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Dichtungen. Drittes Bändchen. Gjaur. Braut von Abydos. Lara. Parisina.

George Gordon Noël Byron: Dichtungen. Drittes Bändchen. Gjaur. Braut von Abydos. Lara. Parisina. - Kapitel 3
Quellenangabe
authorGeorge Gordon Byron
booktitleDichtungen
titleDichtungen. Drittes Bändchen. Gjaur. Braut von Abydos. Lara. Parisina.
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
year1872
translatorWilhelm Schäffer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die Braut von Abydos.

Eine türkische Erzählung.

 

Wenn wir nie geliebt so herzlich,
Wenn wir nie geliebt so schmerzlich,
Nie gesehn uns, nie gesprochen,
Wär' uns nie das Herz gebrochen.

Burns.

 

Erster Gesang.

1.

Kennt ihr das Land, wo Cypressen und Myrten
Embleme der Thaten, die dorten geschehn,
Wo die Sinne, die haß- und liebeverwirrten,
Jetzt lodern in Wuth, jetzt in Sehnsucht vergehn?
Wo die Ceder ragt, wo die Reben glühn,
Wo die Blumen ewig im Lichte blühn;
Wo des Zephyrs duftige Schwinge leicht
Durch die Gärten Gül's, die lachenden, streicht;
Wo Citron' und Olive im Laub erblinkt,
Und immer der Nachtigall Lied erklingt;
Wo der Erde Tinten, der Wolken Flaum
Wetteifern in leuchtendem Schönheitstraum,
Und wie Purpur glänzet des Meeres Saum;
Wo die Mädchen sanft wie die Rosen sind,
Und nur Uebles der Geist des Mannes spinnt?
'S ist des Ostens Flur, 's ist der Sonne Land –
Kann sie lächeln auf Thaten, wie dort ihr bekannt?
O, wild wie der Liebenden letzt Ade
Sind die Herzen dort und ihr Loos voll Weh.

 

2.

Viel tapfre Sklaven um ihn her,
Gegürtet in des Kriegers Wehr,
Von denen jeder dem Geheiß
Des Herrn gehorchte, saß der Greis,
Der finstre Dschaffir, im Diwán.
Gedankenvoll sein Auge glüht;
Und ob nicht leicht der Muselman
Durch seine Mienen sein Gemüth
Verräth, aus denen Andres nicht
Als eingefleischter Hochmuth spricht,
War in den ernst gefurchten Brauen
Doch heute mehr als sonst zu schauen.

 

3.

»Räumt Zimmer und Haus!« – Der Troß ging hinaus. –
»Ruft den Führer der Haremswacht mir her!«
An Dschaffir's Thron weilt nur sein Sohn
Und der Nubier, der harrt auf des Herrn Begehr.
»Harun! wenn sich durchs äußre Thor
Der Gafferschwarm im Hof verlor,
(Weh Dem, der ohne Schleier je
Mein Kind Zuleika wandeln säh'!)
Hol aus dem Thurm die Tochter mir;
Besiegelt ist das Schicksal ihr;
Doch künd' ihr meinen Willen nicht –
Nur ich vermeld' ihr ihre Pflicht.«

»Gebot ist, Pascha, mir dein Wort.«
Dem Sklaven ziemt' an diesem Ort
Nur solcher Spruch – dann schritt er fort.
Doch Selim hier das Schweigen brach;
Erst neigt' er sich mit stummem Grüßen,
Und mit gesenkten Blicken sprach
Er, stehend zu des Pascha's Füßen;
Denn niemals darf des Moslems Sohn
Sich setzen an des Vaters Thron.

»O Herr, schilt meine Schwester nicht,
Noch ihren Wächter! Wenn die Pflicht
Verletzt ward, ist die Schuld nur mein,
Drum treffe mich dein Groll allein!
Der Morgen war so lind und schön;
Mag schlafen, wer da alt und müd –
Ich konnt' es nicht; und Thal und Höhn
Allein zu schaun, wenn Alles blüht,
Indessen Keiner mit uns tauscht,
Was freudig unser Herz durchrauscht,
Ist peinlich – nie in Lust und Leid
Liebt' ich fürwahr die Einsamkeit.
Zuleika's Schlummer stört' ich sacht,
Und da sich, wie du weißt, vor mir
Leichtlich erschließt die Haremsthür,
Entflohn wir, ehe noch erwacht
Die Hüter, zum Cypressenhain,
Und Erd' und Meer war ihr und mein!
Dort säumten wir, vertieft zu lang
In Medschnun's Mär und Sadi's Sang,
Bis, als mit dumpfem Laut dich schon
Rief zum Diwán der Trommel Ton,
Ich ihren Warnungsschall vernahm,
Und eilends dich zu grüßen kam.
Zuleika blieb noch dort zurück –
Nein, Vater, zürne nicht! – kein Blick
Dringt ja in jenes Laubdachs Nacht,
Als nur das Aug' der Haremswacht.«

 

4.

»Sohn einer Sklavin«, – so entfloß
Das Wort dem Pascha, – »feiger Sproß
Ungläub'ger Mutter, nie und nun
Hoff' ich von dir ein männlich Thun.
Statt Speer und Bogen kampfgemuth
Zu schwingen bei des Renners Schnauben,
Träumst du, von Sinn, wo nicht von Glauben,
Ein Grieche, an des Springquells Flut,
Und schmachtest in der Rosen Hut.
Lieh' jener Ball, deß Morgenglut
Du schläfrig anstaunst für und für,
Doch etwas seines Feuers dir!
Du, der von christlichem Geschoß
Zerschmettert säh' dies alte Schloß;
Ja, der die Hunde Moskau's all
Erstürmen ließe Stambul's Wall,
Und auf der Nazarener Schwarm
Nicht hiebe drein mit tapfrem Arm, –
Geh hin, daß deine weib'sche Hand
Die Spindel statt des Schwerts umspannt!
Du, Harun, hol die Tochter mir!
Denk deines Haupts – und merke dir:
Flieht einmal noch Zuleika nur,
Der Bogen dort – hat eine Schnur!«

 

5.

Kein Laut von Selim's Lipp' entfährt,
Den Dschaffir's lauschend Ohr verstand;
Doch jedes Wort, von Hohn genährt,
Traf schneid'ger als ein Christenschwert.
»Sohn einer Sklavin! – feig genannt!
Von keinem Andern je verwand
Ich solchen Schimpf! Und wer denn ist
Mein Vater?« dacht' er zornentbrannt;
Und wie ein Blitz die Luft durchmißt,
Aufflammt' ein Wuthstrahl, und verschwand.
Der Pascha starrt' auf seinen Sohn,
Und stutzte; denn er sah sofort,
Wie tief verwundet ihn sein Hohn,
Er las im Blick Rebellion.
»Komm hieher, Bursche! – Wie? kein Wort?
Dich kenn' ich, ob du Nichts auch sagst –
Doch Thaten giebt's, die du nicht wagst!
Ja, sproßte männlicher dein Bart,
Und wär' die Hand dir minder zart,
Gern säh' ich einen Speer dich brechen,
Wär's selbst, um dich an mir zu rächen!«
Bei diesen Stachelreden ließ
Er fest sein Aug' auf Selim's ruhn,
Der, Blick um Blick erwidernd, nun
Des Vaters Aug' sich senken hieß,
Daß schier ein Graun ins Herz ihm stieg –
Weshalb – er fühlt' es, doch er schwieg.
»Der trotzige Bursch' gefällt mir nicht;
Mehr ärgern wird mich noch der Wicht.
Ich hab' ihn niemals recht geliebt,
Und – wär' sein Arm nicht ungeübt,
Kaum fähig, auf der Jagd zu fällen
Die scheuen Hinden und Gazellen,
Viel wen'ger noch zum Männerstreit
Um Ruhm und Leben kampfbereit –
Ich traute nicht dem Blick voll Wuth,
Noch dem mir so verwandten Blut.
Dies Blut – er hört mich nicht – doch sacht!
Hinfort sei strenger er bewacht!
Er ist ein Araber für mich,
Ein Christ voll List und Trug und Schlich ...
Doch horch! – Zuleika's Stimm' im Saal!
Wie Hourisang ertönt's von ihr –
Sie ist die Tochter meiner Wahl,
Noch theurer als die Mutter mir.
Ach, all mein Hoffen ruht in dir,
O Peri, stets willkommen hier!
Süß, wie der Wüstenquell dem Mund
Verschmachtender im Palmengrund,
Ist deine Gegenwart für mich;
Kein Pilger kann an Mekka's Schrein,
Wie ich für dich, Gebete weihn –
Gesegnet seist du ewiglich!«

 

6.

Schön, wie das erste Weib im Paradies,
Das, lächelnd auf die böse Schlange hörend,
Sich von dem Schmeichelwort verlocken ließ,
Einmal bethört – und immer nun bethörend;
Hehr, wie das, ach! zu flücht'ge Traumgesicht,
Vor dem im Schlaf des Grames Last entschwindet,
Wo Herz und Herz sich grüßt in Edens Licht
Und hier Verlornes droben wiederfindet;
Sanft, wie der todten Lieb' Erinnrungsglück;
Nein, wie der Kindesseele Andachtsblick –
War sie, die Tochter jenes finstern Schah,
Der sie in Thränen, doch nicht traurig, sah.

Wen dünkten Worte nicht zu arm und schal,
Zu bannen fest der Schönheit Himmelsstrahl?
Wer fühlte nicht, bis, von dem eignen Glück
Geblendet, fast erblindete sein Blick,
Bald roth, bald bleich, verzehrt von Lust und Leid,
Die Macht, die Majestät der Lieblichkeit?
So war Zuleika – also sie umwehn
Die Reize, von ihr selbst nur ungesehn:
Der Anmuth reiner Hauch, der Liebe Licht,
Geist und Musik, die aus den Zügen spricht,
Das Herz, das ganz von weicher Sanftmuth schwoll,
Und o, das Auge, tief und seelenvoll!

