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Die Abenteuer des Brigadiers Gerard. Erster Band

Arthur Conan Doyle: Die Abenteuer des Brigadiers Gerard. Erster Band - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleDie Abenteuer des Brigadiers Gerard. Erster Band
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
editoro.J.
year
translatorR. Lautenbach u. Luise Schroeter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160605
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Zweiter Teil.

Wie der Brigadier die »Brüder« erschlug.

Der alte Brigadier saß im Café im Kreise seiner Freunde und erzählte:

 

So oft Napoleon einer hilfreichen Hand bedurfte, erwies er mir stets die Ehre, sich des Namens Etienne Gerard zu erinnern, wenngleich sein Gedächtnis ihn gelegentlich im Stiche ließ, sobald es galt, Dienste zu belohnen. Immerhin darf ich mich über meine Laufbahn nicht beklagen, war ich doch mit achtundzwanzig Jahren bereits Oberst und mit einunddreißig Kommandeur einer Brigade, ja, wer weiß, ob ich nicht den Marschallstab erlangt hätte, falls der Krieg noch einige Jahre gedauert, und dann war der Schritt bis zu einem Throne nicht mehr weit. Hatte nicht Murat seine Husarenmütze gegen eine Krone vertauscht? Aber die Schlacht von Waterloo machte allen diesen Träumen ein Ende. Es war manchem würdigen Namen nicht vergönnt, in den Blättern der Geschichte verzeichnet zu werden, aber die Männer, die in den großen Kriegen des Kaiserreiches mitgefochten haben, kennen ihn wohl.

Heute sollen Sie von einem seltsamen Ereignis hören, einem Abenteuer, dem ich eigentlich mein schnelles Emporsteigen verdanke, und das mich in geheime Beziehungen zum Kaiser brachte.

Doch zuvor ein kurzes Wort der Mahnung! Vergessen Sie nie, meine Freunde, daß ich die folgende Begebenheit mit meinen eigenen Augen geschaut, mit meinen eigenen Ohren gehört habe, und versuchen Sie es nicht, mich widerlegen zu wollen, indem Sie die Darstellung irgend eines Gelehrten oder eines Mannes der Feder anführen, der ein Buch über Geschichte geschrieben. Denn glauben Sie mir, diesen Herren ist vieles unbekannt, und vieles wird der Welt überhaupt unbekannt bleiben. Ich selbst könnte Ihnen mancherlei mitteilen, worüber Sie staunen würden, wäre mir die Zunge nicht gebunden. Auch über die folgende Tatsache habe ich geschwiegen, so lange der Kaiser lebte, weil ich es ihm versprochen hatte, nun aber sehe ich kein Unrecht mehr darin, von der sonderbaren Rolle zu reden, die mir dabei zufiel.

Zur Zeit des Friedens von Tilsit war ich weiter nichts als ein armer Leutnant. Ich bezweifle ja nicht, daß meine Erscheinung und meine galanten Abenteuer sehr zu meinen Gunsten sprachen, und daß ich bereits als einer der tüchtigsten und kühnsten Offiziere in der Armee bekannt war, indes genügte das bei der großen Anzahl tüchtiger Männer, die den Kaiser umgaben, noch nicht, schnelle Karriere zu machen. Da kam mir der Zufall in wunderbarer Weise zu Hilfe.

Als der Kaiser nach dem Friedensschlusse im Jahre 1807 zurückkam, war er häufig mit der Kaiserin und dem Hofe in Fontainebleau. Er stand damals auf dem Gipfel seines Ruhmes, denn durch drei schnell aufeinanderfolgende Feldzüge hatte er Oesterreich gedemütigt, Preußen zermalmt und die Russen über den Riemen zurückgedrängt. Und wenn auch die Bulldogge über dem Kanal drüben immer noch knurrte, so wagte sie sich doch nicht weit von ihrer Hütte weg. Ja, hätte Frankreich damals einen endgültigen Frieden schließen können, es hätte eine Größe erlangt wie kein Reich seit den Tagen der Römer. So sagten wenigstens einige kluge Leute. Ich meinesteils hatte den Kopf von anderen Dingen voll. Die weibliche Bevölkerung war voll Freuden, daß die Soldaten nach langer Abwesenheit endlich wieder einrückten, und mir fiel bei ihrem jubelnden Empfang kein kleiner Teil zu – das können Sie mir glauben. Sogar jetzt noch, in meinem sechzigsten Jahre – doch wozu die Zeit mit etwas vergeuden, was genugsam bekannt ist?

Unser Husarenregiment lag mit den Jägern der Garde in Fontainebleau. Das ist bekanntlich nur ein kleiner Ort inmitten des Waldes; aber er wimmelte damals von Großherzögen, Kurfürsten und Fürsten, die Napoleon umschwärmten, um eine Krone aus seiner Hand zu erhalten.

Unser kleiner Mann aber mit dem blassen Gesicht und den kalten, grauen Augen ritt jeden Morgen schweigsam und nachdenklich auf die Jagd, während sich alle jene Großen um ihn scharten und die Ohren spitzten, sobald sich die Lippen des Gewaltigen bewegten. Und wenn ihn die Laune gerade packte, so warf er dem einen hundert Quadratmeilen zu, die er dem anderen entriß. Hier schob er die Grenzen eines Königreichs bis zu einem Flusse vor, dort verkleinerte er ein anderes, indem er ihm einen Gebirgszug nahm.

Das war so die Art des kleinen Artilleriehauptmannes, den wir mit Schwert und Bajonett auf seinen hohen Posten gehoben hatten. Er wußte auch recht wohl, wem er seine Macht zu verdanken hatte, und war immer sehr höflich gegen uns. Wir aber wiederum waren uns unseres Verdienstes gegen ihn sehr wohl bewußt und verfehlten nicht, es in unserem ganzen Auftreten zu zeigen; wir vergaßen keinen Augenblick, daß er zwar ein tüchtiger Befehlshaber, wir aber die tüchtigsten Männer waren, die er befehligen konnte.

Eines Tages befand ich mich – um nun endlich zur Sache zu kommen – in meinem Quartier und machte gerade ein Spielchen mit dem jungen Morat von den berittenen Jägern, als sich die Türe öffnete und Lasalle, unsern Oberst einließ. Jedermann weiß, was für ein Teufelskerl das war; die himmelblaue Uniform der Zehner stand ihm wunderbar, und wir Jüngern waren so eingenommen von ihm, daß wir um die Wette tranken und spielten, nur um unserm Obersten ähnlich zu sein. Wir vergaßen ganz, daß der Kaiser ihn nicht zum Anführer der leichten Reiterei machte, weil er trank und spielte, sondern lediglich deshalb, weil er von allen das sicherste Auge für die Stärke des Feindes und seine Aufstellung hatte, weil er am besten zu sagen wußte, wann es Zeit war, die Infanterie vorrücken oder die Kanonen zurückziehen zu lassen. Wir verstanden das alles aber noch nicht, und so wichsten wir den Bart, klirrten mit den Sporen und schleiften den Säbel über das Pflaster, in der Meinung, es dadurch Lasalle gleichzutun. Sobald er jetzt mein Zimmer betrat, sprangen wir, Morat und ich, von unseren Sitzen auf, er aber schritt auf mich zu und sagte, indem er mir auf die Schulter klopfte: »Mein Sohn, der Kaiser will dich heute um vier Uhr sprechen.«

Bei diesen Worten begann sich das Zimmer um mich zu drehen; ich mußte mich am Kartentisch festhalten.

