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Dichter und ihre Gesellen

Joseph Freiherr von Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen - Kapitel 25
Quellenangabe
title Dichter und ihre Gesellen
authorJoseph von Eichendorff
typenovelette
year1987
isbn3-15-002351-3
publisherReclam
sendergoebelro@jmu.edu
firstpub1833
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Zur Mittagszeit des folgenden Tages war Fortunat auf seiner Reise schon fern von Hohenstein und rastete eben vor der Tür einer Dorfschenke. Die Bienen summten in der blühenden Linde am Haus, vor ihm über den niedrigen Zäunen und Gärten bezeichnete ein blauer Duftstreif kaum noch die Berge, wo er sein Liebchen zurückgelassen. Ein Mädchen mit frischen Augen brachte Wein und Brot heraus, stutzte aber, da sie ihn erblickte, und sprang schnell wieder in das Haus zurück. Drin hörte er sie lebhaft reden und zu seinem Erstaunen seine Haare, Rock und Stiefeln ausführlich beschreiben. Nun trat auch der Wirt heraus, nickte ihr zu, und Fortunat erfuhr endlich, daß vor kurzem zwei fremde Herren zu Pferde hier nach einem Reiter von seinem Aussehen sich angelegentlich erkundigt und dann sehr eilig, der eine diese, der andere jene Straße eingeschlagen hätten. Vergebens fragte er nach Namen und näheren Kennzeichnen, er konnte aus der konfusen Personbeschreibung durchaus nicht klug werden, die eine hätte gar beinah auf Waltern gepaßt. – Ihr fangt mich doch nicht! dachte er, als es ihm plötzlich aufs Herz fiel, daß er jedenfalls freiwillig und aus eigenem Entschluß vor Fiamettas Tante erscheinen müsse, wenn sein ganzer Plan nicht scheitern sollte. – In dieser Unruhe trank er noch rasch des Wirts Gesundheit, schwang sich wieder auf sein Pferd und sprengte durchs Dorf den fremden Herren nach. Draußen aber nahm er sogleich die entgegengesetzte Richtung und atmete erst wieder frei auf, als ein Bauer im Felde ihm einen nähern Holzweg gerade durchs Gebirge bezeichnete, auf dem er jene Reiter zu vermeiden, ihnen wohl gar zuvorzukommen hoffen durfte.

Die Luft war schwül, er ritt lange am Rande eines waldigen Bergrückens fort, an einsamen Klüften und melancholischen Tälern vorüber. Auf einmal leuchtete seitwärts ein lustiger Grund zwischen den Bäumen herauf: rote Ziegeldächer und Gärtchen im schillernden Sonnenschein an den Felsen hängend, unten ein glitzernder Bach mit badenden Kindern und auf der Wiese daneben fröhlich Getümmel der Heuernte, Lachen und das Klirren der Sensen dazwischen. Und wie er noch so freudig überrascht hinabschaut, erschallt jenseits plötzlich ein Peitschenknall, und um die Waldecke herum fliegt ein schöner Reisewagen über die glänzende Landschaft. Eine Dame beugt sich aus dem Wagen – Fortunat fährt erschrocken zusammen, es ist offenbar Fiametta, aber in Frauenkleidern, lustig schwatzend mit einem Unbekannten, der neben dem Schlage reitet. Jetzt senkt sich der Weg plötzlich wieder in den Wald, und den dunklen Tannen ist alles verschwunden und verklungen.

Fortunat stand wie versteinert, im ersten Augenblick kam ihm Fiametta fast wie ein lieblicher Kobold vor, der neckend durchs Gebirge streifte. Dann dachte er sie wieder in Hohenstein entdeckt und mit roher Gewalt fortgeführt; aber wie konnte sie dann noch so fröhlich plaudern! – er war ganz verwirrt. – So lenkte er rasch auf einem Fußsteig den Berg hinab, über die Wiese dem Holzweg zu, wo die Erscheinung versunken. Bald teilten sich die Wege, auf dem einen glaubte er eine frische Wagenspur zu bemerken und setzte munter die Sporen ein.

