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Die Abenteuer des Brigadiers Gerard. Erster Band

Arthur Conan Doyle: Die Abenteuer des Brigadiers Gerard. Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleDie Abenteuer des Brigadiers Gerard. Erster Band
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
editoro.J.
year
translatorR. Lautenbach u. Luise Schroeter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160605
projectideb76d301
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Wie der Brigadier Saragossa eroberte.

Ihr wißt sicher noch nicht, mes amis, unter welchen Umständen ich zu den Conflanser Husaren kam, zur Zeit der Belagerung von Saragossa, und kennt nicht die denkwürdige Tat, die ich in Verbindung mit der Einnahme dieser Stadt vollbrachte? Nein? Das müssen Sie hören! Ich will's Ihnen genau der Wahrheit entsprechend erzählen. Außer zwei oder drei Männern und einem oder zwei Dutzend Frauen sind Sie, Messieurs, die allerersten, welche diese Geschichte von mir erfahren.

Ich muß vorausschicken, daß ich als Leutnant und jüngerer Rittmeister bei den zweiten Husaren – den Husaren von Chamberan – gestanden hatte. Zur Zeit, von der ich spreche, war ich erst fünfundzwanzig und ein Kerl, so sorglos und waghalsig wie nur irgend einer in der großen Armee. In Deutschland war zufällig gerade Ruhe, aber in Spanien gärte es noch. Nun wünschte der Kaiser, die spanischen Truppen zu verstärken, und versetzte mich unter Beförderung zum Rittmeister erster Klasse zu den Conflanshusaren, die jenesmal zum fünften Korps unter Marschall Lannes gehörten.

Es war ein langer Ritt von Berlin nach den Pyrenäen. Mein neues Regiment bildete einen Teil der Belagerungsarmee, die damals unter Lannes vor Saragossa lag. Ich ritt also in dieser Richtung und befand mich nach ungefähr einer Woche im französischen Hauptquartier, von wo ich ins Lager der Conflansschen Husaren dirigiert wurde.

Diese berühmte Belagerung ist Ihnen gewiß aus Büchern bekannt, Messieurs, und ich will nur hinzufügen, daß einem General kaum eine schwierigere Aufgabe zufallen konnte als diejenige, die dem Marschall Lannes zuteil geworden war. Die riesige Stadt war voll von spanischem Gesindel aller Art – Soldaten, Bauern, Pfaffen – alle von furchtbarem Franzosenhaß erfüllt und fest entschlossen, lieber zu sterben als sich zu ergeben. Achtzigtausend Mann lagen in der Stadt, während die Belagerer nur dreißigtausend hatten. Doch hatten wir eine starke Artillerie und die besten Genietruppen. Eine solche Belagerung hat's noch nie gegeben; gewöhnlich fällt eine Stadt, wann ihre Festungswerke genommen sind, aber hier ging der Kampf erst richtig los, als die Befestigungen erobert waren. Jedes Haus bildete eine Festung, und jede Straße ein Schlachtfeld, sodaß wir nur langsam, Tag für Tag, ein Stückchen vordringen konnten, nachdem wir die Häuser samt ihren Besatzungen weggefegt hatten. So ging's, bis bereits über die Hälfte der Stadt verschwunden war. Aber trotzdem war die andere Hälfte noch so entschlossen wie je zuvor. Außerdem befand sie sich in einem viel besseren Verteidigungszustand, weil sie aus ungeheueren Klöstern bestand mit Mauern wie die Bastille, die nicht so leicht weggeräumt werden konnten. Das war der Stand der Dinge, als ich ankam.

Ich will Ihnen jetzt nun gestehen, Messieurs, daß Kavallerie bei einer Belagerung keinen großen Zweck hat; freilich gab's 'ne Zeit, wo ich niemanden erlaubt haben würde, eine solche Bemerkung zu machen. Die Conflansschen Husaren hatten ihr Lager im Süden der Stadt, und sie hatten die Aufgabe, Patrouillen auszusenden und auszukundschaften, ob keine feindlichen Streitkräfte von dieser Seite zum Ersatz heranrückten. Der Oberst des Regiments war nicht sehr tüchtig, sodaß es auch selbst damals noch sehr weit von jener Höhe entfernt war, die es später erreicht hat. Noch an demselben Abend bemerkte ich ganz haarsträubende Dinge, denn ich brachte sehr strenge Begriffe von Dienst mit, und es fiel mir stets schwer aufs Herz, ein ungeordnetes Lager, ein schlechtgesatteltes Pferd und einen nachlässigen Reiter zu sehen. Ich speiste an jenem Abend mit sechsundzwanzig neuen Kameraden, und ich fürchte, daß ich ihnen in meinem Eifer nur zu offen zeigte, daß ich hier ganz andere Verhältnisse gefunden hätte, als ich sie von unserer Armee in Deutschland gewöhnt sei. Nach meinen Bemerkungen wurden alle sehr zurückhaltend, und als ich die Blicke gewahr wurde, die man mir zuwarf, fühlte ich, daß ich unvorsichtig in meinen Aeußerungen gewesen war. Der Oberst speziell war wütend, und ein großer Major namens Olivier, der stärkste Esser im Regiment, der mir gegenübersaß und seinen kolossalen schwarzen Schnurrbart drehte, stierte mich an, als ob er mich auffressen wollte. Ich tat jedoch, als ob ich's nicht sähe, denn ich hatte ja selbst das Gefühl, daß ich beleidigend gewesen war, und wußte, daß es einen schlechten Eindruck machen würde, wenn ich gleich am ersten Abend mit meinen Vorgesetzten in Streit geriete.

Soweit gebe ich zu, daß ich unrecht hatte, aber nun hören Sie weiter, meine Herren. Nachdem das Essen vorüber war, gingen der Oberst und einige andere Offiziere fort, denn die Messe wurde in einem Bauernhaus abgehalten. Ein Dutzend blieben wohl zurück, und bei einigen Schläuchen spanischen Weins kamen wir alle rasch in bessere Laune. Bald richtete dieser Major Olivier verschiedene Fragen über unsere Armee in Deutschland an mich und über die Rolle, die ich in diesem Feldzug gespielt hätte. In meiner Weinstimmung erzählte ich eine Geschichte nach der anderen. Das war ganz natürlich, und Sie werden mir das nachfühlen können, Messieurs. Bis dahin war ich das Muster für jeden Offizier in meinen Jahren gewesen. Ich war der beste Fechter, der wildeste Reiter, der Held von hundert Abenteuern. Hier war ich ein Unbekannter, und noch nicht 'mal beliebt. War es da zu verwundern, daß ich diesen biederen Kameraden mit Freuden auseinandersetzte, was für eine Aquisition sie an mir gemacht hatten? War es da nicht selbstverständlich, daß ich ihnen am liebsten zugerufen hätte: Freut euch, Kameraden, freut euch! Es ist kein gewöhnlicher Mann, den ihr heute zugeteilt bekommen habt, sondern ich bin's, der Gerard, der Held von Regensburg, der Sieger von Jena, der Mann, der die österreichische Schlachtlinie bei Austerlitz ins Wanken brachte!? Ich konnte ihnen freilich nicht alles erzählen, aber wenigstens konnte ich ihnen einige Erlebnisse zum besten geben, aus denen sie das übrige selbst schließen konnten. Das tat ich auch. Sie hörten gespannt zu. Ich erzählte noch mehr. Endlich, nachdem ich mit meiner Geschichte, wie ich die Armee über die Donau geführt hatte, fertig war, brachen sie alle in ein homerisches Gelächter aus. Ich sprang auf, rot vor Scham und Aerger. Sie hatten mich dazu veranlaßt, sie wollten ihren Jux mit mir treiben. Sie glaubten's mit einem Aufschneider und Lügner zu tun zu haben. Sollte das mein Empfang bei den Conflansschen Husaren sein? Ich wischte mir die Tränen der Wut aus den Augen, und als sie das sahen, lachten sie noch lauter.

