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Die Abenteuer des Brigadiers Gerard. Erster Band

Arthur Conan Doyle: Die Abenteuer des Brigadiers Gerard. Erster Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleDie Abenteuer des Brigadiers Gerard. Erster Band
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
editoro.J.
year
translatorR. Lautenbach u. Luise Schroeter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160605
projectideb76d301
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Wie der Brigadier gegen Millefleurs zog.

Masséna war ein hagerer Mann mit mürrischem Gesicht, der das Unglück gehabt hatte, auf der Jagd ein Auge zu verlieren; aber dem anderen entging auf dem Schlachtfelde auch nicht das geringste, wenn es unter dem aufgestutzten Hütchen hervorlugte. Er mochte vor einem ganzen Bataillon Soldaten stehen und sah doch auf den ersten Blick, ob irgendwo eine Schnalle oder ein Knopf nicht in Ordnung war. Zwar war er weder bei den Offizieren noch bei der Mannschaft sonderlich beliebt, weil er ein gar so arger Geizhals war; galt es jedoch scharfe Arbeit, dann stellte er seinen Mann ganz vortrefflich, und deshalb hatten die Soldaten gewaltigen Respekt vor ihm und fochten am liebsten unter ihm, außer unter dem Kaiser selbst oder ehemals unter Lannes. Seine Hand legte sich damals um Zürich und um Genua mit demselben zähen Griff, mit welchem sie seine Geldsäcke umklammerte, und es bedurfte in der Tat eines sehr klugen Mannes, um sie dort oder hier zu öffnen.

Als ich den Befehl erhielt, mich in Massénas Hauptquartier zu melden, folgte ich sehr gern, denn ich war immer ein großer Liebling von ihm gewesen und wußte, daß er mich höher schätzte, als irgend einen meiner Kameraden. Ja. ja, jene alten Generäle kannten ihre Leute! Ich traf den Feldherrn allein in seinem Zelte; er hatte das Kinn in die Hand gestützt und sah so sorgenschwer aus, als hätte man ihn eben um eine milde Gabe angesprochen. Als er mich gewahrte, lächelte er jedoch.

»Guten Tag, Oberst Gerard!«

»Guten Tag, Herr Marschall!«

»Wie steht's mit den dritten Husaren?«

»Siebenhundert Mann, die ihresgleichen suchen, auf ebensoviel vortrefflichen Pferden!«

»Und Sie selbst? Sind Ihre Wunden geheilt?«

»Die heilen nie, Herr Marschall.«

»Aber warum denn nicht?«

»Weil ich immer neue davontrage.«

»Ja, ja, General Rapp muß nun auch auf seinen Lorbeeren ausruhen,« bemerkte er lachend, während sein Gesicht sich in zahllose kleine Fältchen legte. »Hat einundzwanzig Wunden von den Kugeln des Feindes und ebenso viele von Larreys Messern und Sonden. Hatte erfahren, daß Sie auch verwundet waren, und habe Sie deshalb letzthin verschont.«

»Das hat mir weher getan, als alle Wunden!«

»Nun, trösten Sie sich. Seit die Engländer Torres-Vedras zu Hilfe gekommen sind, hat's für uns wenig zu tun gegeben, und Sie haben während Ihrer Gefangenschaft in Dartmoor durchaus nichts versäumt. Aber nun geht's los.«

»Vorrücken?«

»Nein, zurückrücken.«

Mein Gesicht mußte ihm verraten, wie sehr mich diese Mitteilung wurmte. Was, wir sollten uns vor diesem Satanskerl, diesem Wellington, zurückziehen – vor ihm, der ein taubes Ohr gegen meine flehentlichen Bitten gehabt und mich in sein Nebelland geschickt hatte? Ich hätte vor Wut weinen können!

»Was wollen Sie?« meinte Masséna ungeduldig, »wer im Hintertreffen ist, muß –«

»Vorwärts gehen!« vollendete ich.

Er schüttelte den Graukopf, »'s geht nicht. Habe schon den General St. Croix eingebüßt und außerdem mehr Mannschaft, als ich ersetzen kann. Wiederum haben wir hier in Santarem sechs Monate gelegen, es gibt im Umkreise weder ein Pfund Mehl noch einen Krug Wein mehr. Wir müssen zurück.«

»Aber in Lissabon gibt's Mehl und Wein!« beharrte ich.

»Ei, Oberst, meinen Sie denn, eine Armee sei so leicht versorgt, wie ein Regiment Ihrer Husaren? Nein, nein, wir können uns nicht halten. Ja, wenn Soult mit dreißigtausend Mann hier wäre! Aber der kommt nicht. Doch jetzt zu unserm Geschäft, Oberst. Ich habe Sie zu mir kommen lassen, um Ihnen kund zu geben, daß ich Sie an die Spitze eines seltsamen, höchst wichtigen Unternehmens zu stellen gedenke.«

Ich spitzte die Ohren, wie Sie sich denken können. Der Marschall rollte eine Landkarte auf, breitete sie auf dem Tisch aus und strich sie mit seinen haarigen Händen glatt.

»Hier ist Santarem,« sagte er, auf den Ort deutend.

Ich nickte.

»Und hier, fünfundzwanzig Meilen östlich, liegt Almeixal, berühmt durch seine Weinberge und sein großes Kloster.«

Ich nickte wieder, konnte mir aber gar nicht denken, was nun eigentlich kommen würde.

»Haben Sie schon von Marschall Millefleurs gehört?«

»Ich habe unter allen Marschällen gedient, aber einen jenen Namens gibt es nicht,« sagte ich.

»'s ist auch bloß ein Spitzname, den ihm die Soldaten gegeben haben,« erklärte Masséna, »und wenn Sie nicht monatelang von uns weg gewesen wären, brauchte ich Ihnen nicht erst von ihm zu erzählen. Er ist ein Engländer von sehr guter Erziehung, dem sie wegen seiner Manieren jenen Titel beigelegt haben. Sie sollen zu diesem höflichen Manne hingehen.«

»Zu Befehl, Herr Marschall.«

»Sollen ihn an den nächsten Baum aufhängen.«

»Gewiß, Herr Marschall.«

Ich machte hurtig kehrt, aber der Marschall rief mich zurück, ehe ich das Zelt verlassen konnte.

»Einen Moment, Oberst. Ist wohl besser, Sie erfahren den Zusammenhang, bevor Sie sich auf den Weg machen. Millefleurs, oder eigentlich Alexis Morgan, ist ein Mann von großer Klugheit und Tapferkeit. Er war ehemals Offizier, hat aber den Abschied erhalten, weil sie ihn über falschem Spiel erwischt haben. Drauf ist er mit einer Schar englischer Deserteure ins Gebirg gezogen, es haben sich noch allerhand französische und portugiesische Strolche um ihn geschart, so daß er endlich an der Spitze von fünfhundert Mann stand. Mit dieser Bande hat er das Kloster Almeixal eingenommen, hat die Mönche ihres Wegs gehen heißen, die Gebäude befestigt und die ganze Gegend rund herum ausgeplündert.«

»Dann ist es höchste Zeit, daß er gehängt wird,« sagte ich und eilte wieder dem Ausgang zu.

»Noch einen Augenblick!« rief der Marschall, über meinen Eifer lächelnd. »Das Schlimmste kommt erst noch. Erst vergangene Woche ist die verwitwete Gräfin La Ronda, die reichste Frau in Spanien, auf einer Reise zu ihrem Enkel von diesen Räubern überfallen worden; man hält sie in der Abtei gefangen, und ihr einziger Schutz ist ihre –«

»Großmütterliche Würde,« warf ich ein.

»Ihre Fähigkeit, ein reiches Lösegeld zu zahlen,« sagte Masséna.

»Ihr Auftrag ist nun ein dreifacher: Sie sollen die unglückliche Dame befreien, den Schurken bestrafen und, wenn Sie können, das Räubergesindel auseinander sprengen. Ich kann Ihnen zu alledem allerdings nicht mehr als eine halbe Schwadron zur Verfügung stellen; daraus sehen Sie, welches Vertrauen ich in Sie setze.«

Meiner Treu! Ich traute kaum meinen Ohren. Hatte ich doch erwartet, wenigstens mein Regiment mitzubekommen!

