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Dichter und ihre Gesellen

Joseph Freiherr von Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen - Kapitel 19
Quellenangabe
title Dichter und ihre Gesellen
authorJoseph von Eichendorff
typenovelette
year1987
isbn3-15-002351-3
publisherReclam
sendergoebelro@jmu.edu
firstpub1833
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Drittes Buch

Neunzehntes Kapitel

Auf dem fürstlichen Jagdschlosse, wo im vorigen Jahre alles so bunt und fröhlich war, sieht es jetzt ganz anders aus. Die Vögel picken frühmorgens auf der marmornen Treppe zwischen den Säulen, ein lässiger Gärtnerbursch dehnt sich in der Morgenkühle und schickt sich an, die verschlungenen Gänge notdürftig in Ordnung zu bringen, die überall blühend verwildern. In der alten Pracht funkeln die Sommernächte wieder über den stillen Grund, aber keine Gitarren erklingen mehr, nur die getreuen Nachtigallen schlagen wie damals in den Gebüschen, als klagten sie noch um Juannas verlorene Schönheit.

Der Fürst gedachte nicht mehr des Schlosses, er war selber lange verwildert. Zwischen Genuß und Reue, Lust und Grauen war er allmählich immer tiefer hinabgestiegen in die schimmernden Abgründe, wo mit verlockendem Gesang die Nixen im Mondschein auf den Klippen ihr feuchtes Haar kämmen, das ferne Wetterleuchten der Religion verwirrte ihn nur noch mehr; so hatte er sich im schönen Leben verirrt und konnte sich nicht wieder nach Hause finden. Da schlug die himmlische Liebe ihren Sternenmantel um den Todmüden. Er verfiel in eine schwere Krankheit, und als er wieder genas, war auf einmal alles vorbei. Die Leute nannten ihn wahnsinnig, er aber war vergnügt und blätterte Tag für Tag mit stiller, herzlicher Lust in den alten Bilderbüchern, die er als Kind gelesen; alles andere hat er vergessen. Sie hatten ihn endlich in einem entlegenen Flügel des Schlosses absondern müssen von der Welt, die er nur noch wie im Traume von ferne sah, nur die unschuldigen Vögel sangen alle Morgen vor seinen Fenstern von der alten Zeit, daß er oft erschrocken von seinen Bildern aufhorchte. – Aus seiner Hand aber hatte die Fürstin rasch die Zügel des Regiments ergriffen und lenkte keck, die Rosse peitschend, in die neue Freiheit hinaus.

In dieser Zeit kam Lothario eines Abends einsam von dem Gebirge herab. Wir wissen nicht, wohin er wanderte, sein Weg führte ihn durch die Stadt. Der Mond trat manchmal heimlich lauernd zwischen den Wolken hervor, da lag die alte Residenz unten wie eine Ruine phantastisch in der schwülen Nacht umher, es war schon alles still, nur ein Mädchen sang noch zur Gitarre aus einem Garten drüben und die Nachtigallen schlugen von den Bergen.

Er kehrte in einem wenig besuchten Gasthause ein, das draußen auf einer Anhöhe lag und eine weite Aussicht über die Stadt hatte. Dort mußte er lange pochen, eh' jemand erschien. Ein alter Diener sagte endlich, es sei alles in die Stadt gezogen, wo heute zum Geburtstag der Fürstin ein großes Fest gegeben werde. – Lothario nahm nun im oberen Stockwerk einen Saal in Besitz und öffnete rasch alle Fenster. Die prächtige Nacht duftete fast berauschend herauf. Er ließ Licht und Wein bringen, er fühlte seit langer Zeit wieder einmal eine rechte Lust zu dichten. – Als er sich aber so einsam hinsetzte und hastig trank und schrieb, da war's ihm, als riefe es durch die Stille seinen Namen, erst leise, dann lauter, und der Teufel sähe ihm beim Schreiben über die Schulter und flüsterte zu ihm: »Nur zu, nur zu! die unschuldige Welt mit vornehmen Worten belogen und verführt, ich will dich dafür auf die Zinnen des Ruhms stellen, und die Welt soll dir huldigen!« -

