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Caroline von Günderrode: Dichtungen - Kapitel 53
Quellenangabe
authorKaroline von Günderrode
titleDichtungen
publisherHugo Bruckmann
editorLudwig v. Pigenot
year1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180628
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Bettinas Bericht

Über die Günderrode ist mir am Rhein unmöglich zu schreiben, ich bin nicht so empfindlich, aber ich bin hier am Platz nicht weit genug vom Gegenstand ab, um ihn ganz zu übersehen; – gestern war ich da unten, wo sie lag; die Weiden sind so gewachsen, dass sie den Ort ganz zudecken; und wie ich mir so dachte, wie sie voll Verzweiflung hier herlief, und so rasch das gewaltige Messer sich in die Brust stiess, und wie das da tagelang in ihr gekocht hatte, und ich, die so nah mit ihr stand, jetzt an demselben Ort gehe hin und her an demselben Ufer, in süssem Überlegen meines Glückes, und alles und das Geringste, was mir begegnet, scheint mir mit zu dem Reichtum meiner Seligkeit zu gehören; da bin ich wohl nicht geeignet, jetzt alles zu ordnen und den einfachen Faden unseren Freundelebens, von dem ich doch nur alles anspinnen könnte, zu verfolgen. – Nein es kränkt mich und ich mache ihr Vorwürfe, wie ich ihr damals in Träumen machte, dass sie die schöne Erde verlassen hat; sie hätt noch lernen müssen, dass die Natur Geist und Seele hat und mit dem Menschen verkehrt und sich seiner und seines Geschickes annimmt und dass Lebensverheissungen in den Lüften uns umwehen; ja, sie hat's bös mit mir gemacht, sie ist mir geflüchtet, grade wie ich mit ihr teilen wollte alle Genüsse. Sie war so zaghaft; eine junge Stiftsdame, die sich fürchtete, das Tischgebet laut herzusagen; sie sagte mir oft, dass sie sich fürchtete, weil die Reihe an ihr war; sie wollte vor den Stiftsdamen das Benedicite nicht laut hersagen. Unser Zusammenleben war schön; es war die erste Epoche, in der ich mich gewahr ward; – sie hatte mich zuerst aufgesucht in Offenbach, sie nahm mich bei der Hand und forderte, ich solle sie in der Stadt besuchen; nachher waren wir alle Tage beisammen; bei ihr lernte ich die ersten Bücher mit Verstand lesen; sie wollte mich Geschichte lehren, sie merkte aber bald, dass ich zu sehr mit der Gegenwart beschäftigt war, als dass mich die Vergangenheit hätte lange fesseln können. – Wie gern ging ich zu ihr! ich konnte sie keinen Tag mehr missen, ich lief alle Nachmittag zu ihr; wenn ich an die Tür des Stifts kam, da sah ich durch das Schlüsselloch bis nach ihrer Tür, bis mir aufgetan ward; – ihre kleine Wohnung war ebner Erde nach dem Garten; vor dem Fenster stand eine Silberpappel, auf die kletterte ich während dem Vorlesen; bei jedem Kapitel erstieg ich einen höheren Ast und las von oben herunter; – sie stand am Fenster und hörte zu und sprach zu mir hinauf, und dann und wann sagte sie: Bettine fall nicht; jetzt weiss ich erst, wie glücklich ich in der damaligen Zeit war, weil alles, auch das Geringste, sich als Erinnerung von Genuss in mich geprägt hat. – Sie war so sanft und weich in allen Zügen, wie eine Blondine; sie hatte braunes Haar, aber blaue Augen, die waren gedeckt mit langen Augenwimpern; wenn sie lachte, so war es nicht laut, es war vielmehr ein sanftes, gedämpftes Girren, in dem sich Lust und Heiterkeit sehr vernehmlich aussprach; – sie ging nicht, sie wandelte, wenn man verstehen will, was ich damit auszusprechen meine; – ihr Kleid war ein Gewand, was sie in schmeichelnden Falten umgab, das kam von ihren weichen Bewegungen her; – ihr Wuchs war hoch, ihre Gestalt war zu fliessend, als dass man es mit dem Worte schlank ausdrücken könnte; sie war schüchternfreundlich und viel zu willenlos, als dass sie in der Gesellschaft sich bemerkbar gemacht hätte. Einmal ass sie mit dem Fürst Primas mit allen Stiftsdamen zu Mittag; sie war im schwarzen Ordenskleid mit langer Schleppe und weissem Kragen mit dem Ordenskreuz; da machte jemand die Bemerkung, sie sähe aus wie eine Scheingestalt unter den andern