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Dichter und ihre Gesellen

Joseph Freiherr von Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen - Kapitel 23
Quellenangabe
title Dichter und ihre Gesellen
authorJoseph von Eichendorff
typenovelette
year1987
isbn3-15-002351-3
publisherReclam
sendergoebelro@jmu.edu
firstpub1833
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Als Otto – von dem strengen Vitalis verstoßen – so einsam von dem Gebirge der Einsiedler hinabstieg, weinte er sich recht von Herzensgrunde aus. Dann wurde ihm erst leichter. Er fühlte wieder einen rechten Trieb und Mut, nach dem Höchsten in der Welt zu streben, er wollte endlich ehrlich Frieden stiften in seiner Seele und so neugeboren zu dem Einsiedler zurückkehren, ja es kam ihm in diesen glücklichen Stunden gering vor, selbst sein Dichten zu lassen, wenn es ihn wieder in Eitelkeit verstricken wollte. Die stille Nacht sah ihn dabei von den Bergen, wie eine milde Mutter, fast wehmütig an. – Indessen verloschen nach und nach die Sterne am Himmel, und wie nun die Morgenkühle über die Felder kam und unten der Strom und von drüben die Spiegelfenster eines Schlosses lustig aufblitzen: da erschien dem Verweinten die Erde wieder so jung und frisch wie nach einem Gewitterregen, in den tröpfelnden Bäumen über ihm dehnten die Vögel erwachend die Flügel und sahen ihn neugierig an, als wollten sie fragen: Gesell, wo bist du so lange gewesen? – Er wanderte fröhlich den ganzen Tag, und als er endlich auf dem letzten Berge aus dem Walde trat, erblickte er auf einmal in der Ferne mitten zwischen Gärten die alte, braune Stadt, wie eine von Efeu übergrünte Ruine. Ermüdet streckte er sich unter den Bäumen hin, er sah Handwerksbursche, Reiter und schlanke Bauermädchen heiter durchs Grün auf dem Gebirgspfade hinabziehn, die Vögel sangen im Walde, einzelne Wolkenschatten flogen wechselnd über die glänzende Landschaft – so schlummerte er ein und träumte von der schönen, waldkühlen Jugendzeit.

Er mußte lange geschlafen haben, denn als er erschrocken wieder um sich blickte, ging die Sonne schon unter und vergoldete die Giebel und Türme der Stadt. Voll Erstaunen sah er sich ganz von Blumen bedeckt, als hätt' es Rosen geregnet. Da hörte er eine schöne Stimme lustig durch die Abendluft klingen. Ein eleganter Reisewagen stand tiefer am Saume des Waldes, zwei junge Damen, die, wie es schien, den steilen Berg zu Fuß herabgekommen, stiegen soeben wieder ein. Die eine wandte sich noch einmal und blickte nach ihm herüber, er mußte verwirrt und geblendet niedersehen, so schön war sie. »Nach der Bergvorstadt!« rief sie dem Postillion zu – da flog der Wagen in den duftigen Abend hinein, er hörte das Posthorn noch lange aus der Ferne schallen.

In der Stadt fand er seine Wohnung bereit: ein kleines, freundliches Stübchen im dritten Stock, alte Kupferstiche an den Wänden, der Boden neu mit Sand bestreut, ein Glas mit frischen Blumen unter dem Spiegel. Eine alte Frau empfing ihn sehr gesprächig und händigte ihm ein Briefchen ein. Sein Jugendfreund, der hier alles für ihn besorgt hatte, meldete ihm, daß ihn leider unvorhergesehene Geschäfte über Land geführt, in wenigen Wochen hoffte er wieder zurück zu sein – so befand sich denn Otto unerwartet ganz allein in der fremden Stadt. Er konnte sich nach der langen Gebirgseinsamkeit gar nicht wieder zurechtfinden, alles kam ihm neu und wunderbar vor, der heitere Reisetag hallte noch in seiner Seele nach, und als er das Fenster öffnete, dämmerte die unbekannte Gegend so seltsam über die Dächer herauf, es war ihm, als hörte er noch immer das Posthorn fern aus der Frühlingsnacht herübertönen. Er konnte nicht widerstehen, er mußte noch einen Streifzug durch die Stadt machen.