Er sprang auf und erschrak, als er sich flüchtig in einem Wandspiegel erblickte, so bleich und wüst sah er aus. Da streifte der Wind klingend die Saiten einer Gitarre, die am offenen Fenster lag. Der Mond aus blassen Wolken beschien soeben wieder die stillen Bäume und unten die alte Stadt. Er trat mit der Gitarre ans Fenster und sang:

Lieder schweigen jetzt und Klagen,
Nun will ich erst fröhlich sein,
All mein Leid will ich zerschlagen
Und Erinnern – gebt mir Wein!
Wie er mir verlockend spiegelt
Sterne und der Erde Lust,
Stillgeschäftig dann entriegelt
All die Teufel in der Brust,
Erst der Knecht und dann der Meister
Bricht er durch die nacht herein,
Wildester der Lügengeister,
Ring mit mir, ich lache dein!
Und den Becher voll Entsetzen
Werf ich in des Stromes Grund,
Daß sich nimmer dran soll letzen
Wer noch fröhlich und gesund!
Lauten hör ich ferne klingen,
Lust'ge Bursche ziehn vom Schmaus,
Ständchen sie den Liebsten bringen,
Und das lockt mich mit hinaus.
Mädchen hinterm blühnden Baume
Winkt und macht das Fenster auf,
Und ich steige wie im Traume
Durch das kleine Haus hinauf.
Schüttle nur die dunklen Locken
Aus dem schönen Angesicht!
Sieh, ich stehe ganz erschrocken:
Das sind ihre Augen Licht.
Locken hatte sie wie deine,
Bleiche Wangen, Lippen rot –
Ach, du bist ja doch nicht meine,
Und mein Lieb ist lange tot!
Hättest du nur nicht gesprochen
Und so frech geblickt nach mir,
Das hat ganz den Traum zerbrochen
Und nun grauet mir vor dir.
Da, nimm Geld, kauf Putz und Flimmern,
Fort und lache nicht so wild!
O ich möchte dich zertrümmern,
Schönes, lügenhaftes Bild!
Spät von dem verlornen Kinde
Kam ich durch die Nacht daher,
Fahnen drehten sich im Winde,
Alle Gassen waren leer.
Oben lag noch meine Laute
Und mein Fenster stand noch auf,
Aus dem stillen Grunde graute
Wunderbar die Stadt herauf.
Draußen aber blitzt's von weiten,
Alter Zeiten ich gedacht,
Schauernd reiß ich in den Saiten
Und ich sing die halbe Nacht.
Die verschlafnen Nachbarn sprechen,
Daß ich nächtlich trunken sei
O du mein Gott! und mir brechen
Herz und Saitenspiel entzwei!

Es blitzte wirklich von weitem, aber es waren nur einzelne Raketen, die von Zeit zu Zeit fern über dem dunklen, fürstlichen Parke lustig aufstiegen. Da fiel ihm das Fest wieder ein, von dem der alte Diener vorhin sprach, er beschloß, selbst noch hinzugehen.

Lässig schlenderte er durch die lange Vorstadt; bis dorthin war das Fest nicht gedrungen, die kleinen Häuser standen still und dunkel, nur wenige Laternen flackerten im Winde, der Nachtwächter schickte sich eben an, die zehnte Stunde auszurufen; von fern aber über die hellbeleuchteten Dächer und Schornsteine qualmte ihm schon der trübrote Schein der Illumination entgegen wie die aufgehende Sonne an einem nebligen Herbstmorgen. So war er ans Theater gekommen. Durch ein hohes, verhangenes Fenster glaubte er drin die Schauspieler mit aller Gewalt der Leidenschaft pathetisch deklamieren zu hören, ihn schauerte, so kühl und nüchtern war es dagegen hier draußen. Eine lange Reihe von Wagen, auf ihre Herrschaften wartend, stand an der finsteren Mauer, die Kutscher schlummerten auf ihren hohen Kutschböcken, der eine zog gähnend seine Taschenuhr heraus und hielt sie an den ungewissen Schein der Laterne. »Was Teufel spielen sie denn heut so lange?« fragte er einen Kerl, der eben an einem Eckpfeiler seine Fackel putzte, daß die Funken auf einen Augenblick das ganze langweilige Chaos wunderlich beleuchteten. Dieser nannte ein bekanntes Stück vom Grafen Victor von Hohenstein. – Da fuhr Lothario unwillkürlich zusammen. Er ging rasch hinein, ein gutes Trinkgeld schaffte ihm von dem verwunderten Logendiener noch einen Platz in der Fremdenloge.

