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Die Abenteuer des Brigadiers Gerard. Zweiter Band

Arthur Conan Doyle: Die Abenteuer des Brigadiers Gerard. Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorArthur Conan Doyle
titleDie Abenteuer des Brigadiers Gerard. Zweiter Band
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
yearo.J.
translatorR. Lautenbach u. Luise Schroeter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161108
projectidba9b0783
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Wie der Brigadier sein letztes Abenteuer bestand.

Ich werde Ihnen in Zukunft keine Geschichten mehr erzählen, meine lieben Freunde. Es heißt, daß es dem Menschen ergehe wie dem Hasen, der im Kreis 'rum läuft und zum Sterben wieder an die Stelle zurückkehrt, von der er ausgegangen ist. Die Gascogne hat jüngst ihren Sohn gerufen. Ich sehe die blaue Garonne, wie sie sich zwischen den Weingärten durchwindet, und den noch tiefer blauen Ozean, in den sie ihre Wasser ergießt. Ich sehe auch die alte Stadt und an dem langen steinernen Kai entlang den Wald von Masten. Meine Brust sehnt sich nach der Luft meiner Heimat und nach den erwärmenden Strahlen ihrer Sonne. Hier in Paris habe ich meine Freunde, meinen Zeitvertreib und meine Zerstreuungen. Dort sind alle, die mich kannten, ins Grab gestiegen. Und trotzdem erklingt mir der Südwest, wenn er an meinen Fenstern rüttelt, wie die kräftige Stimme meines Mutterlandes, die ihr Kind an ihren Busen zurückruft, und an den zurückzukehren, ich nun bereit bin. Ich habe meine Rolle in meiner Zeit gespielt. Die Zeit ist dahingegangen. Ich muß auch dahingehen. Nicht doch, mes chers amis, schauen Sie nicht so traurig drein, denn was kann glücklicher sein als ein Leben, das in Ehren vollendet und durch Freundschaft und Liebe verschönt ist? Und doch ist es auch wieder feierlich, wenn sich ein Mann dem Ziele seiner langen Wanderung nähert und die Krümmung sieht, die ihn in das Unbekannte führt. Aber der Kaiser und alle seine Marschälle sind um jene dunkele Krümmung herumgeritten und in das Jenseits hinüber gegangen. Meine Husaren auch – es sind keine Fünfzig mehr, die nicht schon drüben warten. Ich muß fort. Aber heute, am letzten Abend will ich Ihnen etwas erzählen, was mehr ist als eine bloße Geschichte – was ein großes historisches Geheimnis ist. Meine Lippen sind bis jetzt verschlossen gewesen, aber ich sehe keinen Grund, warum ich keine Kunde hinterlassen sollte von diesem merkwürdigen Ereignis, das sonst der Menschheit gänzlich verloren gehen würde, weil ich, und ich allein von allen Lebenden, die tatsächlichen Begebenheiten kenne.

Ich muß Sie bitten, mes amis, mit mir in das Jahr 1821 zurückzugehen. In jenem Jahre war unser großer Kaiser sechs Jahre von uns fort, und nur dann und wann hörten wir über die See her ein leises Flüstern an unser Ohr dringen, das bewies, daß er noch lebte. Sie können sich kaum vorstellen, wie uns, die ihn lieb hatten, der Gedanke bedrückte, daß sich in der Gefangenschaft sein großer Geist auf jenem einsamen Eiland verzehren sollte. Dieser Gedanke stand morgens mit uns auf und ging abends mit uns schlafen, wir konnten ihn nie los werden, und wir fühlten uns in unserer Ehre gekränkt, daß er, unser Herr und Meister, so gedemütigt werden sollte, ohne daß wir eine Hand für ihn rühren konnten. Viele von uns würden gerne den Rest ihres Lebens hingegeben haben, ihm eine kleine Erleichterung zu verschaffen, und doch konnten wir weiter nichts tun als in unseren Cafés sitzen und auf die Landkarte stieren und die Meilen Wasser berechnen, die uns trennten. Es schien uns, daß er ebenso gut im Mond sitzen könnte, so wenig konnten wir ihm helfen. Aber das kam nur daher, daß wir alle Soldaten waren und nichts von der See verstanden.

Natürlich hatten wir auch unsere eigenen kleinen Kümmernisse, die uns verbitterten, ebenso wie das Unrecht an unserem Kaiser. Viele von uns hatten einen hohen Rang inne gehabt und wollten ihn wiedererhalten, wenn er seinen wiedererlangte. Wir hatten es nicht über uns gewinnen können, unter der weißen Fahne der Bourbonen zu dienen und den Eid zu leisten, der unsere Säbel gegen den Mann hätte wenden können, den wir liebten. So waren wir denn ohne Tätigkeit und ohne Mittel. Was konnten wir also tun, als zusammenkommen und plaudern und murren, wobei diejenigen, die etwas hatten, die Zeche bezahlten, und diejenigen, die nichts hatten, sich brüderlich am Trinken beteiligten? Dann und wann, wenn uns das Glück günstig war, arrangierten wir einen Streit mit einem von der Garde du Corps, und wenn wir ihn im Boulogner Wäldchen auf dem Rücken liegen gelassen hatten, fühlten wir, daß wir wieder 'mal etwas für Napoleon getan hatten. Allmählich kannten sie aber unsere Versammlungsorte und mieden sie wie Wespennester.