»Wissen Sie, Herr Rittmeister Pelletan, ob der Marschall Lannes noch bei der Armee hier ist?« fragte der Major.

»Ich glaube wohl, Herr Major,« erwiderte dieser.

»Tatsächlich, ich hätte gedacht, seitdem wir den Rittmeister Gerard hier haben, würde seine Gegenwart kaum noch erforderlich sein.«

Wieder erhob sich ein schallendes Gelächter. Ich sehe heute noch den Kreis höhnischer Gesichter und spöttischer Augen vor mir – Olivier mit seinen langen, schwarzen Borsten, den hageren Pelletan mit seinem ekelhaften Grinsen, und selbst die jungen Unterleutnants waren außer sich vor Freude. Himmel, was für'n unanständiges Benehmen! Aber meine Wut hatte nachgelassen, meine Tränen waren getrocknet. Ich hatte wieder die Gewalt über mich erlangt, ich war wieder kalt, ruhig und gefaßt, außen Eis und innen Feuer.

»Darf ich fragen, Herr Major, wann Sie das Regiment paradieren lassen?«

»Ich hoffe, Herr Rittmeister Gerard, daß Sie unsere festgesetzten Stunden nicht umändern wollen,« antwortete er, und wieder entstand ein allgemeines Gelächter, das erst allmählich aufhörte, als ich mich langsam in der Runde umblickte.

»Um wieviel Uhr ist Reveille?« fragte ich den Rittmeister Pelletan in scharfem Tone.

Er hatte irgend eine ironische Antwort auf der Zunge, aber infolge meines Blickes behielt er sie für sich. »Um sechs Uhr,« erwiderte er.

» Merci,« sagte ich. Dann zählte ich die Gesellschaft und fand, daß ich's mit vierzehn Offizieren zu tun hatte, von denen zwei noch junge Bürschchen frisch von der Kriegsschule waren. Ich konnte mich nicht herablassen, von ihrer Ungehörigkeit weitere Notiz zu nehmen. Es blieben also noch der Major, vier Rittmeister und sieben Leutnants übrig.

» Messieurs,« fuhr ich fort, sie nacheinander scharf ins Auge fassend, »ich würde mich dieses berühmten Regimentes unwürdig fühlen, wenn ich keine Satisfaktion von Ihnen verlangte wegen der Unhöflichkeit, mit der Sie mich begrüßt haben, und ich würde auch Sie desselben für unwürdig erachten, wenn Sie sie mir unter irgend einem Vorwand verweigerten.«

»In dieser Beziehung werden Sie nicht auf Schwierigkeiten stoßen,« sagte der Major. »Ich bin bereit, meinen Rang außer acht zu lassen und Ihnen jede Genugtuung zu geben im Namen der Conflansschen Husaren.«

»Danke Ihnen,« antwortete ich. »Ich bin jedoch der Ansicht, daß ich auch die anderen Herren, die sich auf meine Kosten lustig gemacht haben, zur Rechenschaft ziehen kann.«

»Gegen welche wollen Sie dann fechten?« fragte Rittmeister Pelletan.

»Gegen Sie alle,« antwortete ich.

Sie sahen einander erstaunt an. Darauf traten sie alle in eine Ecke des Zimmers und flüsterten zusammen. Sie lachten dabei. Offenbar befanden sie sich noch in dem Wahn, es mit einem leeren Schwätzer zu tun zu haben. Dann kehrten sie wieder an den Tisch zurück.

»Ihre Forderung ist zwar ungewöhnlich,« sagte der Major, »sie soll Ihnen jedoch gewährt werden. Welche Waffe wünschen Sie? Sie haben zu bestimmen.«

»Säbel,« sagte ich. »Und ich will dem Dienstalter nach mit Ihnen antreten und um fünf Uhr mit Ihnen beginnen, Herr Major. Auf diese Weise kann ich jedem fünf Minuten widmen und vor der Reveille fertig sein. Ich muß Sie jedoch ersuchen, mir, bitte, den Platz zu bezeichnen, wo wir uns treffen wollen, weil ich die Oertlichkeiten hier noch nicht kenne.«

Meine energische Sprache und mein ruhiges und bestimmtes Auftreten hatten einen gewaltigen Eindruck auf sie gemacht. Der ironische Zug um ihren Mund war verschwunden. Oliviers spöttisches Gesicht war ernst und finster geworden.

»Hinter den Pferdestallungen ist ein kleiner freier Platz,« sagte er. »Dort haben wir schon einige Ehrenhändel ausgefochten. Wir werden uns um die von Ihnen angegebene Zeit dort einfinden, Herr Rittmeister.«

Als ich gerade meine Verbeugung machte, um ihnen für die Annahme des Duells zu danken, wurde mit einemmal die Tür aufgestoßen und hereinstürzte in großer Aufregung der Oberst.

» Messieurs,« begann er, »ich habe den Auftrag, Sie zu fragen, wer von Ihnen freiwillig bereit ist, einen Dienst zu leisten, der mit der größten Gefahr verknüpft ist. Ich will Ihnen nicht verschweigen, daß es sich um eine außerordentlich ernste Sache handelt, und daß der Marschall Lannes einen Kavallerieoffizier dazu ausersehen hat, weil er eher zu entbehren ist als einer von der Infanterie oder vom Geniekorps. Verheiratete kommen nicht in Betracht. Wer von den übrigen meldet sich freiwillig?«

Mes amis, ich brauche wohl kaum zu erwähnen, daß sämtliche unverheirateten Offiziere vortraten. Der Oberst blickte sich etwas verlegen um. Ich konnte ihm sein Dilemma ansehen. Der Beste sollte gehen, auf den Besten wollte er aber auch ungern verzichten.

»Herr Oberst,« sagte ich, »darf ich Ihnen vielleicht einen Vorschlag machen?«

Er sah mich scharf an, denn er hatte meine Bemerkungen beim Essen noch nicht vergessen. »Sprechen Sie!« sagte er.

»Ich wollte darauf hinweisen,« sagte ich, »daß diese Mission von Rechts- und Vernunftwegen mir zukommt.«

»Wieso, Herr Rittmeister Gerard?«

»Von Rechts wegen, weil ich Rittmeister ersten Ranges bin, und aus Rücksichten der Klugheit, weil ich im Regiment am wenigsten vermißt werde, weil mich die Leute noch nicht kennen gelernt haben.«

Sein Blick milderte sich.

»Sie haben eigentlich recht, Herr Rittmeister,« antwortete er. »Ich glaube tatsächlich, daß Sie sich am besten dazu eignen, diesen Auftrag zu übernehmen. Wenn Sie mit mir kommen wollen, so will ich Ihnen Ihre Instruktionen geben.«

Ich wünschte meinen neuen Kameraden im Hinausgehen gute Nacht und schärfte ihnen nochmals ein, daß ich mich um fünf Uhr zu ihrer Verfügung halten würde. Sie machten eine stumme Verbeugung und ich vermeinte an ihrem Gesichtsausdruck bemerken zu können, daß sie bereits angefangen hatten, mich richtiger zu taxieren.

