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Deutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise

Max Barthel: Deutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorMax Barthel
titleDeutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise
publisherBüchergilde Gutenberg
year1926
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20110531
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Textil und Glas

Hinter Weißenfels an der Saale beginnen die ersten Berge zu schwellen. Kleine Hügel mit Weingärten erheben sich, um in das breite Tal zu fallen. Dann steigen schmale Feldstreifen empor, Wiesen, Wälder und das rote, graue Geschiebe nackter Felsen. Die dreizehn Riesenschornsteine vom Leunawerk und die kilometerlangen Hallen, Silos, Kühltürme, Etagen und Schuppen, in denen künstlicher Stickstoff gewonnen wird, sind schon lange verschwunden. Naumburg erhebt sich auf einem breiten Hügel und zeigt die Schattenrisse seines kostbaren Domes. Kleine Dörfer flattern vorbei, ganz in Blüten gehüllt. Das romantische Gemäuer der Rudelsburg steht über der Saale, daneben dunkeln die zwei Türme der Saaleck. Das ist jene Burg, in der die Rathenaumörder gestellt wurden. Bald steigen die nackten Berge von Jena auf. Dann kommt die Stadt Jena selbst mit dem Turmhaus von Zeiß und den Schornsteinen des Glaswerkes von Schott und Genossen. Die Saale wendet sich mit entschlossenem Ruck den blauen Bergen des Thüringer Waldes zu. Auch Sommerschuh blieb nicht lange in Jena. Mit entschlossenem Ruck verließ er diese Stadt und besuchte Apolda..

Von Apolda sieht man kein Gesicht. Diese Stadt hat nur Hände, viele tausend Frauenhände und Mädchenhände, Hände aus Naumburg, Hände aus Weimar, Hände aus Apolda, die an den Wirkmaschinen, Strickmaschinen, Rascheln, Rundstühlen, Nähmaschinen und Spulen für die ganze Welt arbeiten. In Apolda werden Jumper gemacht, Strickwesten und gewirkte Tücher. In etwa tausend kleine und große Betriebe wird Baumwolle, Seide, Stapelfaser, Kunstseide, Kammgarn, Streichgarn und Mischgarn verarbeitet. Fast in jedem Haus stehen zwei oder drei kleine Maschinen. Da rattern die Rascheln, da klirren die Strickmaschinen. Wenn die Saison angeht und steigt, kommt sie und steigt an wie die Flut des Meeres, rauscht in seidenen Tüchern, wehenden Schleiern und leuchtenden Jumpern. Die graue, farblose Stadt Apolda glüht dann innerlich von der Glut und Leuchtkraft feiner Wirkwaren. Schon vor dem Krieg liefen und klirrten hier über elftausend Maschinen und schleuderten ehe halbe Million verschiedener Muster auf den Markt, in das Inland und in das Ausland bis weit hinaus nach Bombay und Sydney. Sechzig bis siebzig von hundert Menschen leben in Apolda von der Wirkerei. Der Wert der im Jahre 1913 erzeugten Waren betrug über fünfundvierzig Millionen Mark. Im Inland wurden Waren im Werte von achtundzwanzig Millionen Mark umgesetzt.

Im Jahre 1593 wurde in dem Erbzinsregister der Stadt ein Mann namens »David, der Strickermann« aufgeführt. Von diesem David, dem Strickermann, an beginnt die langsame Industrialisierung Apoldas, das damals ungefähr tausend Einwohner zählte. Ehe die Strickerei aufkam, nährten Ackerbau, Weinbau, Viehzucht und Obstbau die Leute. Der Dreißigjährige Krieg erschütterte auch Apolda, fraß den behäbigen Reichtum der Bauern, zerstörte den Obstbau und die Weinberge, aber die neue Industrie konnte er nicht zerstören. Sie wuchs ja nicht auf den Feldern und Berghängen, sie brauchte keine Sonne, keinen Regen, sie brauchte nur geschickte Hände, und die gab es genug. 1645 gingen die ersten Apoldaer Strickwaren auf die Leipziger Messe. Ein Paar Männerstrümpfe kosteten im Jahr 1633 genau soviel wie ein Kalb, nämlich zwölf Groschen. Der Handel lohnte sich also. Der Handel lohnte sich so sehr, dass sich hier fremde Kaufleute und Händler festsetzen, die Waren der Wirker vertrieben, ihnen Wolle verschafften und für sich arbeiten ließen. Diese Leute nannte man Verleger. Das waren die Vorgänger jener Verleger, die auch jetzt noch in der Stadt und Umgebung leben und als Zwischenhändler zwischen den vielen Heimarbeiterinnen stehen, die in den Dachkammern von Jena, Sulza, Weimar, Naumburg und Cöthen sitzen und die seidenen oder halbseidenen Tücher und Jumper verarbeiten.

Um das Jahr 1700 stehen in Apolda erst neunzehn Strumpfstühle. Vierundzwanzig Jahre später es schon 481! In Weimar entsteht der Stadt durch Jahrhunderte hindurch eine leidenschaftliche Nebenbuhlerin. Auch Weimar will arbeiten und reich werden. Die Herzöge brauchen viel Geld. Sie protegieren die Textilindustrie in Weimar. Sie sind überhaupt sehr für die Arbeit der andern, wenn sie dabei selbst profitieren. Noch im Jahre 1733 durfte bei einer Strafe von zweihundert Dukaten kein Lehrling die Strumpfwirkerei erlernen, es sei denn, der Fürst habe nach der persönlichen Vorstellung des Lehrlings entschieden, der junge Mensch sei zu nichts anderm geboren, als Strumpfwirker zu werden. Die Entwicklung entschied sich für Apolda und gegen Weimar. Sie entschied sich vielleicht auch aus dem Grunde für Apolda, weil die Prachtliebe der Weimarer Herzöge ein zu grausamer Anschauungsunterricht für das werdende Textilproletariat gewesen wäre.

