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Dichter und ihre Gesellen

Joseph Freiherr von Eichendorff: Dichter und ihre Gesellen - Kapitel 11
Quellenangabe
title Dichter und ihre Gesellen
authorJoseph von Eichendorff
typenovelette
year1987
isbn3-15-002351-3
publisherReclam
sendergoebelro@jmu.edu
firstpub1833
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Elftes Kapitel

Ein prächtiges Schloß über schimmernden Fernen, ein bunter, fürstlicher Hofhalt, Komödianten und ein Liebchen im Grün – was Wunder, daß Ottos fröhliches Studentenherz wie eine Lerche singend über dem phantastischen Herbstschmuck der Wälder hing! – Auch Fortunat verschob seine Abreise von einem Tag zum andern, die geheimnisvolle Aufmerksamkeit, womit man ihn hier unbegreiflicherweise auszeichnete, wurde immer auffallender. Er glich einem Fremden, der auf der Durchreise, bevor der Postillion wieder blies, sich auf einige Minuten im Theater an einen Pfeiler gelehnt und nun auf einmal gewahr wird, daß droben auf den Brettern von ihm selber die Rede sei und alle Blicke sich unheimlich auf ihn heften. Das Rätsel, meinte er, müsse jeden Augenblick sich lösen, er wollte wenigstens den ersen Akt noch abwarten.

Am wunderlichsten aber war es Dryandern ergangen. Sein Dichterruf öffnete ihm alle Flügeltüren des Schlosses, da hatte ihn aber der Hofwind so wacker gefaßt, daß er bald den Hut samt dem Kopfe darüber verloren hätte. Die unverschämte Art, mit der er sich selbst vergötterte, sein Witz und poetisches Wetterleuchten dazwischen, blendete, verwirrte und belebte alles, und eh' man sich dessen versah, hatte der Fürst ihn bei Hofe angestellt; die Schauspieler meinten: als lustigen Rat. Er selbst aber nahm die Sache sehr ernst, hielt einen Bedienten, mit dem er sich täglich zankte, kleidete sich sorgfältig nach der neuesten Mode, sprach nur französisch zu den Komödianten, die es nicht verstanden, und wies Lotharios Gelächter mit gründlicher Verachtung zurück.

Währenddes hatte auch der junge, schöne Maler Guido sich immer mehr in Kordelchens feingeschlitzte Augen vertieft und entdeckte in dem mutwilligen Mädchen täglich neue, unerhörte, nur von der Gemeinheit ihrer Umgebung verschüttete Talente, von denen sie selber nicht wisse. Strotzend von guten Vorsätzen, voll Selbstvertrauens und jugendlichen Glaubens an Tugend und Liebe, ging er mutig darauf los, sie aus ihrer Verwilderung mit sich emporzuflügeln. – Eines Nachmittages saßen beide zusammen in dem altmodischen Ziergarten, der die Wohnung der Schauspieler umgab. Sie strickte einen Strumpf, er las ihr Goethes Tasso vor. Zwischen den grünen Taxuswänden schillerten von fern die reichen Täler herauf, bunte Schmetterlinge flatterten auf den halbverwilderten Blumenbeeten; die feierliche Pracht der Gänge, die Hermen römischer Dichter, die in der Einsamkeit umherstanden, weiterhin über den Buchenwipfeln das heitere fürstliche Schloß – alles versetzte ihn recht mitten in das schöne Gedicht, er las sich immer mehr ins Feuer. – »Wie schön sie ist!« rief da auf einmal Kordelchen fast traurig aus. Guido glaubte: die Prinzessin im Stück. Kordelchen aber meinte die Gräfin Juanna, die soeben, eine Laute im Arm, durch den oberen Schloßgarten ging. Er sah ihr selber nach, bis sie zwischen den Orangenbäumen wieder verschwunden war, dann fuhr er, etwas gestört, weiter fort. Aber seine Schülerin war heute ganz zerstreut. »Haben Sie gestern, abends, Lotharion droben gesehen?« unterbrach sie ihn von neuem, »ich glaube, er wollte ein Ständchen bringen.« – Guido wollte aus der Haut fahren, er nickte ihr nur flüchtig zu, er war eben an einer Lieblingsstelle und deklamierte so eifrig fort, daß ihm die Stirn davon rot wurde. Als er aber einmal über das Buch hinwegsah, hatte Kordelchen gar ihr Strickzeug weggelegt und den ganzen Schoß voll Sternblumen. – »Sie liebt ihn – sie liebt ihn nicht -« sagte sie leise in Gedanken vor sich hin, eine Blume nach der andern zerpflückend. Guido stand auf, klappte das Buch heftig zu und schob es in die Tasche, seine begeisterten Augen leuchteten im Zorne so schön unter den herabwallenden braunen Locken. »Du närrischer Junge!« rief Kordelchen, ihn mit einem herzhaften Kuß festhaltend. Da wanderte eben Otto vorüber und warf ihr einen verächtlichen Blick zu. Sie warf ihm dagegen lachend alle ihre Blumen nach und sprang dann selber schnell in den Garten fort.

