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Dichters Ehrentag

Ludwig Thoma: Dichters Ehrentag - Kapitel 1
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDichter und Freier
authorLudwig Thoma
year1992
publisherPiper Verlag
addressMünchen
isbn3-492-11302-8
titleDichters Ehrentag
pages83-107
created19991220
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ludwig Thoma

Dichters Ehrentag

Lustspiel in einem Aufzug

Personen:

Eugen Ludwig Hobbe, ein deutscher Dichter
Siegfried Meyer, Theaterdirektor
Feuerstein, Journalist
Oskar Zinnkraut, Theateragent
Schimonsky, Kritiker
Eugène Schultze, Verleger
Frau Lizzy Schultze
Kommerzienrat Milbe, ein Getreuer
Frau Kommerzienrat Milbe, dessen Frau
Frau Klara Mengold, eine Getreue
Moritz Mengold, deren Sohn, ein Sechzehnjähriger
Frau Lückemann, eine Getreue
Betty, Zimmermädchen
Ein Klavierspieler
Ein Photograph
Ein Dienstmann

Ort der Handlung: Wohnung des Direktors Meyer in Berlin.

Zeit: Gegenwart.

 
Erste Szene

Festlich geschmückter Salon im Hause Meyers. In der Ecke rechts ein aufgeschlagener Flügel, auf dem Blumenarrangements stehen. Auf kleinen Tischen links und rechts stehen Vasen mit Buketten, auch auf dem Boden Blumenarrangements in Lyraform, an den Stühlen lehnen wie an freien Stellen der Wände Kränze mit großen Schleifen, die Inschriften tragen: »Dem großen Dichter«, »Dem Erwecker« usw. Links eine Tür, im Hintergrund eine Tür, zu denen die Zugänge freigelassen sind. Ein Fenster im Hintergrund, eines rechts; auf den Brüstungen Kränze.

Rechts vorne ein Sofa, auf dem der Theateragent Zinnkraut sitzt. Direktor Meyer steht in der Mitte der Bühne und gibt dem Zimmermädchen an, wo sie einen soeben eingetroffenen Kranz anzubringen hat. Neben ihm steht Feuerstein.

Meyer zu Betty: Den Kranz lehnen Sie an den Stuhl – 'n bißchen weiter zurück... So! Zu Zinnkraut. Was sagten Sie?

Zinnkraut: Ich sagte, es sieht aus wie eine Totenfeier. Ich habe ganz den Eindruck davon.

Feuerstein: Sie meinen die Kränze?

Zinnkraut: Ich meine es überhaupt. Wenn ich Dichter wäre, würde ich mir das fünfzigste Geburtstagsfest verbitten.

Meyer: Aber sehr laut, damit man es hörte.

Feuerstein zu Zinnkraut: Sie? Sie würden Ihren Geburtstag im Annoncenteil anzeigen, wenn wir ihn vorne nicht erwähnten.

Zinnkraut: Sie glauben, ich sage es aus Bescheidenheit?

Meyer: Nein, das habe ich nicht geglaubt.

Feuerstein: Niemand glaubt es.

Zinnkraut zu Feuerstein: Lesen Sie doch Ihren Festartikel! Er ist eine Grabrede. Warum soll ich mich von Ihnen begraben lassen?

Meyer zu Zinnkraut: Der Artikel von unserm Feuerstein?

Zinnkraut: Jawohl...

Meyer: Es sind Würdigungen, und wie ich behaupte – gerechte Würdigungen unseres Eugen Ludwig, seines reichen Schaffens, seines ernsten Wollens, seines großen Könnens, Würdigungen, für die – ich wenigstens – tiefinnerlich dankbar bin.

Zinnkraut unverbesserlich: Sehen Sie!

Meyer aus seiner Höhe zurückkehrend: Was sehe ich?

Zinnkraut: Das ist auch eine Grabrede.

Meyer die Achseln in die Höhe ziehend: Gott!

Zinnkraut: Ich kann Ihnen nicht helfen. Es klingt so, und alles klingt so, was um diese fünfzigsten Geburtstage herumgemacht wird.

Feuerstein mit Wärme: Ich will Ihnen was sagen, Zinnkraut. Wenn man eine Höhe erklommen hat, dann hat man einen Ausblick, und man darf ihn doch wohl genießen. Eugen Ludwig hat die Höhe bestiegen, und nun schauen wir mit ihm zurück. Das ist mein Artikel.

