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Gutenberg > George Gordon Noël Byron >

Dichtungen. [Erstes Bändchen]. Die Belagerung von Korinth. Der Gefangene von Chillon. Die Inse

George Gordon Noël Byron: Dichtungen. [Erstes Bändchen]. Die Belagerung von Korinth. Der Gefangene von Chillon. Die Inse - Kapitel 4
Quellenangabe
authorGeorge Gordon Byron
booktitleDichtungen
titleDichtungen. [Erstes Bändchen]. Die Belagerung von Korinth. Der Gefangene von Chillon. Die Inse
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
year1865
translatorWilhelm Schäffer
correctorJosef Muehlgassner
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Die Insel.

1. Gesang.

 

I.

Der Morgen graut, das Schiff folgt seiner Bahn
Und schreitet langsam durch den Ocean,
Die Wogen spritzen schäumend auf am Buge,
Durchfurcht von diesem majestät'schen Pfluge,
Und endlos dehnt sich vorn die Wasserwüste,
Doch rückwärts liegt der Südseeinseln Küste.
Die stille Nacht verschwindet ringsumher,
Und aus dem Dunkel taucht empor das Meer;
Herauf aus finstern Wassergründen steigen
Dem Licht entgegen der Delphine Reigen,
Der Sterne Strahlen scheinen zu erbleichen
Und vor der Dämmerung zurückzuweichen,
Die Segel schimmern wieder weiß am Mast,
Wo straffer jetzt der Morgenwind sie faßt,
Und purpurn glüht es, wo die Sonne naht –
Sie kommt zu schauen eine schwere That!

 

II.

Der tapfre Führer schläft in der Kajüte
Und wähnt, daß Treue seinen Schlummer hüte,
Er träumt von Englands heimatlichem Strand
Und von Gefahren, die er kühn bestand,
Sein Name strahlt jetzt ruhmvoll auf der Liste
Der Forscher mancher sturmgepeitschten Küste;
Gethan ist schon das Schwerste, nah das Ende
Und recht, daß ihm der Schlummer Labung spende.
Jedoch der Aufruhr sinnt schon auf dem Decke,
Wie frevelnd gegen ihn den Arm er strecke,
Das junge Volk will auf den Inseln sein
Bei schönen Fraun im warmen Sonnenschein;
Die niemals einen eignen Herd besessen,
Sie hatten ihre Heimat längst vergessen
Und wollten lieber bei den Wilden bleiben,
Als länger auf dem wüsten Meere treiben.
Dort, wo von selbst die schönsten Früchte reifen,
Begehrten frei sie durch den Wald zu streifen,
Dort spendet die Natur die reichsten Gaben
An Fluren, die noch keinen Herren haben,
Dort folgt ein Jeder seinem eignen Willen
Und Trieben, die kein Zwang vermag zu stillen,
Freiwillig gibt der Boden seinen Segen,
Sein goldner Schatz wächst stets der Sonn' entgegen,
Zur Wohnung wird die Grotte schnell gemacht,
Ein weiter Garten ist des Waldes Pracht,
Wo die Natur ein Volk wie Kinder pflegt,
Das frisch im fröhlichen Genuß sich regt;
Muscheln und Früchte sammelt es zu Schätzen
Und ein Kanoe muß ihm das Schiff ersetzen,
Kurzweil ist ihm die Jagd, der Ocean –
Sein größtes Wunder ist der weiße Mann –
An diesem Eden wollten auch sich freuen
Die Fremden – um zu spät es zu bereuen!

 

III.

Wach auf, du kühner Bligh! der Feind ist nah,
Wach auf! wach auf! – Zu spät! schon ist er da.
Voll Wuth umdrängt ihn der Empörer Rotte
Mit frevelhaftem Trotz und frechem Spotte.
Man bindet ihn, man droht dem mit dem Schwerte,
Auf dessen Wort gehorsam sonst man hörte,
Man schleppt ihn auf das Deck, wo, wenn er winkt,
Das Steuer sonst sich dreht, das Segel sinkt.
Es sucht die rohe Schaar in wildem Grimme
Zu übertäuben noch des Herzens Stimme
Und blickt voll Wuth und Furcht zugleich auf den,
In dem sie stets noch den Gebieter sehn –
Denn nur wenn blinder Zorn den Sinn bethört,
Wird des Gewissens Mahnung überhört.

 

IV.

Vergebens rufst du, wenn der Tod auch droht,
Nach jenen, die noch treu sind in der Noth,
Sie kommen nicht, die wen'gen Freunde schweigen
Und müssen vor der Uebermacht sich beugen,
Du fragst nach deiner Schuld, ein Fluch nur sagt,
Daß deiner Gegner Wuth das Aergste wagt,
Vor deinen Augen siehst du Säbel blitzen,
Es fühlt die Brust der Bajonette Spitzen,
Es hat den Flintenlauf auf dich gewandt
Schon manche für den Mord bereite Hand,
Du forderst deinen Tod, bewundernd ehren
Den Muth, die jedes Mitgefühls entbehren,
Ehrfurcht erfüllt sie vor dem Mann, indessen
Sie ohne Scheu Gesetz und Pflicht vergessen;
Doch woll'n sie nicht sein Blut und übergeben
Dem Glück der Wellen sein bedrohtes Leben!

 

V.

»Das Boot hinab!« hört man den Führer sagen
Und wer wird wohl ein Nein! zu rufen wagen,
Wenn erst der Aufruhr in den trunknen Stunden
Des Siegs die kaum gehoffte Macht gefunden?
Man läßt das Boot in wilder Hast hinab,
Bligh's letzte Hoffnung und vielleicht sein Grab,
Ein kleiner Vorrath wird ihm mitgegeben
Zu kurzer Frist für das geschenkte Leben
Und kaum soviel an Wasser und an Brod,
Daß ein paar Tage warten muß der Tod;
Noch etwas Tauwerk, Garn und Segelfetzen,
Im öden Meere nicht genug zu schätzen,
Reicht man hinab auf seiner Freunde Flehn,
Die Rettung nur noch auf den Wellen sehn,
Zuletzt den schwanken Zeiger nach dem Pole,
Der Schifffahrt wahre Seele, die Boussole.

 

VI.

Doch der Rebellenführer möcht' inzwischen
Den Flecken seiner bösen That verwischen;
Den Muth der Freunde stärkt der Branntewein,
Drum ruft er: »Trinkt jetzt, Burschen, schenket ein!«
»Branntwein macht Helden« – konnte Burke einst rufen –
Ein nasser Weg ist's zu des Ruhmes Stufen! –
Und so ließ hier man auch die Gläser klingen
Der Heldenthat zum glücklichen Gelingen.
»Hurrah nach Otahiti!« schreit die Rotte
Dem eignen wüsten Sinne wie zum Spotte!
Der heitern Insel reiche Fruchtbarkeit,
Der guten Wilden fröhlich müß'ge Zeit,
Die sanften, der Natur entsprungnen Sitten,
Die Geld nicht kennen, Liebe nur erbitten,
Sind diese denn so lockend für Matrosen,
Die sonst nichts kennen, als der Stürme Tosen,
Und durch Gewalt jetzt jene Ruh' erstreben,
Die selbst der Tugend nie gewährt das Leben?
So ist der Mensch! dem gleichen Ziel entgegen
Strebt jeder, aber auf verschiednen Wegen;
Geburt und Herkunft, volksthümlicher Brauch,
Charakter, Name, Gunst des Glückes auch,
Sogar des Leibes äußere Gestalt
Beherrschen uns mit größerer Gewalt,
Als Alles, was nach unsern Lebensbahnen
Wir von der fernen Zukunft dunkel ahnen;
Und dennoch flüstert's leis in uns und warnt,
So sehr auch Ruhm und Habsucht uns umgarnt,
Was auch der Glaub' ist, dem wir folgen müssen,
Die Stimme Gottes spricht in dem Gewissen!

 

VII.

Im Boot sieht man die wen'gen Treuen stehn,
Die trauernd warten auf den Kapitän;
Das einst so stolze Schiff ist jetzt entehrt!
Wohl mancher steht noch still in sich gekehrt
Und wirft auf Bligh mitleidig einen Blick,
Doch andre höhnen jetzt sein Mißgeschick
Und lachen über diesen schwachen Kahn,
Der sich hinauswagt auf den Ocean.
Der zarte meergeborene Pilot
Der Nautilus im leichten Muschelboot,
Der Elf des Meeres und sein kleines Haus
Sieht nicht so schutzlos und zerbrechlich aus!
Er flüchtet sich, sobald Orkane stürmen
Und sich die Wogen gleich Gebirgen thürmen,
Zum sichern Meeresgrund vor ihrem Toben,
Der stolzen Flotten spottend, die dort oben
Die Welt mit ihrem Donner zwar erschüttern,
Im wilden Sturm jedoch wie Glas zersplittern.

 

VIII.

Der Plan war glücklich ausgeführt und schnell
Zum Herrn des Schiffs geworden der Rebell;
Doch einer der Matrosen zeigte jetzt
Das leere Mitgefühl, das nur verletzt,
Und gab durch Zeichen zu verstehn, wie gern
Er helfen möchte seinem alten Herrn;
Er hielt ihm eine Frucht hin, deren Saft
Den durstgequälten Lippen Kühlung schafft,
Doch kaum bemerkt ward dieser Freund verjagt,
Dem auch kein Andrer nachzuahmen wagt.
Und nun trat der Rebell, der mit Verrath
Ihm lohnte für so manche Freundesthat,
An Bligh heran und rief: »Hinein in's Boot,
Denn zögert länger Ihr, so droht der Tod!«
Jedoch als ob sich jetzt schon seine Seele
Mit dem Bewußtsein des Verbrechens quäle,
Sprach er ein Wort, in welchem Bligh entdeckte,
Was jener vor den Andern klug versteckte;
Als er ihm vorwarf, wo nun seine Ehre
Und was der Dank für manche Wohlthat wäre?
Was denn die Hoffnung nun ihm könnte geben,
Einst Englands alten Ruhm noch zu erheben?
Da zuckten seine Lippen und er sprach:
»Das ist's! Verdammt bin ich für diesen Tag!«
Dann trieb er seinen Herrn in düsterm Schweigen,
In jenen kleinen Kahn hinabzusteigen;
Dies kurze Wort der finstern Abschiedsstunde
Wie klang es inhaltsschwer aus solchem Munde!

 

IX.

Die Sonne hob sich strahlend aus den Wellen,
Bald schwand der Wind, bald schien er anzuschwellen
Und leise murmelnd drüber hinzugleiten,
Als strich er durch der Aeolsharfe Saiten;
Langsam durchmaß der nun verlaßne Kahn
Nach einem Felsen hin die traur'ge Bahn,
Der fern am Horizont dem Meer entsteigt
Und als ein Wölkchen sich dem Auge zeigt –
Das Schiff wird nun auf andern Wegen gehn
Und nimmer soll dies Boot es wiedersehn!

Doch ich will alle Leiden nicht erzählen,
Die stets erneuert die Verstoßnen quälen,
Der Tage Noth, die Schrecken mancher Nacht,
Den Muth, wenn auch ihm keine Hoffnung lacht;
Wie sie durch langes Darben und Entbehren
Zu lebenden Skeletten sich verzehren,
Wie noch zum Theil verdarb der Proviant,
Bis vor Erschöpfung selbst der Hunger schwand;
Ich will nicht reden von der Meeresflut,
Die bald sie fast verschlingt, bald träge ruht,
Vor deren Widerstand die stärkste Kraft –
Und ihre ist gebrochen – bald erschlafft,
Nicht von des Durstes trockner Fieberhitze,
Der selbst willkommen sind der Wolken Blitze,
Und die bei Nacht und Sturm dem kalten Regen
Die dürren Hände freudig treibt entgegen,
Damit sie Tropfen aus dem Segel drücken,
Um die verbrannten Lippen zu erquicken;
Von ihrem Kampf mit Wilden will ich schweigen,
Die wen'ger Mitleid als die Wellen zeigen,
Bis endlich sie die späte Rettung finden
Und Geistern gleich die traur'ge Mär verkünden,
So reich an Thränen und an Todesqualen
Wie wen'ge in des Oceans Annalen!

 

X.

Genug davon! Der Schuldigen Verbrechen
Wird später die Gerechtigkeit noch rächen;
Beleidigt ist die strenge Manneszucht,
Die des Gesetzes Bruch zu strafen sucht!
Begleiten wir des Schiffes neuen Herrn;
Er fürchtet nichts – noch ist die Rache fern –
Voll Hoffnung eilt er nun mit leichtem Sinn
Nach jener heißersehnten Insel hin.
Der dem Gesetz Verfallne sucht das Land,
Wo kein Gesetz den freien Willen band;
Dort ist er frei, dem Manne winkt zum Lohne
Die Frau, der freien Schöpfung schönste Krone;
Der Boden ist ein unbestrittner Raum,
Es reicht das Brod den Hungernden ein Baum,
Frei ist der Wald, der Fluß sowie das Feld,
Und noch nicht herrscht das Gold in jener Welt;
Bis einst Europa dieses Volk belehrt
Und es zu seinen Satzungen bekehrt.
Erretten will's die Heiden vom Verderben,
Die doch nur seine Laster von ihm erben!
Jetzt noch ist der Natur ihr Recht geblieben,
Den guten, so wie den verirrten Trieben.
»Hurrah nach Otahiti!« schreit darum
Die Mannschaft laut und dreht das Fahrzeug um;
Das kurz zuvor erschlaffte Segel bläht
Vom Winde sich, der kräftiger nun weht
Und immer höher kräuseln sich die Wogen,
Vom scharfen Buge schneller stets durchzogen.
So suchten einst das Vließ die Argonauten,
Die freilich oft zurück nach Hellas schauten –
Doch diese trennen sich von England, froh
Wie jener Rabe, der der Arch' entfloh;
Und dennoch woll'n sie noch an Liebe glauben
Und suchen sich ihr Nest wie sanfte Tauben!