Die Arme auf der Brust verschränkend,
Sich neigend, demuthsvoll gesinnt;
Zum Vater dann die Schritte lenkend,
Und ihn umarmend hold und lind,
Ein liebendes, geliebtes Kind,
So nahte sie – fast schmolz dahin
In Dschaffir's Brust der finstre Sinn.
Nicht daß sein Herz, ob streng und hart,
Sie nicht geliebt, auf seine Art
Ihr wünschend, daß sie glücklich sei;
Doch Ehrsucht riß das Band entzwei.

 

7.

»Zuleika! Werth und theuer ist
Vor allen dieser Tag zumeist,
Da schier des Grams mein Herz vergißt,
Indem es los von dir sich reißt,
Und andrem Herrn dich folgen heißt.
Ja, andrem! Und ein kühnrer Mann
Flog niemals in der Schlacht voran.
Uns Moslem gilt nicht viel das Blut;
Doch das Geschlecht der Karasman
Zählt zu der Heldenschaar voll Muth,
Die sich nach Timariotenart
Ihr Lehn erkämpft und fest bewahrt.
Kurz er, der wirbt um deine Hand,
Ist mit dem Bei Oglu verwandt.
Sein Alter fällt nicht ins Gewicht –
Ich gäb' dich einem Knaben nicht!
Auch schenk' ich reiche Mitgift dir;
Und seine Macht, vereint mit mir,
Spricht stolz dem Todesfirman Hohn,
Der Andre macht erzittern schon,
Und weist dem Boten, welcherlei
Das Loos des Ueberbringers sei.
Jetzt, Tochter, kennst du mein Begehren,
Dem sich dein Herz zu fügen hat;
Mein war's, Gehorsam dich zu lehren –
Lehr' dich dein Herr der Liebe Pfad!«

 

8.

Die Jungfrau stumm verneigte sich;
Und wenn verhaltner Thränen Pein
Sich ihr ins dunkle Auge schlich,
Und ihre Wang' in Purpurschein
Erflammte, und dann jäh erblich,
Da wie ein Pfeil ins Ohr hinein
Die Worte ihr, die herben, drangen:
Was könnt' es sein, als bräutlich Bangen?
Küßt Liebe selbst doch zögernd nur
Von schönem Aug' der Thränen Spur!
Und Mitleid selbst sieht ohne Gram
Erglühn das holde Roth der Scham.

Was auch aus ihren Zügen spricht,
Der Pascha ahnt und achtet's nicht.
Er klatscht dreimal nach seinem Roß,
Legt hin den prächtigen Tschibuk,
Und sprengt thalab von seinem Schloß,
Mit Mograbi und Mameluk,
Und Delilern im Waffenschmuck,
Manch starke Männerthat zu schaun
Beim Dscheridwurf und Säbelhaun.
Der Kislar nur mit seinen Mohren
Hält Wache vor des Harems Thoren.

 

9.

Der Jüngling stützte auf die Hand
Das Haupt, und Zorn im Herzen kocht' er.
Vor seinem Auge glänzend ruht
Der Dardanellen blaue Flut;
Doch sah er weder Meer noch Strand,
Noch, wo die Schaar des Pascha's stand,
Hinlenken seine Blicke mocht' er;
Nicht schaut' er, wie der Säbel Kraft
Den falt'gen Filz im Hieb zerklafft;
Nicht hört' er, wie der Wurfspieß saust,
Noch wie der Ollahruf erbraust –
Er dachte nur an Dschaffir's Tochter.

 

10.

Kein Wort aus Selim's Brust entfuhr;
Zuleika seufzte einmal nur:
Noch immer durch das Gitterthor
Bleich, traurig starrt' er, wie zuvor.
Zuleika blickte auf ihn hin,
Doch wurde klarer nicht ihr Sinn.
Gleich war, und anders doch, ihr Schmerz,
In mildrer Glut erglomm ihr Herz;
Nur macht – selbst weiß sie nicht, warum –
Die Angst ihr heut die Lippe stumm.
Doch reden muß sie – aber wann?
»Seltsam! Was sieht er mich nicht an?
So haben wir uns nie gesehn,
Und so nicht soll er von mir gehn.«
Sie sah hinab – sein Auge hing
Am Boden noch wie festgebannt;
Da nahm den Krug sie in die Hand,
Der Persiens Rosenöl umfing,
Und sprengte all' der Düfte Hauch
Aufs bunte Dach und Hall' und Strauch.
Die Tropfen, die ihm aufs Gewand
Das Mädchen neckisch hingesandt,
Berührten ihn, doch zuckt' er nicht,
Als sei von Marmor sein Gesicht.
»Was? traurig noch? Wie deut' ich's mir?
Ach, holder Selim, dies von dir?«
Im Fenster prunkend vor ihr stand
Die schönste Blum' aus Ostens Land.
»Einst liebt' er sie; ob nicht auch heut,
Wenn ihm Zuleika's Hand sie beut?«
Das kind'sche Wort war kaum gesprochen,
Als sie die Rose schon gebrochen;
Ein Nu, und hastig trug hinaus
Zu Selim sie den duft'gen Strauß.
»Des Bruders Trauer zu versüßen,
Will Bülbül durch die Ros' ihn grüßen.
Die sagt: heut Nacht mit süßem Schall
Für Selim singt die Nachtigall;
Und ist auch etwas trüb ihr Sang,
Sie stimmt ihn gern zu frohrem Klang,
Und hofft, es werde ihr gelingen,
Den finstern Gram ihm wegzusingen.«

 

11.

»Wie! magst mein Blümchen du verschmähn?
Dann elend wahrlich nenn' ich mich!
Kannst du so brütend vor mir stehn?
Und Keiner liebt dich doch wie ich!
O Selim, trauter, bester Mann,
Gilt Haß und Sorge mir? sag an!
Lehn an mein Herz die Wange du,
Und küssen will ich dich zur Ruh',
Da eitel meiner Worte Schall,
Sogar das Lied der Nachtigall!
Mehr als des Vaters düstre Launen
Macht deine Schwermuth mich erstaunen;
Wenn seine Liebe dir gebricht,
Liebt treulich dich Zuleika nicht?
Ha! ahn' ich recht? des Pascha's Plan? ...
Sprich! Jener Bei von Karasman,
Sollt' er vielleicht dir feindlich sein?
Dann schwör' ich dir bei Mekka's Schrein,
Wenn Tempel, die des Weibes Nahn
Verbieten, ihren Schwur empfahn:
Nie werd' ich, wenn's nicht dein Begehren,
Dem Sultan selbst die Hand bescheeren!
Wie trüg' ich je der Trennung Schmerz?
Wie lernt' ich theilen je mein Herz?
Ach, risse man von dir mich fort,
Wer wär' dir Freundin, – wer mein Hort?
Nie schlägt die Stunde dort noch hier,
Wo meine Seele läßt von dir;
Selbst Azrael, wenn er entsendet
Den Pfeil, dem Jeder fällt zum Raub,
Soll, wie sich unser Loos auch wendet,
Vereinen unsrer Herzen Staub!«

 

12.

Er lebte, – zuckte, – stürmte vor,
Er hob die kniende Maid empor;
Sein Bann zerbrach, – sein Auge sprach
In Gluten, die, des Dunkels Flor
Entrafft, der Tag ans Licht beschwor.
Wie der Strom, jüngst vom Saume
Der Weiden verhüllt,
Mit blinkendem Schaume
Zu Thale jetzt schwillt;
Wie der Blitzstrahl die grauen
Sturmwolken zerreißt,
So flammt' aus den Brauen
Sein Auge voll Geist.
Ein Schlachtroß, das die Tuba hört,
Ein Leu, von Hunden aufgestört,
Ein Wüthrich, der, im Schlaf gestreift
Vom Mörderdolch, zum Schwerte greift,
Wird jäher nicht empor geschreckt,
Als er, dem jenes Wort entdeckt,
Was ihn zu Lust und Leben weckt.
»Jetzt bist du mein, auf ewig mein,
Wirst selbst im Tod mir noch verbunden sein;
Jetzt bist du mein! Ob Eines nur
Ihn schwor, für Beide gilt der Schwur.
Ja, klug und freundlich war dein Thun,
Mehr als Ein Haupt ist sicher nun.
Erschrick nicht – jedes Löckchens Zier
Auf deinem Haupt ist theuer mir;
Das kleinste Haar dir krümmt' ich nicht,
Das deine schöne Stirn umflicht,
Böt' Einer alle Schätze dar
Mir aus dem Schacht von Istakar.
Heut Morgen lag's wie Bergeslast
Auf mir, ich ward geschmäht, gehaßt,
Und Dschaffir hieß mich Feigling fast!
Jetzt winkt der Tapferkeit ihr Lohn;
Und zeigen mag der Sklavensohn
– Ja, Lieb, so nannte mich sein Hohn –
Ein Herz, das Prahlens nicht sich freut,
Doch Wort und That von ihm nicht scheut.
Sein Sohn! – Dank dir, wenn ich es noch
Nicht bin, so kann ich's werden doch.
Inzwischen bleibe unser Bund
Geheimniß, wie zu dieser Stund.
Der Schurke ist mir wohlbekannt,
Der frech gefordert deine Hand;
Auf schnödre Art erworbnes Gut,
Ein schlechtes Herz, gemeines Blut
Hat niemals noch befleckt, so lang
Die Erde steht, den Muss'limrang:
Stammt er nicht her aus Egripo?
Kein Judengauch war je so roh!
Genug! – Sei Keinem unser Eid
Vertraut; den Rest enthüllt die Zeit.
Mir laß die Sorg' um Osman Bei;
Gefährten hab' ich, kühn und treu:
Ich bin nicht, was ich scheinen mag,
Und nah ist schon der Rache Tag.«

 

13.

