoll; endlich brach ihre klare Stimme das Schweigen. »Muß denn ein Weib diesem Franzosen seine Antwort geben? Ist denn unter Lützows Jägern keiner, der seine Zunge so gut wie sein Schwert zu gebrauchen versteht?«

Laut polternd fiel ein Tisch über den Haufen, und ein Jüngling sprang auf einen Stuhl – ein blasser, kühner Jüngling mit feurigen Augen und wirrem Haar. Der Säbel hing ihm lang an der Seite herab, und seine Reitstiefel waren mit Kot bespritzt, aber eine Glut der Begeisterung flammte aus seinen Zügen, ein Feuer, wie ich es noch nie geschaut.

»'s ist der Körner, der Körner!« lief's von Munde zu Munde, »der junge Körner, der Dichter! Ah, seht, er will singen, er will singen!«

Ja, er sang. Mit süßer, träumerischer Stimme hob er an. Er erzählte vom alten Vaterland, der Mutter aller Völker, mit seinen blühenden, sonnigen Triften, reichen Städten, dem Ruhme alter Helden. Bald jedoch veränderten sich diese schmeichelnden Töne, wie lauter Trompetenstoß schallte es durch den weiten Raum. Denn nun sang er von dem Deutschland, wie es heute war – vom Feinde überfallen, in Schmach und Schande! Aber es sollte so nicht bleiben, der Riese wachte auf, er sprengte die Fesseln. War das Leben so kostbar, daß man's dem Vaterlande nicht weihen sollte? Warum den Tod auf dem Felde der Ehre scheuen? Die Mutter, die große Mutter rief zu ihren Kindern um Hilfe! Vernehmt ihr ihr Seufzen nicht im Nachtwinde? Werdet ihr kommen? Werdet ihr kommen?

Ah, das schreckliche Lied, das durchgeistigte Gesicht und die klare, metallische Stimme! Wo blieben da ich, Frankreich und der Kaiser? Die Männer stiegen auf Stühle und Tische, sie brüllten Beifall und gebärdeten sich wie toll, ja, sie schluchzten, und Tränen rannen über ihre Wangen. Körner war wieder vom Stuhle herabgesprungen und von seinen Kameraden mit gezogenen Säbeln jubelnd begrüßt worden. Der Fürst hatte sich erhoben, und eine leichte Röte bedeckte seine Wangen, als er sagte:

»Oberst Gerard, Sie haben soeben die Antwort vernommen; überbringen Sie sie Ihrem Kaiser. Meine Kinder, der Würfel ist gefallen, euer Fürst wird zu euch stehen!«

Er verbeugte sich, zum Zeichen, daß die Versammlung geschlossen sei, und die Leute entfernten sich, um die Nachricht in der Stadt zu verkünden. Ich hatte getan, was in meiner Macht gestanden, und ließ mich nun nicht ungern vom Strom mit hinwegführen. Was hatte ich noch im Schlosse zu suchen! Ich hatte meine Antwort erhalten und mußte sie nun meinem Herrn überbringen. Nur schnell hinweg von dieser Stätte! Vor der Türe trennte ich mich von der Menge und ging, mein Pferd aufzusuchen.

Es war ganz dunkel bei den Ställen drüben, und ich spähte eben nach einem Stallburschen aus, als meine beiden Arme von hinten her gepackt wurden. Zu gleicher Zeit legten sich mir Hände um Handgelenke und Hals, und ich fühlte die kalte Mündung einer Pistole an meinem Ohr.

»Den Mund gehalten!« raunte eine grimmige Stimme. »Wir haben ihn, Herr Hauptmann!«

»Auch den Zügel?«

»Jawohl!«

»Werfen Sie ihn über seinen Kopf!«

Der kalte Riemen legte sich um meinen Hals. In diesem Momente trat ein Stallbursche mit einer großen Laterne heraus, um sich das Ding mitanzusehen, und nun gewahrte ich rings um mich die ernsten Gesichter der wilden Jäger in ihren schwarzen Mützen und Mänteln.