2. Gesang.

 

I.

Die Sonne sinkt in die Korallenbai
Und lieblich tönt Gesang auf Tubonai;
Die Mädchen rufen: »Kommt, uns winkt der Wald,
Wo lustig jetzt der Vögel Lied erschallt,
Die Tauben girr'n im dichten Busch dazu
Den Götterstimmen gleich auf Bolotu,
Und Blumen pflücken wir vom Kriegergrab,
Die dort ja stets am schönsten blühen, ab;
Wir sehn des holden Mondes Dämmerlicht,
Das silbern durch die Tuabäume bricht,
Und ihres dichten Laubes leisem Rauschen
Woll'n wir, im frischen Grase liegend, lauschen;
Zum Felsen klimmen wir, wo wilderregt
Die Brandung donnernd an die Klippen schlägt,
Vergebens kämpfend weicht sie stets zurück;
Wie herrlich ist's! Wie fühlt man dann das Glück,
Aus sichrer Stelle nach des Lebens Stürmen
Zu schaun, wie sich die Wogen brausend thürmen!
Ja, selbst der Ocean schläft friedlich ein
In der Lagune bei des Mondes Schein.

 

II.

Ja, von den Gräbern laßt uns Blumen pflücken
Und dann soll festlich uns das Mahl erquicken!
Wir tauchen spielend in die Brandung nieder
Und strecken dann in's weiche Gras die Glieder
Und triefend von des Bades wilder Lust
Bestreichen wir mit duft'gem Oel die Brust!
Die Blüthen, die aus unsern Helden sprießen,
Laßt uns zu Kränzen aneinanderschließen,
Um so geschmückt den Kriegern uns zu zeigen
Und uns zu stürzen in der Tänzer Reigen.
Denn horcht, sie rufen uns, der Fackeltanz
Beginnt, den Wald erfüllt sein heller Glanz.
Wir eilen hin und feiern dort das Fest,
Das uns der schönen Zeit gedenken läßt,
Wo noch kein Fidschi nahte diesem Strande
Und Krieg noch unbekannt war unserm Lande.
Der Jugend Blüthe hat er hingestreckt,
Mit wüstem Unkraut unser Feld bedeckt,
Verschwunden ist die Zeit, wo wir allein
An Liebe dachten in des Mondes Schein;
Mag's denn so sein! Der Feind gab uns die Lehre,
Zu kämpfen mit der Keul' und mit dem Speere –
O mög' er bald den Lohn dafür erhalten!
Heut aber soll die Freude hier noch walten –
Auf, tanzt und füllt zum Rand die Cavaschale
Und leert sie dann – vielleicht zum letzten Male!
Ja, festlich wollen wir uns heute schmücken
Und in das Haar die frischen Kränze drücken,
Die blendend weißen Tappablumen führen
Wir um den braunen Hals in langen Schnüren,
Sie glänzen heller auf dem dunkeln Grunde
Der Brust, die froh sich hebt in dieser Stunde!«

 

III.

Beendigt ist der Tanz. – »Doch jetzt verweilt
Ihr, die mit uns die Freude habt getheilt!
Ja morgen stürzen wir uns in die Schlacht,
Doch noch gehört der Liebe diese Nacht.
Noch einmal windet um uns eure Kränze
Und tanzet, uns bezaubernd, eure Tänze!
Wie seid ihr schön! Wie gibt sich jeder Sinn
Gefesselt euren Reizen willig hin!
Ihr gleicht den Blumen, die am Felsen blühn
Und deren Düfte weit das Meer durchziehn,
O tanzet heute, schenkt uns diese Nacht,
Denn morgen gehn wir in die heiße Schlacht!«

 

IV.

So tönte jener Wilden Festgesang,
Eh noch dahin ein Schiff Europa's drang.
Wohl hatten Fehler sie – doch solche nur,
Die stets erzeugt im Menschen die Natur;
Doch unsre Bildung fügt zu diesen Schwächen
Der Wilden noch die heimlichen Verbrechen.
Zeigt nicht die Heuchelei uns im Verein
Den frommen Abel und den Mörder Kain?
Wer dieses in der alten sieht, der hält
Für schlechter sie, wie jene neue Welt.
Doch was ist jetzt die neue Welt? Das Land,
Wo kühn die Freiheit wieder auferstand,
Wo riesengroß der Chimborasso thront
Und rings um ihn ein Volk in Freiheit wohnt.

 

V.

In solchen Liedern lebten alle Helden,
Von denen uns die Sagen etwas melden
Und deren Ruhm als göttlicher Gesang
In ewig schönen Tönen zu uns drang,
Vor denen der Verstand sich stumm verneigt
Und wo die kindliche Geschichte schweigt.
So klang die Leier in Achillens Hand,
Der bald den Ruhm des Lehrers überwand.
Ein einz'ges langgeliebtes altes Lied,
Das traulich durch der Heimat Berge zieht,
Das an des Bächleins klarer Flut erschallt
Und aus den Felsen lieblich wiederhallt,
Ergreift ein treues Herz mit größrer Kraft
Als jeder stolz erhobne Säulenschaft;
Rührt noch, wenn in Aegyptens Hieroglyphen
Gelehrte Forscher sinnend sich vertiefen;
Weckt die Gefühle wieder und erquickt
Den Geist, den der Geschichte Last erdrückt.
So sangen der Normannen wilde Krieger,
Des Meeres Herrscher und der Erde Sieger,
So singt ein jedes Land, das nie zerstört
Von einem Feinde ward und nie bekehrt;
Und kann die Dichtkunst Höheres erringen,
Als in der Hörer Herzen einzudringen?

 

VI.

Und lieblich hört man diese Melodien
Jetzt durch die stillen lauen Lüfte ziehn,
Als endlich nach der trop'schen Mittagsschwüle
Gekommen ist des Abends milde Kühle;
Die schlanke Palme wiegt sich in der Luft
Und reicher strömt hervor der Blumen Duft,
Der leise Seewind kräuselt leicht die Wellen,
Die plätschernd bis zum Fuß der Grotte schwellen.
Dort liegt ein Mädchen an des Fremdlings Brust
Und lernt von ihm der Liebe Leid und Lust;
In solchen Herzen herrscht sie ja zumeist,
Die noch nicht lernten, was Verlieren heißt,
Die sterbend in der Glut vor Lust vergehn,
Wie Märtyrer, die ihren Gott schon sehn,
Die zu so heißer Andacht sich erheben,
Daß seliger der Tod wird, als das Leben.
Und bietet etwas Andres denn die Erde,
Das diesem Seelenrausch verglichen werde?
Ist nicht der Traum von künft'ger Seligkeit
Nur einer ew'gen Liebesglut geweiht?

 

VII.

Da saß dies Kind der Wildniß und sie war
Ein Weib an Wuchs, ein Kind an Jahren zwar,
Wie wir in unsrer kalten Heimat sprechen,
Wo nur geschwind heranwächst das Verbrechen;
Ein Kind, wie's jene junge Schöpfung schafft,
Warm, lieblich und in üpp'ger Jugendkraft.
An Farbe glich sie der gestirnten Nacht,
Der dunkeln Grotte von krystallner Pracht –
Denn zaubrisch war des glüh'nden Blicks Gewalt –
Sie glich der Aphrodite an Gestalt,
Wie sie dem Meer entsteigt im Muschelkahn;
Wollüstig wie des ersten Schlummers Nahn,
War sie voll Leben; denn die Wange blühte,
Wenn heiß das Blut in ihren Adern glühte;
Roth war der braune Nacken übergossen,
Von einem Schimmer warmen Lichts durchflossen,
Wie wenn Korallen glänzend an dem dunkeln
Seegrunde, lockend für den Taucher, funkeln.
So war der Südsee Tochter, auferzogen
Vom Meere, leicht erregbar wie die Wogen,
Bereit, das Glücksschiff Anderer zu heben
Und glücklich nur in ihrem Glück zu leben.
Ihr warmes, aber treues Herz empfand
Nur Freude im Erfreuen; unbekannt
War ihr noch der Erfahrung kaltes Recht,
Das stets die Farbe der Empfindung schwächt;
Sie schützte vor der Furcht Unwissenheit
Und sorgte sie, so war's für kurze Zeit,
Denn es verschwanden ihre Thränen schnell,
Wie der vom Winde leicht getrübte Quell
Gleich wieder glatt den klaren Spiegel zeigt,
Sobald der Wirbel in den Lüften schweigt;
Bis einst der Boden unter ihm erbebt
Und unter Trümmern seine Fluth begräbt,
Den Quell umwandelnd unter ihrer Last
In einen wüsten faulenden Morast.
Wird dies auch ihr Loos sein? In schnellrer Weise
Durchläuft die Menschheit wohl des Schicksals Kreise;
Doch Menschen müssen auch wie Welten fallen,
Als Geist vielleicht zu thronen über allen.

 

VIII.

Doch wer ist er, des Nordens blondes Kind?
Von fernen Inseln, die so wild fast sind
Wie diese, den Hebriden, stammt er her,
Wo durch des Pentlands Enge schäumt das Meer.
Von Stürmen in der Wiege schon umtönt,
War an ihr Toben sein Gemüth gewöhnt;
Sein erster Blick fiel auf den Ocean,
Ihn sah er bald als seine Heimat an,
Er war's, dem seine Sorgen er vertraute,
Wenn einsam von dem Fels er auf ihn schaute,
Der seine frühe Jugend sollte lehren,
Mit Wind und Wellen spielend zu verkehren.
Sorglos vertrauend auf des Zufalls Glück,
Dacht' oft an alte Sagen er zurück,
Voll Hoffnung stets und kräftig im Ertragen
War er bereit, das Aeußerste zu wagen.
Ja, wär' Arabien sein Vaterland,
So zög' er kühn, wie einer, durch den Sand,
Dem Durste trotzend hoch auf dem Kamele,
Wie Ismael mit unverzagter Seele;
In Chili's Wäldern wär' er ein Caziche,
In Hellas' Bergen ein empörter Grieche,
In Asiens Steppen wohl ein Tamerlan,
Vielleicht auf einem Throne ein Tyrann.
Denn wer zur Herrschaft schon sich konnt' erheben,
Kann keine höhren Ziele mehr sich geben,
So daß er wieder rückwärts schreiten muß
Und bittre Schmerzen findet statt Genuß.
Die Seele Nero's, jetzt der Menschheit Schande,
Konnt' auch vielleicht in einem niedern Stande
Der Tugend Schmuck durch strenge Zucht erreichen
Und selbst an Ruhm dem Namensvetter gleichen;
Doch wären seine Laster selbst ihm eigen,
Wo konnt' er so, wie auf dem Thron, sie zeigen?

 

IX.

Du lächelst und geblendet von dem Scheine
Hältst du vielleicht für überschwenglich meine
Vergleichungen; in welcher Weise stand
Denn in Verbindung wohl mit Griechenland,
Mit Rom, Arabien, Chili unser Held?
Nun lächle nur, so lang es dir gefällt,
Ich hab' doch Recht; er war ein ganzer Mann
Und immer schritt er voll von Muth voran,
Geworden wär' er, anders in der Welt
Als er vor unsern Augen steht, gestellt,
Vielleicht ein hochgepries'ner Patriot,
Sonst wohl, der Fluch des Landes, ein Despot;
Doch diese Träume gehen uns nichts an –
Ein kecker Bursche, der dem Herrn entrann,
Der blonde Torquil ist er, frank und frei,
Der Schatz der schönsten Dirn' auf Tubonai!

 

X.

Bei Neuha sitzend, schaut' er vor sich hin –
Neuha, der Inseltöchter Königin,
War vornehm von Geburt (doch zeigte hier
Kein langer Stammbaum ihres Wappens Zier)
Und stammt' aus einer Reihe nackter Helden,
Von deren Dasein nur die Gräber melden,
Die längs des Strandes nur der Rasen schmückt –
Wie jener, der den Staub Achillens drückt.
Sie sah durch's Meer die Donnergötter ziehn
In riesigen Canoes, die Flammen spien,
Mit Bäumen, höher als der Palmen Spitze,
Als ob die Wurzel in dem Meere sitze,
Die, wenn die Winde wehten, Flügel hatten
So breit, wie ferner Wolken düstre Schatten,
Die sicher durch das Meer zu schreiten schienen,
Als müßten selbst die Wogen ihnen dienen.
Und munter rudernd in dem leichten Kahn
Fuhr durch die Brandung sie zum Schiff heran,
Dem schnellen Rennthier gleich im hohen Schnee
So glitt sie durch den weißen Schaum der See
Und staunend sah sie die gewaltigen Seiten
Des Schiffes stampfend durch die Wogen schreiten;
Der Anker sank, es lag jetzt auf der Flut
Dem Löwen gleich, der in der Sonne ruht,
Und ringsum schaukelten die kleinen Kähne
Wie Schmetterlinge um des Löwen Mähne.

 

XI.

Und bald kam auch der weiße Mann an's Land;
Die neue Welt reicht' ihm die braune Hand
Und ihre Freundschaft wurde bald vertraut,
Nachdem sie staunend erst sich angeschaut.
Denn freundlich war der Gruß der dunkeln Herrn,
Doch auch die Frauen sahn die Fremden gern.
Man ward bekannt; des Meeres wilden Söhnen
Gefiel der Liebreiz mancher braunen Schönen,
Und diese, die noch keinen Schnee erblickt,
Sie schienen von der weißen Farb' entzückt.
Die Jagd, des Wanderns Ungebundenheit,
Der kleinen Hütten freie Gastlichkeit,
Der Fischfang auf dem Meere, das Canoe,
Das wie ein Vogel vor dem Winde floh,
Und der gesunde Schlaf nach solchen Mühn,
Das sind die Freuden, die den Fremden blühn.
Der Palme schlank erhabene Gestalt,
In deren Herzen Bacchus gährend wallt,
Dieweil ihr Haupt, hoch wie des Adlers Nest,
Die Frucht in seinem Schatten reifen läßt,
Das Wurzelmehl der Yams, die Kokosnuß,
Die Früchte, Milch und Schale geben muß,
Der Brodbaum, welcher immer Mehl genug
Darbietend ohne Sichel, ohne Pflug,
Es ohne Oefen in dem freien Wald
Zu unverfälschtem Brod zusammenballt,
Der segenspendend fern den Hunger hält
Von seinem offnen Markte ohne Geld –
Dies, und die trauliche Verborgenheit,
Des Meeres und des Waldes Einsamkeit
Besänftigten den rohen Geist inmitten
Von glücklichern, wenn auch einfachern Sitten,
Und kultivirten ohne Zwang den Sohn
Der europä'schen Civilisation.

