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Deutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise

Max Barthel: Deutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise - Kapitel 6
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typefiction
authorMax Barthel
titleDeutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise
publisherBüchergilde Gutenberg
year1926
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
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Sachsen

Der Frühling hatte auch die Stadt Berlin überfallen. Sie wurde lieblich und verwirrt wie ein schönes Mädchen. Die kleinen Plätze inmitten der Straßen begrünten sich und blühten. Im Tiergarten sangen die Vögel. Die vielen Seen und Wasserläufe leuchteten auf. Die Liebespaare gingen die dunkelsten Wege. Auf dem Boulevard Unter den Linden war Hochbetrieb, Das laufende Band der Autos, Wagen und Fußgänger riss nicht ab. In den noch kühlen Nächten spritzte und zischte der elektrische Schaum greller Reklame vor den Fassaden der Friedrichstraße. So blühte auch die Stadt Berlin: in den großen Kaufhäusern der Leipziger Straße mit dem billigen Schund für die armen Leute und dem purpurnen für die Reichen,

Sommerschuh war wieder in Berlin. Er lebte und wohnte in der schönen und verfluchten Stadt. Wein Wanderfreund kam drei Tage später. Zuerst wollte er noch an die Ostsee, aber da kam Sturm und Regen, endloser Regen nach schönen Wandertagen, und spülte ihn zu seiner Schwester Fiete zurück. Die ließ sich mit großen Augen alle Fahrten und Abenteuer berichten.

Sommerschuh war nicht in Berlin geboren. Aber wie die Geliebte ein andrer Mensch ist als die Mutter und meistens mehr geliebt wird als die Frau, die mit Schmerzen geboren hat, also liebte auch Sommerschuh diese Stadt mehr als die seiner Geburt. Auch Berlin ergab sich nicht auf den ersten Blick und Schwur. Auch Berlin musste umworben werden. Als sich die Stadt endlich ergab, ergab sie sich aus vollem Herzen. Sie nahm immer neue Gestalt an und zeigte sich in vielen Masken und Verkleidungen, in lieblichen Masken, in teuflischen Masken.

In diesen ersten Frühlingstagen zeigte sie auch ihr Gesicht. Der Schmutz und die Berechnung langer kalter Wochen sind abgeschmolzen. In keiner deutschen Stadt wird so viel gerechnet und gearbeitet als in Berlin. Aber auch keine deutschen Sonntage sind so unendlich tiefe Atemzüge wie hier. Von den vier Millionen Menschen sind an den Sonntagen zwei Millionen unterwegs. Die großen Nomadenzüge heimwärts in die Natur beginnen, die Karawanen durch den Sand nach den blauen Oasen der Seen und nach den schwarzen und grünen Wäldern.

Dreißig Kilometer von Berlin hinter Potsdam liegt die Stadt Werder auf einer Insel zwischen der Havel und dem Plessower See. Werder ist auf Sand gebaut. Über dem Sand stehen und wehen im Frühling die Blütenmeere unendlicher Obstgärten. Da leuchtet das Alabaster blühender Kirschen, die rosige Glut der Pfirsiche, der blutbetupfte Schnee der Apfelbäume. Der langgestreckte Höhenzug über der kleinen Stadt ist ein einziges Wunder. Das Blütenwunder von Werder ist kein Mysterium. Die Bäume und Sträucher blühen nicht nur, um schön zu sein. In ihren zarten Schatten und zwischen den rosigen Flammen werden gute Geschäfte gemacht. Das Fest der Kirschblüte ist zugleich ein Fest der großen Verdienste. Werder ist an den drei Blütensonntagen im Frühling eine Stadt der Trunkenheit und des Leichtsinns. Über eine halbe Million Berliner pilgerten in diesem Frühling auf die blühende Insel.

Drei große Gartenrestaurants haben sich in den Obstplantagen auf den lang hingestreckten Hügeln aufgebaut. Schon am frühen Morgen paukt Musik. Die steilen Wege hinauf zur Musik und zur Blüte strömen die Menschen. Da beginnt schon der Nepp mit den Eintrittsgeldern. Geld muss man zahlen, um die Blüte in den andern Plantagen zu sehen, Geld muss man zahlen für die kleine Stunde da oben bei Bier und Wein, um über die Menschheit zu staunen, die von den schönen Frühlingstagen über den Haufen geworfen wird. Potsdam liegt weit. Berlin ist irgendwo. Die Hügel blühen silbern, rosa, zeitlos und herrlich wie am ersten Tag. Auf den breiten Straßen mahlt sich durch den Sand der Menschenstrom. An den Jahrmarktsbuden vorüber strömt es, an den bunten Papierschirmen, an den Luftballons, Zigaretten- und Obstbuden vorbei. Aus den Gärten und Cafés schallt Musik. Junge Burschen taumeln im ersten Rausch vorüber. Aufsteigt aus dem blühenden Land die erste Wolke fröhlicher Trunkenheit. Die Restaurants sind übervoll. Die Obstweinverkäufer machen gute Geschäfte.

Auch Sommerschuh ließ sich mit seinen Freunden durch den blühenden Jahrmarkt treiben. Der Schlosser Eimeck war kein Tippelbruder mehr, der in den Pennen schlief, er war ein junger Mann und hatte ein scharfes Auge auf die vielen kleinen und willigen Mädchen. Seine Schwester war nicht mehr traurig wie am Tag der Abreise. Ihr Mann vergaß an dem einen Tag seine politischen Thesen und Theorien. In der blühenden Einsamkeit am Plessower See lagen die vier Menschen stundenlang, tranken Beerenwein, sahen das kühle und zitternde Wasser und die Blütenflammen des jenseitigen Ufers leuchten, sie freuten sich über das grüne Gras und die ersten Blumen und waren auch trunken. Aber nicht nur vom Wein, sie waren trunken vom Anblick des Frühlings und mischten ihren Wein mit dem Duft der Milliarden weißer und rosiger Blüten.

Was soll noch erzählt werden? Die Obstgartenbesitzer lachten. Die Eisenbahnzüge waren gerammelt voll. Und am Abend stieg die Trunkenheit in schwarze Wellen empor. In dieser steigenden Flut wurden die kleinen Mädchen immer williger und die jungen Männer immer hemmungsloser. Durch den Abend wanderten vollkommen unberührt und nüchtern kleine, gelbe Japaner aus der Berliner Kolonie. Kinder schrien vor Müdigkeit.

Sommerschuh fuhr mit seinen Freunden sehr früh nach Hause. Am anderen Tag sollte eine neue Reise durch Deutschland beginnen. Auf dieser Reise las er auch nach drei Wochen die Bilanz von Werder. »Die Baumblüte von Werder ist nun vorüber«, notierte er sich, »nur die Apfelbäume blühen noch. Die Blütenpolizei rüstet sich zur Abfahrt, und die Werderaner machen Bilanz. Sie sind in dieser Saison zufrieden wie nie zuvor. Die Berliner haben bewiesen, dass sie wahre Liebhaber der Natur und begeisterte Anhänger der Fruchtweine sind. Ihre Völkerscharen haben in Werder einen erklecklichen Batzen zurückgelassen.

Allerdings auch manches andere... Das beweist die Statistik der Unfallstationen, die bei acht Kopfverletzungen, fünfzehn Handverletzungen, einem Schlüsselbeinbruch, vier Knie- und Schienenbeinverletzungen, zwei Augenschlägen und zwei Hundebissen Hilfe leisten mussten. Außerdem gelangten zahlreiche Herz-, Schrei- und epileptische Krämpfe zur Behandlung. Ein Tobsüchtiger musste gebändigt, zweiundfünfzig sinnlos Betrunkene in Gewahrsam genommen werden. Im Rausch wurden vier Kinder und sechs Hunde vergessen.« Zweihunderttausend Menschen aus Berlin erlebten an dem einen Sonntag den Blütenüberschwang und suchten das Licht und das Leben. Siebzehn Menschen suchten an demselben Tag in Berlin die Nacht und den Tod. Siebzehn Selbstmörder an einem Tag, von denen zwölf gerettet wurden. Als ob das eine Rettung wäre!

Sommerschuh suchte Deutschland, und das ist, er suchte Leben und Tod. Er fand nicht das Leben und nicht den Tod, er fand die Arbeit. Über den Industriestädten hingen wühlende Rußwolken. Der Schlosser war nach Hameln zurückgefahren. Die Frau Fiete behütete das kleine Haus in der Jungfernheide. Jeder ging seinem Leben nach, der Mann ging in das Bureau, der Bruder zur Mutter. Er hatte das Wettrennen um den Bissen Brot aufgegeben. Sommerschuh fuhr nach Sachsen.

Wittenberg ist eine alte sächsische Stadt, obwohl es zu Preußen gehört. Es gehört zu Preußen wie die gestohlene Brieftasche zu einem Dieb. Die Türme Wittenbergs schimmerten blau. Einmal stieg von jenen Türmen die protestantische Freiheit rebellischer Bauern auf. Die Bitenbergische Nachtigall sang den Bauern ihr Trutzlied in die Ohren, bis sie aufstanden mit Sensen und Morgensternen. Aber jetzt steht hinter den Wittenberger Türmen der steinerne Wald vieler Schornsteine, in deren Feuer die Industrie raucht und singt. Die Elbe strömt still vorüber, ein matter, träger Strom wie viele andere in Deutschland, ein Wasser unter vielen Wassern.