»Du bist nicht, was du scheinest, sagst du!
Ach, trüb verwandelt nahst du mir:
Heut Morgen sanfter Rede pflagst du;
Jetzt bist du fremd dir selber schier.
Gewißlich hast du längst gekannt
Die Liebe, die mich dir verband,
Die schwächer nie als heut gebrannt.
Dich sehen, hören, bei dir sein,
Die Nacht verwünschen grambewußt,
Weil wir uns schaun bei Tag allein;
Im Tod noch ruhn an deiner Brust,
Ist Hoffnung einzig mir und Lust;
Zu küssen Lipp' und Wang' und Lider,
Wie jetzt – und jetzt – und immer wieder!
In deinen Lippen welche Glut,
Welch Fieber in den Adern pochend?
Ich fühle, mir auch schießt das Blut
Zur Wange, heiß und heißer kochend!
Zu pflegen dich, dein Leid zu heilen,
Haushälterisch dein Gut zu theilen,
Und fröhlich lächelnd deine Noth
Zu lindern, wenn dir Armuth droht;
Zu weigern keine Liebespflicht,
Als nur dein Aug', wenn einst es bricht,
Zu schließen, denn das trüg' ich nicht –
Ist all mein Wunsch und mein Begehr;
Kann mehr ich thun? verlangst du mehr?
Doch, Selim, sprich, aus welchem Grund
Soll heimlich bleiben unser Bund?
Ich ahn' es nicht und seh's nicht ein;
Doch wünschest du's, so mag es sein.
Was aber von dem »Rachetag«
Dein Mund und von »Gefährten« sprach,
Klingt seltsam fremd im Ohr mir nach.
Ich wollte, Dschaffir hätte nur
Gehört, wie ich mich band an dich;
Ich nähme nicht zurück den Schwur,
Dann gäb' er frei mich sicherlich!
Ist's denn natürlich nicht, daß ich
Dir bleiben will, was stets ich war?
Wer bot Zuleika's Blick sich dar
Seit ihrer ersten Kinderzeit?
Wem kann ihr Herz entgegen schlagen,
Als ihm, der ihr seit frühsten Tagen
Genosse war in Lust und Leid?
Darf nicht das ganze Weltall hören,
Was ich geliebt seit immerdar?
Weshalb die Wahrheit jetzt verschwören,
Die sonst mein Stolz und deiner war?
Des Fremdlings Blick mich auszusetzen,
Heißt unsres Glaubens Pflicht verletzen,
Und nie hab' ich gemurrt bis heut,
Daß Solches der Prophet verbeut;
Nein, wie ein Glück erschien es mir,
Denn Alles hatt' ich ja in dir;
Und Zwang nur dünkt' es mich und Pein,
Den nie gesehnen Mann zu frein!
Warum nicht sollt' ich das gestehn?
Warum willst du's verschwiegen sehn?
Ich weiß, daß seine Huld dir nie
Des Pascha's stolzer Sinn verlieh;
Um Nichts oft tobt er; Allah wolle,
Daß nimmer er mit Fug dir grolle!
Sprich! Irrt mein Herz, das, angstgeschwellt,
Verheimlichung für Sünde hält?
Ist dies Geheimnis ein Verbrechen,
Und so belastet's meinen Sinn, –
O Selim, sag mir's, – wolle sprechen,
Gieb mich nicht bangen Zweifeln hin!
Ha! dort schon naht der Tschokadar,
Mein Vater kommt mit seiner Schaar;
Sein Anblick macht mich zag und stumm –
O Selim, deute mir, warum?«

 

14.

»Zuleika, geh zum Thurm zurück –
Ich kann ertragen Dschaffir's Blick;
Und schwatzen muß ich mit ihm gleich
Von Firmans, Steuern, Zoll und Reich.
Uns traf im Nord ein harter Schlag,
Des Wessirs halbes Heer erlag,
Wofür der Gjaur ihm danken mag!
Der Sultan zahlt' ihm anders schon
Für solchen theuren Sieg den Lohn!
Doch wenn die Trommel gegen Nacht
Die Krieger ruft zu Mahl und Ruh',
Schleich' ich zu deiner Zelle sacht:
Verlasse dann den Harem du,
Und geh mit mir dem Haine zu
Aus wohlbeschützter Gartenfluh'.
Kein frecher Störer dort belauscht
Das Wort, das unsrer Brust entrauscht;
Und thät' er's, wohl! ich hab' ein Schwert,
Das Manchen schon Respekt gelehrt.
Mehr dann erfährt dein horchend Ohr
Von mir, als du geahnt zuvor.
Hab keine Furcht, vertraue mir!
Den Haremsschlüssel halt' ich hier.«

»Dich fürchten, Selim! Solches Wort
Hat früher nie –«

»Geh rasch nun fort!
Die Wache Harun's, die ich schon
Erkaufte, hofft auf fernern Lohn.
Heut Nacht, Zuleika, Alles sag'
Ich, was ich litt, und sinn', und wag' –
Ich bin nicht, was ich scheinen mag.«

Zweiter Gesang.

 

1.

Die Winde peitschen Helle's Flut,
Wie in der Nacht, da, wahnbetroffen,
Die Liebe nicht in ihre Hut
Den Jüngling nahm voll Kraft und Muth,
Der Maid von Sestos' einzig Hoffen.
Ach! als geglüht von ihrem Thurm
Die Fackel nur durch Nacht und Sturm,
Und überm Schaum der Brandungstiefen
Ihn Möwen kreischend heimwärts riefen,
Und Meergebraus und Wolkenflucht
Dräuend zu warnen ihn gesucht,
Da schaut' er nicht und hört' er nicht
Der Unheilszeichen Schreckgericht;
Sein Auge sah und grüßte fern
Der Liebe Licht als einz'gen Stern;
Im Ohr nur klang ihm Hero's Sang:
»Ihr Wogen, trennt uns nicht zu lang!« –
Alt ist die Mär, doch Lieb' aufs Neue
Lehrt junge Herzen gleiche Treue.

 

2.

Der Wind erbraust, und Helle's Flut
Wälzt dunkel schwellend sich ins Meer;
Und Nacht umfängt in schattiger Hut
Das Feld, von Blut gedüngt so schwer,
Das Grab von Priam's stolzem Muth;
Nun Schutt und Moder rings umher –
Unsterblich nur die Träume, welche sang
Der blinde Greis auf Skio's Felsenhang!

 

3.

Ach! – denn ich schritt durch diese Aun;
Ich weilt' an diesem heil'gen Strand,
Es trug mich dieser Wogen Schaum –
Sänger! mit dir in goldnem Traum
Zu wandeln durch dies alte Land,
Fest glaubend, daß, wo rings zu schaun
Die Gräberreihn im Morgengraun,
Nicht Fabelhelden bloß verblutet,
Und daß um zweifellose Gaun
Dein »breiter Hellespont« noch flutet,
Sei lang mein Loos! Der wäre kalt,
Der dich verleugnend weiter wallt!

 

4.

Nacht sinkt auf Helle's Strom und Thal,
Noch nicht von Ida's Höhe flirrt
Das Mondlicht nieder ernst und fahl;
Kein Krieger zürnt dem stillen Strahl,
Doch segnet heut ihn noch der Hirt.
Die Heerden grasen auf dem Rain
Deß, den des Troers Pfeil gefällt;
Das mächt'ge Mal von Erd' und Stein,
Das Ammon's Sohn umfuhr, das hehre,
Der Völker Werk, der Fürsten Ehre,
Ist jetzt ein Hügel, den die Welt
Vergaß, – dein enges Todtenzelt!
Kaum daß der Fremdling hauchen mag
Den Namen deß, der drunter lag!
Das liedumklungne Mal ward Staub,
Und selbst dein Staub ward Zeitenraub!

 

5.

Spät wird von Luna's Schimmer heut
Der Hirt und Schiffersmann erfreut;
Bis dahin weist dem schwanken Kahn
Kein Leuchtthurmsfeuer seine Bahn;
Die Lichter, die erhellt den Strand,
Sind, bis auf eins, herabgebrannt:
Hoch von Zuleika's Thurm allein
Blinkt durch die Nacht der Lampe Schein.

Ja, dort nur flimmert milder Glanz;
Auf seidner Ottomane liegt
Der duft'ge Bernsteinperlenkranz,
Um den sie jüngst die Hand geschmiegt;
Daneben, mit Smaragd besetzt,
(Vergaß sie ganz dies Kleinod jetzt?)
Der Mutter heil'ges Amulet,
Deß Kursispruch, hineingeritzt,
Im Leben und im Tode schützt;
Ein Koran ruht, mit Bildern nett
Bemalt, und mancher Märchenband,
Verziert und bunt, von Perserhand
Dem Fluch des Untergangs entrissen,
Beim Komboloio auf den Kissen;
Und auf den Rollen – stumm und bang
Die Laute, die so hell sonst klang;
Und um die goldne Lampe stehn
In Chinavasen Blumen schön.
Prachtteppiche aus Iran's Gaun,
Und Düfteschwall von Schiras' Aun,
Was Herz und Sinn nur fröhlich macht,
Ist in dem Prunkgemach zu schaun:
Und doch beschleicht uns düstres Graun.
Ach! sie, die Seele dieser Pracht,
Was eilt sie fort, und in so wilder Nacht?

 

6.

Von schwarzem Zobelkleid umfangen,
Drin nur die höchsten Moslems prangen,
Schützt sie vor jedem Sturm die Brust,
Die Selim's Himmel, Selim's Lust.
Vorsicht'gen Schritts durchs Dickicht gleitend,
Oft schaudernd, wenn durch Feld und Wald
Der Winde hohles Brausen schallt,
Bis endlich, ebnern Pfad beschreitend,
Ihr Herz aufathmet allgemach,
Folgt sie dem stummen Führer nach.
Ob auch die Furcht von Rückkehr sprach:
Wie könnte Selim sie entsagen?
Wie ihn mit hartem Wort verklagen?

 

7.

Zu einer Grotte kamen sie,
Durch Kunst erweitert übers Maß,
Wo oft der Saiten Melodie
Sie weckte, oft im Koran las,
Und oftmals sann voll Träumerei,
Wie's wohl im Paradiese sei.
Wohin der Frauen Seele geht,
Verschwieg, ach! gänzlich ihr Prophet;
Die Wohnung Selim's war bestellt,
Doch würd' er selbst in jener Welt
Des Segens lang gewiß nicht weilen,
Dürft' er mit ihr sein Glück nicht theilen!
Wer könnt' ihn halb so hold umfrein?
So lieb ihm welche Houri sein?