Damen, als ob sie ein Geist sei, der eben in der Luft zerfliessen werde. – Sie las mir ihre Gedichte vor und freute sich meines Beifalls, als wenn ich ein grosses Publikum wär; ich war aber auch voll lebendiger Begierde es anzuhören; nicht als ob ich mit dem Verstand das Gehörte gefasst habe, – es war vielmehr ein mir unbekanntes Element, und die weichen Verse wirkten auf mich wie der Wohllaut einer fremden Sprache, die einem schmeichelt, ohne dass man sie übersetzen kann. – Wir lasen zusammen den Werther und sprachen viel über den Selbstmord; sie sagte: ›Recht viel lernen, recht viel fassen mit dem Geist und dann früh sterben; ich mag's nicht erleben, dass mich die Jugend verlässt‹. Wir lasen vom Jupiter Olymp des Phidias, dass die Griechen von dem sagten, der Sterbliche sei um das Herrlichste betrogen, der die Erde verlasse, ohne ihn gesehen zu haben. Die Günderrode sagte, wir müssen ihn sehen, wir wollen nicht zu den Unseligen gehören, die so die Erde verlassen. Wir machten ein Reiseprojekt, wir erdachten unsre Wege und Abenteuer, wir schrieben alles auf, wir malten alles aus, unsere Einbildung war so geschäftig, dass wir's in der Wirklichkeit nicht besser hätten erleben können; oft lasen wir in dem erfundenen Reisejournal, und freuten uns der allerliebsten Abenteuer, die wir drin erlebt hatten und die Erfindung wurde gleichsam zur Erinnerung, deren Beziehungen sich noch in der Gegenwart fortsetzten. Von dem, was sich in der Wirklichkeit ereignete, machten wir uns keine Mitteilungen; das Reich, in dem wir zusammentrafen, senkte sich herab wie eine Wolke, die sich öffnete, um uns in ein verborgenes Paradies aufzunehmen; da war alles neu, überraschend, aber passend für Geist und Herz; und so vergingen die Tage. Sie wollte mir Philosophie lehren; was sie mir mitteilte, verlangte sie von mir aufgefasst, und dann auf meine Art schriftlich wiedergegeben; die Aufsätze, die ich ihr hierüber brachte, las sie mit Staunen; es war nie auch eine entfernte Ahndung von dem, was sie mir mitgeteilt hatte; ich behauptete im Gegenteil, so hätt ich es verstanden; – sie nannte diese Aufsätze Offenbarungen, gehöht durch die süssesten Farben einer entzückten Imagination; sie sammelte sie sorgfältig, sie schrieb mir einmal: Jetzt verstehst Du nicht, wie tief diese Eingänge in das Bergwerk des Geistes führen, aber einst wird es Dir sehr wichtig sein, denn der Mensch geht oft öde Strassen; je mehr er Anlage hat durchzudringen, je schauerlicher ist die Einsamkeit seiner Wege, je endloser die Wüste. Wenn Du aber gewahr wirst, wie tief Du Dich hier in den Brunnen des Denkens niedergelassen hast und wie Du da unten ein neues Morgenrot findest und mit Lust wieder heraufkömmst und von Deiner tieferen Welt sprichst, dann wird Dichs trösten, denn die Welt wird nie mit Dir zusammenhängen, Du wirst keinen andern Ausweg haben als zurück durch diesen Brunnen in den Zaubergarten Deiner Phantasie; es ist aber keine Phantasie, es ist eine Wahrheit, die sich in ihr spiegelt. Der Genius benützt die Phantasie, um unter ihren Formen das Göttliche, was der Menschengeist in seiner idealen Erscheinung nicht fassen könnte, mitzuteilen oder einzuflössen; ja Du wirst keinen andern Weg des Genusses in Deinem Leben haben, als den sich die Kinder versprechen von Zauberhöhlen, von tiefen Brunnen; wenn man durch sie gekommen, so findet man blühende Gärten, Wunderfrüchte, kristallne Paläste, wo eine noch unbegriffne Musik erschallt und die Sonne mit ihren Strahlen Brücken baut, auf denen man festen Fusses in ihr Zentrum spazieren kann; – das alles wird sich Dir in diesen Blättern zu einem Schlüssel bilden, mit dem Du vielleicht tief versunkene Reiche wieder aufschliessen kannst, drum verliere mir nichts und wehre auch nicht solchen Reiz, der Dich zum Schreiben treibt, sondern lerne mit Schmerzen denken, ohne welche nie der Genius in den Geist geboren wird; – wenn er erst in Dich eingefleischt ist, dann wirst Du Dich der Begeistrung freuen, wie der Tänzer sich der Musik freut.