»Was?« rief ich, »der Kaiser?«

»Gewiß,« bestätigte er, über mein Erstaunen lächelnd.

»Aber der Kaiser kennt mich ja gar nicht!« protestierte ich, »warum sollte er mich zu sehen verlangen?«

»Ja, das weiß ich selbst nicht,« rief Lasalle und zwirbelte den Schnurrbart, »wenn er die Hilfe eines guten Säbels braucht, so hat er doch wohl nicht nötig, erst zu einem meiner Leute herabzusteigen: jedoch« – und er klopfte mir in seiner gemütlichen Weise wieder auf die Schulter – »einmal pocht das Glück an jedes Mannes Türe. Auch bei mir hat es vorgesprochen; wäre ich sonst wohl Oberst bei den Zehnern? Auf, mein Sohn, viel Glück zu deinem Gange!«

Da es erst zwei Uhr war, verließ er mich wieder, versprach aber, wiederzukommen und mich in den Palast zu geleiten. Meiner Treu, wie langsam schlichen die Minuten plötzlich hin! Ich schritt in fieberhafter Erregung in meinem Zimmer auf und ab und stellte die sonderbarsten Vermutungen an, was der Kaiser wohl von mir verlange. Hatte er vielleicht von den Kanonen gehört, die wir bei Austerlitz genommen? Doch nein, darüber waren ja schon zwei Jahre vergangen, und außerdem gab es unzählige Soldaten, die dasselbe getan hatten. Oder wollte er mich für mein Duell mit dem Adjutanten des Kaisers von Rußland belohnen? Plötzlich schüttelte mich kalter Fieberfrost, denn ich gedachte einiger kleiner Streiche und Abenteuer, von denen er gehört haben mochte, und die ihm wahrscheinlich mißfallen hatten. Da fielen mir Lasalles Worte wieder ein: »Wenn er die Hilfe eines guten Säbels braucht,« und ich beruhigte mich. Es war ja ganz klar, daß mein Oberst wenigstens eine Ahnung von dem Zusammenhang hatte, und sicher war er nicht so grausam, mir Glück zu wünschen, wenn mir nicht etwas Gutes bevorstand. Bei diesem Gedanken schwoll mir das Herz in der Brust; ich setzte mich hin und schrieb an meine Mutter, daß der Kaiser nach mir geschickt habe, um meinen Rat in einer sehr ernsten Angelegenheit zu hören. Meine Mutter war immer des Glaubens gewesen, daß unser Kaiser ein höchst vernünftiger Mann sei, wie mußte meine Mitteilung sie nun in ihrer Meinung bestärken!

Um halb vier Uhr hörte ich Lasalles Säbel auf der Treppe, der auf jeder der hölzernen Stufen aufstieß, und gleich darauf trat er selbst ein. Ein lahmer Herr in schwarzem Anzug mit weißen Manschetten und zierlichem Kragen begleitete ihn. Nun kannten wir Männer vom Militär zwar nicht viel Zivilisten, aber potz tausend, das war einer, den man wohl kennen mußte! Der erste Blick auf jene funkelnden Augen, die komisch aufgestülpte Nase und den geradlinigen, festgeschlossenen Mund verriet mir, daß ich den einzigen Mann in Frankreich vor mir hatte, auf den selbst der Kaiser Rücksicht nehmen mußte – – Monsieur de Talleyrand.

Lasalle nannte meinen Namen, ich salutierte, und währenddessen musterte mich der Staatsmann mit scharfen Blicken von Kopf zu Fuß.

»Haben Sie dem Leutnant schon gesagt, warum er zu dem Kaiser befohlen ist?« fragte er geschäftsmäßig mit seiner hohen Fistelstimme.

Mein Auge schweifte von dem einen der beiden Männer zu dem anderen, und ich konnte nicht umhin, Betrachtungen anzustellen über den schroffen Gegensatz zwischen ihnen: hier der schwarzgekleidete Diplomat, der sich geräuschlos niederließ, dort der schöne, große, in Blau gekleidete Husar, der ihm gegenüber Platz nahm und die eine Hand in die Hüfte stemmte, indes die andere auf dem Schwertgriff ruhte.

Lasalle wandte sich mir zu: »Die Sache ist nämlich die,« fing er auf seine brüske Art an, »als ich heute früh beim Kaiser war, wurde ihm ein Schreiben überreicht. Kaum hatte er es geöffnet, als er so erschrocken auffuhr, daß das Papier zur Erde flatterte. Ich bückte mich und reichte es ihm wieder; er aber starrte vor sich hin, als hätte er ein Gespenst gesehen! › Fratelli dell' Ajaccio!‹ murmelte er vor sich hin, › Fratelli dell' Ajaccio!‹ Was das heißen sollte, wußte ich natürlich nicht, denn wieviel Italienisch kann denn ein Mann verstehen, der nur zwei Feldzüge dort mitgemacht hat. Aber mir schien es, als ob der Kaiser den Verstand verloren hätte, und Sie wären sicher derselben Meinung gewesen, Monsieur de Talleyrand, wenn Sie den Blick seiner Augen gesehen hätten. Er las das Schreiben und saß dann beinahe eine halbe Stunde da, ohne sich zu regen.«

»Und Sie?« forschte Talleyrand.

»Ja ich – ich stand dabei und wußte auch nicht, was ich anfangen sollte. Da schien er plötzlich wieder zu sich zu kommen.«

›Lasalle,‹ redete er mich an, ›Sie haben doch wohl ein paar tapfere Offiziere bei den Zehnern?‹

»Das sind sie alle, Sire,« antwortete ich.

›Nun, und wenn es sich darum handelt, einen zu wählen, auf den man sich verlassen kann, aber der nicht zu viel nachdenkt – Sie verstehen mich doch, Lasalle! – wen würden Sie dann vorschlagen?‹

Ich sah, daß er jemand brauchte, der nicht zu tief in seine Pläne eindrang.