Die Wirker lebten in keinem Paradies. 1773 und 1784 brachen die ersten Gesellenaufstände aus. Militär marschierte. Der Aufstand von 1784 entsprang heftigen Lohnkämpfen. Die Gesellen siegten. In den kommenden Jahren eroberte Apolda allmählich den Weltmarkt. Neue Maschinen brachten die Umstellung der Wirkerei, vor allem die Verarbeitung von Wolle, Baumwolle, Seide und Kunstseide. Nach Holland, England und Belgien gingen in der Hauptsache die Waren, aber auch Russland, Skandinavien, Amerika, Indien, Ägypten, China und Japan erreichten sie. Heute sitzen in England in fast allen größeren Städten Apoldaer Kaufleute. Durch ganz Europa reisen die Vertreter dieser kleinen Stadt. Nach den überseeischen Ländern geht der Export durch Berliner, Hamburger, Bremer, Londoner und Pariser Häuser. In Apolda hat sich auch die Nebenindustrie angesiedelt. Vier große Fabriken stehen da, die Rascheln, Spulmaschinen, Haspeln und Strickmaschinen herstellen und zum Teil nach dem Ausland verkaufen. Auch neun große Färbereien gibt es, in denen die Garne gefärbt werden. Die Stadt liegt in einem Talkessel wie eine eiserne Spinne. Sie ist typisch für die andern Thüringer Städte, die sich die Welt erobert haben. Sie ist ein verkleinertes und hässliches Jena, ein graues verkommenes Sonneberg. Apolda ist eine Stadt, in der seit zweihundertfünfzig Jahren gearbeitet wird, wie wohl nur in Deutschland gearbeitet werden kann. Krieg und Frieden rauschten vorbei, aber für die Proleten ist immer Krieg, auch im Frieden. In der Inflationszeit blühte Apolda fieberhaft auf. Jetzt schüttelt die Wirtschaftskrise die Stadt. Über die Hälfte der Betriebe liegt still und arbeitet verkürzt. Die Arbeiterzüge aus Weimar und Naumburg, die jeden Morgen anrattern, sind nicht mehr überfüllt. Mitten im Weltkrieg entstand in de Überseeländern eine große Textilindustrie und vermauert den Markt.

Himmel und Hölle ist überall in der Welt. Sommerschuh, der durch Apolda streifte, sah den Himmel und die Hölle. Den Himmel zeigte ihm ein junger Redakteur, den Himmel eines Kapitalisten, der in einem Jahr für sich allein über eine Million Mark verbraucht hatte. Das waren einige hunderttausend Mark mehr, als der Mann in jenem Jahr an Arbeitslöhnen auszahlte. Sommerschuh sah die grauen Straßen und grauen Fassaden der Häuser, an deren Türen die ominösen Schilder kleiner Wirkwarenfabriken verstaubten. Mit seinem Begleiter besuchte er eine kleine Fabrik. Sie wirkte eine hohe Wand halbseidenen Stoffes. Die Strickmaschine lag still. Ein junges Mädchen spulte Garn. Alles war grau und schmutzig, nur die Maschinen waren blank, und das halbseidene Tuch leuchtete. Das war eine von den tausend Fabriken, die für die großen Werke arbeiten. Diese kleine Bruchbude schickte das Tuch in großen Ballen nach den richtigen Fabriken. Dort wurde es zugeschnitten und an die Heimarbeiterinnen weitergegeben. Die eine nähte Ärmel an, die zweite feste Taschen auf, die dritte putzte die Ware, und die vierte machte Knopflöcher: so oder so, durch viele, viele Hände musste das Tuch gehen, ehe es Kleidung wurde und in London oder Kairo verkauft werden konnte.

Auch eine mittelgroße Fabrik besuchten sie und gingen der Produktion nach. Die gefärbte Wolle lag in großen Ballen im Keller und wurde in der Spulerei auf große Trommeln oder Bäume gespannt. Dann begannen die Rascheln und Wirkmaschinen zu arbeiten, die alle Farben und Muster zu harmonischer Einheit verknüpften. An den Rundstühlen vorbei ging Sommerschuh zu den langgestreckten Strickmaschinen, au deren Bauch die Seite in breiten Tüchern fiel. Auf diesem Wege entschleierte sich das Mysterium der Ware. Der Weg ins Licht wurde klar, den beinahe jedes Ding auf der Erde nehmen muss. Aus schwarzer und weißer Wolle wird schönes Gewebe. Aus den Samenkapseln blühender Sträucher wächst menschliche Kleidung.

Aus Kleidung wird Ware. Aus Ware wird Gewinn, am dem kleinen Nest Apolda in Thüringen wird eine weltbekannte Stadt. Der Weg von der Baumwolle und Seide bis zum Tuch ist ein langer Weg durch viele Maschinen und noch mehr Hände. Das Dunkle und Mühselige bleibt in den Fabriken und in den Kammern der Heimarbeiter, klärt sich und schmiedet die Ausgebeuteten als Klasse zusammen. So nähert sich auch das Dunkle und Mühselige dem Kunstwerk, das auch aus dunkler und heiliger Mühe geboren wird. Um die seidenen Tücher aber. Die in die Welt flattern, weht die kühle Berechnung des Profits und die Hetzjagd des Geldes. In Jena schlägt das Herz der Arbeiter viel heftiger als in Apolda, aber daneben schlagen auch die vielen Nebengeräusche des Daseins. Viele Nebengeräusche kommen von der Universität her. Diese Universität wird zum großen Teil von den Überschüssen der Jenaer Arbeit, dem Zeißwerk und dem Glaswerk erhalten. Sie lebt oder vielmehr lebt nicht, denn die vielen tausend schlagenden Studenten mit ihren bunten Bändern, Narrenkappen und zerfetzten Visagen sind zum größten Teil Hakenkreuzbrüder und Feinde der Freiheit und der Arbeiterklasse. Vor hundert Jahren erlebte das militärische Preußen bei Jena seine erste große Niederlage. Damals war die Universität in Jena eine Burg der Freiheit. Heute erlebt die deutsche geistige Jugend Tag für Tag an den Universitäten ihre entscheidenden Niederlagen. Sie wirken sich tödlich aus im Kampf der Klassen.

Sommerschuh sah die zerhackten Visagen der Studenten, sah die neue Universität, gegenüber das Karl-Liebknecht-Haus, er sah die rauchenden Schornsteine von Schott und Genossen und das zehnstöckige Fabrikhaus von Zeiß, die kahlen und die begrünten Berge um Jena und die schönen Anlagen an der Saale, die nach dem Paradies benannt sind, er sah das und fuhr an einem frühen Morgen den Talkessel der Saale hinaus nach dem Wald. Wieder erlebte er den Fluss als die erste feuchte Samenrinne menschlicher Kulturarbeit. Dem grauen Kahla gegenüber, in dem beschmutzte, große Porzellanfabriken liegen, blitzten auf einem Berg die Fenster der Leuchtenburg. Dieses alte Ritterschloß hat sich durch die Jahrhunderte hindurch aus einer Raubburg zu einem Zuchthaus und jetzt zu einer Jugendherberge entwickelt.