 

XII.

Neuha und unser Torquil aber waren
Die schlecht'sten nicht von vielen Liebespaaren.
Auf Inseln waren beide groß geworden,
Sie zwar im Süden, er im hohen Norden,
Doch beid' im freien Reiche der Natur;
Und beide liebten tief im Herzen nur
Was ihrer Kindheit Tage hatt' umgeben
Und was uns treu bleibt durch das ganze Leben.
Wer nur das blaue Hochland sah als Kind,
Liebt alle Berge, die ihm ähnlich sind,
So daß er jeden Fels als Freund begrüßt
Und ihn mit seinem geist'gen Arm umschließt.
Ich mußte lange durch die Fremde ziehn,
Die Alpen staunt' ich an, den Apennin,
Sah den Parnaß voll Ehrfurcht und die Sitze
Der Götter, den Olymp und Ida's Spitze;
Doch ihre Sagen wirkten nicht allein
Noch ihre Schönheit zaubrisch auf mich ein,
Ich träumte von der Kinderzeit, mir war
Der Ida Troja's nur der Lochnagar,
An Schottlands Lieder mahnte jene Stelle,
An seine Seen mich die Kastal'sche Quelle.
Verzeihe mir, Homer, was ich gesprochen
Und du, Apoll, was ich an dir verbrochen;
Doch das, was aus der Heimat mir geblieben,
Ließ mich erst eure heiligen Stätten lieben.

 

XIII.

Die Liebe, welcher Alles schöner glänzt,
Die Jugend, die mit Rosen Alles kränzt,
Das ruhige Gefühl der Sicherheit
Nach den Gefahren jüngstvergangner Zeit,
Die Schönheit, die das härteste Gemüth,
Sowie der Blitz den kalten Stahl, durchglüht,
Verschmolzen den Halbwilden und die Wilde
Zu einem liebetrunknen Menschenbilde.
Erinnrung an des Kampfes wilde Lust
Erfüllte nicht wie sonst mehr seine Brust,
Nicht mehr verzehrte seinen Geist die Qual
Unruh'ger Ruhe, die hinab in's Thal
Des Adlers Aug' aus hohem Felsennest
Nach einem Opfer gierig spüren läßt.
Denn seine Stimmung war so zärtlich weich
Von Lust beseligt und erschlafft zugleich,
Daß er für keinen Lorbeer mehr erglühte,
Der stets auf blutgetränkten Feldern blühte;
Doch ruhn die Helden, wenn wir sie bestatten,
Nicht sanft auch in der Myrthe mildem Schatten?
Hätt' einst Cleopatra Cäsarn genügt,
So hätt' er nicht die Welt und Rom besiegt;
Doch jenes Cäsars Thaten und sein Ruhm
Was brachten sie der Welt? Ein Kaiserthum
Als Weihe jener blutbefleckten Ketten,
Die die Tyrannen gern verewigt hätten!
Millionen treibt Vernunft und Freiheit an
Zu dem, was Brutus ganz allein gethan –
Von jenen Höhn, auf denen stolz sie ragen,
Die falschen Ruhmpropheten zu verjagen;
Und dennoch halten wir für Adler Eulen
Und kriechen scheu zurück vor ihrem Heulen –
Sie brächt' ein einz'ges freies Wort zum Weichen,
Das zeigt der Schrecken dieser Vogelscheuchen.

 

XIV.

In süße Selbstvergessenheit versunken
War Neuha jetzt, von ihrer Liebe trunken,
Die kein Geräusch der eiteln Welt zerstreute,
Kein spött'sches Lächeln schon im Keim entweihte.
Kein Kreis von hohlen Schwätzern stand bereit,
Sie zu bewundern, ihre Eitelkeit
Mit lüsternem Geflüster zu erwecken
Und ihre Pflicht und Freuden zu beflecken;
Sie zeigte das, was sie empfand, so klar
Und unverhüllt, wie auch ihr Körper war,
Dem Regenbogen im Gewitter gleich,
Der immer wechselnd, immer farbenreich,
Als Liebesbote durch den Himmel zieht,
Vor dem der Wolken düstre Schar entflieht.

 

XV.

In jener Grotte bei des Meeres Kühle
Verträumten sie die trop'sche Mittagsschwüle;
Nie fühlten sie die Zeit und ihre Länge,
Sie störten nicht der Glocken Grabgesänge,
Die uns hohnlachend mit metallnen Munden
Zumessen unsres Lebens kurze Stunden;
Durch nichts Zukünft'ges, nichts Vergangnes ward
Getrübt für sie die holde Gegenwart,
Der Seestrand war ihr Stundenglas, es flogen
Die Augenblicke, wie die Wellen zogen,
Die Sonne war der Zeiger ihrer Uhr,
Für sie der Tag doch eine Stunde nur
Und statt der Abendglocke Ton erklang
Der Nachtigallen zärtlicher Gesang;
Die Sonne sank, doch zögernd nicht und schräge,
Wie sie im Norden wandelt ihre Wege,
Nein, feurig, groß und rasch, gleichsam für immer
Der Welt entziehend ihren Strahlenschimmer,
Begrub die glüh'nde Stirn sie in dem Meer,
Als stürz' ein Held sich in der Feinde Heer.
Sie standen auf, sie sahn die Sonne nicht
Und suchten in des Andern Auge Licht,
Sich fragend, ob der Tag denn schon vorbei
Und sich verwundernd, daß so kurz er sei.

 

XVI.

Und wird der fromme Schwärmer, der verzückt
In Träumen lebt, nicht auch der Erd' entrückt?
Rauscht nicht um ihn herum der Welt Getümmel
Und lebt nicht seine Seele schon im Himmel?
Und ist die Liebe wen'ger mächtig? Nein,
Ihr Thron muß auch in Gottes Nähe sein,
Mit Allem, was uns Himmel heißt, verband
Sie immer den geliebten Gegenstand
Und allverzehrend lodert ihre Flamme,
Ob auch aus fremden Gluten sie entstamme,
In einem Brand, in dem die Herzen glühn
Und lächeln, wie der sterbende Bramin.
Wie oft vergessen in der Einsamkeit
Beim Anschaun der Natur wir jede Zeit,
Wenn Antwort uns auf unsres Geistes Fragen
Der Wald, die Wildniß, die Gewässer sagen.
Sind Stern' und Berge leblos? Ist die Quelle
Ohn' einen Geist? Und sind die Tropfenfälle
Der stillen Grotten unempfundne Thränen?
Nein, nein – wir fühlen ein geheimes Sehnen,
Der Geist, wie von des Staubes Last befreit,
Taucht unter in dem Meer der Ewigkeit.
Fort mit dem theuern, lügnerischen Ich!
Wer, der den Himmel anschaut, denkt an sich?
Und wer, so lang er jung war, überdachte
Eh noch die Zeit ihm bittre Lehren brachte,
Der Menschen und die eignen schlechten Triebe?
Sein Reich ist die Natur noch und die Liebe.

 

XVII.

Und in die Felsengrotte drang der Schein
Der Abenddämmrung traulich jetzt herein
Und die Krystalle leuchteten hervor
Wie hoch am Himmel der Gestirne Chor.
Dann endlich lenkte nach der Palmenhütte
Stillschweigend unser Liebespaar die Schritte.
Und lieblich wie der Sommerabend schien
Ein Lächeln sanft um ihren Mund zu ziehn;
Die Meereswogen murmelten so leise,
Wie wohl dem Ohre Muscheln ihre Weise
Vorsingen, die, getrennt von ihren Tiefen,
In denen ruhig sie wie Kinder schliefen,
Vergebens klagen und mit leisem Weinen
Des Meeres Mutterbrust zu suchen scheinen;
Einschlummernd neigten sich des Waldes Aeste,
Die Möven zogen nach dem Felsenneste
Und wie ein stiller See lag ausgespannt
Der blaue Himmel über Meer und Land.

 

XVIII.

Da plötzlich ward ein geller Ton gehört,
Der unwillkommen diese Ruhe stört;
Kein Nachtwind, der durch Wald und Felsen dringt
Und säuselnd durch der Lüfte Saiten klingt,
Wenn der Natur harmon'sche Melodien
Vom Echo noch begleitet aufwärtsziehn,
Kein lauter Kriegsruf war es, sie zu schrecken
Und aus dem süßen Liebestraum zu wecken;
Auch klang es nicht, wie wenn wehklagend Eulen
Einsam in ihrem Felsenwinkel heulen,
Die blöden Klosterbrüder vom Gefieder,
Die nächtlich singen ihre Trauerlieder, –
Nein, eines Seemanns Pfiff war's, scharf und lang
Wie je der Möve gelles Schreien klang;
Dann ward es still, doch bald erscholl's »Hollah!
Torquil, mein alter Junge, bist du da?«
»Wer ruft?« rief Torquil nun zurück und kehrte
Sich um. »Ich bin's!« war Alles, was er hörte.

 

XIX.

Zugleich zog auch ein sonderbarer Duft
Schon durch des Südens aromat'sche Luft;
Denn plötzlich roch es nicht wie Veilchen hier,
Nein, wie die Wolken über Grog und Bier
Aus einer kurzen Pfeife; jeder Zone
War der Geruch bekannt aus diesem Thone,
So weit die Winde herrschen und die Wogen,
Von Portsmouth bis zum Pol war er gezogen,
Es trotzte diese Pfeife selbst den Blitzen
Und zwischen bergeshohen Wellenspitzen,
In jedem Himmelsstrich unwandelbar,
Bot sie dem Aeolus ein Opfer dar.
Doch wer war ihr Besitzer? Nun, ich mein',
Ein Seemann könnt's, ein Philosoph auch sein.
Du göttlicher Tabak! in West und Ost
Bist du des Christen und des Türken Trost,
Du wiegst den stolzen Moslem in Genüssen
Trotz Opium und Odaliskenküssen;
Prunkend in Stambul, bist du wen'ger groß,
Doch ebenso verehrt in Wappings Schooß;
Ja himmlisch strömt aus Hukah's, lieblich auch
Aus goldnem Bernstein uns dein milder Rauch;
Du magst gleich andern Schönen, die uns rühren,
Im vollen Putz am liebsten uns verführen,
Doch deine wahren Freunde lieben mehr
Den nackten Reiz – gebt mir Cigarren her!

 

XX.

Und endlich nahte durch den stillen Wald
Im Dunkel eine menschliche Gestalt;
Ein Seemann war's, als Wilder ausstaffirt
Und sehr phantastisch, wie es schien, maskirt.
Er war beinahe wie Neptun gekleidet
Auf einem Schiffe, das den Gleicher schneidet,
Wenn die Matrosen auf dem Decke stehn
Und ihre Saturnalien begehn –
Der alte Meergott hört mit Wohlgefallen
Noch einmal seinen Namen dann erschallen
Von solchen, die, wenn auch ein Spiel sie treiben,
Doch immer seine wahren Söhne bleiben,
Und denkt vergnügt dann in der neuen Zeit
Des Glanzes seiner frühern Herrlichkeit.
Nun, unsres Burschen halbzerrissne Jacke,
Die Pfeife mit stets glühendem Tabake,
Der freie Blick, das etwas schräge Gehn,
Sie ließen seine Herkunft deutlich sehn.
Um seinen Kopf hatt' er ein Tuch gewunden –
'S war nicht im schönsten Faltenwurf gebunden –
Und statt der Hosen (wollt den Grund ihr wissen?
Sie waren von den Dornen längst zerrissen)
Genügte ihm ein Stück von einer Matte,
Die nebenbei den Hut zu liefern hatte;
Die bloßen Füße, der gebräunte Hals
Entsprachen beiden Welten jedenfalls,
Der Arm jedoch bewies Europa's Kraft,
Die andern Welten so viel Segen schafft;
Die breiten Schultern waren leicht gebeugt,
Wie's häufig bei dem Sohn des Meers sich zeigt,
Darüber hing die Flinte, auf dem Kleide
Von Matten noch ein Säbel ohne Scheide;
In seinem Gürtel staken noch ein Paar
Pistolen und ein Bajonett, es war
Jedoch der Stahl nicht mehr so rein und blank,
Als er hervorkam aus dem Waffenschrank.
In dieser wunderbar gemischten Tracht
Schritt unser Freund nun durch die stille Nacht.
»Ben Bunting!« rief Torquil, als er ihn sah,
»Was gibt es denn? Ist etwas Neues da?«
»Ja, ja, was Neues bring' ich«, sagte Ben,
»Ein fremdes Schiff ist da.« »Ein Schiff? Wo denn?
Unmöglich! hast du schon die Flagg' erkannt,
Ich habe nichts davon gesehn am Strand.«
»Dort«, sagte Ben, »war auch wohl nichts zu sehn,
Doch auf der Klippe mußt' ich Wache stehn
Und sah von da den Mast am Horizonte,
Der Wind war flau.« »Lag's denn vor Anker? Konnte
Man sonst nichts sehn?« »Nein, aber es bewegte
Sich immer näher, bis der Wind sich legte.«
»Was war die Flagge?« »Ich war ohne Glas,
Doch sah's so aus, als käm' es nicht zum Spaß.«
»Ein Kriegsschiff?« »Ja, so scheint's – zum Spioniren –
Vielleicht ist's Zeit, daß wir uns auch jetzt rühren.«
»Uns rühren? Nun, was auch heran mag ziehn,
Wir wollen doch darum nicht schimpflich fliehn,
Wir wehren uns bis auf den letzten Mann.«
»Ja, ja, Ben Bunting auch, so lang er kann.«
»Weiß Christian es?« »Ja, und versammelt sind
Die Leute schon, sie putzen jetzt geschwind
Die Flinten, auch ein Paar Kanonen stehn
Bereit, du fehlst uns noch.« »Ihr werdet sehn,
Daß noch der Muth nicht starb in meiner Seele
Und ich den Freunden in der Noth nicht fehle.
O Neuha! warum leid' ich nicht allein?
Soll dies der Lohn für deine Treue sein?
Doch weine nicht, die kurze Zeit erlaubt
Nicht, daß dein Schmerz mir meine Mannheit raubt;
Was auch mein Loos wird, ich gehöre dir!«
»Gut«, sprach Ben Bunting, »so gefällst du mir.«

3. Gesang.

 

I.