»Ich habe einen, der nur aus Sporen und Schnurrbart besteht,« berichtete ich, »einen, dessen Gedanken nicht über Säbel und Pferde hinausgehen.«

›Das ist mein Mann,‹ sagte Napoleon, ›bringen Sie ihn mir um vier Uhr her!‹

»Und so, mein Sohn, ging ich geradeswegs zu dir. Nun sorge, daß du den Zehnern Ehre machst!«

Ich kann nicht gerade behaupten, daß ich mich durch die Gründe, die meinen Oberst bewogen hatten, mich zu wählen, besonders geschmeichelt fühlte, und meine Miene mußte das wohl bestätigen, denn der Oberst brach in ein schallendes Gelächter aus, und Talleyrand lachte auch trocken auf, ehe er sich mit den Worten zu mir wendete:

»Lassen Sie sich erst noch einen guten Rat geben, mein Lieber! Ihr Fahrzeug lenkt jetzt in gefährliches Wasser, und Sie könnten einen schlechteren Lotsen finden als mich. Keiner von uns hat die geringste Ahnung, was jene Sache zu bedeuten hat, und doch ist es – unter uns gesagt – von der größten Wichtigkeit, daß wir, die wir das Geschick Frankreichs lenken, von allem, was vor sich geht, Kenntnis haben. Verstehen Sie, was ich meine, Monsieur Gerard?«

Nun wußte ich zwar nicht im geringsten, worauf er hinzielte, aber ich verbeugte mich und versuchte auszusehen, als ob mir das alles klar wäre.

»Handeln Sie also recht vorsichtig und schweigen Sie gegen jedermann,« fuhr er fort, »wir beide werden uns nicht öffentlich mit Ihnen sehen lassen, aber wir wollen Sie hier erwarten und Sie beraten, nachdem Sie uns mitgeteilt haben, was sich zwischen dem Kaiser und Ihnen zugetragen hat. Machen Sie sich nun auf den Weg, denn der Kaiser verzeiht nie Unpünktlichkeit.«

So machte ich mich denn zu Fuß nach dem Palast auf, der nur gegen hundert Schritte entfernt war. Im Vorzimmer stieß ich auf Duroc. Der gute Junge eilte mit geschäftiger Miene zwischen der Menge der bereits Wartenden hin und her, trug er doch heute die neue Uniform in Scharlach und Gold! Eben flüsterte er Monsieur de Caulancourt zu, daß die hier Versammelten sämtlich fremde Herzöge seien, von denen die einen hofften, die Königskrone zu erlangen, die anderen von der Furcht verzehrt würden, daß die nächste halbe Stunde sie als Bettler sehen werde. Sobald Duroc meinen Namen nennen hörte, ließ er mich eintreten und – ich stand vor dem Kaiser.

Natürlich hatte ich den großen Mann schon oft im Felde gesehen, doch nie so nahe wie heute. Wie er aussah? Nun, wie ein kleines, bleiches Männchen mit einer schönen Stirn und ziemlich wohlgestalteten Waden, die durch die engen, weißen Kniehosen und die weißen Strümpfe sehr zur Geltung kamen. Aber die Augen! Jedem, auch dem Fremdling, mußte der seltsame Blick auffallen. Zuweilen nahmen sie einen so harten Ausdruck an, daß auch dem tapfersten Grenadier das Herz vor Furcht erstarrte. Erzählt man sich doch, daß sogar Anguereau, der sonst keine Furcht kannte, vor Napoleons Blick erbebte, und das noch dazu, als der Kaiser noch ein unbekannter Soldat war. Nun, mich sah er ganz freundlich an und winkte mir, an der Türe stehen zu bleiben. Er war eben dabei, De Meneval etwas zu diktieren, und dieser blickte ihn zwischen jeder Zeile mit gespannter Aufmerksamkeit an.

»Genug, Sie können nun gehen,« sagte der Kaiser plötzlich.

Der Sekretär verließ das Zimmer und Napoleon schritt, die Hände auf dem Rücken, auf mich zu und musterte mich schweigend. Ich bin der festen Ueberzeugung, mein Aeußeres hat ihm gut gefallen, denn obgleich er selbst ein kleiner, unansehnlicher Mann war, hatte er doch gerne große, schöne Leute um sich. Und ich stand stramm vor ihm und blickte gerade aus, wie es einem Soldaten zukommt: die eine Hand hielt ich salutierend emporgehoben, die andere lag auf meinem Säbel.

»Nun, Monsieur Gerard,« sagte er endlich, und tippte mit seinem Zeigefinger auf eine der goldenen Tressen meiner Uniform, »ich höre, Sie sind ein wackerer Offizier, Ihr Oberst hat Gutes von Ihnen berichtet!«

Ich besann mich auf eine recht kluge Antwort. Da mir aber weiter gar nichts einfallen wollte als Lasalles Bemerkung, ich bestände nur aus Schnurrbart und Sporen, so schwieg ich lieber. Der Kaiser sah mich eine Weile erwartungsvoll an, da aber keine Entgegnung kam, schien er eben auch nicht unzufrieden zu sein, denn er fuhr fort:

»Mir scheint, Sie sind gerade der Mann, den ich brauche. An klugen und tapferen Männern fehlt es mir nicht.« Er brach ab. Ich konnte mir gar nicht denken, was er hatte sagen wollen, und begnügte mich deshalb mit der ehrerbietigen Versicherung, daß er auf mich zählen könnte.

»Wie ich höre, verstehen Sie sich wohl aufs Fechten?«

»So ziemlich, Sire!«

»Wurden Sie nicht dazu ausersehen, mit den Vorfechtern der Husaren von Chambarant zu kämpfen?«

»Meine Kameraden erwiesen mir damals die Ehre, Sire,« entgegnete ich.

»Und um der Uebung willen haben Sie in den Wochen vor dem Duell sechs Fechtmeister herausgefordert?«

»Es bot sich mir Gelegenheit, in sieben Tagen ebensoviel Duelle zu haben.«

»Ohne Verwundung davongekommen?«

»Der Fechtmeister der leichten Infanterie vom dreiundzwanzigsten hat mich am linken Ellbogen gestreift, Sire.«

»Nun aber genug von diesen Kindereien, junger Mann,« brach der Kaiser plötzlich los in einem jener mit Recht so sehr gefürchteten Zornanfälle. »Meinen Sie, ich stelle Veteranen an jene Posten, damit Sie Ihre Kunststückchen an ihnen ausüben? Wie soll ich mit Europa Krieg führen, wenn meine Soldaten die Spitzen ihrer Schwerter gegen einander kehren? Noch eines Ihrer Duelle, und ich zermalme Sie zwischen meinen Fingern.«

Ich sah, wie seine kleine weiße Hand bei diesen zischend und grollend hervorgestoßenen Worten vor meinem Gesichte drohend hin und her fuhr. Und Sie mögen mir glauben oder nicht, es überrieselte mich kalt.

Wie viel lieber wäre ich in jenem Augenblicke in der heißesten Schlacht gewesen als hier! Er trat an den Tisch, stürzte eine Tasse Kaffee hinunter, und als er sich mir wieder zuwandte, war jede Spur von jenem Sturme verschwunden.

