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Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk

Jaroslav Hašek: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorJarosav Hasek
titleDie Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
publisherBertelsmann Lesering
year1961
translatorGrete Reiner
illustratorJosef Lada
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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14. Schwejk als Offiziersdiener bei Oberleutnant Lukasch

I

Schwejks Glück sollte nicht lange währen. Das unerbittliche Schicksal zerriß das freundschaftliche Verhältnis zwischen ihm und dem Feldkuraten. War der Feldkurat bis zu dieser Begebenheit eine sympathische Gestalt, so ist das, was er jetzt tat, geeignet, ihm die sympathische Maske vom Gesicht zu reißen.

Der Feldkurat verkaufte Schwejk an Oberleutnant Lukasch oder, besser gesagt, er verspielte ihn beim Kartenspiel. So hat man früher in Rußland die Leibeigenen verkauft. Es kam so unverhofft. In einer netten Gesellschaft bei Oberleutnant Lukasch spielte man »Einundzwanzig«.

Der Feldkurat verspielte alles, und zu guter Letzt sagte er: »Wieviel borgen Sie mir auf meinen Burschen? Ein kolossaler Trottel und eine interessante Figur, etwas non plus ultra. So einen Burschen hat noch niemand gehabt.«

»Ich borg dir hundert Kronen«, machte sich Oberleutnant Lukasch erbötig, »wenn ich sie bis übermorgen nicht bekomme, schickst du mir diese Rarität. Mein Putzfleck ist ein ekelhafter Mensch. Fortwährend seufzt er, schreibt nach Hause Briefe, und dabei stiehlt er, was ihm unter die Hand kommt. Ich hab ihn schon geschlagen, aber es nützt nichts. Ich hab ihm ein paar Vorderzähne herausgehaut, aber der Kerl bessert sich nicht.«

»Also es gilt«, sagte der Feldkurat leichtsinnig, »entweder übermorgen hundert Kronen oder den Schwejk.«

Er verlor auch die hundert Kronen und ging traurig nach Hause.

Er wußte bestimmt und zweifelte in keiner Weise daran, daß er bis übermorgen die hundert Kronen nicht auftreiben werde und Schwejk eigentlich elend und miserabel verkauft hatte.

»Ich hätt mir um zweihundert Kronen sagen solln«, sagte er sich ärgerlich, aber als er in den »Einser« der elektrischen Straßenbahn stieg, die ihn binnen kurzem nach Hause bringen sollte, wurde er von Sentimentalität und Vorwürfen befallen.

Es ist nicht hübsch von mir, dachte er, als er an der Tür seiner Wohnung klingelte, wie werde ich in seine dummen, gutmütigen Augen blicken können.

»Lieber Schwejk«, sagte er, als er zu Hause war, »heute hat sich etwas Ungewöhnliches ereignet. Ich hab ein schreckliches Pech im Kartenspiel gehabt. Ich hab alles hopgenommen und das As in der Hand gehabt, dann ist ein Zehner gekommen, und der Bankhalter hat den Buben in der Hand gehabt und hats auch auf einundzwanzig gebracht. Ich hab paarmal aufs As oder den Zehner gezogen, und immer hab ich das gleiche Blatt wie der Bankhalter gehabt. Ich hab alles Geld verspielt.«

Er verstummte: »Und zum Schluß hab ich Sie verloren. Ich hab mir auf Sie hundert Kronen ausgeborgt, und wenn ich sie bis übermorgen nicht zurückgebe, werden Sie nicht mehr mir, sondern Oberleutnant Lukasch gehören. Mir tut es wirklich leid . . .«

»Hundert Kronen hab ich noch«, sagte Schwejk, »ich kann sie Ihnen borgen.«

»Geben Sie sie her«, sagte der Feldkurat neu belebt, »ich trag sie gleich zu Lukasch. Ich möcht mich wirklich ungern von Ihnen trennen.«

Lukasch war sehr überrascht, als er den Feldkuraten abermals erblickte.

»Ich komm dir die Schuld bezahlen«, sagte der Feldkurat, siegesbewußt umherblickend, »laßt mich mitspielen.«

»Hop«, ließ sich der Feldkurat vernehmen, als die Reihe an ihn kam. »Um ein Aug«, rief er aus, »ich hab zuviel gezogen.«

»Also hop«, sagte er bei der zweiten Runde, »hop – blind.«

»Zwanzig nimmt«, verkündete der Bankier.

»Ich hab ganze neunzehn«, sagte der Feldkurat leise, während er die letzten 40 Kronen von dem Hunderter in die Bank legte, den Schwejk ihm geborgt hatte, um sich von der neuen Leibeigenschaft loszukaufen.

Auf dem Heimwege gelangte der Feldkurat zu der Überzeugung, daß Schluß sei, daß nichts mehr Schwejk retten könne und daß es Schwejks Verhängnis sei, bei Oberleutnant Lukasch dienen zu müssen.

Und als Schwejk öffnete, sagte er ihm: »Alles vergeblich, Schwejk. Dem Schicksal kann niemand entrinnen. Ich hab Sie samt Ihren hundert Kronen verspielt. Ich hab alles getan, was in meiner Macht stand, aber das Schicksal ist stärker als ich. Es hat Sie Oberleutnant Lukasch in die Klauen geworfen, und wir müssen Abschied nehmen.«

»Und war viel in der Bank?« fragte Schwejk ruhig, »oder ham Sie selbst Vorhand gehabt? Wenn die Karte schlecht fällt, is es sehr schlecht, aber manchmal is es ein Malör, wenns gar zu gut geht. Am Zderaz hat ein gewisser Klempner Wejwoda gelebt, und der hat immer Mariage in einem Wirtshaus hinter dem ›Hundertjährigen Kaffeehaus‹ gespielt. Einmal, der Teufel hats ihm eingeblasen, sagt er auch: ›Wie wärs, wenn wir Einundzwanzig um ein Fünferl schmeißen möchten.‹ Sie ham also Einundzwanzig um ein Fünferl gespielt, und er hat die Bank gehalten. Alle sind trop geworden, und so is es bis auf einen Zehner angewachsen. Der alte Wejwoda wollt auch den andern was gönnen und hat immerfort gesagt: ›Die Kleine zieht.‹ Sie können sich aber nicht vorstelln, was für ein Pech er gehabt hat. Die Kleine is nicht und nicht gekommen, die Bank is gewachsen, und es war schon ein Hunderter drin. Von den Spielern hat niemand so viel gehabt, daß ers hätt hopnehmen können, und der Wejwoda war schon ganz verschwitzt. Man hat nichts anderes gehört als: ›Die Kleine zieht‹, sie ham zu fünft gesetzt und sind alle hineingefallen. Ein Schornsteinfegermeister hat Wut gekriegt, is sich nach Haus um Geld gegangen, wie schon über anderthalb Hundert drin war, und hats hopgenommen. Der Wejwoda wollts los sein, und wie er später gesagt hat, wollt er sogar bis dreißig ziehn, nur damit ers nicht gewinnt, und hat derweil zwei As gekriegt. Er hat gemacht, wie wenn nichts, und hat absichtlich gesagt: ›Sechzehn nimmt‹. und der Schornsteinfegermeister hat alles in allem fünfzehn gehabt. Is das nicht Pech? Der alte Wejwoda war ganz blaß und unglücklich, ringsherum hat man schon geschimpft und geflüstert, daß er schwindelt, daß er schon einmal wegen Falschspielen Dresch bekommen hat, obzwar er der ehrlichste Spieler war, und alle ham eine Krone nach der andern geblecht. Es waren schon fünfhundert Kronen drin. Der Wirt hats nicht ausgehalten. Er hat grad Geld fürs Bräuhaus vorbereitet gehabt, so hat ers genommen, hat sich zu ihnen gesetzt, hat zuerst zu zwei Hunderten hineingesteckt, dann hat er die Augen zugemacht, den Sessel umgedreht, damits ihm Glück bringt, und hat gesagt, daß er das alles, was in der Bank is, hopnimmt. ›Wir spieln mit offenen Karten‹, hat er gesagt. Der alte Wejwoda hätt, ich weiß nicht was, dafür gegeben, daß er jetzt verliert. Alle ham sich gewundert, wie er aufgedeckt hat und sich ein Siebner gezeigt hat und er sich ihn gelassen hat. Der Wirt hat sich in den Bart gelacht, weil er einundzwanzig gehabt hat. Der alte Wejwoda hat einen zweiten Siebner gekriegt und hat sich ihn auch gelassen. ›Jetzt kommt ein As oder ein Zehner‹, hat der Wirt giftig gesagt, ›ich wett meinen Hals, Herr Wejwoda, daß Sie trop sein wern.‹ Es war unglaublich still. Wejwoda deckt auf, und der dritte Siebner zeigt sich. Der Wirt is bleich wie Kreide worden, es war sein letztes Geld, is in die Küche gegangen, und in einer Weile kommt der Junge gelaufen, was bei ihm gelernt hat, wir solln den Herrn Wirt abschneiden kommen, daß er herich an der Klinke am Fenster hängt. Wir ham ihn also abgeschnitten, zu sich gebracht, und man hat weitergespielt. Niemand hat mehr Geld gehabt, alles war in der Bank vorm Wejwoda, der nur gesagt hat: ›Die Kleine zieht‹ und um alles in der Welt nur trop sein wollt, aber weil er seine Karten umdrehn und aufn Tisch hat legen müssen, hat er keinen Betrug machen und nicht absichtlich zuviel ziehn können. Alle waren schon ganz blöd von seinem Glück und ham beschlossen, daß sie, weil sie schon kein Geld mehr gehabt ham, Schuldverschreibungen geben wern. Der Schornsteinfegermeister war der Bank schon über anderthalb Millionen schuldig, der Kohlenmann vom Zderaz ungefähr eine Million, der Hausmeister aus dem ›Hundertjährigen Kaffeehaus‹ 800 000 Kronen, ein Mediziner über zwei Millionen. In der Geldschüssel allein waren über 300 000 auf lauter Papierschnitzeln. Der alte Wejwoda hats verschieden probiert. Er is fort aufn Abort gegangen und hats Blatt immer einem andern gegeben, daß ers für ihn nimmt, und wenn er zurückgekommen is, hat der ihm gemeldet, daß er gewonnen hat, daß er einundzwanzig gezogen hat. Sie ham um neue Karten geschickt, und es hat wieder nichts genützt. Wenn der Wejwoda auf fünfzehn stehngeblieben is, so hat der andere vierzehn gehabt. Alle ham den alten Wejwoda wütend angeschaut, und am meisten hat ein Pflasterer geschimpft, der alles in allem bare acht Kronen hineingegeben hat. Der hat offen erklärt, daß so ein Mensch, wie der Wejwoda, nicht in der Welt herumlaufen sollt und daß man ihn verdreschen, herauswerfen und wie einen jungen Hund ersäufen sollt. Sie können sich nicht die Verzweiflung vom alten Wejwoda vorstelln. Schließlich is er auf einen Einfall gekommen. ›Ich geh aufn Abort‹, sagt er zum Schornsteinfeger, ›nehmen Sie für mich, Herr Meister.‹ Und nur so, ohne Hut, is er auf die Gasse gelaufen, direkt in die Myslikgasse um die Polizei. Er hat eine Patrouille gefunden und hat ihr angezeigt, daß man in dem und dem Gasthaus Hasard spielt. Die Polizisten ham ihn aufgefordert, er soll vorausgehn, daß sie ihm gleich nachkommen. Er is also zurückgekommen, und man hat ihm gemeldet, daß der Mediziner indessen über zwei Millionen verspielt hat und der Hausmeister über drei. Und daß sie in die Bank eine Gutschrift auf 500 000 Kronen gegeben ham. In einer Weile sind die Polizisten hineingestürzt, der Pflasterer hat aufgeschrien: ›Rette sich, wer kann!‹, aber es hat nichts genützt. Sie ham die Bank beschlagnahmt und alle auf die Polizei geführt. Der Kohlenmann vom Zderaz hat sich widersetzt, so hat man ihn in der Gemeindetruhe hingeschafft. In der Bank war in Schuldverschreibungen über eine halbe Milliarde und an barem Geld fünfzehnhundert. ›So was hab ich noch nicht gesehn‹, hat der Polizeiinspektor gesagt, wie er diese schwindelhaften Summen gesehen hat, ›das da is ärger als in Monte Carlo.‹

Alle, bis auf den alten Wejwoda, sind bis früh dort geblieben. Den Wejwoda als Angeber ham sie freigelassen und ham ihm versprochen, daß er ein gesetzliches Drittel als Belohnung für die beschlagnahmte Bank kriegen wird, ungefähr über hundertsechzig Millionen, er is aber bis früh davon verrückt geworn, is in Prag herumgegangen und hat feuerfeste Kassen aufs Dutzend bestellt. Das nennt man Glück in den Karten.«

Dann kochte Schwejk Grog, und die Szene endete damit, daß der Feldkurat, als es Schwejk in der Nacht gelang, ihn mit Anstrengung ins Bett zu schaffen, Tränen vergoß und weinte.

»Ich hab dich verkauft, Kamerad, schändlich verkauft, verfluch mich, prügel mich, ich halte still. Ich hab dich den Bestien vorgeworfen. Ich kann dir nicht in die Augen schauen. Kratz mich, beiß mich, bring mich um. Ich verdien nichts Besseres. Weißt du; was ich bin?«

Und der Feldkurat, das verweinte Gesicht in die Kissen pressend, sagte leise, mit zarter, weicher Stimme: »Ich bin ein charakterloser Schuft«, und schlief ein, als hätte man ihn ins Wasser geworfen.

Am nächsten Tag ging der Feldkurat, Schwejks Blicken ausweichend, zeitig früh fort und kehrte erst in der Nacht mit einem Infanteristen zurück.