In einem dieser Lokale – »Der Große Mann« – in der Rue Varennes, verkehrten mehrere der jüngeren höheren napoleonischen Offiziere. Fast alle von uns waren Oberste oder Adjutanten gewesen, und wenn jemand zu uns kam, der nur einen geringeren Rang eingenommen hatte, so ließen wir ihn allgemein fühlen, daß er sich eine Freiheit genommen hatte. Zu unserem Zirkel gehörten Rittmeister Lépine, der sich bei Leipzig die Ehrenmedaille verdient hatte; Oberst Bonnet, der Adjutant Macdonalds; Oberst Jourdan, dessen Ruf in der Armee gleich hinter meinem kam; Sabbatier von meinen eigenen Husaren; Meunier von den Roten Lanciers; Le Breton von der Garde und ein Dutzend andere. Wir trafen uns jeden Abend, unterhielten uns, spielten Domino, tranken ein Glas Wein und waren neugierig, wie lange es noch dauern würde, bis der Kaiser wieder zurück, und wir wieder an der Spitze unserer Regimenter wären. Die Bourbonen hatten bereits jede Stütze im Volk, die sie vielleicht 'mal besessen hatten, verloren, was sich ja nach einigen Jahren zeigte, als Paris gegen sie aufstand, und sie zum drittenmal aus Frankreich vertrieben wurden. Napoleon hätte sich nur an der Küste sehen zu lassen brauchen, und er hätte ohne einen Flintenschutz nach der Hauptstadt marschieren können, genau ebenso wie damals, als er von Elba kam.

Nun, als die Dinge in diesem Stadium standen, erschien an einem Februarabend in unserem Café ein ganz seltsamer kleiner Mann. Er war nicht groß, aber riesig breit, hatte mächtige Schultern und einen abnorm großen Kopf. Sein ernstes, braunes Gesicht war von eigentümlichen Narben durchfurcht, und er hatte einen graumelierten Bart, von der Fasson, wie ihn Seeleute tragen. Zwei goldene Ringe in den Ohren und eine Menge Tätowierungen auf Händen und Armen deuteten gleichfalls darauf hin, daß er Seemann war. Er stellte sich uns selbst als Kapitän Fourneau von der kaiserlichen Marine vor. Er hatte an zwei oder drei von unseren Mitgliedern Empfehlungsschreiben bei sich, und es unterlag keinem Zweifel, daß er ein Anhänger unserer Sache war. Er erwarb sich auch bald unsere Achtung, denn er hatte so viele Schlachten gesehen wie nur einer von uns, und die Narben auf seinem Gesicht hatte er sich in der Schlacht bei Abukir geholt, als er auf seinem Posten ausgeharrt hatte, bis der » Orient« unter ihm in die blaue Luft flog. Doch sprach er wenig von seinen Erlebnissen, sondern saß in einer Ecke und beobachtete uns mit einem Paar wunderbar scharfer Augen und hörte unseren Gesprächen zu.

Als ich in einer Nacht aus dem Café nach Hause gehen wollte, kam Kapitän Fourneau hinter mir her, nahm mich am Arm und führte mich, ohne ein Wort zu sprechen, eine ganze Weile, bis wir vor seiner Wohnung standen. »Ich möchte gerne noch etwas mit Ihnen plaudern,« sagte er dann und geleitete mich die Treppe hinauf in sein Zimmer. Dort zündete er eine Lampe an und überreichte mir ein Blatt Papier, das er aus einem Umschlag aus seinem Schreibtisch genommen hatte. Es war aus Schloß Schönbrunn bei Wien datiert und erst ein paar Monate alt.

»Kapitän Fourneau handelt im heiligsten Interesse des Kaisers Napoleon. Die ihm ergeben sind, sollten ihm, ohne zu fragen, gehorchen.

Marie Louise.«

Das war der Inhalt des Schreibens. Ich kannte die Unterschrift der Kaiserin sehr genau, und war nicht im Zweifel, daß sie echt sei.

»Nun,« sagte er, »genügt Ihnen meine Beglaubigung?«

»Vollkommen.«

»Sind Sie bereit, von mir Ordres entgegenzunehmen?«

»Dies Dokument läßt mir keine Wahl.«

»Gut! In erster Linie entnehme ich aus Ihren Bemerkungen im Café, daß Sie Englisch können.«

»Jawohl, das kann ich.«

»Geben Sie mir eine Probe davon.«

Ich sagte ihm auf englisch: »Wann immer der Kaiser die Hilfe Etienne Gerards braucht, so bin ich bei Tag und Nacht bereit, mein Leben in seinen Dienst zu stellen.« Kapitän Fourneau lächelte.