»Ich bedarf Ihrer Dienste, Monsieur Gerard! Ich bedarf eines guten Schwertes zu meinem Schutze und habe meine besonderen Gründe, gerade das Ihrige zu wählen. Was heute zwischen uns beiden vorgeht, darf – wenigstens so lange ich lebe – kein Mensch weiter erfahren. Also, ich fordere Stillschweigen!«

Mir fielen Talleyrand und Lasalle ein, aber ich gab das Versprechen.

»Zweitens verbitte ich mir alle Ratschläge und Vermutungen Ihrerseits. Sie haben nur zu tun, was Ihnen gesagt wird.«

Ich verbeugte mich.

»Ich brauche Ihr Schwert und nicht Ihren Kopf. Das Denken ist meine Sache, – verstanden?«

»Ja, Sire.«

»Kennen Sie die Kanzlerallee im Walde?«

Ich bejahte.

»Auch die große Tanne, wo die Jagd am Dienstag begann?«

Wie sollte ich die nicht kennen! Hatte ich doch dreimal in derselben Woche ein Stelldichein dort gehabt! Aber ich verbeugte mich und schwieg.

»Gut, heute abend um zehn Uhr werden Sie mich dort treffen.«

Ich wunderte mich bereits über nichts mehr. Ja, hätte er mir jetzt befohlen, mich auf den kaiserlichen Thron zu setzen, ich hätte bereitwilligst zugestimmt.

»Von da aus gehen wir zusammen in den Wald,« fuhr er fort; »nehmen Sie den Säbel mit, aber keine Pistolen. Wir schweigen beide. Sie reden mich nicht an, und ich werde nichts zu Ihnen sagen. Verstehen Sie, Monsieur?«

»Ich verstehe, Sire.«

»Nach einer Weile werden wir einen oder vielleicht auch zwei Männer unter einem Baume sehen und werden auf sie zugehen. Gebe ich Ihnen ein Zeichen, mich zu beschützen, so ziehen Sie Ihr Schwert, spreche ich aber mit jenen Männern, so warten Sie alles ruhig ab. Sollte es zum Kampfe kommen, so sorgen Sie, daß keiner von beiden entwischt; ich selbst werde Ihnen beistehen.«

»Sire,« fiel ich da eifrig ein, »zwei sind nicht zu viel für mein Schwert; aber wäre es nicht vielleicht besser, ich brächte noch einen Kameraden mit, damit Sie nicht zu kämpfen brauchen?«

»Ta, ta, ta,« sagte er, »ich bin Soldat gewesen, ehe ich Kaiser war. Meinen Sie denn, der Mann am Geschütz hat nicht eben so gut ein Schwert wie der Husar? Aber ich habe Ihnen doch befohlen, mich mit Ihrer Meinung zu verschonen. Tun Sie, was ich Ihnen sage! Sobald die Schwerter gezogen sind, darf keiner von den Männern entwischen.«

»Sie werden es nicht, Sire,« sagte ich.

»Nun gut, ich habe keine weiteren Befehle für Sie. Sie können gehen.«

Ich machte kehrt, aber plötzlich kam mir ein neuer Gedanke.

»Sire, ich denke –«

Er sprang auf mich zu wie ein wildes Tier, ja, ich dachte nichts anderes, als daß er mich schlagen wolle.

»Denken! Denken!« rief er, »meinen Sie, ich habe Sie gewählt, weil Sie denken können? Lassen Sie mich das nicht noch einmal hören. Sie, der einzige Mann, der – – Aber genug, um zehn Uhr an der Tanne!«

Meiner Seel'! Froh war ich, als ich das Zimmer verlassen durfte. Auf einem guten Pferde fühle ich mich am Platze. Und wenn von grünem oder trockenem Futter, von Gerste, Hafer und Roggen die Rede ist, oder wenn eine Schwadron ins Feld geführt werden soll, so kann mich niemand viel lehren. Wenn ich aber einem Kammerherrn oder Oberhofmeister begegne oder gar einem Kaiser Rede stehen soll und finde, daß mir Winke hingeworfen werden, wo andere Leute gerade herausreden, da geht es mir wie dem Damenpferd, das man vor einen Lastwagen gespannt hat. Ich bin zwar ein Kavalier, aber kein Höfling.

Nun, wie gesagt, froh war ich, als ich mich wieder in der freien Luft befand, und ich lief so schnell in mein Quartier zurück wie ein Schulknabe, der seinem Lehrer entwischt ist. Aber kaum hatte ich die Türe aufgerissen, so fielen meine Augen auf ein Paar lange, himmelblaue Beine in Husarenstiefeln und auf ein Paar kleine schwarze in Kniehosen und Schnallenschuhen. Beide sprangen mir entgegen.

»Nun, was war es?« riefen beide zur gleichen Zeit.

»Nichts,« antwortete ich.

»Sie haben den Kaiser nicht gesprochen?«

»Doch!«

»Und was hat er gesagt?«

»Monsieur de Talleyrand, ich bedaure, sagen zu müssen, daß ich Ihnen darüber gar nichts mitteilen kann.«

»Pah, mein lieber junger Mann,« sagte er in schmeichelndem Tone und rückte mir nahe auf den Leib, »wir sind ja Freunde. Was Sie mir anvertrauen, kommt nicht über diese vier Wände hinaus, und überdies hat der Kaiser nicht mich in dieses Versprechen einschließen wollen.«

»Nun, Monsieur de Talleyrand,« antwortete ich, »der Palast ist ja nicht weit von hier, vielleicht bemühen Sie sich dorthin und bringen mir des Kaisers geschriebene Bestätigung, daß mein Versprechen sich nicht auf Ihre Person bezieht, alsdann soll es mir viel Vergnügen machen, Ihnen jedes Wort wieder zu erzählen.«

Da begann der alte Fuchs mir die Zähne zu weisen.

»Monsieur Gerard scheint etwas aufgeblasen zu sein; man muß das wohl seiner Jugend zugute halten. Werden Sie erst ein paar Jährchen älter, mein Freund, dann werden Sie finden, daß es sich für einen jungen Offizier wenig schickt, dergleichen Antworten zu geben.«

Auf diesen Verweis wußte ich nichts zu entgegnen, aber glücklicherweise kam mir jetzt Lasalle in seiner unverfrorenen Art zu Hilfe.

