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Gutenberg > George Gordon Noël Byron >

Dichtungen. [Erstes Bändchen]. Die Belagerung von Korinth. Der Gefangene von Chillon. Die Inse

George Gordon Noël Byron: Dichtungen. [Erstes Bändchen]. Die Belagerung von Korinth. Der Gefangene von Chillon. Die Inse - Kapitel 2
Quellenangabe
authorGeorge Gordon Byron
booktitleDichtungen
titleDichtungen. [Erstes Bändchen]. Die Belagerung von Korinth. Der Gefangene von Chillon. Die Inse
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
year1865
translatorWilhelm Schäffer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die Belagerung von Korinth.

 

I.

Jahrhunderte lang hielt Korinth
Den Stürmen und den Feinden Stand;
Noch steht's und seine Mauern sind
Ein Bollwerk in der Freiheit Hand.
Der Winde Wuth, der Erde Zittern
Sie konnten nicht den Fels erschüttern,
Den Hort des Landes, das, zerdrückt
Vom Feind, auf ihn mit Stolz noch blickt,
An dem die Flut sich doppelt bäumt,
Die tief zu beiden Seiten schäumt
Und zürnend dem Zusammenflusse
Entsagen muß an seinem Fuße.
Doch wenn das Blut, das hier vergossen,
Seitdem den Dolch Timoleon
In seines Bruders Herz gestoßen,
Seitdem der Perser Könige flohn,
Der Erde, die es eingesogen,
Entquellen würd' in dunklen Wogen,
Der blut'ge Ocean überschwemmte
Den Isthmus wohl, der ihn nicht dämmte;
Ja wären alle die Gebeine,
Der hier Gefall'nen im Vereine
Zu einer Pyramid' erbaut,
Sie ragte wie ein Berg gewiß
Noch über die Akropolis,
Die hoch die Wolken überschaut.

 

II.

Auf des Cithärons Berggehänge
Erglänzen zwanzigtausend Speere
Abwärts bis in des Isthmus Enge,
Bis an die Ufer beider Meere.
Die Zelte um des Halbmonds Schein
Erblickt man und des Islams Reihn,
Der dunklen Spahis Schaaren nahn,
Ein bärt'ger Pascha führt sie an;
Turbane füllen rings das Land
So weit man schaut, bis an den Strand;
Arabiens Kamele knien,
Tataren tummeln ihre Pferde,
Der Turkomane ließ die Heerde,
Den Säbel für den Kampf zu ziehn,
Und der Geschütze Donner brüllt,
Bis er des Meeres Toben stillt;
Laut zischend fliegt aus manchem Rohr
Der Todesbote schon hervor,
Daß weit die Mau'r in Trümmer springt,
Wo sie das schwere Blei durchdringt;
Doch von dem Wall antwortet auch
Der Feind durch dichten Staub und Rauch
Mit raschen wohlgezielten Schüssen,
Wenn die Ungläubigen ihn begrüßen.

 

III.

Doch weit voran steht unter Allen,
Die streben, daß die Mauern fallen,
In wilder Kriegskunst mehr erfahren,
Als Osmans Söhne jemals waren,
Ein Führer, stolz und kampfbereit,
Wie je ein Held für blutigen Streit.
Er spornt das Roß, das wild erregt
Ihn schäumend durch die Reihen trägt,
Wo Feinde wüthend aus den Thürmen
Auf muselmänn'sche Schanzen stürmen;
Wo ein Laufgraben, wohlgedeckt,
Zurück den Feind vom Angriff schreckt,
Da feuert er zu neuem Muth
Den Krieger, der vom Kampfe ruht.
Der Tapferste der ganzen Schaar,
Die Stambuls Thron ergeben war,
Der stets sie führt zu kühnster That,
Der das Geschütz zum Ziele bringt,
Am kräftigsten den Säbel schwingt,
War Alp, der wilde Renegat!

 

IV.

Ein edles Haus Venedigs war
Die Stätte, die ihn einst gebar;
Die Stadt, die ihm die Waffen lehrte,
Sie hatte strafend ihn verbannt,
Daß gegen sie das Schwert er kehrte
Und um die Stirn den Turban wand.
Nach manchem Wechsel war Korinth
Venedigs Herrschaft unterlegen,
Und jetzt stand Alp, als Feind gesinnt,
Ihr und dem Griechenvolk entgegen,
Ein Feind, vom wildsten Haß entbrannt,
Den ein Abtrünniger je empfand,
Den tausendfaches Unrecht kränkt,
An das er racheglühend denkt.
Für ihn war lange schon Venedig
Des alten Ruhms der Freiheit ledig;
Ankläger hatten heimlich ihn
Des Hochverrates einst geziehn.
Die Klage lag im »Löwenschlunde«
Unwiderlegt seit jener Stunde;
Durch Flucht erhielt er sich das Leben,
Um ganz sich Kämpfen hinzugeben,
Die zeigten, was sein Land verlor
In ihm, der oft das Kreuz besiegte,
Das unter'm Halbmond er bekriegte
Und dem er Haß und Rache schwor.

 

V.

Kumurgi, dessen Lebensziel
Eugen hernach mit Ruhm noch krönte,
Als bei Peterwardein er fiel
Und sterbend noch die Christen höhnte –
Er trauerte nicht, daß er starb,
Nur, daß der Christ den Sieg erwarb –
Kumurgi war jetzt ausgesandt,
Um zu erobern Griechenland;
Wann ziehn die Christen wieder ein,
Es, wie Venedig, zu befrein?
Schon ein Jahrhundert ist verronnen,
Seit jener Krieger es gewonnen!
Er führte jetzt heran die Türken,
Alp mußt' im Vordertreffen wirken,
Und er bewies, wie sehr's ihn ehrte,
Durch Städte, die er rings verheerte,
Bekräftigte durch seine Werke
Des neuen Glaubens wilde Stärke.

 

VI.

Die Mauern wurden schwach, zerrissen
Von rastlos wiederholten Schüssen,
Denn wüthend schleudert gegen sie
Ihr Eisen manche Batterie,
Wobei mit donnergleichem Dröhnen
Die glühenden Kanonen tönen.
Zerplatzend reißen hier und dort
Die Bomben Mauerstücke fort;
Wo krachend solche Feuerbälle
Zerbarsten, zuckt auch auf der Stelle
Die Flamm' hervor in rothen Ringen,
Daß rings die Trümmer prasselnd springen;
Und Funken sprühen hoch empor
Am Himmel, wie ein Meteor –
Am Himmel, wo der Sonne Bild
Von schwarzen Wolken wird verhüllt,
Wo dicht in wechselnder Gestalt
Der schwefelgelbe Rauch sich ballt.