»Würde Ihnen ja gern mehr geben,« fuhr er fort, »aber ich muß heute den Rückzug antreten, und bei einem Feind wie Wellington ist mir jeder Reitersmann von der größten Wichtigkeit. Nicht einen einzigen Mann mehr kann ich entbehren! Sehen Sie, was Sie tun können, und erstatten Sie mir spätestens morgen abend in Abrantes Bericht.«

Seine Worte enthielten zwar sehr viel Schmeichelhaftes für mich, aber das Ding war doch nicht so ganz einfach. Ich sollte eine Dame befreien, einen Engländer aufhängen und eine fünfhundert Kopf starke Räuberbande auseinandersprengen – und alles das mit fünfzig Mann! Nun, ja; aber diese fünfzig Mann waren doch Husaren von Conflans und hatten einen Etienne Gerard zum Anführer! Dieser Gedanke hatte mein Selbstvertrauen wieder hergestellt, als ich kaum in den warmen portugiesischen Sonnenschein hinausgetreten war, und ich begann mir schon die Frage vorzulegen, ob die Medaille, die ich eigentlich schon längst verdient hatte, wohl in Almeixal meiner wartete.

Mes amis! Sie können sich wohl denken, daß ich bei der Auswahl meiner fünfzig Husaren äußerst vorsichtig zu Werke ging. Lauter ältere Soldaten, die sich in den Kriegen schon bewährt hatten. Oudin und Papilette, zwei der tüchtigsten Unteroffiziere des Regimentes, führten sie an. Wie schlug mir das Herz vor Freude, als ich diese frischen Jungen in ihren silbergrauen Uniformen auf ihren Pferden mit den Schabracken aus Leopardenfellen so vor mir halten sah! Der Anblick der wetterharten Gesichter mit den großen Schnurrbärten entflammte meinen Mut aufs höchste, und ich bin fest überzeugt, die Leute waren von ähnlichen Gefühlen beseelt, als sie ihren Oberst auf seinem großen schwarzen Schlachtrosse an der Spitze des Zuges dahinreiten sahen.

Nachdem das Lager hinter uns lag und wir den Tajo überschritten hatten, sandte ich Vorposten und Plänkler aus, während ich selbst bei der Hauptmacht blieb. Nun noch einen Blick zurück auf Massénas Heer! Das Hin- und Herwogen der dunklen Reihen mit den blitzenden Säbeln und Bajonetten deutete an, daß er die Regimenter bereits zum Rückzug ordnete. Nach Süden zu hier und da die roten Röcke englischer Vorposten und dahinter die graue Rauchwolke aus Wellingtons Lager – dicker, fetter Rauch, der bei unsern hungrigen Soldaten Erinnerungen an wohlgefüllte dampfende Feldkessel wachrief. Im Westen endlich schimmerte ein Streifen des Ozeans mit den weißen Segeln englischer Fahrzeuge. Nun ließen wir zwar die beiden Heere immer weiter hinter uns zurück, die Gegend wurde jedoch von unsern eigenen Marodeuren und englischen Patrouillen so unsicher gemacht, daß unsre kleine Schar nicht vorsichtig genug sein konnte. Den ganzen Tag ritten wir an einer öden Gebirgskette dahin, an deren Fuß Weinstöcke grünten; weiter hinauf verwandelte sich jedoch das Grün in Grau, und der Kamm hob sich am Horizont scharf, wie der Rücken eines halbverhungerten Gaules ab. Kleine Gebirgsbäche, die dem Tajo zueilten, kreuzten unsern Pfad; einmal kamen wir an einen großen reißenden Fluß, der unsern Weg gehemmt haben würde, hätte ich nicht erforscht, wo an den Ufern Häuser einander gegenüber gebaut worden waren – denn dazwischen befindet sich stets eine Furt, wie jeder Soldat wissen sollte. Wen hätten wir auch hier um Auskunft befragen können, wo außer Scharen von Krähen kein lebendes Wesen zu sehen war?

Als die Sonne zur Rüste ging, gelangten wir in ein Tal, das zu beiden Seiten von riesigen Eichen eingesäumt war. Nun konnten wir von Almeixal nicht mehr weit sein, und ich hielt es deshalb für das beste, unter den Bäumen hinzureiten, denn das Laubwerk war bereits dicht genug, um uns Deckung zu geben. Plötzlich sprengte einer der Plänkler heran und meldete salutierend: »Engländer auf der anderen Seite des Tales drüben, Herr Oberst!«

»Kavallerie oder Infanterie?«

»Dragoner, Herr Oberst; ich habe ihre Helme gesehen und ein Pferd wiehern hören.«

Ich ließ halt machen und eilte an den Rand des Gehölzes. Der Mann hatte recht – eine Abteilung englischer Reiterei ritt in derselben Richtung mit uns dahin. Sah ich doch ihre roten Röcke und blitzenden Waffen hier und da durch das Gebüsch leuchten, und jetzt, als sie über einen kleinen Aushau ritten, konnte ich die ganze Schar überblicken. Es mochten ihrer wohl ungefähr so viel wie wir selbst sein – höchstens eine halbe Schwadron.

Sie haben nun schon so mancherlei von meinen Abenteuern gehört und werden zugeben, daß ich sowohl in meinen Entschließungen als auch in der Ausführung derselben sehr rasch bin. Aber jetzt war ich doch nicht gleich ganz schlüssig. Bot sich mir hier nicht die beste Gelegenheit zu einem hübschen kleinen Gefecht mit den Engländern? Aber ich hatte ja jenen Befehl in bezug auf das Kloster Almeixal, der eigentlich meine Kraft schon weit überstieg, und es lag klar auf der Hand, daß es mir gänzlich unmöglich sein würde, ihn auszuführen, wenn ich noch Leute einbüßte. Während ich, das Kinn in die Hand gestützt, noch so grübelte, sah ich, wie plötzlich einer der Rotröcke aus der Deckung herausritt und auf mich deutete. Dazu stieß er ein schallendes »Hurra, Hallo« aus, wie es der Jäger tut, der den Fuchs vor sich sieht. Jetzt sprengten drei andere zu ihm heran, und der eine von ihnen, ein Hornist, gab ein Signal, worauf die ganze Schar erschien. Die halbe Schwadron – meine Schätzung erwies sich als richtig – stellte sich nun in zwei Reihen von je fünfundzwanzig Mann auf, und der Offizier, derselbe, welcher mich vorhin mit seinem Jagdruf begrüßt hatte, übernahm die Führung.

Aber ich hatte auch keine Zeit verloren, sondern meine Leute schleunigst in derselben Weise aufgestellt, so daß wir uns nun, Husaren und Dragoner, nur durch eine etwa zweihundert Meter breite Grasfläche getrennt, einander gegenüber standen. Man muß gestehen, sie sahen nicht übel aus, jene Engländer mit ihren roten Röcken, weißen Federbüschen und blitzenden Säbeln! Ob aber sie wiederum jemals prächtigere leichte Reiterei gesehen hatten, als diese fünfzig Husaren ihnen gegenüber? Allerdings waren sie von kräftigerem Wuchs als wir und sahen vielleicht nach etwas mehr aus, denn Wellington hielt darauf, daß alles, was an ihrer Uniform von Metall war, glänzend poliert wurde, was bei uns nicht Sitte war. Dagegen ist ja bekannt, daß ihre Röcke zu eng waren, um ihnen bei der Handhabung des Säbels freie Bewegung zu lassen, und dieser Umstand sprach sehr zu unsern Gunsten. Wer die Tapfersten von beiden waren? Nun, jede Nation weist törichte und unerfahrene Leute in Menge auf, die da behaupten, ihren Soldaten gerade gebühre dieser Ruhm. Wer aber so viel herumgekommen ist wie ich, der weiß recht wohl, daß jedes Heer seine Pflicht nach Kräften tut – allerdings zeigen die Franzosen etwas mehr Mut als andere.