Das Haus war prächtig erleuchtet und zum Erdrücken voll, aus der fürstlichen Loge zwischen den reichen Vorhängen blitzt' und schimmerte es von Sternen, Lichtern und schönen Frauenaugen blendend herüber. Das Stück war fast zu Ende. Es war, seltsam genug, eben Juannas frühere Geschichte in Spanien, alle wilden Waldbäche der Leidenschaft stürzten in dieser letzten Szene wie in einen mächtigen Strom zusammen. Die Schauspielerin, welche Juanna vorstellte, hatte, vielleicht bewußtlos, nach und nach das ganze Wesen der Gräfin angenommen: ihre frische Waldkühle, ihre Stimme, das strenge, schöne Gesicht, so funkelte sie mit den dunkelen Augen grade auf Lothario herüber. – Lothario sprang erschüttert auf, eine Totenstille herrschte im ganzen Hause. Da auf einmal beginnt ein Flüstern unten, es wächst und steigt allmählich durch alle Reihen der Zuschauer, viele Köpfe und immer mehrere wenden sich erstaunt nach Lothario herum. – »Was gibt's da?« frägt die Fürstin, sich weit aus ihrer Loge hervorlehnend. – Ein Kammerherr drängt sich eilig vor, auf Lothario deutend: »Dort, der Dichter selbst, sie haben ihn erkannt, Graf Victor von Hohenstein.« – » Der?!« – entgegnet die Fürstin und sinkt verwirrt auf ihren Sessel zurück.

Unterdes war der Vorhang gefallen, ein wütender Applaus brach plötzlich los, sich immer wieder erneuernd. Den Grafen Victor aber – denn er war es wirklich – erfaßte ein seltsames Grauen vor dem hohlen Sturm des Beifalls, er sah noch einmal dazwischen einen sengenden Blick der Fürstin nach ihm herüberschießen, dann stürzte er entsetzt über die noch leeren Treppen ins Freie hinaus.