»Zeigen Sie ihm, Schwejk«, sagte er, wiederum Schwejks Blicken ausweichend, »wo was liegt, damit er orientiert ist, und bringen Sie ihm bei, wie man Grog kocht. Früh melden Sie sich bei Oberleutnant Lukasch.«

Schwejk und der neue Mann verbrachten die Nacht angenehm mit dem Kochen von Grog. Gegen früh konnte sich der dicke Infanterist kaum auf den Füßen halten und summte nur ein merkwürdiges Durcheinander von verschiedenen Nationalliedern vor sich hin, die er miteinander vermengte: »An Chodowa vorbei fließt ein Wässerlein, meine Liebste schenkt dort rotes Bier, Berg, Berg, wie bist du hoch, Jungfern gingen übern Steg, am weißen Berg ackert der Bauer.«

»Um dich hab ich keine Angst«, sagte Schwejk, »mit so einer Begabung wirst du dich beim Feldkuraten halten.«

So geschah es, daß an diesem Vormittag Oberleutnant Lukasch zum erstenmal das ehrliche und aufrichtige Gesicht des braven Soldaten Schwejk erblickte, der ihm meldete: »Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, ich bin der Schwejk, den was der Herr Feldkurat in den Karten verspielt hat.«

II

Die Institution der Offiziersdiener ist uralten Ursprungs. Es scheint, daß schon Alexander von Mazedonien seinen »Putzfleck« hatte. Sicher jedoch ist, daß zur Zeit des Feudalismus die Söldner der Ritter diese Rolle spielten. Was war der Sancho Pansa des Don Quijote? Es wundert mich, daß die Geschichte der Offiziersdiener bisher nicht geschrieben wurde. Sie würde uns darüber aufklären, daß der Herzog von Almavira seinen Soldatendiener bei der Belagerung Toledos ohne Salz aufgegessen hat, worüber der Herzog selbst in seinen Memoiren schreibt, wobei er erzählt, daß sein Diener ein zartes, mürbes, sehniges Fleisch hatte, das im Geschmack an etwas zwischen Huhn und Esel erinnerte.

In einem alten schwäbischen Buch über die Kriegskunst finden wir auch Winke für Offiziersdiener. Der Putzfleck alter Zeiten sollte fromm, tugendhaft, wahrheitsliebend, bescheiden, tapfer, kühn, ehrlich, arbeitsam sein. Kurz, das Muster eines Menschen. Die Neuzeit hat an diesem Typus viel geändert. Der moderne »Pfeifendeckel« pflegt für gewöhnlich weder fromm noch tugendhaft und auch nicht wahrheitsliebend zu sein. Der moderne Putzfleck lügt, betrügt seinen Herrn und verwandelt dessen Leben häufig in eine wahre Hölle. Er ist ein schlauer Sklave, der die mannigfachsten Tricks ersinnt, um seinem Herrn das Leben zu verbittern.

In dieser neuen Generation von Offiziersdienern gibt es nicht so opferwillige Geschöpfe, die sich von ihren Herren ohne Salz auffressen lassen würden wie der edle Fernando des Herzogs von Almavira. Anderseits sehen wir, daß die mit ihren Dienern der Neuzeit auf Tod und Leben kämpfenden Gebieter die mannigfachsten Mittel anwenden, um ihre Autorität zu wahren. Es pflegt dies eine Art der Schreckensherrschaft zu sein. Im Jahre 1912 fand in Graz ein Prozeß statt, in dem ein Hauptmann, der seinen Putzfleck mit Fußtritten zu Tode gemartert hatte, eine bedeutende Rolle spielte. Der Hauptmann wurde damals freigesprochen, weil er es erst zum zweitenmal getan hatte. Nach den Ansichten dieser Herren hat das Leben eines Putzflecks keinen Wert. Er ist bloß ein Gegenstand, in vielen Fällen ein Watschenmann, ein Sklave, ein Mädchen für alles. Es ist daher kein Wunder, daß eine solche Stellung vom Sklaven Pfiffigkeit und Schlauheit verlangt. Seine Stellung auf unserem Planeten kann man nur mit den Leiden der Pikkolos aus alten Zeiten vergleichen, die durch Ohrfeigen und Martern zur Gewissenhaftigkeit erzogen wurden.

Es gibt jedoch Fälle, in denen sich ein Putzfleck zum Favoriten aufschwingt, und dann wird er zum Schrecken des Zugs, des Bataillons. Alle Unteroffiziere bemühen sich, ihn zu bestechen. Er entscheidet über den Urlaub, er kann sich dafür einsetzen, daß es beim Rapport gut ausfällt . . .

Diese Favoriten pflegten während des Kriegs mit den großen und kleinen silbernen Tapferkeitsmedaillen belohnt zu werden.

Beim 91. Regiment habe ich einige gekannt. Ein Putzfleck bekam die Große Silberne, weil er fabelhaft Gänse zu braten verstand, die er stahl. Ein zweiter bekam die Kleine Silberne, weil man ihm von zu Hause wunderbare Lebensmittelpakete schickte, an denen sich sein Herr zur Zeit der größten Not so überstopfte, daß er nicht gehen konnte.

Und den Vorschlag zur Auszeichnung stilisierte sein Gebieter folgendermaßen:

»Dafür, daß er in den Kämpfen eine ungewöhnliche Tapferkeit und Kühnheit an den Tag legte, sein Leben aufs Spiel setzte und seinen Offizier unter dem scharfen Feuer des vorrückenden Feindes keinen Augenblick verließ.«

Und inzwischen plünderte der zur Auszeichnung Vorgeschlagene irgendwo im Hinterland die Hühnerhöfe aus. Der Krieg veränderte das Verhältnis des Putzflecks zu seinem Herrn und machte ihn zum verhaßtesten Geschöpf der Mannschaft. Der Putzfleck bekam immer eine ganze Konserve, wenn eine für je fünf Mann verabreicht wurde. Seine Feldflasche war immer voll Rum oder Kognak. Den ganzen Tag kaute ein solches Geschöpf Schokolade und süßen Offizierszwieback. Er rauchte die Zigaretten seines Offiziers, schmorte und kochte stundenlang und trug eine Extrabluse.

Der Offiziersdiener stand mit der Ordonnanz in vertraulichstem Verkehr und schanzte ihr reiche Abfälle von seinem Tisch und all die Vorteile zu, die er genoß. In das Triumvirat nahm er auch noch den Rechnungsfeldwebel mit auf. Dieses Trio, im unmittelbaren Verkehr mit dem Offizier lebend, kannte alle Operationen und Kriegspläne.

Der Schwarm, dessen Korporal mit dem Offiziersdiener verkehrte, war immer am besten informiert, wann es losgehen sollte.

Wenn er sagte: »Um zwei Uhr fünfunddreißig nehmen wir Reißaus«, so fingen die österreichischen Soldaten Punkt zwei Uhr fünfunddreißig an, sich vom Feinde loszulösen.

Der Offiziersdiener stand im intimsten Verkehr mit der Feldküche, trieb sich sehr gern beim Kessel herum und erteilte Befehle, als wäre er in einem Restaurant und hätte die Speisekarte vor sich.

»Ich möcht Rippenfleisch«, sagte er zum Koch, »gestern hast du mir Ochsenschwanz gegeben. Gib mir auch ein Stück Leber in die Suppe zu, du weißt, daß ich Milz nicht eß.«

Aber am großartigsten war der Putzfleck im Arrangieren einer Panik. Beim Bombardement der Schützengräben fiel ihm das Herz in die Hosen. Er befand sich dann stets mit seinem und seines Herrn Gepäck in der sichersten Deckung, steckte den Kopf unter die Decke, damit ihn keine Granate entdecke, und hatte keinen andern Wunsch, als daß sein Herr verwundet werden möge, damit er mit ihm recht weit in die Etappe, ins Hinterland gelangen könne.

Die Panik pflegte er systematisch mit einer gewissen Geheimnistuerei herbeizuführen: »Mir scheint, sie legen das Telefon zusammen«, teilte er vertraulich den Schwärmern mit. Und war glücklich, wenn er sagen konnte: »Sie hams schon zusammengelegt.«

Niemand ergriff so gern die Flucht wie er. In so einem Augenblick vergaß er, daß über seinem Kopf Granaten und Schrapnells schwirrten, und bahnte sich unermüdlich mit dem Gepäck einen Weg zum Stab, wo der Train stand. Er liebte den österreichischen Train und liebte es außerordentlich, sich fahren zu lassen. Schlimmstenfalls benutzte er die Sanitätskarren. Mußte er zu Fuß gehen, machte er den Eindruck eines völlig vernichteten Menschen. In so einem Fall ließ er das Gepäck seines Herrn im Schützengraben und schleppte bloß seinen eigenen Besitz.

Kam es vor, daß der Offizier sich durch Flucht vor der Gefangenschaft rettete und der Offiziersdiener nicht, vergaß dieser unter keinen Umständen, auch das Gepäck seines Herrn in die Gefangenschaft mitzunehmen. Es ging in seinen Besitz über, an dem er mit ganzer Seele hing!

Ich habe einen in Kriegsgefangenschaft geratenen Offiziersdiener gesehen, der seit April mit den andern zu Fuß bis nach Darnic hinter Kiew gegangen war. Er hatte nebst seinem Rucksack und dem Rucksack seines Offiziers, der der Gefangennahme entronnen war, fünf Handkoffer verschiedener Größe, zwei Decken und ein Polster nebst einem Gepäckstück, das er auf dem Kopf trug, bei sich. Er beschwerte sich, die Kosaken hätten ihm zwei Koffer gestohlen.

Nie werde ich diesen Menschen vergessen, der sich so durch die ganze Ukraine schleppte. Er war ein lebendiger Spediteurwagen, und ich kann mir nicht erklären, wie er das alles ertragen, so viele Hundert Kilometer weit schleppen, damit nach Taschkent fahren und es behüten konnte, um dann auf seinem Gepäck im Gefangenenlager an Flecktyphus zu sterben.

Heute sind die Offiziersdiener über unsere ganze Republik verstreut und erzählen von ihren Heldentaten. Sie haben Sokal, Dubno, Nisch, die Piave gestürmt. Jeder von ihnen ist ein Napoleon.

»Ich hab unserm Oberst gesagt, er soll dem Stab telefonieren, daß es schon losgehn kann.«

Größtenteils waren es Reaktionäre, und die Mannschaft haßte sie. Einige waren Angeber, und es war eine besondere Freude für sie, wenn sie zuschauen konnten, wie man jemanden anband.

Sie entwickelten sich zu einer besonderen Kaste. Ihr Egoismus kannte keine Grenzen.

III

Oberleutnant Lukasch war der Typus eines aktiven Offiziers der morschen österreichischen Monarchie. Die Kadettenschule hatte ihn zu einer Amphibie erzogen. Er sprach in Gesellschaft deutsch, las tschechische Bücher, und wenn er in der Einjährigfreiwilligenschule vor lauter Tschechen unterrichtete, sagte er ihnen vertraulich: »Seien wir Tschechen, aber es muß niemand davon wissen. Ich bin auch Tscheche.«

Er betrachtete das Tschechentum als eine Art Geheimorganisation, der man besser von weitem ausweicht.

Sonst war er ein braver Mensch, fürchtete sich nicht vor seinen Vorgesetzten und kümmerte sich bei den Manövern um seinen Zug, wie sichs gebührt und gehört. Er wußte ihn stets bequem in Scheunen unterzubringen und ließ häufig von seiner bescheidenen Gage seinen Soldaten ein Faß Bier anzapfen.

Er hörte es gern, wenn die Soldaten während des Marsches Lieder sangen. Sie mußten auch singen, wenn sie von der Übung und zu der Übung gingen. Und neben seinem Zug gehend, sang er mit ihm:

»Und als die Mitternacht kam heran,
aus dem Sack der Hafer sprang.
Bumatrija bum!«

Er erfreute sich bei den Soldaten einer großen Beliebtheit, denn er war ungewöhnlich gerecht und hatte nicht die Gewohnheit, jemanden zu sekkieren.

Die Unteroffiziere zitterten vor ihm, und aus dem rohsten Feldwebel machte er binnen vier Wochen ein wahres Schäfchen.

Er konnte schreien, das ist wahr, aber niemals schimpfte er. Er gebrauchte gewählte Worte und Sätze: »Sehen Sie«, sagte er, »ich strafe Sie wirklich ungern, Junge, aber ich kann mir nicht helfen, denn von der Disziplin hängt die Fähigkeit, die Tapferkeit des Militärs ab, und ohne Disziplin ist die Armee ein im Wind schwankendes Schilfrohr. Wenn Sie Ihre Montur nicht in Ordnung haben und die Knöpfe nicht gut angenäht sind und fehlen, sieht man, daß Sie die Pflichten vergessen, die Sie gegen die Armee haben. Es kann sein, daß es Ihnen unbegreiflich scheint, daß Sie eingesperrt werden sollen, weil Ihnen gestern bei der Ausrückung ein Knopf an der Bluse gefehlt hat, eine kleine, geringfügige Sache, die man in Zivil vollständig übersieht. Aber Sie sehen, daß so eine Vernachlässigung Ihres Äußeren beim Militär eine Strafe zur Folge haben muß. Und warum? Hier handelt es sich nicht darum, daß Ihnen ein Knopf fehlt, sondern darum, daß Sie sich an Ordnung gewöhnen müssen. Heute nähen Sie nicht den Knopf an und fangen an, sich zu vernachlässigen. Morgen wird es Ihnen schon beschwerlich scheinen, das Gewehr auseinanderzunehmen und zu putzen, übermorgen werden Sie irgendwo im Wirtshaus das Bajonett vergessen und zu guter Letzt werden Sie auf dem Posten einschlafen, weil Sie mit diesem unglückseligen Knopf das Leben eines Schlampen begonnen haben. So ist es, Junge, und deshalb bestrafe ich Sie, um Sie vor einer noch ärgeren Strafe für Dinge zu bewahren, die Sie anstellen könnten, wenn Sie langsam, aber sicher an Ihre Pflichten vergessen würden. Ich sperre Sie auf fünf Tage ein und möchte, daß Sie bei Brot und Wasser darüber nachdenken, daß eine Strafe keine Rache ist, sondern nur ein Erziehungsmittel, das eine Änderung und Besserung des bestraften Soldaten bezweckt.«

Er hätte bereits längst Hauptmann sein sollen, wurde es aber trotz seiner Vorsicht in nationaler Hinsicht nicht, weil er seinen Vorgesetzten gegenüber mit wahrhafter Offenheit auftrat und im Dienstverhältnis keine Kriecherei kannte.