Unten erkundigte er sich nach der Bergvorstadt, er hatte sich geschämt die Alte danach zu fragen. Man wies ihn nach einer entfernten Anhöhe, die mit einzelnen Villen und weitläuftigen Gärten geheimnisvoll in die Straße hereinsah. Das nächtliche Wandern in einer unbekannten, großen Stadt hat etwas Märchenhaftes, die Häuser und Türme stehn wie im Traum im Mondschein, auf den Straßen schwärmt es noch laut und behaglich in der Maskenfreiheit der lauen Nacht, dann plötzlich alle wieder still im engen, dunklen Gäßchen, nur die Dachluken klappen im Wind, eine Nachtigall schlägt wehmütig am Fenster. – Otto schlenderte in Gedanken immer fort, alte Reiselieder fallen ihm ein, er sang leise vor sich hin, er wußte selbst nicht, was er draußen wollte. Endlich hatte er die Höhe erreicht, je weiter er kam, je stiller und ländlicher wurde die Straße, seitwärts schienen sich prächtige Gärten hinabzusenken. Oft blieb er stehn und sah zurück über die Stadt hin, zwischen den vielen verworrenen Lichtern ging das dumpfe Rasseln der Wagen wie ein ferner Sturm, zuweilen brach ein Schwarm verstörte Dohlen aus einem alten Kirchendach und durchkreiste schreiend die Nacht, eine Spieluhr vom Turm sang ihr frommes Lied in der Einsamkeit der Lüfte. Von der andern Seite aber war die Gasse schon offen, ein frischer Hauch wehte herüber, er hörte eine Mühle gehn, die er nicht sah, dann Hundegebell von fern und da und dort noch Stimmen im dunklen Feld.

Auf einmal erklang eine Gitarre und einzelne Töne eines wunderschönen Gesanges, träumerisch vom Winde verweht, wie wenn die Nachtluft durch die Saiten einer Harfe geht. Er eilte zu dem Garten, woher die Töne kamen, das Pförtchen war nur angelehnt, er trat hinein. Da stutzte er, denn es war, als flöge der Schatten einer fliehenden Gestalt heimlich zwischen den Gebüschen hin, sonst war alles still. Neugierig ging er weiter in die dunklen Schatten der alten Bäume hinein, der Mondschein glänzte seitwärts über die Rasenplätze. Da bemerkte er einen Weiher, von Trauerweiden umhangen, eine weiße Statue schimmerte durch die Zweige herüber: eine Nymphe, die halb abgewandt am Weiher auf ihrem Arme ruhte, den andern verschlafen über das Haupt gelehnt. – Er wollte eben näher hinzutreten, als plötzlich tiefer aus dem Garten ein heller Lichtschimmer durch die Bäume funkelte und ebenso schnell wieder verschwand. Erschrocken, zögernd, wandte er sich zurück, er suchte das Pförtchen wieder, aber die Streiflichter des Mondes und die schwankenden Schatten der Bäume dazwischen verwirrten ihn ganz, und eh' er sich besinnen konnte, stand er vor den Marmorstufen eines hohen, altertümlichen Palastes. In demselben Augenblick schüttelt sich der Fliederstrauch über ihm, daß er ganz von Tau und Blüten verschneit wird, er hört ein heimliches Kichern hinter sich, eine schlanke, weiße Mädchengestalt guckt verstohlen durch die Zweige und faßt ihn schnell an der Hand. »Siehst du, das ist der Willkomm, weil du mich überrascht hast«, flüstert sie mit der lieblichsten Stimme, »das ist ja prächtig, daß du schon heute kommst.« So führte sie, vorangehend, den Erstaunten über die Stufen durch eine dunkle Halle, plötzlich treten sie ein ein erleuchtetes Gemach, sie wendet sich rasch herum – er erkennt mit freudigem Schrecken die reisende Dame von heut abend im Walde.

Sie sah ihn erstaunt an, indem sie seine Hand losließ. Dann bemerkte sie eine ihrer Rosen, die er noch im Knopfloch trug, eine flüchtige Röte flog über ihr schönes Gesicht. »Aber«, sagte sie kopfschüttelnd, »wie haben Sie mich denn so bald aufgefunden?« Er erzählte nun sein Erwachen auf dem Berge, seine Unruhe darauf und den Streifzug durch die schöne Nacht. Aber sie war ganz zerstreut, sie schien auf etwas zu sinnen. Dann sprang sie schnell zur Tür hinaus, er hörte sie draußen lebhaft mit jemand sprechen.

