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Dichtungen. Zweites Bändchen. Korsar. Mazeppa. Beppo.

George Gordon Noël Byron: Dichtungen. Zweites Bändchen. Korsar. Mazeppa. Beppo. - Kapitel 4
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authorGeorge Gordon Byron
booktitleDichtungen
titleDichtungen. Zweites Bändchen. Korsar. Mazeppa. Beppo.
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
year1870
translatorWilhelm Schäffer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161102
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Beppo.

Eine venetianische Geschichte.

 

Rosalinde. Gehabt Euch wohl, Herr Reisender. Lispelt nur recht und tragt Euch auffallend; setzt alle Vorzüge Eures Vaterlandes herunter; überwerft Euch mit Eurem Stern und grollt dem Himmel über das Gesicht, das er Euch verliehen, sonst wird Niemand glauben, daß Ihr jemals in einer Gondel gefahren seid.

Wie es euch gefällt. Akt 4, Scene 1.

 

Anmerkung der Erklärer:

Das heißt: in Venedig gewesen seid, welche Stadt von den vornehmen jungen Engländern jener Zeit viel besucht ward und damals war, was Paris jetzt ist: der Sitz aller möglichen Ausschweifungen.

 

1.

Ein Jeder weiß es, oder sollt' es wissen,
Daß in den Ländern vom kathol'schen Glauben
Dicht vor der Zeit, wann Alle fasten müssen,
Die Leute jede Freude sich erlauben
Und sorglos sich beschweren das Gewissen,
Bis daß die Fasten sie der Lust berauben;
Man schmaust und zecht und tanzt auf Maskenbällen,
Für mehr genügt ein Wort in vielen Fällen.

 

2.

Sobald die Nacht mit ihrem düstern Schleier
Den Himmel deckt, was Vielen sehr bequem ist,
Erscheint die günst'ge Zeit für jeden Freier,
Die Ehemännern nicht so angenehm ist;
Die Damen können rastlos um so freier
Mit jedem Herren scherzen; außerdem ist
Noch überall Geschrei und Lärm zu hören,
Guitarren tönen zwischen Sängerchören.

 

3.

Anzüge sieht man nach der Phantasie,
Fast alle Völker, Türken und Ebräer,
Die Harlekine zeigen ihr Genie,
Und Griechen gibt es, Römer und Chaldäer,
Kostüme jeder Art; – doch sieht man nie
Den Priesterrock! Es wird ein kecker Schmäher
Der Geistlichkeit hier schnell zur Ruh gebracht:
Ein Spötter, rath' ich, nehme sich in Acht!

 

4.

Man könnte sich in Nesseln eher kleiden
Statt Leinenzeug, als die geringste Spur
Von einem Mönch in seiner Maske leiden;
Und schwüre man, es wär' im Scherze nur,
Man würde doch das Feuer nicht vermeiden;
Die Kohlen schürten sie für die Tortur,
Und keine Messe linderte die Qualen,
Es sei denn, daß man doppelt thäte zahlen.

 

5.

Sonst kann man gern in jedem Kleide laufen,
In Röcken, Mänteln, Hüten aller Rassen,
Die wir wohl in der Monmouthstraße kaufen,
Um scherzend oder im Ernst sie anzupassen;
Mit lieblicheren Namen freilich taufen
Die Italiener selbst derart'ge Gassen:
Ich würd' in London wohl vergeblich fragen
Nach Orten, die den Namen » Piazza« tragen.

 

6.

Dies ist der Carneval, und das will heißen,
Daß man dem Fleische dann den Abschied gibt;
Kein Fleisch gibt's in der Fastenzeit zu beißen,
Dafür sind Fische jeder Art beliebt;
Doch weiß ich nicht die Gründe nachzuweisen,
Warum vorher man sich der Lust ergibt,
Ich glaub', es ist, wie man's beim Abschied macht,
Dem Freunde wird ein volles Glas gebracht.

 

7.

Das Fleisch verschwindet dann von ihren Tischen,
Man sieht nichts mehr von Braten und Ragout,
Und vierzehn Tage lebt man nur von Fischen,
Die schlecht sind, denn die Sauce fehlt dazu;
Ein Fremder mag dann nur den Mund sich wischen
Und fluchen, – was ich hier jedoch nicht thu', –
Daß dies für seine Zunge doch zu roh! Ja,
Zum Lachs gehöret wenigstens doch Soja.

 

8.

Deshalb empfehl' ich ganz ergebenst noch
Es jedem Saucenfreund, daß vor der Reise
Er seine Gattin oder seinen Koch,
Um einzukaufen, nach dem Strand verweise;
(Wer fort ist, lass es nach sich schicken, doch
Geschehe dies in zuverläßger Weise!)
Mit Soja, Chiliessig wohl versehn,
Wird man dann wen'ger leicht zu Grunde gehn.

 

9.

Das heißt, wenn ihr zur röm'schen Kirche schwört,
Und ihr in Rom thut, wie die Römer thaten,
Wie man zu sagen pflegt; – denn nicht verwehrt
Ist's Fremden, sich des Fastens zu entrathen.
Ein Protestant, ein kranker Mensch verzehrt,
Gleich einer Frau, in Sünde seinen Braten
Und fährt zur Hölle! – Klingt es auch nicht schön,
So steht's als Strafe doch auf dies Vergehn.

 

10.

Von allen Städten, wo der Carneval
Am allerschönsten war von Alters her,
Durch Sang und Tanz, Musik und Maskenball,
Durch Serenaden, Puppenspiel und mehr,
Als mir hier einfällt, – war auf jeden Fall
Venedig wohl die glänzendste; das Meer
Beherrschend, strahlt' es grad im schönsten Lichte
Zur Zeit von meiner jetzigen Geschichte.

 

11.

Hübsch von Gesicht sind noch Venedigs Damen,
Mit schwarzem Haar und Augen, sanften Zügen,
Wie die Modelle, die die Griechen nahmen –
(An jetz'ger Kunst ist leider viel zu rügen;)
Gleich einem Venusbild mit Tizians Namen –
(Das in Florenz wird euch zumal genügen!)
Als lebte manches Bildniß von Giorgione,
So schauen sie herab von dem Balkone.