Ungünstigeres aber hätte Otton in diesem Augenblick nicht begegnen können als der unerwartete Anblick dieser Vertraulichkeit. Denn er ging soeben, das Manuskript eines Trauerspiels unter dem Arme, mit klopfendem Herzen nach dem alten Palast der Schauspieler, um es ihnen behufs einer zu verhoffenden Darstellung vorzulesen. – Er fand Herrn Sorti und die übrigen Stimmführer der Gesellschaft bereits vor dem Hause in einer Wolke von Tabaksrausch zwischen hohen Biergläsern um einen runden Tisch versammelt. Zerstreut und in Gedanken noch halb bei Kordelchen, begann er mit unsicherer, fast schüchterner Stimme die Vorlesung. Doch bald faßte ihn der rasche Strom der eigenen Dichtung, heiter glitt er an den duftigen Gestaden, Rebengeländern und Burgen hinab, und das stille Glück der Stunden, ja die Gegenden und Plätze, wo er damals gedichtet, wehten ihn wieder erfrischend an. So las er immer schöner und mächtiger und bemerkte nicht, wie die Gesichter seiner Zuhörer nach und nach immer länger wurden, dort einer heimlich durch die Nase gähnte, da ein anderer mit vornehmem Lächeln unverwandt sein Bierglas ansah. Und als er endlich schloß, erfolgte eine allgemeine Stille, daß man das Laub im Baume sich bewegen hörte – ein Zustand, wobei einem jungen Autor die Gedanken plötzlich zu Eiszapfen gefrieren können.

»Schön – recht poetisch«, nahm endlich Sorti das Wort, »aber aufführen« »Keine Drucker«, platzte Ruprecht heraus. – »Zu viel Verwandlungen«, meinte ein anderer. – »Kein einziger brillianter Abgang.« – »Aber was hat denn alle das Teufelszeug mit meinem Gedicht zu schaffen?« fragte der erstaunte Otto in seiner poetischen Unschuld. – »Wird sich schon geben, mein Liebster«, entgegnete Sorti gelassen, »wird sich nach und nach schon geben mit der zunehmenden Bühnenkenntnis.« – Nun steckten alle die Nasen in das Heft, und ein jeder fing an, nach seiner Art zu mäkeln. Der Dialog war zu phantastisch, er sollte noch einmal überarbeitet, herabgestimmt und natürlicher gemacht werden. Der Held dagegen erschien allen zu einfach, die Dame gar zu verliebt. – »Das Lieblichste«, rief er aus, »das Heimlichste, Wahrste und Beste, was ich wußte, hab' ich gegeben, und nicht einen Buchstaben ändere ich an dem ganzen Stück!« – Hiermit schleuderte er das Manuskript zornig auf den Tisch und ging rasch in den Garten fort, und es war ihm in einiger Entfernung, als hörte er die Schauspieler hinter sich lachen.