Ich hatte erwartet, daß mir der Oberst gleich näheren Aufschluß über die Arbeit geben würde, die meiner harrte, aber statt dessen schritt er schweigend dahin und ich hinter ihm her. Wir gingen durch das Lager, über die Schanzen und über Ruinen von Steinen, die Ueberreste der alten Stadtmauer. Dann kamen wir durch ein Labyrinth von Gängen, die zwischen den Trümmern der Häuser hindurchführten, welche unsere Pioniere in die Luft gesprengt hatten. Weite Gebiete waren mit Steinbrocken und Schutt bedeckt, wo früher eine volkreiche Vorstadt gestanden hatte. Lannes hatte Wege anlegen und an den Ecken Laternen und Inschriften anbringen lassen, damit man sich zurecht finden konnte. Der Oberst eilte immer weiter, bis wir nach langem Wandern endlich an eine hohe graue Mauer kamen, die gerade über unseren Weg ging. Hier hinter einer Barrikade lag unsere Avantgarde. Er führte mich in ein Haus ohne Dach, wo ich zwei Stabsoffiziere fand, die eine Karte auf einer Trommel ausgebreitet hatten. Sie lagen daneben auf den Knien und studierten sie sorgfältig beim Schein einer Laterne. Der eine mit dem glattrasierten Gesicht und dem langen Hals war Marschall Lannes, der andere General Razout, der an der Spitze des Geniekorps stand.

»Rittmeister Gerard hat sich freiwillig dazu gemeldet,« sagte der Oberst.

Lannes stand auf und schüttelte mir die Hand.

»Sie sind ein wackerer Soldat, Herr Gerard,« sagte er zu mir. »Ich habe Ihnen ein Präsent zu überreichen,« fuhr er fort, indem er mir ein kleines Glasröhrchen einhändigte. »Es ist von Dr. Fardet besonders präpariert. Im äußersten Notfall brauchen Sie's bloß an die Lippen zu bringen, um momentan zu sterben.«

Das war eine vielversprechende Einleitung. Ich muß Ihnen gestehen, mes amis, daß mich ein kalter Schauder überlief und mir die Haare zu Berge standen.

»Pardon, Exzellenz,« sagte ich salutierend, »ich weiß wohl, daß ich mich zu einer äußerst gefahrvollen Leistung gemeldet habe, aber die genauen Einzelheiten sind mir noch nicht bekannt gegeben worden.«

»Herr Oberst,« versetzte Lannes in strengem Ton, »es ist unfair, die freiwillige Meldung dieses tapferen Offiziers anzunehmen, ohne ihm vorher die Gefahren genau mitzuteilen, denen er sich aussetzt.«

Aber schon hatte ich meine alte Furchtlosigkeit wiedergefunden.

»Herr General,« rief ich, »erlauben Sie mir, eine Bemerkung zu machen: je größer die Gefahr, um so höher der Ruhm: ich müßte es bedauern, freiwillig vorgetreten zu sein, wenn die Sache gefahrlos wäre.«

Es war heldenmütig gesprochen und meine Erscheinung verlieh meinen Worten den nötigen Nachdruck. Ich stand in jenem Augenblick auch da wie ein Held. Als ich des Marschalls Blicke bewundernd auf mich gerichtet sah, erzitterte ich vor Wonne bei dem Gedanken, welch brillantes Debüt ich in Spanien vor mir hatte. Wenn ich noch in dieser Nacht stürbe, würde mein Name unvergessen werden. Meine neuen Kameraden wie auch die alten, wie weit sie auch im übrigen von einander abweichen mochten, würden einen Berührungspunkt haben, in dem sie sich in ihrer Liebe und ihrer Bewunderung für den Rittmeister Gerard zusammenfinden könnten.

»Herr General, setzen Sie die Sache auseinander!« sagte Lannes zu Razout.

Der Genieoffizier erhob sich. Den Kompass in der Hand geleitete er mich zur Türe und zeigte auf die alte graue Mauer, die aus den Trümmern der zerstörten Häuser hervorragte.

»Das ist die augenblickliche Verteidigungslinie des Feindes,« sagte er. »Es ist die Mauer des alten Madonnaklosters. Wenn wir die zu Fall bringen können, muss sich die Stadt ergeben, aber sie haben überall unterirdische Minen gelegt, und die Mauern sind so ungeheuer dick, dass es eine furchtbare Arbeit sein würde, sie mit Artillerie in Bresche zu legen. Nun wissen wir aber zufällig, dass der Feind einen bedeutenden Pulvervorrat in einer der unteren Kammern aufgespeichert hat. Wenn der zur Explosion gebracht werden könnte, würden wir freien Zutritt bekommen.«

»Wie ist das zu erreichen?« fragte ich.

»Ich will Ihnen alles erklären. In der Stadt befindet sich ein französischer Agent namens Hubert. Dieser brave Mann steht in fortwährender Verbindung mit uns und hat uns versprochen, das Magazin in Brand zu stecken. Es sollte in aller Frühe geschehen, und seit zwei Tagen wartet eine Sturmkolonne von tausend Grenadieren, daß eine Bresche entsteht. Aber bis jetzt hat keine Explosion stattgefunden, und es fehlt uns auch jede Nachricht von Hubert. Es dreht sich nun darum, zu erfahren, was aus ihm geworden ist.«

»Sie wünschen also, daß ich hineingehen und nach ihm Umschau halten soll?«

»Ganz recht. Ist er krank, verwundet oder tot? Sollen wir noch auf ihn warten oder sollen wir die Einnahme der Stadt auf andere Weise versuchen? Diese Frage können wir nicht eher entscheiden, bis wir Bescheid über ihn haben. Hier ist ein Plan von der Stadt, Herr Rittmeister. Sie sehen, daß innerhalb dieses Ringes von Klöstern von einem viereckigen Platz zahlreiche Straßen ausgehen. Wenn Sie an diesem Platze sind, finden Sie in einer Ecke den Dom. Dort fängt die Toledoer Straße an. Hubert wohnt in einem kleinen Häuschen zwischen einem Schuhflicker und einer Weinschenke, auf der rechten Seite von der Kirche aus. Verstanden?«

»Vollkommen.«

»Sie müssen in dieses Haus gehen, ihn sprechen und in Erfahrung bringen, ob sein Plan noch möglich ist, oder ob wir nicht mehr darauf rechnen können.« Er holte ein Bündel herbei, das schmutzige braune Kleider zu enthalten schien. »Das ist der Anzug eines Franziskanermönchs,« sagte er. »Sie werden sehen, daß das die beste Verkleidung ist.«

Ich prallte zurück davor.