In dieser seltsamen Lage schaute er betroffen im Zimmer umher. Eine Alabasterlampe beleuchtete wunderbar das kostbarste Gerät, auf dem eine Gitarre und aufgeschlagene Notenhefte unordentlich herumlagen. Hohe, ausländische Gewächse rankten sich schlangenartig an den Wänden empor und hingen mit ihren glühenden Blüten in die träumerische Dämmerung herein, als spiegelten sie sich in dem reichen Teppich am Boden.

»Armer Junge! du wirst recht müde sein«, sagte jetzt die Unbekannte, indem sie fröhlich wieder hereintrat und ihn auf den Diwan niederzog. Sie setzte sich dicht neben ihn, ein Bein über das andere geschlagen, er mußte ihr erzählen, woher er gekommen, wer er sei, und was er hier treibe. – »Also so sieht ein Dichter aus!« – rief sie erstaunt, als sie seinen Namen hörte, dabei wandte sie ihn an beiden Achseln zu sich herum und sah ihm mit den großen, schönen Augen gerade ins Gesicht, er mußte die seinen errötend niederschlagen. »Come è bello!« sagte sie kaum hörbar für sich. Darauf nahm sie eine Pfirsich aus der Kristallschale vor ihnen, biß mit ihren weißen Zähnen herzhaft hinein und reichte sie ihm hin. Aber Otto war ganz verwirrt, aus ihren Augen leuchtete zuweilen eine irre, wilde Flamme, die ihn schreckte, in dieser seltsamen Verstimmung konnte er durchaus den rechten Ton nicht finden und saß blöde und unbeholfen neben der vornehmen, schönen Frau. Da lachte sie plötzlich mutwillig auf, er wußte nicht worüber, dann sprang sie auf und brachte aus einem verborgenen Wandschrank ein zierlich gebundenes Buch her vor. »Kennst du das?« fragte sie, ihm den funkelnden Goldschnitt vorhaltend; es waren seine Gedichte. – »Ich kenn' sie noch nicht«, sagte sie, »lies mir was vor daraus.«

Sie setzten sich wieder, er blättete unentschlossen und begann endlich eines seiner liebsten Gedichte von der schönen Meerfei Melusina. – »Und daß du's nur weißt«, unterbrach ihn die Dame, »ich bin selbst die Melusina; du darfst nur in den Nächten vom Montag und Donnerstag in den Garten kommen. Frag nicht nach mir und plaudre nicht davon; wenn du mich ein einziges Mal bei Tage erblickst, sehen wir uns niemals mehr wieder.« Otto sah sie verwundert an, dann las er wieder weiter. Es war ein langer Romanzenzyklus, er hatte ihn in der glücklichsten Jugendzeit gedichtet und seitdem nicht wiedergesehn; jetzt nach so langer Zeit, in der märchenhaften Umgebung, ergriff es ihn selber wunderbar, er las aus ganzer Seele fort und immer fort. Zuletzt beim Umschlagen des Blattes blickte er einmal flüchtig zur Seite – die schöne Frau lag fest eingeschlafen neben ihm. – Er schwieg, ihn schauerte heimlich, denn die schlanke Gestalt in dem weißen Nachtgewand ruhte halb abgewendet, den einen Arm nachlässig über ihr Haupt geschlagen, gerade wie die Statue vorhin am Weiher. In dieser plötzlichen Stille öffnete sich auf einmal leise die Tür, ein schwarzgelocktes Mädchenköpfchen guckte herein, überblickte spöttisch den Schauplatz dieser tiefen Ruhe und winkte ihm dann, ihr zu folgen. »Still, still« – sagte sie, als er heraustrat, ihn an der Hand schnell fortführend – »jetzt müssen Sie sacht fort, der Mond ist eben untergegangen vor Langerweile.« Draußen sang sie halb für sich:

Ein Fink saß schlank auf grünem Reis
Pink, Pink!
Der Jäger da mit rechtem Fleiß
Zu zielen an und messen fing,
Und zielt' und dacht: jetzt bist du mein
Fort war das lust'ge Vögelein:
Pink, pink! mußt flinker sein!