Mit welchen Gedanken sah er nun den weiten, gestirnten Himmel wieder! Die plötzliche Erinnerung an die Zeit, wo er das Stück geschrieben, versenkte seine ganze Seele wie ein ein Meer von Wehmut. Auf dem Gebirge in Spanien, als er an jenem stillen Abend, im Wald auf den Franzosen St. Val zielend, zum erstenmale Juanna erblickte, da war's ihm, wie in die Sonne zu sehen – sie war schon lange untergegangen, aber Wald und Berge schimmerten und sprühten noch in wunderbaren Funken – damals dichtete er das Schauspiel von der wilden Gräfin. Da dachte er nicht, daß es so kommen würde! Und als es dann Friede und alles wieder still und nüchtern wurde, kehrte auch er nach Deutschland zurück, und der Frühling und das Grün der wechselnden Landschaften breiteten sich wie ein Schleier milde über das schöne Bild im Herzen. Aber nach der ernsten, bewegten Zeit, in der er ehrlich gerungen, kam ihm zu Hause nun alles so klein und unbedeutend vor, ihm war wie einem Schiffer nach langer, stürmischer Fahrt, der den Boden unter sich noch immer wanken fühlt und aus dem Wirtshaus am Ufer sehnsüchtig wieder in den kühlen Wogenschlag hinaussieht. In solcher Laune war er nach kurzem Umhertreiben, um sich von der guten Gesellschaft zu erholen, zum Teil auch aus grillenhafter, flüchtiger Neigung zu Kordelchen, unerkannt unter dem Namen Lothario mit der Schauspielerbande ausgezogen, wo wir ihn in jener regnerischen Nacht zum ersten Male trafen. – Hier hörte er plötzlich, daß die verlorengeglaubte Gräfin Juanna noch lebe und zu der ihr verwandten fürstlichen Familie geflüchtet, mit der sie auf dem nahem Jagdschlosse sich aufhalte. Da gab's auf einmal frischen Klang! Sein Plan war gleich gemacht. Durch seine geheime Vermittelung erfolgte die Einladung der Schauspielergesellschaft nach dem Jagdschloß, er begleitete sie in seiner Verkleidung, denn es schien ihm lächerlich, ja sinnlos, um diese märchenhafte Diana auf dem gewöhnlichen Paradepferde gräflicher Galanterie zu freien. – Bei seiner eignen, sorglosen Unvorsichtigkeit konnte indes die Sache nicht ganz verborgen bleiben, der Fürst und seine Gemahlin wenigstens hatten unbestimmte Kunde von seinem Vorhaben, noch ehe die Truppe bei ihnen ankam. Insbesondere hatte die Fürstin, mit dem den Frauen in solchen Dingen eigentümlichen Scharfsinn, die eigentliche Absicht gar wohl erraten. Zwar erwarteten sie täglich den Baron Manfred auf dem Schloß, den sie insgeheim zu Juannas Bräutigam ausersehen. Dennoch konnten sie's nicht lassen, die interessante Genialität einer so romantischen Maskerade um so leichtsinniger zu begünstigen, da im schlimmsten Falle Victor noch immer als eine bessere Partie für die unbemittelte Gräfin erschien als der etwas unscheinbare Manfred. So schwiegen sie recht mit innerlicher Lust und spielten die Getäuschten, täuschten aber unbewußt nur sich selbst, indem sie den zufällig dazwischengekommenen Fortunat, da er gleich von Anfang so rätselhaft auftrat, für den heimlich erwarteten Grafen hielten. – Victorn aber verlockte indes Juannas Schönheit nach und nach immer tiefer in das wildeste Labyrinth ausschweifender Wünsche, er gab ihren herausfordernden Blicken eine Deutung, die sie selber niemals kannte. Da hörte er auf der Jagd zum erstenmal von der nahen Ankunft des unbekannten Bräutigams – es war ihm unerträglich: er entschloß sich rasch, Juanna zu entführen, nur so, meinte er, könne diese wilde Nymphennatur bezwungen werden, gleichwie eine still aufsteigende Flamme sich plötzlich entfaltet, wenn der Sturm sie zerwühlt. – »Ja, kühne, schlanke Flamme!« sagte er nun tausendmal zu sich selbst, »wie griffst du plötzlich zornig in die Waldesnacht und klettertest furchtbar schön die Felswand auf und nieder, daß alle Wipfel donnernd in die Gluten sanken! Die lust'gen Wälder meiner Jugend sind verbrannt.«

In solchen Gedanken war Victor jetzt durch mehrere Straßen fortgeschritten. Die Wagen rasselten aus dem Theater, der hoffärtige Patriotismus kokettierte aus tausend geputzten Fenstern, Kinder zogen in dem magischen Licht lärmend durch die Gassen und brachten jedem brennenden Teertopf ein Vivat. Wohin er sich wandte, immer neue Feueralleen zogen sich durch die Nacht, bis er endlich unerwartet an den fürstlichen Garten kam. Ein Feuerwerk, wie es schien, war eben abgebrannt, nur einzelne Schwärmer stiegen noch empor und erleuchteten im Zerplatzen seltsam die Gegend und die verworrene Menge, die sich nun jauchzend nach allen Seiten verlief. Bei dem flüchtigen Widerschein glaubte Victor auf einen Augenblick sein Wirtshaus jenseits auf der stillen Anhöhe gesehen zu haben. Der Wege unkundig an dem fremden Ort, schlägt er die nächste Richtung ein und tritt durch ein Pförtchen, das er nur angelehnt findet, zwischen die Bäume hinein, verschlungene Gänge führen ihn immer weiter, auf einmal sieht er sich mitten im fürstlichen Park. Der Himmel ist schwül bezogen, zahllose Glühwürmchen schweifen in den dunklen Gängen, die weißen Statuen stehen einsam im Mondschein umher; da ist's, als hört' er leise seinen Namen nennen, ein Flüstern geht seitwärts durchs Gebüsch, dann alles wieder still. – Jetzt schimmern auch die hohen Schloßfenster schon herüber, drin sieht er im hellen Glanz sich Masken wundersam bewegen, die eine Saaltür öffnet sich, ein Schwall von Licht und Klängen schlägt heraus – da fährt er innerlichst zusammen, denn bei dem brennenden Streiflicht sieht er plötzlich Juannas Gestalt zwischen den Bäumen entschlüpfen. Außer sich folgt er nach, er erblickt sie von neuem: Reitkleid, Gürtel und Hut, wie sie in Spanien getragen, endlich erreicht er sie, sie wendet sich rasch, mit Grauen sieht er in die dunklen Augenhöhlen einer Larve.