 

VII.

Doch nicht aus Rache nur allein
War Alp, der Renegat, beflissen,
Hülfreich dem Muselmann zu sein
Und Breschen in den Wall zu schießen;
Denn eingeschlossen war darinnen
Ein Mädchen noch, das er gewinnen
Sich wollte, das ihm einst ungnädig
Des Vaters Stolz verweigert hatt',
Als, noch ein Christ, er in Venedig
Um seiner Tochter Hand ihn bat.
In frühern glücklicheren Tagen,
Frei von verrätherischen Klagen,
Hatt' er im lustigen Karnevale
Hervorgeleuchtet über Alle,
Und häufig aus verliebtem Munde
In jenen sanften Melodien,
Die die Lagunenstadt durchziehn,
Geseufzt in mitternächt'ger Stunde.

 

VIII.

Es ward von Manchen auch geglaubt,
Daß er Francesca's Herz geraubt,
Denn ihre vielumworbne Hand
Verschmähte stets der Kirche Band;
Und als Lanciotto Alps früherer Christenname. über's Meer
Zu den Ungläubigen gegangen,
Da schien's, das Lächeln würd' ihr schwer,
Sie wurde blässer und befangen;
Man sah sie mehr im Beichtstuhl knie'n
Und frohen Festen sich entziehn.
Bei solchen schlug die Augenlider
Vor der Bewundrung stumm sie nieder;
Gleichgültig sah sie vor sich hin,
Kein Putz erfreute ihren Sinn,
Nicht mehr so froh war ihr Gesang,
Nicht so elastisch mehr ihr Gang
Bei Festen, wo der junge Tag
Des Tanzens Lust erst unterbrach.

 

IX.

Zum Schutz des Landes ausgesandt
(Das aus der Muselmänner Hand
Von Patras an bis Negroponte
Venedigs Macht entreißen konnte,
Als durch Sobieski ihre Schaaren
Am Donaustrand gebändigt waren)
War in Korinth Minotti jetzt
Dem Heer des Dogen vorgesetzt;
Ein güt'ges Schicksal hatte Frieden
Den Griechen kurze Zeit beschieden
Und eh der Türke den Vertrag,
Der sie befreite, treulos brach,
War auch Minotti's schönes Kind
Zu ihm gekommen nach Korinth.
Seit Helena mit Priams Sohn
Einst ihrem Eheherrn entflohn
Und schwer hernach an Troja's Küste
Die Schuld verbotner Liebe büßte,
War wohl kein Weib in diesen Reichen
Der schönen Fremden zu vergleichen.

 

X.

Die Breschen in der Mauer gähnen,
Es soll das frühe Morgengrauen,
Wo sich die tiefsten Risse dehnen,
Den ersten wilden Angriff schauen.
Sie stehn bereit, voran die Schaaren
Der Muselmänner und Tataren,
Die man »verlorne Hoffnung« nennt,
Weil Todesfurcht ihr Herz nicht kennt,
Die mit dem Schwert den Weg erkaufen
Und ihn bestreun mit Leichenhaufen,
Damit die Spätern immer weiter
Vorgehn auf dieser Todtenleiter.

 

XI.

'S'ist Mitternacht; des Vollmonds Strahl
Erleuchtet mild das weite Thal
Und übergießt die braunen Höhn,
Und unten wogt des Meeres Strom.
Der dunkelblaue Himmelsdom,
So märchenhaft bezaubernd schön,
Gleicht einem Ocean hoch oben,
Mit Inselchen von Licht durchwoben.
Wer kann ihn ohne Sehnsucht sehn
Und sich herab zur Erde biegen
Ohn' einen Wunsch, hinaufzufliegen
Und in den Strahlen zu vergehn?
Und still zu beiden Ufern zogen
Die klaren blauen Meereswogen,
Kaum kann man ihrem Murmeln lauschen,
Die leise wie ein Bächlein rauschen;
Die Winde sind zur Ruh gegangen
Und Fahnen schweben an den Stangen,
Die hoch den blanken Halbmond halten,
In schlaffen regungslosen Falten.
Die Stille wird nur unterbrochen,
So oft das Losungswort gesprochen,
Wenn nach dem Wiehern eines Rosses
Das Echo aus den Bergen schallt,
Und das Gesumm des wilden Trosses
Rauscht leise wie das Laub im Wald.
Und als es Mitternacht ist, singt
Der Muezzin, der zum Beten ruft;
Wie eine Geisterstimme klingt
Es klagend durch die stille Luft,
Der Harfe gleich, die schwach erschüttert
Vom Wind, geheimnißvoll erzittert,
Und nun in sanften Tönen leise
Erklingt in überird'scher Weise.
Den Christen selbst schien dieser Ton
Der Veste nahen Fall zu drohn,
Doch mahnend und verhängnißschwer
Klingt auch er dem Belagrungsheer;
Und plötzlich schweigt, sich unbewußt,
Des Herzens Schlag in jeder Brust,
Dann klopft es rascher, wie vor Scham,
Daß dies Gefühl es überkam,
Wie wohl beim Schall von Todtenglocken
Die Athemzüge lauschend stocken.

 

XII.

Still ist die Nacht, am Strande steht
Alp's Zelt, zu End' ist das Gebet,
Die Wachen machten schon die Runde,
Und Alles ruht in dieser Stunde.
Noch eine sorgenvolle Nacht,
Und dann wird ihm Ersatz gebracht
Für allen Kummer und gewährt
Was Lieb' und Rache längst begehrt.
Die Zeit ist kurz; er muß sich stärken
Durch Schlaf zu neuen blutigen Werken.
Jedoch sein Inneres durchzogen
Gedanken gleich erregten Wogen.
Er stand in seinem Heer allein!
Kein Glaubenseifrer konnt' er sein,
Der für den Halbmond freudig stirbt
Und opfermuthig für das Leben
Des Paradieses Lust erwirbt,
Wo Houris liebend ihn umschweben;
Der wilde Feuereifer fehlte
Ihm auch, der manchen Held beseelte,
Der kämpfend für das Vaterland
Auf heimatlichem Boden stand;
Ihn drückt des Vaterlands Verrath,
Er stand allein als Renegat,
Allein in seiner Krieger Schaar,
Wo keiner ihm befreundet war.
Dem Tapfern folgten gern die Leute,
Denn sie gewannen reiche Beute
Und sie gehorchten diesem Meister
Im Herrschen über schwächre Geister;
Doch jeder einzelne verdammte
Ihn, weil von Christenblut er stammte;
Der Neid mißgönnte ihm den Ruhm,
Den unter'm Islam er gewann,
Und seiner Jugend Christenthum
Blieb stets ein Vorwurf für den Mann;
Sie wußten nicht, daß Liebesschmerzen
Den Stolz verdrängen aus dem Herzen,
Wie oft der Haß die Brust durchwühlt,
Die früher Sanfteres gefühlt,
Und wie Verstellung den verzehrt,
Der durch die Rache ward bekehrt.
Er war ihr Herr, und leicht regiert
Die Schlimmsten auch, wer kühn sie führt,
Dem Löwen unter Schakaln gleich;
Die Beute trifft sein starker Streich
Und jene heulen laut und eilen,
Die blut'gen Reste sich zu theilen.

