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Dichter und ihre Gesellen

Joseph Freiherr von Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen - Kapitel 15
Quellenangabe
title Dichter und ihre Gesellen
authorJoseph von Eichendorff
typenovelette
year1987
isbn3-15-002351-3
publisherReclam
sendergoebelro@jmu.edu
firstpub1833
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Fünfzehntes Kapitel

Die Sonne war eben über Rom untergegangen, als Fortunat von den Bergen mit der Abendkühle in die Stadt einzog. Nur ein Streifen des Meeres in der Ferne und das Kreuz der Peterskuppel brannten noch im Widerschein, dazwischen der Klang unzähliger Abendglocken, und Gärten, Paläste und einsames Gebirg unten wunderbar zerworfen – es war ihm, als zöge er in ein prächtiges Märchen hinein. »Ecco là!« rief auf einmal sein Vetturin und hielt still. Sie standen vor einem großen, altmodischen Palast, welcher zum Teil unbewohnt schien und in der Dämmerung melancholisch auf den einsamen Platz herniederschaute, wo hohes Gras aus dem Pflaster drang und ein Springbrunnen einförmig rauschte. Es war das Haus des Marchese A., in welchem befreundete Reisende für Fortunaten die Wohnung besorgt hatten.

Ein alter Diener, mit klugen, kurzen Blicken das geringe Gepäck des genügsamen Reisenden musternd, führte diesen die breiten Marmortreppen hinan, während er in großem Wortschwall die Abwesenheit des Marchese entschuldigte, welcher erst heut vom Lande zurückkehrte und nicht ermangeln werde, den schuldigen Empfang morgen nachzuholen.

Die ersten Stunden in einer großen, unbekannten Stadt gehören zu den einsamsten im Leben, auch Fortunaten überflog das Gefühl, als sei er jetzt in der Fremde. Er verlor sich ganz in den hohen Gemächern und betrachtete, als der Diener sich entfernt hatte, vor Langerweile die Stuckverzierungen an den Decken, die schweren, altmodischen Stühle, die hohen Spiegel mit goldenen Rahmen sowie die umherhängenden Jagdbilder, Kavaliere in seltsamen Trachten vorstellend, halb Ritter, halb Gecken, einen Hirsch mit galanter Reiterkühnheit verfolgend, und junge, schöne Damen in Reifröcken unter einem prächtigen Zelt im Walde, Jagdhörner in den Händen, denen der glückliche Jäger seine Beute zu Füßen legte. – Draußen schien ein großer Garten zu liegen, weit über den Garten her schlugen viele Uhren in der Ferne, es war ihm, als sei er schon gestorben und hörte die Totenglocke über sich.

In diesen Betrachtungen unterbrach ihn das Rasseln eines Wagens, der vor dem Schlosse zu halten schien. Er sah durchs Fenster und konnte bei dem Schein einer Fackel nur noch bemerken, wie eine schlanke Mädchengestalt aus der altmodischen Karosse behende in das Haus schlüpfte. Im andern Flügel des Palastes hörte man nun Türen auf- und zuwerfen, gehen und lachen, dann war plötzlich alles wieder still. – Bald darauf aber vernahm er im Garten einzelne, langgezogene Klänge einer weiblichen Stimme, wie eine Nachtigall, durch das Rauschen der Wipfel, durch welche die Glühwürmer leuchtend hinzogen. Der Mond trat eben hervor und verwandelte alles in Traum. Da öffnete Fortunat alle Flügeltüren, ergriff seine Gitarre und schritt durch die lange Reihe der Gemächer singend auf und nieder.

Es rauschen die Wipfel und schauern;
Als machten zu dieser Stund
Um die halb versunkenen Mauern
Die alten Götter die Rund.
Hier hinter den Myrtenbäumen
In heimlich dämmender Pracht,
Was sprichst du wirr, wie in Träumen,
Zu mir, phantastische Nacht?
Es funkeln auf mich alle Sterne
Mit glühendem Liebesblick,
Es redet trunken die Ferne
Wie von künftigem, großem Glück!