Etwas in seinem Charakter erinnerte an einen Bauer aus Südböhmen, wo er in einem Dorf zwischen schwarzen Wäldern und Teichen geboren worden war.

Wenn er aber auch den Soldaten gegenüber gerecht war und sie nicht quälte, so wies sein Charakter dennoch einen besonderen Zug auf. Er haßte seine Putzer, weil er immer das Glück hatte, den unausstehlichsten und gemeinsten Putzfleck zu bekommen.

Er schlug sie über den Mund, ohrfeigte sie und bemühte sich, sie durch Verweise und Taten zu erziehen, ohne sie für Soldaten zu halten. Er kämpfte mit ihnen hoffnungslos durch eine Reihe von Jahren, hatte unaufhörlich neue und seufzte zum Schluß: »Wieder hab ich so ein gemeines Rindvieh bekommen!« Seine Diener betrachtete er als eine niedrigere Sorte von Lebewesen.

Außerordentlich groß war seine Liebe zu Tieren. Er besaß einen Harzer Kanarienvogel, eine Angorakatze und einen Stallpinscher. Diese Tiere wurden von den Dienern, die Oberleutnant Lukasch bereits gehabt hatte, nicht schlechter behandelt, als er sie selbst behandelte, wenn sie eine Gemeinheit anstellten.

Den Kanarienvogel quälten sie, indem sie ihn hungern ließen, ein Diener schlug der Angorakatze ein Auge aus, der Stallpinscher wurde von ihnen auf Schritt und Tritt verprügelt, und zum Schluß führte einer der Vorgänger Schwejks den Armen nach Pankrác zum Schinder, wo er ihn umbringen ließ, ohne sichs verdrießen zu lassen, aus eigener Tasche zehn Kronen zu zahlen. Dann meldete er einfach dem Oberleutnant, der Hund sei ihm auf dem Spaziergang weggelaufen, und am folgenden Tag marschierte der Lügner bereits mit dem Schwarm auf dem Exerzierplatz.

Als Schwejk kam, um Lukasch seinen Dienstantritt zu melden, führte ihn dieser ins Zimmer und sagte ihm: »Der Herr Feldkurat Katz hat mir Sie empfohlen und wünscht, daß Sie seiner Empfehlung keine Schande machen. Ich habe bereits ein Dutzend Putzer gehabt, und keiner davon ist bei mir warm geworden. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich streng bin und jede Gemeinheit und Lüge schrecklich strafe. Ich wünsche, daß Sie immer die Wahrheit sprechen und ohne Widerrede alle meine Befehle ausführen. Wenn ich sage: Springen Sie ins Feuer, so müssen Sie ins Feuer springen, auch wenn Sie keine Lust dazu haben. Wohin schaun Sie?«

Schwejk blickte mit Interesse zur Seite auf die Wand, wo der Käfig mit dem Kanarienvogel hing, und antwortete, seine gutmütigen Augen nunmehr auf den Oberleutnant heftend, in freundlichem, gutmütigem Ton: »Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, dort is ein hübscher Kanarienvogel.«

Und den Strom der Rede des Oberleutnants auf diese Weise unterbrechend, stand Schwejk militärisch da und blickte ihm ohne zu zwinkern geradewegs in die Augen.

Der Oberleutnant wollte etwas Scharfes erwidern, allein als er den unschuldigen Ausdruck in Schwejks Gesicht bemerkte, sagte er: »Der Herr Feldkurat hat Sie als ungeheuren Blödian empfohlen, ich glaube, er hat sich nicht geirrt.«

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, der Herr Feldkurat hat sich wirklich nicht geirrt. Wie ich aktiv gedient hab, bin ich wegen Blödheit superarbitriert worn und noch dazu wegen notorischer. Sie ham unser deswegen zwei vom Regiment weggeschickt, mich und einen Herrn Hauptmann aus Kamnitz. Wenn der, mit Erlaubnis, Herr Oberlajtnant, auf der Gasse gegangen is, hat er sich gleichzeitig fort mit einem Finger der linken Hand im linken Nasenloch gebohrt und mit der andern im rechten Loch, und wenn er mit uns zur Übung gegangen is, so hat er uns immer antreten lassen wie bei der Defilierung und hat gesagt: ›Soldaten, eh, merkts euch, eh, daß heut Mittwoch is, weil morgen Donnerstag sein wird, eh.‹«

Oberleutnant Lukasch zuckte die Achseln wie ein Mensch, der keine Worte hat, um einen bestimmten Gedanken auszudrücken, und vergeblich nach ihnen sucht.

Er ging an Schwejk vorbei von der Tür bis zum gegenüberliegenden Fenster und wieder zurück, wobei Schwejk, je nachdem, wo sich der Oberleutnant gerade befand, mit einem so intensiv unschuldigen Gesicht »Rechts schaut!« und »Links schaut!« machte, daß der Oberleutnant die Augen senkte, auf den Teppich blickte und etwas sagte, was keinerlei Zusammenhang mit Schwejks Bemerkung über den blöden Hauptmann hatte: »Ja, bei mir muß Ordnung und Sauberkeit sein, und man darf mich nicht belügen. Ich liebe Ehrlichkeit. Ich hasse die Lüge und strafe sie unbarmherzig, verstehn Sie mich gut?«

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, ich versteh. Nix is ärger, wie wenn jemand lügt. Wie er sich zu verwickeln anfängt, is er verloren. In einem Dorf hinter Pilgram war ein gewisser Lehrer Marek, und der is der Tochter vom Heger Schpera nachgestiegen, und der hat ihm sagen lassen, daß er ihm, bis er ihn trifft, ausm Gewehr Borsten mit Salz in Hintern schießen wird. Der Lehrer hat ihm sagen lassen, daß es nicht wahr is, aber einmal, wie er sich mit dem Mädel hat treffen solln, hat ihn der Heger abgefangen und hat schon an ihm diese Operation machen wolln, aber er hat sich ausgeredet, daß er herich Blumen pflücken wollte, daß er Käfer fangen gegangen is, und hat sich je weiter desto mehr verwickelt, bis er zum Schluß beschworen hat, daß er Schlingen auf Hasen legen gegangen is. So hat ihn also der liebe Heger zusammengepackt und auf die Gendarmeriestation geführt, von dort is es zum Gericht gegangen, und es hat nicht viel gefehlt, so wär der Lehrer eingesperrt worn. Wenn er die Wahrheit gesagt hätt, so hätt er nur die Borsten mit Salz gekriegt. Ich bin der Meinung, daß es immer am besten is, zu gestehn, aufrichtig zu sein, und wenn ich schon was anstell, zu kommen und zu sagen: ›Melde gehorsamst, ich hab das und das angestellt.‹ Und was die Ehrlichkeit betrifft, is es immer eine sehr hübsche Sache, weil man mit ihr immer am weitesten kommt. So wie wenn diese Wettgehen sind. Wie einer zu fixeln anfängt und lauft, is er schon distanziert. Das is meinem Vetter passiert. Ein ehrlicher Mensch is überall geschätzt, geehrt, mit sich selbst zufrieden und fühlt sich wie neugeboren, wenn er sich abends ins Bett legt und sagen kann: ›Heut war ich wieder ehrlich.‹«

Während dieser Rede saß Oberleutnant Lukasch schon lange auf einem Stuhl, blickte Schwejk auf die Stiefel und dachte: Mein Gott, ich rede ja auch manchmal solche Blödheiten, und der Unterschied liegt nur in der Form, in der ich sie vorbringe.

Nichtsdestoweniger sagte er, da er seine Autorität nicht verlieren wollte, als Schwejk geendet hatte:

»Bei mir müssen Sie Stiefel putzen, Ihre Uniform in Ordnung halten, die Knöpfe ordentlich angenäht haben und müssen den Eindruck eines Soldaten und nicht irgendeines Zivilisten machen. Es ist merkwürdig, daß sich keiner von euch militärisch benehmen kann. Nur einer von allen meinen Dienern hat ein kriegerisches Äußeres gehabt, und zum Schluß hat er mir meine Paradeuniform gestohlen und in der Judenstadt verkauft.«

Er brach ab und fuhr fort, Schwejk alle seine Pflichten zu erklären, wobei er nicht vergaß, nachdrücklich zu betonen, daß Schwejk treu sein müsse und nirgends erzählen dürfe, was zu Hause geschehe.

»Zu mir kommen Damen zu Besuch«, bemerkte er, »manchmal bleibt eine über Nacht hier, wenn ich am Morgen keinen Dienst habe. In so einem Fall bringen Sie uns den Kaffee zum Bett, wenn ich läute, verstehn Sie?«

»Melde gehorsamst, daß ich versteh, Herr Oberlajtnant, wenn ich unverhofft zum Bett kommen möcht, könnt es vielleicht mancher Dame unangenehm sein. Ich hab mir mal ein Fräulein nach Haus genommen, und meine Bedienerin hat uns, grad wie wir uns sehr gut unterhalten ham, den Kaffee ans Bett gebracht. Sie is erschrocken und hat mir den ganzen Rücken begossen und hat noch gesagt: ›Guten Morgen winsch ich.‹ Ich weiß, was sich schickt und gehört, wenn irgendwo eine Dame schläft.«

»Gut, Schwejk, Damen gegenüber müssen wir immer einen ungewöhnlichen Takt bewahren«, sagte der Oberleutnant, dessen Laune sich besserte, weil das Gespräch auf einen Gegenstand gekommen war, der seine freie Zeit zwischen Kaserne, Exerzierplatz und Karten ausfüllte.

Die Frauen waren die Seele seiner Wohnung. Sie schufen ihm ein Heim. Es waren ihrer ein paar Dutzend, und viele von ihnen bemühten sich während ihres Aufenthaltes, seine Wohnung mit verschiedenen Kleinigkeiten auszuschmücken.

Eine, die Frau eines Kaffeehausbesitzers, die volle vierzehn Tage bei ihm gelebt hatte, bis der Herr Gemahl sie abholte, hatte ihm einen reizenden Überwurf auf den Tisch gestickt, hatte seine ganze Wäsche mit Monogrammen versehen und hätte vielleicht noch einen Wandteppich zu Ende gestickt, wenn der Gatte die Idylle nicht zerstört hätte.

Eine Dame, die nach drei Wochen von ihren Eltern abgeholt wurde, wollte sein Schlafzimmer in ein Damenboudoir umwandeln, stellte überall allerlei Krimskrams und kleine Vasen auf und hängte das Bild eines Schutzengels über sein Bett.

In allen Winkeln des Schlafzimmers und Speisezimmers war eine Frauenhand merkbar. Sogar in der Küche, wo die mannigfachsten Küchengeräte und Gefäße vorhanden waren, das großartige Geschenk einer verliebten Fabrikantenfrau, die außer ihrer Leidenschaft ein Instrument zum Zerschneiden von sämtlichem Gemüse und Kraut, ein Instrument zum Semmelreiben, eine Hackmaschine für Fleisch, Kasserollen, Pfannen, Schüsseln, Kochlöffel und weiß Gott was noch mitgebracht hatte.

Sie verließ Lukasch jedoch nach einer Woche, weil sie sich nicht mit dem Gedanken abfinden konnte, daß er neben ihr noch beiläufig etwa zwanzig andere Geliebte hatte, was gewisse Spuren in den Funktionen des edlen Männchens in Uniform hinterließ.

Oberleutnant Lukasch führte auch eine umfangreiche Korrespondenz, besaß ein Album seiner Geliebten und eine Sammlung verschiedener Reliquien, denn in den letzten zwei Jahren zeigte er eine gewisse Neigung zum Fetischismus. So besaß er verschiedene Damenstrumpfbänder, vier reizende gestickte Damenhöschen, dünne Hemdchen, Batisttaschentücher und sogar ein Korsett und einige Strümpfe.

»Ich habe heute Dienst«, sagte er, »ich komme erst in der Nacht, passen Sie auf alles auf und bringen Sie die Wohnung in Ordnung. Der letzte Putzfleck ist wegen seiner Niedertracht heute mit dem Marschbataillon an die Front abgegangen.«

Nachdem er noch Anordnungen betreffs des Kanarienvogels und der Angorakatze getroffen hatte, ging er fort, nicht ohne noch in der Türe einige Worte über Ehrlichkeit und Ordnung zu sagen.

Nachdem er gegangen war, brachte Schwejk alles in der Wohnung in beste Ordnung, so daß er Oberleutnant Lukasch, als dieser in der Nacht nach Hause kam, melden konnte:

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, alles is in Ordnung, nur die Katze hat Unfug getrieben und den Kanari aufgefressen.«

»Wieso?« donnerte der Oberleutnant.