 

XIII.

Alps Stirn ist heiß, unruhig schlägt
Sein Herz, von Fieberglut erregt,
Er wirft umsonst sich hin und her,
Doch keine Ruhe findet er;
Denn schon den ersten Schlummer stört
Ein jeder Laut, den leis er hört.
Sein Turban dünkt ihm eine Last,
Des Panzers Druck erstickt ihn fast;
Und früher raubte sein Gewicht
Ihm doch des Schlummers Wohlthat nicht,
Wenn unter keines Zeltes Dach
Am harten Boden oft er lag,
Und ihn ein rauherer Himmel deckte,
Als hier sich über ihm erstreckte.
Er konnt' in seinem Zelte nicht
Ausharren bis zum Morgenlicht
Und wanderte nun nach dem Strande;
Tausende schliefen auf dem Sande,
Sie schliefen fest! Warum allein
Mußt' er von allen schlaflos sein?
Sie trifft der Tod vielleicht schon heute,
Und sorglos träumen sie von Beute
Und denken jetzt nicht an Gefahr;
Wie kam's, daß ruhelos er war
Und um den Schlummer sie beneidet,
Der seine heißen Augen meidet?

 

XIV.

Und leichter wird ihm, als er fühlt,
Daß ihn die frische Nachtluft kühlt.
Klar ist der Himmel und gelind
Umfächelt ihn der leise Wind;
Vor ihm in dunkler Ferne dehnt,
In vielen Buchten ausgezähnt,
Lepanto's Golf sich; drüber glänzt
Sich spiegelnd in der klaren See
Der ewig unberührte Schnee,
Der Delphi's Berge rings bekränzt.
Mag alles durch die Zeit vergehn,
Er wird ihr immer widerstehn;
Tyrannen und Tyrannenknechte
Verfielen ihrem strengen Rechte,
Doch dieser Schleier, weiß und zart,
Hat immer seinen Sitz bewahrt,
Um stets, hoch über allen Trümmern,
In ewig schönem Glanz zu schimmern!
Und einem Leichentuche gleich
Erhebt er sich in's Wolkenreich.
Als ihrer Heimat sie entflog,
Legt ihn die Freiheit hin so hoch
Und schied dann zögernd von dem Orte,
Wo sie gesprochen heil'ge Worte.
Manchmal ist leis' ihr Schritt zu hören
Bei den zertrümmerten Altären
Und weckte gern ruhmvolle Rechte
In dem entarteten Geschlechte;
Doch jetzt ist ihr die Kraft versagt,
Bis einst so schön es wieder tagt,
Wie damals, als die Perser flohn
Und lächelnd hinschied Sparta's Sohn.

 

XV.

Alp hatte jener großen Zeit
Trotz schlimmer Thaten oft gedacht,
Und jetzt, hinschreitend durch die Nacht,
Träumt' er von der Vergangenheit,
Als mancher Held hier rühmlich fiel
Im Kampfe für ein beßres Ziel;
Und ach! wie zweifelhaft und klein
Schien dann sein eigner Ruhm zu sein!
Er ein Verräther zog das Schwert
Jetzt für ungläubige Barbaren,
Wo schmachvoll selbst die Lorbern waren,
Die ihm der Sieg als Preis gewährt.
Nein, Solches hatten nie gethan
Die Helden seiner Phantasie.
Sie führten ihre Phalanx an
Und nicht vergebens kämpften sie;
Denn ihre Namen lebten fort;
Sie trug der Sturm von Ort zu Ort,
Sie klangen, wenn die Woge brauste
Und wenn der Wind im Walde sauste!
Einsam steht manches Monument,
Das ihren Ruhm der Nachwelt nennt;
Er scheint die Quellen zu umschweben
Und die Gebirge zu umgeben;
Der kleinste Bach, die größten Flüsse
Sie rauschen noch wie Geistergrüße.
Trotz seines Jochs ist dieses Land
Mit jedem Ruhme noch verwandt!
Wo Menschen Großes unternahmen,
Da nannten auch sie Hellas' Namen,
Sie zeigten drauf, und so geweiht
Bekämpften kühn sie die Tyrannen,
Bis ruhmvoll sie im edlen Streit
Tod oder Freiheit sich gewannen.

 

XVI.

Versunken noch in solchem Traume
Stand Alp am schmalen Ufersaume.
Nie wechselt hier des Meers Gestalt,
Wo weder Fluth noch Ebbe wallt,
Daß selbst die ungestümsten Wellen
Nicht weit das Ufer überschwellen.
Dem Mond ist hier die Kraft genommen,
Er sieht sie gehen, sieht sie kommen
Und gibt die Macht gleichgültig auf,
Zu regeln ihren wilden Lauf.
Der Fels sieht zwar die Brandung nahn,
Doch kommt sie nie zu ihm heran,
Der Schaum zieht unveränderlich
Am Ufer stets denselben Strich,
Und nur ein Streif von gelbem Sande
Trennt hier die See vom grünen Lande.

Und Alp verfolgte seine Bahn
Und kam dicht an die Stadt heran,
Es mußt' ihn wohl der Feind nicht sehn,
Wie konnt' er sonst dem Tod entgehn?
Gibt's denn Verrath im Christenheer,
Und ist sein Muth so stark nicht mehr?
Genug, es blitzt nicht auf dem Walle,
Kein Schuß ertönt mit lautem Knalle,
Und dennoch stand er nahe vor
Der Schanze bei dem Hafenthor;
Er konnte drin die Wachen sehn
Und ihre Worte fast verstehn,
Und hörte deutlich schon die Tritte
Gleichmäßig abgemeßner Schritte;
Und magre Hunde sah mit Grausen
Er bei dem Wall an Leichen schmausen,
Sie zerrten knurrend dran herum
Und sahen kaum nach ihm sich um;
Ein blut'ger Schädel lag entblößt
Von Fleisch, das sie davon gelöst,
Und knirschend spielten sie damit,
Wenn ihren Zähnen er entglitt;
Und sie erhoben kein Gebelle
Und rührten kaum sich von der Stelle,
Denn bei dem eklen Mahle hier
Hielt fest sie ihre wilde Gier.
Und Alp erkannte dann im Sande
Auch manchen Turban seiner Bande,
Und ihre Farbe, grün und roth,
Zeigt, daß die Besten traf der Tod.
An jedem glattgeschornen Kopf
Saß von dem Haare noch ein Schopf,
Der, wenn ein Hund am Schädel nagte,
Hervor aus seinem Rachen ragte.
Auch stand noch weiterhin am Golfe
Ein Geier neben einem Wolfe,
Sie mußten bei den Menschenleichen
Wohl jenen wilden Hunden weichen
Und rissen hier in großen Stücken
Das Fleisch von einem Pferderücken.