Beendet war der Kampf und keine Blitze
Durchzuckten mehr die Wolken der Geschütze;
Der Schwefelqualm erhob sich von der Erde,
Daß auch der Himmel noch verpestet werde
Und auf dem Meere herrschte tiefe Stille
Nach der Kanonen donnerndem Gebrülle,
Es schwieg des Echo's melanchol'scher Ton.
Dem Aufruhr wurde der gerechte Lohn,
Und wer gefallen war, ward schon beneidet
Von dem, der des Gefangnen Qualen leidet.
Nur wen'ge konnten fliehn und wurden jetzt,
Dem Wilde gleich, durch Berg und Thal gehetzt;
Aus ihrer Heimat waren sie verbannt,
Die Insel war ihr einz'ges Vaterland
Und in die Wildniß flohn sie, wie erschreckt
Ein Kind sich an der Mutter Brust versteckt;
Doch wenn sich Löwen kaum der Jagd entziehn;
Wie sollen Menschen vor den Menschen fliehn?

 

II.

Ein Felsen ragte weit in's Meer hinein,
Die Wogen stürmten donnernd auf ihn ein
Und stürzten dann abprallend sich voll Wuth
Hinunter in die schaumbedeckte Flut,
Die, von des Windes Banner angeführt,
Den wilden Angriff stets von Neuem schürt.
Am Fuß des Felsens stand die kleine Schaar,
Die matt und schwach von Durst und Wunden war,
Doch gaben sie die Waffen noch nicht hin
Und zeigten noch den ungebeugten Sinn
Von muth'gen Leuten, welche deutlich wissen,
Wie schwer sie mit dem Schicksal kämpfen müssen;
Was jetzt geschah, war längst vorherzusehn,
Und trotzig sahen deshalb sie's geschehn.
Nie hatten Gnade sie gehofft, indessen
Sie glaubten oft, man könnte sie vergessen,
Und daß vielleicht im ungeheuren Meere
Ein sicherer Versteck das Eiland wäre,
Und hatten immer seltner dann gedacht
An des beleidigten Gesetzes Macht.
Als ihr durch Schuld erkauftes Paradies
Sie nun in dieser Noth im Stiche ließ,
Da nahten jene langverhängten Strafen,
Bis sie die schuldbewußten Sünder trafen;
Vergebens lag die Welt vor ihnen offen,
Denn keinen Ausweg konnten hier sie hoffen.
Schon hatten ihre braunen Kampfgenossen
An ihrer Seite Blut für sie vergossen.
Doch wie kann selbst ein Herkules mit Speeren
Und Keule jenes Zaubers sich erwehren,
Der donnernd, eh den starken Arm er reckt,
Ihn tückisch aus der Ferne niederstreckt,
Der mit den Tapfern auch die Tapferkeit
Gleich einer Pest begräbt für alle Zeit.
Doch fochten diese Wen'gen ihre Schlacht
So gut sie konnten gegen Uebermacht;
Tod oder Freiheit hieß es zwar von je,
Doch Hellas hat nur ein Thermopylä
Bis heute, wo das Haupt es muthig hebt
Und wieder mit dem Schwerte stirbt und lebt!

 

III.

Wie mattgejagte Hirsche wollten nun
Am Felsen diese letzten Kämpfer ruhn;
In ihren Augen war des Fiebers Glut,
Auf ihren Waffen der Verfolger Blut.
Ein kühles Bächlein strömte klar und munter
Hier aus der Höhe nach dem Meer herunter
Und plätschernd sprang des Strahles frische Welle
Von Fels zu Fels in ungetrübter Helle;
Rein wie die Unschuld, doch voll Zuversicht,
Sah schimmernd dieser Silberfaden, dicht
Am Abgrund, in sein ungeheures Grab
Wie scheue Gemsen von der Alp hinab,
Und in der Tiefe schwoll und sank das Meer
Im ew'gen Wechsel rastlos hin und her.
Nach dieser Quelle stürzten sie, denn hier
Schwieg Alles vor des Durstes wilder Gier,
Daß selbst die Waffen ihrer Hand entsanken
Und sie, als wär's zum letzten Male, tranken.
Dann wuschen sie die Wunden, um als Binden
Dafür vielleicht einst Ketten nur zu finden,
Und traurig sahen sie einander an
Und staunten gar, daß noch so mancher Mann
Dem Tod entronnen wäre wie der Kette,
Doch jeder schwieg erwartungsvoll, als hätte
Er gern gehört, daß jetzt ein Andrer sagte
Was selbst er noch nicht auszusprechen wagte.

 

IV.

Auf seiner Brust die Arme kreuzend, stand
Christian allein, von Allen abgewandt,
Bleifarbig fahl und eingefallen war
Sein sonst so kräftig braunes Wangenpaar,
Die braunen Locken, sonst anmuthig weich,
Umstarren jetzt die Stirne Schlangen gleich,
Und seine Lippen schließen sich so fest,
Als ob kein Athemzug die Brust verläßt.
So steht er nah am Felsen, drohend, stumm,
Und höb' er nicht den Fuß zuweilen, um
Ihn tief zu bohren in den feuchten Sand,
So wär' er leblos wie die Felsenwand.
Etwas entfernt von ihm am Ufer streckt
Torquil sich hin, verwundet, blutbefleckt –
Doch schlimmer blutet noch das Herz ihm wohl –
Die Stirn ist bleich, die blauen Augen hohl,
So liegt er still am Boden, matt und schwach,
Wenn auch sein Muth noch nicht zusammenbrach.
Rauh wie ein Bär, jedoch gutmüthig, saß
Ben Bunting neben seinem Freund im Gras
Und wusch die Wunden, um sie zu verbinden
Und dann die Pfeife ruhig anzuzünden,
Die Pfeife, die, durch manche finstre Nacht
Hell leuchtend, ihm auch treu blieb in der Schlacht.
Ein vierter nah dabei ging auf und ab –
Blieb stehn und bückte sich zum Strand hinab,
Nahm einen Kiesel – warf ihn wieder nieder –
Lief eilig weiter – stand dann plötzlich wieder
Und schaute sich nach seinen Freunden um –
Pfiff etwas vor sich hin – war wieder stumm –
Und, ob aus Leichtsinn oder aus Erregung,
War immer in unruhiger Bewegung.
Auch wechselte dies wunderbare Treiben
Viel schneller, als es hier sich ließ beschreiben;
Doch werden nicht in sorgenschweren Zeiten
Aus Augenblicken häufig Ewigkeiten?

 

V.

Der gute Hans, beweglich wie Merkur,
Von flatterhafter Schmetterlingsnatur,
Und mehr bereit, sein Leben keck zu wagen
Als mit Geduld ein Mißgeschick zu tragen,
Rief endlich aus: Goddam! dies Silbenpaar,
Das stets des echten Britten Kernspruch war,
So wie der Moslem Allah! ruft und wie
Proh Jupiter! der alte Römer schrie,
Um nur sogleich in allen schlimmen Sachen
Dem vollen Herzen etwas Luft zu machen,
Für Hans war diese Noth schon groß genug,
Nichts Bess'res wissend schwor er diesen Fluch,
Und nicht vergebens, denn Ben Bunting hörte
Dies Lieblingswort, das seine Ruhe störte,
Und brummte, statt am Pfeifenrohr zu saugen,
Noch etwas in den Bart von seinen Augen,
Damit zum Anfang auch das Ende passe,
Das anzuführen ich hier unterlasse.

 

VI.

Doch schweigend, ein erloschener Vulkan,
Sah Christian trotzig jetzt das Schicksal nahn,
Auf seiner schwarzumwölkten Stirne ruhten
Der Leidenschaften unterdrückte Gluten,
Bis er den finstern Blick zur Seite wandte
Und Torquils bleiches Angesicht erkannte.
»Ist es denn wahr?« begann er, »armer Knabe,
Daß ich dein Leben auch zernichtet habe?«
Dann trat er hin zu ihm, als er entdeckte,
Daß warmes Blut noch seine Stirn befleckte,
Berührte sanft und zaudernd seine Hände,
Als ob er kaum dafür den Muth noch fände,
Und fragte, wie's ihm ging', und als er hörte,
Daß nicht so schlimm die Wunde sei, verklärte
Sein düstres Angesicht zum ersten Mal
Für einen Augenblick ein heller Strahl.
»Ja«, rief er aus, »wir sitzen in der Schlinge,
Doch auch der Preis war wahrlich nicht geringe,
Und mehr noch soll's sie kosten – untergehn
Muß ich – doch möcht' ich dich gerettet sehn.
Zu schwach, um noch zu trotzen den Gewalten,
Wär' mir's ein Trost, dein Leben zu erhalten;
Wär' ein Canoe nur da, so könnt's gelingen,
Nach einem sichern Orte dich zu bringen,
Mein Schicksal werd' erfüllt! Was auch es sei,
Ich sterbe, wie ich lebte, furchtlos frei!«

 

VII.

Und wo des Vorgebirges hoher Grat
Am weitsten in die wilde Brandung trat,
Erschien ein dunkler Flecken auf dem Meer,
Gleich eines Vogels Schatten kam er her;
Dann sahen sie, gefolgt von einem zweiten,
Ihn näher auf den Wellenbergen gleiten
Und endlich auch die dunkelen Gestalten
Von Freunden in Canoes die Ruder halten.
Die flinken Ruder spielten mit den Wogen,
Durch deren weißen Schaum sie glitzernd flogen,
Bald auf den Wellenkämmen hoch erhaben,
Bald in dem Grund der Thäler tief begraben,
Und ringsum brodelte der weiße Gischt,
Wie wenn sich Schnee mit feinem Regen mischt;
Wie Vögel beim Gewittersturme fliehn,
So schienen sie zum Ufer hinzuziehn;
Die Kunst war hier Natur, die Spielgesellen
Des Meeres scherzten nur mit seinen Wellen.

 

VIII.

Doch wer hat schon im Sprunge, schnell und leicht
Gleich einer Nymphe, dort den Strand erreicht?
Es glänzt die dunkle Haut, der Lieb' Entzücken
Malt sich in ihrer Augen feuchten Blicken –
'S ist Neuha, die der Treue Lohn genießt
Und deren Herz in Torquils überfließt.
Sie lacht und weint, umklammert seine Brust
Als fürchte sie noch immer den Verlust.
Sie sieht entsetzt sein Blut und lacht und weint
Von neuem, als die Wunde leicht ihr scheint.
Ihr Vater war ein Krieger, ohne Zagen
Vermochte drum den Anblick sie zu tragen.
Noch lebt ja Torquil und die Seligkeit
Des Wiedersehns wird nicht durch Furcht entweiht.
Vor Freude weint sie laut, vor Freude zittert
Ihr Herz, das hörbar fast die Brust erschüttert,
Und schluchzend seufzt in sel'ger Wonne nur
Dies freudetrunkne Schooßkind der Natur.

 

IX.

Es schien bei dieser holden Liebesscene
Auf manchem trotz'gen Antlitz eine Thräne,
Selbst Christians Blick fiel sanfter auf sie hin
Und eine düstre Freude war darin
Verbunden mit der Reue bittrer Plage
Und der Erinnerung an bessre Tage.
»Und das um meinetwillen!« sprach er leise,
Hinweg sich wendend, warf dann in der Weise
Des Löwen, der auf seine Brut zurück
Sieht, auf das Paar noch einen letzten Blick
Und setzte dann des Schicksals rauhen Schlägen
Von neuem seinen finstern Trotz entgegen.

 

X.

Doch die Bedenkzeit war hier kurz gemessen,
Denn fremde Ruder nahten unterdessen
Dem Vorgebirge schon. Ach ringsum schien
Tod und Verderben schnell heranzuziehn.
Doch Neuha hatte kaum das Näherkommen
Der starkbemannten Boote wahrgenommen,
Die rastlos ihre schnellen Flügel schwangen,
Die letzten der Rebellen einzufangen,
Als sie den Wilden winkte, herzueilen
Und mit den Gästen das Canoe zu theilen.
Christian, Hans und Ben Bunting stiegen ein
Und Torquil trat mit Neuha nun allein
In ihr Canoe – und nun begann die Flucht!
Sie fliegen durch die Brandung in der Bucht,
Entgegen einer wüsten Klippenkette,
Der Robben und der Möven Lagerstätte,
Durchschneiden windesschnell das blaue Meer
Und ihre Feinde jagen hinterher;
Sie nähern sich – dann bleiben sie zurück,
Und mehr als einmal wechselt so das Glück;
Jetzt trennen die Canoes sich nach zwei Seiten
Und wollen die Verfolger irre leiten –
Und neu entbrennt der Weltkampf, wild und heiß!
Die Ruder fliegen um des Lebens Preis
Und noch um mehr für Neuha, denn ihr Kahn
Trägt ihre Liebe durch den Ocean –
Nah ist der Feind und nah der sichre Port,
Noch einen Augenblick! Fort geht es, fort!

4.Gesang.

 

I.