 

12.

Des Letztern Farben sind so schön und wahr!
Und wenn ihr zum Palast Manfrini geht,
So seht sein Bild, (schön sind auch andre zwar)
Das, mein' ich, über allen andern steht;
Der Grund, es hier zu nennen, aber war,
Daß ihr's vielleicht mit gleicher Liebe seht;
Er hat sich selbst und seine Frau gemalt,
Ein Weib, das ganz von Lieb' und Leben strahlt!

 

13.

Lebend'ge Lieb' ist's! Gar nichts Ideelles,
Nein, nicht ein Ideal, so schön's auch klingt,
Doch etwas Beßres noch, etwas Reelles,
Was zu dem Glauben, daß es ähnlich, zwingt;
Wo man sich sagt, ich kauf' es oder stehl' es,
Obgleich wohl beides einem schwer gelingt.
Mit Wehmuth fast sieht man darin erneut
Ein liebes Bild aus längstentschwundner Zeit.

 

14.

Solch ein Gesicht, wie nur es uns erscheint,
Wenn in der Jugend man nach Jeder sieht:
Die schönsten Reize sieht man oft vereint
Für einen Augenblick, der rasch entflieht,
Wo blühnde Jugend sich mit Schönheit eint,
In Einer, welche fremd vorüberzieht,
Und deren Leben stets uns bleibt so fern,
Wie der verschwundene Plejadenstern.

 

15.

Ich sagte schon, Venedigs Damen sähen
Noch aus, so wie Giorgione's Bilder sind,
Besonders wenn auf dem Balkon sie stehen –
(Wie Vieles in der Ferne noch gewinnt);
Wie wir sie in Goldoni's Stücken sehen,
So schlüpfen durch den Vorhang sie geschwind.
Wahrhaftig, hübsch ist meistens ihr Gesicht,
Und was noch schlimmer, sie verbergen's nicht.

 

16.

Man sieht sich, seufzt, indem verliebt man blickt;
Aus Wünschen werden Worte und Billete,
Die ein leichtfüßiger Merkur geschickt
Besorgt, der daran nichts zu tadeln hätte.
Gott weiß, welch Unheil dann die Zukunft schickt,
Wenn solch ein Paar liegt an der Liebeskette:
Es werden nach dem Rendezvous gebrochen
Die Herzen, Ehen, Eide, selbst die Knochen.

 

17.

Shakespeare beschrieb die Fraun in Desdemona

Als schön, doch wär' ihr Ruf nicht völlig rein,
Was von Venedig an bis nach Verona
Wohl heute noch mag nicht viel anders sein;
Nur daß kein Gatte jetzt wohl in persona,
Aus Raserei nur, aus Verdacht allein,
Die zwanzigjähr'ge Frau erdrosseln könnte,
Von wegen des Cavaliere servente.

 

18.

Kommt Eifersucht bei Einem jemals vor,
So wird er doch sich zu benehmen wissen,
Nicht wie Othello, jener Teufelsmohr,
Sein eignes Weib ersticken in den Kissen.
Fast jeder aus dem lust'gen Herrenchor
Wird, müde von den Ehstandskümmernissen,
Sich wenig nur um seine Gattin quälen,
Vielleicht dafür die eines Andern wählen.

 

19.

Für solche, die noch keine Gondel sahn,
Will ich sie hier beschreiben ganz genau.
So nennt man einen bedeckten langen Kahn,
Mit schlankem Schnabel und von leichtem Bau;
Zwei Gondoliere ziehn die Ruder an,
Schwarz wie der Sarg durchschneidet sie das Blau
Der Wogen in der klaren Meeresflut,
Und Niemand merkt, was man drin spricht und thut.

 

20.

Man sieht sie stets durch die Kanäle gleiten,
Sie schießen zwischen dem Rialtobogen
Bald schnell, bald langsam und zu allen Zeiten, –
Bei den Theatern scheinen auf den Wogen
Sie einen Trauerteppich auszubreiten;
Doch ist der Schein der Trauer nur erlogen:
Sie bergen oft ein lustiges Erlebniß,
Wie Kutschen auf der Rückfahrt vom Begräbniß.

 

21.

Doch jetzt zur Sache. – Einst vor vielen Jahren,
Vor dreißig, vierzig Jahren ungefähr,
Als Carnevalsscherze recht im Gange waren,
Sah man in diesem tollen Maskenheer
Auch eine gewisse Dame, deren wahren
Taufnamen ich nicht weiß und auch nur schwer
Errathen könnte; wenn ihr wollt, so laßt
Sie Laura heißen, was zum Verse paßt.

 

22.

Sie war nicht alt, noch jung, noch auch so alt,
Wie das »gewisse Alter« mancher Leute,
Was für das ungewisseste ist halt',
Denn nie vernahm ich, was denn dies bedeute;
Durch Bitten weder konnt' ich, noch Gewalt
Erreichen, daß man dieses Wortes Weite
In Rede oder Schrift bestimmt erkläre,
Und meinte, daß dies doch recht albern wäre.

 

23.

Laura war blühend noch, als ob die Zeit
Besonders höflich sie behandelt hätte;
Sie zürnte ihr auch nicht, und weit und breit
Galt sie für hübsch, vorzüglich in Toilette;
Ein hübsches Weib erfreuet alle Leut',
Und nichts vertrieb von ihrer Stirn die Glätte,
Denn freundlich lächelnd suchte stets sie Allen
Mit ihren schwarzen Augen zu gefallen.

 

24.

Sie war vermählt, was sich auch besser macht,
Weil einmal einer Frau fast überall
Ein kleiner Fehltritt wen'ger wird verdacht;
Denn kommt gar eine Ledige zu Fall
Und hat vorher zum Schweigen nicht gebracht
Durch eine rasche Heirath den Skandal,
So weiß ich nichts, was Rettung ihr gewährt,
Es sei denn, daß kein Mensch es je erfährt.