»Was singst du da so lustig?« fragte Otto. – »Ich pink' nur ein wenig Feuer an im Dunkeln«, entgegnete das Mädchen, »wollen Sie sich vielleicht ein Pfeifchen dran anstecken und noch etwas lesen von den zwölf schlafenden Jungfrauen?« – Sie plauderte mutwillig noch vielerlei in den Wind hinein – so gingen sie rasch durch den stillen Garten. Otto blickte im Vorbeigehen noch einmal nach dem Weiher hinüber, dort ruhte die Statue wieder auf ihrem Marmorpfühl, ein eingeschlummerter Schwan fuhr bei ihren Tritten mit dem Kopf aus den Flügeldecken hervor, sah sie schlaftrunken an und träumte dann weiter. – »Gute Nacht, Herr Morpheus!« sagte das Mädchen an der Gartentür mit einem schnippischen Knicks und schob ihn lachend hinaus.

Er hörte das Pförtchen hinter sich zuklappen, es war ihm wunderbar, so plötzlich allein unter dem stillen, weiten Sternenhimmel. In der ganzen Gegend regte sich kein Laut mehr, nur die Uhren schlugen fern in der Stadt, es war lange Mitternacht vorüber.

Seit dieser Zeit war es um ihn geschehn, die schönen Mondnächte beleuchteten noch oft seinen einsamen Gang zu dem stillen Zaubergarten. Das geheimnisvolle Grauen in der Lust verlockte ihn nur noch mehr, er mochte nicht nach dem Namen der schönen Frau fragen, ja er hütete sich, ihr Revier bei Tage zu betreten – war sie ja doch sein mit Leib und Seele! Aber in seiner stillen Stube dann, nach solchen durchschwelgten Nächten, überkam es ihn oft wie Alphornsklänge den Schweizer in der Fremde. Da befiel ihn eine tiefe Angst, er dichtete hastig oft ganze Nächte hindurch, er wollte mit Poesie sich selber überflügeln – als wäre das Talent ein Ding für sich ohne den ganzen Menschen! – So zwischen halber Lust und Reue, versank er nach und nach immer tiefer in Melancholie, Verzagen an sich selbst, in Liederlichkeit und Armut, bis zuletzt ein zehrendes Fieber die müde Seele in seinen Traummantel einhüllte: da hörte er in seinen Phantasien das Posthorn wieder durch die Frühlingsnacht, dazwischen Waldesrauschen und das Glöcklein des Einsiedlers aus der Ferne.

Er hatte mehrere Wochen krank gelegen. Als er endlich wieder zu sich kam, konnte er sich gar nicht besinnen, wo er war. Die Sonne schien über die Dächer freundlich durch das kleine Zimmer, eine Katze nickte auf dem Fensterbrett, nebenan hörte er einen Kanarienvogel singen, dann wieder eine Wanduhr dazwischen picken, sein alte Wirtin saß auf einem Lehnstuhl neben ihm am Bett und war über ihrem Strickzeug eingeschlummert. Er sah lange verwirrt in dieser Stille umher, eh' er sie weckte. Nun fuhr sie freudig empor und erzählte ihm, wie sie schon für seine Seele gebetet, wie er irre geredet im Fieber, daß sein Freund noch immer nicht zurück sei, aber ein unbekanntes junges Mädchen sei vor langer Zeit einmal ins Haus gekommen und habe nach ihm gefragt. – Da dämmerte ihm allmählich alles wieder auf. »Kam das Mädchen nicht aus der Bergvorstadt?« fragte er und beschrieb ausführlich Schloß und Garten. Aber die Alte schüttelte den Kopf, der Palast, sagte sie, sei schon seit vielen Jahren unbewohnt – sie glaubte, er phantasierte wieder. Otto fuhr mit der Hand über seine Stirn, er war wie im Traume.