»Es ist ein drolliges Englisch,« versetzte er, »aber immerhin besser als gar kein's. Ich für meine Person spreche englisch wie ein Engländer. Es ist alles, was ich von einer sechsjährigen Gefangenschaft in England profitiert habe. Nun will ich Ihnen sagen, weshalb ich nach Paris gekommen bin. Ich bin hierher gekommen, um mir einen Agenten auszusuchen, der mir in einer Sache helfen soll, die ich im Interesse des Kaisers unternehmen will. Man erzählte mir, daß ich im Café zum »Großen Mann« die Auslese seiner alten Offiziere finden würde und mich darauf verlassen könnte, daß jeder Mann dort treu zu ihm stehe. Ich studierte Sie alle zu diesem Zweck und kam zu dem Resultat, daß Sie der geeignetste Mann zu meinem Vorhaben seien.«

Ich gab dieses Kompliment zu und fragte: »Was wünschen Sie also von mir?«

»Weiter nichts, als daß Sie mir einige Monate Gesellschaft leisten,« antwortete er. »Ich muß Ihnen mitteilen, daß ich mich nach meiner Freilassung in England ansäßig gemacht, eine Engländerin zur Frau genommen habe und allmählich dahin gelangt bin, das Kommando über ein kleines englisches Handelsschiff zu bekommen, auf dem ich mehrere Reisen von Southampton nach der Küste von Guinea gemacht habe. Man betrachtet mich als Engländer. Sie werden sich jedoch vorstellen können, daß ich mich bei meiner Anhänglichkeit an den Kaiser zuweilen recht vereinsamt fühle und gerne einen Gefährten haben möchte, der mit mir sympathisiert. Man wird ganz verdreht und stumpfsinnig auf diesen langen Fahrten, und ich würde mich freuen, wenn Sie meine Kajüte mit mir teilen und mir die Zeit vertreiben wollten.«

Während dieser ganzen Unterhaltung sah er mir mit seinen verschmitzten grauen Augen scharf ins Gesicht, und ich meinerseits blickte ihn auch so an, daß er merkte, er habe keinen Dummen vor sich. Er holte einen Segeltuchsack voll Geld herbei.

»Hier sind hundert Pfund in Gold drin,« sagte er. »Dafür können Sie sich einige Reiseutensilien kaufen. Ich möchte Ihnen empfehlen, das in Southampton zu besorgen, von wo wir in zehn Tagen segeln werden. Das Schiff heißt der »Schwarze Schwan«. Ich kehre morgen nach Southampton zurück und hoffe, Sie im Lauf der nächsten Woche dort zu sehen.«

»Nun erzählen Sie mir aber auch frank und frei, was das Ziel unserer Reise ist,« sagte ich.

»O, habe ich's Ihnen nicht schon angegeben?« antwortete er. »Wir sind nach Guinea an der afrikanischen Küste bestimmt.«

»Wie kann das aber im höchsten Interesse des Kaisers liegen?« fragte ich weiter.

»In seinem höchsten Interesse liegt es, daß Sie keine indiskreten Fragen stellen, und ich keine indiskreten Antworten gebe,« erwiderte er scharf. Damit machte er der Unterhaltung ein Ende, und als ich am anderen Morgen in meiner Behausung aufwachte, erinnerte mich nur das Säckchen mit Goldstücken an dieses seltsame Interview, das ich in der Nacht gehabt hatte.

Ich hatte allen Grund zu erfahren zu suchen, wie sich diese Geschichte weiter entwickeln würde, und so befand ich mich denn innerhalb einer Woche auf dem Weg nach England. Ich fuhr von St. Malo nach Southampton, und als ich mich am Hafen erkundigte, fand ich bald ohne größere Schwierigkeiten den »Schwarzen Schwan«, ein sauberes, kleines Fahrzeug von der Gattung, die man, wie ich später erfuhr, als Brigg bezeichnet. Kapitän Fourneau befand sich persönlich auf Deck, und sieben oder acht handfeste Burschen waren hart dabei, sie in Stand zu setzen und seeklar zu machen. Er begrüßte mich und führte mich hinunter in seine Kajüte.

»Sie gelten hier als Kanal-Insulaner, Herr Gerard,« sagte er zu mir, »und ich würde Ihnen daher dankbar sein, wenn Sie Ihre militärischen Allüren und Ihren Kavallerieton ablegten, wenn Sie auf Deck auf- und abspazieren. Ein Vollbart würde auch seemannsmäßiger aussehen als dieser Schnurrbart.«

Ich war entsetzt bei diesen Worten, doch, allem Anschein nach, gab's auf hoher See keine Damen, und was konnte 's also weiter schaden? Er klingelte nach dem Steward.