In diesem heftig bewegten Zustande begegnete er Lotharion, der ihm sehr bald die ganze Geschichte abgefragt hatte und darauf in ein tolles Gelächter ausbrach. »Darf man erfahren, worüber Sie lachen?« fragte Otto empfindlich. »Weil Sie«, erwiderte Lothario, »durch diese glückliche Begebenheit hoffentlich auf den nächsten Weg geraten sind, sich der theatralischen Flausen gänzlich zu entschlagen.« Otto sah ihn verwundert an. Aber Lothario ließ sich nicht irremachen. »Überlegt doch nur selbst«, fuhr er fort, »was wollen sie denn eigentlich! Ein großer, starker Kerl, der plötzlich herausstürzt und rezitativisch schreit: »Ich fürcht' mich vor dem Tode nicht! – ein Posaunenstoß oder ein paar Striche über die große Baßgeige dazu – das ist ein Held. Ein zimperlich Ding, etwas verliebt und etwas tugendhaft und sehr geschnürt, das in Jamben spricht und mit den Logen kokettiert – das ist eine Jungfrau. Ein Korb voll Kaldaunen, der nach Tische zur Verdauung Poesie treibt und in Romeo und Julie eines gemalten Pomeranzenbaums bedarf, um sich nach Italien zu versetzen: das ist das Publikum.« – »Und dennoch«, erwiderte Otto nach einer kurzen Pause, »wenn alle so dächten, so müßte die dramatische Poesie in der Luft spielen und die Bühne zugrunde gehen.« – »Ja, das hoff ich auch!« sagte Lothario, »die Dichter müssen nur nicht nachgeben, sondern die Theater poetisch aushungern, sie an ihrer eigenen Misere und Langweiligkeit allmählich verschmachten lassen und unterdes draußen frisch und keck die Welt auf ihre eigene Hand dramatisieren. Das Publikum ist so dumm gerade nicht, wie es aussieht. Ist es erst im Buch an die ursprüngliche Schönheit wieder gewöhnt, so wird es auch die Bühnen schon zwingen, sich zu akkommodieren. Aus der alten, guten Poesie kann sich ein neues Theater bilden, nimmermehr aber eine neue Poesie aus den kranken Gelüsten des Publikums und der Pedanterei der Theatermaschinisten. Und überhaupt, junger Mensch«, fuhr er fort, »wollt Ihr ein Dichter werden – und ich meine, Ihr habt die unglückliche Disposition dazu – so müßt Ihr Euch ein für allemal daran gewöhnen, für die Handvoll Gescheuter im Lande zu dichten und nach den andern nicht zu fragen. Vor allem aber müßt Ihr Euch hier von uns Komödianten und Frauenzimmern losmachen, denn wer sich so in der Rumpelkammer des Lebens herumtreibt, dem fliegen die Fledermäuse an den Kopf, und es wäre schade um Euer weiches Flachshaar.«

Otto zürnte wie ein Mädchen. Lothario aber, in seinem kühnen Wesen, griff wie ein eisiger Morgenwind durch alle Saiten seiner wunden Seele. Auch hatte es Otto ja mit eigenen Augen gesehen: Kordelchen war treulos, das Brettergerüst seines geträumten Bühnenruhms zertrümmert, er kam sich nach den heutigen Erfahrungen nun selbst hier kahl und erbärmlich vor. Und so geschah es, daß er, ehe sie noch das Ende des Gartens erreichten, dem harten Freunde mit dem Ungestüm eines frischen Entschlusses die Hand darauf gab, sogleich weiterzureisen, um ungestört und mit strengem Ernste ganz der Dichtkunst zu leben. – Nun fehlte es aber wieder am nötigen Reisegeld zur Ausführung eines so löblichen Vorsatzes. – Lothario machte bei dieser Bemerkung eine lebhafte Bewegung und schien einen raschen Vorschlag auf dem Herzen zu haben, schwieg aber plötzlich. – Da standen sie soeben vor Dryanders Tür. »Halt!« sagte er, »hier wohnt Fortunas Hofnarr, da wollen wir anklopfen, kommen Sie nur geschwind.«