Aber je weiter er kam, je wilder und einsamer wurde die Gegend. Sie konnten auf dem steinigen Wege unmöglich so rasch gefahren sein, als er ritt. Oft hielt er lauschend still, da glaubte er einmal wieder ihre Stimme zu hören, es war nur der fremde Schall eines Waldvogels aus der Ferne. Er sang laut alle Lieder, die er wußte, dann horchte er wieder und lachte und schimpfte und ritt immer schneller fort, bis er zuletzt mit Entsetzen bemerkte, daß ein Unwetter rasch im Anzuge war, um die Verwirrung vollkommen zu machen. Schon durchkreuzten Möwen mit ihren weißen, spitzigen Flügeln pfeilschnell die schwüle Stille. Vergeblich blickte er nach einem Obdach umher, nicht einmal der Klang einer Holzaxt ließ sich im Walde vernehmen. Nur einzelne Nebengestalten stiegen nun langsam aus den Klüften empor und setzten sich mit ihren langen, grauen Gewändern in die Wipfel der Tannen, über dem Berge vor ihm aber hatte das Gewitter allmählich sein bleifarbenes Dunkel ausgebreitet, in das die Mauerspitzen einer Ruine fast grauenhaft hineinragten.

Indem er noch so zögernd stand und unentschlossen, wohin er sich wenden sollte, hörte er auf einmal den Schall einer Glocke weit aus der Höhe herüberklingen. »O du göttlicher Aberglaube!« rief er freudig aus, »was sind alle Blitzableiter der Welt gegen diesen tröstlichen Klang, der wie ein singender Engel mit gefalteten Händen über die Wälder zieht und die Wetter wendet. Ja, die Erde ist noch immer voll schöner Wunder, wir beachten sie nur nicht mehr!« Er folgte nun eilig den Klängen, die bald schwächer, bald deutlicher durch den Gewitterwind von dem Berge herabzukommen schienen, wo er vorhin die Ruine erblickt. Ein wildverwachsener, wenig betretener Fußsteig schlang sich zwischen den Klippen gerade in der Richtung hinauf. Der Pfad wurde immer enger und steiler, bald hörte er auch die Glocke nicht mehr, er mußte endlich absteigen und, sein Pferd am Zügel fassend, mühsam von Stein zu Stein hinanklimmen. Manchmal wendete er sich rastend zurück und sah durch die Wolkenrisse tief unten die Landschaft vorüberfliegen.

So war es völlig Nacht geworden, als er atemlos droben ins Freie trat. Ein Licht schimmerte ihm aus der Ferne freundlich entgegen; indem er darauf losging, glaubte er im Dunkel ein großes Schloß zu erkennen mit Türmen, Zinnen und wunderlichen Erkern. Dann, je näher er kam, verwandelte sich allmählich alles wieder, es war wildumhergeworfenes Gestein und phantastische Baumgruppen, was ihm so prächtig erschienen, und voll Erstaunen stand er auf einmal vor einer Einsiedlerklause, halb in den Felsen gehauen, ein Türmchen mit einer Glocke darüber. Eine Lampe von der Decke warf ungewiß flackernde Scheine über die leeren Wände und den hölzernen Tisch und Stuhl in der Mitte. Plötzlich fuhr sein Pferd schnaubend zusammen, aus einem Winkel der Halle blinkte ihnen ein hochaufgerichtetes, weißes Totengeripp entgegen – »Schauerlicher Gesell!« sagte Fortunat, »bist du der Einsiedler hier und ziehst bei Nacht heimlich die Glocke?« – Er rief nun laut nach allen Seiten, aber nur seine eigene Stimme gab zwischen den Klüften Antwort. Da faßt' er sich ein Herz, band sein Pferd vor der Hütte an und trat hinein.

Er fand sie wohnlicher, als er erwartet hatte. Ein großes Buch lag auf dem Tisch, er schlug es auf, es war ein altes Brevier, zu seiner Verwunderung fand er eine kurze ungrische Tabakspfeife drin als Zeichen eingelegt. Nun, die Toten schmauchen doch nicht, dachte er, und spähte eifriger umher. Da entdeckte er in einer Ecke einen Vorrat köstlichen Heues, weiterhin auch einen vollen Weinkrug und Gläser daneben. Erfreut über den unverhofften Fund zäumte er vor allem sein müdes Pferd ab und versah es reichlich mit Futter. Das ungewohnte Hantieren in dieser Abgeschiedenheit, das Brausen der Wipfel, die ganze unerhörte Lage, in der er sich hier befand, versetzte ihn in eine seltsame Heiterkeit. »Gute Nacht!« rief er fröhlich vom Berge hinab, »wie hat der Herr nun alles untergetaucht in den wunderbaren Strom der Träume! Was ist das für ein Traumlied in den Wäldern, gleichwie die Saiten einer Harfe, die der Finger Gottes gestreift. Wahrlich, wen Gott liebhat, den stellt er einmal über allen Plunder auf die einsame Zinne der Nacht, daß er nichts als die Glocken von der Erde und vom Jenseits zusammenschlagen hört und schauernd nicht weiß, ob es Abend bedeute oder schon Morgen.«