 

25.

Ihr Mann befuhr die Adriat'sche See
Und reiste häufig auch noch weiter fort;
Lag er in Quarantäne dann wohl je,
(Man bleibt da vierzig Tage lang an Bord) –
So stieg die Frau, damit sein Schiff sie säh',
Auf ihres Hauses höchstgelegnen Ort.
Er handelte besonders mit Aleppo,
Und hieß Giuseppe oder kürzer Beppo.

 

26.

Er sah aus wie ein Spanier, so braun
Und sonnverbrannt, doch stattlich von Figur:
Man glaubte einen Gerber anzuschaun;
Auch war er klug und kräftig von Natur,
Zur See war Keinem besser zu vertraun.
Sie – nun, sie war nicht grade spröde, nur
Galt sie für eine Frau von strengen Sitten,
Von der es schwer sei, Liebe zu erbitten.

 

27.

Seit vielen Jahren sahn sie sich nicht mehr;
Man sprach von seines Schiffes Untergange,
Und daß in Schulden er gerathen wär'
Und deshalb vor der Heimkehr wäre bange.
Auch boten Viele Wetten an, daß er
Fortblieb' und niemals mehr zurückgelange;
Denn jeder mag gern Wetten proponiren,
Bis zur Vernunft er kommt durch das Verlieren.

 

28.

Ihr Abschied war, so hieß es, sehr pathetisch,
(Gewöhnlich pflegen Fraun dabei zu weinen)
Und ihre Ahnung war beinah prophetisch,
Es würd' sie das Geschick nicht mehr vereinen;
(Es ist dies krankhaft fast und halb poetisch,
Und wollte mir ein paar Mal selbst so scheinen;)
Sie war, als er davonfuhr, in der That 'ne
Verlaßne Adriat'sche Ariadne.

 

29.

Sie wartete, sie weinte viel indessen
Und dachte, wie natürlich, schon an Trauer;
Dabei verging ihr alle Lust zum Essen,
Ihr Schlaf war oft gestört und kurz von Dauer;
Nie konnte den Gedanken sie vergessen
An Einbruch durch die Fenster oder Mauer:
Sie hielt's daher für Pflicht, sich zu verbinden
Mit einem Vicemann, um Schutz zu finden.

 

30.

Sie wählte – (doch was würden Fraun nicht wählen,
Wenn wir durch unsern Widerspruch sie necken!)
Bis sie auf Beppo's Rückkehr könnte zählen,
Der sie zu neuer Liebe würd' erwecken,
Solch einen Mann, auf den die Frauen schmählen,
Und doch ihn mögen, – einen Modegecken:
Er war ein reicher Graf aus edelm Haus, er
Galt bei den Damen auch für keinen Knauser.

 

31.

Er war zunächst ein Graf, sodann verstand
Musik er und Französisch, konnte geigen,
Die Sprache von Florenz sprach er gewandt,
Nicht allen Italienern ist sie eigen;
Er war ein Opernkenner und bekannt
Mit Allem, was die Bühne konnte zeigen,
Und keine Arie konnte je gefallen,
Wenn er sein » Seccatura!« ließ erschallen.

 

32.

Sein »Bravo!« war entscheidend für das Glück
Und in Concerten von besonderm Werth;
Die Geiger zitterten von seinem Blick
Wenn eine falsche Note er gehört;
Die Primadonna ward in jedem Stück
Von Angst vor seinem schnöden »Bah!« verzehrt;
Der Baß und der Tenor und der Contralto
Verwünschten ihn tief unter den Rialto.

 

33.

Er war der Improvisatoren Gönner
Und deklamirte selbst wohl einige Stanzen;
Er machte Verse, sang und war ein Kenner
Und Käufer von Gemälden, konnte tanzen,
So gut, wie dies vermag ein Italiener,
Die hierin nicht Franzosen sind; im Ganzen
War er ein Held und echter Cavalier,
Sein Kammerdiener selbst hielt ihn dafür.

 

34.

Im Lieben war er treu, dabei voll Feuer,
Nie klagte gegen ihn ein liebend Herz;
Sind Damen auch oft launisch gegen Freier,
So machte er doch ihnen niemals Schmerz.
Sein Herz war, und dies macht' ihn wohl so theuer,
Wachs im Empfangen, im Festhalten Erz:
Er war ein Liebhaber vom alten Schlage,
Bei dem die Liebe wächst mit jedem Tage.

 

35.

Dies Alles konnte leicht den Kopf verdrehn
Von einer noch so tugendhaften Schönen;
Sie dachte Beppo nie wiederzusehn,
Und mußt' an seinen Tod sich schon gewöhnen;
Er schrieb und schickte nichts und ließ geschehn,
Daß jahrelang sie warten mußt' in Thränen;
Und wenn ein Mann nichts zeigt von seinem Dasein,
Ist todt er oder sollt' es doch beinah sein.

 

36.

Und eine Frau jenseit der Alpen kann
(Obgleich wohl Niemand dieses loben könnte)
Sich nehmen eine Art von zweitem Mann:
Man nennet dies den Cavaliere servente;
Ich weiß nicht, wer zuerst damit begann,
Doch Keinen gibt's, der darin etwas fände;
Gelind gesagt, ist's eine zweite Ehe,
Und Gott weiß, wie die erste dann bestehe.

 

37.

Vor Zeiten war der Name » Cicisbeo«,
Doch gilt dies Wort für unanständig jetzt;
In Spanien heißt dasselbe Ding » Corteho«,
Die Mod' ist noch nicht lang dahin versetzt.
Man kennt sie jetzt vom Po bis an den Teho,
Sie kommt vielleicht nach England auch zuletzt,
Doch mög' der Himmel uns davor behüten,
Wie würde sonst man mit Prozessen wüthen!

 

38.