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, so. Ich hab gewußt, daß Katzen Kanaris nicht gern ham und ihnen gern was zuleid tun. So hab ich sie zusamm bekannt machen wolln, und im Fall, daß die Bestie was unternommen hätt, wollt ich ihr den Pelz verbleuen, damit sie ihr Leben lang nicht dran vergißt, wie sie sich zum Kanari benehmen soll, weil ich Tiere sehr gern hab. Bei uns im Haus is ein Hutmacher, und der hat eine Katze so dressiert, daß sie ihm zuerst drei Kanaris aufgefressen hat und jetzt nicht einen, und der Kanari kann sich meintwegen auf sie setzen. Ich wollts also auch versuchen und hab den Kanari ausn Käfig genommen und ihr ihn zu beschnuppern gegeben, und sie, der Aff, hat ihm, eh ich mich versehn hab, den Kopf abgebissen. Ich hab wirklich so eine Gemeinheit nicht von ihr erwartet. Wenns ein Spatz wär, Herr Oberlajtnant, möcht ich noch nichts sagen, aber so ein hübscher Harzer Kanari. Und wie gierig sie ihn samt den Federn aufgefressen hat, und dabei hat sie vor lauter Freude geknurrt. Katzen sind herich nicht musikalisch gebildet und können nicht ausstehn, wenn ein Kanari singt, weils die Bestien nicht verstehn. Ich hab die Katze ausgeschimpft, aber Gott behüte, ich hab ihr nichts gemacht und auf Sie gewartet, was Sie entscheiden wern, was ihr dafür geschehn soll, dem Biest, dem räudigen.«

Bei dieser Erzählung schaute Schwejk dem Oberleutnant so aufrichtig in die Augen, daß dieser, der sich Schwejk anfangs genähert hatte, von seinem Vorhaben abließ, sich auf einen Stuhl setzte und fragte:

»Hören Sie, Schwejk, sind Sie wirklich so ein Rindvieh Gottes?«

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant«, erwiderte Schwejk feierlich, »ja! – Von klein auf hab ich so ein Pech, immer will ich was besser machen, gut machen, und nie kommt was heraus als eine Unannehmlichkeit für mich und die Umgebung. Ich hab die zwei wirklich bekannt machen wolln, damit sie sich verstehn, und kann nicht dafür, daß sie ihn aufgefressen hat und es aus war mit der Bekanntschaft. In einem Haus beim Stupart hat vor Jahren eine Katze sogar einen Papagei aufgefressen, weil er sie ausgelacht und ihr nachgemacht hat. Katzen ham aber ein zähes Leben. Wenn Sie befehln, Herr Oberlajtnant, daß ich sie umbring, wer ich sie zwischen der Tür zerquetschen müssen, anders geht sie nicht drauf.«

Und Schwejk erklärte dem Oberleutnant mit der unschuldvollsten Miene und seinem lieben gutmütigen Lächeln, wie man Katzen tötet, und brachte Einzelheiten vor, die einen Tierschutzverein sicherlich ins Irrenhaus hätten bringen müssen.

Er legte dabei fachmännische Kenntnisse an den Tag, so daß Oberleutnant Lukasch, seinen Ärger vergessend, fragte:

»Sie können mit Tieren umgehen? Haben Sie Gefühl für Tiere?«

»Ich hab am liebsten Hunde«, sagte Schwejk, »weil das für einen, der sie verkaufen kann, ein einträgliches Geschäft is. Ich hab mich drauf verstanden, weil ich immer ehrlich war; aber doch sind noch Leute zu mir gekommen, ich hab ihnen herich ein Krepierl statt einem reinrassigen und gesunden Hund verkauft, wie wenn alle Hunde reinrassig und gesund sein müßten. Und jeder wollt gleich einen Stammbaum haben, so hab ich mir Stammbäume drucken lassen müssen und aus einem Koschirscher Köter, was in einer Ziegelei geboren worden is, den reinrassigsten adeligen aus dem Bayrischen Hundezwinger Arnim von Barheim machen müssen. Und wirklich, die Leute waren froh, daß sie es so gut getroffen ham und ein reinrassiges Tier zu Haus ham, und ich hab ihnen meintwegen einen Wrschowitzer Spitz als Dachshund anbieten können, und sie ham sich nur gewundert, warum so ein seltener Hund, der bis aus Deutschland is, struppig is und keine krummen Beine hat. Das macht man so in allen Hundezwingern, da möchten Sie erst Augen machen, Herr Oberlajtnant, was für Betrügereien mit Stammbäumen man in den großen Hundezwingern macht. Hunde, die von sich sagen können: ›Ich bin eine reinrassige Bestie‹, gibts wirklich wenig. Entweder hat sich die Mutter mit einem Scheusal vergessen oder seine Großmutter, oder hat er mehrere Väter gehabt und von jedem was geerbt. Von einem die Ohren, von einem den Schwanz, von einem andern die Haare am Maul und vom fünften die Gestalt, und wenn er zwölf Väter gehabt hat, so können Sie sich denken, Herr Oberlajtnant, wie so ein Hund ausschaut. Ich hab mal so einen Hund gekauft, einen Hühnerhund, der war nach seinen Vätern so häßlich, daß ihm alle Hund ausgewichen sind, und ich hab ihn aus Mitleid gekauft, weil er so verlassen war. Und er is fort zu Haus im Winkel gesessen und war so traurig, daß ich ihn hab als Stallpinscher verkaufen müssen. Am meisten Arbeit hats mir gegeben, ihn zu färben, damit er die Farbe von Pfeffer und Salz hat. Er is mit seinem Herrn bis nach Mähren gekommen, und seit der Zeit hab ich ihn nicht gesehn.«

Den Oberleutnant begann diese kynologische Ausführung sehr zu interessieren, und so konnte Schwejk ohne Hindernis fortfahren:

»Hunde können sich nicht selbst das Haar färben, wies die Damen machen, das muß immer der besorgen, der sie verkaufen will. Wenn ein Hund schon so ein Greis is, daß er ganz grau is, und Sie wolln ihn als einjähriges Junges verkaufen, oder Sie geben ihn, den Großvater, sogar für neun Monate alt aus, so müssen Sie Rabensilber kaufen, es auflösen und ihn schwarz anmaln, daß er ausschaut wie neu. Damit er an Kraft zunimmt, füttern Sie ihn wie ein Pferd mit Arsenik, und die Zähne putzen Sie ihm mit Schmirgelpapier, mit so einem, was man rostige Messer putzt. Und vorher, bevor Sie ihn zu einem Käufer führen, gießen Sie ihm Sliwowitz ins Maul, damit sich der Hund bißl besauft, und gleich is er munter, lustig, bellt freudig und freundet sich mit jedem an wie ein Betrunkener. Aber was die Hauptsache is, is das: In die Leute, Herr Oberlajtnant, muß man hineinreden, so lang hineinreden, bis der Käufer davon ganz plemplem is. Wenn sich jemand von Ihnen einen Rattler kaufen will, und Sie ham nichts anderes zu Haus wie irgendeinen Jagdhund, so müssen Sie diesen Menschen so zu überreden verstehn, daß er sich statt dem Rattler diesen Jagdhund wegführt, und wenn Sie zufällig nur einen Rattler zu Hause ham und jemand kommt sich eine böse deutsche Dogge zum Hüten kaufen, so können Sie ihn so verwirren, daß er sich in der Tasche den Zwergrattler statt der Dogge wegträgt. Wie ich früher mit Tieren gehandelt hab, so is mal eine Dame gekommen, daß ihr herich ein Papagei in den Garten weggeflogen is und daß dort grad kleine Buben von der Villa Indianer gespielt ham und daß sie ihr ihn gefangen ham und ihm alle Federn ausm Schwanz ausgerissen ham und sich mit ihnen geschmückt ham wie unsere Polizeimänner. Und daß der Papagei wegen der Schande, weil er ohne Schwanz is, krank geworn is und daß ihm der Tierarzt mit Pulvern den Rest gegeben hat. Sie will sich also einen neuen Papagei kaufen, einen anständigen, keinen ordinären, der nur aufheißen kann. Was hab ich machen solln, wenn ich keinen Papagei zu Haus gehabt hab und von keinem gewußt hab. Ich hab nur eine böse, ganz blinde Bulldogge zu Haus gehabt. So hab ich, Herr Oberlajtnant, in die Frau von vier Uhr nachmittag bis sieben Uhr hineinreden müssen, bevor sie statt dem Papagei die blinde Bulldogge gekauft hat. Das war ärger als eine diplomatische Situation, und wie sie weggegangen is, hab ich gesagt: ›Jetzt sollns die Buben mal probieren, ihm auch den Schwanz auszureißen‹, und weiter hab ich mit der Frau nicht gesprochen, weil sie wegen dieser Bulldogge von Prag hat wegziehen müssen, weil sie das ganze Haus gebissen hat. Wern Sies glauben, Herr Oberlajtnant, daß es sehr schwer is, ein ordentliches Tier zu bekommen?«

»Ich hab Hunde sehr gern«, sagte der Oberleutnant, »einige von meinen Kameraden, die an der Front sind, haben Hunde mit und haben mir geschrieben, daß ihnen der Krieg in Gesellschaft so eines treuen und ergebenen Tieres nicht so schlimm erscheint. Sie kennen also alle Hunderassen, und ich hoffe, wenn ich einen Hund hätte, würden Sie ihn ordentlich pflegen. Welche Rasse ist Ihrer Meinung nach die beste? Ich meine nämlich einen Hund als Gesellschafter. Ich hab einmal einen Stallpinscher gehabt, aber ich weiß nicht . . .«

»Meiner Meinung nach, Herr Oberlajtnant, is ein Stallpinscher ein sehr lieber Hund. Jedem, das is wahr, gefällt er nicht, weil er Borsten hat und so einen harten Bart am Maul, daß er wie ein entlassener Sträfling aussieht. Er is so häßlich, daß er schon wieder schön is und dabei sehr klug. Wie solls so ein blöder Bernhardiner mit ihm aufnehmen? Er is noch gescheiter wie ein Foxterrier. Ich hab einen gekannt . . .«

Oberleutnant Lukasch schaute auf die Uhr und unterbrach Schwejks Rede:

»Es ist schon spät, ich muß mich ausschlafen. Morgen hab ich wieder Dienst. Sie können den ganzen Tag damit verbringen, einen Stallpinscher zu finden.«

Er ging schlafen, und Schwejk legte sich in der Küche aufs Kanapee und las noch die Zeitungen, die der Oberleutnant aus der Kaserne mitgebracht hatte.

»Da schau her«, sagte sich Schwejk, »den Sultan hat Kaiser Wilhelm mit der Kriegsmedaille ausgezeichnet, und ich hab noch nicht mal die Kleine Silberne.«

Er wurde nachdenklich und sprang in die Höh: »Fast hätt ich vergessen . . .«

Schwejk ging ins Zimmer, wo der Oberleutnant bereits fest schlief und weckte ihn:

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, ich hab keinen Befehl wegen der Katze.«

Und der verschlafene Oberleutnant drehte sich im Halbtraum auf die andere Seite, brummte: »Drei Tage Kasernarrest!« und schlief weiter.

Schwejk verließ still das Zimmer, zog die unglückliche Katze unter dem Kanapee hervor und sagte ihr: »Hast drei Tage Kasernarrest, abtreten!«

Und die Angorakatze kroch wieder unter das Kanapee.

IV

Schwejk schickte sich gerade an auszugehen, um nach einem Stallpinscher Umschau zu halten, als eine junge Dame klingelte und Oberleutnant Lukasch zu sprechen wünschte. Neben ihr standen zwei große Koffer, und Schwejk sah noch auf der Treppe die Mütze eines Dienstmannes, der die Stiege hinunterschritt.

»Er is nicht zu Haus«, sagte Schwejk hart, aber die junge Dame stand bereits im Vorzimmer und gebot Schwejk kategorisch: »Tragen Sie die Koffer ins Zimmer!«

»Ohne die Erlaubnis vom Herrn Oberlajtnant gehts nicht«, sagte Schwejk, »der Herr Oberlajtnant hat befohlen, daß ich nie was ohne ihn machen soll.«

»Sie sind verrückt«, rief die junge Dame, »ich bin zum Herrn Oberleutnant zu Besuch gekommen.«

»Davon is mir nichts bekannt«, antwortete Schwejk, »der Herr Oberlajtnant is im Dienst, er kommt erst in der Nacht zurück, und ich hab den Befehl bekommen, einen Stallpinscher zu finden. Von keinen Koffern und von keiner Dame weiß ich nichts. Jetzt sperr ich die Wohnung zu, ich möcht also bitten, daß Sie freundlichst weggehn. Mir is nichts gemeldet worn, und keine fremde Person, die ich nicht kenn, kann ich hier nicht in der Wohnung lassen. So wie einmal, wie sie bei uns in der Gasse beim Zuckerbäcker Beltschizky einen Menschen eingelassen ham, und er hat den Kleiderkasten aufgebrochen und is weggelaufen.«

»Ich mein damit nichts Schlimmes von Ihnen«, fuhr Schwejk fort, als er sah, daß die junge Dame verzweifelt schien und weinte, »aber auf keinen Fall können Sie hierbleiben, das sehn Sie doch ein, weil mir die ganze Wohnung anvertraut is und ich für jede Kleinigkeit verantwortlich bin. Deshalb forder ich Sie nochmals in aller Liebenswürdigkeit auf, Sie solln sich nicht anstrengen. Solang ich keinen Befehl vom Herrn Oberlajtnant bekomm, kenn ich nicht mal meinen Bruder. Es tut mir wirklich leid, daß ich mit Ihnen so sprechen muß, aber beim Militär muß Ordnung sein.«

Inzwischen hatte sich die junge Dame ein wenig erholt. Sie entnahm ihrem Täschchen eine Visitkarte, schrieb mit einem Bleistift ein paar Zeilen, legte die Karte in ein reizendes kleines Kuvert und sagte niedergeschlagen: »Tragen Sie das zum Herrn Oberleutnant, ich werde hier inzwischen auf Antwort warten. Hier haben Sie fünf Kronen für den Weg.«

»Draus schaut nichts heraus«, sagte Schwejk, durch die Unnachgiebigkeit des unverhofften Gastes beleidigt, »lassen Sie sich die fünf Kronen, sie liegen hier am Sessel, und wenn Sie wolln, kommen Sie mit zur Kaserne, warten Sie auf mich, ich geb Ihren Brief ab und bring Antwort. Aber daß Sie derweil hier warten, geht auf keinen Fall.«

Nach diesen Worten zog er die Koffer ins Vorzimmer, und mit den Schlüsseln rasselnd, wie der Beschließer eines Schlosses, sagte er bedeutungsvoll bei der Tür: »Wir sperren!«

Die junge Dame trat hoffnungslos auf den Gang. Schwejk versperrte die Tür und ging voraus. Die Besucherin trippelte wie ein Hund hinter ihm her und holte ihn erst ein, als Schwejk sich in einer Trafik Zigaretten kaufte.