Nun, wie gesagt, der Kork war gezogen und die Gläser standen bereit. Da erhob der Offizier drüben plötzlich seinen Säbel gegen mich wie zur Herausforderung und kam über die Grasfläche leicht auf mich zu galoppiert. Auf mein Wort, ich kenne keinen schöneren Anblick als einen ritterlichen Reitersmann auf edlem Roß! Und dieser da entzückte mich so, daß ich mein Auge kaum von ihm abwenden konnte. Aber mit welch ungekünstelter Anmut kam er auch jetzt mit zurückgeworfenem Haupte herangetänzelt! Der Säbel lag an der Schulter seines Pferdes, die weiße Feder nickte auf und nieder. Fürwahr, eine Verkörperung von Jugend, Kraft und Mut! Aber ich durfte nicht nur schauen und müßig bleiben; Etienne Gerard mag seine Fehler haben, aber zu seiner Pflicht läßt er sich nicht antreiben! Mein kluges Pferd Rataplan wußte das so genau, daß es losgesprengt war, ehe ich ihm nur das Zeichen dazu gegeben hatte.

Zwei Dinge gibt es auf der Welt, die sich meinem Gedächtnis so treu einprägen, daß ich sie nicht so leicht wieder vergesse – ein liebliches Frauenantlitz und ein Paar schöner Pferdefüße. Und so geschah es denn, daß ich jetzt, als wir aufeinander zuritten, mir die Frage vorlegte: Wo in aller Welt hast du nur diese prächtigen Schultern, diese schlanken Beine schon gesehen? Und plötzlich kam mir die Erinnerung zurück, ich betrachtete mir nochmals das kühne Auge, diesem herausfordernde Lächeln des Reiters, und wem meinen Sie wohl, daß sie angehörten? Nun, wem wohl sonst, als dem Mann, der mich aus den Händen der Räuber gerettet hatte, der mit mir um meine Freiheit gespielt – ihm, dessen genauer Titel » Milord, the Hon. Russel Bart« war?

»Bart!« schrie ich laut auf.

Er hatte schon den Arm zum Streich erhoben und dabei mehr als die Hälfte seines Körpers bloßgestellt, denn er verstand nicht allzuviel vom Gebrauch des Säbels – nun aber stutzte er und schaute mich an.

»Heda,« sagte er endlich, »das ist ja der Gerard!« Seine Worte klangen so ruhig, als hätten wir verabredet gehabt, uns hier zu treffen; aber ich, ich hätte ihn umarmt, wäre er mir nur einen einzigen Schritt entgegengekommen.

»Wer hätte gedacht, daß Sie es wären; hatte mich schon auf ein Abenteuer gefaßt gemacht!«

Ich kann nicht gerade sagen, daß seine Enttäuschung mich angenehm berührt hätte; ich hatte gehofft, er würde sich freuen, einen Freund wiederzusehen, und statt dessen bedauerte er, keinen Feind vor sich zu haben.

»Wäre mit Vergnügen der zweite bei Ihrem Sport gewesen, mein lieber Bart,« sagte ich, »aber Sie sehen doch selbst ein, daß ich unmöglich die Spitze meines Säbels gegen einen Mann richten kann, der mir das Leben gerettet hat.«

»Pah, lassen Sie das doch gut sein!«

»Nein, es ist unmöglich, ich würde nie wieder ruhig werden.«

»Sie schätzen den kleinen Dienst zu hoch.«

»Es ist der heißeste Wunsch meiner Mutter, Ihnen dafür zu danken, wenn Sie je in die Gascogne kommen sollten.«

»Lord Wellington geht mit sechzigtausend Mann dahin.«

»Nun, dann hat doch einer von ihnen wenigstens die Chance, am Leben zu bleiben,« sagte ich lachend, »aber stecken Sie nur inzwischen Ihren Säbel in die Scheide!«

Unsere Pferde standen jetzt ganz nahe beisammen; der Bart streckte seine Hand aus und klopfte mir auf das Knie.

»Ihr seid ein guter Kerl, Gerard; wenn Sie doch auf der richtigen Seite des Kanals geboren wären!«

»Das bin ich ja!«

»Armer Teufel!« antwortete er in einem Tone so aufrichtigen Mitleids, daß ich nicht umhin konnte, von neuem zu lachen.

»Nun ja,« fuhr er fort, »darüber läßt sich viel sagen: aber sehen Sie, Gerard, so ganz richtig ist's jetzt doch nicht mit uns beiden. Ich weiß zwar nicht, wie Masséna diese Geschichte auffassen würde; aber unser General würde aus seinen Reiterstiefeln fahren, wenn er uns hier sehen könnte. Sind doch nicht zu einem Picknick ausgeschickt worden!«

»Nun ja, so schlagen Sie etwas vor!«

»Sie erinnern sich doch noch an unsern kleinen Streit über Husaren und Dragoner! Nun sehen Sie, jeder von uns hat fünfzig wackere Jungen, die sich vor Ungeduld nicht zu fassen wissen. Wie wäre es mit einem hübschen Gefecht gegeneinander – natürlich ohne daß wir beide uns zu nahe kämen? Mich dünkt, ein kleiner Aderlaß wäre nicht vom Uebel in diesem Klima!«

Das schien mir eine so gute Idee zu sein, daß für den Augenblick Herr Alexis Morgan, die Gräfin La Ronda, sowie das Kloster Almeixal vollständig aus meinem Kopfe hinausspazierten, und nur die schöne, ebene Grasfläche mit dem netten Gefecht darauf drin Platz hatte.

»Gewiß, Bart!« stimmte ich bei. »Die Vorderseite Ihrer Dragoner hätten wir zur Genüge gesehen, bleibt noch die Kehrseite übrig!«

»Wetten?« forschte er.

»Als Einsatz nichts weniger als die Ehre der Husaren von Conflans!«

»Abgemacht!« sagte er. »Siegen wir, nun gut – ist das Glück Ihnen aber hold, dann um so besser für den Marschall Millefleurs!«

Ich sah ihn erstaunt an. »Warum denn für den Marschall Millefleurs?«

»Das ist der Name eines Schurken, der irgendwo hier herum haust. Meine Dragoner sind von Lord Wellington abgeschickt worden, um ihn aufzuhängen.«

»Meiner Treu!« rief ich, »ich habe mit meinen Husaren von Masséna denselben Befehl erhalten!«

Jetzt lachten wir beide herzlich und steckten die Säbel in die Scheiden. Lautes Gerassel hinter uns bekundete, daß unsere Leute diesem Beispiel folgten.

»So sind wir ja Verbündete,« rief Russel aus, »Verbündete für einen ganzen Tag! Wir müssen uns zusammentun!«

Und so wurde aus unserem Gefecht nichts: wir ließen die beiden Trupps abschwenken und zogen zusammen das Tal entlang, wobei die Leute einander wie die Kampfhähne vom Kopf bis zu den Füßen musterten. Die meisten faßten die Sachlage mit Humor auf, aber man sah auch auf beiden Seiten finstere, drohende Gesichter, besonders bei dem englischen Sergeanten und bei meinem Unteroffizier Papilette. Beide waren Gewohnheitsmenschen, die ihre Denkungsweise nicht sofort ändern konnten, und dazu kam, daß Papilette seinen einzigen Bruder bei Busaco verloren hatte. Wir beide aber ritten einträchtig voran und plauderten von allerhand, was wir seit jener Partie Ecarté erlebt hatten.

Ich erzählte natürlich von meinem Abenteuer in England. Aber wie sonderbar doch die Engländer sind! Er wußte ganz gut, daß ich zwölf Feldzüge mitgemacht hatte, und doch schien es mir, als ob ihm meine Begegnung mit jenem englischen Wettläufer am wichtigsten dünkte. Er hingegen teilte mir mit, daß er vor dem Kriegsgericht angeklagt worden war, mit einem Gefangenen Karten gespielt zu haben. Man hatte ihn nun zwar einer Verletzung seiner Pflicht nicht für schuldig befunden; er hätte aber beinahe seinen Abschied bekommen, weil man der Ansicht war, daß er mit den Trümpfen nicht nach den Regeln des Spiels verfahren sei. Ja, ja, die Engländer sind doch ein wunderliches Volk!