Weiß wie die Segel, die auf düstern Wogen,
Wenn Wolken schon den Himmel halb umzogen,
Hell zwischen Licht und Finsternissen flimmern,
Ist in der Noth der Hoffnung letztes Schimmern.
Ihr Anker reißt; jedoch in dem Orkan
Zieht unser Auge noch ihr Segel an,
Trennt jede Well' auch weiter sie vom Lande,
Folgt doch das Herz ihr vom verlassnen Strande.

 

II.

Nicht weit von Tubonai ragt hoch empor
Ein schwarzer Felsen aus der Flut hervor,
Von Vögeln dicht bewohnt, von Menschen leer;
Dort steigt der plumpe Seehund aus dem Meer,
Zu tummeln sich im warmen Sonnenschein,
Und schläft darauf in kühlen Grotten ein;
Dort hört man kreischend auch den Pelikan
Nach reichem Fischfang sich dem Neste nahn,
Der, wie man sagt, aus seiner Brust das Blut
Aufopfernd hingibt für die junge Brut.
An einer Seite zeigt der gelbe Sand
Am Fuß des Felsens einen schmalen Strand.
Hier schlüpft das Schildkrötlein aus seinem Ei,
Damit im Meer es bei der Mutter sei,
Nachdem die Sonn' am Land es ausgebrütet,
Die treu das Kind des Oceans behütet.
Sonst war's der kahlste Felsen, der der Noth
Schiffbrüchiger wohl jemals Rettung bot,
So nackt, daß die Geborgnen auf dem Riffe
Den Tod vorzögen im versunknen Schiffe.
Und dorthin wollte Neuha dennoch fliehn,
Um ihren Freund den Feinden zu entziehn;
Doch ein Geheimniß war's, die Meereswelle
Verbarg noch einen Schatz an dieser Stelle.

 

III.

Noch ehe die Canoes sich trennten, sprangen
Neuha's Gefährten schnell auf ihr Verlangen
Aus ihrem Boot in Christians Kahn hinein,
Um seiner Flucht behülflich dort zu sein.
Er widersprach dem zwar, doch lächelnd wies
Nur auf den Felsen Neuha hin und ließ
Glückwünschend ihre Leute gehn, »sie wisse
Wohl selbst, wie sie für Torquil handeln müsse«.
Christians Canoe schoß jetzt nach kurzer Weile
Mit jener Hülfe fort gleich einem Pfeile
Dem Feinde weit voraus, der alsobald
Torquil verfolgt mit doppelter Gewalt.
Und Neuha's schlanker Arm zog kräftig an,
Sie kämpfte mit der See wie nur ein Mann,
So gut wie Torquil fast, und bald befand
Sich ihr Canoe dicht vor der Felsenwand,
Die drohend aus dem bodenlosen Meere
Sich hob, als ob die Landung sie verwehre.
Kaum tausend Schritte war der Feind zurück
Und keine Rettung zeigte sich dem Blick.
Fast vorwurfsvoll sah Torquil Neuha an,
Als wollt' er fragen: »Was hast du gethan?
Willst du mich retten, oder soll der Stein
Zu meinem Grabe jener Felsen sein?«

 

IV.

Doch Neuha sprang jetzt auf und ihre Hand
War nach den nahen Feinden hingewandt –
»Nur keine Furcht«, so rief sie, »komme nach!«
Und stürzte sich in's Meer, indem sie sprach.
Die Zeit war kurz, die Feinde nahten schon
Und Torquil hörte rufen sie und drohn,
Sie ruderten mit Macht, bei seinem Leben
Ihn mahnend, sich freiwillig zu ergeben.
Da sprang, den Kopf voran, er in die Flut,
Denn schon als Knabe schwamm er kühn und gut.
Jedoch wo blieb er? Zwar er tauchte nieder,
Doch seine Feinde sahen ihn nicht wieder;
Kein Ufer war zu sehn an jener Wand,
Die steil und glatt wie Eis vor ihnen stand;
Sie warteten, doch tauchte Niemand auf
Und es verrieth kein Bläschen seinen Lauf.
Sie sahn die Wogen auf und niedergehn,
Doch keine Spur der Beiden war zu sehn,
Ein kleiner Wasserwirbel zeigte kaum,
Wo sie verschwanden, seinen weißen Schaum,
Der statt des Marmors für das Liebespaar
Des Wassergrabes weiße Decke war.
Nur das Canoe noch schwankte still und leer
Als einz'ges Zeichen aus dem öden Meer,
Sonst wäre wohl der ganze Vorgang ihnen
Als ein verschwundnes Traumgesicht erschienen.
Sie suchten lang und fuhren endlich fort,
Schon aus geheimer Furcht vor diesem Ort.
Nach ein'gen sprang er nicht in's Meer hinein,
Erlosch vielmehr wie eines Irrlichts Schein,
Nach andern schien ein überird'sches Licht
Aus seinem riesengroßen Angesicht,
Und alle stimmten überein, er habe
So ausgesehn, als käm' er aus dem Grabe.
Auch suchten sie noch, als sie weiter fuhren,
In jedem Seegras nach des Flüchtlings Spuren;
Doch nicht das kleinste Zeichen ward gefunden,
Als wär', in Luft zerfließend, er verschwunden.

 

V.

Jedoch wo war der Held, der in die Tiefen
Des Meeres seiner Nymphe folgte? Schliefen
Sie schon den ew'gen Schlummer? Oder wohnten
Sie jetzt in Höhlen, wo Seegötter thronten,
Die gnädig sich erbarmten ihrer Qualen,
Und bliesen dort auf bunten Muschelschalen?
Und kämmte Neuha wohl ihr Lockenhaar
Umtanzt von einer Nereidenschaar?
Ach! oder starben sie und mußten nun
Im kühlen stillen Wassergrabe ruhn?

 

VI.

Neuha sprang, wie gesagt, zuerst in's Meer;
Es schien, als ob sie drin geboren wär',
Und sie durchschnitt ihr Element im Fluge
Mit einem prächtig kühnen glatten Zuge;
Ein Lichtstreif folgte ihren kleinen Füßen,
Die gleichsam Funken aus den Wogen stießen.
Nicht weniger geschickt, mit leichtem Muth
Nach Perlen einzutauchen in die Flut,
Verfolgte Torquil, an dem Ocean
Des Nordens großgezogen, Neuha's Bahn.
Tief, immer tiefer tauchte nun sie nieder
Und hob sich dann zur Oberfläche wieder,
Dann reckte sie die Arme weit und lachte
Sich schüttelnd, daß das Echo rings erwachte.
Es war, so schien's, ein unterird'scher Raum
Hier, ohne Himmel, ohne Feld und Baum;
Der Felsen war der weiten Höhle Dach,
Zu der der Eingang unter'm Wasser lag.
Das hohe Felsenthor war aber nur
An einem lichten Festtag der Natur,
Wenn auch die Fischlein froh zum Tanze gehn,
In der durchsichtig grünen See zu sehn.
Und Neuha warf sich nun an Torquils Brust
Und klatschte mit den Händchen noch vor Lust;
Nach einem Felsenvorsprung, einer Hütte
Vergleichbar, führte dann sie seine Schritte,
Denn finster war's, des Tages matter Schein
Stahl sich durch enge Spalten nur hinein.
Wie wohl in einer alten Kathedrale
Die Gräber sich entziehn dem Sonnenstrahle,
Also verbarg ein düstres Dämmerlicht
Den Hintergrund der Höhle dem Gesicht.

 

VII.

Hervor aus ihrem Gürtel zog sie dann
Auch einen stark mit Harz bestrichnen Span,
Zum Schutze vor dem Wasser aber hatte
Sie ihn umhüllt mit einem Palmenblatte.
So blieb er trocken; einen Feuerstein
Schloß ebenfalls derselbe Mantel ein,
So wie noch etwas trocknes Reis; es sprühten
Von Torquils Messer Funken und es glühten
Die Wände bald im Fackelschein hervor
Wie eines goth'schen Domes hoher Chor.
Von der Natur war dieser Bau errichtet,
Die Mauern von Vulkan vielleicht geschichtet,
Die Pfeiler wohl von Bergen abgerissen,
Als Alles unterging in Wasserflüssen,
Vielleicht auch schrumpften, glühend in den Flammen
Des großen Weltenbrandes, sie zusammen.
Des Mittelschiffs, der Seitenhallen Bogen
Entstanden wohl schon aus des Chaos Wogen;
Ja ließ die rege Phantasie man walten,
So sah man wunderliche Truggestalten
Und fand in einem düstern Winkel gar
Ein Crucifix auf einem Hochaltar;
So schuf sich die Natur an dieser Stelle
Aus Tropfsteinsäulen eine Seekapelle.

 

VIII.

Sanft lächelnd faßte Neuha Torquils Hand
Und schwang ihm leuchtend ihren Feuerbrand
Und ließ ihn dann in den verborgnen Ecken
Der neuen Wohnung manchen Schatz entdecken;
Denn trefflich war schon Alles vorbereitet,
Bevor sie ihren Freund dahin geleitet.
Zum Lager waren Matten da, zum Reiben
Des Körpers Oel, die Nässe zu vertreiben,
Zum Essen Kokosnüsse, Yams und Brod
Vom Baume frisch gepflückt, zu Tellern bot
Die Palme Blätter, eine Schildkrötschale
Enthielt das Fleisch zu einem leckern Mahle,
Quellwasser lag in Kürbissen bei süßen
Bananenfrüchten reichlich ihm zu Füßen,
Ein Haufen Fackeln sorgte für das Licht;
Und freudig strahlte Neuha's Angesicht
Und diese unterird'sche Zauberwelt
Erschien durch ihrer Augen Glanz erhellt.
Denn schon an drohende Gefahren dachte
Sie, wie das Schiff den weißen Freund ihr brachte,
Und schuf sich deshalb eine Zufluchtsstätte,
Wo Torquil Schutz vor seinen Feinden hätte.
An jedem Morgen fuhr nach diesem Ort
Ihr Kahn mit Früchten reichbeladen fort.
Dorthin auch trug er in den Abendstunden
Was sie an Schmuck und Hausrath aufgefunden,
Und lächelnd schien sich nun an seinen Schätzen
Dies liebliche Naturkind zu ergötzen.

 

IX.

Und an den treuen glüh'nden Busen drückte
Sie Torquil, der erstaunt noch um sich blickte,
Und sprach sodann in freud'ger Zärtlichkeit
Von einem Liebespaar aus alter Zeit –
Uralt ist ja die Liebe, doch sie dringt
In jedes neue Wesen, neu verjüngt.
Und sie erzählte, wie vor hundert Jahren
Ein Häuptling nach dem Felsen hingefahren,
Und nach Schildkröten tauchend aus dem Meere
In diese Höhl' emporgekommen wäre;
Wie dorthin einst nach einer wilden Schlacht
Er ein geliebtes Mädchen hingebracht,
Die Tochter eines Feinds, die seine Leute
Gefangen hatten als willkommne Beute;
Wie dann er, als der Krieg vorüber war,
Zum Felsen fuhr mit seiner tapfern Schaar
Und in die grüne Fluth bei jener Wand
Eintauchend, spurlos, wie es schien, verschwand;
Wie seine Freunde staunend da gesessen
Und fürchtend, daß ein Haifisch ihn gefressen,
Rund um den meerumkränzten Felsen fuhren
Und trauernd suchten des Vermißten Spuren.
Doch jung und schön – so kam es ihnen vor –
Stieg eine Göttin aus der Tief' empor.
Ihr Führer aber, strahlend ihr zur Seite,
Gab freudig-stolz der Meerbraut das Geleite;
Erkannt dann wären unter Muschelklängen
Zurückgeführt sie mit Triumphgesängen,
Um frei sich ihrer Liebe hinzugeben –
Und könnte Torquil nicht mit ihr so leben?
Sie schwieg und ein berauschendes Entzücken
Schien unser Paar der Erde zu entrücken.
Begraben in der einsam stillen Grotte
Gehorchten sie allein dem Liebesgotte,
Wie Abelard, der liebend aus dem Sarg,
Der zwanzig Jahre seine Hülle barg,
Nach Heloisen hin die Arme streckte,
Als ob der Todten Glut den Todten weckte.
Und draußen singen laut ihr Lied die Wellen,
Sie hören nicht ihr Rauschen und ihr Schwellen
Und Flüsterworte, leise Seufzer ziehn
Aus ihrer Brust in süßen Harmonien.

 

X.

Nach welchem Rettungshafen aber eilten
Die Andern, die sonst Torquils Schicksal theilten?
Von Menschen konnten keinen Schutz sie hoffen
Und nur der Himmel stand noch ihnen offen.
Sie wechselten den Weg, doch auf den Wogen,
Die sie entführten, kam der Feind gezogen.
Da Torquil durch ein Wunder ihm entgangen,
So suchte jetzt er Christian einzufangen,
Und gleich dem Geier, dem die Beut' entrann,
So spannte nun er alle Sehnen an.
Er nahte schon, der einz'ge Weg zur Flucht
War irgend eine tiefe Felsenbucht,
Sonst gab es keine Rettung, und hinan
Zum ersten Felsen ging es, den sie sahn.
Noch einmal wollten sie dem Feinde stehn,
Gefangen oder kämpfend untergehn.
Und Christian schickte seine braunen Freunde,
Die für ihn fechten wollten mit dem Feinde,
Zurück nach ihrer Insel, denn vergebens
Wohl brächten sie das Opfer ihres Lebens.
Was könnten Speere, Pfeil und Bogen nützen
In einem Kampfe, wo Gewehre blitzen?

 

XI.