Der schönste Frühlingsmorgen funkelte vor dem Palast über den Garten, da grünte und sang schon alles in der reizenden Verwilderung, in den ausgetrockneten Becken der Wasserkünste jagten sich jubelnd bunte Vögel, üppig blühende Ranken umschlangen mutwillig die Marmorstatüen, als wollte der Frühling sie mit Küssen ersticken. Arglos zwischen den nackten Götterbildern stand Fiametta, die vierzehnjährige Tochter des Marchese, mit ihrer Kammerjungfer Lenore plaudernd, die ihr die schönen, dunklen Haarflechten aufsteckte. Sie war ihr heute ungeduldig entsprungen, beide waren neugierig, ihren Gast, den gestern angekommenen Engländer, zu sehen, wofür sie jeden Reisenden hielten. »Mir träumte heut von ihm«, sagte Fiametta, »er sah aus wie die jungen deutschen Maler mit den langen, blonden Locken und stand in einer unbekannten, prächtigen Gegend, die schimmerte und blitzte, daß ich vor Blendung gar nicht hinsehen konnte. Ich wußt' es wohl, es war der Morgen, der schon durch die roten Gardinen schimmerte, aber ich drückte die Augen fest zu -« hier hielt sie ein und lachte in sich. – Lenore sah sie fragend an. – »Nein, nein«, meinte Fiametta leicht errötend, »was er mir da ins Ohr sagte, sag' ich nicht wieder – ob er noch jung sein mag?« – Lenore erzählte, daß sie gestern abends noch im Garten gewesen, da habe sie seinen Schatten im Zimmer auf und nieder schwanken gesehen, lang und dünn wie der Perpendikel einer Turmuhr – »Oder einer Spieluhr, denn ich hört' es wohl herüberklingen«, fiel ihr Fiametta ins Wort, während sie ihr Füßchen auf den Nacken eines umgestürzten Apollos stellte und sich die zierlichen Schuhe festband. Jetzt sahen sie auf einmal zwischen den Zweigen hindurch den besprochenen Gast selbst, sich streckend und dehnend, aus der Schloßtür treten und verschlüpften, wie Lazerten, schnell zwischen Blumen und Unkraut hinter ein halbverfallenes Gemäuer, wo er vorüber mußte und durch dessen Ritze sie ihn ungesehen betrachten konnten. Lenore fand ihn sehr schön, Fiametta dagegen kritisierte, heimlich flüsternd, sein schlichtes, braunes Haar, seinen dreisten Gang, und seltsamen Anzug. – Als er an die Mauer kam, sagte sie leis: »Ich schreck ihn.« Lenore fuhr abwehrend nach ihrer Hand, aber die kleine Marchesin hatte schon den über die Mauer herüberlangenden Ast eines blühenden Apfelbaumes gefaßt und schüttelte kurz und rasch, daß Fortunat von den Blütenflocken ganz verschneit war; dann liefen sie beide schnell davon.

Fortunat aber war heute längst über alles Verwundern hinaus. Schon beim Erwachen in den hohen Trumeau blickend, der Himmel und Bäume abspiegelte, hatte er geglaubt, so entkleidet mitten im Garten zu liegen und war erschrocken aufgesprungen; da hörte er draußen Lachen und Mädchenstimmen in den schönen fremden Lauten, wie Glöckchen, verlockend durch die morgenfrische Wildnis gehen. So war er die helle, stille Marmortreppe hinabgeeilt, um Rom, den Garten, den jungen Frühling und den alten Marchese zu begrüßen.

Nach allen Seiten fröhlich umschauend, wurde er in einiger Entfernung vor sich einen stattlichen Herrn mit gepudertem Haar, Schnallenschuhen und einen alten, hofmäßigen Kleide gewahr, welcher ein junges Frauenzimmer am Arm führte, während ein Bedienter in verschossener Liverei mit einem Sonnenschirm und in sichtbarer Langeweile ihnen langsam nachschlenderte. Seine Vermutung bestätigte sich bald, es war der alte Marchese A., welcher seinen Gast kaum bemerkt hatte, als er ihn in französischer Sprache sehr feierlich willkommen hieß und ihm in seiner Begleiterin seine Tochter Fiametta vorstellte, die errötend ihre langen schwarzen Augenwimpfern senkte, da sie auf Fortunats Rock noch einige Apfelblüten erblickte. Dann lud er den Fremden ein, an ihrer Morgenpromenade teilzunehmen. Fortunaten war es, da sie nun in künstlicher Verschlingung zierlicher Redensarten an den Buchsbaumwänden durch die langen Alleen mit perspektivischen Aussichten gemessen dahinschritten, als wüchse ihm langsam ein Haarbeutel im Nacken und ein Stahldegen zwischen den Rockschößen heraus, und er ginge immer tiefer und tiefer in jene gute, alte, wunderliche Zeit hinein, wie er sie aus Büchern und Bildern wohl noch kannte. Dazwischen machten ihn die dunklen, funkelnden Augen Fiamettas recht innerlichst vernügt, und so kam er selbst, eh' er's wußte, immer lustiger in die auserlesenste Galanterie, und es störte die Illusion kaum noch, als sich der Marchese zuletzt ganz unerwartet nach einem seiner entfernten Verwandten in Deutschland, dem Grafen Victor von Hohenstein, erkundigte. Fortunat nannte ihn einen homme de lettres, der sein Siècle machte.

Marchese: Er ist aus einem alten Hause.

Fortunat: Bewohnt es aber wenig, sondern ist seit geraumer Zeit auf den Parnaß verzogen, wo er sich seine eigenen Luftschlösser baut.

Marchese: Ein barocker Einfall für einen Kavalier.

Fiametta: Ich möchte einmal einen Dichter sehen.

Fortunat: Ihren Augen, meine Gnädigste, kann das nicht schwer werden, wo der Frühling zaubert, muß selbst der nordische Boreas durch die Blumen sprechen.

Fiametta: Haben Sie auch Blumen in Deutschland?

Fortunat mit galantem Blick: So schöne nicht.

Während dieses Diskurses hatten sie sich wieder bis an den Palast herangeschlungen, man schied mit vielen Verbeugungen am Portal unter großem Geschrei der Sperlinge in den zerbröckelten Säulenknäufen. Fortunaten war es, als hätt' er in aller Frühe eine Menuett getanzt, im Garten aber sangen die Vögel und rauschten die Bäume wieder, als sprächen sie noch immer von den funkelnden Augen der schönen Marchesin.

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