Der Reisende kam an Orlamünde und Rudolstadt vorüber und kannte bei Saalfeld den Höhenweg nach Wickersdorf, der berühmten Schulgemeinde. Er sah auch die Anlagen einer großen Schokoladenfabrik, und ein Mitreisender erzählte ihm von dem Herrensitz jenes Fabrikanten. Fast alle Leute, die Fabriken haben, sitzen auf weichen Stühlen. Das wusste er schon lange. Er sah auch die großen, schwarzblauen Schutthalden der Schieferbrüche. Von diesen Brüchen aus wird die Welt mit Tafeln, Platten, Stiften und Ziegeln versorgt. Weiter keuchte der Zug nach der Passhöhe und Wasserscheide an der Lauenburg vorüber. Im Fränkischen Wald bestieg der Journalist eine Kleinbahn und kutschierte aus Franken nach Thüringen zurück in das Industriegebiet. Er kam an vielen Porzellanfabriken vorüber. Das Zügle kletterte die Berge hinauf, das eiserne Bandnetz der Bahn vervielfältigte sich, und aus der kleinen Verkehrsader wurde eine Herzschlagader. Der Himmel betrübte sich vom Rauch der Schornsteine mehr und mehr. Endlich war Sonneberg erreicht, die weltbekannte Stadt Sonneberg in den Tälern und Bergen des Thüringer Waldes. Sonneberg ist jenen Stadt, die alle Kinder durch Puppen und Spielzeug lächeln macht und das Lachen ihrer Heimarbeiter erdrückt und totschlägt. Sonneberg liegt im Meininger Oberland hart der bayerischen Grenze. Viele Jahrhunderte hindurch lag die alte Stadt in einem schmalen Tal versteckt. Da kamen die Eisenbahn und die Industrie und rissen Sonneberg aus dem Tal nach einer Hochfläche an die Schienenstränge und an die Exporthäuser. Englisches und amerikanisches Kapital arbeiten hier. Die Woolworths bauen dicht an der Eisenbahn einen großen Wolkenkratzer als Stapellager für die Puppen, Masken und Spielzeuge. Zu beiden Seiten der Straße, die nach der Stadt führt, stehen zwei große Exporthäuser. Sie nehmen alle Waren aus den großen und kleinen Fabriken in ihre grausame Schenkelumarmung. Das Exporthaus der Amerikaner gegenüber gehört einem Deutschen.

Die Spielwarenindustrie basiert auf breitem Boden: auf der Heimindustrie , und ist in jahrhundertelangem Konkurrenzkampf mit dem Erzgebirge und mit Nürnberg siegreich gewesen. Das heißt, sie hat sich hier oben im Thüringer Wald das ärmste Proletariat geschaffen und ihm die Lüge vom selbständigen Unternehmer gegeben und gelassen. In den kleinen Dörfern rings um die Stadt sitzen die Heimarbeiterfamilien. Auf den Feldern gedeihen nur Steine und arme Kartoffeln. In den Dörfern wächst die Not. Dort blüht die Armut. In vielen Dörfern wohnen die Drücker, das sind die Leute, die aus Papiermaché die verschiedensten Formen pressen, Hände, Füße und Körperteile von Menschen oder Tieren, die ganze Menagerie menschlicher und tierischer Gestaltung aus dem Leben wird dort gemacht. In Heinersdorf muss eine ganze Familie sechzig und siebzig Stunden arbeiten, um ein einer Woche zwanzig Mark zu verdienen! Es gibt einen besonderen Tarif, in dem die Bezahlung für große und kleine Figuren festgelegt ist. (Die Arbeit ist natürlich Akkordarbeit.) Für ein Dutzend gedrückter Puppenarme gibt es soviel Pfennige und für ein Dutzend gedrückter Schweinchen soviel. Dieser Tarif ist ein Verdienst der Gewerkschaft.

Heute liegen in Sonneberg viele Fabriken still oder arbeiten verkürzt. Der Hauptabnehmer Amerika ist aus der Reihe getanzt und macht seine Puppen selbst. Die Amerikaner haben eine bessere, billigere und wahrscheinlich auch technisch vollkommenere Fabrikationsweise für Puppenkörper entdeckt und lassen sich nur noch die Porzellanköpfe aus Sonneberg schicken. In den staubigen Porzellanfabriken ist viel Betrieb. Geschichtet liegen viel hunderttausend angemalte Puppenköpfe mit strahlenden Augen in den Lagern. Aber auch Isolatoren, chemische Tiegel und Flaschen, gutes Geschirr und die Hausgreuel der verdammten Nippessachen werden hier gemacht. In den Bergwalddörfern sitzen die Glasbläser an den Flammen. In Lauscha werden die traumhaft schönen Hirsche, Rehe, Menschen und Blumen geblasen. Die Arbeit an den Puppen ist Teilarbeit. Es gibt Puppenaugeneinsetzer, Haareinsetzer, Perückenmacher. Andre Leute sind nur damit beschäftigt, Wimpern für die großen Puppenaugen zu machen. Andre Leute leben davon, jeden Tag zehn oder zwölf Stunden kleine weiße Porzellanzähne zu drücken. Andre Heimarbeiterfamilien machen nur Hände, viele Millionen dumme, leblose Puppenhände ihr ganzes Leben lang. In andern Dörfern wird Spielzeug hergestellt. An jenen Dörfern wird jede neue Mode und Konjunktur zuerst ausprobiert. Jede Schwankung auf dem Weltmarkt steigt und fällt wie eine Fieberkurve im Verdienst der Heimarbeiter. In jenen Tagen, als Sommerschuh in Sonneberg war, gab es siebenhundert organisierte Kurzarbeiter, die nur acht bis vierundzwanzig Stunden wöchentlich arbeiten. Von den vierzehntausend Versicherten in der Krankenkasse waren rund viertausend arbeitsunfähig krank. Im letzten Jahr wurden für diese Kassenmitglieder und für ihre Familienangehörigen über vierundzwanzigtausend Krankenscheine ausgestellt. Im Frühling 1926 waren von den vierzehntausend Versicherten rund sechstausend Menschen, die arbeitslos waren oder sehr verkürzt arbeiteten. Dieser Querschnitt zeigt grausamer als jede andere Statistik die Not in den Bergen. Von den Versicherten erkrankten arbeitsunfähig an Tuberkulose vierhundertdreißig Mitglieder. Ja, es gibt sehr viel schwindsüchtige Arbeiter mitten im Thüringer Wald. Magenkranke und Darmkranke gab es über siebenhundert. In den Betrieben verunglückten über sechshundert. Herzkrank waren über einhundertfünfzig. Schwindsucht in den Ozonwolken der unendlichen Wälder? Nein, nicht in den Wäldern, in der Spielwarenindustrie, in den dunklen Schreibstuben und in dem Staub der Porzellanfabriken holten sie sich die Schwindsucht. Lungenkranke in der Heimindustrie, in der Metallindustrie und im Baugewerbe.