Zwar werd' ich immer alle Achtung hegen
Für eine hübsche ledige Person,
Doch mag ich lieber die Vermählten wegen
Des Umgangs und der Conversation; –
(Ich will damit gar nicht anspielen gegen
England, noch eine andere Nation;) –
Sie kennen mehr die Welt und sind vor allen
Natürlicher und müssen drum gefallen.

 

39.

Ja, reizend ist ein frisches junges Blut,
Doch scheu und eckig anfangs im Auftreten,
Und ihre Angst benimmt auch uns den Muth;
Naiv und doch verschämt sieht mit Erröthen
Sie nach Mama, ob sie wohl Unrecht thut,
Ob du und Andere wohl Unrecht thäten;
Die Kinderstube merkt man an der Rede,
Und immer riecht nach Butterbröten jede.

 

40.

Doch Cavaliere servente ist der Name,
Mit dem man in der feinen Welt benennt
Den armen Sklaven, der von seiner Dame
Gleich einem Kleidungsstück sich niemals trennt.
Glaubt nicht, daß er im Dienste je erlahme,
Ihr Wort ist das Gesetz, das er erkennt:
Er muß die Diener holen, Gondeln, Wagen,
Und ihren Fächer, Shawl und Handschuh tragen.

 

41.

Trotz aller Sünden muß ich nur gestehen,
Italien war von je mein Lieblingsland!
Ich mag gern jeden Tag die Sonne sehen,
Und Reben, nicht genagelt an die Wand,
Nein, die von Baum zu Baume rankend gehen;
Uns ist dies vom Theater nur bekannt,
Wenn im Ballet den ersten Akt wir enden
In Frankreich sehen zwischen Weingeländen.

 

42.

Ich steig' im Herbst des Abends gern zu Pferde
Und brauche hier dann nicht besorgt zu sein,
Ob auch mein Mantel aufgeschnallet werde,
Weil mir die Wolken Regen prophezein;
Ich weiß, daß, wenn etwas den Weg versperrte
Nach einem grünen Laubgang, es vom Wein
Gefärbte Wagen sind, voll edler Trauben; –
In England würd' ich nur an Dünger glauben.

 

43.

Ich esse Drosseln gern und frische Feigen,
Und mag nicht, wenn die Sonne sinkt, besorgen,
Daß sie sich trüb' in Nebel werde zeigen,
Wie eines Säufers Aug', am andern Morgen;
Ich weiß, sie wird am nächsten Tag aufsteigen
Gleich wolkenfrei und rein, und braucht zu borgen
Nicht jenen Schein, der wie ein Talglicht flimmert,
Und matt durch Londons Rauch und Nebel schimmert.

 

44.

Ich mag die Sprache, dies Bastardlatein,
So schmelzend, wie der Kuß von einer Frau:
Man glaubt, sie müss' auf Sammt geschrieben sein;
Sanft wie der Süden ist der Silbenbau,
Nur weiche Consonanten schließt sie ein,
Und auch kein einz'ger Ton ist je so rauh
Als unser nordisch hartes Grunzen, Aechzen,
Das wir mit Zischen aus der Kehle krächzen.

 

45.

Ich mag die Fraun – verzeiht mir meine Schwächen! –
Der Bäuerin Wange, fast wie Bronze braun,
Wenn aus den großen Augen Strahlen brechen,
Die tausend Dinge uns zugleich vertraun, –
Der Edeldamen Blick, der mehr zu sprechen
Von Schwermuth scheint, wenn sie so düster schaun, –
Die herzigen Lippen, seelenvollen Augen,
Die Licht aus ihrem sonnigen Himmel saugen.

 

46.

Ihr schönen Fraun in diesem Paradies,
Ihr habt vor Zeiten Rafael entzündet,
Der selbst in euerm Arm sein Leben ließ,
Zu Allem, was den Himmel uns verkündet
In seinen Götterwerken! Wer wohl pries,
Und wenn er auch die glühndsten Worte findet,
In Worten würdig, was ihr wart und seid,
Wenn ein Canova lebt in unsrer Zeit!

 

47.

»England! dich lieb' ich trotz deiner Gebrechen«,
So rief ich in Calais und hab's behalten.
Ich lieb' es, ganz nach meinem Sinn zu sprechen;
Ich mag – doch das ist nichts – die Staatsgewalten,
Das Habeas-Corpus, wenn sie's nur nicht brechen;
Gern seh' ich Freiheit in der Presse walten
Und mag im Parlament die Reden hören,
Besonders wenn sie nicht zu lange währen.

 

48.

Ich mag die Steuern, nur nicht gar zu schwere,
Ein Kohlenfeuer macht mir auch Plaisir;
Die Beefsteaks, find' ich, machen uns viel Ehre,
Ich hab' nichts gegen einen Krug voll Bier;
Das Klima möcht' ich, wenn kein Regen wäre,
Das heißt, zwei Monate gefallen mir;
Auch segne Gott die Kirche wie den König,
Und das will sagen, Alles finde schön ich.

 

49.

Die stehende Armee, die Armensteuer,
Die Staatsschuld und die aufgelöste Flotte,
Die Volkskrawalle, die nur um so freier
Uns scheinen lassen, unsre Bankerotte,
Die frost'gen Fraun, des Himmels Wolkenschleier
Verzeih' ich Alles, ohne daß ich spotte,
Wie unsern neuen Kriegsruhm ich verehre,
Wenn er nur nicht das Werk der Tories wäre.

 

50.

Doch jetzt zurück zu Laura! – Eine Sünde
Ist jede Abschweifung, die mit der Zeit
Ich für mich selbst schon sehr langweilig finde,
Die wohl den Leser auch nicht sehr erfreut;
Der güt'ge Leser hätte wirklich Gründe,
Zu zürnen, und trotz aller Höflichkeit
Zu fordern, daß ich meinen Plan ihm sage,
Und dann wär' ich in einer schlimmen Lage.

 

51.

Besäß' ich doch die Kunst des leichten Stiles!
Wie wäre dann das Lesen leicht! Spazieren
Möcht' zum Parnaß ich, wo die Musen Vieles
In niedlichen Gedichten uns dictiren,
Dann gäb' ich schnell heraus – und wie gefiel es! –
Etwas von Griechen, Syrern und Assyren;
Echt morgenländisch wär's auf jeden Fall
Und doch nach unsrer Art sentimental.