Blühende Wiesen, braune, glänzende Felder. Die Landschaft ist wie ein gepflegter Garten. Ab und zu rauschen grüne und schwarze Wälder auf. Plötzlich stürzt alles hin und ist nicht mehr da, der Wald, die Blütenbäume, die grünen Wiesen. Sand und schwarze Kohlengruben triumphieren. Die Stadt Bitterfeld, die hässlichste unter allen deutschen Proletarierstädten, zeigt ihre ungepflegten Straßen, ihre nüchternen Backsteinbauten und schwarzen Kohlenkrater. Der Himmel ist verfinstert. Von feinem schwarzem Staub ist die Luft durchtanzt. Von den offenen Gruben schwingt die Kette der Kohlenwagen. Schwarz und drohend klaffen die Wunden in der Erde. Brutal liegen die regenverwaschenen Halden im Tal. Die Erde ist keine Erde mehr zum Anbau der Felder, die Felder liegen in der Erde und sind Braunkohle in mächtigen Flözen. Die Braunkohle geht durch viele Wandlungen, wird Staub und Millionenschichtung schwarzer Briketts oder in dem nahen Elektrizitätswerk in elektrische Kraft verwandelt, um in Starkströmen von hunderttausend Volt nach den großen Städten zu jagen.

Dann kommen kleine Dörfer und Städte. Delitzsch verschwimmt im Glanz weißer Blüten. Neben dem Schienenstrang der Eisenbahn hängen die elektrischen Leitungen einer Vorortstrecke. Die Stadt Leipzig ist nicht mehr weit. Schon steigt aus dem Flachland die zerfressene Mauer eines Häusergürtels empor. Fabriken liegen groß und rot da. Die Schienenstränge verdoppeln sich, verhundertfachen sich und laufen als eiserne Adern nach den mächtigen Hallen, die den Leipziger Hauptbahnhof wölben.

Der Hauptbahnhof in Leipzig ist nicht nur für diese vielseitige und vielbeschäftigte Stadt gebaut. In ihm treffen die wichtigsten Schienenstränge Deutschlands und Europas zusammen. Die Leipziger Messe ist weltberühmt und hebt gelassen die Grenzen vieler Länder auf. Durch den bunten Jahrmarkt der Messeumzüge schimmert das rußige Gesicht des Landes. Diese Stadt, auch wenn sie sich noch so sehr schmückt, ist eine proletarische Stadt. Hier werden Maschinen für die ganze Welt gebaut. Leipzig ist eine proletarische Stadt trotz der vielen Buchhändler und der edlen Pelze auf dem Brühl, trotz des Völkerschlachtdenkmals und der alten Thomaskirche. Leipzig ist, wie das ganze Land Sachsen, alter Kulturboden und Wiege der Arbeiterbewegung. Die Sterne August Bebels und Wilhelm Liebknechts haben über dieser Stadt gestrahlt.

Es ist, als habe Deutschland in die Tiefebene um Leipzig seine Schätze und seine Arbeit geschüttet, die schwere Arbeit in den Fabriken, die klare Arbeit in den Studierzimmern. Johann Sebastian Bach hat hier musiziert, Friedrich Nietzsche ist hier geboren, und Max Klinger hat hier gelebt. Goethe studierte auf der Universität. Das ganze Land Sachsen ist international und durch seine Industrie, durch seinen Handel, seine Kunst und Wissenschaft mit der ganzen Welt verbunden. Sommerschuh stammte selbst aus Sachsen und dachte mit gerührtem Stolz an all diese Dinge. Dieses Land war alles andere als komisch. Der graue Schwung einer ungeheuren Fahne wurde in den Braunkohlenfeldern emporgerissen, wehte über Leipzig und flatterte nach Chemnitz, verweilte nicht und ging weiter nach Zwickau und Plauen, berührte die Kuppen des Erzgebirges, streifte die Tafelberge und Nadeln des Elbsandsteingebirges, wehte um die Stadt Dresden, flog nach der Lausitz und hing lange und grau über den weitgedehnten Wehrdörfern und kleinen Städten.

Nicht nur die graue Fahne der Arbeit wehte über diesem Land. Auch die schwarze Fahne großer Not war aufgepflanzt und daneben die rote Fahne der Arbeiterklasse. Sachsen ist wie eine einzige große Fabrik. Die Menschen wohnen sehr eng zusammen und stammen fast alle aus kinderreichen Familien. Sie nehmen Rücksicht aufeinander, sie sind höflich, sie sind klug und geschickt. Ihr Hirn ist in dem Sausen der vielen Maschinen geklärt worden. Jahrhundertelang webten, klöppelten und spannen sie für fast alle Völker, gruben Erz und Kohle und wurden ausgepresst und geschunden. Slawisches Blut mischte sich mit fränkischem. Vielleicht gingen sie deshalb so gern in die Fremde, weil ihr Land eigentlich gar kein Land mehr war. In den großen Städten sprachen sie eine lächerliche Sprache. Aber vielleicht war es auch nur eine tragische Lächerlichkeit, denn an diesem Volke wurden ja seit vielen Jahrhunderten die Industrialisierung und die Experimente der Blutsmischung ausprobiert.

Der Reisende blieb nicht lange in Leipzig. Er fuhr nach Chemnitz, hatte bald die Fabriken hinter sich und kam in die Freiheit anschwellender Berge. Aber mit den Bergen kamen neue Fabriken, vor allem Textilfabriken und Spinnereien. Strümpfe wurden gemacht und Handschuhe, große Fabriken standen neben kleinen Bruchbuden. In den grünen Tälern lagen die Dörfer der Heimindustrie. In diesen Dörfern waren die Wohnungen keine Wohnungen mehr, sie waren Arbeitsraum und dienten den Fabrikherren. Die Berge hoben sich höher empor, als wollten sie dem Rauch der Arbeit näher sein, der über dem Land wehte. Die Landschaft war vorbei, die braunen Felder und die langen Straßen, von blühenden Kirschbäumen eingefasst und selig umschlungen. Die hohen Zeltdächer der Kastanien mit ihren weißen Kerzen, der alabasternen Pracht mit den goldenen Blutstupfen, waren eingestürzt. Schon stand eine chemische Fabrik auf, stieß giftgelben Qualm in die Höhe und war wie der Eingang zur Hölle. Der Eingang zur Hölle war das Tor einer großen Stadt. Diese Stadt heißt Chemnitz.

Wenn sich der Sachse von seiner Arbeit losgerissen hat und sich in der Ferne nach seiner Arbeit verzehrt, bringt er die Lichtbilder jener Städte mit, die ihn glücklich machen. Die Stadt Dresden hat er Elbflorenz genannt und Chemnitz das sächsische Manchester getauft. Aber Chemnitz soll schon Chemnitz bleiben, denn es ist ein Begriff für sich, ein Weltbild für sich, wenn auch ein dunkles, trauriges, rußbeschmiertes.

Die Industrie hat den Leib dieser Stadt gesprengt und die Straßen wie Därme herumgeschmissen. Die Straßen sind krumm und unübersichtlich. Sie sind verbaut und versaut. Wie junge Hunde liegen die Fabrikdörfer in weitem Bogen um diese schwarze Stadt und heulen und kläffen mit ihr um die Wette, wenn am frühen Morgen die Arbeit beginnt. Aber die Arbeit beginnt nicht mehr so wild wie früher. Über 45 000 Mann lagen damals, als Sommerschuh in Chemnitz war, arbeitslos auf dem Pflaster. Große und weltberühmte Werke waren still oder gelähmt. Die Maschinenfabrik Hartmann war von ihrer stolzen Höhe gestürzt. In frühen Jahren war diese Maschinenfabrik der eiserne König von Chemnitz. Die Fahrt der Lokomotiven durch die krummen Straßen zum Bahnhof war früher eine Triumphfahrt. Chemnitz baut noch mehr Maschinen als Leipzig. Dann sind große Spinnereien und Textilbuden da, die von dem Krachen der mechanischen Stühle erschüttert werden.

Diese Stadt liegt am Fuße des Erzgebirges, und im Mittelalter entwickelten sich in ihren kleinen Gewässern erste Färbereien und Bleichereien. Die Kontinentalsperre brachte Textilfabriken. Daran schloss sich später Metallverarbeitung. Sommerschuh wunderte sich sehr, als er in den Gärten der Vorstadt blühende Tulpenbäume sah. Er wunderte sich, dass auf den Feldern Saat grünte und an den Bergen Wald rauschte. Wie unwahrscheinlich war das um diese Stadt herum! Er sah, wen er durch die schmalen und kümmerlichen Felder an den versteinerten Hängen ging, andere Dinge wachsen. Handschuhe sah er wachsen; schwarze, gelbe, weiße Handschuhe mit fünf zackigen Fingern wuchsen überall aus den Steinen, aus den Tälern und den Feldern. Die Wolken schwebten wie riesige Gardinen durch den Himmel. Die dunklen Nadelwälder trugen in ihren Wipfeln lange schwarze Strümpfe. Auch der Rauch der Fabriken nahm die Gestalt der Dinge an, die in den Werksälen gemacht wurden. Was sollte dann noch die Landschaft und das Brot? Brot wuchs wenig auf den Feldern, Die Arbeit war das Brot! Es wuchs in den Maschinenfabriken. Der Webstuhl war die Mähmaschine der armen Leute.