Die Entstehung der Ware ist im Sonneberger Bezirk mit viel Not und Krankheit verknüpft. Wie schön sind die bunten Tiere und lustigen Puppen, die in dem Lager auf den Käufer warten. Wie lächerlich grinsen die Masken knallenden Festen entgegen! Lieblich und schwärmerisch liegt Sonneberg zwischen den Waldbergen. Der Rennsteig, über den die große Handelsstraße des Mittelalters führte, ist nicht weit. Die großen Lagerhäuser Woolworth und Hoffmann an der Eisenbahn wissen mit ihrem Spielzeug und seiner Schönheit nichts anzufangen als den Umtausch in Geld. Sie lächeln, wenn sie ihre Puppen und Tierfiguren gut verkaufen. Die Leute, die jene Puppen und Tiere herstellen, lachen wenig. Ganz brutal sagen die fünfundneunzig Prozent aller Wähler, die für die Fürstenenteignung stimmten, wie groß die Not und wie tief der Jammer im südlichen Thüringer Wald ist.

Sommerschuh studierte nicht mit gelehrter Mine diese Stadt. Er sah die Puppenaugeneinsetzer bei der Arbeit, die kleinen Mädchen in den staubigen Porzellanfabriken, die Glasbläser in den Schiefer gedeckten langen Dörfern. Er sah die Unrast der Drücker und die Hetze der Puppenkleiderschneiderinnen, die ihre Arbeit der Tagesmode anpassen mussten. Einmal schwebte er auch über diesen Dingen, als er das große Museum besuchte, in dem die Arbeit von zweihundert Jahren am Spielzeug dargestellt und vergeistigt wird. In diesem Museum wandert zweihundertjährige Arbeit vorüber. Der flüchtige Besucher sah die ersten primitiv bemalten Holzpuppen, die wie die Fetische schwarzer Neger aussahen. Die Wandlung der Mode am nackten Leib der Puppe wurde vordemonstriert. Er sah Puppen mit Schnürleibern und eleganten Taillen, und Puppen, die laufen konnten und »Mama« schrien, Puppen mit großen strahlenden Kinoaugen waren zu sehen, und andre Puppen wieder im verstaubten Plunder längst erloschener Moden. Tiere gab es, wie aus einem afrikanischen Dorf oder einem Zwergenzoo: Löwen und Bären, Elefanten und Hunde. Schafe mit steilen Schwänzen standen da, aber die Schwänze waren keine Schwänze, sondern Flöten. Er sah auch die lebensgroße Gruppe eines Thüringer Jahrmarkts mit Schießbuden, Karussells und dem bunten Humbug des Tages. Aus Lauscha waren Glasbläsereien ausgestellt: edelspringende Hirsche, spinnwebfeine Menschlein und Liebespaare in herzlicher Glut, leuchtende Tulpen und grüne Bäume. Auch Porzellan. Schöne Gefäße, Teller, Kannen und Tassen und die runden weißen Isolatoren der elektrischen Leitungen, die wie weiße Früchte schimmerten. Jenseits des guten Geschmacks standen die bunten Nippes, das sonderbare Heiligtum der Spießer und alten Tanten.

Sommerschuh dachte nicht mehr an die Lungenkranken und an die Schwindsüchtigen, aus deren feinen bleichen Händen all diese Dinge entsprangen. Obwohl er sich nicht abgefunden hatte mit dem schrecklichen Gedanken, dass die Menschen von den Leichen ihrer Brüder und Schwestern leben und grausamer sind als die Kannibalen, rührte sein Herz doch die einfältige Schönheit der ersten Holzpuppen, das grelle Farbenspiel der vielen Masken und der komische Tanz der Reklamefiguren. Sein Herz rührte an dem selben Tag und die Eisenbahnfahrt durch den Thüringer Wald über Lauscha und den Rennsteig hinunter nach Probstzella.

Am Bahnhof von Sonneberg schreit den Fremden ein großes Plakat ins Gesicht: »Kennen Sie Deutschland?« Ja, denkt der Fremde, ich kenne es ein wenig und weiß, dass die Kinder der armen Leute im Wachstum zurückbleiben, ich weiß, dass viele Landarbeiter hundertmal schlechter leben als das Vieh ihrer Gutsherren, ich weiß, dass es in Preußen allein über eine Million Polizeivorschriften gibt, und dass für ein Herbstmanöver der Reichswehr vom Staat mehr Geld ausgegeben wird als zur Bekämpfung der Schwindsucht in Deutschland. Das Plakat in Sonneberg, das die Kenntnis Deutschlands vermitteln will, stammt vom Zentralausschuss für Auslandshilfen in Berlin und bittet um milde Gaben. Also ob die Bettelsuppen der Philanthropie den Hunger der armen Leute stillen könnte! Als ob sich ein Mensch durch eine milde Gabe von der Schuld des Reichtums befreien könnte! Aber nicht lange war Sommerschuh verbittert. Die Fahrt durch den Wald begann.

Schmal öffnete sich das Tal der Steinach, in dem sich einige Dörfer angesiedelt haben. Das sind proletarische Dörfer mit Glashütten, Porzellanfabriken und Glasbläsereien. Aber die Industrie gibt nicht genug Brot. Kleine Felder springen die Berge an und klammern sich verbissen an die nackten Steine. Eine Glasblumenfabrik steht mitten auf einer grünen Wiese, die von gelben Butterblumen leuchtet. Die Fabrik macht rote, blaue, schwarze und weiße Blumen und Blüten und hängt zu Weihnachten bunten Christbaumschmuck in den Großstädten an die Tannen und Fichten. Der Wald ist geschlagen und zu einer Sägemühle heruntergerutscht. Die gelben Stapel der Skibretter trocknen in der Sonne. Dann kommt noch eine Glashütte, in der dünne Glasröhren und -stäbe gezogen werden. Das Tal schließt wie eine Falle. In dieser Falle liegt das Fabrikdorf der gebundenen Leute. Hinter dem Dorf stehen zwei Wagen. Es sind Zigeunerwagen. Der Berghang wird Feld. Nach diesen winzigen Feldern muss die Erde mit Körben hinaufgetragen werden. Jeder heftige Regenguss legt die Steine frei. Aber das sind ja keine Felder, das sind Gärten wie schmale Weinberge. Die Weintrauben der armen Leute im Thüringer Wald heißen Kartoffeln. Auf diesen Feldern wächst nichts andres.