– – – (Lücke von neun Seiten, auf denen Bettina mehr über sich schreibt.) – – –

Wie ich von ihrem Grab zurückkam, da fand ich Leute, die nach ihrer Kuh suchten, die sich verlaufen hatte; ich ging mit ihnen; sie ahndeten gleich, dass ich von dorther kam, sie wussten viel von der Günderrode zu erzählen, die oft freundlich bei ihnen eingesprochen und ihnen Almosen gegeben hatte; sie sagten, so oft sie dort vorbeigehen, beten sie ein Vaterunser; ich hab auch dort gebetet zu und um ihre Seele, und hab mich vom Mondlicht reinwaschen lassen, und hab es ihr laut gesagt, dass ich mich nach ihr sehne, nach jenen Stunden, in denen wir Gefühle und Gedanken harmlos gegen einander austauschten.

Sie erzählte mir wenig von ihren sonstigen Angelegenheiten, ich wusste nicht, in welchen Verbindungen sie noch ausser mir war; sie hatte mir zwar von Daub in Heidelberg gesprochen und auch von Creuzer, aber ich wusste von keinem, ob er ihr lieber sei als der andre; einmal hatte ich von andern davon gehört, ich glaubte es nicht; einmal kam sie mir freudig entgegen und sagte: Gestern habe ich einen Chirurg gesprochen, der hat mir gesagt, dass es sehr leicht ist, sich umzubringen; – sie öffnete hastig ihr Kleid und zeigte mir unter der schönen Brust den Fleck; ihre Augen funkelten freudig; ich starrte sie an, es ward mir zum ersten Mal unheimlich, ich fragte: Nun! – und was soll ich denn tun, wenn Du tot bist? – O, sagte sie, dann ist Dir nichts mehr an mir gelegen, bis dahin sind wir nicht mehr so eng verbunden, ich werd mich erst mit Dir entzweien; – ich wendete mich nach dem Fenster, um meine Tränen, mein vor Zorn klopfendes Herz zu verbergen, sie hatte sich nach dem andern Fenster gewendet und schwieg; – ich sah sie von der Seite an, ihr Auge war gen Himmel gewendet, aber der Strahl war gebrochen, als ob sich sein ganzes Feuer nach innen gewendet habe; – nachdem ich sie eine Weile beobachtet hatte, konnte ich mich nicht mehr fassen, – ich brach in lautes Schreien aus, ich fiel ihr um den Hals und riss sie nieder auf den Sitz, und setzte mich auf ihre Knie und weinte viel Tränen und küsste sie zum erstenmal an ihren Mund und riss ihr das Kleid auf und küsste sie an die Stelle, wo sie gelernt hatte das Herz treffen; und ich bat mit schmerzlichen Tränen, dass sie sich meiner erbarme, und fiel ihr wieder um den Hals und küsste ihre Hände, die waren kalt und zitterten und ihre Lippen zuckten, und sie war ganz kalt und starr und totenblass und konnte die Stimme nicht erheben; sie sagte leise: Bettine, brich mir das Herz nicht; – ach, da wollte ich mich aufreissen und wollte ihr nicht weh tun; ich lächelte und weinte und schluchzte laut, ihr schien immer banger zu werden, sie legte sich aufs Sofa; da wollt ich scherzen und wollte ihr beweisen, dass ich alles für Scherz nehme; da sprachen wir von ihrem Testament; sie vermachte einem jeden etwas; mir vermachte sie einen kleinen Apoll unter einer Glasglocke, dem sie einen Lorbeerkranz umgehängt hatte; ich schrieb alles auf; im Nachhausegehen machte ich mir Vorwürfe, dass ich so aufgeregt gewesen war; ich fühlte, dass es doch nur Scherz gewesen war, oder auch Phantasie, die in ein Reich gehört, welches nicht in der Wirklichkeit seine Wahrheit behauptet; ich fühlte, dass ich unrecht gehabt hatte und nicht sie, die ja oft auf diese Weise mit mir gesprochen hatte.

Am andern Tag führte ich ihr einen jungen französischen Husarenoffizier zu mit hoher Bärenmütze; es war der Wilhelm von Türkheim, der schönste aller Jünglinge, das wahre Kind voll Anmut und Scherz; er war unvermutet angekommen; ich sagte: da hab ich dir einen Liebhaber gebracht, der soll dir das Leben wieder lieb machen. Er vertrieb uns allen die Melancholie; wir scherzten und machten Verse, und da der schöne Wilhelm die schönsten gemacht zu haben behauptete, so wollte die Günderrode, ich solle ihm den Lorbeerkranz schenken; ich wollte mein Erbteil nicht geschmälert wissen, doch musst ich ihm endlich die Hälfte des Kranzes lassen; so hab ich denn nur die eine Hälfte.

Einmal kam ich zu ihr, da zeigte sie mir einen Dolch mit silbernem Griff, den sie auf der Messe gekauft hatte, sie freute sich über den schönen Stahl und über seine Schärfe; ich nahm das Messer in die Hand und probte es am Finger; da floss gleich Blut; sie erschrak; ich sagte: O Günderrode! Du bist so zaghaft und kannst kein Blut sehen, und gehest immer mit einer Idee um, die den höchsten Mut voraussetzt; ich habe doch noch das Bewusstsein, dass ich eher vermögend war, etwas zu wagen, obschon ich mich nie umbringen würde; aber mich und Dich in einer Gefahr zu verteidigen, dazu hab ich Mut; und wenn ich jetzt mit dem Messer auf Dich eindringe, – siehst Du, wie Du Dich fürchtest? – sie zog sich ängstlich zurück; der alte Zorn regte sich wieder in mir unter der Decke des glühendsten Mutwills; ich ging immer ernstlicher auf sie ein, sie lief in ihr Schlafzimmer hinter den ledernen Sessel, um sich zu sichern; ich stach in den Sessel, ich riss ihn mit vielen Stichen in Stücke, das Rosshaar flog hier- und dahin in der Stube, sie stand flehend hinter dem Sessel und bat ihr nichts zu tun. –