Sie landeten; es war ein öder Strand,
An dem von Menschen keine Spur sich fand.
Ihr finstres Auge zeigte den Entschluß
Des Mannes, der dem Schicksal weichen muß,
Dem mit der Hoffnung auch der Ruhm entschwindet,
In dem die Freudigkeit zum Kampf er findet –
Es stehn die drei, wie die dreihundert Helden,
Von denen noch die Thermopylen melden,
Und doch wie anders, denn des Opfers Werth
Ist's, was den Tapfern schändet oder ehrt.
Des Todes Schrecken wurden nicht geweiht
Für diese durch des Ruhms Unsterblichkeit,
Kein Vaterland, das dankbar lächelnd weint,
Rächt sich in Siegeshymnen an dem Feind,
Kein Volk wird ihre stillen Gräber schmücken,
Kein Held den Ruhm beneidend auf sie blicken;
Wie muthig auch ihr Blut sie hier vergießen,
Für ihre Schuld muß selbst das Grab noch büßen.
Das fühlten All' und Einer wohl gewiß,
Der Führer, der sie zum Verderben riß.
Vielleicht geboren für ein beßres Ziel,
Trieb jetzt er mit dem Leben nur ein Spiel,
Jedoch der Würfel war gefallen schon
Und nahe schien sein Untergang zu drohn;
Doch wie der Felsen stand er trotzig da,
Indem er seinem Feind in's Antlitz sah,
Und leuchtend, wie die Wetterwolke, droht
Sein Flintenlauf dem Ersten sichern Tod.

 

XII.

Da kam das Boot; an Mannschaft fehlt's ihm nicht
Und standhaft folgt ein Jeder seiner Pflicht,
Stets vorwärts eilend, sorglos und geschwind,
Wie wenn die dürren Blätter jagt der Wind.
Manch einer hätte freilich lieber Jagd
Auf Fremde statt auf Britten hier gemacht
Und sah in diesen trotzigen Verbannten
Noch immer seine frühern Stammverwandten.
»Ergebt euch!« rufen sie; wie Alles schweigt,
Wird vorwärts manches blanke Rohr geneigt;
Noch einmal und zum dritten Mal erschallte
Dies Wort, das ohne Antwort stets verhallte,
Und einzig als Erwiderung erklang
Das Echo, welches aus dem Felsen drang.
Da blitzte hier und dort ein Flintenlauf,
Ein dicker Rauch stieg noch zum Himmel auf
Und Kugeln schlugen prasselnd auf die Wand
Und fielen plattgedrückt hinab zum Strand.
Dann erst erscholl der einz'ge Gegengruß,
Den die Verzweiflung jemals bieten muß,
Und als das Boot hart an den Felsen lief,
Vernahm man drin wie Christian »Feuer!« rief.
Zwei stürzten hin, der Andern wilder Lauf
Ging an dem schroffen Felsen schon hinauf,
Denn durch den Trotz erbittert, suchten nur
Sie rasch zu folgen ihres Wildes Spur.
Steil war die Klippe, nirgends war ein Pfad,
Wo mauergleich die Wand entgegentrat,
Und Christians scharfer Späherblick entdeckte
Stets einen Spalt, der jene drei versteckte.
Wo sonst nur Adler horsten, ward zuletzt
Ihr Widerstand entschlossen fortgesetzt;
Ein jeder Schuß von ihnen traf sein Ziel,
Daß mancher Stürmende zu Boden fiel,
Bis Andre, die vordringend sich zerstreuten,
Von allen Seiten ihre Jagd erneuten.
Umzingelt, zwar nicht im Bereich der Hände;
Doch im Bereich der Kugeln, stand am Ende
Die kleine Schaar, zur Spitze hingedrängt,
Dem Haifisch gleich, der an dem Haken hängt;
Und muthig starb sie, wie sie sich gewehrt,
Kein Seufzer, keine Klage ward gehört.
Zuletzt starb Christian. Blutend und voll Wunden
Hätt' er vielleicht Begnadigung gefunden,
Wenn auch zu spät zum Leben wohl, allein
Nicht einsam würd' er dann gestorben sein;
Und langsam mit zerschoßnem Beine kroch
Er auf dem harten Felsenboden noch.
Man rief ihm zu, und gleichsam neues Leben
Schien seinen Zügen dieser Ton zu geben;
Er winkte dann die Nächsten zu sich her,
Doch als sie kamen, hob er das Gewehr –
Zwar hatt' er keine Kugel mehr, doch riß
Er einen Knopf von seiner Jacke, stieß
Ihn in den Lauf und nahm darauf sein Ziel,
Und lächelnd sah er, wie sein Gegner fiel.
Dann bog er sich zur Erd' herab und wand
Sich schlangengleich bis an des Abgrunds Rand,
Warf einen Blick zurück und hob darauf
Die festgeschloßne Faust wuthknirschend auf
Und stürzte sich hinab; die spitzen Klippen
Zerschmetterten wie Glas des Leibes Rippen
Und unten lag ein Haufen blut'ger Fetzen,
Woran sich Möven bald und Würmer letzen;
Des Kopfes blutgetränktes blondes Haar
Bewies allein, wer dieser Körper war.
Und rings am Ufer glänzten Waffensplittern
Bis von dem Schaum der Wogen sie verwittern,
Denn festumklammert, bis die Hand nicht mehr
Es halten konnte, hatt' er sein Gewehr.
So wenig blieb von ihm zurück hienieden,
Doch seine Seele? Fand sie später Frieden?
Wir richten nicht, wer andere zur Hölle
Verdammt, verdiente selbst dort eine Stelle,
Wär' nicht der Kopf noch schlechter als die Herzen
Bei den Beschwörern ewiger Höllenschmerzen.

 

XIII.

Es ist vollbracht! Gefangen, todt, geflohn
Ist Alles, und die Schuld'gen traf der Lohn.
Schon auf der Insel hatten sich ergeben
Die Wen'gen, die noch fristeten ihr Leben
Und waren jetzt auf dem Verdeck in Banden
Und Ketten, wo sie sonst in Ehren standen.
Doch keine Beute wurde von der Jagd
Auf jenem Felsen lebend mitgebracht;
In ihrem Blute liegen noch die drei,
Und rings ertönt der Möven geller Schrei,
Die, durch die nahe Brandung hergetragen,
Mit ihren schaumbenetzten Flügeln schlagen.
Doch unten schwillt und sinkt das ewige Meer,
Um Menschen sich nicht kümmernd, hin und her;
Es tummelt drin sich der Delphine Chor,
Fliegfische heben sich zum Licht empor
Und fallen bald zurück, die trocknen Schwingen
Zum neuen Flug mit Wasser zu durchdringen.

 

XIV.

Aus ihrer Grotte schwamm beim Morgengrauen
Neuha hervor, um ringsum auszuschauen,
Ob wohl Gefahren wären zu besorgen
Für das Asyl, das ihren Freund geborgen.
Da sah sie, wie der Wind, der heftig wehte,
Ein breites Segel immer voller blähte.
Ihr Athem stockte plötzlich vor Erregen,
Laut klopfte nur das Herz in vollen Schlägen,
So lang in Zweifel sie sich noch befand,
Wohin der Lauf des fremden Schiffes stand.
Es kam nicht, nein! Der kleinre Schatten ließ
Erkennen, daß es schnell die Bai verließ.
Sie wischte von den Augen sich den Schaum
Und blickte starrend in den luft'gen Raum.
Am Horizont gewahrt sie jetzt das Deck,
Es senkt sich mehr, es wird ein kleiner Fleck –
Es ist verschwunden. Nur das blaue Meer
Ist da, 's ist Alles sicher ringsumher!
Und tauchend eilt zu Torquil sie zurück,
Zu melden ihm ihr unverhofftes Glück,
Sagt was sie hofft und spricht voll Seligkeit
Von Plänen für die nahe schöne Zeit.
Und frei verließ Torquil den Zufluchtsort,
Und schwamm mit seiner kühnen Nymphe fort,
Am Felsen hin nach einer sand'gen Ecke,
Wo das Canoe in sicherem Verstecke
Seit jenem Abend, wo sie flohn, verblieb,
Nachdem es ruderlos im Meere trieb;
Denn Neuha hatte dorthin es gebracht,
Sobald der Feind abließ von seiner Jagd.
Noch niemals fuhren Liebende so froh
Und glücklich in dem flüchtigen Canoe!

 

XV.

Zurück nach ihrer lieben Insel kehrten
Sie nun, die keine Feinde mehr entehrten;
Kein Schiff lag finster drohend auf den Wellen,
Frohsinn und Lust schien Alles zu erhellen.
Unzählige Canoes mit Freunden flogen
Dem Paar entgegen auf den klaren Wogen,
Der Häuptling und das Volk begrüßten schon
Torquil wie einen langentbehrten Sohn,
Die Fraun bestürmten Neuha, um zu hören,
Wie sie verfolgt und wie gerettet wären,
Und laut erscholl ein wilder Jubelschrei,
Als sie vernahmen, was geschehen sei;
Doch jener Fels, wo Torquil Rettung fand,
Ward »Neuha's Grotte« von dem Volk genannt.
Nachts brannten Freudenfeuer auf den Höhn,
Und Land und Meer erglänzten zaubrisch schön,
Den Gast zu feiern, welcher von Gefahr
Durch Muth und Liebe jetzt errettet war;
Und sel'ge Tage folgten, wie sie nur
Noch kennen solche Kinder der Natur.

Anmerkungen zur Insel.

Die diesem Gedichte, einem der letzten des edlen Lords (geschrieben zu Genua 1823), zu Grunde liegende Begebenheit ist theils dem Berichte über die auf der »Bounty« (einem im J. 1787 unter Kapitän Bligh nach der Südsee abgehenden Schiffe) ausgebrochene Meuterei, theils Mariner's Berichte über die Tongainseln entnommen. Wir lassen den dem Originale beigefügten »Auszug aus dem Reiseberichte des Kapitän Bligh« hier folgen.

»Am 27. December 1787 wehte ein starker Ostwind, von dem wir viel zu leiden hatten. Bald brach die Fluth in das Schiff ein und überschwemmte die Böte. Mehrere Fässer mit Bier wurden vom Verdecke hinweggespült, und nur mit großer Mühe und Gefahr konnten wir verhindern, daß die Böte nicht gleiches Schicksal hatten. Unser Vorrath an Brod war zum großen Theile ungenießbar geworden; denn die See stand hoch im Hintertheile des Schiffes und selbst die Kajüte war mit Wasser angefüllt. Am 5. Januar 1788 bemerkten wir die Insel Teneriffa in einer Entfernung von ungefähr 12 Meilen, und am folgenden Tage, einem Sonntage, ankerten wir in der Straße von Santa Cruz. Hier versahen wir uns mit allem Nöthigen, und gingen am 11. wieder unter Segel. Ich theilte nun die Mannschaft in drei Wachen und übergab die dritte derselben einem der Unterschiffer, Herrn Fletcher Christian. Zugleich machte ich jetzt die Mannschaft mit dem Zwecke meiner Reise bekannt und sicherte allen denen Beförderungen zu, die sie durch ein gutes Betragen verdienen würden. Dienstag den 26. Februar befanden wir uns im 29.º 38' südl. Br. und im 44.º 44' westl. L.; wir spannten neue Segel auf und trafen noch andere Vorkehrungen gegen das Wetter, welches wir in so hoher Breite zu erwarten hatten. Von der Küste von Brasilien waren wir jetzt ungefähr 100 Meilen entfernt. Sonntags den 2. März Vormittags wurde meiner Gewohnheit an diesem Tage gemäß, nachdem sich Jeder rein angekleidet hatte, Gottesdienst gehalten und ich übergab Fletcher Christian eine geschriebene Vollmacht, die Stelle eines Lieutenants zu vertreten. Die Veränderung der Temperatur wurde jetzt sehr fühlbar; deswegen gab ich dem Schiffsvolk wärmere, diesem Klima angemessenere Kleidung, damit es nicht durch Nachlässigkeit leiden möchte. – Wir waren beim Kap St. Diego an der Ostseite von Terra de Fuego und da der Wind nicht günstig war, so hielt ich es für besser, östlich um das Staatenland herumzusegeln, als durch die Straße le Maire durchzudringen. Bis zum 12. April herrschten Stürme von hoher See begleitet. Das Schiff wurde leck und stündlich mußte gepumpt werden. Auch das Verdeck wurde so leck, daß ich die große Kajüte, die ich übrigens, außer bei schönem Wetter, wenig gebrauchte, räumen mußte, um hier Hängematten für Die anzubringen, welche keine Verschläge hatten; so wurde zugleich der Raum unter dem Verdeck wieder beengt. Zu diesem schlechten Wetter kam nun noch der Verdruß, am Ende eines jeden Tages zu finden, daß wir Grund verloren; denn trotz der äußersten Anstrengungen und ungeachtet des geschicktesten Lavirens trieben wir doch eigentlich nur vor dem Winde her. Dienstags den 22. April hatten wir acht auf der Krankenliste; die Uebrigen waren, wenn schon gesund, doch sehr ermattet; so bemerkte ich denn zu meiner großen Bekümmerniß, daß es unmöglich sei, auf diesem Wege nach den Gesellschaftsinseln zu gelangen; denn wir hatten nun bereits 30 Tage in einem stürmischen Ocean zugebracht, und es war jetzt die Jahreszeit schon zu weit vorgerückt, als daß wir auf besseres Wetter hätten hoffen können, um noch das Kap Horn zu umschiffen. Diese und andere Gründe bewogen mich, das Steuerruder wenden zu lassen und, zur großen Freude der ganzen Mannschaft, nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung zu steuern. Nach einer erträglichen Fahrt ankerten wir Freitags den 23. Mai in der Simonsbay am Kap. Das Schiff mußte vollständig kalfatert werden, denn es war so leck geworden, daß es auf dem Wege vom Kap Horn stündlich gepumpt werden mußte. Ebenso bedurften Segel und Tauwerk einer Ausbesserung; und als wir die Vorräthe untersuchten, fand sich eine beträchtliche Menge verdorben. Nachdem wir uns 38 Tage hier aufgehalten hatten, und meine Schiffsmannschaft mit Erfrischungen aller Art gestärkt worden war, gingen wir am 1. Juli wieder unter Segel. Am 20. erhob sich bei hoher See ein Sturm, der Nachmittags so heftig ward, daß das Schiff mit dem Vordertheile beinahe untertrieb, ehe wir die Segel einreffen konnten. Die untern Segelstangen wurden abgenommen und die Bramstange auf das Verdeck niedergelassen, was dem Schiffe große Erleichterung verschaffte. Die See ging noch immer sehr hoch und die Fahrt wurde Nachmittags immer unsicherer; wir blieben deshalb die ganze Nacht still liegen, ohne daß sich ein Unfall ereignete außer dem, daß Einer am Steuerruder über das Rad stürzte und schwer verletzt wurde. Gegen Mitternacht ließ die Heftigkeit des Sturmes nach und wir fuhren mit zusammengerolltem Segel weiter. Nach wenig Tagen segelten wir an den St. Paulsinseln vorbei, wo sich, wie ich von einem holländischen Kapitän erfuhr, sehr gutes süßes Wasser vorfindet; auch eine warme Quelle ist dort, in welcher Fische so gut wie durch Feuer gesotten werden können. Bei unserer Annäherung an Van Diemens Land hatten wir sehr schlechtes Wetter mit Schnee und Hagel; aber nichts zeigte uns die Nähe des Landes an, außer am 13. August ein Seehund, den wir in einer Entfernung von 20 Seemeilen davon erblickten. Mitternacht den 20. ankerten wir in der Adventurebay.