Am Ausgang des Tales zog sich der Weg über eine Anhöhe hinweg, um sich dann in ein zweites, größeres Tal hinabzusenken. Hier ließen wir unsere Leute halt machen, denn gerade vor uns, kaum drei Meilen weit entfernt, erblickten wir die zerstreut liegenden Häuser eines alten Städtchens und auf der Berglehne darüber ein ungeheueres Gebäude. Das mußte die Abtei sein, in welcher jene Räuberbande hauste. Aber welche Aufgabe lag da vor uns! Dieser Ort war ja die reine Festung! Was in aller Welt sollte Kavallerie mit einem solchen Auftrage anfangen!

Der Bart teilte jedoch meine Bedenken nicht. »Was schert uns das?« meinte er, »das mögen Wellington und Masséna unter sich ausmachen!«

»Mut!« pflichtete ich ihm bei. »Hat doch Piré Leipzig mit fünfzig Husaren genommen!«

»Wären es Dragoner gewesen, so hätte es ebensogut Berlin sein können!« versicherte der Bart lachend. Nun Gerard, Sie als der Aelteste übernehmen die Führung, und dann wollen wir sehen, wer am ersten die Wimper zuckt.«

»Ist mir recht: aber nun hurtig, das Ding hat Eile. Der morgende Abend muß mich wieder in Abrantes sehen. Möchten uns wohl erst ein wenig über den Ort orientieren? Halt, hier ist jemand, der uns vielleicht Auskunft geben kann!«

Am Wege stand ein weißgetünchtes Haus, dem grünen Kranz über der Tür nach eine Herberge für Maultiertreiber. Am Eingang hing eine Laterne, die ihren Schein auf zwei Männer warf, von denen der eine das braune Gewand des Kapuzinermönches trug, während der andere, seiner Schürze nach, der Wirt sein mußte. Die beiden waren so tief in ihre Unterhaltung versunken, daß sie uns erst gewahr wurden, als wir vor ihnen standen. Nun wollte der Wirt zwar schleunigst die Flucht ergreifen, aber einer der Engländer erwischte ihn am Schopf und hielt ihn fest.

»Gnade! Gnade!« kreischte der Mann laut auf. »Franzosen und Engländer haben mir das ganze Haus ausgeplündert! Der Brigant hat mir alle Knochen im Leibe zerschlagen! Die heilige Jungfrau ist mein Zeuge, daß ich weder einen Bissen Brot noch einen Heller mehr habe, und der ehrwürdige Pater da, der auf meiner Schwelle verhungern muß, wird Ihnen dasselbe sagen.«

Jetzt fiel der Kapuziner im vortrefflichsten Französisch ein: »Dieser biedere Mann redet die volle Wahrheit. Auch er ist diesem grausamen Krieg zum Opfer gefallen, wenn auch sein Verlust im Vergleich zu dem meinigen sehr gering ist. Lassen Sie ihn los!« fügte er auf Englisch zu dem Dragoner gewendet hinzu, »er vermag nicht zu entfliehen, selbst wenn er wollte; er ist allzu schwach.«

Der Tausend, was für ein schöner Mann dieser Mönch doch war! Trotz, daß seine Kapuze bis an Rataplans Ohren reichte, von brauner Gesichtsfarbe, dunklem Haar und prächtigem Bart. Wohl sah man seiner Miene an, daß er durch schweres Leid gegangen war, aber seine Haltung war die eines Königs geblieben, und wie es um seine Bildung bestellt war, nun, das zeigte ja am allerbesten die Art und Weise, wie er unsere Sprachen beherrschte.

»Sie haben nichts zu befürchten, lieber Mann!« beruhigte ich den zitternden Wirt. »Sie aber, ehrwürdiger Pater, sind, wenn mich nicht alles täuscht, gerade der rechte Mann, um uns Auskunft zu geben!«

»Ich stehe Ihnen ganz zu Diensten, mein Sohn! Aber,« fuhr er mit schwachem Lächeln fort, »wir haben jetzt Fastenzeit, und dieses Jahr ist meine Fastenspeise so beschaffen, daß ich Sie bitten muß, mir ein Rindchen Brot zu reichen, damit ich auf Ihre Fragen zu antworten vermag.«

Nun waren wir auf zwei Tage mit Proviant versehen, so daß ich den bescheidenen Bitten des Mannes willfahren konnte. Mit wahrem Heißhunger machte er sich über das Stückchen Ziegenfleisch her, das ich ihm anbieten konnte.

»Die Zeit drängt, lassen Sie uns zur Sache kommen,« begann ich. »Wir möchten Ihre Ansicht hören, wie der Abtei dort drüben am besten beizukommen ist, und vielleicht können Sie uns auch einiges über die Gewohnheiten der Schurken mitteilen, die jetzt drin hausen.«

Er stieß einige Worte in einer Sprache aus, die ich für Latein hielt, faltete die Hände und blickte nach oben. »Das Gebet des Gerechten vermag viel,« begann er, »und dennoch habe ich nicht zu hoffen gewagt, daß mein heißes Flehen so schnell erhört werden würde. Sie sehen in mir den unglücklichen Abt von Almeiral vor sich, den der Abschaum von drei Armeen samt ihrem ketzerischen Anführer weggejagt hat. O, bedenken Sie. was ich verloren habe!« Jetzt versagte ihm die Stimme und Tränen hingen an seinen Augenwimpern.

»Fassen Sie Mut!« tröstete der Bart. »Ich wette neun gegen vier, daß wir Sie vor morgen abend wieder hineingebracht haben.«

»Es ist mir nicht um mich selbst zu tun,« fuhr der Abt fort, »ja, nicht einmal um meine arme, zerstreute Herde, aber die heiligen Reliquien sind in Gefahr, in die ruchlosen Hände dieser Räuber zu fallen.«

»Wette, daß die drin sich an derlei nicht vergreifen werden,« warf der Bart dazwischen, »aber zeigen Sie uns nur den Weg, und wir wollen den Ort bald für Sie gesäubert haben!«

Der gute Abt gab uns bereitwilligst alle Auskunft, die wir nur wünschen konnten, aber seine Worte klangen wenig tröstlich. Waren doch die Klostermauern vierzig Fuß hoch, die unteren Fenster mit Eisengittern und das ganze Gebäude mit zahlreichen Schießscharten versehen. Die ganze Bande war vortrefflich einexerziert, und der Wachen gab es so viele, daß wir sie unmöglich überrumpeln konnten. Wie gesagt, ein Bataillon Grenadiere und ein paar Sprenggeschosse wären hier besser am Platze gewesen als wir. Ich zog die Augenbrauen in die Höhe, der Bart fing zu pfeifen an.

Die Mannschaft war inzwischen abgestiegen, hatte die Pferde getränkt und aß nun ihr Abendbrot, während ich mit dem Bart und dem Abt in die Gaststube ging, um die Sache noch weiter zu besprechen. Ich hatte noch etwas Kognak in meiner Feldflasche, den ich unter uns drei verteilte – freilich war es eben nur genug, um unsere Bärte naß zu machen. Darauf begann ich, ihnen meinen Plan klarzulegen.

»Ich glaube nicht,« sagte ich, »daß dieses Lumpengesindel eine Ahnung von unserer Anwesenheit hier hat, denn ich habe keine Spur von einer Patrouille unterwegs gesehen. Mein Vorschlag ist: wir verbergen uns in einem Gehölz in der Nähe, und sobald sie früh die Tore öffnen, stürmen wir vor und überfallen sie.«

Der Bart stimmte mir bei, aber der Abt machte uns doch auf einige Schwierigkeiten aufmerksam.

»Ich fürchte, mein Sohn, Ihr vortrefflicher Plan wird an der Wachsamkeit ihrer Kundschafter scheitern. Ausgenommen in der Stadt selbst würde wohl schwerlich ein passender Ort für Sie und Ihre Leute zu finden sein, und den Städtern ist nicht zu trauen!«

»Und doch bleibt mir nichts anderes übrig,« versetzte ich, »Husaren von Conflans sind nicht so dick gesät, daß ich es verantworten könnte, mit fünfzig derselben eine vierzig Fuß hohe Mauer erstürmen zu wollen, welche durch fünfhundert Mann Infanterie verteidigt wird.«

»Ich bin zwar ein Mann des Friedens,« begann jetzt der Abt, »aber ich wüßte einen Rat für Sie. Habe ich doch genügend Gelegenheit gehabt, diese Bösewichter und ihre Gewohnheiten kennen zu lernen. Einen vollen Monat schon weile ich hier an diesem einsamen Orte und schaue wehmütigen Herzens nach der Abtei hinüber, die einst mein eigen war. Lassen Sie sich sagen, was ich an Ihrer Stelle tun würde.«

»O, sprechen Sie, Pater!« riefen wir einmütig.