 

8.

Seit sie zuletzt besucht den Ort,
Schien Mancherlei verändert dort:
Vielleicht, daß nur die Nacht entstellt,
Was klarer sonst der Tag erhellt,
Denn flackernd trüb und unbestimmt
Das Licht der ehrnen Lampe glimmt;
Doch bald im Höhlengrund entdeckt
Ihr Blick, was mehr sie noch erschreckt.
Dort lagen Waffen, aber nicht
Wie die, womit der Deli ficht;
Nein, Säbel, die man auswärts braucht,
Und einer roth – von Mord umhaucht!
Wie ward er sonst in Blut getaucht?
Ein Becher auf dem Tisch dabei –
Fast schien's, daß nicht Sorbet drin sei.
»Was heißt all dies?« Sie blickt voll Pein
Auf Selim – »Ach! kann er das sein?«

 

9.

Kein Prachtgewand verrieth den Stand,
Der hohe Turban war verschwunden;
Ein rother Shawl statt dessen stahl
Sich um die Stirn ihm, leicht gewunden.
Der Dolch, auf dessen Griff der Stein
Werth eine Fürstenkron' allein,
Stak funkelnd nicht im Gürtel mehr:
Stattdeß Pistolen, plump und schwer.
Ein Säbel hing vom Riem herab,
Und faltig seinen Leib umgab
Der weiße Mantel, die Kapote,
Die wandernd trägt der Kandiote.
Das Goldblech seiner Jacke liegt
Fest wie ein Panzer angeschmiegt;
Und silbern Spang' und Schuppen blitzen
Der Schienen, die das Knie beschützen.
Ja, spräch' aus seinem Angesicht,
Aus Ton und Wink der Herrscher nicht:
Es hielt' ihn Jeder sonst, als sie,
Für einen jungen Galiondschi.

 

10.

»Ich bin nicht, sagt' ich, was ich scheine;
Nun siehst du, daß ich Wahrheit sprach.
Noch ahnst du nimmer, was ich meine;
Wenn's wahr, – auf Andre fällt die Schmach.
Jetzt muß ich Alles dir gestehn,
Nie darf ich Osman's Braut dich sehn!
Doch hätte selber nicht erklärt
Dein junges Herz, wie ich dir werth,
So könnt' ich, dürft' ich heut noch nicht
Mein trüb Geheimniß ziehn ans Licht.
Von Liebe jetzt nicht red' ich hier;
Die künde Zeit und Fährniß dir.
Doch keinen Andern frei' – denn, sieh,
Dein Bruder bin und war ich nie!«

 

11.

»Weh! nicht mein Bruder! – Nimm's zurück!
Soll ich betrauern denn allein
– Nicht fluchen kann ich! – das Geschick,
Das in die Welt mich rief hinein?
Ach! nicht mehr lieben wirst du mich!
Mein angstvoll Herz weissagt es mir;
Doch immer noch, wie einst, bin ich
Zuleika – Schwester – Freundin dir.
Willst du vielleicht mich tödten hier?
Ein finstres Werk der Rache thun?
Hier meine Brust – still' deine Gier!
Viel besser, bei den Todten ruhn,
Als wie ein Nichts dir leben nun;
Ja, schlimmer noch, da jetzt mir klar,
Warum dir Dschaffir feindlich war;
Ich bin sein Kind, weh mir! – um mich
Schmäht' und verachtete er dich.
Wenn Schwester nicht – ach, schone mein,
Und heiß' mich deine Sklavin sein!«

 

12.

»Du Sklavin mir! – ich bin der deine;
Doch, süßes Lieb, gib dich zur Ruh!
Dein Loos noch knüpf' ich fest ans meine,
Ich schwör's bei des Propheten Schreine, –
Weh' der Gedanke Trost dir zu!
Mag so der Koranvers, dem Stahl
Der Klinge eingeritzt, den Strahl
Des Schwertes lenken, das zur Zeit
Der Noth uns schützt und Fährlichkeit,
Wie ich erfülle diesen Eid!
Der Name wird verhallen müssen,
Der stolz dich freute; doch das Band
Ist nur erweitert, nicht zerrissen,
Ob auch dein Vater zornentbrannt
Gen mich des Hasses Bogen spannt.
Mein Vater war mit ihm verwandt,
Wie Selim jüngst, so schien's, mit dir;
Der Bruder fiel durch Bruderhand,
Doch Dschaffir ließ das Leben mir,
Und gaukelte mich ein mit Trug,
Der ihm jetzt selber wird zum Fluch.
Denn er erzog mich nicht in Treun,
Nein, schier wie eine Kainsbrut;
Er hält mich wie den jungen Leun,
Der seine Kette beißt voll Wuth.
In jeder Ader kocht das Blut
Des Vaters mir; – um deinetwillen
Will ich die Rache jetzt nicht stillen;
Doch hier zu bleiben wär' nicht gut.
Indessen, erst vernimm, Geliebte,
Wie Dschaffir diese That verübte.

 

13.

»Was ihres Hasses erster Grund,
Ob Neid, ob Liebe sie entzweit,
Wiegt wenig, wär' es mir auch kund;
Ein Nichts entzweit zu böser Stund'
In Feuerköpfen oft den Streit.
Abdallah's Arm war stark im Kriege,
Noch singt der Bosnier seine Siege,
Noch zeugt Paswan's Rebellenschaar,
Wie solch ein Gast gefürchtet war.
Es gnügt zu sagen, wie er starb,
Und wie ihn Dschaffir's Haß verdarb,
Wie mir enthüllt ward, wer ich sei,
Denn dadurch erst vor Allem ward ich frei.

 

14.

»Als Paswan nach so mancher Schlacht,
Ums Leben erst, zuletzt um Macht,
Zu stolz gesessen in Widdin,
Bekämpften unsre Paschas ihn.
Den Brüdern, gleich im Range, war
Vertraut jedwedem eine Schaar;
Ihr Roßschweifbanner wehend flog,
Und auf Sophia's Ebne zog
Den Zeltring man für Jedes Heer;
Ach! Einem war's nicht nöthig mehr!
Wozu der Worte viel? Es ward
Gemischt nach Dschaffir's Schandbefehle
Ein Trank, mit feinem Gift gepaart,
Und aufwärts flog Abdallah's Seele.
Müd und erschöpft im Bade saß
Er, von der Jagd nach Haus gekehrt,
Nicht ahnend, daß des Bruders Haß
Ihm solchen Labetrunk bescheert;
Der Diener war erkauft; – ein Zug –
Für immer hatt' er dran genug!
Zuleika! willst du mehr erfragen,
Laß Harun dir das Weitre sagen.

 

15.

»Als Paswan's Aufstand er bekriegt
Nach dieser That, und halb gesiegt,
Fiel ihm Abdallah's Würde zu.
Du weißt es nicht, was im Diwán
Mit Gold vermag ein schlechter Mann –
Der Brudermörder erbt' in Ruh
Abdallah's Gut und Pascharang.
Der Kauf das Meiste zwar verschlang
Von seinen schlecht erworbnen Schätzen,
Doch wußt' er bald sie zu ersetzen.
Fragst du, woher? Die Wüste sieh,
Und frag den armen Bauern, wie
Man ihm gelohnet Schweiß und Müh! –
Weshalb mich der Tyrann verschont,
Und ich in seinem Haus gewohnt,
Ist mir ein Räthsel. Scham und Reu',
Vor Kindeskraft geringe Scheu,
Der Wunsch, ich mög' als Sohn ihm leben,
Da keinen ihm der Herr gegeben,
Vielleicht der Laune Spiel allein
Mag schuld an meiner Rettung sein.
Kein Friede zwischen uns indessen:
Er kann den Stolz nicht niederpressen,
Ich nicht des Vaters Blut vergessen.

 

16.

»In deines Vaters Hall' und Haus
Sind treu nicht Alle, die ihm dienen;
Spräch' ich dort mein Geheimniß aus,
Bald wär' sein letzter Tag erschienen;
Denn ihnen fehlt der Führergeist,
Die Hand nur, die zur That sie weist.
Doch Harun einzig kennt den Graus,
Der an dem Unheilstag geschah;
Auf wuchs er in Abdallah's Haus,
Wo er den Haremsdienst versah,
Wie hier; – er war im Tod ihm nah.
Allein was richten Sklaven aus?
Den Herren rächen? ach, zu spät!
Retten den Sohn, der hilflos steht?
Dies wählt er; und als, aufgebläht
Vom Sieg, von Mordgeruch umweht,
Ihm Dschaffir stolz vorüber geht,
Hat er mit Bitten und Gebet
Ihn um mein Leben angefleht,
Und sein Gesuch ward nicht verschmäht.
Blieb meine Herkunft nur verborgen
Vor Jedem, und zumeist vor mir,
Was hatte Dschaffir zu besorgen?
Rumelien auch verließen wir,
Und zogen von dem Donauland
Hinüber nach Kleinasiens Strand.
Nur Harun folgt' uns, der allein
Die finstre Kunde noch bewahrt;
Doch der Tyrannen Büberein
Zu hehlen, ist ein Loos voll Pein,
Das sich der Sklave gern erspart,
Der dies und mehr mir offenbart.
So schickt dem Frevel Allah immer
Mitschuld'ge, Sklaven, – Freunde nimmer!

 

17.

»Herb klingt, Zuleika, mein Bericht,
Doch Herbres kündet noch mein Mund;
Ob's auch dein Herz, das sanfte, bricht,
Die volle Wahrheit sei dir kund.
Die Tracht – mit Schrecken sahst du sie;
Doch trag' ich, wie ich oft sie trug,
Noch lange sie: – der Galiondschi,
Für den dein Herz in Liebe schlug,
Ist Häuptling der Piratenschaaren,
Die nur des Schwertes Recht bewahren.
Vernähmest du ihr trüb Geschick,
Du senktest bleicher noch den Blick.
Sie brachten diese Waffen her,
Und selber sind sie fern nicht mehr.
Ein Trunk aus diesem Becher blos,
Und jeder Reue sind sie los.
Mag ihnen der Prophet verzeihn –
Denn Ketzer sind sie nur im Wein.