»Sie verwandelt mich in einen Spion,« rief ich aus. »Kann ich meine Uniform nicht anbehalten?«

»Unmöglich! Wie könnten Sie hoffen, darin durch die Straßen zu gehen, ohne gefangen zu werden? Bedenken Sie auch, daß die Spanier keine Gefangenen machen, und daß Ihr Schicksal in jedem Anzug dasselbe ist, wenn Sie ihnen in die Hände geraten.«

Er hatte die Wahrheit gesprochen, denn ich war lange genug in Spanien gewesen, um zu wissen, daß dieses Schicksal schlimmer war als ein einfacher Tod. Auf meiner ganzen Tour von der Grenze bis nach Saragossa hatte ich die fürchterlichsten Geschichten gehört von Foltern und Verstümmelungen. Ich hüllte mich in die Kleidung der Franziskaner.

»Ich bin bereit.«

»Sind Sie bewaffnet?«

»Mit meinem Säbel.«

»Den werden sie klirren hören. Nehmen Sie diesen Dolch und lassen den Säbel hier. Sagen Sie Hubert, daß vor Tagesanbruch um vier Uhr die Sturmkolonne wieder bereit stehen wird. Draußen steht ein Sergeant, der Ihnen zeigen wird, wie Sie in die Stadt kommen. Gute Nacht und viel Glück!«

Ehe ich noch das Zimmer verlassen hatte, hockten die beiden Generale wieder über der Karte, so nahe, daß sich die Krempen ihrer Dreimaster berührten. Vor der Tür stand der Unteroffizier von den Genietruppen und wartete auf mich. Ich band den Gurt meines Gewandes fest, nahm meinen Tschako ab und zog die Mönchskappe über den Kopf. Nachdem ich noch die Sporen entfernt hatte, wanderte ich schweigend hinter meinem Führer her.

Wir mußten vorsichtig vorgehen, weil auf den Mauern spanische Wachen standen und beständig auf unsere Vorposten schossen. Wir schlichen uns an dem großen Kloster hin und zwischen den Trümmerhaufen durch, bis wir an einen großen Nußbaum kamen. Hier machte der Sergeant halt.

»Man kann leicht an diesem Baum hinaufklettern,« sagte er. »Eine Leiter mit Sprossen könnte nicht geeigneter sein. Steigen Sie 'nauf, vom obersten Ast können Sie das Dach dieses Hauses erreichen. Von da aus muß Sie dann Ihr Schutzengel weiter führen, denn ich kann Ihnen nicht mehr helfen.«

Ich schürzte meinen schweren braunen Mantel hoch und klomm empor. Wir hatten erstes Viertel und der Mond schien hell. Das schwarze Dach hob sich deutlich ab von dem glänzenden Sternenhimmel. Der Baum stand im Schatten des Hauses. Ich kroch langsam von Ast zu Ast, bis ich beinahe in der Spitze war. Ich brauchte nur noch an einem starken Zweig entlang zu turnen, um die Mauer zu erreichen. Aber plötzlich hörte ich Schritte. Ich klammerte mich an den Stamm und suchte mich in seinem Schatten zu verbergen. Auf dem Dach bewegte sich ein Mann auf mich zu. Ich sah seine dunkle Gestalt heranschleichen, er kroch auf dem Bauch und hatte den Kopf vorgestreckt, an der Seite sah ich einen Gewehrlauf hervorgucken. Sein ganzes Benehmen zeigte Vorsicht und Verdacht. Ein- oder zweimal hielt er inne, dann schlich er weiter bis an den Rand der Mauer, nur ein paar Meter von mir entfernt. Hier machte er halt, legte an und feuerte.

Ich war über den plötzlichen Knall so dicht in meiner Nähe derartig bestürzt, daß ich beinahe vom Baum gefallen wäre. Im ersten Moment glaubte ich fast, ich selbst wäre getroffen. Aber als von unten ein tiefes Stöhnen an mein Ohr drang und der Spaniole sich über die Mauer beugte und laut lachte, wußte ich, was los war. Mein armer treuer Sergeant hatte unten gewartet, um zu sehen, wie ich hinüberkommen würde. Der Spanier hatte ihn unter dem Baum stehen sehen und auf ihn geschossen. Sie werden mir hier einwenden, meine Herren, daß man in der Nacht nicht schießen kann, aber Sie müssen wissen, daß diese Leute ihre Büchsen mit allen möglichen Steinen und Metallstücken laden, so daß sie jemanden so sicher treffen, wie ich einen Fasanen von einem Ast herunterhole. Der Spanier blickte hinunter in die Dunkelheit, während der Sergeant durch gelegentliches Aechzen noch Lebenszeichen von sich gab. Vielleicht wollte er dem verfluchten Franzosen den Todesstoß geben, vielleicht wollte er ihm auch nur die Taschen durchsuchen: was ihn nun auch bewegen mochte, er legte sein Gewehr nieder, beugte sich nach vorn und schwang sich auf den Baum. In diesem Augenblick stieß ich ihm meinen Dolch in den Leib: er fiel durch das krachende Astwerk und mit einem schweren Plumps auf dem Erdboden auf. Ich hörte noch ein kurzes Ringen unten und ein paar Flüche auf Französisch. Der verwundete Sergeant hatte nicht lange auf Revanche zu warten brauchen.

Ein paar Minuten verhielt ich mich ruhig, denn es schien mir klar, daß jemand infolge des Lärmes herbeieilen würde. Es blieb jedoch alles still, mit Ausnahme der Turmuhren in der Stadt, welche die mitternächtige Stunde verkündeten. Ich kletterte dann an dem Ast entlang und schwang mich auf das Dach. Die Flinte des Spaniers lag da, aber sie konnte mir nichts nützen, weil er das Pulverhorn bei sich im Gürtel hatte. Doch, falls sie gefunden würde, konnte sie dem Feind verraten, daß hier etwas passiert sein müßte: ich hielt es also fürs beste, sie über die Mauer zu werfen. Darauf hielt ich Umschau, wie ich vom Dach 'runter in die Stadt gelangen könnte.

Es fiel mir sofort ein, daß ich entschieden am einfachsten auf dem Weg hinunterkommen könnte, auf dem der Posten heraufgekommen war, und welcher das war, sollte ich bald erfahren. Vom Dach her rief eine Stimme mehrere Male »Manuelo! Manuelo!« und ich sah, während ich mich im Schatten verkroch, den bärtigen Kopf eines Mannes zwischen einer Falltüre hervorlugen. Als er auf sein Rufen keine Antwort bekam, kletterte er heraus: und hinter ihm folgten noch drei andere Kerle, alle bis an die Zähne bewaffnet. Hier werden Sie sehen, Messieurs, wie wichtig es ist, auch nicht die geringste Vorsicht außer acht zu lassen: ich würde außer Zweifel entdeckt worden sein, wenn das Gewehr noch dagelegen hätte. Aber so sah die Wache keine Spur von ihrem Kameraden und nahm sicher an, daß er an der Reihe von Dächern weitergegangen wäre. Sie schlugen daher auch diese Richtung ein und ich stürzte, sobald sie den Rücken gewandt hatten, an die offenstehende Falltür und rasch die Treppe hinunter. Das Haus schien unbewohnt zu sein, denn ich konnte ungestört mitten durchlaufen und durch die offene Haustür auf die Straße kommen.