Sie ging nun neben ihm und bemühte sich, ein Gespräch anzuknüpfen: »Werden Sies sicher abgeben?«

»Natürlich, wenn ichs gesagt hab.«

»Und werden Sie den Herrn Oberleutnant finden?«

»Das glaub ich nicht.«

»Und wo, glauben Sie, könnte er sein?«

»Das weiß ich nicht.«

Damit war das Gespräch für eine Weile beendet, bis es wieder durch eine Frage der jungen Dame in Schwung gebracht wurde.

»Haben Sie den Brief nicht verloren?«

»Bis jetzt hab ich ihn nicht verloren.«

»Sie werden ihn also bestimmt dem Herrn Oberleutnant abgeben?«

»Ja.«

»Und werden Sie ihn finden?«

»Ich hab schon gesagt, ich weiß nicht«, entgegnete Schwejk, »ich wunder mich, daß Leute so neugierig sein können und immerfort dieselbe Sache fragen. Das is so, wie wenn ich auf der Straße jeden zweiten anhalten und fragen möcht, der wievielte is.«

Damit war der Versuch, sich mit Schwejk zu verständigen, endgültig beendet, und der weitere Weg in die Kaserne verlief in völligem Schweigen. Schwejk forderte die junge Dame auf zu warten und knüpfte mit den Soldaten im Tor ein Gespräch über den Krieg an. Die junge Dame schien darüber eine ungeheure Freude zu haben, denn sie ging nervös auf dem Trottoir auf und ab und blickte recht unglücklich drein, als sie sah, daß Schwejk seine Erörterungen mit einem Gesicht fortsetzte, das so dumm war wie jenes, das man auf einer Fotografie sehen konnte, die in dieser Zeit in der »Chronik des Weltkriegs« veröffentlicht wurde: »Der österreichische Thronfolger im Gespräch mit zwei von russischen Aeroplanen abgeschossenen Fliegern.«

Schwejk setzte sich auf eine Bank beim Tor und legte dar, daß an der Front in den Karpaten die Angriffe des Heeres gescheitert seien, daß der Kommandant von Przemysl, General Kusmanek, nach Kiew gekommen sei, daß wir in Serbien elf Operationspunkte aufgegeben hätten und daß die Serben es nicht lange aushalten würden, unseren Soldaten nachzulaufen.

Dann verstrickte er sich in eine Kritik der einzelnen bekannten Schlachten und machte die großartige Entdeckung, daß sich eine von allen Seiten umschlossene Abteilung ergeben müsse.

Als er genug gesprochen hatte, schien es ihm angezeigt, der verzweifelten Dame zu sagen, daß er gleich kommen werde, sie solle warten. Dann ging er hinauf in die Kanzlei, wo Oberleutnant Lukasch gerade einem Leutnant eine Aufgabe aus der Schützengrabentechnik löste und ihm auseinandersetzte, er könne nicht zeichnen und habe keine Ahnung von Geometrie.

»Sehn Sie, so soll man das zeichnen. Wenn wir zu einer gegebenen geraden Linie eine senkrechte Linie skizzieren sollen, müssen wir sie so fällen, daß sie mit ihr einen rechten Winkel bildet. Verstehn Sie? So werden Sie die Schützengräben richtig und nicht zum Feind führen. Sie bleiben 600 Meter von ihm entfernt. Aber wie Sie es gezeichnet haben, stoßen Sie unsere Position in die feindliche Linie und stehen mit Ihrem Schützengraben senkrecht über dem Feind, und Sie brauchen einen großen Winkel. Das ist doch ganz einfach, nicht wahr?«

Und der Leutnant in Reserve, in Zivil Kassierer einer Bank, stand ganz verzweifelt über diesen Plänen, verstand nicht das geringste und atmete erleichtert auf, als Schwejk an den Oberleutnant herantrat:

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, eine Dame schickt Ihnen diesen Brief und wartet auf Antwort.« Dabei zwinkerte er bedeutungsvoll und vertraulich.

Was er da las, machte auf den Oberleutnant keinen günstigen Eindruck.

»Lieber Heinrich! Mein Mann verfolgt mich. Ich muß unbedingt bei Dir ein paar Tage gastieren. Dein Bursch ist ein großes Rindvieh. Ich bin unglücklich. Deine Kati!«

Oberleutnant Lukasch seufzte, führte Schwejk in die anstoßende leere Kanzlei, schloß die Tür und fing an, zwischen den Tischen auf und ab zu gehen. Als er schließlich vor Schwejk stehenblieb, sagte er: »Die Dame schreibt, daß Sie ein Rindvieh sind. Was haben Sie ihr denn gemacht?«

»Ich hab ihr nichts gemacht, melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, ich hab mich sehr anständig benommen, aber sie hat sich gleich in der Wohnung niederlassen wolln. Und weil ich von Ihnen keinen Befehl bekommen hab, so hab ich sie nicht in der Wohnung gelassen. Noch zu allem is sie mit zwei Koffern gekommen wie nach Haus.«

Der Oberleutnant seufzte nochmals laut, was Schwejk ihm nachmachte.

»Was heißt das?« schrie der Oberleutnant drohend.

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, es is ein schwerer Fall. In der Vojtechgasse is vor zwei Jahren zu einem Tapezierer ein Fräulein gezogen, und er hat sie nicht aus der Wohnung loswern können und hat sie und sich mit Leuchtgas vergiften müssen, und aus wars mit der Hetz. Mit den Weibern hats halt seine liebe Not. Ich seh in sie hinein.«

»Ein schwerer Fall«, wiederholte der Oberleutnant und hatte niemals so die nackte Wahrheit gesprochen. Der liebe Heinrich war bestimmt in einer peinlichen Situation. Eine vom Gatten verfolgte Gattin kommt zu ihm für einige Tage zu Besuch, gerade als Frau Micko aus Wittingau kommen soll, um drei Tage lang zu wiederholen, was sie ihm regelmäßig jedes Vierteljahr gewährt, wenn sie in Prag Einkäufe besorgt. Außerdem soll übermorgen ein Fräulein kommen. Nachdem sie eine ganze Woche geschwankt hatte, hatte sie ihm bestimmt versprochen, sich verführen zu lassen, denn sie soll erst in einem Monat einen Ingenieur heiraten.

Der Oberleutnant saß jetzt mit gesenktem Kopf auf dem Tisch und dachte nach, aber er kam vorläufig auf keinen Ausweg. Schließlich setzte er sich an den Tisch, nahm einen Briefumschlag und schrieb auf ein Amtsformular:

»Teure Kati! Im Dienst bis 9 Uhr abend. Komme um zehn. Bitte, fühl Dich bei mir wie zu Hause. Was Schwejk, meinen Diener, betrifft, habe ich ihm bereits Befehl gegeben, Dich in allem zufriedenzustellen. Dein Heinrich.«

»Diesen Brief«, sagte der Oberleutnant, »übergeben Sie der gnädigen Frau. Ich befehle Ihnen, daß Sie sich zu ihr ehrerbietig und taktvoll benehmen und alle ihre Wünsche erfüllen, die Ihnen ein Befehl sein müssen. Sie müssen sich galant benehmen und sie ehrlich bedienen. Hier haben Sie hundert Kronen, die Sie mir verrechnen werden. Vielleicht wird sie Sie um etwas schicken, Sie werden ein Mittagessen für sie bestellen, Nachtmahl usw. Dann kaufen Sie drei Flaschen Wein und eine Schachtel Memphis. So. Mehr vorläufig nicht. Sie können gehn, und noch einmal lege ich Ihnen ans Herz, daß Sie tun müssen, was Sie ihr an den Augen absehn.«

Die junge Dame hatte bereits alle Hoffnung verloren, Schwejk wiederzusehen, und war daher sehr überrascht, als sie ihn aus der Kaserne treten und mit einem Brief auf sich zukommen sah.

Er salutierte, überreichte ihr den Brief und meldete: »Nach dem Befehl von Herrn Oberlajtnant soll ich mich zu Ihnen, gnädige Frau, ehrerbietig und taktvoll benehmen und Sie ehrlich bedienen und Ihnen alles machen, was ich Ihnen an den Augen abseh. Ich soll Sie füttern und für Sie kaufen, was Sie wünschen wern. Ich hab drauf vom Herrn Oberlajtnant hundert Kronen gekriegt, aber davon muß ich drei Flaschen Wein und eine Schachtel Memphis kaufen.«

Als sie den Brief gelesen hatte, kehrte ihre Energie zurück, die sie zum Ausdruck brachte, indem sie Schwejk befahl, ihr einen Fiaker zu besorgen. Als dies geschehen war, gebot sie ihm, sich neben den Fiakerkutscher auf den Bock zu setzen.

Sie fuhren nach Hause. In der Wohnung spielte sie ausgezeichnet die Rolle der Hausfrau. Schwejk mußte die Koffer ins Schlafzimmer tragen, auf dem Hof die Teppiche klopfen, und ein kleines Spinngewebe hinter dem Spiegel versetzte sie in großen Ärger.

Alles schien davon zu zeugen, daß sie sich für lange Zeit in dieser Stellung einzugraben gedenke.

Schwejk schwitzte. Als er die Teppiche geklopft hatte, fiel ihr ein, man müsse die Gardinen herunternehmen und reinigen. Dann erhielt er den Befehl, in Zimmer und Küche die Fenster zu putzen. Hierauf fing sie an, die Möbel umzustellen, und als Schwejk alles aus einer Ecke in die andere geschleppt hatte, gefiel es ihr nicht und sie kombinierte von neuem und ersann eine neue Aufstellung.

Sie kehrte alles in der Wohnung von oben nach unten, doch allmählich begann ihre Energie im Einrichten des Nestes zu verpuffen, und der Raubzug flaute ab.

Aus dem Wäscheschrank nahm sie noch saubere Bettwäsche, überzog selbst Polster und Betten, und man merkte, daß sie dies mit Liebe zum Bett tat, das in ihr ein sinnliches Beben der Nüstern hervorrief.

Dann ließ sie Schwejk das Mittagessen und Wein holen. Und bevor er zurückkam, zog sie ein durchsichtiges Matinee an, das sie ungewöhnlich verführerisch und reizend erscheinen ließ.

Beim Mittagessen trank sie eine Flasche Wein aus, rauchte viele Memphis und legte sich ins Bett, während Schwejk sich in der Küche am Kommißbrot gütlich tat, das er in ein Glas mit süßem Schnaps tunkte.

»Schwejk!« ertönte es aus dem Schlafzimmer, »Schwejk!«

Schwejk öffnete die Tür und erblickte die junge Dame in einer reizvollen Lage in den Kissen.

»Treten Sie näher!« Er trat zum Bett, und sie maß seine untersetzte Gestalt und seine starken Stiefel mit einem eigentümlichen Lächeln.

Den zarten Stoff zurückschlagend, der alles verhüllte und verbarg, sagte sie streng: »Ziehen Sie sich Stiefel und Hosen aus! Zeigen Sie . . .«

So geschah es, daß der brave Soldat Schwejk dem Oberleutnant melden konnte, als dieser aus der Kaserne nach Hause kam:

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, ich hab alle Wünsche der gnädigen Frau erfüllt und sie Ihrem Befehl gemäß ehrlich bedient.«

»Ich danke Ihnen, Schwejk«, sagte der Oberleutnant, »hatte sie viele Wünsche?«

»Beiläufig sechs«, antwortete Schwejk, »jetzt schläft sie wie erschlagen von der Fahrt. Ich habe ihr alles gemacht, was ich ihr an den Augen abgesehn hab.«

V

Während die auf die Wälder am Dunajec und an der Raab gestützten Truppenmassen unter einem Granatenregen standen und großkalibrige Geschütze ganze Kompanien in den Karpaten zerrissen und verschütteten, während die Horizonte aller Kampfplätze im Scheine der brennenden Dörfer und Städte lohten, verlebten Oberleutnant Lukasch und Schwejk eine unangenehme Idylle mit der Dame, die ihrem Mann weggelaufen war und nun bei ihnen Hausfrau spielte.

Als sie einmal spazierenging, hielt Oberleutnant Lukasch mit Schwejk einen Kriegsrat ab, wie man sie loswerden könnte.