Ich sagte: Eh ich dulde, dass Du Dich umbringst, tu ich's lieber selbst. – Mein armer Stuhl! rief sie. – Ja was, Dein Stuhl, der soll den Dolch stumpf machen; – ich gab ihm ohne Barmherzigkeit Stich auf Stich, das ganze Zimmer wurde eine Staubwolke; so warf ich den Dolch weit in die Stube, dass er prasselnd unter das Sofa fuhr; ich nahm sie bei der Hand und führte sie in den Garten, in die Weinlaube, ich riss die jungen Weinreben ab und warf sie ihr vor die Füsse; ich trat drauf und sagte: So misshandelst Du unsre Freundschaft. – Ich zeigte ihr die Vögel auf den Zweigen und dass wir, wie jene, spielend aber treu gegeneinander bisher zusammengelebt hätten; ich sagte: Du kannst sicher auf mich bauen, es ist keine Stunde in der Nacht, die, wenn Du mir Deinen Willen kund tust, mich nur einen Augenblick besinnen machte; – komm vor mein Fenster und pfeif um Mitternacht, und ich geh ohne Vorbereitung mit Dir um die Welt; und was ich für mich nicht wagte, das wag ich für Dich; – aber Du! – was berechtigt Dich mich aufzugeben? – wie kannst Du solche Treue verraten; und versprich mir, dass Du nicht mehr Deine zaghafte Natur hinter so grausenhafte, prahlerische Ideen verschanzen willst. – Ich sah sie an, sie war beschämt und senkte den Köpf und sah auf die Seite und war blass; wir waren beide still, lange Zeit. Günderrode, sagte ich, wenn es ernst ist, dann gib mir ein Zeichen; – sie nickte.

Sie reiste ins Rheingau; von dort aus schrieb sie mir ein paarmal, wenig Zeilen; – ich hab sie verloren, sonst würde ich sie hier einschalten. Einmal schrieb sie: Ist man allein am Rhein, so wird man ganz traurig, aber mit mehreren zusammen, da sind grade die schauerlichsten Plätze am lustaufreizendsten, mir aber ist doch lieb, den weiten, gedehnten Purpurhimmel am Abend allein zu begrüssen; da dichte ich im Wandlen an einem Märchen, das will ich Dir vorlesen; ich bin jeden Abend begierig, wie es weitergeht, es wird manchmal recht schaurig und dann taucht es wieder auf. Da sie wieder zurückkam und ich das Märchen lesen wollte, sagte sie: es ist so traurig geworden, dass ich's nicht lesen kann; ich darf nichts mehr davon hören, ich kann es nicht mehr weiter schreiben: ich werde krank davon; und sie legte sich zu Bett und blieb liegen mehrere Tage, der Dolch lag an ihrem Bett; ich achtete nicht darauf, die Nachtlampe stand dabei, ich kam herein; Bettine, mir ist vor drei Wochen eine Schwester gestorben; sie war jünger als ich, Du hast sie nie gesehen; sie starb an der schnellen Auszehrung. – Warum sagst Du mir dies heute erst? fragte ich. – Nun, was könnte Dich dies interessieren? Du hast sie nicht gekannt, ich muss so was allein tragen, sagte sie mit trockenen Augen. Mir war dies doch etwas sonderbar, mir jungen Natur waren alle Geschwister so lieb, dass ich glaubte, ich würde verzweifeln müssen, wenn einer stürbe, und dass ich mein Leben für jeden gelassen hätte; sie fuhr fort: Nun denk! vor drei Nächten ist mir diese Schwester erschienen; ich lag im Bett und die Nachtlampe brannte auf jenem Tisch; sie kam herein in weissem Gewand, langsam, und blieb an dem Tisch stehen; sie wendete den Kopf nach mir und senkte ihn und sah mich an; erst war ich erschrocken, aber bald war ich ganz ruhig, ich setzte mich im Bett auf, um mich zu überzeugen, dass ich nicht schlafe. Ich sah sie auch an und es war, als ob sie etwas bejahend nickte; und sie nahm dort den Dolch und hob ihn gen Himmel mit der rechten Hand, als ob sie mir ihn zeigen wolle und legte ihn wieder sanft und klanglos nieder; und dann nahm sie die Nachtlampe und hob sie auch in die Höhe und zeigte sie mir, und als ob sie mir bezeichnen wolle, dass ich sie verstehe, nickte sie sanft, führte die Lampe zu ihren Lippen und hauchte sie aus; denk nur sagte sie voll Schauder, ausgeblasen; – und im Dunkel hatte mein Auge noch das Gefühl von ihrer Gestalt; und da hat mich plötzlich eine Angst befallen, die ärger sein muss, als wenn man mit dem Tod ringt; ja, denn ich wäre lieber gestorben, als noch länger diese Angst zu tragen.