»Gustav,« sagte er, »du wirst hier meinem Freund, Herrn Etienne Gerard, der diese Reise mit uns macht, alle Aufmerksamkeiten erweisen. Das ist Gustav Kerouan, mein bretonischer Steward,« fügte er erläuternd hinzu, »und in seinen Händen können Sie sich sicher fühlen.«

Dieser Steward mit seinem rauhen Gesicht und seinen strengen Augen sah für eine solch friedliche Beschäftigung recht kriegerisch aus. Ich äußerte jedoch nichts, obwohl ich, wie Sie sich denken können, die Augen offen hielt. Neben der Kajüte war eine Kabine für mich zurecht gemacht worden, die ziemlich komfortabel geschienen hätte, wenn sie nicht mit der glänzenden Einrichtung von Fourneaus eigenen Räumen so stark kontrastiert hätte. Er mußte sicher ein sehr prunkliebender Mann sein, denn seine Kajüte war derart mit Samt und Silber ausgestattet, daß sie eher auf die Yacht eines Fürsten, als auf ein kleines afrikanisches Handelsschiff gepaßt hätte. Das mochte wohl auch Herr Burns denken, der seine Verwunderung und Verachtung darüber nicht verbergen konnte, so oft er hineinsah. Dieser Mann, ein großer, kräftiger, rothaariger Engländer, hatte die Kabine auf der anderen Seite der Kajüte inne. Dann waren noch ein zweiter Maat und neun Mann Besatzung und ein Schiffsjunge an Bord. Von der Mannschaft waren noch, wie ich von Herrn Burns erfuhr, drei Kanal-Insulaner wie ich selbst. Dieser Burns, der erste Maat, mochte zu gerne wissen, warum ich eigentlich mitführe.

»Ich reise zum Vergnügen.« sagte ich ihm.

Er sah mich starr an.

»Schon je 'mal an der Westküste gewesen?« fragte er.

Ich antwortete, daß das nicht der Fall gewesen sei.

»Das hab' ich mir gleich gedacht,« erwiderte er. »Und Sie werden wohl auch kein zweitesmal zu dem Zweck mitkommen.«

Ungefähr drei Tage nach meiner Ankunft lichteten wir die Anker und gingen in See. Ich war nie sehr seefest und muß gestehen, daß wir längst außer Sicht von irgendwelchem Land waren, ehe ich im Stand war, mich auf Deck zu wagen. Endlich aber, am fünften Tage, trank ich die Bouillon, die mir der gute Kerouan brachte, und fühlte mich kräftig genug, um aus meiner Koje zu kriechen und die Treppe 'nauf zu klettern. Die frische Luft tat mir sehr wohl, und von da an gewöhnte ich mich an die Schwankungen des Schiffes. Mein Bart war mittlerweile auch gewachsen, und ich zweifele nicht daran, daß ich ein ebenso vorzüglicher Seemann geworden wäre, wie ich ein Soldat war, wenn ich zufällig zu diesem Dienstzweig geboren worden wäre. Ich konnte bald die Taue ziehen, womit die Segel gehißt wurden, und auch die langen Stangen einholen, woran sie befestigt waren. Hauptsächlich bestand meine Beschäftigung jedoch darin, mit dem Kapitän Fourneau Ecarté zu spielen und ihm Gesellschaft zu leisten. Es war nicht zu verwundern, daß er jemanden um sich haben wollte, denn keiner von seinen Leuten konnte lesen oder schreiben, obwohl sie alle ausgezeichnete Seeleute waren. Ich kann mir nicht denken, wie wir in dieser Wasserwüste uns hätten zurecht finden sollen, wenn unser Kapitän plötzlich gestorben wäre, denn außer ihm konnte kein Mensch den Ort bestimmen, wo wir waren. Er hatte eine Karte in seiner Kajüte hängen, auf der er jeden Tag den Kurs bezeichnete, so daß wir mit einem Blick sehen konnten, wie weit wir noch von unserem Bestimmungsort entfernt waren. Es war wunderbar, wie fein er das berechnen konnte. Eines Morgens sagte er, daß wir in der kommenden Nacht die Lichter von Kap Verde passieren würden und tatsächlich, als die Nacht eintrat, sahen wir sie zu unserer Linken leuchten. Am nächsten Tage jedoch war das Land außer Sicht und Burns erklärte mir, daß wir nun eher kein's wieder sehen würden, bis wir an unserem Landungsplatz in der Bucht von Biafra ankämen. Alle Tage ging's mit günstiger Brise weiter südlich, und jeden Mittag rückte die Stecknadel auf der Karte näher und näher an die afrikanische Küste. Ich muß hier einflechten, daß wir Palmöl laden wollten, und daß unsere Fracht auf der Ausreise aus bunten Kleidern, alten Gewehren und anderem Krimskram bestand, wie ihn die Engländer an die Eingeborenen zu verkaufen pflegen.