»Nun, ich habe bemerkt, daß bisweilen ganze Trupps von Deserteuren mit ihren Waffen hineinkommen. Warum sollten Sie sich nicht ebenfalls für eine solche Schar ausgeben und auf gleiche Weise hineinzugelangen suchen?«

Das war ja ein vortrefflicher, einfacher Plan! Voller Freude umarmte ich den guten Mann; aber der Bart machte allerhand Einwendungen.

»Das klingt wohl recht schön,« meinte er, »aber Sie glauben doch nicht im Ernst, daß die darin so dumm sind, hundert bewaffnete Fremdlinge in ihre Falle zu lassen? Nach allem, was ich von diesem Marschall Millefleurs oder Alexander Morgan oder wie der Kerl sonst heißen mag, gehört habe, hat er mehr Verstand.«

Ich sah ein, daß er nicht unrecht hatte, aber ich fand bald einen Ausweg.

»So wollen wir nur fünfzig hineinschicken, und die mögen dann, sobald der Tag graut, die Tore für die übrigen öffnen.«

Nun entspann sich noch eine längere Debatte: denn wir gingen mit Scharfsinn und Vorsicht zu Werke. Ja, Masséna und Wellington selbst hätten die Sache nicht reiflicher erwägen können als wir zwei Offiziere der leichten Reiterei. Endlich waren wir zu einem Entschluß gekommen: einer von uns beiden sollte mit fünfzig Mann unter dem Vorwand. Deserteure zu sein, hineingehen und mit dem frühesten die Tore für die anderen öffnen. Nun war zwar der Abt der Ansicht, daß es nicht ratsam sei, unsere Macht zu teilen; als er aber sah, daß wir beide derselben Meinung waren, zuckte er mit den Schultern und erklärte sich einverstanden.

»Sagen Sie mir nur noch das eine,« bat er, »was werden Sie denn mit diesem Teufelskerl, dem Marschall Millefleurs, anfangen, wenn Sie ihn gefangen haben?«

»Aufhängen!«

»Das ist noch ein zu leichter Tod für ihn,« rief der Kapuziner aus. während seine Augen vor Rachsucht funkelten. »Ginge es nach mir – aber o! Darf ein Diener Gottes solche Gedanken hegen?« Damit schlug er sich vor die Stirn, wie jemand, den der Kummer beinahe seines Verstandes beraubt hat, und eilte hinaus.

Jetzt gab es für uns noch einen wichtigen Punkt zu entscheiden: sollten die Engländer oder die Franzosen die Ehre haben, zuerst in die Abtei einzuziehen? Meiner Treu, es kam einem Etienne Gerard schwer an, jetzt vor irgend einem Manne zurückstehen zu sollen! Als aber der arme Bart so flehentlich bat und an die vierundsiebenzig Gefechte erinnerte, die ich im Gegensatze zu seinen wenigen Scharmützeln schon gesehen hatte, da willigte ich endlich ein. daß er gehen sollte. Eben waren wir darüber, diese Abmachung durch einen Handschlag zu besiegeln, als wir draußen vor dem Wirtshause so lautes Fluchen und Kreischen vernahmen, daß wir mit dem blanken Säbel in der Hand hinausstürzten, denn wir meinten nichts anders, als die Räuber hätten uns überfallen.

Oh, was für ein Bild bot sich uns im Scheine der Laterne dar! Wohl zwanzig unserer Husaren und Dragoner waren handgemein geworden, und das bunte Gewimmel von blauen und roten Röcken, Tschakos und Helmen puffte und knuffte einander nach Herzenslust. Wir stürzten uns auf sie und zerrten hier an einem Kragen, dort an einem Stiefelsporn, bis wir sie endlich getrennt hatten. Nun standen sie erhitzt und blutend da und keuchten wie die Rennpferde. Aber trotzdem maßen sie sich mit feindseligen Blicken und würden sicher den Kampf von neuem begonnen haben, wenn unsere blanken Säbel nicht gewesen wären. Während der ganzen Zeit stand der arme Kapuziner in der Türe, rang die Hände und rief alle Heiligen um Hilfe an.

Wie ich auf meine Nachforschungen erfuhr, war er allein die allerdings unschuldige Ursache des bösen Auftrittes gewesen, indem er an den Sergeanten herangetreten war und bemerkt hatte, es sei doch recht schade, daß seine Schwadron in bezug auf Tüchtigkeit nicht an die Franzosen heranreiche. Wie hätte der gute Mann auch wissen können, wie der Soldat über dergleichen Punkte denkt! Nun, kaum waren jene Worte seinem Munde entschlüpft, so hatte einer der Dragoner den zunächst stehenden Husaren niedergeworfen, und bald war die allgemeine Rauferei fertig gewesen. Nach dieser Erfahrung mochten wir unsere Leute nicht mehr beisammen lassen, sondern der Bart stellte seine Soldaten vor dem Wirtshause auf, und ich ließ die meinigen nach hinten zu marschieren. Und hier trat wieder die Eigentümlichkeit der beiden Nationen klar zutage; denn während die Engländer dem Befehl stumm und mit finsterer Miene nachkamen, ballten meine Jungen die Faust und räsonnierten.

Nun hielten wir es für das beste, den einmal gefaßten Plan so schnell wie möglich auszuführen, ehe uns ein neuer Zwischenfall hindernd in den Weg trat. Der Bart trennte die Tressen von seinen Aermeln, entfernte Schärpe und Kragen, bis er von einem einfachen Soldaten nicht mehr zu unterscheiden war, und ritt mit seinen Leuten davon. Er hatte ihnen zuvor auseinandergesetzt, was sie zu tun hatten; wenn sie auch nicht jubelten und die Waffen schwangen, wie die meinigen, so flößte mir doch der Ausdruck ihrer ruhigen, glattrasierten Gesichter Vertrauen ein. Natürlich hatten sie auch dafür gesorgt, daß sie wie entlaufene Soldaten ohne Zucht und Ordnung aussahen. Ihre Röcke standen offen. Säbelscheiden und Helme waren mit Schmutz bedeckt und die Pferde schlecht aufgezäumt. Nach der Verabredung sollten sie morgen früh um sechs Uhr den Haupteingang zum Kloster öffnen und meine Husaren einlassen. Mein Sergeant Papilette folgte den Dahinreitenden in einiger Entfernung nach und kehrte nach Verlauf einer halben Stunde mit der Meldung zurück, daß man den Engländern nach einigem Hin- und Herreden, und nachdem man sie von innen heraus mit Laternen beleuchtet, den Eintritt gestattet hatte.

Soweit war alles geglückt. Der bewölkte Himmel und der feine Sprühregen waren mir sehr willkommen, denn sie gewährten uns einen gewissen Schutz vor der Gefahr, entdeckt zu werden. Ich schickte nun Patrouillen nach jeder Richtung hin aus, die uns bei einem etwaigen Ueberfalle warnten, andererseits aber verhindern sollten, daß auf irgend eine Weise, vielleicht durch einen Bauer, Kunde von uns ins Kloster gelangen konnte. Oudin und Papilette sollten sich im Dienst ablösen, während die übrigen bequemes Quartier auf einem großen Boden angewiesen bekamen. Nachdem ich selbst noch einmal die Runde gemacht und alles in Ordnung gefunden hatte, legte ich mich auf das Bett, das der Wirt für mich aufgestellt hatte, und fiel in einen tiefen Schlaf.