Darauf setzte sich Fortunat zufrieden vor die Klause, doch so, daß er seitwärts die eine Wand im Auge behielt; er traute dem dürren Gesellen im Winkel doch nicht recht, daß er sich nicht unversehens erhübe und murmelnd am Tisch aus dem Buche zu lesen anfing. Draußen aber war es so endlos still, er hörte nur manchmal das Schnauben des Pferdes und den Schrei des Wildes tiefer im Wald, vor ihm streiften durchsichtige Wolken gespensterhaft-leise den Rasen wie Schleppen fliehender Feen.

In dieser Einsamkeit überwältigte endlich der Schlaf den Erschöpften, und als er mitten in der Nacht plötzlich wieder aufwachte, waren die Wetter unterdes verzogen, der Mond schien prächtig über die Wälder. Da war's ihm, als hörte er in einiger Entfernung zwei Männer eifrig miteinander sprechen, und im zitternden Mondlicht unter den Bäumen bemerkte er einen riesengroßen Mönch, der mit einem Unbekannten schnell durch den Wald fortging. Vor dem Rauschen der Wipfel konnte er nur einzelne abgebrochene Laute vernehmen, er hörte abe deutlich, wie sie im Gespräch mehrmals seinen und Fiamettas Namen nannten. – »Träume ich denn, oder träumt diese phantastische Nacht von mir?« – rief er erschrocken aufspringend aus, aber die Stimmen waren schon weit, und auf der stillen Höh', wo sie endlich im Dunkel ganz verloren hatten, sah er nun plötzlich eine Fackel aufleuchten. Mehrere dunkle Gestalten folgten, sie trugen lautlos einen Sarg. Die roten Widerscheine schweiften wunderbar zwischen den Tannen über ein Felsentor, in welchem auf einmal alles wieder verschwand. – Da war's ihm, als trügen sie Fiametta fort, er stürzte hastig nach in den Wald. Aber vergebens suchte er einen Steg durch die Wildnis, in der flimmernden Dämmerung des Mondscheins starrten ihm überall zackige Klüfte entgegen, er mußte wieder umkehren. »Nur zu«, sagte er ganz verstört, »nur immer zu! der Spuk und die Nacht müssen doch einmal ein Ende nehmen!« – Dann lehnte er sich über den Hals seines schlummernden Pferdes und starrte gedankenvoll in die weite Einsamkeit hinaus.

So hatte er lange halb im Traume gestanden, als er auf einmal von fern den lustigen Schrei eines Waldvogels zu hören glaubte. Erfreut blickte er umher, da schweifte wirklich schon ein ungewisser Morgenschein leise über den Himmel, wie ein Hauch über den Spiegel, seitwärts, als er sich bewegte, fuhr ein Reh auf und flog scheu durch die Dämmerung. Nun dacht' er dran, daß heute Sonntag war. Da rannte er schnell in die Klause. »Schau nicht so grämlich in dieser gnadenreichen Stunde«, rief er dem knöchernen Klausner zu, »jetzt ist's ja licht und alles, alles wieder gut!« Dann zog er fröhlich die Glocke, als wollt' er den Tag anbrechen, und das Herz wurde ihm still und weit, als der Schall so hell durch die Waldesnacht ging, er hatte schon lange nicht so fromm in Gedanken gebetet.

Jetzt fiel ihm erst ein, daß der Glockenklang, wohl die rätselhaften Nachtwandler herbeigelockt haben könnte. Er trat hinaus und spähte nach allen Seiten umher. Aber es rührte sich nichts, der Wind hatte die Klänge nach den Tälern geweht, die noch im tiefen Schatten lagen. Auf dem Gipfel des Berges aber, an dessen Lehne die Klause sich befand, bemerkte er jetzt im falben Zwielicht die Mauertrümmer wieder, die er gestern aus dem Tale gesehen. »Dort zogen sie hinauf«, dachte er, und schwang sich eilig auf sein Pferd. Bald hatte er nun auch den verschlungenen Pfad und das Felsentor entdeckt, das von der andern Seite nach der Höhe führte, und verfolgte unterdessen die Spur, um droben, wo möglich nähere Auskunft über die Vorgänge der Nacht und die einzuschlagende Reiserichtung zu erhalten.