Endlich hörte der Wind auf, der uns so lange begünstigt hatte, und mehrere Tage trieben wir auf spiegelglatter See und unter einer Sonne, daß auf Deck zwischen den Planken das Pech herausquoll. Wir drehten und drehten an unseren Segeln, um jedes Lüftchen aufzufangen, bis wir endlich aus dieser windstillen Zone 'rauskamen und wieder mit einer frischen Brise südlich liefen. In dieser Gegend wimmelte es von fliegenden Fischen. Einige Tage schon war Burns sehr unruhig, ich bemerkte, wie er sich fortwährend die Hände über die Augen hielt und nach dem Horizont ausblickte, als ob er Land suchte. Zweimal erwischte ich ihn in der Kajüte, wie er auf der Karte die Stecknadel anstierte, die sich der Küste immer mehr näherte und sie doch nie erreichte. Endlich, eines Abends, als der Kapitän und ich eine Partie Ecarté in der Kajüte spielten, trat er mit einem wütenden Ausdruck auf seinem sonnengebräunten Gesicht zur Türe 'rein.

»Entschuldigen Sie, Herr Kapitän,« sagte er. »Wissen Sie eigentlich, welchen Kurs der Mann am Ruder steuert?«

»Direkt südlich,« antwortete der Kapitän, die Augen auf seine Karten gerichtet.

»Und direkt östlich sollte er steuern!«

»Woher wissen Sie das?«

Der Maat brummte zornig etwas in den Bart.

»Ich habe keine bessere Ausbildung gehabt. Herr Kapitän,« sagte er dann, »aber ich kann Ihnen sagen, ich fahre in diesen Gewässern, seitdem ich ein Bengel von zehn Jahren war, und ich weiß, wann wir die Linie passieren, und weiß, wann wir in den Kalmen sind, und weiß, wie man nach den Oelflüssen fährt. Wir sind jetzt südlich der Linie und wir müßten direkt östlich, statt südlich steuern, wenn wir in den Hafen kommen wollen, wo uns die Rheder hingeschickt haben.«

»Entschuldigen Sie, Herr Gerald. Merken Sie, daß ich am Ausspielen bin,« sagte der Kapitän, indem er die Karten hinlegte. »Kommen Sie an die Karte, Herr Burns, ich will Ihnen eine Lektion in praktischer Navigation erteilen. Hier ist die Region des Südwest-Passats, und hier ist die Linie, und hier in diesen Hafen wollen wir, und hier ist ein Mann, der sein Schiff nach seiner Weise lenkt.« Während er noch sprach, erwischte er den unglücklichen Maaten an der Kehle und würgte ihn, bis er fast besinnungslos war. Der Steward Kerouan war inzwischen mit einem Tau herbeigeeilt, womit sie ihn knebelten und banden, daß er vollständig machtlos war.

»Am Steuer ist einer von unseren Franzosen,« sagte der Steward. »Den Maat werfen wir am besten über Bord.«

»Das ist das sicherste,« meinte Kapitän Fourneau.

Doch das war mehr, als ich ertragen konnte. Niemals würde ich mich dazu bereden lassen, zum Mord eines wehrlosen Menschen meine Einwilligung zu geben. Sehr ungnädig erklärte sich der Kapitän schließlich damit einverstanden, ihm das Leben zu schenken. Wir trugen ihn nach hinten in einen Raum unter der Kajüte, wo er zwischen Ballen von Manchestertuch gelegt wurde.

»Es ist kaum der Mühe wert, daß man erst die Luke wieder schließt,« sagte Kapitän Fourneau. »Gustav, geh' zu Herrn Turner und sag ihm, daß ich ihn sprechen möchte.«

Der ahnungslose zweite Maat trat in die Kajüte und wurde auf der Stelle ebenso traktiert, wie sein Kollege Burns. Er wurde dann gleichfalls 'nuntergetragen und neben ihn gelegt. Die Luke wurde dann wieder zugemacht.

»Der rothaarige Hund hat uns zu raschem Eingreifen gezwungen,« sagte der Kapitän, »und ich muß eher losschlagen, als ich wollte. Doch, es schadet weiter nichts und wird meine Pläne nicht ernstlich gefährden. Kerouan, du kannst der Mannschaft vorn ein Fäßchen Rum bringen und ihnen sagen, daß es ihnen der Kapitän schickt, damit sie's aus Anlaß des Passierens der Linie auf sein Wohl austrinken. Sie werden's nicht besser haben wollen. Unsere eigenen Leute bringst du dann 'nunter in deine Pantry, damit wir sicher sind, daß sie alle zur Tat bereit sind. Nun, Oberst Gerard, können wir, wenn's Ihnen recht ist, unser Ecarté weiter spielen.«

Es war dies eine Lebenslage, die man nicht leicht vergißt. Dieser Kapitän war ein Mann mit eisernen Nerven, er mischte und hob ab, gab Karten und spielte, als ob er in seinem Café säße. Von unten hörten wir die unartikulierten Laute der beiden Maate, die durch die Taschentücher, die sie im Mund hatten, ziemlich abgeschwächt waren. Draußen knarrte und ächzte in der starken Brise, die uns flott vorwärts trieb, das ganze Holz- und Segelwerk unseres Fahrzeugs. Durch das Rauschen der Wellen und das Pfeifen des Windes drang das wüste Jubelgeschrei der englischen Matrosen, die dem Rumfäßchen zu Leibe gingen. Wir machten ein Dutzend Spiele, und dann erhob sich der Kapitän und sagte: »Ich glaube, jetzt sind sie so weit.« Er nahm ein paar Pistolen aus einer Schublade und händigte mir eine ein.