»Der junge Mann hat recht!« entschied er. »Hätte ich gewußt, daß er sein Wort gegeben, so hätte ich ihn nicht erst gefragt. Sie wissen recht gut, Monsieur de Talleyrand, daß Sie sich ins Fäustchen gelacht haben würden, wenn er Ihnen Rede gestanden hätte, und ihn selbst hätten Sie dann doch nur beiseite geschoben wie eine leere Burgunderflasche. Und, mein Wort darauf, bei den Zehnern wäre kein Raum mehr gewesen für einen, der des Kaisers Geheimnis verraten hat.«

Die Wahrnehmung, daß ich den Oberst auf meiner Seite hatte, erbitterte den Staatsmann nur noch mehr, und er erwiderte in eisigem Tone:

»Es ist mir gesagt worden, Herr Oberst, daß Ihre Meinung in militärischen Dingen sehr schätzenswert ist, und ich werde nicht verfehlen, mich gelegentlich bei Ihnen darüber zu informieren. Gegenwärtig handelt es sich jedoch um Diplomatie, und Sie werden mir zugeben, daß ich über diesen Punkt meine eigenen Ansichten habe. So lange das Wohl Frankreichs und die Sicherheit der Person des Kaisers zum größten Teil meiner Fürsorge anheimgegeben sind, werde ich beides mit allen Kräften, die mir zu Gebote stehen, zu schützen suchen, ja selbst, wenn ich den zeitweiligen Wünschen des Kaisers entgegenhandeln müßte. Ich habe die Ehre, Monsieur de Lasalle, mich Ihnen zu empfehlen.«

Noch einen unangenehmen Blick nach mir hin, dann wandte er sich ab und marschierte mit kurzen, schnellen und geräuschlosen Schritten hinaus.

Lasalles Miene zeigte deutlich, daß ihm die feindselige Stimmung, in der der gewaltige Minister davongegangen, durchaus nicht gleichgültig war. Er stieß ein paar kräftige Verwünschungen zwischen den Zähnen hervor, griff nach Mütze und Säbel und rasselte die Treppe hinab. Als ich an das Fenster trat, sah ich, wie der große blaue Mann und der Kleine im schwarzen Anzug nebeneinander die Straße entlang schritten. – Talleyrand ging steif einher, während Lasalle lebhaft auf ihn einsprach, als ob er ihn versöhnen wolle.

Nun hatte mir der Kaiser verboten, zu denken. Ich griff deshalb zu einem Spiel Karten und versuchte, mir eine Partie » Ecarté« zurechtzulegen. Aber es wollte nicht gehen, und ärgerlich warf ich die Blätter unter den Tisch. Dann zog ich meinen Säbel und übte, bis mir der Arm erlahmte – mein Hirn arbeitete und arbeitete, ich mochte wollen oder nicht. Um zehn Uhr sollte ich den Kaiser im Walde treffen, und zwar allein, ganz allein – welch furchtbare Verantwortung für mich! Ich schauderte. Wie oft schon hatte ich dem Tod auf dem Schlachtfelde ins Auge geschaut, aber nie zuvor hatte ich gewußt, was wirkliche Furcht war! Dennoch verzagte ich nicht: ich nahm mir vor, all meine Kraft daran zu setzen, wie es einem tapferen Manne zukommt, und vor allem, des Kaisers Befehl mit der größten Pünktlichkeit nachzukommen. Und vorausgesetzt, daß heute abend alles gut ging, war damit nicht der Anfang zu meinem Glück gemacht?

Endlich war die Zeit zum Aufbruch gekommen. Ich legte meinen Mantel an, da ich nicht wissen konnte, wie lange das nächtliche Abenteuer im Walde währen würde, und befestigte mein Schwert darüber. Statt der schweren Reiterstiefel wählte ich ein Paar leichte Schuhe und Gamaschen, und so ausgestattet schlich ich mich aus dem Quartier und eilte dem Walde zu. Nun die Stunde des Grübelns vorüber war und der Augenblick der Tat nahte, waren alle Bedenken geschwunden, mein Herz war erleichtert.

Der Weg führte mich an den Baracken der Jäger und an einer Reihe von Cafés vorüber, die um diese Stunde von Uniformen aller Art wimmelten. Im Vorübergehen bemerkte ich auch einige von meinem Regiment, die gemütlich ihren Wein nippten und eine Zigarre dazu rauchten. Einer von ihnen gewahrte mich im Schein der Lampe, stand auf und rief mir nach. Ich aber tat, als ob ich ihn nicht hörte, worauf er eine Verwünschung über meine tauben Ohren ausstieß und zu seiner Flasche zurückkehrte.

Der Wald von Fontainebleau ist bald erreicht, denn seine Vorläufer wagen sich, gleich Tirailleuren vor der Armee, bis in die Straßen der Stadt herein. Ich bog in den Pfad ein, der nach dem Saum des Gehölzes führte, und eilte hastig nach dem alten Tannenbaum. Wie bereits erwähnt, hatte ich meine besonderen Gründe, den Ort gut zu kennen, und dankte nur dem Zufall, daß Leonie mich heute nicht hier erwartete. Das arme Kind wäre doch vor Schreck umgekommen, wenn sie den Kaiser erblickt hätte, und dieser, nun, vielleicht wäre er zu barsch gegen sie gewesen, oder aber – und das war noch schlimmer – allzu freundlich.

Heller Mondschein fiel durch die Bäume und verbreitete fast Tageshelle, und als ich näher kam, gewahrte ich, daß ich nicht der erste am Platze war. Die Hände auf dem Rücken und das Haupt leicht gesenkt, schritt der Kaiser bereits auf und ab. Er trug einen weiten, grauen Ueberrock und eine große Kapuze. Ich hatte ihn während unseres Feldzuges in Polen schon oft in diesem Aufzug gesehen, und man sagte, daß er ihn deshalb so gern trüge, weil er darin schwer erkannt werden konnte, wenn er abends, sei es nun im Felde oder in Paris, umherging und die Gespräche am Wachtfeuer oder in der Schenkstube belauschte.

Ich meinte zuerst, mich verspätet zu haben und fürchtete schon des Kaisers Zorn; aber als ich auf ihn zuschritt, verkündete die große Turmuhr von Fontainebleau die zehnte Stunde, und ich sah ein, daß er zu früh gekommen war, nicht aber ich zu spät.

Seines Befehls, nicht zu reden, eingedenk, blieb ich vier Schritt vor ihm stehen, stieß die Sporen gegeneinander, ließ den Säbel aufstoßen und salutierte. Er warf mir einen Blick zu, dann kehrte er schweigend um und schritt langsam durch den Wald, während ich ihm in derselben Entfernung folgte. Da es mir vorkam, als ob er etliche Male furchtsam um sich blickte, tat ich dasselbe; aber, obgleich ich scharfe Augen habe, bemerkte ich weiter nichts als die großen, schwarzen Schatten der Bäume. Nun ist aber mein Gehör nicht minder scharf als mein Auge, und ich bemerkte zu wiederholten Malen, daß ich Zweige knacken hörte. Aber Sie wissen ja selbst, meine Herren, wie vielerlei Geräusch man bei Nacht im Walde hört, und daß man schwer bestimmen kann, was die Ursache ist.

Wir gingen eine ziemliche Strecke in den Wald hinein, und ich kannte unser Ziel schon ganz genau, ehe wir noch hinkamen.