Es war eine schmale, öde Gasse, sie führte aber auf einen breiteren Weg, auf dem Feuer brannten, um die herum eine Menge schlafender Soldaten und Bauern lagen. Es roch so gräßlich in der Stadt, daß ich mich wunderte, wie Menschen in dieser Atmosphäre leben könnten. Während der langen Monate, welche die Belagerung schon gedauert hatte, waren weder die Straßen gefegt, noch die Toten begraben worden. Viele Leute wandelten von einem Feuer zum anderen, und darunter entdeckte ich auch einige Mönche. Da ich bemerkte, daß sie unbehelligt hin- und hergingen, faßte ich Mut und eilte vorbei nach dem großen viereckigen Platz zu. Einmal sprang von einem der Feuer ein Mann auf und faßte mich am Aermel. Er deutete auf ein Weib, das regungslos am Wege lag, und ich merkte, daß er meinte, sie würde bald sterben, und ich solle ihr doch die Tröstungen der Kirche zuteil werden lassen. Ich nahm meine Zuflucht zu dem bißchen Latein, was ich noch konnte, und sagte Ora pro nobis mit salbungsvoller Stimme, Te deum laudamus. Ora pro nobis. Während ich sprach, hob ich meine Hand hoch und deutete vorwärts. Der Bursche ließ meinen Aermel los und trat schweigend zurück, worauf ich mit feierlicher Gebärde weiter schritt.

Wie ich mir gedacht hatte, mündete diese breite Straße auf den Hauptplatz, den mir der General bezeichnet hatte. Er war von Feuern erleuchtet und wimmelte von Soldaten. Ich ging rasch weiter und kümmerte mich weiter nicht um etliche Leute, die mich ansprachen. Ich ging am Dom vorbei in die Straße hinein, wie mir beschrieben worden war. Da ich mich jetzt in dem Stadtteil befand, auf den wir keinen Angriff machen konnten, waren auch keine Soldaten und Lichter hier zu sehen. Außer dem vereinzelten Lichtschimmer aus einem Fenster war alles dunkel. Das betreffende Haus zwischen der Schenke und dem Schusterladen zu finden war nicht schwer. Es war aber kein Licht drin und die Tür war zu. Ich drückte vorsichtig auf die Klinke und fühlte, daß sie nachgab. Ich konnte unmöglich wissen, wer drin war, mußte es aber doch wagen. Ich stieß die Tür auf und trat ein.

Es war stockdunkel drin – besonders als ich die Türe hinter mir zugemacht hatte. Ich tastete umher und fühlte endlich die Tischkante. Dann blieb ich stehen und überlegte, was ich zunächst tun sollte und wie ich am besten von diesem Hubert Nachricht bekommen könnte, in dessen Haus ich mich nun befand. Jeder Mißgriff würde nicht nur mein Leben kosten, sondern auch das Fehlschlagen meiner Mission zur Folge haben. Womöglich wohnte er nicht allein hier, vielleicht war er nur in Pension bei einer spanischen Familie, und mein Besuch würde ihn ebensowohl ins Verderben stürzen wie mich selbst. Ich habe mich selten im Leben in einer übleren Lage befunden, mes amis. Da plötzlich machte etwas das Blut in meinen Adern stocken. Direkt in mein Ohr flüsterte eine Stimme: » Mon Dieu! Oh, mon Dieu! mon Dieu!« Es kam wie von jemandem, der im Todeskampf liegt. Dann folgte noch ein Stöhnen, und gleich wieder war's vollkommen ruhig.

Es überlief mich kalt vor Schrecken, es waren entsetzliche Töne gewesen, aber doch rief es auch eine gewisse Hoffnung in mir wach, denn es waren französische Laute.

»Wer ist da?« fragte ich.

Ich vernahm ein Aechzen, aber keine Antwort.

»Sind Sie das, Herr Hubert?«

»Ja, ja,« klang es seufzend an mein Ohr, so leise, daß ich's kaum hören konnte. »Wasser, Wasser, ums Himmels willen, Wasser!«

Ich tastete mich vorwärts, kam jedoch an eine Wand. Wieder hörte ich ein Stöhnen, aber diesesmal war's zweifellos über meinem Kopf. Ich griff in die Höhe, fühlte aber weiter nichts als Luft.

»Wo sind Sie?« rief ich.

»Hier! Hier!« flüsterte leise die sonderbare zitternde Stimme. Ich streckte meine Hand längs der Wand aus und kam an einen nackten Fuß. Er befand sich in gleicher Höhe mit meinem Gesicht und hatte doch, soweit ich fühlen konnte, keine Unterlage. Ich taumelte zurück vor Entsetzen. Dann nahm ich mein Feuerzeug aus der Tasche und machte Licht. Beim ersten Funken kam mir's vor, als ob ein Mensch vor mir in der Luft schwebte, und vor Bestürzung ließ ich das Feuerzeug fallen. Mit zitternden Fingern schlug ich wieder Feuer, und diesmal brannte nicht nur der Zunder, sondern auch die Wachskerze. Ich hielt sie in die Höhe. Durch das, was ich nun sah, wurde mein Staunen geringer, aber mein Entsetzen noch größer.

Der Mann war an die Wand genagelt, wie zuweilen Wiesel an Scheunentore genagelt werden. Mächtige Nägel waren ihm durch Hände und Füße geschlagen. Der Aermste lag in den letzten Zügen, der Kopf war auf die Schulter gesunken und seine schwarze Zunge hing ihm zum Munde heraus. Er starb ebensosehr vor Durst wie an seinen Wunden, und die Unmenschen hatten einen Becher Wein vor ihm auf den Tisch gestellt, um seine Qualen zu vermehren. Ich reichte ihm diesen hinauf. Er war noch fähig, zu schlucken, und seine brechenden Augen klärten sich etwas auf.

»Sind Sie ein Franzose?« flüsterte er.

»Ja. Man hat mich hergesandt, um zu erfahren, was Ihnen passiert ist.«

»Sie entdeckten mich. Sie haben mich dafür getötet. Aber eh' ich sterbe, hören Sie, was ich weiß. Noch einen Schluck Wein, bitte! Rasch! Rasch! Es geht gleich zu Ende. Die Kraft verläßt mich. Hören Sie! Das Pulver liegt im Zimmer der Oberin. Die Wand ist durchbohrt, und das Ende der Zündschnur ist in der Schwester Angela Zelle, neben der Kapelle. Vor zwei Tagen war schon alles bereit. Aber sie fingen einen Brief auf und spannten mich auf die Folter.«

»Gütiger Gott! haben Sie schon zwei Tage hier gehängt?«

»Es kommt mir vor wie zwei Jahre. Kamerad, ich habe Frankreich gut gedient, nicht wahr? Erweisen Sie mir also einen kleinen Dienst. Durchbohren Sie mein Herz, Freund! Ich bitte Sie, ich flehe Sie an, machen Sie meinen Leiden ein Ende!«

Der Zustand des Mannes war wirklich hoffnungslos und es würde eine Erlösung für ihn gewesen sein, seine Bitten zu erfüllen. Und trotzdem konnte ich ihm nicht kaltblütig den Dolch in die Brust stoßen, obwohl ich einsah, wie ich selbst um diese Barmherzigkeit gefleht haben würde, wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre. Aber plötzlich kam mir ein Gedanke. In der Tasche hatte ich ja ein Mittel, das einen sofortigen, schmerzlosen Tod gewähren würde. Es war mein eigenes Schutzmittel gegen Qualen, aber dieser Aermste bedurfte seiner dringend, und er hatte sich um Frankreich wohl verdient gemacht.