Eines Abends aber, als die Alte ausgegangen war, hatte er sich rasch angekleidet und ging heimlich die Treppe hinab, über die wohlbekannten Gassen und Plätze in die Vorstadt hinaus. Die Abendsonne funkelte lustig durch die Straße, Kinder spielten vor den Toren, die Mädchen plauderten an den Brunnen, und Lerchen hingen jubelnd hoch im rötlichen Duft, er taumelte, wie berauscht, in der ungewohnten Luft. So kam er an den Garten der Geliebten, das Pförtchen war zu, aber er hatte den Schlüssel noch seit dem letzten Gange in der Rocktasche. Er schloß hastig auf und trat mit klopfendem Herzen hinein. Unterdes war die Sonne untergegangen, es war schon tiefes Abendrot. In der wunderbaren Beleuchtung kam ihm alles wie verwandelt vor; die Gänge, die er bisher nur bei Nacht flüchtig gesehen, schienen wüst und verwildert, und mit Schrecken fielen ihm die Worte der Alten wieder ein, als er endlich den Palast erblickte, denn kein Laut regte sich im ganzen Hause. Das Gras wuchs aus den Ritzen der Marmorstufen, die Türen und Fenster waren alle fest verschlossen, nur der Wind klappte eben mit einer halbzerbrochenen Lade, seitwärts schlug eine Nachtigall im Gebüsch, er hatte sie oft gehört, wenn er in den schwülen Sommernächten hier zum Liebchen schlich. – »Mein Gott, wo bin ich denn so lange gewesen!« sagte er in Gedanken versunken. – Da hörte er plötzlich in einiger Entfernung ein wohlbekanntes Lied aus alter Zeit:

Jetzt wandr ich erst gern!
Am Fenster nun lauschen
Die Mädchen, es rauschen
Die Brunnen von fern «

Voll Freude antwortete er sogleich mit den folgenden Worten desselben Liedes:

Aus schimmernden Büschen
Dein Plaudern, so lieb,
Erkenn ich dazwischen
Ich höre mein Lieb!

»Barmherziger Gott – Kordelchen!« rief er auf einmal erschrocken aus. Die Schauspielerin stand vor ihm, sorgfältig geschmückt, frischgepflückte, bunte Blumen im Haar. – »Ist er noch immer nicht zu Hause?« fragte sie, nach dem Palaste schauend. – »Wer denn?« entgegnete Otto ganz verwirrt. – Bei dem Klange seiner Stimme horchte sie hoch auf und sah ihn lange unverwandt an. »Ich kenn' dich recht gut«, sagte sie dann mit einem schlauen Lächeln, »weißt du noch, wie du uns in jener regnichten Nacht zum erstenmal trafst, als wie nach einem kleinen Städtchen zogen? Damals hatt' ich ein Loch im Strumpf, Kamilla stichelte darauf, denn Kamillen sind bitter – ach nein, du bist's nicht!« schloß sie traurig. Dann hing sie sich in seinen Arm und flüsterte ihm geheimnisvoll zu: »Ich weiß wohl, wie er eigentlich heißt, aber ich verrat's nicht, sag du's auch nicht weiter, denn die Nacht hat Ohren – Ohren

Und Augen verstohlen,
Wenn alles im Schlaf,
Da kommt er mich holen
's ist ein vornehmer Graf.

»Kordelchen! Kordelchen!« rief jetzt eine Stimme außerhalb des Gartens. Das Mädchen riß sich schnell los und verschwand wie ein aufgescheuchtes Reh zwischen den Bäumen. – Otto sah ihr lange nach, dann, plötzlich vom Entsetzen ergriffen, floh er unaufhaltsam über die öden Gänge, aus dem Garten, durch die einsame Vorstadt fort. Es war indes schon völlig dunkel geworden, die Sterne spielten munter am Himmel, von dem fernen Turm in der Stadt sang die Spieluhr wieder ihr frommes Lied; er mußte sein Gesicht mit beiden Händen verdecken, es war, als zögen Engel über ihn singend durch die stille Nacht.

Zu Hause aber schnürte er hastig sein Reisebündel; noch denselben Abend, ungeachtet der Vorstellungen der besorgten Alten, verließ er die Stadt.