 

18.

»Was konnt' ich thun? Daheim in Acht,
Ob meines Freiheitsdrangs verlacht;
Und müßig – denn aus Furcht verwehrt
Ward mir von Dschaffir Roß und Schwert,
Ob oft – wie oft! – auch höhnisch kalt
Mich im Diwán der Pascha schalt,
Als bebt' ich selbst nur feig und bang
Vor Roßgewiehr und Schwerterklang!
Stets zog er in den Krieg allein,
Und schloß mich hier unthätig ein,
In Harun's Hut, bei Weibern gar,
Der Hoffnung und des Ruhmes baar;
Dich aber, deren sanfte Macht
Mir zwar entnervt den Muth der Schlacht,
Doch wonnig stets mein Herz entfacht,
Sandt' er zum Schutz nach Brussa fort,
Des Kampfgeschicks zu harren dort.
Harun sah, wie ich zu verschmachten
Im dumpfen Joch der Trägheit schien;
Er ließ mich aus dem streng bewachten
Gefängniß für ein Weilchen fliehn,
Mit dem Beding, daß heim ich kehre,
Eh' Dschaffir selbst zurück noch wäre.
O, nimmer gäbe dir mein Mund
Die Trunkenheit des Herzens kund,
Wie freien Blicks zuerst ich da
Meer; Erde, Sonn' und Himmel sah,
Als ob mein Geist sie ganz umfinge,
Ihr tiefstes Wunder klar durchdringe!
Ein Wort nur sagt, ein Jubelschrei,
Dir, was ich fühlte: – ich war frei!
Nicht mehr selbst dacht' ich sehnend dein;
Die Welt, – der Himmel ja war mein!

 

19.

»In eines treuen Mohren Kahn
Glitt ich dahin auf blauer Bahn;
Die Inseln wollt' ich sehn, die schönen,
Die rings des Meeres Purpur krönen;
Ich sah sie all', und weilt' auf allen;
Doch wann und wo ich traf die Schaar,
Mit der zu stehen oder fallen
Ich schwor, das mach' ich offenbar
Zu bessrer Zeit dir, wenn geendet
Die Noth, und unser Werk vollendet.

 

20.

»Wahr ist's, sie sind ein wild Geschlecht,
Von Sitten rauh, toll im Gefecht,
Und jeder Glaube, jeder Stamm
Dort ohne Unterschied verschwamm.
Doch offne Rede, rasche That,
Gehorsam für des Häuptlings Rath;
Ein Geist, der kühn vor Nichts erschrickt,
Und festen Augs den Tod erblickt;
Freundschaft für Jeden, Treue Allen,
Der Schwur, zu rächen, die gefallen,
Macht zu Geschöpfen sie, für mehr
Fast brauchbar, als für mein Begehr.
Und Ein'ge – kenn' ich Alle doch,
Die nicht im Pöbeltroß versanken;
Am liebsten zieh' zu Rath ich noch
Die Klugheit des verschlagnen Franken –
Und Ein'ge sind von höhrem Sinn,
Der Rest von Lambro's Patrioten,
Die Freiheitslust zu uns entboten;
Am Höhlenfeuer strecken hin
Sie oft sich träumend, und besprechen,
Wodurch der Rajahs Joch zu brechen.
Schenk' ihnen Trost die Phantasie
Von gleichem Recht, verwirklicht nie;
Lieb' ich die Freiheit doch, wie sie!
Ja! laß, wie Noah, auf dem Meer mich schweifen,
Heimlos, wie der Tartar, das Land durchstreifen!
Mein Zelt am Strand, mein Schiff auf wilder See
Sind mehr als Stadt und als Palast mir je.
Zu Rosse hoch, von Segeln fortgetragen,
Durch Wüstensand und durch der Stürme Jagen,
Greif aus, mein Berber! Nachen, fahre zu!
Allein des Wandrers heller Stern sei du!
Die Barke theilend, woll' ihr Segen leihn,
Und meiner Arche Friedenstaube sein!
Ach! da der Welt voll Kampf dies Glück entzogen,
Sei für des Lebens Sturm der Regenbogen!
Der Abendstrahl, der durch die Wolken bricht,
Und eines schönern Morgens Glanz verspricht!
Hehr – wie von Mekka's Wall des Muezzins Lied,
Bei dessen Schall der fromme Pilger kniet;
Süß – wie der Jugendtage holde Weisen,
Die sprachlosstumme Thränen uns entreißen;
Lieb – wie das Heimatslied Verbannten tönt,
Sei jedes Wort mir, das dein Hauch verschönt!
Auf blühndem Eiland ist für dich bereit
Ein Sitz, wie Aden's Hag zu frühster Zeit.
Und tausend Schwerter, Selim's Herz und Hand
Sind deines Winks gewärtig, kampfentbrannt!
Von meiner Schaar umgeben, du bei mir,
Leg' ich der Völker Gut zu Füßen dir.
Leicht tauscht des müßigen Haremslebens Pein
Für Sorgen, – Freuden sich, wie diese, ein.
Wohl seh' ich rings auf meiner Pfade Spur
Gefahren, zahllos, – Eine Liebe nur!
Doch lohnt mich reich des sanften Busens Schlag,
Ob mich das Glück, der Freund verrathen mag.
Wie süß der Traum, wenn alle Sterne schwinden,
Wenn Alles wankt, dich immer treu zu finden!
Stark zeige nur dein Herz, wie Selim's, sich,
Und Selim's sei, wie deines, sanft für dich;
Ganz Eins zu sein, zu lindern jedes Leiden,
Zu theilen jede Lust, – doch nie zu scheiden!
Sobald ich frei, führ' meine Schaar ich an,
Freund unter sich, Feind jedem andern Mann;
Doch folgen wir dem Kampfestriebe nur,
Den eingeprägt dem Menschen die Natur:
Wenn er des Kriegs und Blutbads sich beschieden,
So schafft er Wüstenein, und nennt das – Frieden!
Muß ich, gleich Andern, brauchen Kraft und List,
Land fordr' ich nur, so lang mein Säbel ist.
Macht herrscht durch Theilung blos – den schnöden Halt
Gewährt ihr Trug, und, wenn nicht Trug, Gewalt!
Wir wählten die; der Trug kommt hinterdrein,
Schließt uns die Stadt in ihren Käfig ein.
Dort wahr' auch dich! – Verführung überwand
Gar oft ein Herz, das in Gefahr bestand!
Das Weib, mehr als der Mann, wenn Schmerz und Tod,
Vielleicht gar Schande, dem Geliebten droht,
Versinkt im Schooß der Wollust, und zerbricht –
Doch fort, Verdacht! – Zuleika thät' es nicht!
Mich dünkt das Leben stets ein Wagespiel;
Hier ist zu hoffen Nichts, zu fürchten Viel;
Zu fürchten, ja! da dein Verlust mir droht
Durch Osman's Macht und Dschaffir's streng Gebot.
Sei diese Furcht im günst'gen Wind verweht,
Mit dem die Liebe heut mein Segel bläht!
Gefahr nicht schreckt das Paar in ihrer Hut;
Der Fuß noch schwankt, doch ruhig ist das Blut.
Bei dir ist Alles süß, schön jedes Land,
Da ich die Welt in deinen Armen fand!
Mag draußen schrill der Sturm sein Nachtlied singen,
Daß diese Arme fester mich umschlingen!
Entringt ein Seufzer meiner Lippe sich,
So sei's ein brünstig Heilsgebet für dich!
Den Aufruhr nicht der Elemente scheut
Die Liebe, der nur Menschentücke dräut:
Dort liegt das Riff, das einzig bringt Gefahren;
Hier drohn Momente, – dort ein Weh von Jahren!
Doch fort, Gedanken, mit dem Graun im Bunde!
Die Rettung kommt und flieht mit dieser Stunde.
Nur wen'ge Worte hab' ich noch zu sagen,
Du eins nur, uns der Feinde zu entschlagen –
Ja, Feinde! – Grollt nicht Dschaffir ewig mir?
Und dräut nicht Osman, der uns scheidet, dir?

 

21.

»Vom Tod jedoch den Wächter noch
Zu retten, kehrt' ich zeitig wieder;
Geheimniß blieb, daß ich mich trieb
So lang die Wogen auf und nieder.
Ob ich seitdem, von meiner Schaar
Getrennt, nicht oft auch bei ihr war,
So ward doch Nichts von ihr vollbracht,
Das ich gehört nicht und bedacht.
Die Beute theilt' ich, gab den Rath;
Pflicht wird's, zu theilen auch die That.
Doch nun genug! Es drängt die Zeit,
Mein Nachen winkt, und hinten weit
Liegt bald Verfolgung, Angst und Leid.
Osman zieht morgen früh hier ein –
Nur diese Nacht kann dich befrein.
Willst retten du dem Bei das Leben
Und dem, der deines dir gegeben,
Noch diese Stund' entflieh mit mir!
Du hast dich frei mir zugeschworen;
Nimmst du's zurück, weil deine Ohren
All dies gehört – frei steht es dir!
Dann bleib' auch ich, – doch nicht, um hier
Dich eines Andern Braut zu sehn; –
Mag dann, was will, mit mir geschehn!«

 

22.