 

52.

Doch ich bin nur ein namenloses Wesen,
Ein ruinirter Dandy im Exil;
Ich muß in Walkers Lexikon nachlesen
Und Reime suchen für dies Versespiel;
Ist dort kein guter, nehm' ich einen bösen,
Und quäl' um die Kritik mich auch nicht viel.
Fast möcht' ich schon zur Prosa mich bekehren,
Wenn nicht die Verse eben Mode wären.

 

53.

Der Graf kam bald mit Laura zur Erklärung;
Sie lebten, wie das so zu gehen pflegt,
Ein halbes Dutzend Jahre ohne Störung,
Und ward auch dann und wann ein Zwist erregt
Durch Eifersucht, war's nie von langer Währung.
Ein solches Paar, das immer sich verträgt,
Ist selten; alle sind, ob arm, ob reich,
In dieser Art von Zänkerei sich gleich.

 

54.

Im Ganzen waren sie ein glücklich Paar,
So weit dies bei verbotner Liebe möglich,
Weil er verliebt und sie nicht häßlich war;
Auch war die Kette leicht und drum erträglich.
Die Welt war gegen sie nachsichtig zwar,
Doch ärgerten die Frommen dran sich höchlich;
Der Teufel ließ sie leben: alte Sünder
Verschont er, um zu ködern jüngre Kinder.

 

55.

Sie freilich waren jung, – und was fürwahr
Sind Lieb' und Jugend, wenn sie nicht beisammen?
Jugend macht Liebe froh, süß, stark und wahr,
Schafft Alles, was vom Himmel scheint zu stammen;
Im Alter wird die Liebe sonderbar,
Es stärkt Erfahrung selten ihre Flammen;
Und dies ist wohl der Grund, daß oft so gern
Mit Eifersucht sich quälen alte Herrn.

 

56.

Es war, wie ihr schon wißt, im Carnevale, –
Ich sagt' es euch vor ein'gen dreißig Strophen, –
Und Laura traf schon die Anstalten alle,
Die auch bei uns von Leuten wohl getroffen
Zu werden pflegen, die zum Maskenballe
Bei Madam Böhm zu Nacht zu gehen hoffen;
Als einz'ger Unterschied ist anzuführen,
Daß hier sie sich sechs Wochen lang maskiren.

 

57.

Dann sagt' ich auch, daß in Toilette sich
Laura so hübsch als irgendeine mache,
So daß sie manchem Wirthshausengel glich
Und manchem Titelbild im Almanache,
In dem die neusten Moden säuberlich
Gemalt sind, und bedeckt mit einer Lage
Von Glanzpapier, damit der Farbenschmuck
Nicht leide durch des schwarzen Textes Druck.

 

58.

Sie gingen zum Ridotto – so gerade
Heißt hier ein Saal zum Tanzen und Soupiren;
Man sollte lieber sagen Maskerade,
Doch das soll hier uns weiter nicht geniren;
'S ist ein Vauxhall, wenn auch in kleinerm Grade,
Doch so, daß keine Störung kann passiren
Durch Regen. Die Gesellschaft muß man nennen
»Gemischt«, man scheint die Meisten nicht zu kennen.

 

59.

»Gemischtes Publikum«, so redet man,
Wenn außer uns ein paar Dutzend Bekannte
Nur da sind, die man freundlich grüßen kann;
Der Rest sind dann dem Pöbel Nahverwandte,
Man trifft sie stets an solchen Orten an;
Sie sind gefühllos gegen das gespannte
Gesicht von jenen wohlerzognen Leuten,
Die jetzt, Gott weiß warum, die »Welt« bedeuten.

 

60.

Dies ist der Fall in England, – offenbar
War's so, wie noch die Dandies herrschten; ihnen
Nachfolgend ist wohl eine andre Schar
Von nachgeäfften Affen jetzt erschienen.
Unwiederbringlich kurz doch immer war
Die Herrschaft Aller, die der Mode dienen!
Es ist doch Alles eitel! Leicht zerfällt
Durch Liebe, Krieg, durch Frost selbst eine Welt.

 

61.

Es schlug Napoleon Gott Thor im Norden,
Der eis'ge Hammer tödtete sein Heer;
Die Elemente sind ihm feind geworden,
Sie machen Manchem auch das Lernen schwer.
Mit Recht kam ihm der Krieg bedenklich vor, denn
Fortuna bleibt ... Doch fluch' ich ihr nicht mehr,
Weil, wär' ich auch im Grübeln unersättlich,
Ich fänd' an ihr doch immer etwas göttlich.

 

62.

Sie lenkt, was ist, war und noch wird geschehn;
Sie gibt uns Glück im Lieben und im Spiele;
Für mich that sie nicht viel, muß ich gestehn,
Doch schelt' ich nicht auf sie; – noch nicht am Ziele
Sind wir mit unsrer Rechnung: ich muß sehn,
Ob noch sie mich entschäd'gen wird für viele
Enttäuschungen. Ich lass' sie jetzt zufrieden,
Bis sie was Dankenswerthes mir beschieden.

 

63.

Der Teufel hol's! – Ich drehe mich im Kreise,
Und die Geschichte schlüpft mir durch die Hände;
Weil ich doch bleiben muß in diesem Gleise
Der Strophen hier, so komm' ich nie zu Ende.
Verändern kann ich nicht des Verses Weise
Und muß Takt halten gleich einer Currende;
Kann diesmal ich zum Schlusse nur gelangen,
Will ich's das nächste Mal anders anfangen.

 

64.

Sie gingen zum Ridotto – und ich denke,
Ich selber gehe morgen auch dahin,
Damit ich meinen Geist auf Andres lenke,
Weil ich jetzt etwas Hypochonder bin.
Ich rathe die Gesichter, und ich senke
Durch Masken meinen Blick; mein trüber Sinn
Verliert sich dann auf eine halbe Stunde
Und weicht der Lust bei einem guten Funde.