 

XVII.

Alp wandte sich voll Ekel fort
Von diesem widerlichen Ort;
Er konnte leichtern Muths in Schlachten
Die Schmerzen Sterbender betrachten,
Die mit des Durstes glühnden Plagen
In ihrem warmen Blute lagen,
Als diesen Anblick, den der Tod
In häßlichster Gestalt ihm bot.
Im Sterben selbst zuckt oft genug
Noch um den Mund ein stolzer Zug,
Denn Ehre winkt dem kühnen Muthe
Und Ruhm entspringt aus solchem Blute!
Doch nach dem Kampf geht selbst ein Held
Voll Trauer durch das Leichenfeld,
Wo Hunde, Wölfe, Geier, Raben
Und Würmer sich versammelt haben,
Als ob an dieser reichen Beute
Von Menschen jedes Thier sich freute.

 

XVIII.

Es stehen hart am Fuß der Veste
Noch einige alte Tempelreste;
Und an den Säulen überzieht
Das Moos den Marmor und Granit.
Muß auch das Künftige vergehn
Gleich Allem, was vor uns geschehn?
O pfui der harten Macht der Zeit!
Sie läßt von der Vergangenheit
Nur solche dürftige Reste dauern,
Daß wir bei ihrem Anblick trauern.
Wie wir, so werden unsre Söhne
Zerbröckelt schauen alles Schöne, –
In Marmortrümmern schwache Spuren
Von staubgebornen Kreaturen!

 

XIX.

Alp saß auf einem Säulenfuße,
Den Kopf gestützt mit seiner Hand,
Wie mancher Mann, der volle Muße
Zu traurigen Gedanken fand.
Das Haupt sank auf die Brust ihm nieder,
Und fiebernd zuckten seine Glieder;
Er fühlte seine Pulse wogen,
Und über seine Stirne flogen
Die Finger oft in wilder Hast,
Wie man sie auf und niedergleiten
Sieht, wenn ein Meister in die Saiten
Der Cither präludirend faßt.
Den Nachtwind hört' er leise stöhnen
Und horchte trauernd diesen Tönen.
War es des Windes Klaggesang,
Der zärtlich wie ein Seufzer klang?
Er hob das Haupt und sah das Meer
So glatt, als ob's ein Spiegel wär',
Das hohe Gras bewegt sich nicht,
Was war's denn, das so klagend spricht?
Er sah die Fahnen sich nicht regen,
Kein Blatt der Bäume sich bewegen,
Er fühlte keines Lüftchens Zug,
War dieser Ton denn Sinnentrug?
Da wandt' er sich – und, jung und schön,
Sah er ein Mädchen vor sich stehn!

 

XX.

Und mehr erschrocken stand er da,
Als wär' ein Feind in Waffen nah:
»Gott meiner Väter!« rief er aus,
»Wer bist du, daß du bis hierher
Zu nahen wagst dem fremden Heer?
Was trieb dich aus der Stadt heraus?«
Er hätte fast das Kreuz gezeichnet,
Woran den Glauben er verleugnet,
Wenn nicht die Hand den Dienst versagte,
Weil das Gewissen ihn verklagte;
Er sah sie an und kannte bald
Die schöne reizende Gestalt:
Francesca war es, seine Braut,
Die jetzt sein Auge staunend schaut!

Noch blühten rosig ihre Wangen,
Doch milder war ihr zartes Roth
Und auch das Lächeln war jetzt todt,
Das ihre Lippen einst umfangen;
Mit ihren Augen im Vergleich
Schien ihm das blaue Wasser bleich;
Doch auch ihr Blick war ruhig kalt,
Dem Meere gleich, das unten wallt.
Ein spärliches Gewand versteckte
Den Busen kaum, den es bedeckte,
Des dunklen Haares reiche Fülle
Fiel auf die nackten Schultern nieder,
Die zwischen dieser schwarzen Hülle
Hell glänzten wie des Schwans Gefieder.
Sie wollte sprechen, doch zuvor
Hob sie die blasse Hand empor
Mit Fingern so durchsichtig fein,
Als dräng' hindurch des Mondes Schein.

 

XXI.

»Den Schlummer fliehend mußt' ich gehn
Und den Geliebten wiedersehn!
Ich komme her zu seinem Segen
Und meines eignen Glückes wegen.
Zu suchen dich, bin ohne Bangen
Durch Thor und Wachen ich gegangen.
Vor einer reinen Jungfrau zieht
Der Löwe sich zurück und flieht,
Und jener Gott, der wilden Thieren
Verbot, die Reinen anzurühren,
Hat über mir die Hand gehalten
Zum Schutz vor feindlichen Gewalten.
Ist dieser Gang umsonst geschehn,
So wirst du nie mich wieder sehn!
Du hast, Unseliger, verblendet
Von unserm Gott dich abgewendet,
Doch wirf den Turban fort, erkenne
Das Kreuz an und gehöre mir!
Daß nichts von morgen an uns trenne,
Wirf diese schwarze Schuld von dir!«

»Wird denn das Brautbett uns gemacht
In dem Gewühl der heißen Schlacht?
Denn morgen stürzen in den Flammen
Die Christentempel wohl zusammen.
Dich und die Deinigen rett' ich nur,
Ich schwor's und halte meinen Schwur;
Dich aber trag' ich sicher fort
Nach einem lieblich stillen Ort,
Wo jeden Kummer wir vergessen,
Dort bist du meine Braut; indessen
Will ich den Stolz Venedigs beugen
Und dem verhaßten Volke zeigen,
Wie dieser Arm den Hochmuth zähmt,
Der seines Unrechts sich nicht schämt,
Ich, dessen sie nicht wollten schonen,
Will peitschen jetzt sie mit Skorpionen!«

