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Caroline von Günderrode: Dichtungen - Kapitel 52
Quellenangabe
authorKaroline von Günderrode
titleDichtungen
publisherHugo Bruckmann
editorLudwig v. Pigenot
year1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180628
projectidb72ce099
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Aus Clemens Brentanos Frühlingskranz (S. 443)

(Bettine an Clemens)

›Wer liebt den Clemens nicht, so wie er einem entgegen tritt? wer durchschaut alle Menschen, wer geht so tief in dem Auffinden ihrer Innerlichkeit, und was könnte man ihm sagen, was er nicht schärfer und wahrer aufgefasst hätte? Alle Menschen berührt kaum sein Hauch und sie atmen, als wenn sie aufblühen wollten in edlere Begriffe und schönere Handlungen‹ So schreibt die Günderrode; das lautet ganz schön zum Ansatz eines Posaunenstücks Deines Ruhmes, der aus dem Nebel der Zeit golden aufsteigen und einen schönen Tag verbreiten werde. ›Aber‹ fährt die Günderrode fort, ›so scharf dieser Clemens und so nahe er fremden Menschen in ihrem eigenen Bewusstsein tritt, so sehr heben ihn seine Launen aus dem Sattel über sich selbst, die ihm den Begriff seines Amtsgeschäfts ganz verdüstern, und ich kann es gar nicht leiden, wenn er davon so klein und unbürgerlich denkt. Wie dieser Dekrete ausfertigt und jener auf den Rednerstuhl tritt, so ist der Clemens dazu bestimmt, durch sein Leben, das sich in die Begeisterung des Witzes, der Philosophie, des Eifers und der Experimentenlust verzweigt, die Menschen zu wecken und in der dunkeln Kammer eine Kerze anzuzünden, manches Neue alt und manches Alte neu zu machen; und dass er nicht wie die meisten gebildeten Menschen gegen das Leben, gegen Geschäfte, Künste, ja gegen Vergnügungen nur mit einer Art von Selbstverteidigung zu Werke geht und lebt, wie man einen Pack Zeitungen liest, nur damit man sie los werde – das macht ihm viel Ehre. Nur bisweilen überfällt ihn eine seltsame Blödsinnigkeit, dass ihm die Tage unnütz vorkommen und er meint, es wäre nichts und käme zu nichts, weil das, was durch ihn entstanden, nicht wie ein beschriebener Bogen Papier vor ihm liegt.‹ Ach Clemens, es ist gut, dass sie über Dich und nicht an Dich schreibt; denn Dir selber hättest Du das alles nicht sagen lassen und dein Vorwerfen des Missbegriffs von Dir hätte ich gar nicht hören wollen. Das fügte sie noch hinzu, dass der Lebensbalsam, den Du für andere hast, einem feinen, geistigen Öl in einem verschlossenen Gefäss gleich ist. Nur massig verbreitet, erquickt und belebt es; ganz geöffnet, betäubt, tötet es und verzehrt sich selbst; oft habe Dein Witz einen in die Ecke geworfen, wo er das Aufstehen vergessen.

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