Sommerschuh war in früheren Jahren selbst Fabrikarbeiter gewesen und kannte die Quälerei an den Maschinen. Er hütete sich, in den billigen Hochgesang vom Rhythmus der Arbeit einzufallen, solange dieser Rhythmus verfluchte Ausbeutung und seelenlose Qual ist. Wo ist die Freude, die aus der Bewegung der Arbeit steigt, wenn drei Viertel der Arbeiter keine Arbeit haben oder Kurzarbeiter sind? Und wo ist der Rhythmus, wenn die Webstühle krachen und der Saal im Dunst der Baumwollabfälle verschwimmt? Für eine Stunde konnte Sommerschuh mit einem befreundeten Redakteur eine Teppichweberei besichtigen. Sie gehörte einem reichen Juden, der sich vor dem Krieg in Österreich den Freiherrntitel gekauft hatte, irgendeinen Räubernamen au dem fünfzehnten Jahrhundert. Sein jüdischer Name war zweitausend Jahre alt, und diesen Namen behielt er für seine Fabriktafel. Sommerschuh sah die breiten und hohen Teppichwebstühle, den Blitz der blanken Spulen, den Schnitt der Messer, den bunten Lauf der aufgespannten Fäden und das Wachstum der blühenden Teppiche, die matt und verstaubt mit allen phantastischen Mustern aus der Maschine kommen. Dann werden sie gereinigt und geschoren und leuchten und prangen in allen Farben. Die Teppichweberei ist Akkordarbeit, und der Akkordlohn beträgt niemals mehr als zehn Prozent des Verkaufspreises. In den anderen Textilfabriken ist der Lohnanteil noch geringer, und unbegreiflich erscheinen dem Zuschauer die erbitterten Kämpfe um einen Pfennig mehr Lohn. Dann erinnert er sich bitter, dass ja die Textilherren eine neue Art des Elends gegründet haben: das Weberelend.

Sommerschuh wollte auch noch andere Betriebe sehen, aber er klopfte vergeblich an die Türen der Kontore. Er war deshalb nicht traurig. An den Liefertagen sah er lange Kolonnen der Autos, die aus den Dörfern der Heimarbeiter die Ware in die Stadt brachten. Er sah das Elend der Heimarbeiter und ihr elendes Glück, wenn sie Arbeit hatten, und ihr verzweifeltes Elend, wenn der Unternehmer keine Arbeit lieferte. Er sprach mit Webern und Metallarbeitern, las in der Geschichte der Chemnitzer Arbeiterbewegung und verfolgte ihren Aufstieg aus tierischer Unzufriedenheit zum bewussten Kampf. Und eines Tages setzte sich der Journalist auf die Bahn und fuhr in einer Schnellzugstunde nach der alten Stadt Zwickau hinauf. Mit den Langrohrgeschützen unsrer Zeit, den hohen Schornsteinen, stießen die Fabriken auf dem Weg nach Zwickau in den blassen Frühlingshimmel. Überall stehen Textilfabriken mit den flachen, glasbedeckten Hallen. Glauchau und Hohenstein-Ernstthal kuscheln sich in die grünen Täler. Dann kommen die Schwerindustrie und die Kohle. Zwickau baut Autos, macht Grubenlampen und gräbt Steinkohle. Der Kamm des Gebirges ist nicht weit. Lange Täler wandern nach dem Bergscheitel. Vor den Bergen steht die vergaste Wand der Industrie. In den Tälern und an den Füßen der Berge stehen die Fabriken mit den hohen Etagen, Hallen und Gewölben. Da zischt das glühende Eisen, da spritzen die Feuer, da sausen die Hämmer. Motoren summen. Treibriemen laufen wie wahnsinnig. Metall klirrt auf Metall. Räder gehen schwer und schlagend. So ist dieses ganze Land. Es ist, als sei die Erde des Frühlings überdrüssig geworden, weil doch nichts oder nur sehr wenig auf den Feldern gedeiht. Es ist, als habe sie ihre Scham verloren, weil der Mensch ihre Geheimnisse enthüllt hat. Die Stadt Zwickau ist wie eine Frau, die ihren Mann verloren hat. Sie geht in Trauer und läßt den schwarzen Kreppschleier wehen. Ihr Gesicht ist kummervoll. Von alter Pracht und Schönheit ist wenig zu sehen. Nur am Marktplatz stehen einige alte und schöne Häuser neben dem fatalen Kitsch der Vorkriegszeit. Die Marienkirche, in der Thomas Münzer den Aufstand predigte, ist im vergangenen Jahrhundert erneuert worden und erschüttert das Herz nicht mehr. Robert Schumann, der Musiker, ist in Zwickau geboren, Samson-Körner, der Boxer, und Pechstein, der Maler.

Das Herz wird in Zwickau erschüttert. Wenn man eine Zeche besucht. Über dem Tal der Mulde stehen viele Gruben. Die Flöze unter der Erde sind »verworfen«, wie der Bergmann sagt. Und wahrhaftig, es sind verworfene Flöze, die vierhundert bis siebenhundert Meter unter der Erde liegen und drei bis sieben Schichtungen schwarzer Kohle übereinanderbauen. Diese Kohle ist von wechselnder Dichte und Qualität. Ihre Gestehungskosten sind die höchsten in ganz Deutschland. Von Zwickau aus ziehen sich die unterirdischen Steinkohlenfelder bis nach Ölsnitz und Lugau hinüber. Die Steinkohle wird im Zwickauer Bezirk schon viele Jahrhunderte gefördert. Im Anfang grub man flache Schächte und breite Mulden, in denen vier oder fünf Bergleute beschäftigt waren. Erst seit ungefähr hundert Jahren, als die technische Entwicklung begann und die Dampfmaschine und die Verkokung erfunden wurden, kann man von einer planmäßigen Ausbeute sprechen.

Im nahen Planitz brennen die Schächte seit ungefähr fünfhundert Jahren. Die Flöze brennen unterirdisch. Alle Versuche, in diesem Gebiet Kohle zu fördern, brachten nur Feuer an den Tag. Große Flammen schlagen aus dem Bauch der Erde. Alte Berichte melden, dass 1505 das Feuer begann, aus der Tiefe loderte und die Bäume der Erdoberfläche versengte. Das ist dasselbe Feuer, das immer und immer wieder in jenem Bezirk emporschlug, wenn man die verschütteten Stollen aufbrach und Kohle graben wollte. Erst 1849 gab der Mensch den Kampf mit dem Feuer auf und verschüttete den letzten Schacht. Den Kampf um die Schätze der Erde in den Nachbarbezirken hat der Mensch niemals aufgegeben. Tag und Nacht fahren die Bergleute in die Tiefe. Tag und Nacht rollen die blanken Seile vom Maschinenhaus über die Fördertürme nach der Schachtanlage. Tag und Nacht qualmen die Kokereien. Tag und Nacht rinnt die gereinigte Steinkohle in schwarzen, glänzenden Strömen.

Von der untersten Sohle und vom Sumpf sind bis an die Erdoberfläche viele hundert Meter. Die Förderkörbe fliegen in wenigen Minuten auf und ab. Das nahe Gebirge hat die Kohlenflöze zusammengepresst und verschoben. Die Stollen und Verbindungsgänge unter der Erde sind ein wildverzweigtes Adernetz. Sie laufen viele Kilometer kreuz und quer unter den Feldern, unter den Dörfern und unter den Straßen der Stadt Zwickau. Die Erde ist unterminiert. Auf den Feldern grünt noch Saat. Die Felder gehören den Bauern, und die Grubenherren müssen für die geförderte Kohle an die Besitzer Abgaben zahlen. Ab und zu senkt sich eine Straße, versinkt ein Haus. Aber die Arbeit unter der Erde geht weiter,

Sommerschuh kam durch den Verband der Bergarbeiter einmal in den Obertagbetrieb einer Zeche und wurde durch alle Anlagen geführt. Er sah das große Maschinenhaus mit den ungeheuren Trommeln und Räder, über deren Rundlauf die Förderseile rannten. Er stand im Förderturm und sah die Einfahrt in die Erde und auch die Ausfahrt. Die Etagenkörbe hingen wie gehorsame Eimer freischwebend im schwarzen Schachtloch. Unaufhörlich kamen die vollen Wagen mit schwarzer Kohle und taubem Gestein aus der Tiefe. Schwarze, schwitzende Menschen, deren Augen weiß aus dem Ruß der Gesichter leuchteten, schoben die Wagen auf blanke Gleise und kippten sie in den Sortierraum. Überall wehte die bittere Wolke fressenden Staubes. Der Reisende ging dem Sturz der Kohle nach und kam an ein breites, laufendes Band, das unermüdlich Kohle und Stein transportierte. An diesem laufenden Band standen Männer und rissen aus dem schwarzen Strom die groben Steine. Die Kohle wanderte weiter und stürzte in die Bunker oder in die Waggons. Oder sie stürzte nach den Wäschereien. In schwarzen Sturzbächen trennte sie sich durch ihr eigenes Gewicht von dem schweren Schutt, ging über Schüttelsiebe, tauchte noch einmal unter in schäumende Bäder, ordnete sich nach ihrer Größe und quoll dann als ewiger Strom aus den Trommeln. Sie quoll nach den Waggons, wurde verladen oder auf die Halden geschüttet.