Zinnkraut mit Hohn: So? Wissen Sie, was die Folge ist, wenn man die Höhe erklommen hat? Man muß wieder heruntersteigen. Sie schreiben ihm vor, bis hierher und nicht weiter! Jetzt geht es abwärts. Das ist Ihr Artikel.

Meyer die Achseln aufziehend: Gott!

Zinnkraut: Bitte, ja! Man macht einen Strich unter sein Leben und addiert es zusammen. Also ist die Rechnung fertig. Warum soll ich mir von Ihnen einen Strich machen lassen?

Feuerstein will eifrig anheben: Erlauben Sie – –

Meyer unterbricht ihn, wobei er ihm väterlich die Hand auf die Schulter legt: Lassen Sie ihn! Das ist ja gar nicht von ihm!

Zinnkraut: Was ist nicht von mir?

Meyer: Sie haben es in einer Aphorismensammlung gelesen. Das kenn ich doch!

Zinnkraut Mit überlegenem Hohn: So?

Meyer: Und Sie kenn' ich auch.

Feuerstein zu Zinnkraut: Schreiben Sie mir's auf, wenn es noch nicht erschienen ist. Vielleicht kann man's verwenden. Aber heute lassen Sie uns die reine Freude an dieser Doppelfeier!

Zinnkraut: Doppelfeier?

Feuerstein: Für unseren Eugen Ludwig... und mit einer Handbewegung gegen Meyer für seinen Propheten...

Meyer mit gemachter Bescheidenheit: Nu... Prophet!

Feuerstein: Oder Paladin. Sie waren sein Paladin, Herr Direktor.

Meyer: Ich durfte ihm vielleicht den Weg ebnen...

Feuerstein unterbricht ihn eifrig: Sie durften! Er durfte... er konnte sein Talent entfalten.

Zinnkraut: Haben muß er es doch selber, Feuerstein!

Feuerstein sich zu Zinnkraut wendend: Soll er es haben! Was hilft es ihm, wenn er keine Gelegenheit findet? Gelegenheit ist die Hauptsache.

Zinnkraut: Gelegenheit haben viele...

Feuerstein: Ich will Ihnen was sagen: Talent haben viele.

Zinnkraut: Nanu!

Feuerstein: Oder vielleicht viele. Was weiß ich davon? Was wissen Sie davon? Man muß es erst entdecken, was in einem Menschen ist.

Zinnkraut mit vornehmer Ruhe: Ich habe es entdeckt.

Feuerstein: Was haben Sie?

Zinnkraut: Das Talent in unserm Eugen Ludwig habe ich entdeckt.

Meyer vorwurfsvoll: Zinnkraut!

Feuerstein: Ich muß lachen.

Zinnkraut: Lachen Sie, bitte! Aber ich habe Beweise. Als noch niemand von ihm gesprochen hat, habe ich ihm zweihundert Mark Vorschuß gegeben.

Meyer: Sie sollten das nicht immer erzählen!

Zinnkraut: Wer erzählt es sonst?

Ein Dienstmann tritt ein mit einem großen Lorbeerkranz.

 
Zweite Szene

Dienstmann: Is et hier beim deutschen Dichter Hobbe?

Meyer: Geben Sie her!

Dienstmann liest die Briefadresse: Euschän Ludwich Hobbe?

Meyer: Ja – 'n bißchen fix! Nimmt den Kranz und Brief und gibt sie Betty.

 
Dritte Szene

Meyer zu Betty, die den Kranz ans Klavier lehnt: Nich ans Klavier! An die Wand, Betty! – ... Was steht auf der Schleife?

Betty bückt sich und liest: Dem Licht... Dem Lichtbringer: Por... Pormetheis!

Meyer korrigierend: Prometheus... Na, is gut... Wendet sich wieder an Zinnkraut. Sie sollten das nicht immer erzählen!

Zinnkraut: Wieso?

Meyer: Fragen Sie noch!

Zinnkraut: Ich kann Ihnen das Datum sagen. Es war vor sechzehn Jahren, Ende Mai. Zweihundert bare Mark!

Meyer: Es ist nicht nobel, immer davon zu reden.

Feuerstein: Und was hat es für einen Zweck?