Mes amis, Sie haben gewiß schon meinen Namen als das Ideal eines Soldaten nennen hören, und zwar nicht nur von Freunden und Gönnern aus dieser kleinen Stadt, sondern auch von alten Offizieren, die Freud und Leid des Kriegslebens mit mir geteilt haben. Wahrhaftigkeit und Bescheidenheit zwingen mich jedoch zu dem Bekenntnis, daß ich jenen Titel nicht verdiene. Denn zwischen mir und Vollkommenheit stehen immerhin noch einige – wenn auch nicht viele – kleine Schwächen, von welchen andere in dem großen kaiserlichen Heere frei sein mochten. Von Tapferkeit will ich nicht reden, das überlasse ich meinen Kriegskameraden. Wenn wir in nächtlicher Stunde am Lagerfeuer saßen, da geschah es gar häufig, daß die Frage aufgeworfen wurde, wer wohl der Tapferste der » grande armée« sei; einige erklärten sich für Murat, andere für Lasalle, die dritten für Ney. Wurde ich um meine Ansicht befragt, so zuckte ich die Schultern und lächelte. Was hätte ich auch anderes tun können? Meine Antwort wäre ja doch nur als Selbstüberhebung ausgelegt worden, obgleich jedermann am besten wissen muß, was in ihm steckt, und Tatsachen für sich selbst reden. Ja, für den guten Soldaten ist's mit Tapferkeit aber noch nicht genug – der muß vor allem auch einen leichten Schlaf haben. Und der geht mir ab; schon als Knabe war ich immer schwer zu wecken, und in dieser Nacht sollte ich für meine Schwäche schwer zu büßen haben.

Es mochte wohl so gegen zwei Uhr nachts sein, da wachte ich mit dem Gefühl auf, daß ich ersticken müßte. Ich wollte rufen, konnte aber nicht, wollte aufspringen, vermochte aber nur um mich zu schlagen wie ein gelähmter Gaul. Füße, Knie und Hände waren mir mit Riemen zusammengebunden, meinen Mund verschloß eine feste Binde! Nur die Augen waren mir noch zu freier Bewegung geblieben, und die zeigten mir im Schein einer portugiesischen Lampe den Abt und den Wirt, die am Fußende meines Bettes standen!

Hatte ich in dem schwerfälligen, weißen Gesicht des letzteren am gestrigen Abend nur Beschränktheit und Entsetzen gelesen, so sprachen seine Züge jetzt deutlich von Grausamkeit und bestialischer Wildheit, ja, ich kann sagen, ich habe in meinem ganzen Leben nicht wieder ein so entsetzliches Antlitz gesehen. Auch entging mir nicht, daß seine kralligen Hände sich um ein langes, dunkles Messer schlossen. Der Abt dagegen war glatt und würdevoll wie vorher. Aber er hatte sein Mönchsgewand vorn geöffnet, und ich erblickte darunter einen schwarzen Rock, wie ich sie bei den englischen Offizieren gesehen hatte. Eben beugte er sich über mein Bett, da begegneten sich unsere Blicke, und nun lachte er belustigt in sich hinein, bis mein Lager knarrte.

»Entschuldigen Sie meine Heiterkeit, Herr Oberst Gerard,« sagte er endlich, »aber der Ausdruck Ihres Gesichtes war in dem Momente, da Sie die Situation erkannten, so komisch, daß ich mir nicht helfen konnte. Ich bezweifle durchaus nicht, daß Sie ein vortrefflicher Soldat sind, aber sehen Sie, im Scharfsinn können Sie es mit dem Marschall Millefleurs, wie mich Ihre Soldaten zu nennen belieben, doch noch nicht aufnehmen. Scheinen mir herzlich wenig Witz zugetraut zu haben, welcher Umstand nicht eben sehr zugunsten Ihrer eigenen geistigen Fähigkeiten spricht. Ja, ich möchte sagen, daß ich in der Tat niemand kenne, der für eine derartige Mission noch schlechter geeignet wäre als Sie – ausgenommen vielleicht meinen allzu hitzigen Landsmann, den Dragoner.«

Sie können sich denken, was in mir vorging, und welche Sprache meine Blicke redeten, als ich diese unverschämten Beleidigungen anhören mußte, die er in seiner aalglatten, herablassenden Weise ausstieß. Erwidern konnte ich nichts, aber meine Mienen mochten ihnen wohl meine Wut verraten haben, denn der Bursche, der den Wirt gespielt hatte, flüsterte seinem Gefährten etwas zu.

»Nein, nein, mein lieber Chenier, es wäre schade um sein Leben,« entgegnete dieser. Und zu mir gewendet fuhr er fort: »'s war recht gut, Oberst, daß Sie sich eines so gesunden Schlafes erfreuen, denn mein Freund hier ist zuweilen etwas rauh, der hätte Ihnen gewiß die Kehle abgeschnitten, wenn Sie sich geregt hätten. Mit diesem Manne dürfen Sie's überhaupt nicht verderben, denn der Sergeant Chenier, ehemals von der kaiserlichen Infanterie, ist bei weitem mehr zu fürchten, als der Hauptmann Alexis Morgan.«

Chenier drohte mir hohnlachend mit dem Messer, während ich mich begnügen mußte, in meinen Blicken die Verachtung auszudrücken, die ich vor einem Manne empfand, der so tief gesunken.

»Es wird Ihnen interessant sein, zu erfahren.« fuhr jetzt der Marschall mit seiner verbindlichen, wohllautenden Weise fort, »daß Ihre beiden Expeditionen von Anfang an überwacht worden sind; aber Sie müssen doch selbst eingestehen, daß wir dabei mit aller Diskretion verfahren sind. Sogar für Ihren Besuch in der Abtei waren bereits Vorbereitungen getroffen worden – allerdings hatten wir gehofft, die ganze Schwadron beherbergen zu dürfen. Haben sich die Pforten hinter unseren lieben Gästen einmal zugetan, so erblicken sich dieselben in einem reizenden, kleinen, mittelalterlichen Hof ohne alle weiteren Ausgänge, unter dem sicheren Schutze von fünfhundert ausgezeichneten Flinten. Wir lassen ihnen freie Wahl, ob sie niedergeschossen werden oder sich ergeben wollen. Ich glaube sicher, Ihre Verbündeten drin sind klug genug gewesen, sich für das letztere zu entscheiden. Aber vielleicht möchten Sie sich gerne mit Ihren eigenen Augen davon überzeugen? Wir werden Sie mit Vergnügen dahin geleiten, seien Sie versichert, Ihr Freund wird Sie mit einem ebenso langen Gesicht begrüßen, wie jetzt das Ihre ist!«

Aus der nun leise geführten Unterhaltung der beiden Patrone verstand ich, daß sie beratschlagten, auf welche Weise meine Patrouillen am besten zu umgehen sein würden.

»Ich denke, hinter der Scheune herum sind wir am sichersten,« meinte der Marschall endlich. »Bleibt einstweilen hier, mein guter Chenier; wenn der Gefangene Umstände machen sollte, wißt Ihr ja, was Ihr zu tun habt!«

Nun befand ich mich mit dem gefährlichen Ausreißer allein. Der saß ganz gemächlich auf meinem Bettrande und schärfte im Schein der qualmenden Oellampe das Messer an seinem Stiefel. Daß ich in jener Stunde vor Verdruß und Selbstvorwürfen nicht wahnsinnig geworden bin, wundert mich heute noch. Da lag ich nun hilflos, ich konnte weder sprechen, noch einen Finger rühren. Ach, hätten doch meine fünfzig wackeren Jungen, die mir so nahe waren, gewußt, in welcher Bedrängnis sich ihr Oberst befand! Ein Gefangener war ich ja öfters schon gewesen, aber daß ich es jetzt durch so abtrünnige, elende Schurken geworden war, die mich überlistet hatten und mich nun im Triumph in ihren Schlupfwinkel schleppen wollten, das war mehr als ich ertragen konnte!

Ich versuchte, meine Hände und Füße ein wenig zu bewegen, aber umsonst: wer von den beiden mich auch gefesselt haben mochte, ein Stümper war er nicht gewesen. Und ebenso wenig gelang es mir, das Tuch von meinem Munde zu entfernen, denn der Kerl schwang sein Messer mit einer so entsetzlichen Grimasse, daß ich es lassen mußte. Es half nichts, ich mußte mich vorläufig in mein Schicksal ergeben und stille halten. Ob ich wohl je Gelegenheit haben würde, dem mächtigen Stiernacken da vor mir eine hübsche Schlinge umzulegen? Diese Frage beschäftigte mich noch angelegentlich, als ich Schritte hörte, die draußen den Gang entlang auf die Türe zukamen. Nun, da kehrte er ja schon zurück, und mein Los war entschieden. Denn so viel mußte ich mir sagen: konnten mich diese beiden Kanaillen nicht in ihren sicheren Gewahrsam schleifen, so ermordeten sie mich auf der Stelle. Mir eins so lieb wie das andere! Von Trotz und Verachtung erfüllt, blickte ich nach der Türe. Aber was schauten da meine Augen, mes chers amis? Nicht die hohe Gestalt und das höhnische Gesicht des Kapuziners, nein, die graue Uniform und den flotten Schnurrbart meines guten, kleinen Unteroffiziers Papilette!