»Am besten wär, Herr Oberlajtnant«, sagte Schwejk, »wenn ihr Mann, von dem sie weggelaufen is und was sie sucht, wie Sie gesagt ham, das in dem Brief steht, was ich Ihnen gebracht hab, davon wissen möcht, wo sie is, damit er sich um sie kommt. Am besten, ihm ein Telegramm zu schicken, daß sie bei Ihnen is und daß er sie sich beheben kann. In Vschenor war voriges Jahr so ein Fall in einer Villa. Aber damals hat dieses Frauenzimmer das Telegramm selbst ihrem Mann geschickt, und der is um sie gekommen und hat beide geohrfeigt. Beide waren Zivilisten, aber in diesem Fall wird er sich auf einen Offizier nicht traun. Übrigens sind Sie gar nicht schuld dran, weil Sie niemanden eingeladen ham, und wenn sie weggelaufen is, hat sies auf eigene Faust gemacht. Sie wern sehn, so ein Telegramm leistet gute Dienste. Und wenns auch ein paar Ohrfeigen setzen sollt . . .«

»Er ist sehr intelligent«, unterbrach ihn Oberleutnant Lukasch, »ich kenne ihn, er handelt mit Hopfen en gros. Unbedingt muß ich mit ihm sprechen. Das Telegramm werde ich abschicken.«

Das Telegramm, das er absandte, war ungemein lakonisch und sachlich:

»Die augenblickliche Adresse Ihrer Frau ist . . .« Es folgte die Wohnungsadresse von Oberleutnant Lukasch.

So geschah es, daß Frau Kati sehr unangenehm überrascht war, als der Hopfenhändler in die Tür stürzte. Er sah sehr rechtschaffen und besorgt aus, als Frau Kati, ohne in diesem Augenblick die Besonnenheit zu verlieren, beide Herren vorstellte: »Mein Mann – Herr Oberleutnant Lukasch.« Etwas anderes fiel ihr nicht ein.

»Nehmen Sie Platz, Herr Wendler«, forderte ihn Oberleutnant Lukasch freundlich auf, ein Zigarettenetui aus der Tasche ziehend, »ist gefällig?«

Der intelligente Hopfenhändler nahm artig eine Zigarette und sagte, Rauchwölkchen durch die Lippen blasend, bedächtig: »Gehen Sie bald an die Front ab, Herr Oberleutnant?«

»Ich habe um Versetzung zu den Einundneunzigern in Budweis angesucht, wohin ich wahrscheinlich fahren werde, sobald ich mit der Einjährigfreiwilligenschule fertig bin. Wir brauchen eine Unmenge Offiziere, und es ist heutzutage eine traurige Erscheinung, daß sich die jungen Leute, die Anspruch auf das Einjährigfreiwilligenrecht haben, nicht dazu melden. Lieber bleibt so ein Mensch gemeiner Infanterist, als daß er sich bemüht, Kadett zu werden.«

»Der Krieg hat dem Hopfengeschäft sehr geschadet, aber ich glaube, daß er keine lange Dauer haben kann«, bemerkte der Hopfenhändler, während er abwechselnd seine Frau und den Oberleutnant anschaute.

»Unsere Situation ist sehr gut«, sagte Oberleutnant Lukasch, »heute zweifelt niemand mehr daran, daß der Krieg mit dem Sieg der Waffen der Zentralmächte enden wird. Frankreich, England und Rußland sind viel zu schwach gegen den österreichisch-türkisch-deutschen Granit. Freilich, wir haben an manchen Fronten unbedeutende Mißerfolge erlitten. Sobald wir aber die russische Front zwischen dem Karpatenkamm und dem mittleren Dunajec durchbrechen, wird das zweifellos das Ende des Krieges bedeuten. Ebenso droht den Franzosen in kürzester Zeit der Verlust ganz Ostfrankreichs und der Einmarsch des deutschen Militärs in Paris. Das ist vollkommen sicher. Außerdem schreiten unsere Manöver in Serbien sehr erfolgreich fort, und den Rückzug unserer Truppen, der in Wirklichkeit nur eine Umgruppierung darstellt, deuten viele ganz anders, als es die im Krieg gebotene Kaltblütigkeit erfordert. Wir werden über Nacht sehen, daß unsere vorausberechneten Manöver auf dem südlichen Kriegsschauplatz Früchte tragen werden. Da sehen Sie, bitte . . .«

Oberleutnant Lukasch faßte den Hopfenhändler zart an der Schulter, führte ihn zu der an der Wand hängenden Karte des Kriegsschauplatzes und erklärte, während er ihm einzelne Punkte zeigte: »Die östlichen Beskiden sind ein ausgezeichneter Operationspunkt für uns. In den Frontabschnitten der Karpaten haben wir, wie Sie sehn, eine große Stütze. Ein mächtiger Schlag auf diese Linie, und wir machen erst in Moskau halt. Der Krieg wird früher enden, als wir ahnen.«

»Und was ist mit der Türkei?« fragte der Hopfenhändler, während er erwog, was er beginnen solle, um zum Kern der Sache zu gelangen.

»Die Türken halten sich gut«, erwiderte der Oberleutnant und führte ihn abermals zum Tisch, »die Vorsitzenden des türkischen Parlaments, Hali Bey und Ali Bey, sind in Wien eingetroffen. Zum Oberkommandanten der türkischen Dardanellenarmee ist Feldmarschall Liman von Sanders ernannt worden. Goltz Pascha ist aus Konstantinopel nach Berlin gekommen, und Enwer Pascha, Vizeadmiral Usedom Pascha und General Dschewad Pascha sind von unserem Kaiser ausgezeichnet worden. Verhältnismäßig viel Auszeichnungen für eine so kurze Zeit.«

Sie saßen einander alle eine Zeitlang stumm gegenüber, bis der Oberleutnant es für geeignet hielt, die peinliche Situation mit den Worten zu unterbrechen: »Wann sind Sie angekommen, Herr Wendler?«

»Heute früh.«

»Da bin ich aber sehr froh, daß Sie mich gefunden und zu Hause angetroffen haben, weil ich Nachmittag immer in die Kaserne geh und Nachtdienst habe. Da die Wohnung eigentlich den ganzen Tag leer ist, hab ich der gnädigen Frau Gastfreundschaft anbieten können. Sie ist hier während ihres Aufenthaltes in Prag von niemandem belästigt worden. Aus alter Bekanntschaft . . .«

Der Hopfenhändler hustete: »Kati ist gewiß eine merkwürdige Frau, Herr Oberleutnant, nehmen Sie meinen allerherzlichsten Dank entgegen für alles, was Sie für sie getan haben. Von nichts und wieder nichts fällt es ihr ein, nach Prag zu fahren, sie muß sich angeblich die Nerven kurieren; ich bin auf Reisen, komm nach Haus, und das Haus ist leer. Kati ist weg.«

Bemüht, ein möglichst aufrichtiges Gesicht zu machen, drohte er ihr mit dem Finger und fragte sie nur mit einem gezwungenen Lächeln: »Du hast wahrscheinlich geglaubt, wenn ich auf Reisen bin, kannst du auch verreisen? Du hast freilich nicht daran gedacht . . .«

Als Oberleutnant Lukasch sah, daß das Gespräch eine unangenehme Wendung nahm, führte er den intelligenten Hopfenhändler wieder zu der Karte vom Kriegsschauplatz, wies auf die unterstrichenen Orte und sagte: »Ich habe vergessen, Sie auf einen höchst interessanten Umstand aufmerksam zu machen. Betrachten Sie diesen großen, nach Südwesten gewandten Bogen, wo diese Berggruppe einen großen Brückenkopf bildet. Hierher richtet sich die Offensive der Verbündeten. Durch Absperrung der Bahn, die den Brückenkopf mit der wichtigsten Verteidigungslinie des Feindes verbindet, muß die Verbindung zwischen dem rechten Flügel und der nördlichen Armee an der Weichsel unterbrochen werden. Ist Ihnen das klar?«

Der Hopfenhändler erwiderte, ihm sei alles vollkommen klar, und da er in seinem Taktgefühl befürchtete, das, was er sage, könne als Anzüglichkeit aufgefaßt werden, erklärte er, auf seinen Platz zurückkehrend: »Unser Hopfen hat durch den Krieg sein Absatzgebiet im Ausland verloren. Frankreich, England, Rußland und der Balkan sind jetzt für den Hopfen verloren. Wir senden noch Hopfen nach Italien, aber ich fürchte, daß sich Italien auch hineinmengen wird. Aber dann, bis wirs gewinnen, werden wir uns die Preise für die Waren diktieren.«

»Italien wird vollständige Neutralität bewahren«, tröstete ihn der Oberleutnant, »das ist . . .«

»Also warum gibt es nicht zu, daß es durch den Dreibund an Österreich-Ungarn und Deutschland gebunden ist?« brauste der Hopfenhändler plötzlich auf, dem auf einmal alles zu Kopfe stieg: Hopfen, Frau und Krieg. »Ich hab gewartet, daß Italien gegen Frankreich und Serbien losgehn wird. Dann war der Krieg schon beendet. Der Hopfen verfault mir in den Magazinen, die heimischen Abschlüsse sind schwach, der Export ist gleich Null, und Italien bewahrt Neutralität. Warum hat Italien noch im Jahre 1912 den Dreibund mit uns erneuert? Wo ist der italienische Außenminister, Marquis di San Giuliano? Was macht der Herr? Schläft er oder was? Wissen Sie, was für einen Jahresumsatz ich bis zum Krieg gehabt hab und welchen ich heut hab?«

»Denken Sie nicht, daß ich die Ereignisse nicht verfolge«, fuhr er fort und blickte den Oberleutnant wütend an, der ruhig Rauchringe aus dem Munde blies, die einander folgten und ineinanderflossen. »Warum sind die Deutschen an die Grenzen zurückgegangen, wenn sie schon bei Paris waren? Warum führt man zwischen Maas und Mosel heftige Artilleriekämpfe? Wissen Sie, daß in Combres und Woëvre bei Marche drei Bräuhäuser verbrannt sind, wohin wir jährlich über 500 Säcke Hopfen geliefert haben? Und in den Vogesen ist das Hartmannsweilersche Bräuhaus abgebrannt, in Niederaspach bei Mülhausen ist ein riesiges Bräuhaus dem Erdboden gleichgemacht worden. Das bedeutet für meine Firma einen Verlust von 1200 Sack Hopfen jährlich. Sechsmal haben die Deutschen mit den Belgiern um das Bräuhaus Klosterhock gekämpft, das bedeutet den Verlust von 350 Sack Hopfen jährlich.«

Er konnte vor Aufregung nicht weitersprechen, näherte sich seiner Frau und sagte: »Kati, du fährst augenblicklich mit mir nach Haus. Zieh dich an.«

»Mich regen alle diese Ereignisse so auf«, sagte er nach einer Weile in entschuldigendem Ton, »ich pflegte früher ganz ruhig zu sein.«

Und als sie gegangen war, um sich anzukleiden, sagte er leise zum Oberleutnant: »Das macht sie nicht zum erstenmal. Voriges Jahr ist sie mit einem Supplenten weggefahren, und ich hab sie erst in Agram gefunden. Ich hab bei dieser Gelegenheit im städtischen Bräuhaus in Agram einen Abschluß von 600 Sack Hopfen gemacht.«

»Bah, der Süden war überhaupt eine Goldgrube. Unser Hopfen ist bis nach Konstantinopel gegangen. Heut bin ich halb ruiniert. Wenn die Regierung die Biererzeugung bei uns einschränken sollte, versetzt sie uns den letzten Schlag.«

Und während er sich die angebotene Zigarette anzündete, sagte er verzweifelt: »Warschau allein hat 2370 Sack Hopfen gekauft. Das größte Bräuhaus ist dort das Augustinerbräuhaus. Der Vertreter pflegte alljährlich zu Besuch zu mir zu kommen. Es ist zum Verzweifeln. Noch gut, daß ich keine Kinder hab.«

Dieser logische Schluß aus dem alljährlichen Besuche des Vertreters des Augustinerbräuhauses in Warschau bewirkte, daß der Oberleutnant ein wenig lächelte, was der Hopfenhändler bemerkte, weshalb er in seinen Erklärungen fortfuhr: »Die ungarischen Bräuhäuser in Sopron und Groß-Kanisza haben für ihre Exportbiere, die sie nach Alexandrien exportierten, bei meiner Firma jährlich durchschnittlich 1000 Sack Hopfen gekauft. Heute lehnen sie wegen der Blockade jede Bestellung ab. Ich biete ihnen den Hopfen um dreißig Prozent billiger an, und sie bestellen nicht einmal einen Sack. Stagnation, Verfall, Misere und noch dazu häusliche Sorgen.«

Der Hopfenhändler verstummte, und das Schweigen wurde von Frau Kati unterbrochen, die reisefertig ins Zimmer trat: »Was machen wir mit meinen Koffern?«

»Man wird sie abholen, Kati«, sagte der Hopfenhändler zufrieden, der letzten Endes froh war, daß alles ohne Auftritt und peinliche Szene geendet hatte, »wenn Du noch Einkäufe machen willst, haben wir höchste Zeit. Der Zug fährt um zwei Uhr zwanzig.«

Beide verabschiedeten sich freundschaftlich vom Oberleutnant, und der Hopfenhändler war so froh, daß es schon vorüber war, daß er beim Abschied im Vorzimmer zum Oberleutnant sagte: »Wenn Sie, Gott behüte, im Krieg verwundet werden sollten, kommen Sie zu uns zur Erholung, wir werden Sie so sorgfältig pflegen wie nur möglich.«

Als der Oberleutnant ins Schlafzimmer zurückkehrte, wo Frau Kati sich angekleidet hatte, fand er auf dem Waschtisch 400 Kronen und ein Billett nachstehenden Inhaltes:

»Herr Oberleutnant! Sie haben sich nicht für mich eingesetzt vor diesem Affen, meinem Mann, einem Idioten ersten Ranges. Sie haben erlaubt, daß er mich mit sich schleppt, wie eine Sache, die er in der Wohnung vergessen hat. Dabei haben Sie sich die Bemerkung erlaubt, daß Sie mir Gastfreundschaft angeboten haben. Ich hoffe, daß ich Ihnen keine größeren Kosten verursacht habe als die beigelegten 400 Kronen, die Sie, bitte, mit Ihrem Diener teilen wollen.«'

Oberleutnant Lukasch blieb eine Zeitlang mit dem Billett in der Hand stehen, dann zerriß er es langsam. Er blickte lächelnd auf das auf dem Waschtisch liegende Geld, und als er sah, daß Kati in der Aufregung ihren Kamm auf dem Tischchen vergessen hatte, legte er ihn in seine Fetischsammlung.