Ich war gekommen, um Abschied zu nehmen, weil ich mit Savigny nach Marburg reisen wollte, aber nun wollte ich bei ihr bleiben. Reise nur fort, sagte sie, denn ich reise auch übermorgen wieder ins Rheingau – so ging ich denn weg. – Bettine, rief sie mir in der Tür zu: behalt diese Geschichte, sie ist doch merkwürdig! Das waren ihre letzten Worte. In Marburg schrieb ich ihr oft ins Rheingau von meinem wunderlichen Leben; – ich wohnte einen ganzen Winter am Berg dicht unter dem alten Schloss, der Garten war mit der Festungsmauer umgeben, aus den Fenstern hatt ich eine weite Aussicht über die Stadt und das reich bebaute Hessenland; überall ragten die gotischen Türme aus den Schneedecken hervor; aus meinem Schlafzimmer ging ich in den Berggarten, ich kletterte über die Festungsmauer und stieg durch die verödeten Gärten; – wo sich die Pförtchen nicht aufzwingen liessen, da brach ich durch die Hecken, – da sass ich auf der Steintreppe, die Sonne schmolz den Schnee zu meinen Füssen, ich suchte die Moose und trug sie mit samt der angefrornen Erde nach Haus; – so hatt ich an dreissig bis vierzig Moosarten gesammelt, die alle in meiner kalten Schlafkammer, in erdnen Schüsselchen auf Eis gelegt, mein Bett umblühten; ich schrieb ihr davon, ohne zu sagen was es sei; ich schrieb in Versen: Mein Bett steht mitten im kalten Land, umgeben von viel Hainen, die blühen in allen Farben, und da sind silberne Haine uralter Stämme, wie der Hain auf der Insel Cypros; die Bäume stehen dicht gereiht und verflechten ihre gewaltigen Äste; der Rasen, aus dem sie hervorwachsen, ist rosenrot und blassgrün; ich trug den ganzen Hain heut auf meiner erstarrten Hand in mein kaltes Eisbeetland; – da antwortet' sie wieder in Versen: Das sind Moose ewiger Zeiten, die den Teppich unterbreiten, ob die Herrn zur Jagd drauf reiten, ob die Lämmer drüber weiden, ob der Winterschnee sie decket, oder Frühling Blumen wecket; in dem Haine schallt es wieder, summen Mücken ihre Lieder; an der Silberbäume Wipfel, hängen Tröpfchen Tau am Gipfel; in dem klaren Tröpfchen Taue, spiegelt sich die ganze Aue; Du musst andre Rätsel machen, will Dein Witz des meinen lachen!