»Was haben Sie mit ihm vor, Herr Hauptmann?« fragte eine Stimme.

»Am Tor aufhängen!«

»Einen Gesandten?«

»Einen Gesandten ohne Beglaubigung!«

»Aber der König?«

»Aber, mein Freund, sehen Sie denn nicht, daß der König dadurch gezwungen wird, auf unsere Seite zu treten? Wie die Dinge jetzt stehen, kann er morgen schon seinen Sinn wieder ändern – aber eine Gewalttat an einem Husarenoffizier verzeiht ihm der Kaiser nie!«

»Nein, nein, von Strelitz, es geht nicht!« bemerkte eine andere Stimme.

»Geht nicht? So will ich's Ihnen zeigen!«

Ein heftiger Ruck am Zügel warf mich fast zu Boden. Zu gleicher Zeit sauste ein Säbel durch die Luft, und der Riemen wurde, keine zwei Zoll von meinem Halse entfernt, durchschnitten.

»Zum Teufel, Körner, was tun Sie da! Das nenne ich offenen Aufruhr! Wollen Sie vielleicht selbst gehängt werden?«

»Mein Schwert steht im Dienste eines Soldaten und nicht eines Briganten! Blut darf seine Schneide sehen, niemals aber Unehre! Soldaten, könnt ihr dabeistehen, wenn dieser Mann mißhandelt wird?«

Ein Dutzend Säbel flogen aus der Scheide und lehrten mich, daß meine Freunde und meine Gegner an Zahl einander ungefähr gleichstanden. Die zornigen Stimmen und das Blitzen der Waffen hatten eine Schar Zuschauer angelockt.

»Die Königin! Die Königin!« rief es da plötzlich von Munde zu Munde.

Da stand sie auch schon vor uns, und es war, als ob ihr liebliches Antlitz das nächtliche Dunkel erhellte. Und wenn ich auch alle Ursache hatte, sie, die mich betört und betrogen, zu hassen, so durchrieselte mich doch damals – ja, und auch heute noch – ein Gefühl von Wonne bei dem Gedanken, daß ich sie in meinen Armen gehalten, daß ich den Duft ihres Haares geatmet hatte! Ich weiß nicht, ob die deutsche Erde sie schon deckt, oder ob sie, eine greise Frau, in ihrem Schlosse zu Hof noch lebt, aber in dem Herzen und in der Erinnerung von Etienne Gerard wird sie für immer fortleben – ewig jung und liebreizend.

»Welche Schmach!« rief sie, indem sie auf mich zueilte, um mit ihren eigenen Händen die Schlinge von meinem Halse zu lösen. »Ihr wollt für unsere gerechte Sache streiten und macht den Anfang dazu mit solchem Teufelswerke? Dieser Mann steht in meinem Schutze, und wer ein Haar seines Hauptes krümmt, der soll mich kennen lernen!«

Meiner Treu, wie sie da eilten, aus dem Bereich dieser zornigen Augen in die Dunkelheit zu entrinnen! Sie aber wendete sich mir zu. »Sie mögen mir folgen. Oberst Gerard, ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden!«

Ich schritt hinter ihr her nach dem Zimmer, in das ich zuerst gewiesen worden war. Sie schloß die Türe und heftete die Augen mit einem kleinen Anflug von Mutwillen auf mich.

»Meinen Sie nicht, daß es ein Zeichen meines Vertrauens in Sie ist, wenn ich freiwillig mit Ihnen hier allein bleibe? Bedenken Sie, ich bin die Königin von Sachsen, und nicht die arme Gräfin Palotta von Polen!«

»Der Name tut nichts zur Sache. Ich habe einer Dame beigestanden, die ich in Not wähnte, und bin zum Dank dafür meiner Papiere und beinahe auch meiner Ehre beraubt worden.«