Sommerschuh sah im Geist den Querschnitt durch die tausend Meter Erdrinde! Die hohen kühlen Schächte steigen auf. Das Maschinenhaus arbeitet beinahe lautlos. Die Seile schwirren, Glockensignale und rote Pfeile zeigen die Fahrt der Förderkörbe an. Uhr und Standanzeiger kreisen. Die Kurven des Falles und Aufstiegs werden notiert. Aus den Kühltürmen steigt Rauch in weißen Wolken. Am Förderturm wird der schwarze Kohlenstaub aufgesaugt und nach der Kesselfeuerung geleitet. So beginnt schon am Anfang der Übertagearbeit beinahe vollkommene Ausnutzung. Am Schluss der vielfältigen Arbeit über Tag wird auch das schwarze Wasser, in dem sich die Kohlen scheiden, noch einmal gewaschen und setzt Schlamm, Sand und Kohlenstaub ab. Der Schlamm und Sand geht mit dem Wasser in die Erde, um im Spritzverfahren die abgebauten Strecken auszufüllen. Der Kohlenstaub wandert nach dem Kesselhaus oder nach der Brikettfabrik. Dort wird er mit Pech vermischt, läuft durch Maschinen und endet als Presskohle. Der Junge, der den Kohlenstaub mit Pech mischt, heißt der Pechjunge. Das muss wörtlich genommen werden. Seine Arbeit ist Giftarbeit. Die aufsteigenden Dämpfe schminken sein Gesicht quittengelb. Der Junge schmiert, ehe die Arbeit beginnt, das Gesicht mit Fett ein, aber die Giftdämpfe fressen sich doch durch diese Maske. Der kleine zarte Mensch an der Feuerung sieht wie ein schweißtriefender Teufel aus. Fast alle Arbeiter über Tage sehen so aus. Der schwarze Staub hat sich in die Haut eingefressen und in der Lunge festgesetzt. Fast alle Kumpels haben eine schwarze Bergmannslunge. Der Gruß der Bergleute ist, auch wenn sie in die Grube fahren: »Glückauf!«

»Glückauf!« dem Bauern, dem das Feld gehört, in dessen Tiefe der schwarze Wald der Kohle gebrochen wird, dachte der Journalist. »Glückauf!« dem Grubenherrn, der über Tag bleibt und von der Arbeit dort unten nichts kennt als ihre Ernte, die Kohlen, oder ihr Unkraut, die Lohnkämpfe der Kumpels, höhnte er weiter.

»Glückauf!« dem wohlgepflegten Mann in der fernen Stadt, der Aktien einer Grube besitzt und kein anderes Fallen und Steigen kennt als das seiner Kurse und nicht das zuckende Auf und Ab der Förderung, dachte er.

»Glückauf!« Ja, »Glückauf!« schwarze Arbeiter über dem Förderschacht, und immer wieder »Glückauf!« Kameraden, tief in der Erde, sagte er laut.

Sommerschuh, der Mann der Oberfläche, ging nachdenklich in die Stadt zurück. Die Straße fiel vom Bergkamm ganz in das Tal der Mulde. In den Feldern und auf den kleinen Hügeln lagen neue Bergwerke. Fördertürme und Kokereien, Hallen für Teer und Ammoniak und Öl, das aus der Kohle gewonnen wurde, ragten auf und dienten der Veredelung des Rohproduktes. Das Gas wurde nicht vollkommen ausgenutzt. Der größte Teil verflog in der Luft. Nur eins wurde vollkommen ausgenutzt: die menschliche Arbeitskraft. Um den Seemann gehen große romantische Geschichten, bunte Lügen und Schwärmereien. Auch dem Bergmann folgen sie im tiefen Schacht. Als das Mystische der Ware noch nicht entschleiert worden war, hatten diese Geschichten den Zauber schöner Märchen. Sie verklärten die Dinge, die dunkel waren. Heute kann man aus den Statistiken der Reedereien und der Kohlenkonzerne das wahrhafte Leben ablesen, die großen Stürme auf dem Ozean brausen und die feurigen Wetter in den Schächten krachen hören. Sommerschuh, der den Übertagebetrieb schon gesehen hatte, fuhr in einer Nacht auf den Sonntag mit einem Bergmann in die Grube ein.

Die Grube lag eine Stunde von der Stadt entfernt. Die Bergleute aus den Dörfern waren keine Dorfbewohner mehr, sie waren Proletarier und schon seit Generationen im Bergbau tätig. Ihre Dörfer hatten sozialistische Mehrheiten. Der Gasthof, in dem Sommerschuh den Kumpel traf. Flammte voller Lichter und taumelte im Takt der Tanzmusik. Die jungen Kerle aus dem Turnverein feierten ein Stiftungsfest. Die mussten schon gelenkig sein, über der Erde und unter der Erde, denn die Stollen waren verdammt niedrig und eng und steil. Sie mussten schon ihren Brand verkühlen, denn wenn man sechs Tage halbnackt oder ganz nackt bei dreißig Grad Hitze arbeitet, da dörrt der Schlund aus. Da kann nichts anderes verkühlen als das helle kühle Bier. Und zu der dumpfen Musik der Sprengschüsse kann keine andere Musik den Ausgleich schaffen, als die laute Paukmusik in einer Frühlingsnacht zum Sonntag hin.

Bis zehn Uhr abends wurde Kohle gefördert. Dann wurden Menschen gefördert. Aufwärts und abwärts. Aufwärts »Glückauf!« und abwärts »Glückauf!« Der Schacht, in den Sommerschuh einfuhr, war ein Drillingsschacht mit drei Aufzügen. Der Führer, der Journalist und vier Arbeiter sausten in die Tiefe. Sie fielen ins Schwarze und Bodenlose. Es war ein Absturz, beinahe so, wie wenn ein Flugzeug aus zweitausend Meter Höhe landet. Mit einem Ruck hielt der Korb an, der eigentlich kein Korb, sondern eine offene Eisenkiste war. Er hielt an der zweiten Sohle an. Diese Sohle begann mit einem ausgemauerten Gang, an dessen Seiten große eiserne Röhren liefen. Der Eingang war ein breiter Tunnel mit Gleisanlagen, elektrischem Licht, aufgestapeltem Grubenholz, gefüllten Hunden und der Wetterzuführung. Von diesem Tunnel aus begann dann die Wanderung durch das heiße, schwarze Labyrinth eines Steinkohlenbergwerks. Das Auf und Ab krummer und steiler Gänge führte bis an die fürchterlichen Arbeitsplätze der Häuer, bis zu den nackten Männern mit den Turbinenhämmern und den Grubenlampen.

Die Arbeit im Bergwerk ist Akkordarbeit und balanciert auf Tarifverträgen. Der Kampf der Grubenverwaltung geht um zwei Dinge: um Kohle, um recht viel Kohle und um Versetzen des Berges, das ist die Auffüllung des tauben Gesteins an die abgebauten Orte. Der Kampf der Arbeiter geht nur um Kohle. Nur geförderte Kohle wird berechnet. Das taube Gestein ist wertlos und stiehlt das Brot. Die Arbeit der Bergleute ist grausam und schwankt wie eine Wage zwischen guten und schlechten Verdiensten hin und her. Je nach der Lage der Flöze verdient der Kumpel mehr oder weniger. Und je tiefer er in die Erste steigen muss, je dünner die Kohle dort lagert, je mehr die Hitze steigt und die Gefahrzone lauert, um so weniger verdient der Häuer mit seinen Gehilfen. Wohl nirgends in der Welt wird der Unsinn der kapitalistischen Arbeitsbewertung so überzeugend demonstriert wie in einem Bergwerk.