Zinnkraut: Es zeigt, daß ich der Erste war, der das Vertrauen hatte.

Feuerstein: Wenn Sie Vertrauen hatten, war es keine Kunst, das Geld zu geben.

Meyer: Wir wollen das Thema fallen lassen. Es ist unerquicklich. Zu Zinnkraut: Jedenfalls können Sie nicht leugnen, daß ich zu seiner Kunst gestanden habe und stehe. Unerschütterlich.

Zinnkraut: Wer hat es geleugnet?

Meyer: Ich habe mich nicht beugen lassen; zwei Durchfälle sind an mir abgeprallt.

Feuerstein: Niemand, der gerecht urteilt, wird es Ihnen vergessen.

Meyer: Man wollte flau machen, man wollte zweifeln, aber ich sagte mir, Eugen Ludwig, das ist die Kunst auf der hohen Linie.

Zinnkraut: Das nämliche, wie ich.

Meyer: Vielleicht tat ich doch mehr!

Zinnkraut: Aber nach mir.

Meyer ohne auf den Einwurf zu achten: Sie gaben ihm Geld; schön! Ich gab ihm mein Theater, ich gab ihm meine Existenz.

Feuerstein: Und darum ist heute Ihr Ehrentag.

Meyer abwehrend: Nicht so!

Feuerstein: Auch Ihr Ehrentag, wollte ich sagen.

Meyer: Vielleicht der Ehrentag meines Wollens, meines Strebens... auf und ab gehend ... Der Siegestag meiner Ideale! Das ist das Wort!

Feuerstein: Sie können nicht widersprechen, Zinnkraut!

Zinnkraut: Wieso?

Meyer ist auf und ab gegangen und bleibt nun stehen. Er wird rhetorisch: Herrschaften, ich sagte mir folgendes. Wo steckt mein Ziel? Steckt es hoch oder nicht? Gut, wenn es hoch steckt, dann führt ein steiler Weg nach oben. Darüber hat man sich klar zu sein.

Feuerstein: Sie waren sich klar.

Meyer steckt die rechte Hand in die Rocköffnung; theatralisch: Ich war es. Mein Ziel war die hohe Kunst, mein Weg war steil, mein Führer war Eugen Ludwig.

Feuerstein korrigierend: Ihr Begleiter.

Meyer: Sie sollen recht haben, – mein Begleiter. Sich gegen die Tür links wendend, durch die der Klavierspieler eingetreten ist. Was wollen Sie?

 
Vierte Szene

Klavierspieler hat Notenbücher unterm Arm: Ich bin hierher bestellt, – ich bin der Klavierspieler...

Meyer: Haben Sie die Musikstücke, die ich wollte?

Klavierspieler: Ja, wie Herr Direktor bestimmt haben...

Meyer: Schon gut! Setzen Sie sich an den Flügel. Ich werde Ihnen das weitere mitteilen. Der Klavierspieler geht vorsichtig um Tische und Stühle herum zum Klavier und setzt sich.

Meyer geht wieder auf und ab, in verhaltener Bewegung und mit Größe: Ich habe meinen Beruf stets ernst aufgefaßt. Ich habe ihn groß aufgefaßt, wenn ich es doch schon selbst sagen muß. Ich habe meine Sendung als Leiter einer moralischen Anstalt erkannt. Er bleibt stehen und faßt Zinnkraut streng ins Auge. Das kann man nicht leugnen, mag man auch sonst denken, was man will! Er blickt Zinnkraut durchbohrend an, indes er wiederholt ... was man will!

Zinnkraut bescheiden: Ich denke doch gar nicht!

Meyer bitter: Sie denken gewiß – aber habe ich vielleicht Zugeständnisse gemacht?

Feuerstein: Nein! Niemals!

Meyer: Ich habe die hohe Kunst auf meine Fahne geschrieben, obwohl ich ihre Gefahren kannte. Herrschaften, ich sagte mir so: Erziehe ich das Publikum dazu, mir zu folgen, dann ist das Ideal erreicht. Wenn nicht, dann falle ich mit ihm...

Feuerstein: Sie sind nicht gefallen.

Meyer: Nein! Wir haben Schlachten geschlagen, wir haben Wunden davongetragen, aber der Sieg ist uns treu geblieben.

Zinnkraut: Nu – treu!