»Oberst Gerard, wir beide haben ein Spielchen gemacht. Sie haben eine Botschaft überbracht, wozu Sie keine Befugnis hatten und haben dadurch bewiesen, daß Sie an nichts Anstoß nehmen, wenn es die Wohlfahrt Ihres Landes gilt. Ihr Herz schlägt für Frankreich, das meinige für Deutschland. Glauben Sie mir, ich würde alles daran setzen, ja, ich wage Diebstahl und Betrug, wenn ich dadurch meinem armen Vaterlande nützen kann. Sie sehen, ich bin offen.«

»Das alles ist mir nichts Neues.«

»Gewiß! Aber nun ist doch das Spiel zu Ende; warum sollten wir im Unfrieden scheiden? Seien Sie versichert, wenn ich mich je wirklich in solcher Bedrängnis finden sollte, wie ich sie heute in jenem Wirtshause erheuchelt, so möchte ich mir keinen ritterlicheren Beschützer, keinen treueren Helfer wünschen, als den Oberst Etienne Gerard! Glauben Sie mir, es ist mir nicht leicht geworden, Ihnen jene Papiere zu entwenden!«

»Und doch taten Sie es!«

»Ich mußte. Kannte ich doch ihren Inhalt und war mir bewußt, welche Wirkung er auf den König ausüben würde. Wären sie in seine Hände gelangt, dann wäre alles verloren gewesen!«

»Warum greifen Eure königliche Hoheit zu solchen Hilfsmitteln, wo ein Dutzend Briganten, von der Sorte, die mich vorhin an Ihrem Tor aufhängen wollten, die Sache ebensogut verrichtet hätten?«

»Das sind keine Briganten, es sind die wackersten Männer Deutschlands!« erwiderte sie leidenschaftlich. »Wenn Sie etwas rauh angefaßt worden sind, so vergessen Sie auch nicht, was jeder Deutsche, von der Königin von Preußen herunter, durch Euch leiden mußte! Weshalb ich Ihnen nicht auf der Landstraße auflauern ließ? O, meine Jäger standen allerorten, und ich selbst harrte in Lobenstein des Berichtes über ihren Erfolg. Als statt des letzteren Sie selbst erschienen, da war ich in Verzweiflung, denn nun stand nur noch ein schwaches Weib zwischen Ihnen und meinem Gatten. Begreifen Sie, in welcher Verlegenheit ich mich befand, bevor ich mich entschloß, zu den Waffen meines Geschlechtes zu greifen?«

»Ich muß mich für besiegt erklären, Hoheit; was bleibt mir anderes übrig, als Ihnen das Feld zu räumen?«

»Nehmen Sie Ihre Papiere mit sich!« – sie überreichte sie mir. – »Der König hat nun den Rubikon überschritten. Legen Sie sie in des Kaisers Hände zurück und sagen Sie ihm, daß wir es abgelehnt haben, sie entgegenzunehmen. Auf diese Weise kann Ihnen niemand nachsagen, Sie hätten die Briefschaften verloren. Leben Sie wohl, Oberst Gerard; mein innigster Wunsch ist, ihr werdet Frankreichs Boden nicht wieder verlassen, nachdem ihr ihn einmal betreten habt, denn nach Jahresfrist wird für einen Franzosen kein Raum mehr auf dieser Seite des Rheines sein.«

Das war das Spiel zwischen mir und der Königin von Sachsen um ganz Deutschland. Ich hatte es verloren. Das Abenteuer gab mir viel zu denken, als ich mich mit meiner armen Violetta nach Westen wendete. Aber immer stand vor meinem Auge die stolze, schöne Gestalt jener deutschen Frau, immer noch klang mir die Stimme jenes Dichters und Soldaten im Ohr. Und da wurde mir klar, daß es etwas Schreckliches sei um dieses starke, duldende Deutschland, der Mutter vieler Nationen, und ich fühlte, daß ein so altes, heißgeliebtes Land nie besiegt werden konnte. Und als ich so dahinritt, da brach der Morgen an, und der helle Stern, auf den ich durch das Fenster des Schlosses gedeutet – – er stand bleich und trübe am westlichen Himmel!

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