 

65.

Als Laura in den Schwarm hinein sich wagte,
Schien ihren Mund ein Lächeln zu umspielen;
Bald sprach sie laut, bald flüsterte sie sachte,
Sie knickste, sie verbeugte sich vor Vielen;
Sie fand es heiß, und ihr Liebhaber brachte
Ihr Limonade her, um sie zu kühlen;
Dann sprach sie mit mitleidigem Gespötte
Von ihrer Freundinnen schlechter Toilette.

 

66.

Die trage falsche Locken, – jene Schminke, –
Wo hat nur die den alten Turban her?
Die sei so blaß, daß sie beinah umsinke,
Und jener Anzug sei gar ordinär; –
Daß jener weiße Atlas gelb ihr dünke
Und dieses Kleid doch zu durchsichtig wär'!
Doch halt! ich hab' genug an diesen Wenigen,
Sonst glichen wohl an Zahl sie Banquo's Königen.

 

67.

So machten ihre Augen nun die Runde,
Doch traf auch mancher Blick der Andern sie;
Halblaut vernahm sie dann ihr Lob im Munde
Der Herrn und rührte währenddeß sich nie.
Die Damen meinten, seltsam wär's im Grunde,
Daß Eine noch Verehrer finde, die
So alt schon wär', – die Männer seien schlecht,
Solch Eine käme ihnen grade recht.

 

68.

Ich meines Theils vermochte nie zu sagen,
Warum nur solche Fraun ... Doch schweig' ich hier
Von Dingen, die den Tadel in sich tragen,
So gern ich auch den Grund davon erführ'.
Trüg' ich nur einen schwarzen Rock und Kragen,
So daß ich schelten könnte nach Gebühr,
Ich hätte bald den Gegenstand erledigt,
Und hülfe Romilly bei seiner Predigt.

 

69.

Doch Laura sah und ließ zu gleicher Zeit
Sich sehn, wobei sie lächelnd immer schwatzte,
Daß manche gute Freundin schon vor Neid
Bei diesem Kokettiren fast zerplatzte;
Die feinsten Herren waren stets bereit,
Zu unterhalten sie aufs delicatste,
Doch Einer schien vor Allen zu beharren
In einem höchst auffallenden Anstarren.

 

70.

Ein Türke war's, wie Mahagoni braun,
Und Laura fühlte sich zuerst geehrt;
Denn alle Türken halten viel auf Fraun,
Obgleich man nicht viel Gutes davon hört.
Sie halten sie wie Hunde (im Vertraun
Gesagt) und kaufen sie, wie wir ein Pferd;
Zwar viele sind's, doch sieht man nichts davon,
Gesetzlich vier, und sonst à discretion.

 

71.

Sie bleiben stets verschleiert und bewacht
Und sehen kaum die männlichen Verwandten;
So viel wird auch von ihnen nicht gelacht,
Wie's wohl bei Fraun geschieht in andern Landen;
Auch glaub' ich, daß dies Leben blaß sie macht.
Da Türken nicht gesprächig sind, so kannten
Die Fraun von je kein anderes Vergnügen,
Als Bäder, Liebe, Putz und Kinderkriegen.

 

72.

Sie wissen nichts von Lesen oder Schreiben,
Von Kritisiren oder Versemachen;
Journale, Predigten, Romane bleiben
Wie Geist und Witz für sie stets fremde Sachen, –
Die Bildung würde sie zum Aufruhr treiben!
Nein, keinen Blaustrumpf kennt man; 's ist zum Lachen,
Kein Botherby wird jemals ihnen dienen
»Mit Liedern, die soeben erst erschienen«.

 

73.

Kein würd'ger alter Jünger vom Parnasse,
Der lang schon angelte nach einem Namen,
Stets hoffend, daß sich etwas fangen lasse,
Wenn auch nie Fische zum Anbeißen kamen, –
Kein solcher Held der edeln Mittelstraße,
Und keiner von den leidenschaftlich Zahmen,
Der für die Fraun- und Knabendichterschar
Den Lehrer spielt – mit Einem Wort, kein Narr!

 

74.

Kein wandelndes Orakel, stolz von Siegen,
Wenn Beifallsrufe, deren es nicht werth,
Sein neustes Licht umsummen wie die Fliegen,
Die blausten Brummer, die man je gehört, –
Das, ekelhaft im Lob und fad' im Rügen,
Mit Gier den eignen kleinen Ruhm verzehrt,
Auch Sprachen, die ihm fremd sind, überträgt,
Und Stücke schreibt, die schlechter sind als schlecht.

 

75.

Man haßt Schriftsteller, die nichts thun als schreiben,
Die Narrn in tintenklecksiger Livree,
Weil stets sie neidisch und argwöhnisch bleiben,
Und man nie weiß, wie man mit ihnen steh'.
Man sollte Wind in sie mit Bälgen treiben!
Die schlimmsten von der großen Narrnarmee
Sind lieber mir als so papierne Puppen,
Als diese qualmenden Nachtlichterschnuppen.

 

76.

Dergleichen sieht man viele; Andre wieder,
Die Welt besitzen und die Menschen kennen,
Scott, Rogers, Moore und alle bessern Brüder,
Die nicht die Feder blos handhaben können;
Doch jene Ritter von dem Gansgefieder,
Die ohne Bildung gern sich geistreich nennen,
Die lassen wir den Damen um den Theetisch,
Sie machen die Gesellschaft dort ästhetisch.

 

77.

Die armen kleinen Türkenfraun genießen
Nichts von so lehrreich liebenswürd'gen Leuten;
Sie würden als ein Wunder sie begrüßen,
Als hörten Glocken in Moscheen sie läuten.
Ich glaub', es wär' der Mühe werth, wir ließen –
Der beste Plan schlägt freilich fehl zu Zeiten –
Als Missionar solch einen Herrn hinreisen,
Im Christlichsprechen sie zu unterweisen.

