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Dichter und ihre Gesellen

Joseph Freiherr von Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen - Kapitel 13
Quellenangabe
title Dichter und ihre Gesellen
authorJoseph von Eichendorff
typenovelette
year1987
isbn3-15-002351-3
publisherReclam
sendergoebelro@jmu.edu
firstpub1833
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Dreizehntes Kapitel

Und wo noch kein Wandrer gegangen,
Hoch über Jäger und Roß,
Die Felsen im Abendrot hangen
Als wie ein Wolkenschloß.
Dort zwischen den Zinnen und Spitzen,
Von wilden Nelken umblüht,
Die schönen Waldfrau sitzen
Und singen im Wind ihr Lied.
Der Jäger schaut nach dem Schlosse:
Die droben, das ist mein Lieb!
Er sprang vom scheuenden Rosse,
Weiß keiner, wo er blieb.

So sang Lothario auf einer Waldhöh' auf seine Büchse gestützt. Fortunat trat zu ihm herauf, da sahen sie jenseits den Wald schon von Jägern und Reitern blitzen, der Fürst hatte zum Valet noch eine große Jagd veranstaltet, bevor alles vor dem Winter wieder in die Stadt flüchte.

»Hast du die Braut nicht gesehen?« fragte Lothario unruhig umherspähend. – »Du meinst die Gräfin Juanna, so hörtest du auch davon?« erwiderte Fortunat, »sie halten's so geheim vor mir, und alle Jäger wissen's. Erst diesen Morgen hört' ich, daß der Bräutigam, ein Baron Manfred, noch heut zur Jagd erwartet wird.« – »Das ist ein prächtiges Wetter zum Heiraten«, sagte Lothario, »der Altweibersommer fliegt, als hätten sich alle alte Jungfern das Haupthaar ausgerauft und in die Lüfte umhergestreut, da bleibt mancher Ritter noch mit den Sporen drin hängen. Gebt acht, es gibt eine köstliche Verwickelung!« – Hiermit schüttelte er Fortunaten heftig die Hand und ging schnell ins Tal hinunter.

Fortunat sah ihm verwundert nach, dann folgte er der Jagd, die jetzt immer lustiger durch die Berge ging. So verlor er sich bald in das Labyrinth der Wälder und kam zuletzt in eine grüne Schluft, über deren Felsenwände von allen Seiten Efeu verwildert hinabstieg. Auf einmal brach ein Hirsch durch das Dickicht, eine Meute Hunde an seinen Fersen und hinter ihnen Juanna. Das edle Tier bei seinem Anblick stutzte schnaubend und stürzte sich seitwärts in den Abgrund, Hunde und Reiterin konnten ihm dorthin nicht folgen. Da hielt Juanna plötzlich über Fortunaten in der wilden Einsamkeit, die Hunde streckten sich lechzend zu ihren Füßen. »Seht, der ist frei« – sagte sie, die schwarzen Locken aus dem erhitzten Gesicht schüttelnd – »und eher fangt Ihr mit verliebten Blicken einen Hirsch im Walde als mich! Was wollt Ihr von mir? Laßt das Werben um mich, mir ist wohl in meiner Freiheit. Was auch die Fürstin für Anschläge hat, ich werde nie die Eurige und keines Mannes Weib – hütet Euch, es wäre unser beider Tod!« – Hierauf wandte sie ihr Roß, die alten Bäume schüttelten sich und streuten ihre gelben Blätter wie einen Goldregen über die schöne Gestalt. Fortunat stand ganz verwirrt, ihm war, als sprächen ringsum die Quellen irre den Wald entlang, Unerhörteres konnte ihm nicht begegnen, als daß er nun am Ende selbst der Bräutigam sein sollte! – Unterdes hatte sich Juanna wieder höher in das Gebirge gewendet, ein plötzlicher Anschlag schien ihre ganze Seele zu bewegen. Sie kannte den Waldweg nach einem Nonnenkloster, das jenseits des Gebirges lag und dessen Äbtissin ihr verwandt war. Dort wollte sie noch heute hin und abwarten, bis der Winter Gebirge, Freier und Verliebte verschüttet. Aber mitten in diesen Gedanken erblickte sie auf einmal eine Gemse über sich, die sich hoch über den Wipfeln von Klippe zu Klippe schwang. Das war ihr ganz neu, sie konnte der gefährlichen Lust nicht widerstehen. Ein alter Jäger, der sich bis in diese Öde verstiegen hatte, arbeitete sich eben durch das Gesträuch, sie übergab ihm ihr Pferd, er sollte es hüten, bis sie wiederkäme, und eh' er sie noch warnen konnte, war sie schon zwischen den Felsen verschwunden.