Schwejk kehrte gegen Mittag zurück. Er war einen Stallpinscher für den Oberleutnant suchen gegangen.

»Schwejk«, sagte der Oberleutnant, »Sie haben Glück. Die Dame, die bei mir war, ist schon weg. Der Herr Gemahl hat sie mitgenommen. Und für alle Dienste, die Sie ihr geleistet haben, hat sie Ihnen 400 Kronen auf dem Waschtisch gelassen. Sie müssen ihr hübsch danken, respektive ihrem Herrn Gemahl, denn es ist sein Geld, das sie auf die Reise mitgenommen hatte. Ich werde Ihnen einen Brief diktieren.«

Er diktierte ihm:

»Sehr geehrter Herr! Wollen Sie den herzlichsten Dank für die 400 Kronen bestellen, die mir Ihre Frau Gemahlin für die Dienste geschenkt hat, die ich ihr während ihres Besuches in Prag geleistet habe. Alles, was ich für sie tun konnte, habe ich gern getan, und deshalb kann ich diesen Betrag nicht annehmen und schicke ihn –«

»Nun, schreiben Sie nur weiter, Schwejk, was drehn Sie sich denn so herum? Wo hab ich aufgehört?«

»Und schicke ihn –«, sagte Schwejk mit einer Stimme voller Tragik.

»Also gut: schicke ihn zurück mit der Versicherung meiner tiefsten Hochachtung. – Einen ergebenen Gruß und Handkuß der gnädigen Frau. Josef Schwejk, Offiziersdiener bei Oberleutnant Lukasch. Fertig?«

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, das Datum fehlt noch.«

»Zwanzigsten Dezember 1914. So, und jetzt schreiben Sie das Kuvert und nehmen Sie die 400 Kronen und tragen Sie sie auf die Post und schicken Sie sie an diese Adresse.«

Und Oberleutnant Lukasch fing an, lustig eine Arie aus der Operette »Die geschiedene Frau« zu pfeifen.

»Noch etwas, Schwejk«, fragte der Oberleutnant, als Schwejk zur Post gehen wollte, »wie steht es mit dem Hund, den Sie suchen gegangen sind?«

»Ich hab einen in petto, Herr Oberlajtnant, ein sehr hübsches Tier. Aber es wird schwer sein, ihn zu bekommen. Morgen, hoff ich, werd ich ihn vielleicht doch herbringen. Er beißt.«

VI

Das letzte Wort hatte Oberleutnant Lukasch nicht gehört, und doch war es so wichtig. »Das Biest beißt, was das Zeug hält«, wollte Schwejk nochmals wiederholen, aber zum Schluß dachte er: Was geht das eigentlich den Oberlajtnant an. Er will einen Hund, also bekommt er einen Hund!

Es ist freilich nicht so einfach zu sagen: »Bringen Sie mir einen Hund!« Die Eigentümer von Hunden geben auf ihre Hunde sehr gut acht, es müssen nicht einmal reinrassige Hunde sein. Sogar den Köter, der zu nichts anderm taugt, als einer alten Frau die Füße zu wärmen, liebt sein Eigentümer und läßt ihm nichts zuleide tun.

Ein Hund fürchtet selbst instinktiv, insbesondere wenn er von reiner Rasse ist, daß er seinem Herrn eines schönen Tages entwendet werden wird. Er lebt ununterbrochen in der Angst, daß er gestohlen werden könnte, gestohlen werden muß. Ein Hund entfernt sich beispielsweise auf dem Spaziergang von seinem Herrn, ist anfangs lustig, übermütig. Spielt mit andern Hunden, kriecht unmoralisch auf sie hinauf und umgekehrt, beschnuppert die Ecksteine, hebt an jeder Ecke, ja sogar bei der Hökerin über dem Korb mit den Kartoffeln ein Beinchen hoch, kurz, empfindet eine solche Freude am Leben und hält die Welt sicherlich für so schön wie ein Jüngling nach glücklich bestandener Matura.

Plötzlich aber könnt ihr bemerken, daß sein Frohmut verschwindet; der Hund fühlt, daß er verlorengegangen ist. Und erst jetzt fällt wahre Verzweiflung ihn an. Er läuft erschreckt auf der Straße herum, schnüffelt, winselt und zieht in völliger Verzweiflung den Schwanz zwischen die Beine, legt die Ohren nach hinten und stürzt inmitten der Fahrbahn irgendwohin ins Unbekannte.

Wenn er sprechen könnte, würde er schreien: »Jesusmaria, jemand wird mich stehlen!«

Wart ihr einmal in einem Hundezwinger und habt ihr dort solche erschreckten Hunde gesehen? Sie alle sind gestohlen. Die Großstadt hat eine besondere Art von Dieben großgezogen, die ausschließlich vom Hundediebstahl leben. Es gibt kleine Arten von Salonhündchen, Zwerge, Rattler, sie haben Platz in der Überziehertasche oder in einem Damenmuff, in dem man sie mit sich trägt. Auch von dort zieht man euch den Ärmsten heraus. Eine böse, gefleckte deutsche Dogge, die in der Vorstadt wütend eine Villa hütet, stiehlt man in der Nacht. Einen Polizeihund stiehlt man dem Detektiv vor der Nase weg. Ihr führt einen Hund an der Leine, man schneidet sie entzwei, und schon ist der Dieb samt dem Hund verschwunden, und ihr schaut verdutzt auf die leere Schnur. Fünfzig Prozent der Hunde, denen ihr auf der Straße begegnet, haben einigemal ihre Herren gewechselt, und oft kauft ihr nach Jahren euren eigenen Hund, den man euch als Junges gestohlen hat, als ihr mit ihm spazierengingt. Die größte Gefahr, gestohlen zu werden, droht Hunden, wenn man sie auf die Straße führt, damit sie ihre kleine und große Notdurft verrichten. Besonders bei dem letzten Akt gehen die meisten verloren. Deshalb schaut sich jeder Hund dabei vorsichtig nach allen Seiten um.

Es gibt einige Systeme, Hunde zu stehlen. Entweder direkt nach Art des Taschendiebes oder durch trügerisches Anlocken des unglücklichen Geschöpfes. Der Hund ist ein treues Tier, allein nur im Lesebuch oder in der Naturgeschichte. Laßt den treuesten Hund eine gebackene Pferdewurst schnuppern, und er ist verloren. Er vergißt den Herrn, neben dem er geht, dreht sich um und geht euch nach. Speichel fließt ihm aus dem Maul, und er wedelt in der Erwartung und Vorahnung der großen Freude freundlich mit dem Schwanz und bläht die Nüstern wie der wildeste Hengst, wenn man ihn zur Stute führt.

Auf der Kleinseite bei der Schloßstiege befindet sich ein kleiner Bierausschank. Eines Tages saßen dort rückwärts im Halbdunkel zwei Männer. Ein Soldat und ein Zivilist. Zueinander geneigt flüsterten sie geheimnisvoll. Sie sahen aus wie Verschwörer aus den Zeiten der venetianischen Republik.

»Jeden Tag um acht Uhr«, sagte der Zivilist flüsternd zu dem Soldaten, »geht das Dienstmädchen mit ihm an die Ecke vom Hawlitschekplatz zum Park. Aber er is ein Luder, er beißt, was das Zeug hält. Er läßt sich nicht streicheln.«

Und noch näher zu dem Soldaten geneigt, flüsterte er ihm ins Ohr:

»Nicht mal Wurst frißt er.«

»Auch keine gebratene?« fragte der Soldat.

»Nicht mal gebratene.«

Beide spuckten aus.

»Was frißt das Luder also?«

»Gott weiß. Manche Hunde sind verzärtelt und verwöhnt wie der Erzbischof.«

Der Soldat und der Zivilist stießen an, und der Zivilist fuhr flüsternd fort: »Einmal hat von mir ein schwarzer Spitz, den ich für den Hundezwinger über der Klamovka gebraucht hab, auch keine Wurst nehmen wolln. Drei Tage bin ich ihm nachgegangen, bis ichs schon nicht ausgehalten hab und die Frau, was mit dem Hund spazierengegangen is, direkt gefragt hab, was der Hund eigentlich frißt, daß er so hübsch is. Der Frau hats geschmeichelt, und sie hat gesagt, daß er am liebsten Koteletts hat. Also hab ich ihm ein Schnitzel gekauft. Ich hab mir gedacht, das is sicher besser. Und siehst du, dieses Aas von einem Hund hat sich nicht mal drauf umgeschaut, weils Kalbfleisch war. Er war an Schweinefleisch gewöhnt. So hab ich ihm ein Kotelett kaufen müssen. Ich habs ihm zu beschnuppern gegeben und bin gelaufen und der Hund mir nach. Die Frau hat geschrien: ›Puntik, Puntik!‹ aber woher, der liebe Puntik. Dem Kotelett is er bis um die Ecke nachgelaufen, dort hab ich ihm eine Kette um den Hals gegeben, und am nächsten Tag war er schon im Hundezwinger über der Klamovka. Unterm Hals hat er paar weiße Haare gehabt, einen Fleck, die ham sie ihm schwarz angemalt, und niemand hat ihn erkannt. Aber die andern Hunde, und es waren ihrer viele, sind alle auf eine gebratene Pferdewurst geflogen. Du möchtest auch am besten tun, wenn du sie fragen möchtest, was der Hund am liebsten frißt: Du bist Soldat, hast Figur, und sie wird dirs eher sagen. Ich hab sie schon gefragt, aber sie hat mich angeschaut, wie wenn sie mich durchbohren wollt, und hat gesagt: ›Was geht das Sie an?‹ Sie is nicht sehr hübsch, sie is ein Aff, aber mit einem Soldaten wird sie sprechen.«

»Is es wirklich ein Stallpinscher? Mein Oberlajtnant will keinen andern.«

»Ein fescher Kerl, ein Stallpinscher, Pfeffer und Salz, wirklich reinrassig, so wahr du der Schwejk bist und ich Blahnik heiß. Mir handelt sichs drum, was er frißt, das gib ich ihm und bring dir ihn.«

Beide Freunde stießen abermals an. Als sich Schwejk vor dem Krieg noch mit dem Verkauf von Hunden ernährte, hatte Blahnik sie ihm geliefert. Er war ein erfahrener Mann, und man erzählte von ihm, daß er unterderhand in der Abdeckerei verdächtige Hunde kaufe und wieder weiterverkaufe. Er hatte sogar schon einmal die Hundswut gehabt, und im Pasteur-Institut in Wien war er wie zu Hause. Jetzt hielt er es für seine Pflicht, dem Krieger Schwejk uneigennützig zu helfen. Er kannte alle Hunde in ganz Prag und Umgebung und sprach deshalb leise, um sich nicht vor dem Wirt zu verraten. Vor einem halben Jahr hatte er nämlich unter dem Rock einen jungen Hund aus dem Gasthaus weggetragen, einen Dachshund, dem er aus einer Saugflasche Milch zu trinken gegeben hatte, so daß der dumme Hund ihn offenbar für die Mutter hielt und sich unter dem Mantel gar nicht regte.

Er stahl aus Prinzip nur reinrassige Hunde und hätte gerichtlicher Sachverständiger sein können. Er lieferte in alle Hundezwinger und auch in Privathäuser, wie sich gerade die Gelegenheit bot; wenn er über die Straße ging, knurrten ihn die Hunde an, die er einst gestohlen hatte, und oft, wenn er vor einem Schaufenster stand, hob irgendein rachsüchtiger Hund hinter seinem Rücken ein Beinchen hoch und benäßte ihm die Hosen.

Am Morgen des folgenden Tages um acht Uhr konnte man den braven Soldaten Schwejk an der Ecke des Hawlitschekplatzes beim Park auf und ab gehen sehen. Er wartete auf das Dienstmädchen mit dem Stallpinscher. Endlich kam sie, und ein bärtiger struppiger Hund mit rauhem Fell und klugen Augen lief an ihm vorbei. Er war munter wie alle Hunde, wenn sie ihre Notdurft verrichtet haben, und rannte auf die Spatzen zu, die auf der Straße Pferdemist frühstückten.

Dann ging diejenige an Schwejk vorbei, die den Hund zu betreuen hatte. Es war ein älteres Mädchen mit manierlich zu einem Kranz geflochtenem Haar. Sie pfiff dem Hund und schwenkte das Kettchen und die elegante Hundspeitsche in der Hand hin und her.

Schwejk sprach sie an:

»Verzeihn Sie, Fräulein, wo geht man hier nach Zižkov?«

Sie blieb stehen und blickte ihn an, ob er es auch aufrichtig meine, doch das gutmütige Gesicht Schwejks sagte ihr, daß der Soldat wohl wirklich nach Zižkov gehen wolle. Der Ausdruck ihres Gesichtes wurde weich, und sie erklärte ihm entgegenkommend, wie er nach Zižkov zu gehen habe.

»Ich bin erst unlängst nach Prag versetzt worn«, sagte Schwejk, »ich bin kein Hiesiger, ich bin vom Land. Sie sind auch nicht aus Prag?«

»Ich bin aus Vodňan.«

»Da sind wir ja nicht weit voneinander her«, antwortete Schwejk, »ich bin aus Protiwin.«

Diese Kenntnis des böhmischen Südens, die er sich einmal bei den Manövern angeeignet hatte, erfüllte das Herz des Mädchens mit heimatlicher Wärme.