Stumm stand Zuleika, starr und bleich,
Dem Schmerzensbild der Mutter gleich,
Die, als der letzten Hoffnung Schein
Ihr starb, verhärtete zu Stein;
So ganz erschien in ihrem Weh
Sie eine jüngre Niobe.
Doch eh' dem Mund, dem Auge nur
Ein leises Wort, ein Blick entfuhr,
Flammt' an des Gartens Gitterthor
Schon eine Fackel hell empor!
Noch eine – zwei – und immer mehr dazu!
»O, flieh, – nicht mehr, doch mehr als Bruder du!«
Fernum durch jedes Dickicht bricht
Das glühendrothe Schreckenslicht;
Und jede Rechte ist bewehrt
Mit einem blankgezückten Schwert.
Sie rennen, stehn, durchspähn das Thal,
Die Fackeln sprühn, es blitzt der Stahl;
Der Letzte, hoch den Säbel schwingend,
Ist Dschaffir, wüthend vorwärts dringend;
Schon nahen sie der Höhlenschluft –
Ach, wird die Grotte Selim's Gruft?

 

23.

Kühn stand er da – »Nun geht's zum Schluß –
Zuleika, nimm den letzten Kuß!
Nicht weit ist meine Schaar vom Strand,
Vielleicht vernimmt sie dies Signal;
Zwar Wen'ge sind so schnell zur Hand –
Gleichviel – versuch' ich's doch einmal!«
Er trat zum Höhleneingang vor;
Laut dröhnte sein Pistolenknall;
Zuleika zuckte bei dem Hall
Die Wimper nicht, schrie nicht empor,
Verzweiflung schloß ihr Aug' und Ohr! –
»Sie hören's nicht, und käm' ihr Boot
Heran, sie sähn nur meinen Tod,
Da näher jetzt der Feind mir droht.
Ho! meines Vaters Schwert, heraus!
Nie sahst du noch ungleichern Strauß!
Leb wohl, Zuleika! – geh zurück!
Bleib drinnen. Lieb! – gesichert hier,
Wo sich sein Grimm nicht reizt an dir!
Kein Schritt, daß aus Versehn vielleicht
Ein Hieb dich nicht, ein Schuß erreicht!
Bangst du für ihn? – Bei meinem Glück,
Verderben will ich, wenn mein Schwert
Nach deines Vaters Blut begehrt!
Nein, – ob auch er dies Gift gemischt,
Und »Feigling« seine Zunge zischt!
Doch daß ich weiß den Stahl zu führen,
Mag jeder Helm, als seiner, spüren!«

 

24.

Ein Sprung, da stand er auf dem Sand;
Schon sank zu seinen Füßen nieder
Der Erste, der ihn angerannt.
Ein zuckend Haupt, zerfetzt die Glieder.
Ein Zweiter fällt; doch rings im Kreis
Bedrängen ihn die Feinde heiß;
Rechts, links voran bricht er sich Bahn,
Fast ist erreicht der Wellen Saum:
Sein Boot ist nah – fünf Ruderlängen –
O, daß die Freunde zu ihm drängen,
Denn länger hält den Kampf er kaum!
Schon netzt den Fuß der Brandung Schaum –
Da sind sie – ha! – die Woge zischt,
Die Säbel glitzern durch den Gischt;
Sie kämpfen rastlos hin zum Strand,
Naß, – wild, – nun springen sie ans Land!
Doch ach! – sie schüren nur die Wuth –
Sein Herzblut röthet schon die Flut.

 

25.

Verschont von Kugel und von Schwert,
Durch leichte Schrammen kaum versehrt,
War Selim kämpfend zu der Stelle
Gelangt, wo Strand sich küßt und Welle.
Als dort sein Fuß verließ das Land,
Den letzten Streich geführt die Hand –
Was wandt' er sich, nach ihr zu spähn,
Die nie mehr seine Augen sehn?
Dies Zaudern, dieser Unheilsblick
Besiegelt tödtlich sein Geschick.
Wie lang in Noth, ach! und Gefahren
Will Liebe noch die Hoffnung wahren!
Vom Schaum bespritzt sein Rücken war,
Dicht hinter ihm der Freunde Schaar;
Da – plötzlich – einer Flinte Knallen!
»So mögen Dschaffir's Feinde fallen!«
Weß Stimme scholl? weß Büchse kracht?
Weß Kugel sauste durch die Nacht,
Zu gut gezielt? – Selim, erfahr's!
Weh dir! – Abdallah's Mörder war's!
Dem Vater hat er Gift gereicht,
Den Sohn ein schnellrer Tod beschleicht:
Aus seiner Brust der Blutstrahl zischt,
Und trübt der Brandung weißen Gischt; –
Wenn seiner Lipp' ein Schrei entflohn,
Das rauschende Meer verschlang den Ton!

 

26.

Der Morgen scheucht die Wolken sacht.
Nur wen'ge Kampftrophä'n sind dort;
Verstummt ist das Geschrei der Nacht;
Doch ein'ge Spuren noch der Schlacht
Bezeugen Graus und Mord:
Zerbrochne Säbel an dem Strand,
Fußtritte, und im weichen Sand
Der Abdruck mancher krampfigen Hand
Sind rings zu schaun; – ein Fackelstumpf –
Des ruderlosen Bootes Rumpf; –
Ein weißer Mantel blinkt hervor
Im Schilfe, wo um Ried und Rohr
Die Welle brandet dumpf!
Zerrissen – es bespült die Flut
Umsonst den dunklen Fleck von Blut: – -
Wo ist, der ihn getragen?
Wollt ihr beweinen ihn, so sucht
Ihn, wo die Wogen schwerer Wucht
Umziehn Sigäum's Felsenbucht,
Und Lemnos' Küste schlagen!
Seevögel kreischen drüber hoch,
Ihr gier'ger Schnabel zögert noch,
Da auf dem schwanken Pfühl der Wellen
Sein Haupt sich hebt mit ihrem Schwellen;
Die Hand, die starr geworden schon,
Scheint wie im Kampf noch matt zu drohn,
Emporgeschleudert von der Flut,
Und mit der Flut hinab –
Was thut es, daß die Leiche ruht
In dem lebend'gen Grab?
Der Vogel, der den Leib zernagt,
Hat nur den schnödern Wurm verjagt;
Das einz'ge Herz und Augenpaar,
Dem Alles dieser Todte war,
Das fromm gesammelt sein Gebein,
Geweint auf seinem Turbanstein –
Dies Herz und Auge brach ja doch –
Ach! vor dem seinen noch!

 

27.

Die Ufer Helle's sind an Klagen reich,
Naß Frauenaugen, – Männerwangen bleich:
Zuleika, Dschaffir's letzter Sproß!
Dein dir bestimmter Ehgenoß
Erschien zu spät – er schauet nicht,
Wird niemals schaun dein Angesicht!
Schallt in sein Ohr
Nicht fernher murmelnd der Wull-wullih-Chor?
Der Mädchen Schaar, die weinend kniet,
Der Koransänger Schicksalslied,
Die Sklaven laß, die stumm die Brust sich schlagen,
Wehlaut in Lüften, in der Halle Klagen,
Dein Loos ihm sagen!
Du sahst nicht deines Selim's Fall!
Der Graunmoment, wo er der Höhl' entwich,
Brach dir das Herz.
Er war dir Hoffnung, Freude, Lieb' und All –
Nicht Rettung sahst du rings – da traf auch dich
Der Todesschmerz:
Ein geller Schrei – dann warst du starr wie Erz.
Mag Frieden dich hinab
Geleiten in dein jungfräuliches Grab!
Des Lebens schlechtern Theil verlorst du nur;
Und jener Schmerz, der grimm dein Herz durchfuhr,
Dein erster war's! – Dreimal beglückte Maid,
Die nie gefühlt, gefürchtet nie das Leid,
Das Rache, Stolz und Haß, Treulosigkeit
Und Scham uns, und Gewissensbiß verleiht!
Die Qual, die schlimmer noch als Wahnsinnswuth,
Der Wurm, der niemals schläft und niemals ruht;
Gedanke grausen Tags und grauserer Nacht,
Dem Angst und Ekel Licht wie Dunkel macht,
Der an des Herzens Zuckungen sich weidet –
Ach! ist's nicht besser, daß es bricht und scheidet?
Weh dir, verruchter Häuptling, fühllos hart!
Vergebens legst du an das Bußgewand,
Und streust aufs Haupt dir Asche schmerzentbrannt: –
Abdallah, Selim schlug dieselbe Hand!
Zerrauf in eitlem Jammer nun den Bart:
Dein Stolz, dein Kind, zu Osman's Braut erwählt,
Der wohl der Sultan selbst sich gern vermählt,
Ist todt, entseelt!
Des Alters Trost, dein Abendsonnenstrahl,
Der Stern ob Helle's Fluten sank zu Thal.
Was löscht' ihn aus? – das Blut an deinem Stahl!
Horch! nur Verzweiflung fragt, die irre, so:
»Wo ist mein Kind?« – Ein Echo spottet: »Wo?«

 

28.