Aber wir brauchten keinen Widerstand zu fürchten, denn es war kein Mensch zum Widerstand da. Der Engländer jener Zeit, ob Soldat oder Matrose, war ein unverbesserlicher Säufer. Wenn er nichts zu trinken hatte, war er ein braver und guter Mensch. Hatte er aber zu trinken, so gebärdete er sich wie ein Wahnsinniger – Maß halten kannte er nicht. In dem trüben Licht des Loches, worin sie hausten, fanden wir fünf Besinnungslose und zwei Wahnsinnige, die schrien, fluchten und sangen – das war die derzeitige Bemannung des »Schwarzen Schwans«. Der Steward schleifte die nötigen Taue herbei, und mit Hilfe der zwei Franzosen (der dritte war am Steuerrad) fesselten wir die Betrunkenen und banden sie so fest, daß sie weder sprechen noch sich rühren konnten. Sie wurden in den entsprechenden Raum im Vorderschiff gelegt, wie ihre Vorgesetzten im hinteren, und Kerouan bekam die Weisung, ihnen zweimal täglich Essen und Trinken zu bringen. So befand sich denn der »Schwarze Schwan« vollständig in unserem Besitz.

Wenn schlechtes Wetter eingetreten wäre, so weiß ich nicht, was wir hätten anfangen sollen, aber wir fuhren vergnügt weiter: der Wind war stark genug, uns rasch südlich zu treiben, aber nicht so stark, daß er uns beunruhigte. Am Abend des dritten Tages traf ich Kapitän Fourneau auf dem Oberdeck und merkte, daß er scharfen Ausguck hielt. Plötzlich rief er: »Gerard, sehen Sie dort, dort!« und zeigte über den Bugspriet unseres Fahrzeugs hinweg.

Ueber der tiefblauen See erhob sich der hellblaue Himmel, und in ganz weiter Ferne, wo sie zusammenstieben, sah ich etwas Schattenartiges wie eine Wolke, aber mit deutlicheren Umrissen.

»Was ist das?« fragte ich.

»Das ist Land.«

»Was für 'n Land?«

Ich war gespannt auf die Antwort, und doch wußte ich schon, wie sie lauten würde.

»Es ist St. Helena!«

Das war sie also, die Insel meiner Träume! Das war also der Käfig, wo unser großer Kaiser eingesperrt war! All' jene Tausende von Meilen Wasser hatten Gerard nicht von seinem Herrn zurückzuhalten vermocht. Dort war er, dort auf jener Wolkenbank über dem dunkelblauen Meer. Wie sie meine Blicke verschlangen! Wie meine Seele dem Schiff vorauseilte – weiter und weiter, ihm zu sagen, daß er nicht vergessen sei, daß nach langer Zeit endlich ein treuer Diener an seine Seite geeilt sei! Jeden Augenblick wurde der schwarze Fleck auf dem Wasser größer und deutlicher. Bald konnte ich erkennen, daß es wahrhaftig ein bergiges Eiland war. Die Nacht senkte sich nieder, aber ich lag noch immer auf den Knien, meine Augen in der Dunkelheit auf die Stelle gerichtet, wo ich wußte, daß mein großer Kaiser sei. Wir fuhren eine Stunde und noch eine, als uns plötzlich ein kleines, goldenes, funkelndes Licht direkt von vorne entgegenschimmerte. Es kam aus dem Fenster von irgendeinem Haus – vielleicht von seinem Hause. Es konnte höchstens ein bis zwei Meilen entfernt sein. O, wie ich meine Hände danach ausstreckte! – es waren nur die Hände Etienne Gerards, aber für ganz Frankreich waren sie ausgestreckt.

An Bord unseres Schiffes waren sämtliche Lichter ausgelöscht, und unter Anleitung des Kapitäns Fourneau zogen wir alle an einem der Taue, wodurch sich eine der Raaen über uns 'rumdrehte und das Schiff zum Stoppen kam. Dann bat er mich, mit in die Kajüte zu kommen.

»Sie werden jetzt alles begreifen. Oberst Gerard,« sagte er zu mir, als wir unten waren, »und Sie werden mir verzeihen, daß ich Sie nicht vorher vollkommen ins Vertrauen gezogen habe. In einer Sache von einer derartigen Wichtigkeit mache ich jedoch niemanden zum Vertrauten. Ich habe die Befreiung des Kaisers schon sehr lange geplant, und mein Verbleiben in England, wie mein Eintritt in ihre Handelsflotte geschah nur zu diesem Zweck. Es ist alles gegangen, wie ich's erwartet hatte. Ich habe mehrere erfolgreiche Reisen nach der Westküste Afrikas gemacht, so daß es keine Schwierigkeiten bereitete, auch dieses Kommando zu bekommen. Nach und nach gewann ich diese alten französischen Marinematrosen zur Besatzung. Sie habe ich mitgenommen, weil ich gerne einen erprobten Streiter im Fall des Widerstandes haben wollte, und auch auf der langen Heimreise einen passenden Gefährten für den Kaiser. Meine Kajüte ist schon zu diesem Zweck hergerichtet. Ich hoffe zuversichtlich, daß er vor Tagesanbruch d'rin ist, und wir außer Sicht sind von dieser verfluchten Insel.«

Sie können sich denken, mes amis, wie mich diese Worte bewegten. Ich umarmte den braven Fourneau und flehte ihn an, mir zu sagen, wie ich ihm behilflich sein könnte.