Durch viele Stollen und Gänge kroch der Besucher mit seinem Führer. Er sah das geborstene Grubenholz und die zerquetschten Stützen, diese traurigen Fragmente einstiger Wälder. Er stand an den verfluchten Abbaustellen und sah die Arbeit der nackten Männer. In der Gegend, wo jeder anständige Bürger einen Bauch hat, tanzte bei den Bergleuten die Grubenlampe. Der Schweiß rann in dicken Strömen. Die Turbinenhämmer knirschten. Die schwarzen Wände der Steinkohle wurden angebohrt oder zersprengt. Schwarze Berge glänzender Kohlen lagen zur Abfahrt bereit. Durch die unterirdischen Gänge rollten die kleinen Förderwagen. Sie füllten beinahe den ganzen Gang aus. Die Wetterzufuhr brauste. Es war eine vollkommene unterirdische Stadt. Eine Stadt der Verfluchten und Verdammten. Sommerschuh glaubte in der Nähe der Hölle zu sein. Dann fuhr er tiefer in die Unterwelt nach neuen Stollen und Abbauplätzen. Keuchend und gebückt lief er und schämte sich über sein Dasein da oben im Licht der Sonne, als er mit den nackten Bergleuten sprach. Sprengschüsse donnerten dumpf. Wild und wüst, kreuz und quer, auf und ab liefen die die Zugangsstraßen unter der der Erde scheinbar ohne Sinn. Aber es lag doch System und Berechnung in ihrer Verwirrung. Alle die durcheinandergeworfenen Gänge suchten die Flöze, die ebenfalls verworfen waren.

»Und wenn du noch tiefer steigst,« sagte der Führer, »wird es nicht besser! Du hast jetzt das Angenehmste gesehen. In der siebenten Sohle muss man auf dem Bauch bis zur Kohle vorkriechen. Dort unten kann nicht aufrecht gearbeitet werden. Die Kohle fällt auf Rutschen hinunter. In der siebten Sohle ist es auch vier Grad heißer. Dort unten passieren die meisten Unfälle. Ihr da oben wisst gar nicht, was es für Arbeit und Schweiß kostet, nur einen einzigen Wagen mit Kohle zu füllen.«

Sommerschuh war einige Stunden in diesem Bergwerk, aber er begriff vollkommen, warum in den vergangenen Jahren so viele Bergleute in andere, oberirdische Berufe abgewandert sind. Und da verstand er auch den Bergmannsruf; »Glückauf!«

Glückauf! wenn sie in die Tiefe fahren.
Glückauf« wenn sie an den Tag fahren.

Als er sich nach Mitternacht verabschiedete und ins Licht fuhr, wie es ihm schien, trotzdem es Nacht war, da sagte er auch: »Glückauf!«

Im letzten Jahr sind im sächsischen Steinkohlenbergbau 3133 Menschen verunglückt. Darunter waren zwanzig Tote. Im ganzen Land gab es 26 000 Bergleute. Davon arbeiteten sechsundzwanzig Prozent über Tag, sechsunddreißig Prozent sind mit Reparaturen und Zimmerarbeiten beschäftigt und achtunddreißig Prozent arbeiten als Häuer und Schlepper. Der Durchschnittstageslohn kommt etwas über sechs Mark. Jeder Bergmann hat Anspruch auf ein Deputat billiger Kohle. Erholungsurlaub wird allen Arbeitern gewährt, die über sechzehn Jahre alt sind. Bei einem Jahr haben die Bergleute Anspruch auf drei Tage Urlaub, bei sieben Jahren neu Tage und bei zwanzigjähriger Arbeiter unter Tag ganze zwölf Tage! 1862 beginnt im Zwickauer Bezirk die Arbeiterbewegung. 1874 wurde der erste proletarische Verband gegründet. Vor dem Krieg war ungefähr ein Drittel der Arbeiter organisiert, im letzten Jahr ungefähr die Hälfte. Die Krise im Bergbau warf auch hier über dreitausend Mann auf die Straße.

Von Zwickau bis Ölsnitz ist es nicht weit. Auch diese Stadt steht auf unterhöhltem Boden. Die Erde senkt sich. Mauern zerbrechen, Wohnhäuser müssen niedergerissen werden. Die Grubenherren haben die Kohle geräubert, aber sie denken nicht daran, die Hohlräume in der Tiefe auffüllen zu lassen. Das kostet Geld; sie sind fürs Geld, doch muss es in ihre Tasche fließen. Nach dem alten sächsischen Berggesetz sind nur die Leute zu entschädigen, deren Häuser früher da waren als der Bergbau. Zweihundert Häuser sind in Ölsnitz vom Einsturz bedroht. Der Boden hat sich viele Meter tief gesenkt. Die Grubenbesitzer haben in den Bergwerken auch die Sicherheitspfeiler in den Stollen sprengen lassen, weil diese Pfeiler zum größten Teil aus wertvoller Kohle bestanden. Die Direktoren wohnen nicht auf dieser schwankenden Erde. Sie wohnen da, wo keine Einstürze drohen. Sie haben die wirtschaftliche Macht, und ein altes, kaltes Gesetz hilft ihnen in ihrem Raubbau. Der Journalist war nicht in Ölsnitz, seine Weisheit holte er aus unanfechtbaren Berichten und Schilderungen seiner Freunde.

Er besuchte auch nicht den Erzbergbau, der in früheren Jahrhunderten schon das Land Sachsen zu einem Kulturzentrum machte. Um das Jahr 1000 herum begann hier der Erzbergbau. Im Erzgebirge wurde Edelmetall, vor allem Silber, gefunden. Die Berge waren damals Wildnis. Bären und Wölfe hausten in den Schluchten. Bis der Oberwolf kam, der Mensch. Metall wurde gefunden im Schneeberg bei Zwickau, in Geyer im Gebirge, bei Wolkenstein im Zschopautal, bei Annaberg, Freiberg und Altenberg. Auch Gold fand man hier und da. Um das Jahr 1000 herum stand der Handel mit dem benachbarten Böhmen in hoher Blüte. Aus dem Oberharz wanderten viele Bergleute nach Sachsen. Durch die Schluchten und über die Berge zogen ganze Scharen gut bewaffneter Männer, um die Erze zu suchen und auszubeuten. Ein altes Dokument aus dem Jahr 1471 meldet aus Schneeberg:

»Da haben sie Silberbergbau zu treiben angefangen, und nun siehst du unzählige Gruben, nicht bloß da, wo sie ihren Vorteil finden, sondern auch da, wo sie keine Spur eines Metalls bemerken. Denn sie sind nicht mit dem Berg zufrieden, sondern durchgraben auch die benachbarten, und zwar auch die, wo sie noch nie etwas finden werden... Da verlassen sie die Äcker, welche sie sonst mit dem Pflug durchfurchten, und senken Schächte, in welchen sie nicht nur nach Gold und Silber, sondern auch nach einem weißen und schweren Stoff suchen, den sie Zinn oder Blei nennen. Da werden ohne Erbarmen die Pflanzen ausgerottet und die Blumen und Kräuter in ihrer Herrlichkeit zertreten... Ja, es gibt eine Gattung von Mensch, man nennt sie Köhler, welche in dem Heiligtum der Haine und Wälder unsägliches Unheil stiften und den dort thronenden Gottheiten ihre Tannen, Buchen und Ahorne niederschlagen und zu Kohle brennen, alles nur, um das Verlangen der Schmelzer zu befriedigen. Da wird dann so manch armer Gewerk plötzlich reich, man bietet ihm hohe Summen, wohl bis zu zweitausend Gulden, um ihm seinen Grubenanteil abzukaufen, man folgt ihm nach, wohin er seine Schritte wendet, man erweist ihm alle mögliche Ehre, entblößt das Haupt vor ihm, ladet ihn, wo man ihm begegnet, zu Tisch, wünscht ihm allenthalben von Herzen Glück und tut dies am meisten da, wo man ihn am meisten hasst. Bei allen ist er nur wohlgelitten, selbst Adel und Obrigkeit strecken ihre Hände nach ihm aus. Hundert andern wird freilich nicht so wohl; nicht zufrieden mit dem, was sie haben, setzen sie ihr früheres Besitztum aufs Spiel und stürzen sich in Schulden, so dass sie am Ende nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen, und landflüchtig werden.«

Dieser Roman um das Gold und das Silber, von dem in dem alten Dokument berichtet wird, ist fast in allen Teilen der Welt gespielt worden. Immer lag das Gold in Wüsten und Einsamkeiten. Immer war es mit Blut und Tränen verbunden. Heute wird in Sachsen kein Edelmetall mehr gefunden. Die Adern sind erschöpft. Im vergangenen Jahr waren noch gegen vierhundert Arbeiter im Erzbergbau beschäftigt. Jetzt sind es kaum noch dreihundert. Ausländische Erze können billiger eingeführt, als sie hier durch die hohen Gestehungskosten gefördert werden. Im Freiberger Revier findet man noch ein wenig Silber, Blei und Schwefelerz. Bei Altenberg gräbt man ein wenig Zinn, Wolfram und Magneteisenstein, bei Johanngeorgenstadt Wismut, Eisenocker und Arsen, bei Schneeberg Eisen, Zinkblende, Wismut, Kobalt und Nickel. Im Oberlausitzer Revier findet man Schwefelkies.

Im Erzgebirge wächst kein Erz mehr. In diesem Gebirge wächst Textil und Wald für die Papierfabriken. Wie in früheren Jahrhunderten wächst hier die bitterste Armut neben dem süßesten Reichtum. Hier mischen sich Mittelalter und Neuzeit. Neben den kleinen Maschinen der Heimarbeit schweben die geisterhaften Schatten des Aberglaubens, wuchert religiöse Schwärmerei sonderbarer Sekten, leuchtet die Idee des Sozialismus.