Er steht wie eingewurzelt vor ihr, während sie ihn schweigend zu betrachten scheint. – »Du fernes Wetterleuchten«, sagt er endlich ganz verwirrt, »ich folge dir, und wär' es in den Wahnsinn!« – Da erhebt sich auf einmal tiefer im Garten ein wunderbarer Gesang, fast ohne Melodie, in wenigen herzzerreißenden Tönen. Sie schauert, als bräch' der Tag an, ihre schwarzen Locken ringeln sich von beiden Seiten herab, er sieht die dunklen Augen aus der Larve funkeln. – »Morgen!« flüstert sie dann kaum hörbar und verschwindet schnell zwischen den wechselnden Schatten.

Victor aber flieht entsetzt durch den Garten, der Mondschein wiegt sich träumend auf dem Gebüsch, seitwärts schwanken Wasserkünste im Wind, wie Feen in langen, wallenden Schleiern. Plötzlich hört er den Gesang wieder erschallen. Auf dem steinernen Rande des Springbrunnens sieht er einen eingeschlummerten Mann sitzen, ohne Hut, mit dem Haupt vorüber nickend, der singt im Schlaf. Bei einem flüchtigen Mondblick glaubt er den bleichen, kranken Fürsten zu erkennen.

So kommt er ganz verstört in die Stadt zurück. Dort hat sich unterdes alles verwandelt. Nur einzelne Menschen irren noch beim ungewissen Schein der Laternen, die verlöschend flackern, zerrissene Wolken fliegen über die Dächer, die Nacht war finster und stürmisch geworden. Da schweiften zwei weibliche Gestalten eilig durch das Dunkel. »Wo schleppst du mich hin?« fragte die eine. – »Sahst du ihn nicht vorhin?« entgegnete die andere, »ich muß ihn haschen!«

»Kordelchen! Du?« rief Victor plötzlich vor ihnen stehend aus – »du siehst ja so blaß im Laternenschein, wie eine Leiche mit spielenden, funkelnden Augen.« – »Ach, dummes Zeug, red nicht so graulich«, sagte die Komödianten. – Er wollte fort, aber sie hatte sich schon fest in seinen Mantel verwickelt.

Sie standen an der offenen Tür eines kleinen Hauses. Ihre leichtfertige Begleiterin, die zu ihrem Verdruß noch gar nicht beachtet worden, wünschte schnippisch viel Vergnügen und verließ sie empfindlich. Kordelchen aber hatte ihren späten Gast bereits hineingedrängt. Ein schwüler Duft von halbvertrockneten Blumensträußen, die an den Fenstern standen, quoll ihnen aus der kleinen Stube entgegen. Das tief heruntergebrannte Licht, dem eine leere Flasche zum Leuchter diente, verbreitete eine ungewisse Dämmerung über ärmliches Hausgerät, zerbrochene Spiegel, Notenbücher und Kleidungsstücke, die überall unordentlich umherlagen. Mitten in dieser Verwirrung war ein wohlgekleideter Mann am Tische fest eingeschlafen, die Feder lag umgefallen noch zwischen seinen Fingern auf dem halbbeschriebenen Blatte vor ihm.