Das Glasbläserdorf Lauscha liegt in einem tiefen Tal. Jeden Tag sitzen die Bläser vor den Glasflammen und machen die wunderlichen Tiere und Menschen, die kühl und unberührt sind, weil sie kein Herz haben. Auch die Glasbläser haben den Kampf mit dem steinigen Berghang aufgenommen und winzige Gartenfelder angelegt. Höher und höher klettert der Zug durch schwarze Wälder mit grünen Laubbäumen. Noch einmal legt sich das Dorf Lauscha dem Reisenden vor die Füße und glänzt und schimmert blau und schwarz im Schiefer wie die fernen, schönen Sausewälder. Der Rennsteig ist heute ein verwahrloster Höhenweg. Verloren und verlassen liegt er da, wie die Heimarbeiter, die Puppenmacher und die Glasbläser in den tiefen Tälern. Der Rennsteig liegt kühl im Licht und wird von fernen Wäldern umschlungen. Dunkle Täler singen zu ihm auf wie feierliche Lieder. An den hohen Fichten strahlen die hängenden Kerzen unzähliger Zapfen. Lauscha ist im Tal geblieben und schickt steinige Felder empor. Aus der aufgebrochenen gelben Erde starrt verwitterter Fels. Wie im Mittelalter haben sich Männer und Frauen an die Pflüge und Eggen gespannt und ziehen gebeugt über den heiligen Boden dahin, der für sie verflucht und heilig ist, weil er mit so viel Schweiß und Mühe gedüngt werden muss. Vom Rennsteig aus fällt der Zug nach den schwarzblauen Talwäldern. Die ruhigen Höhenzüge schleifen ihre Kurven dem Himmel ein und stehen verklärt im Licht. Tiefer und tiefer rollt der Zug und stürzt in fruchtbare Landschaft. Weite Wiesen leuchten auf. Die Felder sind breit und satt, und nicht so verhungert wie oben auf der Passhöhe. Nach einer Stunde Bahnfahrt sind die Berge nur noch schön und romantisch. Das Tal der Saale hat sich geöffnet wie der Arm einer geliebten Frau, die Glück und Unglück zu verschenken hat. Bis Jena ist es nicht mehr weit.

Die Fahne des Landes Thüringen ist rotes Tuch mit weißen Sternen. Ein Stern ist erloschen. Das Land Sachsen-Coburg hat sich mit Bayern vereinigt. Sieben Sterne leuchten noch. Das sind die sieben Länder und Ländchen, die sich zum Thüringer Einheitsstaat zusammengeschlossen haben und nicht nur geographisch im Herzen Deutschlands liegen. Thüringen ist das Land der Berge und Burgen, das Land alter Kultur, angestrengter Arbeit und großer Not. Vor hundert Jahren blühte in Weimar und Jena die herrlichste Blüte der bürgerlichen Kultur. Sie ließ im Wind der Welt ihren Samen über die Erde treiben. Goethe, Schiller, Herder, Wieland und aus dem Mittelalter ihr herrlicher Bruder Thomas Münzer und sein Gegenspieler Martin Luther: Tod und Leben wuchs in dieser Gesellschaft. Auf der Sonnenhöhe der Dichtkunst stand der weltbegeisterte Schwabe Friedrich Schiller und der harmonische Weise Wolfgang Goethe aus Frankfurt. Die Wartburg ragt mit dem verblühten Purpur einstiger Größe auf. Aber nicht weit von der Wartburg blauen die kahlen Kuppen der Rhön mit den Dörfern der Kaliproleten, die arbeitslos sind, weil fast alle Schächte stillliegen. Eine Lokalzeitung vermerkt lakonisch: »Da die stillgelegten Werke jährlich etwa vierzehn Millionen Doppelzentner Reinkali förderten, ist mit einer starken Zunahme der Arbeitslosigkeit zu rechnen.« Nicht weit von der Wartburg liegt Zella-Mehlis mit den unzähligen Kleinbetrieben der Metallindustrie, die mit ihren kümmerlichen Besitzern langsam sterben. Auch in Suhl und in Ruhla stehen die Betriebe still. Die Textilbuden in Gera arbeiten verkürzt. Die Schornsteine der optischen Industrie in Jena aber rauchen ununterbrochen.

Über die Zwillingswerke von Carl Zeiß und Schott und Genossen zu schreiben, heißt die Geschichte Ernst Abbes zu schildern, des genialen Studenten und Erfinders, der durch seine Ideen als erster in Deutschland die Bresche geschlagen hat in die brutale Ausbeutungsmethode der Kapitalisten. In wenigen Worten gesagt: Der Student der Mathematik und Physik Ernst Abbe aus Eisenach (in seinen Adern floss proletarisches Blut) befreundet sich in Jena mit dem Universitätsmechaniker Carl Zeiß. Die zwei Männer bauen in Deutschland gemeinsam das erste brauchbare Mikroskop. Ernst Abbe kommt aus den Sphären der reinen Theorie in die Arena der Arbeit, baut seiner Physik und Mathematik ein blitzendes, wundervolles Gehäuse und begründet für Jena den Ruhm der optischen Industrie. Abbe erforscht das Glas und seine Geheimnisse, stellt neue Erfindungen in den Dienst der Photographie, erweitert mit seinen Mitarbeitern das Werk von Carl Zeiß, verbündet sich mit der Glashütte von Schott und ist in zwanzig Jahren aus einem armen Schlucker Kapitalist und industrieller Unternehmer geworden. Aber Abbe war kein Kapitalist in dem Neosinn unsrer Zeit. Seine Wurzeln liegen zu tief im Boden notvoller Kindheit, als dass er an den Gebrechen der Gegenwart unerschüttert vorübergehen konnte. Abbe gibt das verdiente Geld mit beiden Händen wieder aus, an die Universität, an die Fabriken, an das Zeißwerk, an das Glaswerk, die zu einer großartigen Stiftung zusammengeschlossen werden und schon vor dem Kriege ihren Arbeitern Achtstundentag, Ferien, Gewinnbeteiligung und Pensionsansprüche gab. Auch das schöne «Volkshaus« in Jena hat Abbe bauen lassen. Die dreizehn Schornsteine von Schott und Genossen ragen steil von dem Hügel, der sich über dem Tal der Saale aufbaut. Zu den gläsernen Füßen der Fabrikhallen liegen die Parkanlagen des Paradieses, daran schließen sich breite Wiesen, die vom klaren Wasser der Saale durchströmt werden. Von dieser Landschaft sieht man im Glaswerk nichts. Die Glasbläser heben die langen Pfeifen empor. Die feurigen Öfen glühen und spritzen. Aber ehe das Glas geblasen oder zusammengeschweißt wird, ehe sich das Wunder der Optik in ihm spiegelt und bricht, ist dasselbe Glas ein grauweißes Mehl, ein Gemisch von Kalk, Sand, Soda, Quarz, Borsäure, Tonerde, Arsen und Mennige. In groben Mühlen werden die Erden gemahlen. Der Staub, der um die Mühlen tanzt, ist tödlicher Staub. Er frisst sich in die Lungen. In dieser Abteilung des Glaswerkes gibt es die meisten Schwindsüchtigen.