Mit diesen Worten drängte er den Zögernden in das Haus hinein. Ein Bedienter empfing sie in der Vorstube und wollte anmelden. Der Schauspieler schob ihn aber lächelnd zur Seite und trat ohne weiteres in das Zimmer. Hier war durch tief herabhängende, grünseidene Gardinen ein künstliches Halblicht verbreitet, ein zierlicher, bronzener Opferaltar auf dem Mahagonitisch erfüllte das Gemach mit Wohlgerüchen, Dryander selbst, in einem feinperkalenen Negligé, ruhte mit einem Papier in der Hand nachlässig auf einer Ottomane. Er blinzelte die eintretenden vornehm an, als könnte er sie nicht gleich erkennen, faltete und versiegelte erst den Brief und klingelte nach dem Bedienten: »An Se. Durchlaucht, aber sogleich.« – Dann sprang er auf und nötigte die Gäste verbindlich auf das Sofa. – Lothario, als sie sich feierlich niedergelassen, drückte mit devoter Stimme ihre langverhaltene Freude über seinen sehr ergötzlichen Glückwechsel aus. »Mich hat es nicht im geringsten überrascht, verehrter Hofrat«, sagte er, »du strebtest von jeher obenhinaus: keine Dachstube war dir zu hoch, du hattest schon damals immer die besten Aussichten.« – Dryander, hofmännisch überhörend, wandte sich, ohne darauf zu antworten, zu Otto, ihn seiner besonderen Teilnahme an seinem schönen Talent versichernd, doch müsse er ihm als Freund raten, seinen Umgang sorgfältiger zu wählen. – »Eben darum«, unterbrach ihn Lothario, »hat dieser junge Mann einen festen Entschluß gefaßt. Du hast gestern dein Gehalt bezogen und brauchst es nicht; wir wollten daher gehorsamst bitten, ob du vielleicht die Güte haben möchtest, ihm unter die Arme zu greifen – ein kleines Darlehn – auf kurze Frist – er will nach Italien.« – »Nach Italien?« rief Dryander aus, »in das göttliche Land « »Ja, wo, nach Goethe, die Zitronen blühn«, fiel Lothario ein. – »Meine Verbindungen hier bei Hofe, ich kann Ihnen vielleicht nützlich sein«, fuhr Dryander fort, »auch kenne ich mehrere Personen von Rang in Rom, Neapel, mein Freund der Duca -« »Degli Lazzaroni«, meinte Lothario, »eine alte Familie, ich glaube, ihr seid verwandt.« – Otto stand hochrot und entrüstet auf. – »Ich bedaure nur«, sagte Dryander, gleichfalls aufbrechend, »daß in diesem Augenblick dringende Amtsgeschäfte – es wird mir aber sehr erfreulich sein, Sie vor meiner Abreise -« »Allerliebster Hofrat!« rief hier plötzlich Lothario, seine Hand fassend: »jetzt tanz noch ein Menuett mit mir.« – Dryander maß ihn mit verächtlichen Blicken. – »Oder soll ich dich morgen vor dem ganzen Hofe auffordern? Du kennst ja meine Kuchenreuter«, sagte Lothario. – Der Hofrat wollte hastig klingeln. – »Tanz« – wiederholte Lothario warnend. Da stellte sich Dryander mit teuflischem Lächeln in Positur, Lothario sang vergnügt die Menuett à la Vigano, so führten sie auf dem bunten Teppich graziös mehrere Touren aus, und es war wunderlich anzusehen, wie Dryander seinen Gegner mit den Augen erstechen wollte, sooft sie feierlich aneinander vorüberschwebten. Dann geleitete ihn Lothario an den Fingerspitzen bis zum Sofa, machte eine tiefe Verbeugung und entfernte sich mit dem verlegenen Otto, der gar nicht wußte, wie ihm geschehen.

»Das war eine gesunde Motion « sagte Lothario lachend – als sie draußen waren – »aber Mensch, sehen Sie nicht so trübe aus! Schreiben Sie noch heut nach Hohenstein um Geld, treu, klar und aufrichtig; Sie kriegen des Plunders genug; wer ehrlich will, was er soll, der kann auch, was er will!« – Mit diesen Worten wandte er sich wieder in den Garten. Otto stand noch lange zweiflend still, dann aber eilte er auf sein einsames Stübchen, um sogleich den guten Rat zu befolgen. – Als er oben am offenen Fenster saß, tanzte schon das Abendgold durch das Weinlaub so lustig über das reine Blatt vor ihm. Er stand oft im Schreiben auf und lehnte sich zum Fenster hinaus. Die Abendsonne beschien draußen die herbstliche Gegend, die Wandervögel zogen über das Haus fort, seine ganze Seele war voll fröhlicher Verheißung und zog mit ihnen in die schöne, wunderbare Ferne hinaus.

Währenddes kehrte unten der Fürst mit mehreren Begleitern von einem Ausfluge heim. Sie ritten zwischen den einsamen Felsenwänden den kühlen Strom entlang, die Wälder glühten im buntfarbigen Herbstschmuck. Da erblickten sie hoch über sich auf einem überhangenden Felsen die Gräfin Juanna, unter wilden Waldblumen nach dem Strome hinabgebeugt, daß die dunklen Locken Stirn und Wangen bedeckten. – »Lurelei!« – sagte der Fürst wie in Gedanken zu seinen Begleitern, die geblendet hinaufschauten.