Der französische Soldat jener Zeit hatte zu viel erlebt, um je überrascht sein zu können. Kaum waren seine Augen auf meine gefesselte Gestalt und auf das finstere Gesicht neben mir gefallen, so war er Herr der Situation.

»Verwünschte Kanaille!« rief er und schwang den gewaltigen Säbel. Chenier machte Miene, sich mit dem Messer auf ihn zu stürzen, besann sich aber, schritt zurück und stieb nun wie besessen nach meiner Brust. Das Bubenstück gelang jedoch nicht, denn ich hatte mich auf der anderen Seite vom Lager heruntergewälzt, und die Klinge streifte meine Seite, ehe sie Zeit gehabt hatte, die Decke zu durchschneiden. Einen Moment später vernahm ich einen schweren Fall, und fast gleichzeitig schlug ein zweiter Gegenstand auf den Boden auf – ein leichterer, aber härterer Gegenstand, welcher unter das Bett rollte. Aber genug, liebe Freunde, ich darf Sie nicht erschrecken. Papilette war der beste Degen im ganzen Regiment, und sein Säbel war gewichtig und scharf. Es hinterließ einen roten Fleck auf meinen Händen und Füßen, als er mir die Bande löste, die mich fesselten.

Der erste Gebrauch, den ich von meiner Freiheit machte, war, daß ich die narbenbedeckten Wangen meines Retters küßte. Dann jedoch erkundigte ich mich, wie es mit meinen Leuten stand. Nun, da war alles in Ordnung. Er war eben von Oudin abgelöst worden und war gekommen, um mir Bericht abzustatten. Vom Abt hatte er nichts gesehen. Wir beschlossen, sogleich einen Kordon zu ziehen, damit er uns nicht entwischen konnte, und ich ging hinaus, um Befehl dazu zu erteilen. Da hörte ich, wie jemand bedächtigen Schrittes zur Türe hereintrat und die knarrende Treppe emporstieg.

Und wiederum war Papilette sogleich orientiert. Aber ich flüsterte ihm zu: »Töte ihn nicht!« schob ihn in den Schatten der Türe und verbarg mich selbst. Kaum aber hatte des Marschalls Fuß die Schwelle übertreten, so fielen wir über ihn her, wie der Wolf über ein Reh. Dabei kamen wir alle drei zu Falle und kämpften auf dem Boden weiter. Ich muß sagen, wir hatten gewaltige Arbeit, denn der Mann focht wie ein Tiger. Dreimal gelang es ihm, aufzukommen, und dreimal warfen wir ihn wieder nieder, bis Papilette ihn endlich mit der Spitze seines Säbels bekannt machte. Nun sah er, daß das Spiel zu Ende war, und lag ganz still, während ich ihn mit denselben Riemen band, die meine eigenen Glieder gefesselt hatten.

»Ja, mein lieber Freund,« sprach ich dabei zu ihm, »jetzt beginnt ein neues Spiel; aber diesmal werden Sie finden, daß ich die meisten Trümpfe in der Hand habe.«

»Den Narren ist das Glück immer hold,« entgegnete er, »und 's ist vielleicht auch ganz gut so, sonst würde die Welt bald gänzlich in den Händen der Gewitzigten sein. Ich sehe, Sie haben den Chenier getötet? Nun ja, war ein rebellischer Bursche und roch immer scheußlich nach Knoblauch. Aber haben Sie doch die Güte, mich auf das Bett zu legen! Der Boden in diesen portugiesischen Herbergen ist kein Lager für jemand, der an Sauberkeit gewöhnt ist.«

Das ganze Benehmen des Mannes nötigte mir Bewunderung ab. Obgleich das Glück ihm nun den Rücken gewendet hatte, verlor er doch seinen Gleichmut nicht für einen Augenblick, trug er noch immer jene unverschämte, herablassende Miene zur Schau. Während Papilette sich entfernte, um eine Wache zu holen, stand ich mit dem Säbel in der Hand neben unserem Gefangenen und konnte die Augen nicht von ihm abwenden; denn ich muß gestehen, seine Kühnheit und sein Scharfsinn flößten mir Respekt ein.

»Ich setze voraus, Ihre Leute werden mir eine geziemende Behandlung zuteil werden lassen,« bemerkte er.

»Ganz nach Ihrem Verdienst, verlassen Sie sich darauf!«

»Das ist recht. Vielleicht ist Ihnen neu, daß ich von hoher Geburt bin – ich kann den Namen meiner Eltern nicht nennen, ohne beide bloßzustellen. Zwar kann ich nicht fordern, daß man mir königliche Ehren erweise; aber ich habe das Vertrauen in Sie als Gentleman, daß es auch ohne dies geschieht. Die Fesseln drücken mich; dürfte ich Sie bitten, sie etwas zu lockern?«

»Scheinen mir nicht viel Verstand zuzutrauen,« erwiderte ich darauf in seinen eigenen Worten.

»Beleidigt?« sagte er lächelnd. »Nun, hier sind Ihre Leute wieder, die Sache hat sich dadurch erledigt.«

Ich ließ ihm die Mönchskutte abstreifen und befahl, ihn streng zu bewachen. Draußen graute schon der Morgen; es war hohe Zeit, zu überlegen, auf welche Weise ich dem armen Bart zu Hilfe kommen konnte, der ein Opfer dieses listigen Beraters geworden war. Auch jene alte Dame, die Gräfin La Ronda, fiel mir ein. Freilich, die Hoffnung, die Abtei einzunehmen, mußte ich nach allem, was ich über ihre Besatzung gehört hatte, vorläufig aufgeben – wenigstens wollte ich abwarten, wie sich die Männer drin zu der Kunde von dem Schicksal ihres Anführers stellen würden: hier mußte mit viel Vorsicht und Klugheit vorgegangen werden, so viel war sicher. – Sie sollen hören, Messieurs, wie kühn und gewandt ich verfuhr.

Noch war der Tag nicht völlig angebrochen, da wurde zum Abmarsch geblasen und wir trabten ins Tal hinab. Unsern Gefangenen hatten wir auf ein Pferd gesetzt und ließen ihn in unserer Mitte reiten. Bald gelangten wir an einen großen Baum, der sich etwas über Schußweite vom Haupteingang des Klosters befand, und hier machten wir halt. Nun wartete ich ab, ob sie wohl die Tore öffnen und auf uns schießen würden, um ihnen mit gleicher Münze heimzuzahlen – aber nein; sie standen auf der Mauer, spotteten unser und überschütteten uns mit einer Flut von Schimpfreden. Einige feuerten allerdings ihre Gewehre auf uns ab: als sie aber merkten, daß wir außerhalb ihres Bereiches waren, ließen sie ab, ihr Pulver zu verschwenden. Welch seltsames Gemisch von Uniformen aller Art! Da gab es Franzosen, Engländer, Portugiesen, Kavallerie, Infanterie. Artillerie, und alle ballten die Fäuste und nickten drohend mit den Köpfen nach uns hin. Aber der Tausend, wie schnell verstummte der Tumult, als unsere Schar sich jetzt öffnete, um ihnen zu zeigen, wen wir in unserer Mitte hatten! Einen Moment lang stand die ganze Rotte starr vor Schrecken, um dann in ein fürchterliches Wutgeheul auszubrechen – ja, wir gewahrten, wie manche gleich Tollhäuslern auf der Mauer umhertanzten. Welch wunderbare Persönlichkeit unser Gefangener doch sein mußte, um die Liebe einer solchen Bande in so hohem Maße zu gewinnen.