Sie faßte seine Hand, sie drückte
Nur leicht, doch bis in's Mark durchzückte
Ihn dieser Druck, sein Blut gerann
Und regungslos sah er sie an.
Die leichte Hand, so todtenkalt,
Hielt ihn mit zwingender Gewalt;
Und niemals mochte größern Schrecken
Wohl solch ein Liebesdruck erwecken,
Als Alp in jener Nacht empfand
Von dieser zarten Marmorhand.
Es wich von ihm die Fiebergluth,
Sein Herz stand still, ihm sank der Muth;
Denn anders war ihr Angesicht
Als sonst, und fast erkannt' er's nicht.
Schön war es noch, jedoch ihm fehlte
Der Zug, der früher es beseelte,
Um es so heiter aufzuhellen,
Wie Sonnenschein das Spiel der Wellen;
Den todten blassen Lippen auch
Entströmte jetzt kein warmer Hauch;
Er sah den Busen sich nicht heben,
Die Wangen ohne Blut und Leben.
Die Augen blickten aus dem Thor
Der Lider starr und wild hervor.
Wie wir sie bei Nachtwandlern sehn,
Die träumend uns vorübergehn,
Und wie von seidenen Tapeten
Die Bilder uns entgegentreten
Und bei der Lampe schwachem Flimmern
Als starre Nachtgespenster schimmern,
Als wollten sie im grausigen Reigen
Herab aus ihren Rahmen steigen,
Wo sie sich hin und her bewegen,
So oft sich stärkere Lüfte regen.

»Rührt dich nun auch die Liebe nicht,
So denk an Gottes Strafgericht,
Noch einmal sag ich's: wirf bekehrt
Den Turban fort, der dich entehrt,
Und schone deiner Brüder Leben,
Sonst kann's für dich kein Heil mehr geben;
Denn du verlierst für alle Zeit
Sonst mich und einst die Seligkeit!
Doch folgst du mir, so wartet dein
Zwar immer noch ein langes Büßen,
Doch wird's ein Theil der Sühne sein
Und dir des Himmels Thor erschließen,
Dem du zu trotzen hast versucht,
Der, wenn du zauderst, dich verflucht.
Durch dies allein versöhnst du ihn,
Jetzt oder nie wird dir verziehn!
Du siehst das Wölkchen, zart und leicht,
Das jetzt am Mond vorüberstreicht;
Wenn, während uns des Mondes Bild
Der luft'ge Schleier noch verhüllt,
Dein Herz sich nicht zur Buße wendet,
So ist die Gnadenfrist beendet,
Und düster wird dein Loos auf Erden,
Doch düstrer noch das Jenseits werden!«

Alp sah gen Himmel und erkannte
Das Zeichen dorten, das sie nannte;
Jedoch sein Herz war übervoll
Von Stolz, der ungebändigt schwoll,
Der nun verletzt empor sich bäumte
Und gleich dem Waldstrom überschäumte.
Er sollt' um Gnade flehn und fliehn
Vor eines Mädchens Phantasien!
So tief beleidigt sollt' als Sieger
Verschonen er Venedigs Krieger!
Nein! und wenn's aus der Wolke wettert
Und ihn ein Blitz daraus zerschmettert!

Und schweigend sah er starr empor
Nach jenem zarten Wolkenflor;
Er sah ihn still vorüberziehn,
Bis ihn der Vollmond hell beschien,
Und sprach: »Was auch bevor mir steht,
Ich wanke nicht – es ist zu spät.
Wenn auch das Rohr im Sturme zittert,
Die Eiche steht, bis sie zersplittert.
Venedig konnte mich vertreiben,
So will ich denn verbannt auch bleiben;
Ihm schwor ich Haß, doch Liebe dir,
Mein sollst du sein, entflieh mit mir!«
Er sah sich um, – er war allein;
Nichts sah er als den kalten Stein.
Hat denn der Boden sie verschlungen?
Hat in die Luft sie sich geschwungen?
Er wußte nicht, wie sie verschwand,
Nur, daß sie nicht mehr vor ihm stand.

 

XXII.

Die Morgendämmerung versprach
Der Menschheit einen heitern Tag,
Aus purpurfarbnem Nebelflor
Stieg schon die Sonne hell empor.
Doch horch, wie die Trompet' erschallt,
Der Trommeln Ton dazwischen hallt!
Hörst du der Hörner rauhe Klänge,
Der Rosse Wiehern im Gedränge,
Der ersten Flintenschüsse Knattern?
Siehst du im Wind die Fahnen flattern,
Um die sich jede Schaar vereint?
Schon tönt der Ruf: der Feind, der Feind!
Roßschweife wehen an den Spitzen
Der Reiterschwärme, Säbel blitzen,
Und bald reißt das Kommandowort
Zum wilden Angriff alles fort.
Brecht auf und stürmt voran, ihr Schaaren
Von Turkomanen und Tataren,
Braust durch das Thal hin und ergreift
Das Volk, das fliehend es durchstreift!
Laßt keinen von den Christen drinnen,
Ob jung, ob alt er sei, entrinnen,
Wenn's Fußvolk, das zum Wall hin drängt,
Sich durch die blutige Bresche zwängt.
Sieh, wie die Rosse schnaubend tanzen!
Die Mähnen flattern, weißer Schaum
Deckt jeden straffgezognen Zaum,
Die Reiter heben hoch die Lanzen;
Die Lunte brennt bei den Geschützen,
Die man dem Wall entgegen richtet,
Der, jetzt schon schwach, von ihren Blitzen
In kurzer Zeit wohl wird vernichtet.
Alp führt das Janitscharencorps,
Er hält den nackten Arm empor,
Der den entblößten Säbel schwingt;
Und dort, von Pascha's dicht umringt,
Hält der Vezier in stolzer Pracht,
Bis donnernd der Signalschuß kracht.
Laßt nichts Lebendiges in Korinth,
Der Priester am Altar, das Kind
Darf euch nicht rühren, und kein Herd,
Kein Stein des Walls bleib' unversehrt!
Allah und Mahomet! Allahu!
So jauchzet laut dem Feinde zu!

»Dort seht ihr die Bresche, legt Leitern daran,
Den Säbel geschwungen, und bald ist's gethan!
Wer als Erster das Kreuz da zu Boden mir reißt,
Der erhält, was er selbst als das Köstlichste preist!«

So sprach Kumurgi zu dem Heere,
Als Antwort klirren tausend Speere –
Ein tausendstimmiger Schrei ertönt,
Als endlich der Signalschuß dröhnt!

 

XXIII.