Am Ort, wo tausend Gräberreihn
Erblinken, während hoch und breit
Cypressen düster blicken drein,
Die nie verwelken, ob ein Lied
Der Klage auch ihr Laub durchzieht,
Wie unbelohnter Liebe Leid,
Ist ein Fleck in dem Todtenhain
Von Blüthen stets beschneit –
Dort steht ein heller Rosenstrauch,
Bleich schimmernd, einsam und allein;
Verzweiflung, scheint es, pflanzt' ihn ein –
So weiß, – so zart, – der schwächste Hauch
Verstreut ihr Blatt im Wind.
Und doch, ob Sturm und Rauhreif auch,
Und Hände, die noch rauher sind,
Die Rose knicken – seht! sie lacht
Am Morgen stets in neuer Pracht!
Ein Geist muß ihr die Säfte braun,
Mit Himmelszähren sie bethaun.
Auch sagen rings an Helle's Flut
Die Mädchen: nicht in ird'scher Hut
Entsproß das Blümchen, unbewehrt,
Das keines Sturmes Macht versehrt,
Das Frühlingsschauer nicht begehrt,
Noch lechzt nach Sommersglut.
Nachts hört man ihm ein Vöglein singen,
Nah ist's, ob man es auch nicht sieht;
Unsichtbar sind die luft'gen Schwingen,
Doch sanft, wie Hourisharfen klingen,
Tönt sein bezaubernd Lied!
Ist's Bülbül? Nein! ach, nie entflieht
Der Nachtigall solch süß Gekos,
Denn wer ihm lauscht, ist festgebannt
Am Ort, von Trauer übermannt,
Als liebt' er hoffnungslos!
Und doch so linde ist sein Schmerz,
So wonnige Thränen weint sein Herz,
Daß er verwünscht den Morgenstern,
Der ihn dem Bann entrückt;
Noch länger weint' und wacht' er gern,
Vom Zaubersang entzückt!
Doch wenn der Tag im Osten graut,
Erstirbt der süße Wunderlaut.
Und Mancher glaubt, und Mancher schwört,
Von holdem Jugendtraum bethört,
– (Ihn tadeln, wär' zu graus!) –
Es bild' und spreche dieser Klang
In Wehmuthsklagen, schwer und bang,
Zuleika's Namen aus.
Von ihrer Gruft Cypressen schallt
Der Ton, der in der Luft verhallt;
Die weiße Rose nickt herab
Auf ihrem jungfräulichen Grab.
Ein Marmorstein lag früher dort –
Doch schon am Morgen war er fort!
Es trug wohl keine Menschenhand
Die feste Säule nach dem Strand;
Denn, wie die Mär berichtet, fand
Man sie beim nächsten Morgenroth
Am Ort, wo Selim litt den Tod,
Umrauscht vom Meer, deß Flutgewog
Ihn einem heil'gern Grab entzog.
Und Nachts wird, wie die Sagen gehn,
Dort ein beturbant Haupt gesehn,
Aufragend aus dem Schaumgewühl –
Der Stein heißt der »Piratenpfühl!«
Wo erst er lag, entsproß dem Grunde
Die Rose, die noch blüht zur Stunde,
Thaufeucht und einsam, rein und bleich und kalt,
Der Schönheit Wange gleich, von der entwallt
Die Thräne, wenn ein traurig Lied erschallt!

Anmerkungen zur Braut von Abydos.

Dies Gedicht wurde zuerst im Anfang des Decembermonats 1813 veröffentlicht. Byron hatte dasselbe im Lauf einer einzigen Woche geschrieben, und schaltete während des Druckes noch gegen zweihundert Verse ein, darunter manche der schönsten Stellen, u. A. auch die dem Goethe'schen Mignonliede nachgeahmten Eröffnungszeilen.

S. 51. Durch die Gärten Güls

Gül, die Rose.

S. 53. In Medschnun's Mär und Sadi's Sang.

Medschnun und Leila, des Orients Romeo und Julie. – Sadi, der persische Fabeldichter.

S. 53. Bis, als mit dumpfem Laut dich schon
Rief zum Diwán der Trommel Ton
.

Die türkische Trommel, welche bei Sonnenaufgang, Mittags und zur Zeit der Abenddämmerung gerührt wird.

S. 55. Er ist ein Araber für mich.

Die Türken verabscheuen die Araber (welche das Kompliment übrigens hundertfach erwidern) noch mehr, als sie die Christen hassen.

S. 56. Geist und Musik, die aus den Zügen spricht.

Dieser Ausdruck ist getadelt worden. Ich will mich nicht auf »den, der nicht Musik hat in ihm selbst«, berufen, sondern nur den Leser bitten, sich zehn Sekunden lang an die Züge des weiblichen Wesens, das er für das schönste hält, zu erinnern; wenn er dann nicht vollkommen begreift, was durch obigen Vers nur schwach ausgedrückt worden ist, so sollte es mir für uns Beide leid thun. Eine beredte Auseinandersetzung über die Analogie zwischen Malerei und Musik (und die unmittelbar durch diese Analogie hervorgerufene Vergleichung) findet man in dem neuesten Werke der ersten Schriftstellerin dieses und vielleicht aller Jahrhunderte, – De l'Allemagne, Buch III, Kap. 10. Und ist diese Verbindung nicht noch inniger beim Original, als bei der Kopie? bei dem Farbenauftrag der Natur, als bei dem der Kunst? Freilich läßt sich dies Alles besser fühlen, als beschreiben; dennoch glaube ich, Einige werden mich verstehen. Gewiß würden sie das, wenn sie das Gesicht, dessen redende Harmonie diese Idee in mir erregte, gesehn hätten; denn diese Stelle ist nicht der Einbildungskraft, sondern der Erinnerung entnommen, diesem Spiegel, den der Schmerz zur Erde schleudert und, auf die Trümmer niederstarrend, den Wiederschein nur vervielfältigt sieht.

S. 57. Doch das Geschlecht der Karasman

Karasman Oglu, oder Kara Osman Oglu ist der größte Grundeigenthümer in der Türkei; er herrscht in Magnesia. Diejenigen, welche, als eine Art Lehnssassen, mit der Verpflichtung zur Dienstbarkeit Land besitzen, heißen Timarioten; sie dienen als Spahis, je nach Umfang ihres Gebietes, und stellen eine gewisse Anzahl Soldaten, meist Reiterei, ins Feld.

S. 57. Und weist dem Boten, welcherlei
Das Loos des Ueberbringers sei
.

Wenn ein Pascha stark genug zum Widerstande ist, wird der einzelne Bote, welcher ihm stets zuerst das Todesurtheil überbringt – und zuweilen fünf oder sechs Ueberbringer solches Auftrags nach einander – auf Befehl des widerspenstigen Musjö statt seiner erdrosselt. Ist er jedoch schwach und gehorsam, so verneigt er sich, küßt die erlauchte Unterschrift des Sultans und legt sich bereitwilligst die Schnur um den Hals. Im Jahre 1810 waren mehrere dieser Präsente in der Nische des Serailthores ausgestellt; u. A. der Kopf des Paschas von Bagdad, eines tapferen jungen Mannes, der nach verzweifelter Gegenwehr durch Verrätherei enthauptet worden war.

S. 58. Er klatscht dreimal nach seinem Roß,
Legt hin den prächtigen Tschibuk
.

Die Sklaven werden durch Händeklatschen herbeigerufen. Die Türken hassen jede überflüssige Anstrengung der Stimme, und sie besitzen keine Glocken. – Tschibuk, die türkische Pfeife, deren Bernsteinspitze und deren Kopf mit kostbaren Steinen geschmückt ist, wenn der Besitzer den reicheren Ständen angehört.

S. 58. Mit Mograbi und Mameluk,
Und Delilern im Waffenschmuck
.

Mograbi, Mohrensöldlinge. – Deliler, Mordgesellen, welche die
verlorenen Posten der Reiterei bilden und stets das Gefecht eröffnen.

S. 58. Nicht schaut' er, wie der Säbel Kraft
Den falt'gen Filz im Hieb zerklafft
.

Ein zusammengedrehtes Stück Filz ist bei den Türken die Zielscheibe ihrer Säbelübungen, und selten vermag ein anderer Arm als der eines Muselmans dasselbe mit einem einzigen Hieb zu spalten; zuweilen bedient man sich eines steifen Turbans für den nämlichen Zweck. Das Dscheridspiel mit stumpfen Wurfspießen ist lebhaft und anmuthig.

S. 58. Noch wie der Ollahruf erbraust.

Ollah, Allah il Allah, die »Leilies«, wie die spanischen Dichter sagen, aber der Laut ist Ollah, ein Ruf, mit welchem die Türken, für ein schweigsames Volk, etwas verschwenderisch umgehen, besonders beim Dscheridwurf und auf der Jagd, vor Allem aber im Kampfe. Ihre Lebhaftigkeit im Felde und ihr gravitätischer Ernst zu Hause bei ihren Pfeifen und Komboloios bilden einen belustigenden Gegensatz.

S. 59. Der Persiens Rosenöl umfing.

Atar-gul, Rosenessenz. Die persische ist die beste.

S. 59. Aufs bunte Dach

Die Decken und Wände der türkischen Zimmer sind in größeren Häusern gewöhnlich mit einer immer wiederkehrenden, grell kolorirten Ansicht von Konstantinopel bemalt, deren Haupteigenthümlichkeit eine kühne Verachtung aller Perspektive ist; darunter sind Waffen, Säbel etc. phantastisch, und meist nicht ohne Zierlichkeit, angebracht.

S. 59. Läßt Bülbül durch die Ros' ihn grüßen.

Man hat oft geschwankt, ob der Gesang dieses »Geliebten der Rose« traurig oder fröhlich sei; und die Bemerkungen des Herrn Fox über diesen Gegenstand haben einen gelehrten Streit über die Meinungen der Alten in Betreff dieses Themas veranlaßt. Ich wage keine Konjektur darüber aufzustellen, obschon ich ein wenig zu dem errare mallem etc. geneigt wäre, wenn Herr Fox sich doch geirrt haben sollte.

S. 60. Selbst Azrael, wenn er entsendet

Azrael, der Todesengel.

S. 61. Böt' Einer alle Schätze dar
Mir aus dem Schacht von Istakar
.

Die Schätze der präadamitischen Sultane. Siehe d'Herbelot, Artikel Istakar.

S. 62. – – – – den Muss'limrang.

Musselim, ein Statthalter, der Nächste im Range nach einem Pascha; der Woywode ist der Dritte, dann folgen die Agas.

S. 62. Stammt er nicht her aus Egripo?
Kein Judengauch war je so roh
!

Egripo, Negropont. Nach dem Sprichworte sind die Türken von Egripo, die Juden von Salonichi und die Griechen von Athen die Schlechtesten je ihres Stammes.

S. 64. Ha! dort schon naht der Tschokadar.

Tschokadar, einer der Diener, die vor einem Manne von Rang hergehen.