Das optische Glas wird in Blöcken von fünfundzwanzig und dreißig Zentnern in großen Tonbottichen geschmolzen. Diese Bottiche müssen über ein ganzes Jahr trocknen, ehe sie verwendet werden können. Jeder Bottich ist nach einmaliger Schmelze nicht mehr zu gebrauchen und wird zerschlagen. Der große, mit Gas geheizte Ofen für optisches Glas springt in die höllische Hitzehöhe von vierzehnhundert Grad. In zwölf Stunden ist das weiße Mehl aus den Mühlen ein funkelnder Block grünblaues Glas. Wenn er aus der feurigen Umarmung der vierzehnhundert Grad zurückfällt, braucht es drei Wochen, um sich abzukühlen. Wenn der Block verkühlt ist, wird er zerschlagen. Die grünen, blauschimmernden Stücke werden sortiert, geprüft und geschliffen und gehen dann in das Bruderwerk von Carl Zeiß. Sommerschuh sah die Schmelzhütte einen Ofen, in dem das Glas schon über einen Monat gekühlt wurde und noch vierhundert Grad heiß war. Er sah auch die Pressung rotglühender Glasscheiben zu optischen Linsen.

Jeder Guss wird angeschliffen, um ihn auf seine Klarheit hin zu prüfen. Sommerschuh sah auch die großen Rundscheiben, auf denen neue Gläser abgeschrubbt werden. In derselben Halle lagen Glasräder wie riesenhafte holländische Käse. Er sah glitzernde Scheiben weißen Quarzes, große Schleifmaschinen und die Arbeiter an den Sägen, die mit winzigen Diamanten durchsetzt sind. Dann kam er in die langgestreckten Hallen, in denen große Öfen glühten. An jedem Ofen hantierten fünf Arbeiter. Mit eisernen Pfeifen rissen sie weiße Glasmasse aus den Flammen, hämmerten die Kernstücke, die Post und Nabel genannt werden, hoben dann die Pfeifen wie Posaunen empor, liefen mit den glühenden Glasblöcken den dunklen Hallenweg entlang und zogen und bliesen unendlich lange Röhren. Der auf dem ersten Glasblock geschmiedete große Fabrikstreifen dehnte und steckte sich mit der glühenden Masse ins Unendliche.

Die Arbeit dieser Glasbläser ist Kunsthandwerk zwischen den Flammen der Öfen und der Kühle der Laufbahn. Die Weite und Länge der Röhren wird durch Laufen erzeugt, ihre Stärke durch das Blasen. Phantastisch ist der Anblick der zwei Männer, die in der Laufbahn arbeiten. Rückwärts schreitend blasen sie mit dem eisernen Pfeifen durch die lautlose Musik ihrer Lungen das weißglühende formlose Glas zu den wundervollsten gleichmäßigsten Röhren. An den hitzigen Öfen und an den Ambossen, auf denen das Glas gehämmert wird, rattern kleine Windmaschinen. Die Arbeit der Glasarbeiter ist Akkordarbeit.

Nicht weit von dieser Halle steht eine neue amerikanische Glasziehmaschine, die täglich zwölfhundert Kilo Glasröhren speit, die selbständig in meterlange Röhren geschnitten werden. In drei Tagen wirft diese Maschine rund hunderttausend Glasröhren auf den Markt. Diese Röhren werden kleine Ampullen für Tabletten oder Pillen, gehen hinauf in den Thüringer Wald zu den Heimarbeitern, werden fertig gemacht und dann nach den chemischen Fabriken geliefert. Die Arbeit der fünf Männer an den feurigen Öfen und auch an der Glasziehmaschine ist immer noch nicht die richtige Glasbläserei. Das schöne und schreckliche Schauspiel der richtigen Glasbläser erlebte der Besucher am Schluss seiner Fabrikbesichtigung.

Um einen großen runden Ofen standen auf erhobenem Podest viele Männer. Sie waren glühend und erhitzt wie das Feuer und bliesen mit langen Pfeifen, die von jungen Kameraden zubereitet wurden, große rote Sonnen, weiße und gelbe Monde und flammende Ballons und Würste in die Luft. Sie schwenkten sie hin und her, und Sommerschuh sah den Niederfall der Monde, Sonnen und Ballons, ihren Sturz in die quetschenden Formen, die von Fett trieften und rauchten. Er sah die eisernen Formen, ihren schnappenden Verschluss. Und dann stiegen aus ihnen schöne klare Röhren, Gläser und Kugeln auf, die noch mit dem blinden Schimmer verflammter Feuer bedeckt waren. Junge Arbeiter, vierzehn- und fünfzehnjährige Kinder noch, kamen dann mit zweizinkigen und dreizinkigen Gabeln, wie sie auf alten Bildern die Teufel haben, nahmen die Kugeln, Röhren und Gläser und schleppten sie in die Kühlöfen. Das waren sonderbare Kühlöfen. An ihrem Eingang loderten weiße Gasflammen.

Auch an den runden, feurigen Glasöfen sausten Windmaschinen, aber sie erregten nur das heftige Gefühl nach großen kühlen Stürmen, das Verlangen nach Schnee und Winter und die Sehnsucht nach dem Sausen ferner Wälder. Als Sommerschuh bei den Öfen stand und das Glas aus dem Feuer wachsen und blühen sah, da dachte er nicht an die sozialistischen Einrichtungen von Schott und Genossen. Er dachte nicht an die Ferien, nicht an die Pensionen und auch nicht an die Gewinnbeteiligung der Stiftungswerke. Er zerfloss auch nicht in Tränen über das schwere Los der Proletarier. Nein, er war stolz auf seine Klasse, er war stolz auf die Glasbläser im Sausen der Flammen, auf die Bergleute im krachenden Dunkel der Grube und auf die Kesselschmiede im Gewitter der Presslufthämmer. Das waren die Proletarier: sie standen an den Feuern der Glasöfen oder Schiffe, sie arbeiteten nackt im Bergwerk oder kauerten auf den Schleifmaschinen, sie standen an den Automaten und Wirkstühlen, Männer und Frauen, Jünglinge und Mädchen, Millionen Hände, Millionen Herzen und Millionen glühender Gehirne. Sie selbst waren noch wundervoller als ihre Maschinen und noch wundervoller als alle Dinge, die sie erzeugten: denn nur durch sie und ihr Dasein konnten sich die Maschinen bewegen und aus dem Chaos des Dunkels wohlgeformte Gegenstände hervorzaubern.