Wie Wölfe, die mit wilden Sprüngen
Den mächtigen Büffelstier umringen –
Laut brüllt er, seine Augen blitzen,
Er stampft und senkt die Hörnerspitzen,
Zertritt und schleudert himmelan
Die Ersten, die zu kühn ihm nahn –
So stürmen sie dem Wall entgegen
Und stürzen in den Kugelregen.
Und mancher Leib, gehüllt in Stahl,
Bedeckt zerschmettert schon das Thal,
Indem das Blei den Boden pflügt,
Wo jetzt bewegungslos er liegt.
Man kann in Reihn sie liegen sehn;
Wie Gras, das abends, wenn das Mähn
Gethan ist, rings die Wiese deckt,
So liegen sie dahingestreckt.

 

XXIV.

Wie wenn die Springflut brausend stürmt,
Die hoch sich an den Klippen thürmt,
Und von dem heft'gen Wogenprallen
Felsbrocken donnernd niederfallen,
Gleich den Lawinen, deren Schnee
Herabstürzt in den Alpensee:
So wurden auch, erschöpft und matt,
Jetzt die Vertheidiger der Stadt
Von jenem stets erneuten Schwalle
Herabgeschleudert von dem Walle.
Sie standen fest, und dicht vereint
Erlagen endlich sie dem Feind.
In dem Getöse ringsherum
War nur, was todt war, still und stumm;
Der Säbel Klirr'n, der Sieger Schrei'n,
Der Sterbenden angstvolles Stöhnen
Erscholl hier graunvoll im Verein
Mit der Geschütze Donnertönen.
Und ferne Städte horchten auf
In bangen Zweifeln, ob der Lauf
Der blutigen Schlacht sich für sie wende
Zu schlimmem oder günstigem Ende.
Weithin durch Berg und Thal erschallt
Der Donnerton, das Echo hallt
Und trägt des Schlachtengottes Wort
Es wiederholend, weiter fort.
Und deutlich drang der Schall gewiß
Nach Megara und Salamis,
Doch sagt man, daß gehört er sei
In des Piräus ferner Bai.

 

XXV.

Bis an den Griff hinunter hingen
Blutstropfen an den Säbelklingen;
Der Feind hat schon den Wall erstiegen
Und plündert mordend, statt zu siegen,
Und aus dem Dom erschallt dabei
Der Frau'n und Kinder Klaggeschrei.
In allen Gassen sieht Soldaten
Und Flieh'nde man im Blute waten,
Doch wo nur für den Widerstand
Ein vortheilhafter Platz sich fand,
Da bleiben oft zwölf oder zehn,
Sich wieder sammelnd, trotzig stehn
Und wehren sich noch so gedeckt,
Bis Uebermacht sie niederstreckt.
Ein alter Mann mit weißem Haar
Stand noch und kämpfte, doch es war
Noch stark sein Arm, und wacker wehrt
Den Feind noch ab sein tapfres Schwert,
Und vor ihm lag, von seinen Streichen
Gefällt, ein Kreis von Türkenleichen.
Noch nicht umringt und unverletzt
Zog langsam er zurück sich jetzt.
Wohl manche Narb' aus alter Zeit
Verhüllt sein blankes Panzerkleid,
Doch zeigte solcher Wunden Spur
Des Leibes Vorderseite nur;
Er war ein Greis, an Kraft indessen
Konnt' er mit Jünglingen sich messen
Und kämpft' allein mit einer Schaar,
Zahlreicher als sein dünnes Haar.
Sein scharfes Schwert verschonte Keinen
Und machte manche Mutter weinen
Um Söhne, die ihr Arm noch trug,
Als es den ersten Türken schlug.
Ihm war vor vielen Jahren schon
Im Kampf geraubt der einz'ge Sohn,
Und seit dem Tag, an dem er fiel,
War Rache nur des Vaters Ziel,
Und hundert Feinde mußten's büßen,
Um seinen Schmerz ihm zu versüßen.
Beruhigt man die Schatten so,
So ward Patroklus nicht so froh
Im Hades durch Achillens Hand,
Als dieser junge Venetianer,
Der an dem Strande der Trojaner
Gleich ihm ein frühes Ende fand.
Die Erde sollt' auch diesen haben,
Wo Tausende vor ihm begraben!
Was blieb, um Zeugniß uns zu geben
Von ihrem Tod und ihrem Leben?
Bedeckt von keinem Leichensteine
Sind längst vermodert die Gebeine,
Doch lebt ihr Ruhm noch in den Klängen
Von ewig göttlichen Gesängen!

 

XXVI.

Horch, wie sie Allah schrein! es naht
Mit seiner Schaar der Renegat.
Sein bloßer Arm ist stets gewohnt,
Daß stark er trifft und nichts verschont –
Nackt bis zur Schulter, scheint den Leuten
Den Weg zum Sieg er anzudeuten.
Wohl mancher prahlt mit schönrer Zier
Und reizt der Feinde Beutegier
Und trägt ein Schwert mit reicherm Griffe,
Doch Keiner eins von schärferm Schliffe.
Wo mancher Turban prächtiger nickt,
Wird auf den nackten Arm geblickt!
Ihm folgt in's dichteste Gedränge
Blindlings vertrauend stets die Menge;
Er reißt sie mehr als alle Fahnen
Vorwärts auf der Zerstörung Bahnen!
Nie trieb ein Banner so verwegen
Die Delhi's einem Feind entgegen!
Und wo man diesen Arm wird sehn,
Da werden stets die Besten stehn;
So laut die Feind' um Gnade schrein,
Dort wird sie nicht zu finden sein.
Doch schweigend liegt auch mancher Brave
Und sehnt sich nach dem Todesschlafe,
Ein andrer sucht mit schwachen Streichen
Sterbend den Feind noch zu erreichen,
Den neben sich, bedeckt mit Wunden,
Im Fall am Boden er gefunden!

 

XXVII.