Nun waren wir ins Rätsel geben und - lösen geraten; alle Augenblicke hatt ich ein kleines Abenteuer auf meinen Spazierwegen, was ich ihr verbrämt zu erraten gab; meistens löste sie es auf eine kindlich lustige Weise auf. Einmal hatte ich ihr ein Häschen, was mir auf wildem einsamem Waldweg begegnet war, als einen zierlichen Ritter beschrieben, ich nannte es la petite perfection und dass er mir mein Herz eingenommen habe; – sie antwortete gleich: Auf einem schönen grünen Rasen, da liess ein Held zur Mahlzeit blasen, da flüchteten sich alle Hasen; so hoff ich wird ein Held einst kommen, Dein Herz, von Hasen eingenommen, von diesen Wichten zu befreien und seine Gluten zu erneuen; – dies waren Anspielungen auf kleine Liebesabenteuer. – So verging ein Teil des Winters; ich war in einer sehr glücklichen Geistesverfassung, andre würden sie Überspannung nennen, aber mir war sie eigen. An der Festungsmauer, die den grossen Garten umgab, war eine Turmwarte, eine zerbrochne Leiter stand drin; – dicht bei uns war eingebrochen worden, man konnte den Spitzbuben nicht auf die Spur kommen, man glaubte, sie versteckten sich auf jenem Turm; ich hatte ihn bei Tag in Augenschein genommen und erkannt, dass es für einen starken Mann unmöglich war, an dieser morschen, beinah stufenlosen himmelhohen Leiter hinaufzuklimmen; ich versuchte es, gleitete aber wieder herunter, nachdem ich eine Strecke hinaufgekommen war; in der Nacht nachdem ich schon eine Weile im Bett gelegen hatte und Meline schlief, liess es mir keine Ruhe, ich warf ein Überkleid um, stieg zum Fenster hinaus und ging an dem alten Marburger Schloss vorbei, da guckte der Kurfürst Philipp mit der Elisabeth lachend zum Fenster heraus; ich hatte diese Steingruppe, die beide Arm in Arm sich weit aus dem Fenster lehnen, als wollten sie ihre Lande übersehen, schon oft bei Tage betrachtet, aber jetzt bei Nacht fürchtete ich mich so davor, dass ich in hohen Sprüngen davoneilte in den Turm; dort ergriff ich eine Leiterstange und half mir, Gott weiss wie, daran hinauf; was mir bei Tage nicht möglich war, gelang mir bei Nacht in der schwebenden Angst meines Herzens; wie ich beinah oben war, machte ich Halt; ich überlegte wie die Spitzbuben wirklich oben sein könnten, und da mich überfallen und von der Warte hinunterstürzen; da hing ich und wusste nicht hinunter oder herauf, aber die frische Luft, die ich witterte, lockte mich nach oben; – wie war mir da, wie ich plötzlich durch Schnee und Mondlicht die weitverbreitete Natur überschaute, allein und gesichert, das grosse Heer der Sterne über mir! – so ist es nach dem Tode: die freiheitstrebende Seele, der der Leib am angstvollsten lastet, im Augenblick, da sie ihn abwerfen will, sie siegt endlich und ist der Angst erledigt; – da hatte ich bloss das Gefühl, allein zu sein, da war kein Gegenstand, der mir näher war als meine Einsamkeit, und alles musste vor dieser Beseligung zusammensinken. Ich schrieb der Günderrode, dass wieder einmal mein ganzes Glück von der Laune dieser Grille abhänge; ich schrieb ihr jeden Tag, was ich auf der freien Warte mache und denke: ich setzte mich auf die Brustmauer und hing die Beine hinab. – Sie wollte immer mehr von diesen Turmbegeisterungen, sie sagte: es ist mein Labsal, Du sprichst wie ein auferstandener Prophet! – wie ich ihr aber schrieb, dass ich auf der Mauer, die kaum zwei Fuss breit war, im Kreis herumlaufe und lustig nach den Sternen sähe und dass mir zwar am Anfang geschwindelt habe, dass ich jetzt aber ganz keck und wie am Boden mich da oben befinde, – da schrieb sie: Um Gottes Willen falle nicht, ich habs noch nicht herauskriegen können, ob Du das Spiel böser oder guter Dämonen bist; – falle nicht, schrieb sie mir wieder: obschon es mir wohltätig war, Deine Stimme von oben herab über den Tod zu vernehmen, so fürchte ich nichts mehr, als dass Du elend und unwillkürlich zerschmettert ins Grab stürzest. – Ihre Vermahnungen aber erregten mir keine Furcht und keinen Schwindel, im Gegenteil war ich tollkühn; ich wusste Bescheid, ich hatte die triumphierende Überzeugung, dass ich von Geistern geschützt sei. Das Seltsame war, dass ichs oft vergass, dass es mich oft mitten aus dem Schlaf weckte, und ich noch in unbestimmter Nachtzeit hineilte, dass ich auf dem Hinweg immer Angst hatte und auf der Leiter jeden Abend wie den ersten und dass ich oben allemal die Beseligung einer von schwerem Druck befreiten Brust empfand; – oben, wenn Schnee lag, schrieb ich der Günderrode ihren Namen hinein und: Jesus nazarenus, rex judäeorum als schützenden Talisman darüber, das war mir, als sei sie gesichert gegen böse Eingebungen.