Nun kletterte sie wie ein schlanker Panther über die Klippen, das scheue Wild verlockte sie immer höher hinauf, die Lust wuchs mit der Gefahr, sie hatte sich lange nicht so wohl gefühlt und erstaunte, da sie plötzlich eine Felsenwand über sich wie in Feuer erblickte, es war der Widerschein der Abendsonne, die soeben jenseits hinter den schwarzen Wäldern versank. Mit der einen Hand sich an einen Strauch haltend, sah sie über den Felsrand hinab: die Täler unten dunkelten schon, aus weiter Ferne hörte sie noch eine Abendglocke heraufschallen, sie meinte, es komme von dem Kloster herüber. Eilig schlug sie nun die Richtung ein, aber sie konnte sich in dem wilden Gewirre nicht zurechtfinden, wohin sie sich wandte, taten sich neue Abgründe auf; so stand sie in der entsetzlichen Einsamkeit wie einer, der nachts zwischen den Zacken und Steinbildern eines unbekannten Münsters vergessen worden. In dieser Not verfiel sie darauf, ihr Gewehr zum Signal abzuschießen. Zu ihrer Freude gab sogleich ein Schuß ganz nahe Antwort. Bald darauf hörte sie Fußtritte auf dem lockeren Gerölle, eine hohe, schlanke Gestalt trat plötzlich zwischen den Steinen hervor – es war Lothario. »Das ist ein gefährliches Revier«, sagte er, »und die Nacht bricht schon herein, doch ich bin hier der Pfade kundig und meiner Richtung gewiß.« – Die Gräfin aber hatte bei seinem Anblick ein seltsamer Eigensinn ergriffen, gerade ihm dachte sie hier am wenigsten zu begegnen, und eh' er's verhindern konnte, schwand sie, ihn abwehrend, sich auf einen einzelnen, senkrecht über die Tiefe hinausragenden Fels, daß ihm in innerster Seele grauste – nur ein Fehltritt und sie glitt in den Abgrund hinunter. – Da hatte Lothario mit sicherem Blick seinen Vorteil abgesehen. In raschem Entschluß umfaßte er sie plötzlich und schwang die Sträubende auf seinem Arm. Erschrocken, überrascht, wußte sie nicht, wie ihr geschehe, und sah ihm verwundert und zornig in die Augen. Er aber trug sie grauenhaft an jähen Schlünden vorüber durch die Dämmerung von Klippe zu Klippe hinab, daß sie, vor Entsetzen mit dem einem Arm seinen Nacken umklammernd, ihn rings mit ihren aufgeringelten Locken umgab. So schwiegen sie beide lange Zeit.

Jetzt ging der Mond prächtig über den Wäldern auf. Lothario schaute in die wunderbare Einsamkeit und sagte halb für sich: »So hab' ich's manchmal im Traume gesehen.« – Juanna aber blickte spähend umher, die Gegend war ihr ganz fremd, einzelne Wolkenschatten flogen darüber, tiefer schimmerten die Gründe fast heimatlich herauf, wie die Täler in Spanien, sie gedachte der schönen Sommernächte unter den Guerillas. – Auf einmal stutzte sie, zwei gesattelte Pferde standen dicht vor ihnen im Walde, und ehe sie sich besinnen und fragen konnte, hob sie Lothario schon auf das eine Roß, schwang sich selbst auf das andere, und über den mondhellen Waldgrund nun ging es rasch fort durch die stille, sternklare Nacht.