Ich hatte einen Strick aus der Herberge mitgebracht, und den schlangen wir jetzt um einen unteren Ast des Baumes. Dann trat Papilette an den Marschall heran und fragte mit spöttischer Höflichkeit: »Würden Sie mir wohl gestatten, Monsieur, Ihnen den Kragen abzunehmen?«

»Vorausgesetzt, Ihre Hände sind tadellos rein,« lautete die Antwort, welche bei der ganzen Schwadron stürmische Heiterkeit hervorrief.

Nun hieß es, die Schlinge um den Hals des dem Tode Geweihten zu legen – erneutes Wehgeschrei von der Mauer her und darauffolgende Totenstille begleiteten diese Handlung. Dann plötzlich ein lautes Hornsignal, und drei Männer mit weißen, wehenden Tüchern in den Händen stürzten aus dem Tore. Ach, wie laut klopfte mir bei diesem Anblick das Herz vor Freude! Aber ich erheuchelte die größte Kaltblütigkeit, keinen einzigen Schritt tat ich ihnen entgegen, sondern wies nur meinen Trompeter an, gleichfalls ein weißes Tuch zu schwenken, worauf die drei Abgesandten auf uns zuliefen.

Indessen saß der Marschall immer noch gebunden mit der Schlinge um den Hals auf seinem Pferd und lächelte wie jemand, der sich recht herzlich langweilt, aber zu höflich ist, um es sich merken zu lassen. Fürwahr, ein seltsamer, beneidenswerter Mann!

Die kleine Gesandtschaft bestand aus einem wunderlichen Trio. Der erste war ein portugiesischer Infanterist in dunkler Uniform, der zweite ein französischer Jäger in Hellgrün, und der letzte ein riesiger englischer Artillerist in Blau mit Gold. Alle drei salutierten, aber der Franzose ergriff das Wort.

»Siebenunddreißig englische Dragoner sind in unserer Gewalt,« begann er, »und wir schwören Ihnen mit unserem heiligsten Eide, daß sie innerhalb fünf Minuten nach dem Tode unseres Marschalls von den Mauern des Klosters herabhängen werden.«

»Siebenunddreißig!« rief ich, »einundfünfzig habt ihr!«

»Vierzehn wurden niedergemacht, ehe wir ihnen zu Hilfe kommen konnten.«

»Und der Offizier?«

»Der wollte seinen Degen nur mit seinem Leben zugleich hergeben, 's war nicht unsere Schuld!«

Ach, mein armer Bart! Nur zweimal hatten sich unsere Wege gekreuzt, und doch, wie lieb hatte ich ihn gewonnen! Um dieses einen Freundes willen sind mir die Engländer immer wert gewesen. Ja fürwahr, ein tapfererer Mann und eine schlechtere Hand am Schwert sind mir nie begegnet!

Natürlich hatte ich den Worten jener Schufte nicht gleich geglaubt. Papilette wurde mit einem von ihnen abgeschickt, kehrte jedoch mit der Meldung zurück, daß es nur zu wahr sei. Aber ich durfte mich meinem Kummer nicht überlassen, galt doch meine Pflicht jetzt den Lebenden.

»Wollt ihr die siebenunddreißig Dragoner gegen euren Anführer freigeben?«

»Wir geben Euch zehn heraus!«

»Zieht ihn hoch!«

»Zwanzig!« brüllte der Jäger.

»Spart eure Worte,« sagte ich, » allons

»Alle!« schrie der Sprecher, als die Schlinge um des Marschalls Hals sich zuzuziehen begann.

»Mit Pferden und Waffen?«

Sie sahen, daß mit mir nicht zu spaßen war.

»Mit der ganzen Rüstung,« bestätigte der Jäger mürrisch.

»Auch die Gräfin La Ronda?«

Damit stieß ich jedoch auf Widerstand. Kein Drohen meinerseits konnte sie zu einem solchen Schritte bewegen. Wir zogen den Strick an, wir führten das Pferd mit dem Marschall unter den Ast – wir hatten nichts mehr zu tun, als ihn schweben zu lassen – dann aber waren die Dragoner verloren, ja, wir waren beide gleich übel daran!

»Erlauben Sie mir eine Bemerkung,« ließ sich jetzt der Marschall hören, »Sie setzen mich da der Gefahr aus, einen Anfall von Bräune davonzutragen. Da Sie sich beide über diesen Punkt nicht einigen können, wäre es vielleicht ein glücklicher Gedanke, jene Dame selbst um ihre Meinung zu befragen; ich bin der festen Ueberzeugung, keiner von uns wird sie in ihren Neigungen beeinflussen wollen.«

Das war ja eine ausgezeichnete Lösung, die ich mit Freuden begrüßte. Keine zehn Minuten waren vergangen, da stand die äußerst stattliche Dame auch schon vor uns. Graue Locken quollen unter der Mantilla hervor, und ihr Gesicht war so gelb, als strahle es den Schimmer der ungezählten Goldstücke ihres Reichtums wieder.

Die Freude des Wiedersehens verklärte die Züge des Marschalls, als er jetzt zu ihr sagte: »Diesem Herrn hier liegt sehr am Herzen, dich an einen Ort zu geleiten, wo du mein Antlitz nie mehr erblicken wirst. Er stellt dir jedoch anheim, zu entscheiden, ob du mit ihm gehen willst oder es vorziehst, auch ferner bei mir zu bleiben.«

Sie trat ganz nahe an sein Pferd heran und rief mit bebender Stimme: »Alexis, mein Alexis, uns soll nichts scheiden!«

Er wendete mir sein hübsches Gesicht zu, und Spottlust blitzte aus seinen Augen.

»Ihnen ist ein kleiner Irrtum passiert, mein lieber Oberst. Eine Gräfin La Ronda ist nur noch im Bereich der Vergangenheit vorhanden. Ich habe die Ehre, Ihnen hier mein innigst geliebtes Weib, Frau Alexis Morgan, vorzustellen, oder, falls es Ihnen so besser gefällt, Frau Marschall Millefleurs!«

In diesem Augenblick wurde mir klar, daß ich den klügsten, aber auch gewissenlosesten Mann vor mir hatte, den je mein Auge geschaut, und als ich mir jene unglückliche alte Frau betrachtete, da packten mich Staunen und Ekel zugleich. Sie aber, sie blickte zu ihm empor mit einem Ausdruck in den Augen, wie ihn der junge Rekrut seinem Kaiser weiht.

»So sei es denn,« sagte ich endlich, »gebt die Dragoner heraus und laßt mich ziehen.«

Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß meine Bedingungen erfüllt worden waren, gab ich Befehl, die Schlinge von des Marschalls Hals zu entfernen.

»Gehaben Sie sich wohl, mein lieber Oberst!« sagte er zum Abschied. »Ich fürchte, Ihr Bericht an Masséna wird ein wenig hinken: aber lassen Sie sich nicht bange sein, wie ich höre, hat er jetzt andere Dinge zu tun. Ich muß gestehen, Sie haben sich in Ihren Schwierigkeiten besser zu helfen gewußt, als ich Ihnen zugetraut hätte. Haben Sie vielleicht noch irgend einen Wunsch?«

»Ich möchte Sie in der Tat um etwas bitten.«

»Und das wäre?«

»Gewährt dem jungen Offizier samt seinen Männern ein anständiges Begräbnis!«

»Verlassen Sie sich darauf!«

»Und dann noch eins!«

»Sprechen Sie!«

»Fünfzehn Minuten mit Ihnen auf freiem Felde, beide zu Pferde und einen Säbel in der Hand!«

»Ach was! Würde mir nichts weiter übrig bleiben, als Sie aus Ihrer vielversprechenden Karriere zu reißen, oder selbst meinem jungen Lieb Lebewohl zu sagen – und das letztere wäre doch allzuschwer für einen jungen Ehemann!«

Ich ließ zum Sammeln blasen und stellte mich an die Spitze meiner Männer.

»Auf Wiedersehen!« rief ich, mit dem Säbel drohend, ihm noch zu. »Das nächstemal dürften Sie nicht so leichten Kaufs davonkommen!«

»Auf Wiedersehen!« scholl die Antwort zurück. »Wenn Sie Ihres Kaisers müde sind, wird sich genug Arbeit für Ihren Säbel im Dienste des Marschalls Millefleurs finden!«

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