Inmitten einer Lichtung steht ein riesiger, alter Baumstumpf – die »Abtsbuche« genannt; von derselben geht so mancherlei schauerliche Mär im Volke herum, daß mancher tapfere Soldat dort nicht gern Schildwache stehen würde. Mich aber scherten dergleichen Torheiten ebenso wenig wie den Kaiser; wir gingen quer über die Lichtung hinweg und gerade auf den Stamm zu. Als wir näher kamen, bemerkte ich dort zwei Männer stehen.

Anfangs standen sie mehr hinter dem Stamm, als ob sie sich verbergen wollten, später aber traten sie aus dem Schatten heraus und kamen uns entgegen. Der Kaiser sah sich nach mir um und ging ein wenig langsamer voran, so daß ich ihm noch näher rückte, und Sie werden mir's glauben, meine Hand lag fest am Schwert, und keinen Augenblick verlor ich die beiden Männer aus den Augen, die auf uns zukamen.

Der eine von ihnen war außerordentlich groß und stark gebaut, während der andere kaum Mittelgröße erreichte, aber behende und sicher einherschritt. Beide trugen schwarze Mäntel, die lose um die Figur geworfen waren und an der einen Seite herabhingen – ähnlich den Mänteln der Dragoner Murats.

Auf dem Kopfe hatten sie dieselben schwarzen Mützen, die ich später in Spanien wiedergesehen habe, und obgleich ihr Gesicht dadurch beschattet wurde, sah ich doch deutlich ihre Augen darunter funkeln. Fürwahr, ein Anblick, wie geschaffen, um dem nächtlichen Besucher der Abtsbuche Grausen einzuflößen – jene beiden Gestalten, die den hellen Mond hinter sich und ihre eigenen langen Schatten vor sich, mit schleichenden Schritten auf uns zukamen: ich sehe noch im Geiste die beiden weißen Dreiecke, die das Mondlicht zwischen ihren Beinen und denen ihrer Schatten zeichnete.

Der Kaiser blieb stehen, und die beiden taten einige Schritte vor uns dasselbe. Ich selbst stellte mich dicht an seiner Seite auf, so daß wir vier nun einander gegenüber standen. Keiner sprach ein Wort. Ich richtete meine Aufmerksamkeit besonders auf den größeren der beiden, da er mir am nächsten stand, und als ich ihn so beobachtete, bemerkte ich, daß ihm die Angst bereits stark mitspielte. Er zitterte am ganzen Körper und keuchte leise, wie vor Erschöpfung. Plötzlich gab einer von beiden ein Signal – einen kurzen, zischenden Ton – der Große beugte Rücken und Knie wie zum Sprung, aber ich kam ihm zuvor: mit einem Satze stand ich, das Schwert in der Hand, vor ihm. Im selben Augenblicke schoß der Kleine an mir vorbei und stieß einen langen Degen in die Brust des Kaisers.

Mein Gott, welcher Schrecken! Ein Wunder, daß ich nicht selbst tot niedersank. Wie im Traum sah ich den grauen Rock sich rundum wirbeln und bemerkte drei Zoll roten Stahl, der zwischen den Schultern hervorragte. Dann brach der Verwundete sterbend zusammen, und der Mörder, der die Waffe im Stich gelassen, warf beide Arme empor und jauchzte vor Freude laut auf. Ich aber, ich stieß mein Schwert mit solcher Wut durch seines Spießgesellen Herz, daß er sechs Schritte weiter taumelte, ehe er niederfiel und ich die rauchende Waffe aus seinem Körper ziehen konnte. Nun wendete ich mich seinem Gefährten mit einem solchen Durst nach Blut zu, wie ich ihn in meinem ganzen Leben nicht wieder empfunden habe. Als ich auf ihn zustürzte, sah ich einen Dolch vor meinen Augen blitzen, ich fühlte, wie er durch die Luft sauste und wie des Schurken Arm meine Schulter streifte. Da packte ich das Schwert kürzer, er aber entrang sich mir und floh, wie ein gehetztes Wild, in großen Sätzen über die Lichtung dahin.

Nein, so durfte er mir nicht entkommen! Wußte ich doch, des Buben mörderischer Stahl hatte sein Werk getan; ich kannte, trotz meiner Jugend, einen tödlichen Stoß gar wohl! Nur einen Augenblick gönnte ich mir, um in tiefem Schmerz die Hand des Kaisers zu umfassen.

»Sire! Sire!« rief ich in Todesangst aus, und als keine Antwort kam und nichts sich regte, da wußte ich, daß alles vorbei war. Ich sprang wie besessen empor, warf meinen Ueberrock ab und sprang, so schnell ich konnte, dem Mörder nach.

Wie froh war ich jetzt, daß ich daran gedacht hatte, in Schuhen und Gamaschen zu kommen! Wie schnell flog ich jetzt dahin ohne den schweren Mantel! Dem Elenden da vor mir gelang es augenscheinlich nicht, den seinigen abzuwerfen, oder aber dachte er in seiner Angst gar nicht daran? Ich konnte dem Umstand nur Dank wissen, denn jeder Sprung brachte mich ihm näher. Ob er nur seinen Verstand verloren hatte, da er nie auf den Einfall kam, sich in den dunklen Teil des Waldes zu verbergen, sondern von Lichtung zu Lichtung dahinflog, bis er auf die große Heide oberhalb des Steinbruches kam? Nun war er mein, nun konnte er mir nicht mehr entrinnen. Zwar lief er immer noch gut – lief wie der Feigling, dem um sein Leben bange ist, während ich gleich der Furie dahinstürmte, die sich an die Ferse des Verbrechers geheftet hat. Mit jeder Sekunde kam ich ihm näher. Schon hörte ich das Pfeifen seines Atems und sah, wie er wankte und stolperte.

Da öffnete sich plötzlich vor ihm der weite Schlund des großen Steinbruchs; er sah sich, über seine Schulter hinweg, nach mir um und stieß einen verzweifelten Schrei aus. Im nächsten Augenblick war er meinem Auge entschwunden.

Ja, gänzlich entschwunden! Ich stürzte auf die Stelle zu und schaute hinab in den schwarzen Abgrund. Schon glaubte ich, er habe sich hinuntergestürzt, als leises Geräusch aus der Dunkelheit von unten an mein Ohr schlug. Es war sein Atem, und er verriet mir, wo der Mann war. Er hatte sich in der Hütte verborgen, wo die Arbeiter ihr Gerät aufzubewahren pflegten, und diese befand sich auf einer kleinen Plattform, dicht unter dem Rande des Steinbruches. Vielleicht hatte der Narr gedacht, ich würde nicht den Mut haben, ihm in die Dunkelheit zu folgen, aber da kannte er Etienne Gerard schlecht. Ein Sprung brachte mich auf die Plattform, ein zweiter in die Hütte, und nun flog ich in die Ecke, aus welcher sein Keuchen ertönte, und stürzte mich über ihn.