Ich nahm das Fläschchen heraus und goß seinen Inhalt in den Becher mit Wein. Den wollte ich ihm hinreichen, als ich vor der Türe plötzlich Waffengerassel hörte. Im Nu hatte ichs Licht ausgemacht und schlüpfte hinter die Fenstervorhänge. Im nächsten Moment flog auch schon die Tür auf und zwei Spanier schritten ins Zimmer – stolze, finstere Männer im bürgerlichen Kleid, aber mit Musketen auf der Schulter. Ich guckte durch die Ritze zwischen den Vorhängen in furchtbarer Angst, daß sie mir vielleicht auf die Spur gekommen wären, aber ihr Besuch hatte offenbar nur den Zweck, ihre Augen an meinem unglückseligen Landsmann zu weiden. Einer von ihnen hielt die Laterne dem Sterbenden vors Gesicht und beide brachen in ein höhnisches Gelächter aus. Dann fielen die Augen des Mannes, der die Laterne in der Hand hielt, auf den Weinbecher. Er nahm ihn, hielt ihn Hubert mit teuflischem Grinsen an den Mund und zog ihn, als der arme Mann unwillkürlich den Kopf vorneigte, um daran zu reichen, rasch zurück und nahm selbst einen tüchtigen Trunk. Auf der Stelle stieß er einen lauten Schrei aus, griff wild um sich und fiel tot zu Boden. Sein Gefährte starrte ihn entsetzt und bestürzt an. Alsdann packte ihn eine abergläubische Furcht, er stieß gleichfalls einen lauten Schrei des Schreckens aus und lief wie wahnsinnig fort. Ich hörte ihn noch eine Zeitlang auf der Straße rennen, bis der Schall seiner flüchtigen Schritte in der Ferne verhallte.

Die brennende Laterne stand noch auf dem Tisch, und bei ihrem Schein sah ich, daß der Kopf des unglücklichen Hubert auf die Brust herunterhing, daß er also auch tot war. Die Bewegung nach dem Weinbecher war seine letzte gewesen. Im Hause tickte laut eine Uhr, sonst herrschte vollkommene Stille. An der Wand hing die gestreckte Gestalt des Franzosen, am Boden lag regungslos der Körper des Spaniers, beide waren trüb beleuchtet von dem matten Licht der Hornlaterne. Zum erstenmal in meinem Leben zuckte ich vor Schrecken zusammen. Ich hatte zehntausend Menschen mit allen nur erdenklichen Verstümmelungen gesehen, aber ihr Anblick hatte mich nie so angegriffen wie diese beiden bleichen, stummen Gestalten, die meine Gefährten in diesem trüben Raume waren. Ich stürzte hinaus auf die Straße, wie's der Spanier getan hatte, nur darauf bedacht, dieses Haus des Todes im Rücken zu haben, und ich war bis an die Kathedrale gelaufen, ehe ich wieder zur Besinnung kam. Dort hielt ich keuchend inne und verbarg mich in ihrem Schatten. Ich stemmte meine Hand in die Seite und versuchte, mich wieder zu sammeln und zu überlegen, was ich nun tun sollte. Als ich so dastand, schlug die große Glocke zweimal. Es war also zwei Uhr. Um vier sollte die Sturmkolonne wieder auf dem Posten sein. Es blieben mir noch zwei Stunden Zeit zu handeln.

Der Dom war im Innern hell erleuchtet und verschiedene Menschen gingen aus und ein. In der Ueberzeugung, da drin weniger leicht angehalten zu werden als anderswo, und um in Ruhe meine Pläne machen zu können, trat ich ebenfalls ein. Er gewährte einen eigentümlichen Anblick, er war in ein Hospital, ein Asyl und ein Provianthaus umgewandelt. Ein Seitenflügel barg Mundvorräte, in einem anderen lagen Kranke und Verwundete, während in der Mitte eine Masse hilfloser Menschen ihre Wohnungen aufgeschlagen und sogar auf dem Mosaikboden ihre Feuer zum Kochen angemacht hatten. Viele beteten, so kniete auch ich im Schatten einer Säule nieder und betete inbrünstig, daß ich das Glück haben möchte, lebendig aus dieser Verlegenheit zu kommen und meinen Namen in Spanien ebenso berühmt zu machen, wie er in Deutschland bereits sei. Ich wartete, bis es drei schlug, und verließ dann die Kathedrale und richtete meine Schritte dem Kloster der Madonna zu, wo der Angriff erfolgen sollte. Sie können sich denken, Sie, meine Freunde, die mich so genau kennen, daß ich nicht der Mann war, um kleinmütig mit dem Bericht ins Lager zurückzukehren, daß unser Agent ermordet sei und daß andere Mittel und Wege gefunden werden müßten, die Stadt zu erobern. Entweder würde ich diese unvollendete Aufgabe in irgend einer Weise lösen, oder die Stelle eines Rittmeisters ersten Ranges bei den Conflansschen Husaren würde wieder vakant werden.

Ich ging wieder unangefochten die breite Straße hinab, die ich vorhin beschrieben habe, bis ich an das mächtige steinerne Kloster gelangte, welches das Außenwerk der feindlichen Verteidigung bildete. Es war in einem großen Viereck erbaut, und in der Mitte befand sich ein Garten. In diesem Garten hatten sich einige hundert bewaffneter Männer versammelt, weil natürlich bekannt war, daß die Franzosen ihren Ansturm wahrscheinlich auf diesen Punkt richten würden. Bis dahin hatten wir in ganz Europa gegen geordnete Heeresmassen gekämpft. Erst hier in Spanien sollten wir erfahren, wie furchtbar es ist, gegen eine ganze Bevölkerung zu kämpfen. Auf der einen Seite ist dabei kein großer Ruhm zu holen, denn was kann man sich darauf einbilden, einen Haufen alte Krämer, dumme Bauern, fanatische Pfaffen, wütende Weiber und sonstige elende Kreaturen, welche die Besatzung ausmachten, in die Flucht zu schlagen und zu besiegen? Auf der anderen Seite ist die ständige Beunruhigung und Gefahr sehr groß, weil einem diese Leute keine Ruhe lassen, keine Kriegsregeln beobachten und die verzweifeltsten Anstrengungen machen, einem auf alle erdenkliche Art Schaden zuzufügen. Es kam mir zum Bewußtsein, eine wie häßliche Aufgabe es war, gegen diese bunten, aber doch trotzigen Pöbelhaufen Krieg zu führen, welche im Garten des Madonnenklosters um die Wachtfeuer herumstanden. Wir Soldaten hatten uns nicht um politische Erwägungen zu kümmern, aber auf diesem Krieg in Spanien schien uns vom Anfang an ein Fluch zu ruhen.