Noch aufrecht stand der alte Mann,
Und Alp hielt mit den Seinen an.
»Ergib dich!« rief er ihm entgegen,
»Um deinet und Francescas wegen!«
»Nie, Renegat! und gäbst du mir
Ein ew'ges Leben, weich ich dir!«
»Und soll denn auch Francesca sterben,
Will denn dein Stolz auch sie verderben?«
»Sie ist gerettet!« – »Wo?« – »Dort oben,
Wo kein Verräther sie erreicht,
Rein hat sie sich zu dem erhoben,
Vor dem dein falsches Herz erbleicht.«
Und graunvoll lächelt das Gesicht
Minotti's, als dies Wort er spricht,
Vor dem jetzt Alp zusammenbrach,
Als ob ihn träf' ein Donnerschlag.
»O Gott, wann starb sie?« – »Diese Nacht –
Auch wein' ich nicht, daß sie entschlafen,
Mein reiner Stamm zeugt keine Sklaven
Für Mahomets und deine Macht!
Wehr dich!« – Er ruft umsonst ihn an,
Schon tritt der Tod an Alp heran;
Denn während aus Minotti's Munde
Dies Wort ihm eine schlimmre Wunde
Versetzt', als wenn des Alten Schwert
Sich hätte gegen ihn gekehrt,
War auch auf Alp ein Schuß gefallen
Aus einer nahen Kirche Hallen,
Wo noch die letzten Christenkrieger
Verzweifelnd kämpften mit dem Sieger.
Die Kugel bohrte sich in's Hirn
Und eh noch Blut befleckt die Stirn,
Sank taumelnd schon der Körper um;
Durch's Auge schoß zum letzten Mal
Gleich einem Blitz ein Feuerstrahl,
Dann ward es Nacht um ihn herum,
Und leises Zucken nur und Beben
Bewies der Glieder letztes Leben.
Man hob ihn auf, und blutbefleckt
War sein Gesicht und staubbedeckt,
Von Blut war auch der Mund ihm voll,
Das dunkel aus der Tiefe quoll;
Des Herzens Schläge stockten schon,
Man hörte keinen Klageton,
Kein Röcheln aus dem starren Munde
Verkündigte die Todesstunde;
Noch eh er denken konnt' an's Beten,
War schnell der Tod herangetreten;
Trost gab ihm keines Priesters Rath,
Er starb – als wahrer Renegat.

 

XXVIII.

Alp war zu Boden kaum gefallen,
Und laut ertönt' ein Schrei von allen,
Denn mit dem Wuthgeheul der Freunde
Erscholl der Jubelruf der Feinde;
Dann brach der Kampf von neuem los,
Der Säbel Schlag, der Speere Stoß
Begann von beiden Seiten wieder
Und warf noch manchen Tapfern nieder.
Doch zog Minotti Schritt vor Schritt
Langsam zurück sich, und er stritt
Mit einer kleinen tapfern Schaar,
Die treu ergeben ihm noch war,
Noch muthig um die wen'gen Reste,
Die sein noch blieben in der Veste.
Er hielt die Kirche noch besetzt,
Aus der die Todeskugel kam,
Die an dem schlimmsten Feinde jetzt
Für tausend Christen Rache nahm;
Und diese sucht' er, zwischen Leichen
Hinschreitend, kämpfend zu erreichen.
Und alle hielten sie das Schwert
Noch den Verfolgern zugekehrt
Und kamen dann auf blut'ger Bahn
Bei jenen Freunden endlich an,
Um so, gesichert durch die Mauern
Der Kirche, länger auszudauern.

 

XXIX.

Kurz war die Frist. Stets wuchs die Zahl
Der Feind' und ihre Wuth zumal,
Denn in dem furchtbaren Gedränge
Gab's keinen Ausweg für die Menge;
Ein enger Pfad nur war vorhanden
Zum Ort hin, wo die Christen standen.
Hätt' einer auch zu fliehn versucht,
Ihm wär' der Weg zu jeder Flucht
Versperrt gewesen, und ihm bot
Sich nur die Wahl: Sieg oder Tod!
Die ersten fall'n, doch sterbend sehn
Sie schon die Rächerschaar erstehn;
Wo eine Lück' ist in den Reihn,
Tritt auch ein frischer Kämpfer ein,
Und vor den stets erneuten Streichen
Beginnt die Christenmacht zu weichen.
Die Türken dringen endlich vor
Bis an das schwere Eisenthor;
Noch widersteht's, aus allen Ritzen
Der Mauer zielen wackre Schützen,
Und eine Kugelsalve bricht
Aus jedem Fenster hageldicht.
Jedoch es schwankt das Thor, es kracht,
Es biegt sich – stürzt – es ist vollbracht –
Vergeblich ist's zu widerstehn,
Korinth muß endlich untergehn!

 

XXX.

Und düster blickend stand allein
Minotti neben dem Altar,
Und oben strahlte wunderbar
Der Jungfrau Bild im Farbenschein,
Die Augen blickten hell und milde
Auf ihn herab aus ihrem Bilde;
Sie sollte die Andächt'gen lehren
Den Blick zu Gott emporzukehren
Und anzuflehen sein Erbarmen;
Sanft lächelt sie bei den Gebeten,
Das Jesuskindlein in den Armen
Und wird im Himmel sie vertreten;
Auch jetzt noch war ihr Lächeln da,
Wo doch den blut'gen Kampf sie sah.
Minotti schlug den Blick empor,
Bekreuzigte sich noch zuvor
Und faßte seufzend mit der Hand
Die Fackel, die am Altar stand;
Indessen drang der Feinde Strom
Mit Feu'r und Schwert schon in den Dom.

 

XXXI.

Und in den Grabgewölben lagen
Die Todten in den Sarkophagen;
Der Kirche Marmorgrund bedecken
Jetzt überall blutrothe Flecken,
Die Namen drauf, die Wappenschilder
Und in den Stein gegrabne Bilder
Beschmutzt und schlüpfrig sind sie heut,
Mit Waffentrümmern dicht bestreut;
Und oben lag auch manche Leiche
Wie drunten in dem Todtenreiche;
Im trüben Licht sieht Gitterthüren
Man zu den Särgen abwärts führen,
Der Krieg drang auch in diese Tiefen,
Und da, wo still die Todten schliefen,
War jetzt ein Magazin errichtet
Und rings der Zündstoff aufgeschichtet;
Der Christen Pulverschätze lagen
Darin seit den Belagrungstagen:
Ein Faden ging, sie anzuzünden,
Hinab zu diesen Kellergründen,
Der in der äußersten Gefahr
Minotti's letzte Zuflucht war.

 

XXXII.

Da naht der Feind; die Christen kehren
Umsonst zurück, ihn abzuwehren;
So klein ist ihre Zahl geworden,
Daß viele Türken schon zu morden
Nichts finden und mit ihren Streichen
Die Köpfe trennen von den Leichen;
Sie plündern, schlagen von den Wänden
Die Bilder, reißen die Gefäße,
Die sonst gedient der heil'gen Messe,
Sich aus den beutegier'gen Händen,
Sie dringen vor zum Hochaltar
Und o wie strahlt er wunderbar!
Denn auf dem Gottestische sehn
Den Kelch vom reinsten Gold sie stehn;
Wie glänzt und lockt er, und wie heiß
Entbrennt die Gier um solchen Preis!
Am Morgen war der heil'ge Wein,
Das Blut, das Christus einst vergossen,
Zum letzten Kampfe sie zu weihn,
Noch von den Gläub'gen draus genossen.
Dann glänzen noch mit hellem Strahl
Zwölf Lampen rings um den Pokal,
Als sollt' ihr weißer Silberschein
Der letzte, höchste Kampfpreis sein!

 

XXXIII.