Jetzt kam Creuzer nach Marburg, um Savigny zu besuchen. Hässlich, wie er war, war es zugleich unbegreiflich, dass er sein Weib interessieren könne; ich hörte, dass er von der Günderrode sprach, in Ausdrücken, als ob er ein Recht an ihre Liebe habe; ich hatte in meinem, von allem äusseren Einfluss abgeschiedenen Verhältnis zu ihr früher nichts davon geahndet, und war im Augenblick aufs heftigste eifersüchtig. Er nahm in meiner Gegenwart ein kleines Kind auf den Schoss und sagte: wie heisst Du? – Sofie. – Nun, Du sollst, so lange ich hier bin, Karoline heissen; Karoline, gib mir einen Kuss; da ward ich zornig, ich riss ihm das Kind vom Schoss und trug es hinaus, fort durch den Garten auf den Turm; da oben stellt ich es in den Schnee neben ihren Namen und legte mich mit dem glühenden Gesicht hinein und weinte laut und das Kind weinte mit; und da ich herunter kam, begegnete mir Creuzer; ich sagte: Weg aus meinem Weg, fort! Der Philolog konnte sich einbilden, dass Ganymed ihm die Schale des Jupiter reichen werde. – Es war in der Neujahrsnacht; ich sass auf meiner Warte und schaute in die Tiefe; alles war so still – kein Laut bis in die weiteste Ferne, und ich war betrübt um die Günderrode, die mir keine Antwort gab; die Stadt lag unter mir, auf einmal schlug es Mitternacht, – da stürmte es herauf, die Trommeln rührten sich, die Posthörner schmetterten, sie lösten ihre Flinten, sie jauchzten, die Studentenlieder tönten von allen Seiten, es stieg der Jubellärm, dass er mich beinah wie ein Meer umbrauste; – das vergesse ich nie, aber sagen kann ich auch nicht, wie mir so wunderlich war da oben auf schwindlender Höhe und wie es allmählich wieder still ward und ich mich ganz allein empfand. Ich ging zurück und schrieb an die Günderrode. Vielleicht finde ich den Brief noch unter meinen Papieren, dann will ich ihn beilegen; ich weiss, dass ich ihr die heissesten Bitten tat, mir zu antworten; ich schrieb ihr von diesen Studentenliedern, wie die gen Himmel geschallt hätten und mir das tiefste Herz aufgeregt; ja, ich legte meinen Kopf auf ihre Füsse und bat um Antwort und wartete mit heisser Sehnsucht acht Tage, aber nie erhielt ich eine Antwort; ich war blind, ich war taub, ich ahndete nichts. Noch zwei Monate gingen vorüber – da war ich wieder in Frankfurt; – ich lief ins Stift, machte die Tür auf: siehe, da stand sie und sah mich an; kalt, wie es schien; Günderrod, rief ich, darf ich herein kommen? – Sie schwieg und wendete sich ab. Günderrod, sag nur ein Wort, und ich lieg an Deinem Herzen. Nein, sagte sie, komme nicht näher, kehre wieder um, wir müssen uns doch trennen. – Was heisst das? – So viel, dass wir uns in einander geirrt haben, und dass wir nicht zusammen gehören. – Ach, ich wendete um! Ach, erste Verzweiflung, erster grausamer Schlag, so empfindlich für ein junges Herz! ich, die nichts kannte, wie die Unterwerfung, die Hingebung in dieser Liebe, musste so zurückgewiesen werden. – Ich lief nach Haus zur Meline, ich bat sie mitzugehen zur Günderrode, zu sehen, was ihr fehle, sie zu bewegen, mir einen Augenblick ihr Angesicht zu gönnen; ich dachte, wenn ich sie nur einmal ins Auge fassen könne, dann wolle ich sie zwingen; ich lief über die Strasse, vor der Zimmertür blieb ich stehen, ich liess die Meline allein zu ihr eintreten, ich wartete, ich zitterte und rang die Hände in dem kleinen engen Gang, der mich so oft zu ihr geführt hatte; – die Meline kam heraus mit verweinten Augen, sie zog mich schweigend mit sich fort; – einen Augenblick hatte mich der Schmerz übermannt, aber gleich stand ich wieder auf den Füssen; nun! dacht ich, wenn das Schicksal mir nicht schmeicheln will, so wollen wir Ball mit ihm spielen; ich war heiter, ich war lustig, ich war überreizt, aber Nächten weinte ich im Schlaf. – Am zweiten Tag ging ich des Wegs, wo ihre Wohnung war: da sah ich die Wohnung von Goethes Mutter, die ich nicht näher kannte und nie besucht hatte; ich trat ein. Frau Rat, sagte ich, ich will ihre Bekanntschaft machen, mir ist eine Freundin in der Stiftsdame Günderrode verloren gegangen, und die sollen sie mir ersetzen; – wir wollens versuchen, sagte sie, und so kam ich alle Tage und setzte mich auf den Schemel, und liess mir von ihrem Sohn erzählen und schriebs alles auf und schickte es der Günderrode; – wie sie ins Rheingau ging, sendete sie mir die Papiere zurück; die Magd, die sie mir brachte, sagte, es habe der Stiftsdame heftig das Herz geklopft, da sie ihr die Papiere gegeben, und auf ihre Frage, was sie bestellen solle, habe sie geantwortet: Nichts. –

Es vergingen vierzehn Tage, da kam Fritz Schlosser; er bat mich um ein paar Zeilen an die Günderrode, weil er ins Rheingau reisen werde, und wolle gern ihre Bekanntschaft machen. Ich sagte, dass ich mit ihr broulliert sei, ich bäte ihn aber, von mir zu sprechen und acht zu geben, was es für einen Eindruck auf sie mache. – Wann gehen Sie hin, sagte ich, morgen? – Nein, in acht Tagen. – O gehen Sie morgen, sonst treffen Sie sie nicht mehr; – am Rhein ist's so melancholisch, sagte ich scherzend, da könnte sie sich ein Leids antun; – Schlosser sah mich ängstlich an. – Ja, ja, sagt ich mutwillig, sie stürzt sich ins Wasser oder sie ersticht sich aus blosser Laune. – Freveln Sie nicht, sagte Schlosser, und nun frevelte ich erst recht: Geben Sie acht, Schlosser, Sie finden sie nicht mehr, wenn Sie nach alter Gewohnheit zögern, und ich sage ihnen, gehen Sie heute lieber wie morgen und retten Sie sie vor unzeitiger melancholischer Laune. – Und im Scherz beschrieb ich sie, wie sie sich umbringen werde im roten Kleid, mit aufgelöstem Schnürband, dicht unter der Brust die Wunde; das nannte man tollen Übermut von mir, es war aber bewusstloser Überreiz, indem ich die Wahrheit vollkommen genau beschrieb. – Am andern Tag kam Franz und sagte: Mädchen, wir wollen ins Rheingau gehen, da kannst Du die Günderrode besuchen. – Wann? fragte ich. – Morgen, sagte er; – ach, ich packte mit Übereile ein, ich konnte kaum erwarten, dass wir gingen; alles, was ich begegnete, schob ich hastig aus dem Weg, aber es vergingen mehrere Tage und es ward die Reise immer verschoben; endlich, da war meine Lust zur Reise in tiefe Trauer verwandelt, und ich wär lieber zurückgeblieben. –