Doch in jenen Momenten hatte ich keine Muße, über diese und ähnliche Dinge nachzudenken. Wie ich vorhin erwähnte, war es nicht schwer, in den Garten zu kommen, aber ins Kloster hinein zu gelangen, war ohne Frage schon weniger leicht. Ich spazierte zuerst im ganzen Garten rundum und erspähte bald ein großes bemaltes Fenster, das zur Kapelle gehören mußte. Ich wußte von Hubert, daß sich das Gemach der Oberin, wo das Pulver aufgespeichert war, nahe an dieser Kapelle befand, und daß der Zündfaden durch eine Oeffnung in der Mauer nach einer benachbarten Zelle durchgelegt war. Ich mußte also auf alle Fälle ins Kloster hinein. Im Eingang stand eine Wache. Wie konnte ich nun, ohne angehalten zu werden, vorbeikommen? Aber plötzlich kam mir eine Inspiration, wie die Sache anzufangen sei. Im Garten war ein Brunnen, und daneben standen einige leere Eimer. Ich füllte zwei davon mit Wasser und ging damit auf die Türe zu. Einen Menschen, der in jeder Hand einen Eimer mit Wasser trägt, fragt man nicht, was er will. Der Wächter machte auf und ließ mich durch. Ich befand mich in einem langen mit Steinplatten belegten Korridor, in dem Laternen brannten; auf die eine Seite mündeten die Zellen für die Nonnen. Endlich war ich also meinem Ziel ziemlich nahe gekommen. Ich schritt ohne Besinnen weiter, denn ich hatte vom Garten aus beobachtet, welchen Weg ich nach der Kapelle einschlagen müßte.

Eine Menge spanischer Soldaten lungerte rauchend in diesem Korridor herum, mehrere derselben redeten mich im Vorübergehen an. Ich war der Meinung, daß sie mich um meinen Segen baten, und mein Ora pro nobis schien ihnen vollauf zu genügen. Bald war ich bis an die Kapelle gelangt, und es war leicht zu sehen, daß der Raum daneben als Pulvermagazin diente, denn vor dessen Türe war der Fußboden ganz schwarz von Pulver. Sie war verschlossen, und zwei grimmig aussehende Kerle standen Wache davor; einer hatte einen Schlüssel im Gurt stecken. Wenn dieser allein gewesen wäre, hätte ich den Schlüssel schon bald genug haben wollen, aber angesichts seines Gefährten war es aussichtslos, ihn durch Gewalt in meine Hände bringen zu wollen. Die nächste Zelle nach dem Magazin mußte diejenige der Schwester Angela sein. Deren Tür stand halb offen. Ich faßte Mut, ließ meine beiden Eimer draußen stehen und ging, ohne daß mich jemand anhielt, hinein.

Ich hatte geglaubt, mich einem halben Dutzend entschlossener Männer gegenüber zu befinden, aber, was meine Augen in Wirklichkeit sahen, bereitete mir noch größere Verlegenheit. Diesen Raum hatten die Nonnen offenbar abtreten sollen, sich aber wohl aus irgend welchen Gründen geweigert, ihr Heim zu verlassen. Es waren ihrer drei drin, eine ältliche Dame mit strengem Gesicht, scheinbar die Oberin: die beiden anderen waren reizende jugendliche Erscheinungen. Sie saßen alle drei am entgegengesetzten Ende des Zimmers, aber sie standen alle auf, als ich eintrat, und ich merkte zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß mein Kommen erwartet worden und nicht unangenehm war. Sofort gewann ich meine Fassung wieder und überschaute die Situation. Da ein Angriff auf das Kloster zu gewärtigen war, so glaubten diese Schwestern offenbar, sie sollten an einen sicheren Ort gebracht werden. Wahrscheinlich hatten sie das Gelübde abgelegt, diese Mauern nie zu verlassen, und man hatte ihnen gesagt, sie möchten in dieser Zelle bleiben, bis sie weitere Weisungen erhalten würden. Auf alle Fälle richtete ich also mein Auftreten dieser Vermutung entsprechend ein: sicherlich mußte ich sie zum Hinausgehen bewegen und hatte auf diese Art eine ganz gute Veranlassung dazu. Ich warf zuerst einen Blick nach der Türe und gewahrte, daß der Schlüssel von innen drin steckte. Ich gab dann den Nonnen einen Wink, mir zu folgen. Die Oberin stellte eine Frage an mich, aber ich schüttelte ungeduldig den Kopf und nickte ihr nochmals zu. Als sie noch zögerte, stampfte ich mit dem Fuß und forderte sie in so gebieterischer Weise auf, daß sie sogleich mitkamen. Da sie in der Kapelle sicherer sein würden, führte ich sie dorthin und ließ sie an der vom Magazin am weitesten abliegenden Seite Platz nehmen. Als sich die drei Nonnen am Altar niederließen, schlug mir das Herz vor Freude und Stolz, denn ich fühlte, daß ich nun das letzte Hindernis aus dem Wege geschafft hatte.

Aber, Messieurs, wie oft habe ich nicht die Erfahrung machen müssen, daß dies gerade der gefährlichste Moment ist? Ich warf der Oberin noch einen letzten Blick zu, aber zu meinem größten Schrecken bemerkte ich, daß ihre durchdringenden dunkeln Augen mit dem Ausdruck der Verwunderung und des Argwohns auf meine rechte Hand geheftet waren. Daran konnten zwei Dinge ihre Aufmerksamkeit erregt haben. Erstens war sie noch blutig von dem Wächter, den ich auf dem Baume niedergestochen hatte. Das allein konnte sie jedoch nicht überraschen, weil das Messer bei den Saragossaer Mönchen ebenso gebräuchlich war wie das Brevier. Aber am Zeigefinger trug ich einen schweren goldenen Siegelring – das Geschenk einer deutschen Baronesse, deren Namen ich nicht nennen will. Er glänzte im Schein der Altarkerzen. Nun, meine Freunde, ist ein Ring am Finger eines Bruders eine unmögliche Erscheinung, weil sie absolute Armut gelobt haben. Ich drehte mich schleunigst um und verließ rasch die Kapelle, aber das Unglück war fertig. Als ich mich umsah, gewahrte ich, daß die Oberin bereits hinter mir hereilte. Ich lief den Korridor entlang, aber sie rief den zwei Wachen vorne laute Warnungsrufe zu. Zum Glück hatte ich die Geistesgegenwart, das gleiche zu tun und den Gang hinunter zu deuten, als ob wir beide dieselbe Person verfolgten. Im Moment war ich an ihnen vorbeigestürzt, sprang in die Zelle, schlug die schwere Tür zu und verschloß sie von innen. Mit einem Riegel oben und unten und einem riesigen Schloß in der Mitte bildete sie ein ganz hübsches Bollwerk, das schon einen Puff vertrug.

Wenn sie jetzt noch so schlau gewesen wären, ein Pulverfaß an die Tür zu rollen, würde ich verloren gewesen sein. Es war ihre einzige Rettung, denn ich war jetzt am Ziel meines Abenteuers. Hier befand ich mich endlich, nachdem ich eine Reihe von Gefahren überwunden hatte, wie sich deren nur wenige Männer rühmen können, am einen Ende der Zündschnur, deren anderes in das Pulvermagazin führte. Sie brüllten draußen auf dem Korridor wie die Löwen und schlugen mit den Kolben ihrer Flinten gegen die Türe. Ich achtete nicht auf ihr Geschrei, sondern suchte eifrig nach jenem Zündfaden, von dem Hubert gesprochen hatte. Er mußte selbstverständlich an der Seite nach dem Magazin zu sein. Ich kroch auf Händen und Füßen daran hin, guckte in jeden Spalt, konnte aber keine Spur entdecken. Zwei Kugeln drangen durch die Tür und drückten sich an der Mauer breit. Der Lärm draußen wurde immer toller. Ich sah ein graues Häufchen in einer Ecke, flog mit einem Freudenschrei drauf los, um zu finden, daß es nur Staub und Schmutz war. Dann lief ich an die Seite, wo sich die Tür befand und wo mich keine Kugeln treffen konnten – sie sausten nämlich überall im Zimmer umher – und kehrte mich nicht an das unheimliche Krachen der Schüsse, sondern suchte ausfindig zu machen, wo die Zündschnur angebracht wäre. Damit sie von diesen Nonnen nicht entdeckt werden konnte, mußte sie Hubert sehr sorgfältig verborgen haben. Mein Blick fiel auf eine Statue des heiligen Joseph, die in einer Ecke stand. Um das Piedestal lag ein Kranz von Blättern und dazwischen brannte ein Lämpchen. Ich stürzte drauf los und machte die Blätter weg. Jawohl, da war eine dünne, schwarze Schnur, die durch ein kleines Loch in der Wand weiter führte. Ich hielt das Licht dran und warf mich zu Boden. Im nächsten Augenblick erdröhnte ein donnerartiges Krachen, die Mauern zitterten und wankten um mich herum, die Decke über mir zerbarst, und das Geschrei der erschreckten spanischen Soldaten wurde übertönt von dem Kampfruf unserer anstürmenden Grenadiere. Ich hörte es wie in einem Traum – einem schönen Traume, dann hörte ich nichts mehr.