Von Chemnitz aus fuhr Sommerschuh mit dem Schriftsetzer Reimann, eher in das schöne Tal der Elbe hinunterreiste, einen Tag die Zschopau hinauf nach Annaberg. Da lag nun die große, verrußte Stadt Chemnitz. Aber sie ruhte nicht in sich selbst. In die Nachbardörfer und kleinen Städte schickte sie den herrischen Befehl ihrer Arbeit. Textilfabriken in Plauen, Textilfabriken in Flöha, Textil über Scharfenstein im Tal nach Wolkenstein hinauf bis an den Pöhlberg, auf dem Kamm des Gebirges.

Annaberg ist eine kleine, farblose Stadt, Nur die alte Kirche deutet das Kulturzentrum jener Tage an, als der Bergbau blühte. Auf dem Marktplatz steht das Denkmal jener Barbara Uttmann, die den armen Frauen und Mädchen das Klöppeln lehrte. Da steht jene Wohltäterin, von der in der Schule erzählt wird, in massiver Bronze mit gekreuzten Händen und läßt sich anschwärmen von den Leuten, die genau so wie sie niemals um Geld Spitzen geklöppelt haben. Sommerschuh und Reimann schwärmten nicht.

»Madame«, sagte der Journalist zu der erzenen Frau, »da stehen Sie nun und blicken auf fünfhundert Jahre zurück, in denen in der Stadt Annaberg geklöppelt wird. Madame Uttmann, graut Ihnen nicht vor der fünfhundertjährigen Ausbeutung der armen Weiber und Mädchen? Wohl wahr, es wächst wenig Brot aus den Steinfeldern von Annaberg, und der Erzbau ist erschöpft; aber Sie haben ganze Generationen erschöpft mit der verfluchten Heimarbeit. Sie haben die Kapitalisten der ganzen Welt auf das Erzgebirge aufmerksam gemacht. Sie haben hier die Fabriken für lange Jahrhunderte mitbauen helfen. England hat hier arbeiten lassen, Frankreich, Amerika, Spanien und Russland. Sie haben diese Spitzen, die nur für Nichtstuer zart und traumhaft sind, den armen Leuten ins Herz gestoßen. Barbara Uttmann, Wohltäterin nicht für die Gebirgler, Wohltäterin für jene, die niemals in ihrem Leben wohltun.«

Die Frau aus Bronze antwortete nicht. Mit kaltem, fernem Gesicht blickte die über den leeren Markt. Da nun Sommerschuh seine Rede nicht gerne in die blaue Luft hinaus halten wollte und Reimann schon genug aufgeklärt war, so verließen sie die tote Frau und gingen zu anderen toten Dingen. Sie gingen in das kleine Museum, in dem die letzten fünfhundert Jahre Geschichte aufbewahrt sind. Sie sahen keine toten Dinge, sie sahen lebendiges Leben: Schmiedekunst, Töpferkunst und erlesene Spitzenarbeiten. Dann blätterten sie in jenen Spitzenmusterbüchern aus dem siebzehnten Jahrhundert, die mit allem Zauber romantischer Eingebung erfüllt waren. Sie sahen die Meisterwerke des jetzt toten Frohnauer Hammers, und Sommerschuh nahm die Büchse des im Erzgebirge berühmten und beliebten Räubers Karl Stülpner in die Hand. An einer Wand hing das Drahtgeflecht einer Krinoline. Daneben war der Name einer englischen Firma zu lesen. Ja, auch Krinolinen wurden hier einmal im Gebirge gearbeitet. Billige Hände hast du angelernt, Barbara Uttmann, billige und geschickte Hände für die Ausbeutung der ganzen Welt. Auch die Wunder der erzgebirgischen Schnitzarbeiten, Krippen und Spielzeuge aus der alten Spielzeugstadt Seiffen waren ausgestellt. Ja, schöne und liebliche Dinge blühen aus der Armut!

Von Annaberg aus fuhr der Reisende mit Reimann nach Chemnitz zurück. Sie kamen durch viele, langhingestreckte Dörfer, die von den verdammten Fabriken beherrscht waren. Textil wurde da gemacht, Strümpfe, Handschuhe, Gardinen, noch einmal Strümpfe und noch einmal Handschuhe: genug, um die ganze Welt damit zu versorgen. Die Fabriken in Chemnitz lagen an diesem Sonntag still. Die Tulpenbäume in den Vororten blühten feierlich.

Die ganze Hügelfläche von Chemnitz nach Freiberg hinunter ist ein einziges Industriegelände. Der Bergbau bei Freiberg ist tot. Man sieht noch graue verwitterte Gruben und tote Krater am kleinen Fluss, die schon halb vom Frühling überwachsen sind, wie damals die zerschossenen Dörfer in Frankreich. Der Schutt der Silbergruben liegt in verwaschenen Halden da. Hier gibt es kein Erz und keinen Betrieb mehr. Und doch ist der Himmel über dieser Landschaft kein Himmel für Träumer und kleine Mädchen. Dieser Himmel ist für die Flugzeuge gemacht, für den Qualm der Textilbuden, für die Flüche der Arbeitslosen, für die Stürme aus dem Gebirge und für die verzückten Gebete der schwärmerischen Sekten. Die Industrie beherrscht das Land. Die blauen Schattenrisse der Augustusburg über dem Zschopautal können darüber nicht hinwegtäuschen, auch der Sturz der Hochfläche in das schöne Tal von Tharandt nicht.

Tiefes, dunkles und grünes Tal nach Dresden zu mit der rotgrauen Schichtung der verwitterten Granitfelsen: Die grünen Flammen der Birken wehen zart und zärtlich. Die schwarze Pracht der Tannen und Fichten baut sich in hohen Wäldern auf. Wie ein Lichtschleier steht die rosig erglühte Wand der Buchen an den Hängen und Wänden und ist viel schöner als alle Schleier und Tücher, die in den Fabriken gewebt werden. Bis nach der kleinen Station Edle Krone fliegt und siegt das Wunder des Frühlings. In Tharandt siegen wieder der Mensch und seine Technik. Grau und kühl stehen die ersten Fabriken da. Auch das Gestein verwittert nicht mehr frei. In großen Brüchen wird es abgebaut und nutzbar gemacht. Glasfabriken klirren vorüber. Der ganze Plauensche Grund ist eine einzige Fabrik. Es ist kein Grund der Freude mehr. Die Fördertürme naher Steinkohlengruben stehen wachsam über den langen Halden. Aber zwischen den Fabriken, Bergwerken und Steinbrüchen blühen die Obstbäume, grünen und leuchten die Felder, vereinigen sich die großen Straßen, um sich schnell wieder zu trennen. Dann kommt die Stadt Dresden mit den grünen Außengürteln der Bürgerhäuser, mit den breiten Boulevards, den vielen schönen Türmen und den schwarzen Siedlungen der Industrie.

Nicht lange fährt man vom Hauptbahnhof durch grüne Gärten und stille Straßen. Die Stadt Dresden ist keine Insel der Glückseligen mehr, kein Paradies der Landschaft und der Kunst. Vor der mattblauen Flucht der Loschwitzer Berge steht die Arbeit. Von Osten, Norden, Süden und Westen wird diese Stadt von der Industrie berannt. Der breite Talkessel nach den Tafelbergen der Sächsischen Schweiz kocht in Dunst unzähliger Werke. Die chemische und die photographische Industrie, Zigarettenfabriken, Glashütten, Kunstdruckanstalten, Kartonagenbuden, Papierfabriken und auch ein wenig Textilindustrie haben sich um diese Stadt angesiedelt.

Noch liegt sie da in Glanz und Schönheit mit dem berauschend schönen Turm der Frauenkirche, dem barocken Schattenriss der Hofkirche und der unvergleichlichen Pracht des Zwingers. Noch lagert die Brühlsche Terrasse am jünglingschönen, dahin wandelnden Wasser der Elbe, der Große Garten grünt mit weiten, englischen Rasenflächen und rauschenden Baumgruppen, die Berge wandern leicht und beschwingt dahin, noch findet man in der alten Stadt den architektonischen Zauber vergangener Jahrhunderte, noch ist Dresden berühmt unter den anderen deutschen Städten, aber auch sie ist aus strahlender Ruhe schon lange herausgerissen und eher eine Stadt der Proletarier als der Bürger.

Sommerschuh hatte in dieser Stadt seine Kindheit verlebt. Er wollte sich nicht durch Liebe oder Hass verwirren lassen, aber er ließ sich doch immer wieder durch Liebe oder Hass verwirren; er ja ein Mensch und glaubt nicht an das absolut Böse und absolut Gute. Für ihn war das Böse und das Gute ein schwesterliches Flügelpaar. ER lief also liebend und hassend durch seine Vaterstadt. Natürlich besuchte er auch noch den Zwinger und die Gemäldegalerie. Er blieb kühl bis ans Herz hinan beim Anblick all der Auferstehungen, Grablegungen, Madonnen, Kreuzigungen, Heiligen und Kokotten. Die schönen Weiber und Jünglinge rührten ihn nicht. Er ahnte die neue, gegenwärtige Schönheit , die Schönheit der Technik und des Arbeiterkampfes, die mit flammender Lohe das Ideal alter Jahrhunderte verbrennt. Das heutige Leben wollte er leben, den Hass von heute, die Liebe von heute.