 

78.

Sie kennen nicht die Gase der Chemie
Und keine metaphysischen Theorien;
Kein Lesecirkel liefert je für sie
Erbauungsschriften oder Poesien;
Auch wissen sie nichts von Geographie,
Besuchen niemals Bildergalerien,
Studiren nicht die Sterne nächtelang
Und keine Mathematik, Gott sei Dank!

 

79.

Dies »Gott sei Dank« will hier ich nicht erklären, –
Man glaube mir, ich habe meine Gründe,
Die nicht sehr schmeichelhaft für Manche wären,
Und die ich drum der Welt noch nicht verkünde.
Ich möchte meine Spottlust nicht vermehren;
Je mehr man altert, desto lieber, finde
Ich, lacht man statt zu schelten, obgleich man sehr
Gedankenvoll oft aussieht kurz nachher.

 

80.

Unschuld und Frohsinn! Milch und Wasser! Gutes
Gemisch der längstvergangnen guten Tage!
In dieser Zeit des frechen Uebermuthes
Löscht der verderbte Mensch nicht mehr die Plage
Des Durstes mit so reinem Trank; – was thut es,
Wenn ich euch mag und euer Lob hier sage!
Daß des Saturnus Zeiten wiederkehren,
Drauf will ich jetzt ein Gläschen Cognac leeren!

 

81.

Der Türke wandte nicht den Blick von ihr,
Was sonst nur pflegt bei Christen zu geschehen
Und sagen will: »Madam, Sie bleiben hier,
So lang es mir gefällt, Sie anzusehen.«
Gewinnt man jemals Fraun auf die Manier,
Hätt' er's gethan, doch konnt's so leicht nicht gehen;
Sie war zu kugelfest, um nur zu mucken,
Selbst bei so höchst fremdartigem Begucken.

 

82.

Die Nacht begann dem Morgen schon zu weichen; –
Wenn's so weit ist, ertheil' ich gern den Rath
An Jede, die mit Tanzen und dergleichen
Anstrengungen die Nacht durchschwärmet hat,
Allmählich sich zum Saal hinauszuschleichen,
Noch eh' die Sonne an den Himmel trat,
Weil, wenn die Lichter ihren Glanz einbüßen,
Die Wangen gleichfalls blässer werden müssen.

 

83.

Ich hab' so manchen Ball einst mitgemacht,
Und blieb aus Gründen oftmals bis zum Ende;
Dann gab ich, ohne Arg zu hegen, Acht,
Ob Eine diese Probe wohl bestände.
Ich sah wohl Tausende in ihrer Pracht,
Die Jeder schön und liebenswürdig fände:
Doch Einer nur gedenk' ich, deren Wangen
Den Tag erwarten konnten ohne Bangen.

 

84.

Ich sage nicht, wie die Aurora hieß,
Obgleich sie niemals mehr für mich gewesen
Als eine Frau, die wirklich schön ist, dies
Vollkommenste von Gott erschaffne Wesen.
Der Name gäbe hier ein Aergerniß,
Doch Jeder mag sie selber sich auslesen
In London oder Paris beim nächsten Balle
Und sehen, wie sie schöner blüht als Alle!

 

85.

Auch Laura fürchtete die Tageshelle
Nach einem Ball von ein'gen tausend Seelen
Und siebenstündger Dau'r; auf alle Fälle
War's besser, sich bei Zeiten zu empfehlen.
Der Graf war gleich mit ihrem Shawl zur Stelle,
Schon wollten sie sich aus dem Saale stehlen,
Als sie bemerkten, daß die Gondoliere
Noch fehlten mit der Gondel vor der Thüre.

 

86.

'S geht wie mit unsern Kutschern, – das Gedränge
Trägt hier wie dort die Schuld an diesen Sachen,
Und fluchend winden sie sich durch die Enge,
Wobei noch einen Höllenlärm sie machen.
Bei uns erhält die Polizei mit Strenge
Die Ordnung, hier sind in der Nähe Wachen;
Trotzdem erschallt 'ne Flut von widerlichen
Kaum zu ertragenden Matrosenflüchen.

 

87.

Sie sahen endlich ihre Gondel liegen,
Und rasch nach Hause ging die stille Fahrt;
Sie sprachen von dem Ball und den Anzügen
Der Damen unterwegs, und dabei ward
Auch manche Klatschgeschichte nicht verschwiegen;
Schon nahten sie sich dem Palast, als hart
An ihrer Treppe, sehr zu ihrem Schrecken,
Laura den Türken glaubte zu entdecken.

 

88.

»Mein Herr«, begann der Graf, und sein Gesicht
Sah sehr ernst aus, »der Umstand, daß wir hier
Sie wiederfinden, macht es mir zur Pflicht,
Sie nach dem Grund zu fragen. Hoffen wir,
Daß es ein Irrthum ist und daß Sie nicht
Mich mißverstehn! Dies wär' das Beste für
Sie selber, was sich sonst bald zeigen wird.«
Der Türke sprach: »Ich hab' mich nicht geirrt.

 

89.

Die Dam' ist meine Frau!« – Bei diesem Ton
Schien Laura vor Erstaunen zu erblassen.
In Ohnmacht fallen unsre Damen schon,
Wenn Italienerinnen es noch lassen;
Sie rufen nur nach ihrem Schutzpatron,
Worauf sie meistens bald sich wieder fassen.
Man braucht sie nicht mit Wasser zu bespritzen,
Noch wie bei uns den Schnürrumpf aufzuschlitzen.

 

90.

Sie sagte – ja was denn? Nun – keinen Laut.
Doch höflich lud der Graf den Fremden ein
Zu sich, von dem Gehörten sehr erbaut.
»Dergleichen Dinge«, sprach er, »muß allein
Man stets besprechen; wird die Sache laut,
So werden wir die Ausgelachten sein,
Und eine Klatscherei verschafft zum Schluß
Dem Publikum dabei den Hauptgenuß.«

 

91.