Schon mancher Arm ist ausgestreckt
Und nach dem Kelch emporgereckt,
Doch nun berührt Minotti's Hand
Die Leitung mit dem Feuerbrand –
Da kracht es auf! Des Domes Chor,
Gewölb' und Thurm hebt sich empor,
Des Kreuzes und des Halbmonds Krieger
Mit den Besiegten auch die Sieger,
Die Leichen selber aus den Grüften
Wirbeln zerrissen in den Lüften!
Die Stadt erbebt, die Mauern fallen,
Es schäumt das Meer, die Wogen wallen,
Die Berg' und Felsen ringsum zittern,
Wie sonst nur bei der Erde Schüttern,
Und Alles fliegt formlos zusammen
Zum Himmel auf in Rauch und Flammen;
Es hört in diesem Schreckenston
Des Kampfes Ende die Nation!
Wie mancher Tapfre schwebt jetzt oben,
Raketengleich emporgehoben,
Und wird verstümmelt und verbrannt
Hinabgeschleudert in das Land!
Im Aschenregen fallen Glieder
Von Leichen auf die Ebne nieder,
Und viele stürzen in das Meer,
Daß hoch aufspritzt der Wogen Schaum,
Und andre liegen rings umher
Am Isthmus auf dem Ufersaum.
Die eignen Mütter könnten nicht
Erkennen mehr ihr Angesicht!
Und ach, wohl keine Mutter dachte,
Als noch sie bei des Säuglings Wiege
Um seinen Schlummer sorgend wachte,
Daß einst er hier verstümmelt liege!
Nichts mehr ist jetzt daran zu kennen,
Was menschengleich man könnte nennen,
Zerschlagne Schädel sind's und Knochen,
Verkohlt, zersplittert und zerbrochen!
Und Balkenstücke, schwarz gesengt
Und brennend, sind damit vermengt,
Und mancher glühnde Mauerstein
Bohrt tief sich in den Boden ein.

Rings war bei diesem Donnerton
Was Leben hatte, rasch geflohn;
Die Geier und wilden Hunde weichen
Kreischend und heulend von den Leichen,
Kamele brechen aus der Hürde,
Der Stier zersprengt des Joches Bürde,
Das edle Roß zerreißt den Zügel
Und stürmt dahin, als hätt' es Flügel;
Der Frösche Stimme, hohl und dumpf,
Tönt lauter in dem nahen Sumpf;
Es heult der Wolf im fernen Wald,
Als im Gebirg das Echo hallt,
Die Schakals winseln leis und stöhnen
In ihren melanchol'schen Tönen;
Mit raschem Flügelschlag verläßt
Der Adler selbst sein Felsennest,
Um nach der Sonn' emporzuziehn
Und den Rauchwolken zu entfliehn – –
So ward des Islams Sieg errungen
Und so die Stadt Korinth bezwungen!

Anmerkungen zur Belagerung von Korinth.

Byron schickt diesem Gedichte, das er 1815 in London schrieb, folgende geschichtliche Notiz voraus, als die historische Grundlage des Poems:

»Die große Armee der Türken, welche im Jahre 1715 unter dem Befehle des Großveziers sich einen Weg in das Herz von Morea bahnen und Napoli di Romania, den bedeutendsten Platz im ganzen Lande, belagern sollte, hielt es für das Zweckmäßigste, zunächst Korinth anzugreifen, und machte zu wiederholten Malen Sturm auf diese Stadt. Als die Garnison schwächer wurde und der Gouverneur die Unmöglichkeit erkannte, sich gegen eine solche Uebermacht zu halten, entschloß er sich zu kapituliren; aber während man noch über die Artikel verhandelte, flog durch Zufall eins der türkischen Magazine mit 600 Fässern Pulver in die Luft, wobei sechs – bis siebenhundert Menschen um's Leben kamen. Dieses Ereigniß brachte die Ungläubigen in solche Erbitterung, daß sie auf keine Kapitulation mehr eingehen wollten und nun den Platz mit solcher Wuth bestürmten, daß sie ihn einnahmen und den größten Theil der Besatzung, sammt Minotti, dem Gouverneur, über die Klinge springen ließen. Der Rest, mit Antonio Bembo, dem außerordentlichen Proveditore, ward gefangen genommen.«

Geschichte der Türken, 3. Band, S. 151.

Die nachfolgenden Bemerkungen sind vom Dichter selbst beigefügt.

» Kumurgi, dessen Lebensziel
Eugen hernach mit Ruhm noch krönte
.« Seite 10.

Ali Kumurgi, der Günstling dreier Sultane und Großvezier Achmet's III., wurde, nachdem er in einem Feldzug den Peloponnes den Venetianern wieder entrissen hatte, in dem folgenden Kriege, wider die Deutschen, in der Schlacht bei Peterwardein (in der Ebene von Karlowitz) in Ungarn, als er eben seine Garden sammeln wollte, tödtlich verwundet. Er starb an seiner Wunde am nächsten Tage. Sein letzter Befehl war die Enthauptung des Generals Brenner und einiger andern deutschen Gefangenen, und seine letzten Worte: »Könnt' ich allen Christenhunden so dienen!« – eine Rede und eine Handlung, Caligula's nicht unwürdig! Er war ein junger Mann von großem Ehrgeiz und maßlosem Hochmuth. Als man ihm sagte, Prinz Eugen, der ihm damals gegenüberstand, sei ein großer Feldherr, antwortete er: »Ich werde ein größerer werden, und auf seine Kosten!«

» Ein blutiger Schädel lag entblößt.« Seite 20.

Dieses Schauspiel, wie es hier beschrieben ist, habe ich unter den Mauern des Serails in Konstantinopel, in den kleinen, vom Bosporus ausgewaschenen Höhlungen des Felsens gesehen, der zwischen den Mauern und dem Wasser eine schmale Terrasse bildet. Die Leichname waren vermuthlich die einiger widerspenstigen Janitscharen.

» Saß von dem Haare noch ein Schopf.« Seite20.

Dieser Zopf oder lange Haarbüschel wird nicht abgeschoren, weil sie glauben, daß sie Mahomet daran ins Paradies ziehen werde.

» Und seit dem Tag, an dem er fiel.« Seite 31.

In der Seeschlacht zwischen Venetianern und Türken am Eingang der Dardanellen.

» Die Schakals winseln leis und stöhnen.« Seite 39.

Ich habe mir, wie ich glaube, eine poetische Freiheit erlaubt, indem ich den Schakal von Asien hieher versetzte. In Griechenland sah und hörte ich diese Thiere nie; aber in den Ruinen von Ephesus habe ich sie zu Hunderten gesehen. Sie hausen in Ruinen und ziehen den Heeren nach.

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