»Ich muß Ihnen alles überlassen,« sagte er. »Ich würde gern der erste sein, ihm meine Ehrfurcht zu bezeugen, aber es würde nicht ratsam für mich sein, das Schiff zu verlassen. Das Wetterglas fällt, das bedeutet Sturm, und wir haben das Land unter unserer Leeseite. Außerdem kreuzen drei englische Kriegsfahrzeuge um die Insel 'rum, die jeden Augenblick auf uns stoßen können. Ich muß also das Schiff bewachen, und Sie müssen den Kaiser bringen.«

Ich erzitterte bei diesen Worten.

»Geben Sie mir Ihre Weisungen!« schrie ich.

»Ich kann Ihnen nur einen Mann ablassen, denn ich kann so schon kaum die Segel bewältigen,« fuhr er fort. »Eins von den Booten ist 'nuntergelassen, und dieser Mann wird Sie an Land rudern und warten, bis Sie zurückkommen. Das Licht, was Sie sehen, ist tatsächlich das Licht von Longwood. Alle Menschen in diesem Haus sind Ihnen wohlgesinnt, und auf alle können Sie zählen, daß sie Ihnen bei der Flucht des Kaisers helfen. Es ist zwar um das Haus ein Kordon englischer Wachtposten aufgestellt, aber die sind ziemlich weit ab davon. Wenn Sie erst so weit sind, übermitteln Sie dann dem Kaiser unsere Pläne, geleiten ihn ans Boot und bringen ihn an Bord.«

Der Kaiser selbst hätte seine Instruktionen nicht kürzer und klarer geben können als Kapitän Fourneau. Es war kein Augenblick zu verlieren. Das Boot mit dem Matrosen wartete längsseit. Ich stieg ein und wir stießen ab. Unser kleines Fahrzeug tanzte über die dunkle Flut, aber vor meinen Augen leuchtete stets das Licht von Longwood, das Licht des Kaisers, der Stern meiner Hoffnung! Bald kratzte der Boden unseres Nachens über die Steine; wir waren am Ufer! Es war eine verlassene Stelle, und keine Wache rief uns an. Ich ließ den Seemann beim Boot und kletterte den Hügel hinauf.

Ein schmaler Ziegenpfad wand sich zwischen den Felsen durch, so daß es mir nicht schwer wurde, meinen Weg zu finden. In St. Helena konnte man mit Recht sagen, daß alle Pfade zum Kaiser führten. Ich kam an ein Tor. Keine Wache – ich ging durch. Noch ein Tor – wieder keine Wache! Ich wunderte mich, was aus diesem Kordon geworden sein möchte, von dem Fourneau gesprochen hatte. Ich war nun auf der Höhe angelangt, denn gerade vor mir brannte das Licht. Ich verbarg mich und schaute mich nach allen Seiten um, aber ich konnte noch immer keine Spur von einem Feind entdecken. Als ich näher ging, sah ich das Haus, ein langes, niedriges Gebäude mit einer Veranda. Auf dem Weg davor spazierte ein Mann auf und ab. Ich schlich mich näher und betrachtete ihn. Vielleicht war's der verdammte Hudson Lowe. Welch ein Triumph, wenn ich den Kaiser nicht nur befreien, sondern auch rächen könnte! Doch war's wohl wahrscheinlicher, daß es eine englische Wache war. Ich kroch noch etwas näher, und der Mann blieb vor dem erleuchteten Fenster stehen, sodaß ich ihn genauer sehen konnte. Nein, es war kein Soldat, sondern ein Geistlicher. Ich wunderte mich, was ein solcher Mann nachts um zwei Uhr hier tun möchte. War er ein Engländer oder ein Franzose? Wenn er ins Haus gehörte, so durfte ich ihn ins Vertrauen ziehen. Wenn er aber ein Engländer war, würde er alle meine Pläne zerstören. Ich schlich noch immer 'n bißchen näher, und in diesem Augenblick ging er ins Haus hinein. Jetzt hatte ich freie Bahn, und ich war mir bewußt, daß ich keine Sekunde verlieren dürfte. Gebückt lief ich schnell vorwärts an das erleuchtete Fenster. Ich hob den Kopf in die Höhe und guckte durch – vor mir lag die Leiche des Kaisers!