Da wir in Geisenheim ankamen, wo wir übernachteten, lag ich im Fenster und sah ins mondbespiegelte Wasser; meine Schwägerin Toni sass am Fenster; die Magd, die den Tisch deckte, sagte: Gestern hat sich auch eine junge schöne Dame, die schon sechs Wochen hier sich aufhielt, bei Winkel umgebracht; sie ging am Rhein spazieren ganz lang, dann lief sie nach Hause, holte ein Handtuch; am Abend suchte man sie vergebens; am andern Morgen fand man sie am Ufer unter Weidenbüschen, sie hatte das Handtuch voll Steine gesammelt und sich um den Hals gebunden, wahrscheinlich weil sie sich in den Rhein versenken wollte, aber da sie sich ins Herz stach, fiel sie rückwärts, und so fand sie ein Bauer am Rhein liegen unter den Weiden an einem Ort, wo es am tiefsten ist. Er riss ihr den Dolch aus dem Herzen, und schleuderte ihn voll Abscheu weit in den Rhein, die Schiffer sahen ihn fliegen, – da kamen sie herbei und trugen sie in die Stadt. –

Ich hatte im Anfang nicht zugehört, aber zuletzt hört ichs mit an und rief: das ist die Günderrode! Man redete mirs aus und sagte, es sei wohl eine andere, da soviel Frankfurter im Rheingau waren. Ich liess mirs gefallen und dachte: grade was man prophezeihe, sei gewöhnlich nicht wahr. – In der Nacht träumte mir, sie käme mir auf einem mit Kränzen geschmückten Nachen entgegen, um sich mit mir zu versöhnen; ich sprang aus dem Bett in des Bruders Zimmer und rief: Es ist alles nicht wahr, eben hat mirs lebhaft geträumt! Ach, sagte der Bruder, baue nicht auf Träume! – Ich träumte noch einmal, ich sei eilig in einem Kahn über den Rhein gefahren, um sie zu suchen; da war das Wasser trüb und schilflig, und die Luft war dunkel und es war sehr kalt; – ich landete an einem sumpfigen Ufer, da war ein Haus mit feuchten Mauern, aus dem schwebte sie hervor und sah mich ängstlich an und deutete mir, dass sie nicht sprechen könne; – ich lief wieder zum Schlafzimmer der Geschwister und rief: Nein, es ist gewiss wahr, denn mir hat geträumt, dass ich sie gesehen habe, und ich hab gefragt: Günderrode, warum hast Du mir dies getan? Und da hat sie geschwiegen und hat den Kopf gesenkt, und hat sich traurig nicht verantworten können.

Nun überlegte ich im Bett alles und besann mich, dass sie mir früher gesagt hatte, sie wolle sich erst mit mir entzweien, eh sie diesen Entschluss ausführen werde; nun war mir unsre Trennung erklärt; auch dass sie mir ein Zeichen geben werde, wenn ihr Entschluss reif sei; – das war also die Geschichte von ihrer toten Schwester, die sie mir ein halb Jahr früher mitteilte; da war der Entschluss schon gefasst. – O ihr grossen Seelen, dieses Lamm in seiner Unschuld, dieses junge zaghafte Herz, welche ungeheure Gewalt hat es bewogen, so zu handeln?

Am andern Morgen fuhren wir bei früher Zeit auf dem Rhein weiter. – Franz hatte befohlen, dass das Schiff jenseits sich halten solle, um zu vermeiden, dass wir dem Platz zu nahe kämen, aber dort stand der Fritz Schlosser am Ufer, und der Bauer, der sie gefunden, zeigte ihm, wo der Kopf gelegen hatte und die Füsse und dass das Gras noch nieder liege, – und der Schiffer lenkte unwillkürlich dorthin, und Franz bewusstlos sprach im Schiff alles dem Bauer nach, was er in der Ferne verstehen konnte, und da musst ich denn mit anhören die schauderhaften Bruchstücke der Erzählung vom roten Kleid, das aufgeschnürt war, und der Dolch, den ich so gut kannte, und das Tuch mit Steinen um ihren Hals, und die breite Wunde; – aber ich weinte nicht, ich schwieg. – Da kam der Bruder zu mir und sagte: sei stark, Mädchen. – Wir landeten in Rüdesheim; überall erzählte man sich die Geschichte; ich lief in Windesschnelle an allen vorüber, den Ostein hinauf eine halbe Stunde bergan, ohne auszuruhen; – oben war mir der Atem vergangen, mein Kopf brannte, ich war den andern weit voraus geeilt. – Da lag der herrliche Rhein mit seinem smaragdnen Schmuck der Inseln; da sah ich die Ströme von allen Seiten dem Rhein zufliessen und die reichen friedlichen Städte an beiden Ufern und die gesegneten Gelände an beiden Seite; da fragte ich mich, ob mich die Zeit über diesen Verlust beschwichtigen werde, und da war auch der Entschluss gefasst, kühn mich über den Jammer herauszuschwingen, denn es schien mir unwürdig, Jammer zu äussern, den ich einstens beherrschen könne.

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