Noch lange lief der Journalist durch das Glaswerk und zog auch politische Schlüsse. Dabei kann man nicht hinter das Geheimnis der optischen Gläser kommen, auch dann nicht, wenn Schott und Genossen und später auch Carl Zeiß dem Besucher verschiedene Abteilungen freundlich, aber auch bestimmt verschlossen. Aber Sommerschuh wollte ja kein Glasbläser werden und gegen das berühmte Jenaer Glas keine eigene Fabrik setzen. In dem großen Kampf um den deutschen und ausländischen Markt haben Zeiß und Schott gesiegt. Die großen Fabriken von Görz, von Ernemann und auch die Jca werden durch Jena kontrolliert. Bei Schott sah Sommerschuh auch noch flüchtig die ausgekühlten Röhren, Kugeln und Gläser und ließ sich sagen, dass sie in andern Abteilungen zusammengeschweißt werden, dass es auch eine chemische und elektrische Abteilung gibt, die er nicht sehen dürfte, aber dafür könne er zum Schluss die Fabrikausstellung der verschiedensten Instrumente, Apparate, Gläser, Geschirre und Linsen betrachten.

Auch bei Zeiß sah der Journalist nur einen Ausschnitt der Produktion. Er wusste längst, dass fast jede Ware mit einer Spezialwissenschaft verbunden ist und ihre Erzeugung Kenntnis von Technik, Naturwissenschaft , Geologie, Chemie, Mathematik, Nationalökonomie und so weiter voraussetzt. Er konnte bei all seinen Besichtigungen nur die Schattenrisse und Impressionen aufnehmen, die sich ihm entgegenstürzten und aufdrängten. Seine Schilderungen wollen ja auch nicht als wissenschaftliche Arbeiten bewertet werden. Sie wollen weiter nichts sein, als Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise durch einen Teil Deutschlands. Manchmal wollen sie auch als Bekenntnis aufgefasst werden zu dem Lande, in den wir leben, leiden und arbeiten.

Der junge Herr, der Sommerschuh durch das Zeißwerk führte, war einmal Flugzeugführer gewesen. Auch seine Führung durch die große Fabrik zeigte ein Bild sachlicher Schärfe. Er selbst war kein Proletarier, aber durch die Arbeit fühlte er sich mit den Kameraden in der Schleiferei verbunden. Als dritter Mann ging der Betriebsratsvorsitzende mit, ein Dreher von der Werkbank. Auch bei Zeiß begann die Wanderung wieder in der Tiefe der Produktion, in dem großen Lager der Quarzkristalle, die wie sechseckige Pyramiden aussehen.

Aus diesen Kristallen werden die kostbarsten optischen Linsen gemacht. Diese Linsen werden nur auf Bestellung hin gearbeitet. Ganz kurz wurde auch das Lager der Glassorten gestreift, und Sommerschuh bekam zu hören, dass bis zu achtundzwanzigtausend verschiedene Glasarten von Schott und Genossen hergestellt waren. Fast jeder Guss und jede Schmelze ergibt ein andres Glas, das sich natürlich manchmal nur um die Bruchteile eines Millimeters voneinander unterscheidet. Von jenen Gläsern im Lager bis zur Schleiferei war es nicht mehr weit. Über rotierende Schleifmaschinen standen viele Arbeiter. Sie schliffen Gläser. An einer mächtigen Linse für eine Sternwarte wurde zwei volle Jahre geschliffen!

Die Polierer standen an ihren Karren und gaben den runden Linsen den letzten Glanz. Diese Linsen saßen auf schwarzen Halbkugeln, die wie Ananasfrüchte aussahen. Hier bei Zeiß sah nun Sommerschuh das Sinnlose ein, dem Material nachzulaufen und seine Wandlung zu verfolgen. Es war sinnlos, weil das Material manchmal wie ein Wüstenfuchs untertauchte und nicht mehr zu erkennen war. Es war ferner sinnlos, weil sich die Geheimnisse der Konstruktion in einer flüchtigen Stunde nicht im Geringsten entschleiern lassen,

Der Journalist ließ sich durch viele Werksäle spülen. In der Dreherei sah er fünfzig wundervoll arbeitende Automaten, die wie denkend die Schrauben, Schäfte und Rillen schnitten. Er sah auch den zehnstöckigen, vierzig Meter hohen Fabrikblock, der im Krieg erbaut wurde. Plötzlich stand er auf der Sternwarte und sah das Riesengeschütz, mit dem die Neuzeit in den Weltraum schießt, um seine Geheimnisse zu erforschen. Das Sterngeschütz hob das große gelenkige Rohr, ruhte in den Gelenken blanker Umhüllung und war der kleinsten Raumdrehung fügsam. Es hob und senkte sich spielerisch und war richtbar auf den Polarstern in der Scheitelhöhe des Raumes und auf den Morgenstern am Saume des Himmels. Von den Sternen führte der Weg wieder zur Erde, zur astronomischen Abteilung, in der die großen Fernrohre gebaut werden. Sommerschuh sah die Montage eines Sternfernrohres, das für Südafrika bestellt war. Der Rohbau dieses Sternengeschützes ragte wie ein Dampfkessel auf und stand wie ein Kran da. In seinen Gedanken rotierten kleine elektrische Motoren. Er kam dann in den Raum, in dem die Planetarien gebaut werden, die den Weltraum auf die Erde stürzen und den Menschen die Unendlichkeit der Sternenwelt verständlich machen. Sommerschuh sah viele neue Fernrohre und bekam zu hören, dass dieses nach Japan und jenes nach Südamerika ginge, er blinzelte durch verschiedene Groschenautomatenfernrohre, die alle auf den Bismarckturm von Jena eingestellt waren.