Meine Freunde, ich stürzte bewußtlos auf den Kiesweg, als ob ich einen Schuß durch den Kopf bekommen hätte. Mein Schreck war so groß, daß ich mich heute noch wundere, ihn überlebt zu haben. Und trotzdem hatte ich mich nach einer halben Stunde wieder aufgerafft und stand, an allen Gliedern zitternd und mit den Zähnen klappernd, an der Wand und stierte mit den starren Blicken eines Wahnsinnigen in das Zimmer des Toten.

Er lag auf einer Bahre mitten im Zimmer, ruhig, friedlich, majestätisch, sein Gesicht zeigte jene geheime Macht, die unsere Herzen leichter machte am Tage der Schlacht. Seine bleichen Lippen waren zu einem ganz unmerklichen Lächeln verzogen, seine halbgeöffneten Augen schienen auf mich gewandt. Er war stärker als damals, wo ich ihn bei Waterloo zum letzten Male gesehen hatte, und in seinem Gesicht lag ein sanfter Zug, den ich im Leben nie bemerkt hatte. Zu beiden Seiten brannte eine Reihe Kerzen, und das war das Licht, das uns auf der See erfreut, das mich über das Wasser geleitet, und das ich als den Stern meiner Hoffnung begrüßt hatte! Dunkel sah ich allmählich, daß viele Menschen niederknieten; der kleine Hofstaat, Männer und Frauen, die sein Geschick geteilt halten, Bertrand, seine Gemahlin, der Geistliche, Montholon – alle waren sie da. Ich hätte gerne auch gebetet, aber das Herz war mir zu schwer und zu weh. Und doch mußte ich Abschied nehmen, aber ich konnte ihn nicht verlassen, ohne ihm ein Zeichen zu geben. Ohne Rücksicht, ob ich gesehen werden möchte oder nicht, stellte ich mich aufrecht vor meinen entschlafenen Heerführer hin, nahm die Hacken zusammen und erhob meine Hand zu einem letzten Salut. Dann machte ich kehrt und eilte hinweg durch die dunkle Nacht, das Bild der bleichen, lächelnden Lippen und der starren grauen Augen vor mir.

Mir war's, als ob ich nur eine kurze Weile weggewesen sei, aber der Mann im Boot sagte mir, es seien Stunden. Erst als er davon sprach, bemerkte ich, daß sich der Wind erhoben hatte und daß die Wellen rauschend an die Felsen schlugen. Zweimal versuchten wir unser Boot abzustoßen, und zweimal wurde es vom Meere zurückgeworfen. Das drittemal schlug eine starke Welle den Boden durch. Hilflos warteten wir daneben, bis der Tag anbrach, doch zeigte er uns nur eine wütende See. Von dem »Schwarzen Schwan« war keine Spur zu sehen. Um weiter blicken zu können, klommen wir den Hügel hinauf, aber im weiten Umkreis schimmerte kein Segel auf dem Ozean. Er war fort. Ob er gesunken oder von seiner englischen Besatzung wieder genommen, oder was sonst für ein seltsames Schicksal ihm beschieden gewesen sein mag, weiß ich nicht. Auch Kapitän Fourneau habe ich nie wieder gesehen, um ihm das Resultat meiner Mission zu erzählen. Ich selbst übergab mich den Engländern, mein Bootführer und ich behaupteten, daß wir die einzigen Ueberlebenden eines untergegangenen Schiffes wären. Bei ihren Offizieren fand ich die großmütige Gastfreundschaft, die ich immer getroffen habe, aber es verstrich manch' langer Monat, ehe sich eine Gelegenheit zur Rückreise bot nach dem teueren Land, außerhalb dessen es für einen wahren Franzosen, wie ich es bin, keine wirkliche Glückseligkeit gibt.

Nachdem ich Ihnen nun erzählt habe, wie ich mich von meinem Herrn und Meister verabschiedet habe, will ich mich nun auch von Ihnen verabschieden, meine lieben Freunde, die Sie so geduldig den langatmigen Geschichten eines alten, gebrochenen Soldaten zugehört haben. Rußland, Italien, Deutschland, Spanien, Portugal und England, durch alle diese Länder sind Sie mir gefolgt, und durch meine trüben Augen hindurch haben Sie etwas von dem Funkeln und dem Glanz jener großen Zeit gesehen, und ich habe Ihnen einen schwachen Schatten gemalt von jenen Männern, bei deren Tritt die Erde zitterte. Bewahren Sie's in Ihrem Herzen und übertragen Sie's auf Ihre Kinder, denn die Erinnerung an ein großes Zeitalter ist der kostbarste Schatz, den eine Nation nur besitzen kann. Wie der Baum sich von seinen eigenen abgefallenen Blättern nährt, so mögen auch diese Toten und diese entschwundenen Tage eine neue blühende Epoche hervorbringen von Helden, Herrschern und Weisen. Ich ziehe nun nach der Gascogne, aber meine Worte bleiben hier in Ihrem Andenken, und wenn Etienne Gerard lange vergessen ist, wird sich vielleicht noch manchmal ein Herz erwärmen, oder ein Geist stärken durch irgendein schwaches Echo der Worte, die er hier gesprochen hat. Messieurs, ein alter Soldat salutiert und sagt Ihnen Adieu!

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