Über die Brühlsche Terrasse wanderte er heimwärts. Die Kuppel der Frauenkirche wölbte sich weich eine süße Frucht. Der Turm der Hofkirche spießte in den blassblauen Himmel die Erinnerung italienischer Wanderzeit. Auf der Elbe qualmten die Kettenschlepper und bespien mit schwarzem Qualm alle Türme und Kuppeln. Die lange Flucht der ruhig schwimmenden Zillen kam von Hamburg und war der Gegenstrom aus der weiten Welt. Ja, Dresden war von Blumen umgrenzt, aber auch die Industrie webte ihren Schleier. Zwischen Landschaften, Blumen, Bergen und Fabriken verbrachte Sommerschuh die nächsten Tage. Auch eine Zigarettenfabrik besuchte er. Diese Fabrik war eine typische und verlogene Missgeburt der Vorkriegszeit. Sie hatte sich in orientalischen Masken versteckt. Ihr Schornstein war ein kaschiertes Minarett, von dem sechs Tage in der Woche die Gebete um hohen Absatz rauchten. Über der Fabrik stand eine blaue Kuppel aus Glas und Stahl. In ihrer Wölbung lang nichts als ein ungeheures Aktenregister. Fünfzig verschiedene orientalische Bandmuster liefen fremd und sinnlos mit den vielen Treppen empor. Die bunte Glasur an den Portalen war nicht aus ästhetischen Gründen angebracht. Sie war wie diese ganze Fabrik nur zur Reklame da. Dieses Gebäude konnte nur in Sachsen erbaut werden. Wohl leuchtete es in allen Farben, aber es stand auf der Schattenseite des guten Geschmacks und war eine Imitation ferner und schönerer Welt.

Die ferne Welt schwebte in den Duftwolken des Tabaks durch alle Säle und Räume der Fabrik. Der Besucher lief den großen verschnürten Ballen des Tabaks nach und kam vom Keller nach dem Verreißraum, in dem viele Frauen sich über große Behälter beugten und den gepressten oder gebündelten Tabak mit geschickten Händen lösten. Es waren alte Frauen und junge Frauen, die scheinbar nur dazu geboren waren, zusammengepresste Tabakblätter auseinanderzureißen und in einer Duftwolke zu sitzen und zu arbeiten. Von hier aus wanderte der Tabak weiter, war nicht nur Tabak an und für sich, auch er hatte seine bestimmten Eigenschaften, die aus dem mazedonischen oder türkischen Boden wuchsen. In dem Mischraum nun standen junge Mädchen und streuten mit weitem Schwung die gelben und braunen Blätter übereinander. Ein Mädchen hatte nicht weiter zu tun, als die kostbaren Blätter mit Wasser gleichmäßig anzufeuchten.

In großen Karren geht der Tabak in den Schneideraum. Die Karren hängen über der Maschine an der Decke, schütten die Blätter auf die tanzenden Messer. Die zucken auf und ab. Die gelben und braunen Blätter fallen in dünnen Strähnen in mächtige Behälter. Bis zu fertigen Zigarette ist noch ein weiter Weg. Im Trockenraum ist die erste Station. Dort verdunstet das zugesetzte Wasser. Die großen Zigarettenmaschinen sind nicht mehr weit und können an einem Arbeitstag dreihunderttausend bis vierhunderttausend Zigaretten auf den Markt werfen. Eine geschickte Arbeiterin (die Arbeit war früher Handarbeit) konnte höchstens zwölf bis achtzehntausend Zigaretten täglich herstellen.

Die neuen Maschinen sind Meisterwerke der Technik. In großen Bobinen ist das Zigarettenpapier aufgerollt ähnlich den Papierstreifen der Morsetelegraphen. Durch viele Räder und Windungen läuft es dann, faltet sich, wird bedruckte Röhre und empfängt den Tabak. Als unendliche Zigarette wie für einen Raucher, der die Ewigkeit erwarten will, stößt die Maschine das fertige Produkt aus und läßt die blitzenden Messer fallen, um die Zigarette für die Ewigkeit in dreihunderttausend Zigaretten für die Minute zu teilen. Die Ewigkeitszigarette ist in Miniaturzigaretten geteilt worden, kommt in den Sortierraum und geht dann zur Packerei. An langen Tischen sitzen sehr viele Mädchen. Vor ihnen liegen Zigaretten, nichts als Zigaretten. Die werden in Kartons und Schachteln verpackt. Die Arbeit ist Akkordarbeit. Nervös zucken die Finger der vielen Mädchen auf und ab. Es sind junge Mädchen und alte Mädchen, verblühte Mädchen und blühende Mädchen, und alle stecken sie in einer farblosen Uniform, die den ganzen Körper bedeckt. Noch niemals hatte Sommerschuh so grausam klar die Gleichmachung der Frau gesehen wie hier. Das waren keine Mädchen mehr, die küssen, lachen und weinen konnten, es waren nur noch zweihändige Maschinen. Die Fabrik brauchte von ihnen keine Küsse und keine Tränen. Sie brauchte nichts als die flinken Hände, nervös zuckende Frauenhände.

Durch viele Abteilungen ging der Journalist. Die Wolke des Tabaks ging mit ihm und verdichtete sich zu einem Wolkenbruch würziger Gerüche in dem Lagerraum, in dem vierzehn Millionen versandfertige Zigaretten aufgeschichtet waren. Wie der Wohlgeruch von großen Beeten und Anlagen stieg der Duft des Tabaks von Abteilung zu Abteilung. Er schwebte auch um alle Mädchen, Maschinen und Kontrollen. 1862 stieg in Dresden die erste Duftwolke auf. Die Zigarettenfabrik, die damals gegründet wurde, ist schon lange tot und eingesargt in einem großen Konzern, der die wichtigsten deutschen Fabriken zusammenfasst und mit den andern Konzernen um den Markt kämpft. Im letzten Jahr wurden in Deutschland vierundzwanzig Milliarden Zigaretten fabriziert. Der größte Teil dieser Milliarden geht in Deutschland in die Luft, verglüht und verascht. Die Maschine brachte die Vertrustung. Die poetischen und verrückten Namen der Zigaretten, die in Deutschland angepriesen und geraucht werden, kommen aus den verschiedensten Fabriken. Aber sie gehören alle in einen Topf, das heißt, in den einen oder in jenen Trust, und das Geld, das die Maschinen ankurbelt und die Tabakplantagen und ihre Herren finanziert, ist zum größten Teil ausländisches Kapital. Ausländisches Kapital, das in Mazedonien arbeitet und in Deutschland aus jungen Mädchen Zweihänder macht, in Deutschland und vor allem in Dresden, wo rund vierzig Prozent aller Zigaretten hergestellt werden.

Eine andre Duftwolke schwebte in Dresden in der Frühlingblumenschau durch die Säle der Gartenkunstausstellung. Sommerschuh wanderte durch das leuchtende Paradies der Kamelien, Azaleen, Rhododendren, Orchideen und Hortensien. Wie im Rausch ging er durch das flammende Rot der Büsche und vollen Bäume, durch den Alabasterschnee der weißen Blüten und das zarte grüne Gespinst der Blattpflanzen und blassblauen Blumen. An den märchenhaften Orchideen und bizarren Kakteen vorüber wanderte er und sah den kühlen Glanz der Alpenveilchen, das heftige Schwarzrot der Pelargonien, das dunkle Grün der Kamelien mit den feuerroten und schneeweißen Blüten. Eine herrliche, maßlose Farborgie blühte um ihn. So wuchs also auf dieser sächsischen Erde nicht nur Fabrik an Fabrik, auch das Wunder der Blumen blühte in den großen Gartenkulturen des Elbtals. Jede Halle war ein Lusthaus für das Herz und die Augen. Am meisten verliebte er sich in die Tulpen, die in mächtigen Freibeeten leuchteten und strahlten.

Da war der Mann der Fabriken und Statistiken wie ein Narr, wie ein Tulpennarr, als er die Beete entlang wanderte. Er überdachte nicht mehr die Mühe der Züchtung, die er auch in jenen hellen Hallen gesehen hatte, wo eine neue Blumenart als Versuch 513 erst vollkommen war. Sommerschuh verliebte sich in die Tulpenbeete. Er verliebte sich in die Tulpe Franz Hals, die in Rotblau leuchtete, er verliebte sich auch in Die Tulpe der Betrübnis, die ihre müden Blätter in stumpfes Lila hüllte und traurig war. Er verliebte sich in La Tulipe Noire, in den schwarzen Samt auf rotem Grund und in die weit offenen, leuchtend roten Kelche der Tulpe Couleurs de Cardinal. Alle Tulpen begeisterten ihn, ihre feierliche Kleidung, ihr edler stolzer Wuchs, ihre Farben, die ungeheure Erhebung in das Licht, der zarte Schwung der Knospen und das flammende Sausen der Blütezeit.