Hier blitzte plötzlich eine furchtbare Ahnung durch Juannas Seele, sie konnte kein Wort hervorbringen, dem Unglaublichen finster nachsinnend, während Büsche, Täler und ferne Dörfer geheimnisvoll an ihnen vorüberflogen. Lothario war wie verwandelt. »Juanna!« rief er aus Herzensgrunde zu, »blick um dich, die Erde ist so still und schön wie eine Brautnacht! Frei sollst du wohnen auf hohem Schloß, wo die Rehe an den Abhängen einsam grasen, dort will ich unter deinem offenen Fenster ruhen in den Sommernächten und dich in Traum singen, bis die Sterne verlöschen und die erste Lerche mich ablöst hoch in der stillen Luft. Und fallen die Blätter und die Vögel ziehen fort und dich befällt Heimweh, wenn du vom Schloß über die einsamen Wälder siehst: ich führe dich weit über die Berge fort, du arme Fremde! Auf dem Meere wollen wir fahren an glänzenden Küsten vorüber, bis die Laute deiner Muttersprache gleich bunten Wundervögeln herschweifen und deine ernste, schöne Heimat emportaucht, duftige Gärten, Gebirge und maurische Schlösser in den trunkenen Fluten spiegelnd – o Juanna, mir ist's wie von einem hohen Berg ins Morgenrot zu sehen!«

So sprach er voll Freude, während sie ritten, Juanna war immerfort still, in der Tiefe neben ihnen rauschte ein Strom, sie horchte manchmal hinunter. Auf einmal blinkte das Wasser zwischen den dunklen Bäumen hinauf, da warf sie ihr Roß gewaltsam zur Seite, setzte die Sporen ein und schwang es mit sich in den Fluß hinab. Erschrocken stürzte Lothario nach, er sah sie mit dem weitaufgelösten Haar gleich einer Nixe in klarem Mondlicht über die Flut dahinschweben, sinken und wieder emportauchen. Endlich hatte er sie gefaßt, sie ruhte an seiner Schulter, ihre feuchten Locken verdunkelten ihm Stirn und Augen. So sank er mit seiner Beute erschöpft am jenseitigen Ufer auf den Rasen hin und lauschte in der entsetzlichen Stille kniend über ihr – aber sie atmete nicht mehr, stumm und bleich in strenger Todesschönheit.

Das hatte alles anders gestellt, als die lustigen Jäger sich's dachten. Fortunat war damals noch vor Abend von der Jagd abgekommen und mehrere Tage allein im Walde umhergeschweift, um recht nach Herzenslust das schöne Gebirge zu durchforschen. Als er zurückkehrte, fand er zu seinem Erstaunen alles leer, das Abendrot schien über Schloß und Garten, aus dem einen Flügel klang eine Spieluhr noch in einzelnen, langgezogenen Tönen herüber. Bei seinen Tritten, die in dem trockenen Laube raschelten, fuhr der alte Schloßwart erschrocken empor, der auf den Marmorstufen vor dem Schlosse eingeschlummert war. Von diesem hörte er nun, die Gräfin Juanna habe sich auf der Jagd in den Klippen verstiegen, so sei sie im Fluß verunglückt, zwei Hirten hätten sie im Mondschein auf dem Strome schwimmen gesehen und mit dem Wassermann ringen. Da wäre der Fürst sogleich am andern Morgen mit seinem ganzen Gefolge nach der Residenz aufgebrochen, auch die Schauspielertruppe sei wieder weitergezogen; von Lothario wußte er nichts. – Fortunaten aber befiel ein tiefes Grauen in der plötzlichen Einsamkeit, er beschloß, noch heut bis in das nächste Städtchen zu reisen und sich dann ohne weiteren Aufenthalt nach Italien zu wenden. – Als er fortritt, dunkelte es schon, fern an den Bergen sah er einen stillen Fackelzug, es war Juannas Leiche, die sie nach der Residenz brachten. So geht oft ein Schauer mahnend durch die Lust der Menschen, damit sie sich erinnern, daß ihnen die schöne Erde nur geliehen sei.

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