Er wehrte sich wie eine wilde Katze, aber was konnte er mit seiner kurzen Waffe anfangen? Gar bald wurden seine Stöße schwächer, und endlich fiel sein Dolch klirrend zu Boden. Als sein Atem verstummt war, erhob ich mich, trat hinaus in das Mondlicht und kletterte wieder hinauf auf die Heide.

Das bloße Schwert in der Hand wandelte ich ziellos darüber hin und wußte kaum, was in der letzten Stunde vor sich gegangen. Endlich schaute ich um mich und gewahrte in der Ferne jenen knorrigen Stumpf, an den sich für immer die schrecklichsten Erinnerungen meines Lebens knüpfen mußten. Da ließ ich mich auf einen umgefallenen Baumstamm nieder, legte den Säbel über die Knie, stützte den Kopf in die Hände und versuchte, über meine Lage klar zu werden.

Der Kaiser hatte sich in meinen Schutz begeben und war nun tot! Das war der einzige Gedanke, der in meinem Kopfe Raum hatte, und er verdrängte alle anderen. Ich war zwar all seinen Befehlen nachgekommen, während er noch lebte, ich hatte ihn gerächt, nachdem er tot war – aber was half das alles? In den Augen der Welt stand ich doch nicht schuldlos da, wurde vielleicht gar als sein Mörder betrachtet! Welche Beweise, welche Zeugen standen mir zur Seite? Konnte ich nicht der Mitschuldige jener Schurken sein? Ja, ja, ich war für immer entehrt, war die gemeinste, verächtlichste Kreatur in ganz Frankreich! Das war nun das Ende meiner ehrgeizigen Pläne, der Hoffnungen meiner Mutter. Ich lachte bitter auf. Und was nun? Sollte ich nach Fontainebleau gehen, das Schloß wach rufen und verkünden, daß der Kaiser wenige Schritte von mir ermordet worden war? Nein, das nicht; nur das nicht! Für einen Mann von Ehre, den das Schicksal so grausame Pfade geführt, blieb nur ein einziger Weg übrig. Ich wollte mich in mein entehrtes Schwert stürzen und so des Kaisers Los teilen, da ich es nicht hatte von ihm abwenden können. Entschlossen stand ich auf, um meinen Plan auszuführen, als mein Auge auf etwas fiel, was mir den Atem raubte: Der Kaiser stand vor mir!

Ja, keine zwanzig Schritte stand er von mir entfernt, und das Mondlicht fiel auf sein kaltes, blasses Gesicht. Er trug den grauen Mantel, aber die Kapuze war zurückgeschlagen, und vorn waren der grüne Rock und die weißen Hosen sichtbar. Kein Zweifel, er war es. Da stand er in seiner gewöhnlichen Haltung: die Hände auf dem Rücken, den Kopf etwas auf die Brust gesenkt.

»Nun,« sagte er mit harter und barscher Stimme, »was haben Sie zu berichten?«

Ich glaube, hätte er noch eine einzige Minute schweigend dort gestanden, ich hätte den Verstand verloren. So aber brachte mich der kurze Kommandoton schnell zur Besinnung; ich sagte mir: Der Kaiser steht vor dir – allons, antworte! raffte mich zusammen und salutierte.

»Wie ich sehe, haben Sie einen getötet,« sagte er, mit dem Kopfe nach der Buche hin nickend.

»Ja, Sire!«

»Und der andere entkam?«

»Nein, Sire, ich habe ihn auch getötet.«

»Was,« rief er, »höre ich recht? Sie haben beide getötet?«

Dabei kam er mir ganz nahe und zeigte lächelnd die im Mondlicht schimmernden Zähne. Ich aber entgegnete:

»Der eine liegt dort, Sire, und der andere im Arbeiterhäuschen des Steinbruches.«

»Dann ist es aus mit den Brüdern von Ajaccio!« rief er, und fügte nach einer Pause wie zu sich selbst redend hinzu: »Nun ist dieser Schatten für immer von mir genommen.«

Er neigte sich zu mir und legte seine Hand auf meine Schulter.

»Das war brav von Ihnen, junger Freund. Sie haben Ihrem Rufe alle Ehre gemacht.«

Nun erst, als ich die kleine, fleischige Hand auf mir ruhen fühlte, hatte ich die Gewißheit, daß der Kaiser selbst und nicht sein Geist vor mir stand.

Er mochte wohl meine Gedanken gelesen haben, denn sein Gesicht verzog sich abermals zu einem Lächeln, als er bemerkte:

»Nein, nein, Monsieur Gerard, ich bin kein Gespenst, Sie haben nicht gesehen, wen man tötete. Kommen Sie mit!«

Damit wendete er sich und schritt nach der Buche. Da lagen noch die toten Körper, zwei Männer standen daneben. Als wir nahe kamen, erkannte ich an den Turbanen die Mamelucken Rustem und Mustafa, die Diener des Kaisers. Napoleon beugte sich zu der grauen Gestalt herab, schob die Kapuze zurück, die den Kopf verhüllte, und siehe – ein Gesicht wurde sichtbar, das von seinem eigenen sehr verschieden war.

»Hier sehen Sie einen treuen Diener, der sein Leben für seinen Herrn geopfert hat,« sagte der Kaiser. »Sie werden zugeben, daß er mir in Gestalt und Haltung nicht unähnlich ist.«

Nun raubte mir die Freude über die Lösung des Rätsels beinahe den Verstand, und ich war nahe daran, ihn zu umarmen. Wiederum schien er meine Absicht zu durchschauen, denn er trat lächelnd einen Schritt zurück, ehe er fragte:

»Sind Sie verletzt?«

»Nein, Sire, aber beinahe hätte ich in meiner Verzweiflung –«

»Ta, ta,« unterbrach er mich, »Sie haben sich wacker gehalten, aber Sie hätten auch vorsichtiger sein können: ich habe alles mitangesehen.«

»Alles mitangesehen?«

»Haben Sie nicht gehört, wie ich Ihnen durch den Wald nachging? Von dem Momente an, wo Sie Ihr Quartier verließen, bis zu Monsieur de Goudins Tod habe ich Sie kaum aus den Augen verloren. Der Pseudokaiser ging Ihnen voran, und der echte ging hinter Ihnen her. Jetzt kommen Sie und begleiten Sie mich nach dem Schlosse zurück.«

Er gab den Mamelucken einen leisen Befehl, diese salutierten schweigend und blieben zurück. Aber ich – ich ging mit dem Kaiser, und meine Brust schwellte vor Stolz. Meiner Treu, ich habe mich stets gehalten, wie es einem Husaren zukommt, aber selbst Lasalle hätte nicht besser einherstolzieren und seinen Mantel schwingen können, als ich es in jener Nacht tat. Wer hatte ein Recht, mit Sporen und Säbel zu klirren und zu rasseln, wenn nicht ich – ich, Etienne Gerard, der Vertraute des Kaisers, der anerkannt beste Degen der leichten Kavallerie, der Mann, der die erschlug, die dem Kaiser nach dem Leben trachteten? Aber er bemerkte mein Gebaren und wendete sich mir blitzschnell mit kalt funkelnden Augen zu.