Auf unserer Fahrt vom Vorgebirge der guten Hoffnung bis hieher hatten wir meistentheils Westwind und stürmisches Wetter. Die Annäherung starker Südwinde kündigt sich durch viele Sturmvögel an, und die Abnahme des Sturmes oder die nördliche Wendung des Windes durch das Ausbleiben derselben. Das Thermometer pflegt auch, wenn ein Wechsel dieser Winde bevorsteht, nur 5 oder 6 Grade zu fallen.

In der Umgegend der Adventurebay bemerkten wir viele Bäume von 150 Fuß Höhe; und wir maßen einen, der 35 Fuß im Umfange hatte. Von Vögeln kamen uns einige Adler, schöne blaugefiederte Reiher und verschiedene Arten von Papageien zu Gesichte. Da die Eingebornen sich nicht blicken ließen, so gingen wir nach Kap Frederic-Henry hin, um sie aufzusuchen. Wir warfen, da es unmöglich war zu landen, nahe am Ufer einen Enterhaken aus und hörten bald darauf Menschenstimmen, die fast wie Gänsegeschnatter klangen; wir warfen ihnen Bündel voll allerlei Kleinigkeiten zu, die sie aber nicht eher öffneten, als bis wir Miene machten, uns zu entfernen. Nun machten sie die Bündel auf, nahmen die Sachen heraus und schmückten damit ihre Köpfe. Als sie uns zuerst erblickten, erhoben sie ein übermäßiges Geschnatter und hoben die Hände über den Kopf auf; sie sprachen aber so geschwind, daß man keines ihrer Worte aufzufassen vermochte. Ihre Farbe war ein dunkles Schwarz und ihre Haut um Brust und Schultern tätowirt. Einer von ihnen hatte sich den Leib mit rothem Ocker gefärbt; alle Uebrige waren mit einer Art Ruß geschwärzt, der so dick auf Gesicht und Schultern lag, daß man die Züge des ersteren kaum unterscheiden konnte. Donnerstag den 4. September segelten wir aus der Adventurebay ab, steuerten erst nach Ost-Süd-Ost, dann nach Nord-Ost und wurden am 19. eine Reihe kleiner Felseninseln gewahr, die ich »Bounty-Inseln« nannte. Nicht lange nachher bemerkten wir oft, daß die See zur Nachtzeit viele glänzende Stellen hatte, was von einer erstaunlichen Menge gewisser Seethiere herrührte, deren Sehnen und Fasern einen dem Kerzenlichte ähnlichen Glanz ausströmen, während der übrige Körper vollkommen dunkel bleibt. Am 25. entdeckten wir die Insel Otaheiti und noch ehe wir am andern Morgen in der Matavabay landeten, kamen eine solche Menge von Kähnen herbei, daß die Eingeborenen, die, überzeugt von unseren freundschaftlichen Absichten, an Bord gekommen waren, das Verdeck binnen 10 Minuten so anfüllten, daß ich meine eignen Leute kaum herauszufinden vermochte. Der ganze Weg, den das Schiff von der Abfahrt aus England an gerechnet bis zur Ankunft in Otaheiti in gerader und krummer Richtung gemacht hatte, betrug nun 27,086 Meilen, so daß im Durchschnitt 108 Meilen auf 24 Stunden kommen.

Am 9. December verloren wir hier unsern Wundarzt. Er hatte die letzte Zeit kaum die Kajüte verlassen, obgleich er nicht gefährlich krank zu sein schien. Als indeß am Abend des 9. seine Krankheit zunahm, so wurde er an einen luftigen Ort geschafft, aber ohne daß es ihm etwas nützte; vielmehr endete er schon nach einer Stunde sein Leben. Er wurde am Strande begraben.

Montags den 5. Januar wurde der kleine Kutter vermißt, wovon man mich sogleich benachrichtigte. Bei der vorgenommenen Musterung der Schiffsmannschaft fehlten drei Mann. Sie hatten acht Gewehre und Munition mitgenommen; aber Niemand am Bord schien etwas von ihrem Plane zu wissen. Ich stieg deshalb an's Land und ersuchte alle Häuptlinge, mir zur Wiedererlangung des Boots und der Flüchtigen behülflich zu sein; ersteres wurde mir auch schon im Laufe desselben Tages von fünf Eingeborenen wiedergebracht; allein der Deserteurs wurden wir erst beinahe drei Wochen später habhaft. Als ich nämlich erfuhr, daß sie sich in einer ganz andern Gegend von Otaheiti aufhielten, fuhr ich in einem Kutter dorthin, indem ich glaubte, ich würde mich ihrer mit Hülfe der Eingeborenen bemächtigen können. Und in der That, als sie von meiner Ankunft hörten und ich dem Hause, worin sie sich befanden, mich näherte, kamen sie ohne Gewehr heraus und ergaben sich.

Der Zweck meiner Reise war nun erreicht und alle Brodfruchtbaum-Pflanzen, 1015 an der Zahl, wurden Dienstags den 31. März an Bord gebracht. Außerdem hatten wir eine Menge anderer Pflanzen gesammelt, von denen einige die schönsten Früchte von der Welt trugen, andere prächtige Farbestoffe abgaben und verschiedene kostbare Eigenschaften besaßen. Am 4. April segelten wir mit Sonnenuntergang von Otaheiti ab und sagten einer Insel Lebewohl, auf der wir 23 Wochen lang mit der größten Aufmerksamkeit und Freundlichkeit behandelt worden waren. Daß wir nicht unempfindlich gegen eine solche Güte gewesen, beweisen die folgenden Ereignisse hinlänglich; denn in dem liebevollen und freundlichen Betragen der Insulaner lagen die Ursachen eines Vorfalls, der unsere Expedition, die sonst aller Wahrscheinlichkeit nach den besten Erfolg gehabt haben würde, zerstörte.

Am nächsten Morgen bekamen wir die Insel Huaheine in Sicht, von der sogleich ein Doppelboot auf uns zukam; es enthielt zehn Eingeborene, von denen Einer sich meiner erinnerte und meinen Namen nannte. Ich war nämlich im Jahr 1780 mit Kapitän Cook auf dem Schiffe Resolution hier gewesen. Wenige Tage nach unserer Entfernung von dieser Insel ward das Wetter stürmisch und dichte Massen schwarzer Wolken sammelten sich in Osten. Kurz darauf erblickten wir nicht weit von uns eine Wasserhose, welche wegen der dunkeln, dahinterstehenden Wolken sehr deutlich zu sehen war. So weit ich die Sache beurtheilen konnte, hatte der obere Theil derselben ungefähr zwei Fuß, der untere etwa acht Zoll im Durchmesser. Kaum hatte ich diese Bemerkungen gemacht, als ich sie mit reißender Geschwindigkeit auf das Schiff zukommen sah. Wir veränderten deshalb sogleich unsern Lauf und zogen alle Segel außer dem Focksegel ein; gleich darauf ging sie zehn Ruthen vom Hintertheile des Schiffes mit raschelndem Getöse vorüber, ohne daß wir jedoch die mindeste Wirkung verspürt hätten. Sie schien immer zehn Meilen in der Stunde nach der Richtung des Windes zu machen und zertheilte sich eine Viertelstunde hinter uns.

Nachdem wir auf unserem Wege an mehrern Inseln vorbei gesegelt waren, legten wir uns am 23. April bei Annamooka vor Anker. Hier kam ein alter lahmer Mann, Namens Tepa, den ich im Jahre 1777 gesehen hatte und sogleich wieder erkannte, nebst Anderen von verschiedenen benachbarten Inseln zu uns an Bord. Sie wünschten das Schiff zu besehen und äußerten große Verwunderung, als man sie in den untern Raum führte, wo die Brodfruchtbaum-Pflanzen aufgestellt waren. Da einige von diesen abgestorben waren, so gingen wir an's Land, um sie durch neue zu ersetzen.

Die Insulaner trugen zahlreiche und sonderbare Zeichen der Trauer um verstorbene Verwandte an sich, wie blutige Schläfe, zum großen Theil kahl geschorene Häupter; ja es hatten sich sogar fast Alle einige Finger abgeschnitten. Mehrere hübsche kaum sechsjährige Knaben hatten beide kleine Finger hergeben müssen, und einige von den Männern außer diesen sich noch des Mittelfingers der rechten Hand beraubt.

Die Häuptlinge kamen zum Mittagsessen zu mir und wir begannen einen lebhaften Handel um Yams, Pisangs und Brodfrucht. Yams gab es im Ueberfluß und zwar sehr schöne und große. Eine derselben wog über 45 Pfund. Bald kamen Kähne mit nicht weniger als neunzig Personen auf uns zugesegelt und die Menschenmenge, welche allmälig von den verschiedenen Inseln anlangte, war so groß, daß sie uns an unseren Geschäften hinderte; zumal da kein Häuptling Ansehn genug besaß, um sie in Ordnung zu halten. Ich befahl deshalb einer gerade ausgeschickten Wasserpartie an Bord zu kommen und segelte Sonntag den 26. April weiter. Montags blieben wir den ganzen Nachmittag nicht weit von der Insel Kotoo in der Hoffnung, daß einige Kähne zum Schiffe kommen würden; aber wir hatten uns getäuscht. Da der Wind aus Norden wehte, so steuerten wir Abends westwärts, dem südlichen Tofoa vorüber und ich befahl, diese Richtung diese ganze Nacht hindurch beizubehalten. Die erste Wache hatte der Schiffsmeister, die mittlere der Kanonier und Christian die Morgenwache. So war der Dienst für diese Nacht vertheilt.

Bisher war unsere Reise mit ununterbrochenem Glück von statten gegangen. Jetzt aber änderte sich die Scene gänzlich; eine Verschwörung brach aus, die alle unsere bisherige Arbeit in Noth und Elend verwandelte; und man war dabei so heimlich und so behutsam zu Werke gegangen, daß durch keinen Umstand das herannahende Unglück verrathen wurde. In der Montagnacht wurde die Wache auf die angeführte Weise abgehalten. Am Dienstag Morgen gerade vor Sonnenaufgang kam, während ich noch schlief, Christian mit dem Waffenmeister, dem Gehülfen des Kanoniers und dem Matrosen Thomas Burkitt in meine Kajüte, ergriff mich, band mir die Hände mit einem Stricke auf den Rücken und drohte mir mit augenblicklichem Tode, wenn ich einen Laut von mir geben würde. Dessenungeachtet schrie ich so laut, als ich konnte, um Hülfe; allein diejenigen, welche nicht zum Komplot gehörten, wurden schon durch Schildwachen vor ihren Thüren bewacht. An meiner Kajütenthüre standen drei Mann außer den vieren, die drinnen waren. Alle führten Musketen und Bajonette, nur Christian trug blos einen Säbel. Ich ward aus meinem Bette gezogen und im Hemde auf's Verdeck geschleppt. Der Strick um meine Hände verursachte mir viele Schmerzen. Als ich nach den Ursachen einer solchen Gewaltthat fragte, wurde mir unter Flüchen und Mißhandlungen Stillschweigen geboten. Der Schiffsmeister, der Kanonier, der Wundarzt, der Gehülfe des Schiffsmeisters und der Gärtner Nelson wurden unten im Schiff gefangen gehalten und der Weg durch die Luken war durch Wachen besetzt. Der Hochbootsmann, der Zimmermann und auch der Geistliche erhielten die Erlaubniß, auf's Verdeck zu kommen; hier sahen sie mich denn am Besanmast stehen, die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, und von einer Wache unter dem Befehle Christians umgeben. Der Hochbootsmann erhielt hierauf den Auftrag, das Boot auszurüsten, mit der Drohung, sich in Acht zu nehmen, wenn er nicht auf der Stelle gehorche.

Als dies geschehen war, wurde Hayward und Hallet, zweien von den Schiffskadetten, und dem Schreiber Samuel geboten, sich in das Boot zu begeben. Ich fragte nach der Ursache dieses Befehls und versuchte meine Umgebung von ihrem gewaltthätigen Vorhaben abzubringen; aber vergebens. Die einzige Antwort, die ich erhielt, war: Haltet das Maul, Sir, oder ihr seid des Todes. Der Schiffsmeister hatte unterdessen um die Erlaubniß gebeten, auf das Verdeck kommen zu dürfen; er erhielt sie auch, ward jedoch bald wieder in seine Kajüte zurückgeschickt. Ich bemühte mich immer noch, der Sache eine andere Wendung zu geben; allein Christian ergriff sogleich statt des Säbels ein Bajonett, zog mich heftig bei dem Stricke, der meine Hände fesselte, und drohte mir mit augenblicklichem Tode, wenn ich mich nicht ruhig verhalte. Die Schurken um mich her spannten ihre Gewehre und zielten mit den Bajonetten. Man schleppte noch Einige über das Schiff hinüber in das Boot, und ich vermuthete nun, daß ich mit ihnen ausgesetzt werden sollte. Wiederholte Versuche von meiner Seite, andere Gesinnungen zu wecken, hatten nichts zur Folge, als die Drohung, man werde mir das Gehirn einschlagen. Der Hochbootsmann und diejenigen, welche das Boot mit mir besteigen sollten, durften Stricke, Leinwand, Schnüre, Segel, Tauwerk und 28 Galonen Wasser mitnehmen. Samuel bekam auch 150 Pfund Brod, etwas Wein und Rum, einen Quadranten und einen Kompaß; aber es wurde ihm bei Todesstrafe untersagt, eine Landkarte oder ein astronomisches Buch, irgend ein Werkzeug oder etwas von meinen Plänen und Zeichnungen mitzunehmen.