 

Als ich wieder zur Besinnung kam, hatten mich zwei französische Soldaten unter den Armen gefaßt, und mein Kopf brummte wie ein Bienenkorb. Ich sprang auf und schaute mich um. Die Tünche war von der Decke gefallen, die Möbel lagen umher, es waren Risse in den Wänden, aber keine Löcher. Die Mauern des alten Klosters hatten sich also tatsächlich als so stark erwiesen, daß sie die Explosion des Magazins nicht zu zerstören vermocht hatte. Aber sie hatte doch unter den Verteidigern eine solche Panik hervorgerufen, daß die Anstürmenden durch die Fenster hatten eindringen und die Tore fast ohne Widerstand hatten öffnen können. Als ich auf den Flur hinauslief, fand ich ihn voller französischer Soldaten, und ich traf den Marschall Lannes selbst, als er mit seinem Stabe ankam. Er blieb stehen und hörte aufmerksam meiner Erzählung zu.

»Großartig, Herr Rittmeister, großartig!« rief er aus. »Diese Tat soll sicher dem Kaiser gemeldet werden.«

»Ich möchte bemerken, Exzellenz,« antwortete ich, »daß ich nur das Werk zu Ende geführt habe, das Herr Hubert ausgedacht und vorbereitet hatte, und das ihm sein Leben gekostet hat.«

»Wir werden seine Dienste nicht vergessen,« erwiderte der Marschall. »Uebrigens ist es halb fünf vorbei, und Sie müssen nach all diesen Anstrengungen gehörigen Hunger haben, Rittmeister Gerard. Mein Stab und ich wollen in der Stadt frühstücken. Ich versichere Ihnen, daß Sie uns ein hochverehrter Gast sein werden.«

»Ich nehme Ihre Einladung mit Dank an, Exzellenz,« sagte ich. »Ich habe nur vorher noch ein kleines Rendezvous, das mich abhält.«

Er machte große Augen.

»Um diese Stunde?«

»Jawohl, Herr General,« antwortete ich. »Meine Herren Kameraden, die ich erst gestern abend kennen gelernt habe, würden mir's übel nehmen, wenn ich sie nicht erst aufsuchte.«

»Dann auf Wiedersehen!« sagte der Marschall und ging weiter.

Ich eilte durch das arg mitgenommene Klostertor hinaus. Als ich in das dachlose Haus gekommen war, in dem wir gestern nacht unsere Beratung abgehalten hatten, warf ich mein Franziskanergewand ab und setzte meinen Tschako auf und schnallte meinen Säbel um, den ich dort zurückgelassen hatte. Darauf schritt ich, nachdem ich glücklich wieder Husar war, unserem Bestimmungsort zu. Von der Erschütterung drehte sich mir noch alles im Kopf herum und ich war erschöpft von den Strapazen dieser schrecklichen Nacht. Die ganze Wanderung in dem düsteren Licht der Morgendämmerung, die rauchenden Wachtfeuer im Lager umher und das Summen des erwachenden Heeres kamen mir vor wie ein Traum. Bei Hörnerklang und Trommelwirbel sammelte sich die Infanterie, denn die Explosion und das Kampfgeschrei hatte ihnen gesagt, was los war. Ich marschierte ruhig weiter, bis ich in das kleine Wäldchen von Korkeichen kam, das hinter den Pferdeställen lag. Dort sah ich meine zwölf Kameraden in einer Gruppe beisammenstehen, die Säbel an ihrer Linken. Sie blickten mich merkwürdig an, als ich mich ihnen näherte. Vielleicht erschien ich ihnen mit meinem pulvergeschwärzten Gesicht und meinen blutbefleckten Händen ein anderer Gerard als der jugendliche Rittmeister, über den sie sich am Abend lustig gemacht hatten.

» Bon jour, Messieurs,« rief ich ihnen zu. »Es tut mir außerordentlich leid, wenn Sie auf mich haben warten müssen, aber ich konnte nicht über meine Zeit verfügen.«

Sie erwiderten nichts, sondern blickten mich forschend an. Ich sehe sie jetzt noch in einer Reihe vor mir stehen, große Männer und kleine, dicke und dünne; Olivier mit seinem martialischen Schnurrbart: das schmale, lebhafte Gesicht Pelletans: den jungen Oudin, freudeglühend vorm ersten Duell: Mortier mit dem Säbelhieb über der gefalteten Stirn. Ich legte meinen Tschako ab und zog den Säbel.

» Messieurs,« sagte ich, »Sie müssen entschuldigen, Marschall Lannes hat mich zum Frühstück eingeladen, und ich kann ihn nicht gut warten lassen.«

»Was meinen Sie damit?« fragte der Major.

»Ich bitte Sie, mich von meinem Versprechen zu entbinden, daß ich jedem von Ihnen fünf Minuten Zeit widmen wollte, und mir zu gestatten, Sie alle zusammen anzugreifen.« Ich wartete, was sie antworten würden.

Aber ihre Erwiderung war wirklich schön und echt französisch. Mit einemmal flogen die zwölf Säbel aus den Scheiden und wurden präsentiert. Da standen sie vor mir, alle zwölf, unbeweglich, die Hacken zusammengeschlagen, jeder den Säbel kerzengerade vor dem Gesicht.

Ich taumelte einen Schritt zurück. Ich sah einen nach dem andern an. Ich konnte einen Moment meinen Augen nicht trauen. Sie brachten mir eine Huldigung, dieselben Männer, die mich vor einigen Stunden geuzt hatten! Dann wurde mir alles klar. Ich erkannte, wie ich ihnen imponierte, und sie wollten die Scharte von gestern abend wieder auswetzen. Gegen Gefahr kann sich ein Mann stählen, aber nicht gegen Rührung. »Kameraden,« rief ich, »Kameraden –!« aber weiter brachte ich nichts 'raus. Es schnürte mir die Kehle zu, es benahm mir die Sprache. Im nächsten Moment hatte mich Olivier umarmt, Pelletan hatte meine rechte Hand ergriffen, Mortier die linke, einige klopften mich auf die Schulter, einige schlugen mich auf den Rücken, von allen Seiten strahlten mir frohe Gesichter entgegen – so hatte ich mich bei den Conflansschen Husaren eingeführt.

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