S. 67. Dein »breiter Hellespont« –

Man hat sich über dies Beiwort, der »breite Hellespont« oder der »unermeßliche Hellespont«, ob es das Eine oder das Andere, oder was es überhaupt bedeute, auf das Kleinlichste herumgezankt. Ich habe sogar an Ort und Stelle darüber streiten hören; und da ich kein baldiges Ende des Zwistes absah, so belustigte ich mich damit, unterdessen hinüber zu schwimmen, und kann es, bevor die Sache zur Entscheidung kommt, wahrscheinlich noch einmal thun. In der That, die Frage nach der Wahrheit, die dem »Liede von dem göttlichen Troja« zu Grunde liegt, wird noch immer erörtert, und das magische Wort »ἄτειρος« spielt dabei eine wesentliche Rolle. Wahrscheinlich hatte Homer von der Entfernung dieselben Begriffe, wie eine Kokette von der Zeit, und meint eine halbe Meile, wenn er »unermeßlich« sagt, wie die Letztere einfach drei Wochen meint, wenn sie mit einer ähnlichen Redefigur von »ewiger« Liebe spricht.

S. 67. Das mächt'ge Mal von Erd' und Stein,
Das Ammon's Sohn umfuhr

Vor seinem Zuge nach Persien; er bekränzte den Altar mit Lorbeeren etc. Später ahmte ihm Caracalla in seiner Art nach. Man meint, Letzterer habe auch einen Freund, Namens Festus, vergiftet, um die Spiele des Patroklus zu erneuern. Ich sah die Heerden auf den Gräbern von Aesietes und Antilochus weiden; ersteres liegt in der Mitte der Ebne.

S. 68. Der duft'ge Bernsteinperlenkranz.

Wenn der Bernstein gerieben wird, so duftet er, zwar nur wenig, aber nicht unangenehm.

S. 68. Der Mutter heil'ges Amulet.

Der Glaube an Amulete, die, in Edelsteine gegraben oder in goldenen Kapseln verschlossen, kurze Sprüche aus dem Koran enthalten, und die man um den Hals, den Arm oder das Handgelenk trägt, herrscht noch jetzt überall im Orient. Der Kursi- (Thron-) Vers im zweiten Kapitel des Korans schildert die Attribute des Höchsten, und wird auf gleiche Weise eingegraben und von den Frommen als der verehrungswürdigste und erhabenste aller Sprüche getragen.

S. 68. Beim Komboloio auf den Kissen.

Komboloio, ein türkischer Rosenkranz. – Die Handschriften, insbesondere die persischen, sind reich verziert und bemalt. Die Griechinnen werden in tiefster Unwissenheit erhalten; aber viele der türkischen Mädchen sind hochgebildet, obschon sie nicht ganz in eine Christengesellschaft passen möchten. Vielleicht könnte es einigen unserer eigenen »Blaustrümpfe« nicht schaden, wenn sie etwas gebleicht würden.

S. 70. Für einen jungen Galiondschi.

Galiondschi, ein Seesoldat, d. h. ein türkischer Seesoldat. Die Griechen rudern und steuern, die Türken bedienen die Geschütze. Ihre Tracht ist malerisch, und ich habe den Kapudan Pascha sich ihrer mehrmals als einer Art Inkognito bedienen sehen. Ihre Beine sind jedoch gewöhnlich nackt. Die hohen Stiefel, welche im Text als mit Silber beschient geschildert werden, sind die eines arnautischen Räubers, der mich in seinem Pyrgo bei Gastuni in Morea (er hatte sein Gewerbe aufgegeben) bewirthete. Sie waren mit über einander gefügten Schuppen besetzt, wie der Rücken eines Gürtelthiers.

S. 72. Mag so der Koranvers, dem Stahl
Der Klinge eingeritzt –

Die Schriftzeichen auf allen türkischen Säbeln enthalten zuweilen den Namen des Ortes, wo sie verfertigt sind, häufiger jedoch einen Spruch aus dem Koran in goldenen Buchstaben. Unter denen, die ich besitze, befindet sich einer mit einer seltsamen Klinge; sie ist sehr breit, und die Schneide ist in schlangenartigen Windungen gekerbt, wie gekräuselte Wellchen oder wie eine auflodernde Flamme. Ich frug den Armenier, der sie mir verkaufte, welchen Nutzen eine solche Form haben könne; er antwortete mir auf Italienisch, er wüßte das nicht, aber die Türken glaubten, daß eine so geformte Waffe schwerere Wunden beibringe, und liebten sie, weil sie » piu feroce« sei. Der Grund bestimmte mich nicht sonderlich, aber ich kaufte sie wegen ihrer Ungewöhnlichkeit.

S. 72. Nein, schier wie eine Kainsbrut.

Es ist zu bemerken, daß jede Anspielung auf irgend eine Sache oder Person des Alten Testamentes, wie z. B. auf die Arche oder auf Kain, dem Muselman gerade so sehr erlaubt ist, wie dem Juden; ja, die Ersteren behaupten sogar, mit dem wahren und sagenhaften Leben der Patriarchen weit besser bekannt zu sein, als es durch unsere heilige Schrift verbürgt wird; und nicht zufrieden mit Adam, haben sie noch eine Lebensbeschreibung von Präadamiten. Salomo ist der König aller Zauberer, und Moses ein Prophet, der nur hinter Christus und Mahomed zurücksteht. Zuleika ist der persische Name von Potiphar's Weib, und ihre Liebe zu Joseph bildet den Stoff eines der schönsten Gedichte in ihrer Sprache. Es ist daher kein Kostümfehler, Kain's oder Noah's Namen einem Muselman in den Mund zu legen. – [Da Herr Murray, der Verleger Lord Byron's, einigen Zweifel ausgesprochen hatte, ob es angemessen sei, den Namen Kain's einem Muselman in den Mund zu legen, sandte ihm der Dichter die voraufgehende Note – »zu Nutz und Frommen der Ignoranten«. »Ich lege keinen Pfifferling Gewicht auf meine Poesie«, schrieb er, »aber für mein Kostüm und dessen gewissenhafte Treue will ich jeden Kampf aufnehmen«.]

S. 73. Noch zeugt Paswan's Rebellenschaar –

Paswan Oglu, der Rebell von Widdin, welcher in seinen letzten Lebensjahren der ganzen Macht der Pforte trotzte.

S. 73. – – – – – – Ein Zug –
Für immer hatt' er dran genug
!

Dschaffir, Pascha von Argyrocastro oder von Skutari – ich weiß nicht genau, von welchem der beiden Orte – wurde thatsächlich von dem Albanesen Ali auf die im Text geschilderte Weise umgebracht. Ali Pascha heirathete während meines Aufenthaltes im Lande die Tochter seines Opfers, wenige Jahre nachdem dies Ereigniß sich in einem Bade zu Sophia oder Adrianopel zugetragen hatte. Das Gift war in die Tasse Kaffee geschüttet, welche von dem Badewärter nach dem Ankleiden vor dem Sorbet gereicht wird.

S. 77. Ich sah sie all', und weilt' auf allen.

Die Kenntniß der Türken von fast allen Inseln beschränkt sich auf den Archipel, das Meer, von welchem hier die Rede ist.

S. 78. Der Rest von Lambro's Patrioten.

Lambro Canzani, ein Grieche, berühmt durch seine Kämpfe für die Unabhängigkeit seines Vaterlandes in den Jahren 1789 und 90. Von den Russen im Stich gelassen, wurde er Seeräuber, und der Archipel war der Schauplatz seiner Unternehmungen. Er soll noch in St. Petersburg leben. Er und Riga sind die zwei berühmtesten griechischen Revolutionshelden.

S. 78. Wodurch der Rajahs Joch zu brechen.

Rajahs – alle Diejenigen, welche die Kopfsteuer, den sogenannten Haradsch, bezahlen.

S. 78. Ja! laß, wie Noah, auf dem Meer mich schweifen.

Diese erste der Reisen ist eine der wenigen, mit welchen die Muselmänner wohlbekannt sind.

S. 78. Heimlos, wie der Tartar, das Land durchstreifen.

Das Wanderleben der Araber, Tartaren und Turkomanen findet man in jedem orientalischen Reiseberichte hinlänglich geschildert. Daß es einen besonderen Reiz hat, läßt sich nicht leugnen. Ein junger französischer Renegat gestand Chateaubriand, daß er niemals allein durch die Wüste gesprengt sei, ohne von einem an Entzücken grenzenden, unbeschreiblichen Gefühl ergriffen zu werden.

S. 78. Ein Sitz, wie Aden's Hag zu frühster Zeit.

Dschannat al Aden, die ewige Wohnung, das muselmännische Paradies.

S. 85. Geweint auf seinem Turbanstein.

Nur auf den Gräbern der Männer befindet sich ein aus Stein gemeißelter Turban.

S. 85. Schallt in sein Ohr
Nicht fernher murmelnd der Wull-wullih-Chor
?

Der Todtengesang der türkischen Frauen. Die »stummen Sklaven« sind die Männer, deren Anstandsbegriffe ihnen jede öffentliche Kundgebung ihrer Trauer untersagen.

S. 86. »Wo ist mein Kind?« – Ein Echo spottet: »Wo?«

»Ich kam an meinen Geburtsort und rief: ›Die Freunde meiner Jugend, wo sind sie?‹ und ein Echo antwortete: ›Wo sind sie?‹« (Aus einer arabischen Handschrift.)

S. 87. Es bild' und spreche dieser Klang
Zuleika's Namen aus
.

Was den Glauben anbetrifft, daß die Seelen Verstorbener Vogelgestalt annehmen, so braucht man deswegen nicht nach dem Orient zu reisen. Lord Lyttleton's Geistergeschichte, der Glaube der Herzogin von Kent, daß Georg I. in Gestalt eines Raben in ihr Fenster geflogen sei (siehe Orford's »Erinnerungen«), und viele andere Beispiele rücken uns diesen Aberglauben näher. Am sonderbarsten war die Grille einer Dame in Worcester, welche, in dem Wahne, ihre Tochter habe die Gestalt eines Singvogels angenommen, ihren Stuhl in der Kathedrale buchstäblich mit Käfigen voll solcher Vögel ausstaffirte; und da sie reich war und sich durch Verschönerung der Kirche um dieselbe verdient gemacht hatte, so widersetzte man sich nicht der harmlosen Narrheit. Ueber diese Anekdote findet sich das Nähere in Orford's Briefen.

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