Nachdem die Meuterer auf diese Weise Alle, welche sie los sein wollten, in das Boot zu steigen gezwungen hatten, ließ Christian Jedem seiner Leute einen Trunk Branntwein reichen. Zu meiner Bekümmerniß sah ich nun, daß alle Versuche, das Schiff wieder zu erlangen, vergeblich seien. Die Beamten wurden auf das Verdeck gerufen und über die Seite des Schiffs mit Gewalt in das Boot gebracht, indeß ich noch immer abgesondert von den Uebrigen am Besanmast angebunden blieb. Christian, mit einem Bajonett bewaffnet, hielt den Strick, mit dem meine Hände gefesselt waren, und die Andern standen mit gespannten Gewehren daneben; aber als ich den Elenden befahl, Feuer zu geben, setzten sie den Hahn in Ruh. Einer von ihnen, Isaak Martin, hatte, wie es schien, Lust, mir beizustehen und wir theilten uns unsere Gesinnung mit, als er mich, da meine Lippen ganz ausgedörrt waren, mit Pompelnüssen erquickte. Man bemerkte dies jedoch und entfernte ihn. Er ging nun in das Boot, um nicht auf dem Schiffe zurückzubleiben, ward aber gezwungen umzukehren. Auch noch einige Andere wurden wider ihren Willen darauf zurückbehalten. Christian schien mir einige Zeit zweifelhaft zu sein, ob er den Zimmermann oder dessen Gesellen dabehalten solle; endlich entschied er sich für die Letzteren und der Zimmermann mußte das Boot besteigen. Nicht ohne Widerrede erlaubte man ihm, seine Gerätschaften mitzunehmen. Samuel brachte mein Tagebuch und meine Vollmacht nebst anderen wichtigen Schiffspapieren in Verwahrsam und that dies mit großer Entschlossenheit, obgleich er scharf beobachtet wurde. Als er aber die Schiffsuhr, eine Kiste mit meinen Uebersichten, Zeichnungen und seit 15 Jahren gesammelten sehr zahlreichen Bemerkungen zu retten versuchte, wurde er mit den Worten fortgestoßen: »Hol' dich der Teufel! du kannst zufrieden sein mit dem, was du bereits hast.« Unter den Meuterern fand währenddem häufiger Zank und Wortwechsel statt. Einige schwuren: »Ich will verdammt sein, wenn er sich nicht nach Hause zurückfindet, im Falle, daß wir ihn irgend Etwas mitnehmen lassen« – damit meinten sie mich –; und als der Zimmermann sein Handwerkszeug mit sich fortnahm, rief ein Anderer: »Der Teufel soll mich holen, wenn der nicht in einem Monat ein neues Schiff baut.« Andere spotteten indeß über den hülflosen Zustand des Bootes, das in der That sehr tief im Wasser ging, und wenig Raum für die hatte, die darin waren. Was Christian anbetrifft, so sah er aus, als wollte er sich selbst und Alles um sich her umbringen.

Ich verlangte Waffen, aber die Meuterer lachten mich aus und meinten, ich sei mit den Leuten, mit denen ich abführe, ja wohl bekannt. Dennoch wurden vier Säbel in's Boot geworfen, nachdem wir vom Schiffe losgelassen worden waren. Als der Waffenmeister Christian benachrichtigte, daß die Beamten und Matrosen im Boote nur noch auf mich warteten, sagte er: »Kommt, Kapitän Bligh, eure Leute sind nun alle im Boote; auch ihr müßt fort mit ihnen; wenn ihr den geringsten Widerstand leistet, so seid ihr ein Mann des Todes.« So wurde ich denn von einer Rotte bewaffneter Schurken mit Gewalt in das Boot geschafft, wo man mir die Hände losband. Sobald ich mich darin befand, wurde es an einem Seile hinten losgelassen, worauf man uns einige Stücke Schweinefleisch und die schon erwähnten vier Säbel zuwarf. Der Waffenmeister und der Schiffszimmermann riefen mir nach, daß sie an dem ganzen Vorgang keinen Theil hätten. Nachdem ich auf diese Weise den gefühllosen Verbrechern eine Zeit lang zum Spiele gedient und vielen Hohn hatte erdulden müssen, wurden wir zuletzt in das offene Meer hinausgestoßen. Da wir wenig oder gar keinen Wind hatten, so war es uns möglich, ziemlich schnell nach der Insel Tofoa zuzusteuern, welche ungefähr 10 Meilen nordöstlich von uns entfernt lag. So lange wir das Schiff im Gesicht behielten, segelte es westnördlich; allein dies war meiner Ansicht nach aus Verstellung; denn sobald wir vom Schiffe entfernt waren, vernahmen wir unter den Meuterern häufig den Ruf: »Hussa! nach Otaheiti!«

Christian, ihr Anführer, war aus einer unbescholtenen Familie in Nordengland. Diese Reise war die dritte, welche er mit mir machte. Trotz der Härte, mit der er mich behandelte, machte ihm doch die Erinnerung an meine frühere gütige Behandlung einige Gewissensbisse. Als man mich mit Gewalt aus dem Schiffe brachte, fragte ich ihn, ob das der Dank für die vielen Beweise von Freundschaft sei, die ich ihm gegeben hätte? Er wurde über diese Frage sehr betreten und erwiderte mit großer Bewegung: »Das – Kapitän Bligh – das ist es ja eben – ich bin in der Hölle – ich bin in der Hölle.« Auch Haywood stammte aus einer achtbaren Familie in Nordengland und war ein ebenso talentvoller junger Mann, als Christian. Diese Beiden waren stets Gegenstand meiner besondern Aufmerksamkeit gewesen und ich hatte viele Mühe auf ihre Bildung verwendet in der Hoffnung, daß sie in ihrem Fache einst ihrem Vaterlande nützlich werden könnten. Young war mir gut empfohlen und Stewart von ehrbaren Eltern in den Orkneiinseln, von welchen wir bei der Rückkehr des Schiffes Resolution aus der Südsee im Jahre 1780 so artig behandelt wurden, daß ich ihn schon um deswillen mit Freuden mitgenommen hätte, wenn er auch sonst nicht bei jeder Gelegenheit einen guten Charakter an den Tag gelegt hätte.

Als ich Zeit zum Nachdenken gewann, verminderte eine gewisse innere Zufriedenheit die Niedergeschlagenheit meines Geistes. Wenige Stunden zuvor war ich freilich in einer sehr glücklichen Lage gewesen; ich besaß ein Schiff in vollkommen gutem Zustande, versehen mit Allem, was Leben und Dienst erfordert; der Zweck meiner Reise war erreicht und zwei Dritttheile derselben bereits glücklich zurückgelegt; für den Rest war alle Hoffnung des besten Erfolges vorhanden.

Sehr natürlich drängt sich Jedem die Frage nach der Ursache einer solchen Empörung auf. Darauf kann ich als Antwort nur die Vermuthung aufstellen, daß die Anführer unter den Otaheitern ein glücklicheres Leben zu führen hofften, als in England. Dies und vielleicht einige Liebesverhältnisse veranlaßten wahrscheinlich die ganze Sache. Denn das weibliche Geschlecht in Otaheiti ist schön, sanft von Sitten und freundlich im Umgange und besitzt Empfindung und Zartgefühl genug, um sich Bewunderung und Liebe zu gewinnen. Die Häuptlinge schlossen sich so sehr an unsere Leute an, daß sie dieselben aufmunterten, lieber bei ihnen als irgend anderswo zu bleiben; ja, sie boten ihnen sogar große Besitzungen an. Unter diesen und andern damit zusammenhängenden Umständen wird man sich nicht wundern, wenn eine Anzahl Seeleute, von denen noch dazu die meisten im Vaterlande ohne Verbindungen waren, sich durch die Aussicht verlocken ließen, auf einer der schönsten Inseln der Welt inmitten im Ueberfluß sich anzusiedeln, wo sie nicht zu arbeiten brauchten und wo der Reiz zum Lebensgenuß alle Vorstellungen übertrifft. Indeß das Aeußerste, was ein Befehlshaber hier erwarten konnte, war Desertion, die in der Südsee auch sonst vorzukommen pflegt; aber nicht offene Meuterei.

Die Geheimhaltung der Empörung übersteigt allen Glauben. Dreizehn von denen, welche jetzt bei mir waren, hatten beständig mit den andern Seeleuten verkehrt; allein weder diese, noch die Tischgenossen Christians, Stewarts, Haywoods und Youngs hatten jemals etwas bemerkt, was den Argwohn einer Verschwörung hätte erregen können; es ist also kein Wunder, daß ich als Opfer derselben fiel, da meine Seele ganz sorglos war. Hätte ich Seetruppen an Bord gehabt, so würde eine Schildwache an meiner Kajütenthüre vielleicht die Sache verhindert haben; aber ich schlief vielmehr immer bei unverschlossener Thür, damit der wachthabende Offizier bei allen Vorfällen zu mir kommen konnte. Wäre die Meuterei durch mehre oder eingebildete Kränkungen veranlaßt worden, so müßte ich Zeichen der Unzufriedenheit bemerkt haben, die mich dann unstreitig behutsam gemacht hätten; dies war jedoch keineswegs der Fall. Mit Christian besonders stand ich auf dem freundschaftlichsten Fuße; noch an demselben Tage war er eingeladen, bei mir zu Mittag zu essen, und den Abend vorher hatte er es unter dem Vorwande von Unpäßlichkeit abgelehnt, bei mir zu Nacht zu speisen, worüber ich sehr besorgt war, da ich an seiner Ehre und Rechtschaffenheit nicht im Geringsten zweifelte.« –

*

Die nachstehenden Bemerkungen rühren vom Dichter selbst her.

» Die Sonne sinkt in die Korallenbai
Und lieblich tönt Gesang auf Tubonai
.« Seite 66.

Die drei ersten Abschnitte sind einem wirklichen Liede der Tongainsulaner nachgebildet, von dem sich eine Prosaübersetzung in Mariner's Bericht über die Tongainseln findet. Tubonai gehört zwar nicht zu diesen Inseln, doch war sie eine von denen, wohin Christian mit den Meuterern sich flüchtete. Ich habe geändert und hinzugethan, aber doch so viel als möglich vom Original beibehalten.

» Und selbst an Ruhm dem Namensvetter gleichen.« Seite 72.

Der Konsul Nero, der durch einen bewundernswürdigen Zug Hannibal täuschte und Hasdrubal vernichtete, eine Heldenthat, die fast ohne Gleichen in der Kriegsgeschichte ist. Die erste Kunde von seiner Rückkehr war für Hannibal der Anblick von Hasdrubals Kopf, den man ihm in's Lager schleuderte. Beim Anblick desselben rief Hannibal seufzend, nun werde Rom die Herrin der Welt sein! Ohne diesen Sieg Nero's wäre sein Namensvetter, der Kaiser Nero, vielleicht nie zur Weltherrschaft gelangt! Aber die Schande des Einen hat den Ruhm des Andern verdunkelt. Wer denkt bei dem Namen Nero an den Konsul? Aber so sind die menschlichen Dinge!

» Der Ida Troja's nur der Lochnagar.« Seite 75.

Als ich noch sehr jung war, vielleicht 8 Jahre alt, brachte man mich nach einem Anfall des Scharlachfiebers zu Aberdeen auf ärztlichen Rath in die Hochlande. Da verlebte ich mehrere Sommer, und von dieser Zeit an datirt meine Liebe zu Berggegenden. Nie werde ich den Eindruck vergessen, den ein paar Jahre später, in England, das Einzige, was ich seit langem, auch nur in verkleinertem Maßstabe, von Bergen gesehen hatte, die Malvernhügel auf mich machten. Nach meiner Rückkehr nach Cheltenham betrachtete ich sie täglich gegen Sonnenuntergang mit einer Empfindung, die ich nicht beschreiben kann. Es war kindisch genug, aber ich war damals erst 13 Jahre alt, und es war in den Festferien.

» Ein Seemann könnt's, ein Philosoph auch sein.« Seite 80.

Hobbes, der Vater der Philosophie Locke's und Anderer, war ein eingefleischter Raucher – bis zu unzählbaren Pfeifen.

» In Wappings Schooß.« Seite 80.

Wapping, das Matrosenviertel in London.

» Der mit den Tapfern auch die Tapferkeit
Gleich einer Pest begräbt für alle Zeit
.« Seite 84.

Als man dem spartanischen König Archidamus, des Agesilaus Sohn, eine neuerfundene Maschine zum Schleudern von Steinen und Pfeilen zeigte, rief er aus: Das ist das Grab der Tapferkeit. Gleiches erzählt man auch von einigen Rittern beim ersten Gebrauch des Schießpulvers; aber die Originalanekdote steht im Plutarch.

» Aus Tropfsteinsäulen eine Seekapelle.« Seite 94.

Eine solche Grotte existirt in der That auf einer der Tongainseln. Ich habe mir nur die dichterische Freiheit genommen, sie nach der Insel Tubonai zu verlegen, als der letzten Insel, wo sich noch deutliche Spuren von Christian und seinen Gefährten vorfinden.

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