So ritt er wohlgemut in den wachsenden Morgen hinein, auf dem Berge vor ihm trat allmählich das alte Gemäuer immer deutlicher zwischen den Tannen hervor. Schon unterschied er eine halbverfallene Kirche, leere Fensterbogen und einzelnstehende Pfeiler, von Efeu üppig umrankt, Ziegen kletterten in der grünen Wildnis, alles von der Morgensonne wunderbar beleuchtet. Da erschien auf einmal ein hoher, schlanker Jäger auf der Wand, der Morgen funkelte glutrot darüber, es war, als stünd' er ganz im Feuer. Auf seine Büchse gelehnt, schaute er von der andern Seite in die Täler hinab, er hörte ihn oben singen:

Hier steh ich wie auf treuer Wacht,
Vergangen ist die dunkle Nacht,
Wie blitzt nun auf der Länder Pracht!
Du schöne Welt, nimm dich in acht!

Jetzt wandt' er sich herum – es war Lothario! Auch er hatte nun den Ankommenden bemerkt, sprang rasch herab, und die beiden Freunde lagen einander in den Armen. Der wilde Jäger sah bleich, gebräunt und dennoch schöner aus als ehemals, Fortunat erschrak fast vor der wunderbaren Tiefe der dunklen Augen, in die er so lange nicht gesehen. – »Aber wie kommst du hier herauf?« fragte er endlich aufs höchste überrascht. »Ich spiele den letzten Akt«, erwiderte jener lächelnd, »Gräber, Hochzeit, Gottes grüne Zinnen und die aufgehende Sonne als Schlußdekoration.« – Hier waren sie am Gipfel bei den Trümmern angelangt, er band Fortunats Pferd an einen Baum. »Laß unterdes hier alle stehen und komm nur schnell mit mir.« – »Du bist nicht allein hier oben«, meinte Fortunat, »wen habt ihr heute nacht im Wald begraben?« – »Den armen Otto.« – »O Gott! du fröhliches Liederherz, so früh wie eine Lerche singend aus der Luft zu fallen! mir ist's, als hört' ich's noch im Ohre klingen.« – »Wohl ihm«, entgegnete der Begleiter, »er hatte rasch gelebt und stand schon müd' und schlaftrunken im tiefen Abendrot, dort ruht er aus.«

Sie traten durch ein halbverfallenes Bogentor auf einen freien, grünen Platz, es schien ein ehemaliger Klosterkirchhof zu sein. Ein neues Grab, soeben erst mit schönem Rasen belegt, schimmerte ihnen taufrisch entgegen. Ein Mönch kniete betend daneben zwischen wilden, bunten Blumen, und Vögel flatterten und sangen lustig in dem jungen Grün, das aus allen Mauerritzen rankte, über die Gräber aber leuchtete auf einmal eine unermeßliche, prächtige Aussicht aus der rauschenden Tiefe herauf. – »Gott gebe jedem Dichter solch ein Grab!« rief Fortunat freudig überrascht.

Bei dem Klang seiner Stimme aber hob sich's plötzlich unter den Blumen, er stand wie im Traum – es war Fiametta. »Ist er da!« rief sie emporfahrend aus, schüttelte die Locken aus dem Gesicht und sprang fröhlich zu ihm. Nun kam zu seinem Erstaunen auch Walter eilig zwischen den Steinen hervor mit einem Einsiedler und einem Fremden, der Fortunaten mit den klugen, scharfen Augen freundlich betrachtete. »Wie haben wir dich gesucht«, rief Walter von weitem, »wer von uns hätte das gedacht!« – Aber Fortunat konnte sich noch gar nichts denken, er blickte verwirrt in dem Kreise umher. Da glänzten unten die Täler in der schönen Sonntagsstille und die Morgenglocken klangen von fern herauf. – »Nun lobet alle Gott!« sagte Lothario, faßte Fortunaten und Fiametta bei der Hand und führte sie in die alte Kirche neben dem grünen Platz, die andern folgten schweigend. Der Mönch stand schon vor dem Altar, zu dem Lothario sie brachte. Die Morgensonne schien seltsam durch das hohe, gemalte Bogenfenster, die Pfeiler waren mit frischen Birken verziert, durch die offene Tür rauschten die Bäume herein. Jetzt bemerkte Fortunat erst, daß Fiametta festlich geschmückt war und ein Myrtenkränzchen im Haar hatte, er wußte nicht, wie ihm geschah. Und als nun der Mönch sich zu ihnen wandte und fragte: ob sie als getreue Eheleute einander lieben wollten bis in den Tod, sagte Fiametta errötend aus Herzensgrunde: »Ja«, und er legte segnend ihre Hände zusammen.

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