Der Eilwagen rollte auf der glänzenden Straße in die schöne Sommernacht hinaus, der Postillion knallte lustig, daß es weit über die stillen Felder schallte. Vorn im Kabriolett plauderte ein Knabe, der zum erstenmal von Hause fuhr, munter mit dem Kondukteuer, dann sah er wieder lange stumme in die Gegend, wie da die dunklen Schatten der Pappeln und seitwärts Büsche, Wälder und Dörfer im Mondschein vorüberflogen, und wenn das Posthorn erklang, stiegen allmählich prächtige Schlösser und wunderbare Gärten und Gebirge mit Wasserfällen in der dämmernden Ferne vor ihm auf. Dann dachte er nach Hause, wie die Seinigen jetzt alle ruhig schalfen, der Mond scheint durchs Fenster über die Bilder an der Wand, nur eine Fliege summt tönend durch die stille Stube – da kam er sich auf einmal so verlassen vor hier draußen, und doch so tapfer und frei in der Fremde. – So reisefrisch war auch Otton früher gar manche schöne Frühlingsnacht zumute gewesen, heute saß er still vor sich hinbrütend im dunklen Wagen, es war ihm bei dem einförmigen, schlaftrunkenen Rasseln, als ging es immerfort bergunter, unaufhaltsam einem unbekannten Abgrunde zu. Zuweilen blitzte der Mond oder das vorüberfliegende Licht eines Bauerhauses durch den Wagen und streifte flüchtig bald eine bleiche Nase, bald einen martialischen Schnurrbart, bald die Glasaugen einer Brille. Sie schwatzten viel von einer wunderschönen Opersängerin und einem reichen Grafen S., einem lockeren Zeisig. – »Nein, ein Dompfaff«, rief der eine, »denn sie hat ihn pfeifen gelehrt.« – »Vogel ist Vogel«, meinte ein anderer kurz: »sie hat ihn tüchtig gerupft, nun ist sie selber davongeflogen.« – »Eine barocke Idee«, sagte der mit der Brille, »sich da in dem verfallenen Palast in der Vorstadt einzunisten!« – Otto, aus seinem Gedanken auffahrend, horchte plötzlich auf. – »Nisten!« fiel der Schnurrbart ein, »Turteltauben nisten grade am liebsten in alten Ruinen, da ist's hübsch düster und nachtigallenhaft. Ja, mein Lieber, das hatte alles seine guten Wege, nämlich so unter den Bäumen sacht fort, die plaudern nichts aus. Konnte man wohl diskreter handeln als der Graf? er ließ ihrer Treue ein Hinterpförtchen offen. Nun, nun, er ist ein Mann von kostbaren Erfahrungen, sie war wenigstens nicht seine prima Donna, und, ich denke, er hatte eben auch keine Solopartie bei ihr.« – Ein schallendes Gelächter erfolgte hier. Otton schnitt es durch die Seele, sie sprachen offenbar von seiner wundersamen Melusina! Es war ihm, as hätten die Gesellen mit ihren schmutzigen Reisestiefeln auf einmal einen köstlichen Teppich umgeschlagen, und er sähe nun die groben, rohen Fäden der glühenden Traumblumen – ihm graute recht vor dieser faden Kehrseite des Lebens.

Hier hielt der Wagen plötzlich vor einem Hause mitten im Felde, ein Mann in Nachtmütze und Pelz trat verschlafen mit einer Laterne heraus, um einige Pakete zu übergeben und andere in Empfang zu nehmen. Währenddes öffnete sich hinter ihm leise der Schieber des kleinen Fensters, der Widerschein der Laterne beleuchtete flüchtig ein wunderschönes Mädchengesicht, das schnell wieder zurückfuhr. Otto erschrak, die Züge waren ihm bekannt, er konnte sich aber durchaus nicht besinnen. Da gähnte der Mann im Pelz. »Friß mich nicht, Mauschel!« rief ihm der lustige Kondukteur vom Kutschbock, zu. – »Ich esse kein Schweinefleisch«, entgegnete der Jude trocken. Die Passagiere lachten, der Postillion knallte, und rasselnd flog der Wagen wieder in die stille Nacht hinaus.

Auf der nächsten Mittagsstation verließ Otto seine Reisegesellschaft, die jetzt schlummernd in allen Winkeln der Passagierstube umherlag, während die Rüstigeren, überwacht und verdrießlich, nach Kaffee, Rum und Butterbroten durcheinanderschrien. Von hier aus gingen Seitenwege nach Hohenstein, dort im schattigen Grün wollte er ausruhen; er hofft' es noch vor Nacht zu erreichen, so matt und krank er sich auch fühlte. Er fragte nach dem nächsten Wege, man wies ihn auf einen Fußsteig, der gerade durch die Wälder führen sollte. Einsam schritt er nun zwischen die Berge hinein. Wie so anders, dachte er, als ich vor vielen Jahren hier auswanderte! Nun ist es Schlafenszeit, und alles ist vorüber. – Die schleichende Gewalt der Krankheit, von der durchwachten Nacht und Anstrengung neu geschürt, brach und reckte und dehnte ihn heimlich in allen Gliedern, er mußte öfters rasten, und verließ endlich vor Ermüdung den Fußsteig, um, womöglich, ein Dorf zu erlangen. Aber kein Haus wollte sich zeigen, es war so still den Wald entlang, daß man die Spechte picken hörte. So hatte er Zeit und Weg verloren; der Abend funkelte schon durch die Wipfel, die Gegend wurde ihm immer fremder, je weiter er fortging.