»Still, still, der wird ein Paar Augen machen!« sagte Kordelchen, indem sie Victorn leise an der Hand in einen entfernten Winkel führte und ihn dabei, eh' er sich's versah, herzhaft in den Finger biß. Dann setzte sie sich auf einen Reiskoffer, öffnete ihre Schürze, die voll Knackmandeln war, und fing vergnügt an zu naschen und zu plaudern, man sah ihr recht die Freude aus den muntern Augen glänzen. So in aller Geschwindigkeit erzählte sie ihm, daß sie mit Otton aus dem langweiligen Italien entflohen, seit einigen Tagen hier sei und wieder aufs Theater wolle. Auf einmal sah sie Victorn lange ins Gesicht. »Armer Lothario«, sagte sie, »du siehst schlecht aus. Dacht' ich's doch gleich, als du damals die Augen so hoch warfst, siehst du, wer hieß dich Gemsen jagen! – Aber so iß doch mit – und hast du die Fürstin heut gesehen? – sie ist als Gräfin Juanna maskiert.« – Dazwischen warf sie wieder Mandelschalen nach dem Schreiber hinüber, der noch immer schlief.

Da fuhr dieser erschrocken auf – es war Otto – sie wollte sich totlachen, wie er so wild aus dem Schlaf umherstierte. Aber Victor, bisher wie in Gedanken verloren, hatte sich bei dem unerwarteten Anblick des wüsten Gesichts plötzlich aufgerichtet. »Um Gottes willen, Otto!« rief er mit tief erschütterter Stimme, »flieh, flieh in die Nacht hinaus, in den Krieg, bau das Feld, spalte Holz, bettle von Haus zu Haus – nur fort von hier!« – »Geh, geh!« sagte Kordelchen, von ihrem Koffer springend, »du bist ja so pathetisch wie der steinerne Komtur aus dem Don Juan.« – Otto, den Kopf auf beide Arme gestützt, ahnet heimlich, was jener meint, Lotharios Urteil gilt ihm alles, seine ganze Seele hängt lauschend wie an einem jähen Absturz. – Aber Victors Sinn war heut wie ein schneidendes Schwert. – »Und red mir nicht von Poesie, von Dichterberuf«, fuhr er fort, »du hast nicht mehr davon als ein verliebtes Mädchen. Es gibt nur wenige Dichter in der Welt, und von den wenigen kaum einer steigt unversehrt in diese märchenhafte, prächt'ge Zaubernacht, wo die wilden, feurigen Blumen stehen und die Liederquellen verworren nach den Abgründen gehen, und der zauberische Spielmann zwischen dem Waldesrauschen mit herzzerreißenden Klängen nach dem Venusberg verlockt, in welchem alle Lust und Pracht der Erde entzündet und wo die Seele, wie im Traum, frei wird mit ihren dunkelen Gelüsten«

Hier hielt sich Otto nicht länger. Es überlief ihn eiskalt, als zuckte ein Blitz durch die Nacht und erleuchtete auf einmal gräßlich sein ganzes verlorenes Leben. Noch ganz verwirrt, im Innersten getroffen, ergriff er wie ein Rasender einen nahe gelegenen Theaterdegen und drang sinnlos auf Victorn ein. Dieser schleuderte den Wütenden weit von sich, daß ihm der Degen entfiel. »Ruhig!« rief er, »und bedenke meine Worte, ehe alles zu spät! Mich aber laß, ich habe mit mir selbst zu fechten, Gott gnad' uns beiden!« – So eilte er aus dem Hause fort.

Draußen auf der leeren Gasse hörte man noch Kordelchen klagen, die ihm betroffen nachgestürzt. »Lothario!« rief sie außer sich, »lieber, schöner, verrückter Lothario! ich bitt' dich um Gottes willen, kehre um, nur noch ein einziges Mal komm zurück! Es ist ja alles nicht wahr, was die Leute sagen, ich war dir immer im Herzen treu, was kann ich dafür, daß ich arm und schön bin? Ach, verlaß mich nicht, ich habe sonst niemanden auf der Welt! Wickle mich ins Schnupftuch, steck mich in deine Rocktasche, wenn du mir nicht traust, ich will still sitzen und dich ansehen, wenn du mich nur wieder liebhast, du wilder, abscheulicher Kerl!« – So bat sie rührend, lachte und schimpfte, bis sie zuletzt unaufhaltsam in heftiges Weinen ausbrach.

Aber Victor hörte sie nicht mehr. Er trat aus dem dunklen Stadttor, einzelne Morgenstreifen zuckten schon über die stille Gegend. – Durch seine Seele gingen übermächtige Gedanken. Aus der tiefen Nacht seines Grams stieg allmählich Stern auf Stern, ihm war, als müßt' nun alles anders werden.

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