Sie traten ein, und Kaffee ward gebracht.
Den Türken ebenso wie Christen mögen
(Nur wird von ihnen anders er gemacht),
Als Laura, jetzt schon weniger verlegen,
Beppo nach seinem türk'schen Namen fragt.
»Dein Bart«, rief sie, »ist schrecklich lang – Weswegen
Bliebst du denn auch so lange fort von hier?
Du mußt selbst sagen, 's war nicht recht von dir!

 

92.

»Wie! Solltest wirklich du ein Türke sein?
Und nahmst du dir denn auch ein andres Weib?
Sag, essen mit den Fingern sie allein?
Wie hübsch der Shawl da ist um deinen Leib!
Den schenkst du mir! Ißt du jetzt nichts vom Schwein?
Was war denn da so lang dein Zeitvertreib?
Mein Gott, wie gelb bist du geworden! Das
Begreif' ich nicht! Fehlt deiner Leber was?

 

93.

»Beppo, wie schlecht der Bart dir stehen thut!
Noch eh' es Morgen wird, verlang' ich, fällt er.
Warum trägst du ihn so? Ach, das ist gut, –
Ich meine, findest du es hier nicht kälter?
Wie seh' ich aus? Sei nur auf deiner Hut,
Daß Niemand dich gewahr wird, sonst erzählt er
Der ganzen Stadt gleich Alles ganz genau –
Wie kurz dein Haar ist! Gott, wie ist es grau!«

 

94.

Was Beppo drauf antwortete, vermag
Ich nicht zu sagen. Er war ungefähr
Gestrandet da, wo früher Troja lag;
Er ward dann Sklave dort und zum Salär
Bekam er Brot und Prügel; doch hernach
Als einst Piraten landeten, ward er
Ihr Spießgesell, und machte sich zur See
Als Renegat ein großes Renommée.

 

95.

So ward er reich, doch konnt' in seiner Brust
Er sich des Heimwehs länger nicht erwehren;
Zurück sich sehnend hatt' er keine Lust,
Nur immerfort zu rauben auf den Meeren.
Auch ward er sich der Einsamkeit bewußt,
Und dang deshalb ein Schiff, um heimzukehren, –
Es kam von Spanien mit zwölf Mann und fuhr
Nach Korfu mit Tabak auf dieser Tour.

 

96.

Er und sein Geld (das, Gott weiß wie, gewonnen)
Gelangten dann an Bord mit viel Gefahr;
Durch Kühnheit war er so der Noth entronnen,
Er sagte, daß Gott sein Beschützer war.
Ich sage nichts, denn ich bin nicht gesonnen,
Mit ihm zu streiten; doch das Schiff, fürwahr,
Lief gut und hielt beständig seinen Strich, –
Nur bei Cap Bon ließ sie der Wind im Stich.

 

97.

In Korfu ließ er Alles dann verladen
Nach einem andern Fahrzeug, und er nannte
Sich einen Kaufmann, der nach den Gestaden
Des Orients Waaren aller Art versandte;
So kam er gut davon und ohne Schaden,
Sonst wär' er füsilirt von seiner Bande.
Dann suchte, wie sie nach Venedig kamen,
Er seine Frau, sein Haus und seinen Namen.

 

98.

Laura empfing ihn gut, es taufte ihn
Der Patriarch nach Zahlung der Gebühren;
Vom Grafen wurden Kleider ihm geliehn,
Um sein Kostüm sogleich zu reformiren;
Auch seine Freunde rühmten ihn, es schien,
Daß er's verstand, sie gut zu amüsiren;
Er konnte gut erzählen, – doch es war
Die Hälfte der Geschichten wohl nicht wahr.

 

99.

Für Alles, was er in der Jugend litt,
Ward ihm im Alter noch Ersatz gewährt;
Wenn Laura sich auch manchmal mit ihm stritt,
So hab' ich's doch vom Grafen nie gehört.
Zu Ende geht's Papier mir, und damit
Ist die Geschichte aus – Zu lange währt
Sie schon; doch wenn den Anfang man gemacht hat,
So wird's oft länger, als man selbst gedacht hat.

Anmerkungen zu Beppo.

Geschrieben zu Venedig in der Zeit des Carneval 1817. Zu diesem Gedichte, dem Vorläufer des »Don Juan«, wurde Byron angeregt durch Whistlecrafts in scherzhaften Ottaverimen abgefaßtes Gedicht »König Arthurs Tafelrunde«, das er in Venedig kennen lernte. »Whistlecraft« – schreibt der Dichter – »ist mein unmittelbares Modell; aber Berni ist der Vater dieser Dichtungsart, die sich nach meiner Ansicht für unsere Sprache sehr wohl eignet. Es wird dies aus diesem Versuche erhellen. Wenigstens dient er dazu, zu zeigen, daß ich auch launig schreiben kann, und zugleich, um mich von dem Vorwurf der Monotonie und des manierirten Wesens zu reinigen.«

Str. 7. gehöret wenigstens doch Soja.

Soja, eine indische Pflanze, zur Gattung der Dolichos gehörig, aus deren Samen eine pikante Brühe bereitet wird.

Str. 8. – – nach dem Strand verweise.

Strand, Straße in London.

Str. 31. Wenn er sein » Seccatura!« ließ erschallen.

Seccatura, langweiliges Zeug.

Str. 37. In Spanien heißt dasselbe Ding Corteho.

»Cortejo, auszusprechen Corteho, bedeutet Dasjenige, wofür es in England an einer zutreffenden Bezeichnung fehlt, obwohl die Sache dort ebenso bekannt ist wie in irgend einem ultramontanen Lande.«
Byron.

Str. 60 – – wie noch die Dandies herrschten.

Das Wort Dandy kam zu Byrons Zeit auf, anstatt des früheren Beau, zur Bezeichnung der tonangebenden vornehmen Stutzer Londons.

Str. 78. Und keine Mathematik, Gott sei Dank!

Anspielung auf Lady Byron. Vgl. Don Juan, Ges. 1, Str. 12 und 13 und die Anmerkung dazu.

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