Er sah auch die komplizierten Lichtberechnungen und schwelgte in der Harmonie der sie darstellenden Zeichnung. In Jena ist ein Apparat fertiggestellt worden, der den Schiffen auf hoher See im Nebel Eisberge und fremde Schiffe anzeigt. Die Kesselfeuer strömen Wärme aus. Von den Eisbergen stößt Kälte. Wärme und Kälte treffen nun auf einen empfindsamen Spiegel des neuen Apparates und jagen die stehende Normallinie gleichsam durch die Kurven eines wilden Fiebers. Der Schiffsoffizier kann aus diesem Pendelschwung im Nebel die Entfernung des Schiffes oder des Eisberges abmessen. Das gelinde Feuer einer Zigarette, in zehn Meter Entfernung an jenen Apparat vorbeigetragen, zeigte dem Journalisten die Unruhe jener Sicherheitenlinie und machte die Erklärungen des Führers und seine abstrakten Berechnungen sichtbar und lebendig. In dem großen Ausstellungsraum sah Karl Sommerschuh die Arbeit der Hirne und Hände vergeistigt. Er sah viele Mikroskope, Prüfapparate, Augengläser, Feldstecher, Hilfsinstrumente der Optik, der Lichtmessung und der Erd- und Sonnenberechnung. Er sah wundervolle Apparate, die noch auf das Tausendstel eines Millimeters reagieren. Er sah sehr viel, und wenn er auch nicht alles begriff, er ward dennoch von den kühlen und sonderbaren Instrumenten ergriffen. Als er unter dem Mikroskop eine Lösung feinen Silbers sah, glaubte er, in den Sternenhimmel zu sehen, so bewegt und so schön war es wie der Tanz blühender und feuriger Sonnen. Er sah auch die viertausendfache Vergrößerung einer Mücke und ihren spitzen Stachel wie das Horn eines Urwaldraubviehs aufragen. Wohl waren es nur Bruchstücke, Ausschnitte, Splitter und Spritzer von den Wundern der Optik, aber für sein Auge verband sich das Zufällige und vielleicht auch Nebensächliche zu einem wohlgeordneten Ganzen.

Es ist schon gesagt worden, dass Ernst Abbe lange Zeit vor dem Krieg durch seine sozialen Einrichtungen einen großen Schritt nach vorn getan hat. Die Löhne in seinen Stiftungswerken liegen auch jetzt noch etwas höher als die Tariflöhne in der Thüringer Metall- und Glasindustrie. Fast alle Arbeiter bei Zeiß und Schott sind gewerkschaftlich organisiert. Aus der behäbigen Kleinbürgerruhe hat sie der Krieg herausgerissen und politisiert. Lange Jahre beherrschten die Kommunisten allein den Betriebsrat. Heute teilen sie sich mit dem sozialistischen Kameraden in die Macht. In die Macht? In die winzige Macht, die ein Betriebsrat heute in Deutschland hat.

Auch das ist schon gesagt worden, dass Zeiß und Schott in den Malstrom wirtschaftlicher Entwicklung treiben und die Konkurrenzunternehmen zum großen Teil aufgekauft oder verwässert haben. Das Statut des alten Abbe wird in allen Ehren gehalten, aber es ist mehr der Buchstabe als der Geist, der verehrt wird. Pensionsberechtigt sind in den Betrieben der Abbeschen Stiftung alle Personen, die fünf Jahre Arbeitszeit hinter sich haben und vor ihrem Dienstantritt unter vierzig Jahre alt waren. Der Arbeiter Gilbert begann mitten im Krieg bei Zeiß zu arbeiten und war neunundvierzig Jahre alt. Mit der Unterbrechung von einem Jahr blieb er zehn Jahre dort. In diesen zehn Jahren hat der alte Mann wahrscheinlich nicht den Mehrwert herausgeschuftet, der in der Pension einkalkuliert ist. Mit fünfzig und sechzig Jahren arbeiten man nicht mehr so geschickt und produktiv wie mit zwanzig und dreißig Jahren. Am ersten Mai dieses Jahres bekam der alte Gilbert einen Brief und konnte lesen:

»Da Sie nach ärztlichem Zeugnis leider nicht mehr arbeitsfähig sind, so müssen wir Ihr Dienstverhältnis für beendigt erklären. Wir wollen Ihnen aus diesem Anlass noch eine einmalige monatliche Unterstützung von zweihundert Mark zuteil werden lassen, die Sie oder Ihre Frau in unserm Lohnbureau abholen können. Sie können natürlich Mitglied unserer Betriebskrankenkasse bleiben.

Mit freundlichem Gruß.«

Die zweihundert Mark für den alten Arbeiter hat der Betriebsrat herausgeholt. Natürlich, die andern Unternehmen schmeißen alte Leute ohne freundliche Grüße und ohne zweihundert Mark auf die Straße, aber zu dem vielen Licht, das um den Namen Abbe und sein Werk strahlt, gehört auch der Schatten des sechzigjährigen Gilbert. Sollen noch Zahlen genannt und Lobgesänge angestimmt werden auf die sozialen Betriebe von Carl Zeiß, von Schott und Genossen? Nein, daneben müssten auch die Bilanzen der Hauptfirmen Zeiß und Schott gestellt werden und der Unterstützungsbeitrag zu der reaktionären Jenaer Universität, deren bornierte Professoren die deutsche Republik beschimpfen und vor einstigen Fürsten auf dem Bauch kriechen und Monarchisten bleiben ein Leben lang.

Aus Jena gehen nicht nur optische Gläser. Aus Jena gehen auch die wohlgeschnittenen Bücher, die der Verlag Eugen Diederichs in die Welt schickt. Am Schluss dieser Reise sollen noch zwei Briefe stehen, die aus Amerika nach Jena kamen und sich sonderbar brechen in dem Spiegel menschlicher Narrheit und Weisheit.

»Wertester Zeiß. Optische Instrument Fabrik Jena. Bitte mir bekannt zu geben, ob Si das selbe Instrument an Hand Haben. Dieses Instrument zeigt das Gold in den Bergen wen es dort ist, es ist dieselbe Form als ein Hiner Ei, und gefillt mit Chemikel.

Mit vorzüglicher Hochachtung erwarte ich die Antwort«, schrieb ein Mann aus Mexiko.

Von Mexiko aus nach Roche Harbor, Washington in den Vereinigten Staaten sind es viele tausend Kilometer. Der geistige Abstand zwischen dem mexikanischen Brief und dem Brief aus Roche Harbor, der jetzt folgt, ist noch viel größer. Roche Harbor schreibt:

»Werther Herr Zeiß.

Ich bin Schafhirt. und Mutter stehen allein, und fühl mich manches mal sehr langweilig. So möchte ich Sie fragen, ob Sie so gut sein wollen, um mir ein Cataloge von Feld gläsern oder Ferner Rohr schicken wollt. Und wie es mit den Zoll zu bezahlen ist. Hoffe bald in Ihnen zu hören.

Freundlichst.«

So spannt sich von Jena aus über die Welt der Ruhm der deutschen Arbeit. Mexikanische Golfgräber und nordamerikanische Schafhirten wissen von ihr.

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