Da erblickte er seitwärts ein kleines Mädchen, das im Walde Blumen pflückte. Als er hinzutrat, wandte sie sich schnell herum, es war ihm plötzlich vor den klaren, unschuldigen Augen, wie in den Himmelsgrund zu sehen. Die Abendsonne schimmerte durch die blonden Locken, er streichelte und küßt' es herzlich auf die blanke Stirn.

Das schien dem armen Kinde selten zu begegnen, es suchte emsig in seiner Schürze und reichte ihm eine wilde weiße Rose, und als er fragte, ob es ihm den Weg aus dem Walde weisen könne, gab es ihm vertraulich die Hand, während es mit der andern sorgfältig das Schürzchen zusammenhielt, um seine Blumen nicht zu verlieren. Wie sie so miteinander fortgingen, wurde das schöne Kind immer vergnügter und gesprächiger. Es erzählte, es wäre gar nicht mehr so lange hin, da käme wieder Weihnachten, wo die vielen Lichter in den vornehmen Häusern brennten, dann säß es in der Kammer auf seinem Bettchen am Fenster, da flimmerten draußen die Sterne so schön über dem Schnee, und das Christkindlein flöge durch die Nacht über den stillen Garten hin und brächt' ihm von seinen Eltern viele kostbare Sachen: neue rote Schuh und ein Mützchen. – »Wo wohnen denn deine Eltern?« fragte Otto. – Die Kleine sah ihn erstaunt an, dann wies sie nach dem Himmel. – »Aber wo führst du mich denn jetzt hin?« fragte er fast betroffen wieder. – »Nach Hause -« entgegnete das Kind. – Ihn schauerte unwillkürlich bei dem Doppelsinn der Antwort.

Auf einmal traten sie an einem Abhange aus dem Walde heraus, Otto stand wie geblendet. Denn tief unter ihm lag plötzlich seine Heimatsgegend im stillen Abendglanze ausgebreitet: das schattige Städtchen, jenseits seiner Eltern Garten und Haus, der vergoldete Strom dann im Wiesengrund und die fernen Berge dahinter – alles wie er's in der Fremde wohl manchmal im Traume gesehen. Ganz erschöpft sank er unter dem Baume hin. »O stille, alte Zeit«, rief er aus, »wie liegst du so weit, weit von hier!« – Die Kleine hatte sich zu seinen Füßen ins Gras gesetzt. »Nein, nein«, sagte sie, »so ist es nicht, ich will dich's lehren.« Und bei dem Vogelschall selbst wie ein Waldvöglein, sang sie mit dem kindischen Stimmchen:

Waldeinsamkeit,
Du grünes Revier,
Wie liegt so weit
Die Welt von hier!
Schlaf nur, wie bald
Kommt der Abend schön,
Durch den stillen Wald
Die Quellen gehn,
Die Mutter Gottes wacht,
Mit ihrem Sternenkleid
Bedeckt sie dich sacht
In der Waldeseinsamkeit,
Gute Nacht, gute Nacht!

Otton dunkelte es vor den Augen, da ging auf einmal ein Leuchten über die Gegend wie ein Blitz in der Nacht: stille Abgründe fernab, Gärten und Paläste wunderbar im Mondglanz, er erkannte unten die goldenen Kuppeln und hörte durch die stille Luft herüber die Glocken wieder gehen und die Brunnen rauschen in Rom, und das Kind sang wieder dazwischen:

O du stille Zeit!
Kommst, eh wir's gedacht,
Über die Berge weit
Nun rauscht es so sacht
In der Waldeinsamkeit,
Gute Nacht

»Still, still«, lachte die Kleine, »er schläft « aber der müde Wandersmann wachte nimmer auf.

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