Aber er selber war schon in ihrem Bann, und als sie am Schlosse angekommen, hatte er sich unbemerkt entfernt und stieg allein hastig und verwirrt durch die schöne Einsamkeit hinauf. Er kannte von seinen Jagden den wenig betretenen Fußsteig zur Höh', Juanna fuhr erschrocken auf, als er soeben plötzlich durch das Gebüsch brach und neben ihr auf die Knie sank, ihre Hand mit glühenden Küssen bedeckend. Sie schwieg und sah ihn lange durchdringend an. »Still, still« – sagte sie dann, »hier kann man uns vom Schloß aus sehen.« – Hiermit ergriff sie seine Hand und führte ihn rasch durch die Hecken, über schmale Felsrücken an jähen Abgründen vorbei. Durch seine Seele gingen wechselnd Furcht und Hoffnung, wie die Schatten im Walde. »Wo wandern wir hin?« fragte er endlich betroffen, denn die grünen Plätze kamen ihm so bekannt vor, das Abendrot spielte, wie die alte schöne Zeit, darüber. So traten sie auf einmal zwischen den Bäumen heraus und erblickten unter einzelnen Tannen ein kleines Haus mit einem stillen, zierlichen Gärtchen davor. – Der Fürst drängte erschrocken weiter. »Hier wollen wir ausruhen«, sagte Juanna, ihn festhaltend. Er schaute nun unverwandt hinüber, wie in einem Traum. Eine alte, blinde Frau saß in der Abendsonne vor der Tür, ein schönes, bleiches Mädchen ging singend vor ihr im Garten auf und nieder. Da erblickte sie auf einmal den Fürsten und floh wie ein erschrecktes Kind zu der Mutter und setzte sich zu ihren Füßen ins Gras. – »Was hast du denn?« fragte die Blinde. Das Mädchen sagte: es gehe ein Engel im Abendscheine durch den Wald, ein anderer stehe neben ihm, der werfe einen langen Schatten weit über den Wald und die Täler, »ach es dunkelt schon, und er kommt noch immer nicht wieder!« – Sie drückte ihr Gesicht in den Schoß der Mutter und weinte bitterlich.

Der Fürst wandte sich ab. Es war das Jägermädchen, das er so oft in früheren Jahren heimlich besucht. Ihr Herz war gebrochen, da sie in ihrem Liebsten den Fürsten erkannt, nun war sie lange wahnsinnig, er hatte sie fast vergessen. – Die Abendglut blickte noch einmal durch den Wald herauf, daß die Gegend plötzlich ganz fremd und wie verwandelt erschien. Juannas Augen funkelten beinahe tödlich, er hielt sie nicht länger aus und floh tief erschüttert von dem entsetzlichen Ort.

Sie aber war unterdes in das Gärtchen getreten und sprach trostreich zu der Blinden und ihrem armen Kind und warf ihr, ehe sie weiterging, einige Goldstücke in den Schoß. Da betete die Alte still vor sich, denn nun glaubte sie's selbst auch, daß in der Abendstille ein Engel an ihrem Hause vorübergegangen. – Währenddes stieg der Maler Albert, bis an die Zähne bewaffnet, still und ernst den Waldberg hinan. Er hatte vorhin die Gräfin auf dem Felsen, dann den Fürsten heimlich hinaufschleichen gesehen und in seiner Tugendhaftigkeit sogleich beschlossen, mit Gut und Blut die Unschuld zu beschützen. Die Nacht war schon hereingebrochen, die ganze Gegend stand wie in Gedanken im Mondglanz umher, und als Juanna wieder im Schloß an ihrem Fenster stand, hörte sie unter sich den Strom aufrauschen, wie von Ruderschlägen. Es war Lothario, der unten auf einem Nachen vorüberfuhr und sang, sie konnte durch den Nachtwind nur folgende Worte verstehen:

Wetterleuchten fern im Dunkeln,
Wunderbar die Berge stehn,
Nur die Bäche manchmal funkeln,
Die im Grund verworren gehn,
Und ich schaue froh erschrocken
Wie in eines Traumes Pracht
Schüttle nur die dunklen Locken,
Deine Augen sind die Nacht.

Der Nachtwächter unter den Fenstern aber schüttelte den Kopf und sah zu seiner Verwunderung auf dem Felsen drüben eine lange Gestalt, auf ihr Schwert gestützt, die halbe Nacht hindurch gleich einer verlornen Schildwacht stehen.

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