»Haben Sie sich so zu benehmen, wenn Sie einen geheimen Auftrag auszuführen haben? Meinen Sie auf diese Weise Ihre Kameraden überzeugen zu können, daß nichts Besonderes vorgegangen ist? Lassen Sie den Unsinn, Monsieur, sonst wird man Sie in die Bergwerke schicken, wo Sie schwerere Arbeit und grauere Federn finden werden.«

Das war so die Art des Kaisers. Sobald er glaubte, jemandem verpflichtet zu sein, ergriff er die erste beste Gelegenheit, dem Betreffenden die beiderseitige Stellung klarzulegen. Ich salutierte schweigend, aber ich muß euch doch gestehen, daß ich mich ziemlich verletzt fühlte. Am Palast angekommen, betraten wir ihn durch eine Seitentüre und stiegen nach des Kaisers Privatkabinett hinauf. Auf der Treppe standen ein paar Grenadiere, und glauben Sie mir nur, die machten keine kleinen Augen, als sie einen jungen Husarenleutnant erblickten, der um die Mitternachtsstunde mit dem Kaiser in sein Kabinett ging. Ich blieb, wie am Nachmittag, in der Türe stehen, während er sich in einen Lehnstuhl niederließ und so lange schwieg, daß ich dachte, er hätte mich ganz vergessen. Da erlaubte ich mir endlich, ganz leise zu husten, um ihn an meine Gegenwart zu erinnern.

»Aha, Monsieur Gerard,« sagte er da, »Sie möchten wohl gerne wissen, was das alles bedeutet?«

»Nur, wenn es in Ew. Majestät Belieben steht, mich darüber aufzuklären.«

»Ta, ta, ta,« entgegnete er ungeduldig, »das sind leere Redensarten. Sie würden ja doch sobald wie möglich Nachforschungen darüber anstellen; in zwei Tagen hätten es Ihre Kameraden erfahren, in drei ganz Fontainebleau und am vierten Paris. Gebe ich Ihnen aber so viel Aufschluß, daß Ihre Neugier befriedigt wird, so darf man vielleicht hoffen, daß Sie die Sache für sich behalten.«

Nun, der Kaiser kannte mich eben nicht, und deshalb verbeugte ich mich nur und schwieg.

»'s ist alles in wenig Worten gesagt,« begann er hastig und schritt im Zimmer auf und ab. »Jene beiden Männer waren Korsen, die ich in meiner Jugend kennen lernte. Wir gehörten zu derselben Verbindung, den ›Brüdern von Ajaccio‹, die aus der Zeit der Paoli stammte, und waren strengen Regeln unterworfen, die nicht ungestraft übertreten werden durften.«

Bei diesen Worten nahmen seine Züge einen grimmigen Ausdruck an; es war, als habe er jede Spur eines Franzosen abgestreift, als stände der reine Korse mit seinen starken Leidenschaften und seinem heißen Durst nach Rache vor mir. Die Erinnerung an die Tage seiner frühen Jugend wurde wach, und in Gedanken verloren schritt er mit schnellen, kleinen Schritten auf und ab. Endlich eine ungeduldige, abwehrende Bewegung mit der Hand, und sein Geist kehrte zurück in seinen Palast und zu mir.

»Die Satzungen einer solchen Gesellschaft,« fuhr er fort, »mögen ja ganz gut für einen Privatmann sein, und in früheren Tagen gab es auch keinen eifrigeren »Bruder« als mich. Aber die Zeiten ändern sich, und es würde weder mir noch Frankreich zum Heile gereichen, wollte ich mich jetzt noch daran binden. Sie wollten mich dazu zwingen und haben dadurch ihr Schicksal selbst heraufbeschworen. Die beiden Männer, die Sie gesehen, waren die Oberhäupter des Bundes, sie waren von Korsika gekommen, um mich nach dem von ihnen bezeichneten Orte zu entbieten. Aber ich verstand den Sinn einer solchen Aufforderung – kein Mann, der ihr nachgekommen, ist je lebend zurückgekehrt. Ging ich aber nicht, so wußte ich, daß Unglück daraus entspringen würde. Sie wissen, ich bin selbst ein ›Bruder‹, und kenne als solcher ihr Tun.«

Wieder der harte Zug um seinen Mund und das kalte Aufblitzen seiner Augen.

»Sie sehen mein Dilemma, Monsieur Gerard. Wie würden Sie unter diesen Umständen gehandelt haben?«

»Hätte die Husaren vom Zehnten entboten, Sire,« rief ich, »Patrouillen hätten den ganzen Wald abgesucht und die beiden Schurken Ew. Majestät zu Füßen gelegt.«

Er lächelte, schüttelte aber den Kopf.

»Ich hatte meine guten Gründe, die beiden nicht gefangen nehmen zu lassen. Des Mörders Zunge kann eine ebenso scharfe Waffe sein, wie sein Dolch, und ich wollte um jeden Preis vermeiden, daß die Sache ruchbar wurde. Deshalb befahl ich Ihnen, keine Pistolen zu sich zu stecken. Meine Mamelucken werden jede Spur der Sache verwischen, und damit wird sie abgetan sein. Ich habe allerhand Pläne erwogen, aber ich glaube, den besten erwählt zu haben. Hätte ich mehr als einen Mann mit de Goudin in den Wald geschickt, so wären die »Brüder« nicht zum Vorschein gekommen; wegen eines einzigen aber gaben sie ihre Absicht und ihre Chancen nicht auf. Da Oberst Lasalle zufällig gegenwärtig war, als ich die Aufforderung empfing, entschied ich mich, einen Husaren zu schicken, und wählte Sie, Monsieur Gerard, weil ich einen Mann wünschte, der das Schwert zu führen verstand, mir aber nicht zu sehr der Sache selbst nachforschte: ich hoffe, Sie werden in dieser Beziehung meiner Wahl ebenso viel Ehre machen, wie Sie es durch Ihren Mut und durch Ihre Geschicklichkeit getan haben.«

»Sire,« entgegnete ich, »Sie dürfen sich darauf verlassen.«

»So lange ich lebe,« fuhr er fort, »darf kein Wort von der Begebenheit über Ihre Lippen kommen!«

»Sie wird meinem Gedächtnis entschwinden, Sire, als ob sie nie gewesen wäre. Ich verspreche, jetzt Ew. Majestät Kabinett als der zu verlassen, der ich war, als ich es um vier Uhr betrat.«

»Das wird nicht angehen,« sagte der Kaiser lächelnd. »Damals waren Sie Leutnant. Erlauben Sie mir, Herr Hauptmann, Ihnen angenehme Ruh' zu wünschen!«

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