Meyer: Wie?

Zinnkraut: Ich meine, der Sieg hat auch geschwankt.

Meyer: Aber ich habe nicht geschwankt. Ich stand fest. Zwei Durchfälle sind an mir abgeprallt. Dieses Verdienst wird mir Eugen Ludwig heute zugestehen.

Feuerstein: Er muß es tun.

Meyer: Wenn ich zurückdenke an alles, was wir gemeinsam erkämpften, – vom bescheidenen Anfang bis zum letzten, großen Tag – schwärmerisch Herrschaften! Es war doch schön!

Feuerstein: Und heute begrüßen wir Sie als Sieger.

Meyer mit gemachter Bescheidenheit: Wer spricht von mir? Sagen wir, es ist der Sieg der Höhenkunst... Zum Klavierspieler, der sich erhoben hat und sich mit Verbeugungen bemerklich zu machen sucht. Was wollen Sie?

Klavierspieler: Ich wollte mir die Frage erlauben, welches Musikstück wünschen Herr Direktor zuerst und...?

Meyer: Ja so! Er zieht die Uhr. Also, wenn wir hier alle vollzählig sind, wird der Meister den Salon betreten. Auf mein Zeichen intonieren Sie sofort den Einzug der Gäste in die Wartburg.

Klavierspieler: Jawohl, Herr Direktor, und später...

Meyer: Das sage ich Ihnen schon... Er geht wieder auf und ab und spricht nicht ohne Bitterkeit. Vielleicht kann heute der eine und andere geringschätzig über mein Lebenswerk urteilen...

Feuerstein feurig: Das ist niemand erlaubt!

Meyer: Es ist der Lauf der Welt, lieber Freund! Und mit einem Blick auf Zinnkraut es liegt im Wesen der Menschen, schnell zu vergessen. Groß. Aber mag man es vergessen! Ich stehe bescheiden zurück, weil nur Eugen Ludwig da steht, wo er steht!

Feuerstein zu Zinnkraut: Es ist unschön von Ihnen, Zinnkraut.

Meyer groß: Lassen wir das! Was liegt an mir? Aber Herrschaften! Die Frage war nicht ganz so einfach... Damals, als noch niemand den Erfolg ahnte.

Zinnkraut: Ich habe...

Meyer ihn brüsk unterbrechend: Sie haben nicht! Niemand hat. Es lag eine Ungewißheit um uns, und man konnte sehr leicht straucheln. Ja, ich darf es heute bekennen: die Frage war nicht ohne innere Kämpfe zu lösen. Denn auch mich konnte es locken, auf bequemen Pfaden zum Erfolge zu wandeln. Er lag, wenn ich so sagen darf, lachend vor mir... Er bleibt stehen und wendet sich rasch gegen Zinnkraut. Wie?

Zinnkraut schlicht: Nichts.

Meyer: Ich dachte, Sie hätten etwas gesagt.

Zinnkraut: Ich habe nichts gesagt.

Meyer: Auch wenn Sie etwas gesagt hätten, ich habe keinen Einwurf zu scheuen. Geht wieder auf und ab. Auf der anderen Seite drängte sich mir diese Gewißheit auf: Hier ist ein Dichter, hier ist ein Talent, hier ist ein Genie.

Zinnkraut: Hört!

Meyer bleibt wie vorher stehen und wendet sich gegen Zinnkraut: Was?

Zinnkraut nachdrücklicher: Hört!

Meyer: Gewiß, Sie dürfen es hören, und Sie sollen es hören. Das drängte sich mir auf: Hier ist ein Genie, hier sind köstliche Schätze zu heben. Wenn ich sie nicht hebe, versinken sie. Da wußte ich mit einem Male, daß ich eine Pflicht hatte.

Feuerstein: Und wir wissen, daß und wie Sie diese Pflicht erfüllt haben.

Zinnkraut: Unentwegt – Sie müssen im Bilde bleiben, Feuerstein.

Feuerstein indigniert: Ich bleibe, wo ich will.

Meyer ironisch: Vielleicht erlauben Sie mir zu sagen: schlicht und einfach? Einfach und schlicht, so wie man eben seine Pflicht erfüllt... Unterbricht sich, da Herr und Frau Schultze, der Kritiker Schimonsky und Frau Lückemann von links eintreten. Ah! Da sind ja...

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