»Da kennen Sie wohl auch in Protiwin aufm Ring den Fleischer Pejchara?«

»Wie denn nicht! Das is mein Bruder. Den ham bei uns alle gern«, sagte Schwejk, »er is sehr brav, dienstfertig, hat gutes Fleisch und gibt gute Waage.«

»Sind Sie nicht einer von Jareschs?« fragte das Mädchen, das mit dem unbekannten Soldaten zu sympathisieren begann.

»Ja.«

»Und von welchem Jaresch, von dem aus Krtsch bei Protiwin oder aus Ražitz?«

»Aus Ražitz.«

»Fährt er noch mit Bier herum?«

»Noch immer.«

»Aber er muß doch schon hübsch weit über sechzig sein?«

»Achtundsechzig war er heuer im Frühjahr«, entgegnete Schwejk ruhig, »jetzt hat er sich einen Hund angeschafft und da fährt sichs ihm fein. Der Hund sitzt ihm am Wagen. Grad so ein Hund wie der dort, was die Spatzen jagt. Ein hübscher Hund, ein feines Tier.«

»Der gehört uns«, erklärte ihm seine neue Bekannte, »ich dien hier beim Herrn Oberst. Sie kennen nicht unsern Herrn Oberst?«

»Ja, das is ein feiner intelligenter Mann«, sagte Schwejk, »bei uns in Budweis war auch so ein Oberst.«

»Unser Herr is streng, und wies neulich geheißen hat, daß man uns in Serbien eins aufgewichst hat, is er ganz wütend nach Haus gekommen und hat in der Küche alle Teller heruntergeworfen und hat mir kündigen wolln.«

»Das is also euer Hund«, unterbrach sie Schwejk, »das is schad, daß mein Oberlajtnant keinen Hund ausstehn kann, ich hab Hunde sehr gern.« Er verstummte und stieß plötzlich hervor: »Jeder Hund frißt aber auch nicht alles.«

»Unser Lux klaubt sich sehr, eine Zeitlang wollt er überhaupt kein Fleisch essen, bis wieder jetzt.«

»Und was frißt er am liebsten?«

»Leber, gekochte Leber.«

»Kalbs- oder Schweinsleber?«

»Das is ihm egal«, lachte die »Landsmännin«, die die letzte Frage für einen mißlungenen Witz hielt.

Sie gingen noch ein wenig spazieren, dann schloß sich ihnen auch der Stallpinscher an, der an die Kette genommen wurde. Er benahm sich Schwejk gegenüber recht zutraulich, versuchte ihm wenigstens mit dem Maulkorb die Hose zu zerreißen, sprang an ihm empor und plötzlich, als fühle er, was Schwejk mit ihm plane, hörte er auf zu springen und ging traurig und bestürzt weiter, während er Schwejk von der Seite anblickte, als wollte er sagen: »Wartet das also auch auf mich?«

Dann sagte das Mädchen noch, daß sie auch jeden Abend um sechs Uhr mit dem Hunde herkomme, daß sie keinem Mann aus Prag traue, daß sie einmal in der Zeitung annonciert habe und daß sich ein Schlosser mit Heiratsabsichten gemeldet und ihr 800 Kronen für irgendeine Erfindung herausgelockt habe und verschwunden sei. Am Land sind die Menschen entschieden ehrlicher. Wenn sie heiraten sollte, würde sie nur einen Mann vom Lande nehmen. Kriegsehen halte sie für eine Dummheit, weil so eine Frau gewöhnlich Witwe wird.

Schwejk machte ihr große Hoffnungen, daß er um sechs Uhr kommen werde, und beeilte sich, Freund Blahnik mitzuteilen, daß der Hund alle Sorten von Leber fresse.

»Ich wer ihn mit Rindsleber bewirten«, entschloß sich Blahnik, »mit der hab ich schon den Bernhardiner vom Fabrikanten Vydra erwischt, ein sehr treues Tier. Morgen bring ich dir den Hund unbeschädigt.«

Blahnik hielt Wort. Als Schwejk am Vormittag mit dem Aufräumen fertig war, wurde hinter der Türe Hundegebell laut und Blahnik zog den sich sträubenden Stallpinscher, der noch struppiger war als von Natur aus, in die Wohnung. Er rollte wild die Augen und blickte so finster drein, daß er an einen hungrigen Tiger im Käfig gemahnte, vor dem ein wohlgenährter Besucher des zoologischen Gartens steht. Er knirschte mit den Zähnen und knurrte, als wollte er sagen: »Zerreißen und fressen!«

Sie banden den Hund an den Küchentisch, und Blahnik schilderte den Verlauf des Diebstahls.

»Ich bin absichtlich an ihm vorbeigegangen, die gekochte Leber eingewickelt in der Hand. Er hat angefangen zu schnuppern und an mir hinaufzuspringen. Ich hab ihm nichts gegeben und bin weitergegangen. Der Hund mir nach. Beim Park bin ich in die Bredauergasse eingebogen, und dort hab ich ihm das erste Stückchen gegeben. Er hats im Laufen gefressen, damit er mich nicht ausm Aug verliert. Ich bin in die Heinrichsgasse eingebogen, wo ich ihm eine neue Portion gegeben hab. Dann hab ich ihn, wie er angefressen war, an die Kette gebunden und ihn übern Wenzelsplatz auf die Weinberge und bis nach Wrschowitz gezogen. Am Weg hat er mir schreckliche Sachen aufgeführt. Wie ich über die Schienen gegangen bin, hat er sich hingelegt und wollte sich nicht rühren. Vielleicht hat er sich überfahren lassen wolln. Ich hab auch einen sauberen Stammbaum mitgebracht, was ich beim Papierhändler Fuchs gekauft hab. Du mußt den Stammbaum fälschen, Schwejk.«

»Es muß mit deiner Hand geschrieben sein. Schreib, daß er aus Leipzig aus dem Hundezwinger von Bülow stammt. Vater Arnheim von Kahlsberg, Mutter Emma von Trautonsdorf, vom Vater Siegfried von Busenthal. Der Vater hat bei der Berliner Stallpinscherausstellung im Jahre 1912 den ersten Preis bekommen. Die Mutter wurde mit der goldenen Medaille des Nürnberger Vereins zur Zucht edler Hunde ausgezeichnet. Wie alt is er, glaubst du?«

»Nach den Zähnen zu schließen, zwei Jahre.«

»Schreib, daß er zweieinhalb is.«

»Er is schlecht kupiert, Schwejk. Schau dir seine Ohren an.«

»Dem kann man abhelfen. Wir können ihm sie ja zustutzen, bis er sich bei uns gewöhnt. Jetzt möcht er sich noch mehr ärgern.«

Der Gestohlene knurrte wütend, fauchte, warf sich herum, legte sich dann mit herausgestreckter Zunge müde hin und wartete, was weiter mit ihm geschehen werde.

Allmählich wurde er ruhiger, nur von Zeit zu Zeit knurrte er kläglich.

Schwejk setzte ihm den Rest der Leber vor, die ihm Blahnik übergeben hatte. Der Hund beachtete sie jedoch nicht, warf nur einen trotzigen Blick auf sie und schaute beide an, als wollte er sagen: »Ich hab mich schon einmal angeschmiert, freßt euchs jetzt allein auf.«

Er lag resigniert da und tat, als schliefe er. Dann fuhr ihm plötzlich etwas durch den Kopf, er stand auf und fing an, Männchen zu machen und mit den Vorderpfoten zu bitten. Er hatte sich ergeben.

Auf Schwejk machte diese rührende Szene nicht den geringsten Eindruck.

»Kusch dich«, schrie er den Ärmsten an, der sich wiederum kläglich winselnd hinstreckte.

»Was für einen Namen soll ich ihm im Stammbaum geben?« fragte Blahnik, »er hat Fox geheißen, also etwas Ähnliches, damit ers gleich versteht.«

»Also nennen wir ihn meinetwegen Max, schau Blahnik, wie er die Ohren spitzt. Steh auf, Maxl!«

Der unglückliche Stallpinscher, dem man Heimat und Namen geraubt hatte, erhob sich und wartete weitere Befehle ab.

»Ich glaub, wir sollten ihn losbinden«, entschied Schwejk, »wir wern sehen, was er dann machen wird.«

Nachdem sie ihn losgebunden hatten, war sein erster Weg zur Tür, wo er dreimal kurz den Türgriff anbellte, scheinbar auf die Großmut dieser bösen Menschen bauend. Als er jedoch sah, daß sie kein Verständnis für seine Sehnsucht, hinauszugelangen, hatten, machte er bei der Tür eine kleine Lache, überzeugt, daß sie ihn hinauswerfen würden, wie man dies einst getan hatte, als er jung war und der Oberst ihn streng, nach Soldatenart, dazu erzog, zimmerrein zu sein.

Statt dessen bemerkte Schwejk: »Der is gescheit, das is ein Jesuit von einem Hund.« Er versetzte ihm eins mit dem Riemen und tunkte ihm die Schnauze in die Lache, worauf der Hund sich hastig abzulecken begann.

Der Hund winselte über diese Schmach und fing an, in der Küche herumzulaufen, verzweifelt seine eigene Spur beschnuppernd; dann ging er ohne jeden Anlaß zum Tisch, fraß den ihm auf dem Boden vorgesetzten Rest der Leber auf, legte sich zum Ofen und schlief nach diesem ganzen Abenteuer ein.

»Was bin ich dir schuldig?« fragte Schwejk, als er von Blahnik Abschied nahm.

»Davon sprich nicht, Schwejk«, sagte Blahnik weich, »für einen alten Kameraden mach ich alles, besonders wenn er beim Militär dient. Leb wohl, Junge, und führ ihn nie übern Hawlitschekplatz, daß nicht ein Unglück passiert. Wenn du noch einen Hund brauchen solltest, so weißt du, wo ich wohn.«

Schwejk ließ Max recht lange schlafen und kaufte inzwischen beim Fleischer ein viertel Kilo Leber. Er kochte sie und hielt Max, um ihn zu wecken, ein Stückchen warme Leber vor die Schnauze.

Max fing an, sich im Schlaf abzulecken, dann rekelte er sich, beschnupperte die Leber und verschlang sie. Sodann ging er zur Tür und wiederholte seinen Versuch mit dem Türgriff.

»Max!« rief Schwejk ihm zu, »komm zu mir!«

Der Hund gehorchte mißtrauisch. Schwejk nahm ihn auf den Schoß und streichelte ihn, und Max wedelte zum erstenmal freundschaftlich mit dem Rest seines kupierten Schwanzes, schnappte nach Schwejks Hand, hielt sie im Maul und schaute Schwejk klug an, als wollte er sagen: »Da läßt sich nichts machen, ich weiß, daß ichs verspielt hab.«

Schwejk fuhr fort, ihn zu streicheln, und fing an, ihm mit sanfter Stimme zu erzählen: »Also es war einmal ein Hunterl, das hieß Fox und lebte bei einem Oberst. Ein Dienstmädchen führte es spazieren, und da kam ein Herr, der stahl den Fox. Fox kam zum Militär zu einem Oberlajtnant, und man gab ihm den Namen Max.

Max, gibs Pfoterl! Also siehst du, Rindvieh, wir wern gute Kameraden sein, wenn du brav und folgsam sein wirst. Sonst wirst du sehn, daß der Krieg kein Honiglecken is.«

Max sprang von Schwejks Schoß hinab und fing an, munter um ihn herumzuspringen. Am Abend, als der Oberleutnant aus der Kaserne zurückkehrte, waren Schwejk und Max bereits die besten Freunde.

Während er Max betrachtete, dachte Schwejk philosophisch: Wenn mans rundherum nimmt, wird eigentlich jeder Soldat auch aus seinem Heim gestohlen.

Der Oberleutnant war sehr angenehm überrascht, als er Max erblickte, der gleichfalls große Freude bekundete, weil er wieder einen Soldaten mit Säbel sah.

Auf die Frage, woher er sei und was er koste, teilte Schwejk dem Oberleutnant mit vollendeter Ruhe mit, er habe den Hund von einem Kameraden, der gerade eingerückt sei, zum Geschenk erhalten.

»Gut, Schwejk«, sagte der Oberleutnant, mit Max spielend, »am Ersten bekommen Sie von mir fünfzig Kronen für den Hund.«

»Das kann ich nicht annehmen, Herr Oberlajtnant.«

»Schwejk«, sagte der Oberleutnant streng, »wie Sie den Dienst angetreten haben, habe ich Ihnen erklärt, daß Sie aufs Wort gehorchen müssen. Wenn ich sage, daß Sie fünfzig Kronen bekommen, müssen Sie sie nehmen und vertrinken. Was werden Sie mit diesen fünfzig Kronen machen, Schwejk?«

»Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, ich wer sie befehlsgemäß vertrinken.«

»Und wenn ich daran vielleicht vergessen sollte, Schwejk, so befehle ich Ihnen, mir zu melden, daß ich Ihnen fünfzig Kronen für den Hund geben soll. Verstehn Sie? Hat der Hund nicht Flöhe? Baden Sie ihn jedenfalls aus und kämmen Sie ihn durch. Morgen habe ich Dienst, aber übermorgen geh ich mit ihm spazieren.«

Während Schwejk Max badete, schimpfte der Oberst, sein ehemaliger Besitzer, zu Hause fürchterlich und schrie drohend, daß er denjenigen, der ihm den Hund gestohlen habe, vors Kriegsgericht stellen, erschießen, hängen, auf zwanzig Jahre einsperren und zerhacken lassen werde.

»Der Teufel soll den Kerl buserieren«, erscholl es in der Wohnung des Obersten, daß die Fenster zitterten, »mit solchen Meuchelmördern werde ich bald fertig werden.«

Über Schwejk und Oberleutnant Lukasch ballte sich eine Katastrophe zusammen.

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