Dann riss er sich von den Tulpen los und sah in der wissenschaftlichen Abteilung, was er schon wusste, dass die Schönheit auch ihren Wurzelgrund in der Arbeit hat. Er sah ein wenig Geologie und Querschnitt durch die Erdrinde, Versuch und Ergebnis künstlicher Befruchtung und die Literatur und die Bilder aus der Gartenkunst aller Zeiten von den hängenden Gärten der Semiramis bis zu den großen Parkanlagen der modernen Städte. Im Schatten der Schönheit hatte sich das Geschäft angesiedelt, die Industrie für Gartengeräte und Maschinen, die chemische Industrie der Düngemittel und die Industrie des Wohlbehagens gesicherter Bürger. Dazu lärmte der Jahrmarkt, der sich überall auftut, wo viele Menschen festlich zusammenkommen.

Auf dem Heimweg über die Stadt sah er an dem Schauspielhaus einen Wagen, der mit Kulissen beladen war, romantischen Häusern, gemalten Wänden, gebrechlichen Brücken und dem ganzen Gerümpel jener Illusion, die das Theater erst zum Theater machen. Er sah die Heiligsprechung der Kulisse, hörte das falsche Pathos der Darsteller, das einstudierte Gelächter schütteln und sah künstliche Tränen fallen., Da war ihm die Wirklichkeit schon lieber, und wenn die Wirklichkeit auch tausend Meter unter der Erde lag und Arbeit im Bergwerk war. Höllische Arbeit, aber Arbeit für das Leben, Arbeit für das tägliche Brot.

Arbeit für das tägliche Brot!

Am nächsten Tage fuhr unser Freund in das Lausitzer Gebirge. Auch in den Fabrikdörfern bei Zittau lauerte die Krise und beschnitt das tägliche Brot. Auch dort wie auf dem Kamm des Erzgebirges stand die Arbeit schon viele Jahrhunderte breitbeinig da. Die Textilindustrie in der Oberlausitz gründet sich auf die Tuchmacherei. Alte Dokumente aus dem Jahre 1367 erzählen, dass in Zittau »über sechshundert Meistern und Knappen« in der Tuchmacherei beschäftigt waren. Die Leinenweberei entwickelte sich einige Jahrhunderte später. Erst um 1500 herum, im Zeitalter der wirtschaftlichen Blüte, kommt man in Deutschland dahinter, dass Hemden eigentlich eine ganz feine Sache seien. Bis um diese Zeit herum hatte man sich ohne Hemd geholfen. Aber Reichtum verpflichtet. Die Handelsverbindungen mit Nürnberg schaffen der Oberlausitz gute Absatzmärkte. Am Ende des siebzehnten Jahrhunderts beginnt über Hamburg der Handel mit England, Spanien und Amerika. Die Oberlausitzer Leinwand ging über das Weltmeer bis zu den Plantagen der Sklavenbesitzer, die auch Scham im Leibe hatten. Sie schämten sich nämlich, weil ihre Neger nackt herumgingen. Kleine Geschenke verpflichten die Freundschaft, und ein Neger mit Hose arbeitet besser als ein Neger ohne Hosen. Die Hose verpflichtet den Menschen zu größerer Sklaverei als die Nacktheit. Der amerikanische Freiheitskrieg erschütterte das Geschäft. In der Kontinentalsperre brach die Leinenweberei zusammen. Die Baumwolle eroberte sich auch die Oberlausitz und begründete jene große Industrie, die jetzt der Landschaft das Gepräge gibt. Die Arbeitslöhne waren Hundelöhne, aber die Industrie blühte.

Aus der großen Masse der Heimweber stiegen einige Familien auf und begründeten die Herrschaft ihrer Sippe. Hart an der Grenze liegt die kleine Stadt Neugersdorf. Die meisten Fabriken gehören den Hoffmanns. Der erste Großbetrieb entstand in den Jahren 1862, vierundzwanzig Jahre früher als der erste Fachverein. In dieser Zeitspanne zerbrachen die patriarchalischen Verhältnisse zwischen der Arbeiterschaft und den Unternehmern. 1890 begann der erste Streik. 1905 erschien in Zittau zum ersten Male die Arbeiterwochenschrift »Der arme Teufel«.

Der arme Teufel! Die Zeitung der Weber. Die Vorkriegswochenlöhne der Weber erreichten die schwindelnde Höhe von neun bis zehn Mark! Der Jahresdurchschnittslohn betrug fünfhundert bis sechshundert Mark. Aus dem Elend der Hausweber ging das Elend der Fabrikweber hervor. Ein Nankingweber brachte es im Jahr 1833 auf drei Mark die Woche! In elf- bis zwölfstündiger Arbeitszeit verdienten um das Jahr 1860 herum ein Kattunweber siebzig bis achtzig Pfennig. In den Händen weniger Familien häufte sich der Profit. Aus der kleinen Textilstadt Neugersdorf meldet eine Statistik, dass sich im Jahre 1908 in den Händen von sechsundfünfzig Personen über dreiunddreißig Millionen Mark angesammelt hatten. Diese sechsundfünfzig Personen waren keine Bandweber und auch keine Nankingweber. Im selben Jahre wurde in derselben Stadt festgestellt, dass unter 6184 Steuerzahlern zwanzig Leute waren, die jährlich rund 130 000 Mark verdienten. Natürlich verdienten diese zwanzig viel mehr, als aus den Steuerbüchern zu ersehen ist.

Im Jahre 1882 sagt der Handelskammerbericht über die Oberlausitz: »Wir können mit besonderer Freude konstatieren, dass der überwiegende Teil unsrer Arbeitsbevölkerung noch einsichtig genug ist, die Bestrebungen des Arbeiterschutzes anzuerkennen, dass unsre Arbeiter in der großen Anzahl verständig genug sind, sich den sozialdemokratischen Bestrebungen fernzuhalten.« Nach diesem seligen Seufzer kam vier Jahre später der Fachverein, und nach weiteren vier Jahren war der erste Streik da. Das Sozialistengesetz löste den Verband auf, aber dieses Gesetz konnte das Elend der Weber und Fabrikler nicht auflösen. Die Herren von der Handelskammer, die noch vor vier Jahren so väterlich das Lob der Weber gesungen hatten, stimmten eine andre Melodie an und nannten den Streik von 1890 »eine Aufstandsbewegung«. Sie nannten den Streik Aufstand, weil die Sklaven der Webstühle zehn Prozent mehr Lohn haben wollten! Erst nach dem Krieg gelang es der Gewerkschaft, Tarifverträge abzuschließen und die Hungerlöhne zu verdoppeln.

Neugersdorf liegt an den Quellen der Spree hart an der tschechoslowakischen Grenze. Der Unsinn der Grenze wird aufgehoben durch die vielen tausend Arbeiter in den Fabriken. Sommerschuh lief eine kleine Stunde quer durch die andre Republik nach Ebersbach. Derselbe Himmel, dieselben Wiesen, dieselben Fabriken und auch dieselben Menschen. Philipsdorf ist das erste böhmische Dorf jenseits der Grenzpfähle. Dieses Dorf ist katholisch. In Neugersdorf sind die Leute evangelisch. Aber ob sie nun evangelisch oder katholisch sind, ob sie an Gott glauben oder ihn leugnen: in die Textilfabriken müssen sie doch. Der Gott der Weber da oben heißt entweder Hoffmann, Herzog oder Wünsches Erben. Wünsches Erben sind auch nicht mehr Wünsches Erben. Dieses Werk mit über zweitausend Arbeitern gehört den Vereinigten Deutschen Textilwerken in Zittau. Das ist eine Dachgesellschaft für viele Textilfabriken, die ihre Betriebe rationalisierte und eine Anleihe von vier Millionen Mark ausgeschrieben hatte, um sich umzustellen und vielleicht abzuwandern zur Kunstseide, wie früher das Handwerk abwanderte vom Tuch zur Leinwand und von da zur Baumwolle. Eigentlich hätte Sommerschuh auch nach Pulsnitz fahren sollen, um sich die Bandwirkerei anzusehen. Aber er wusste ja, Arbeit ist Arbeit, und die Ausbeutung der Arbeiter steht daneben, ob nun Bänder gewebt werden, oder ob Baumwolle und Kunstseide gesponnen wird. An den kleinen Städten Bischofswerda und Radeberg vorüber, die aus ihrem Schlaf durch die Industrie gerissen werden, fuhr der Reisende nach Dresden zurück.

Das Erzgebirge hat seine bestimmten Formen und Linien, die Oberlausitz wird von flachen Hügeln und leichten Bergen durchzogen, aber das Elbsandsteingebirge übertrumpft mit seinen Tafelbergen, Türmen, Nadeln und Zinnen alle anderen Gebirge in Sachsen. Mit seiner Mutter fuhr der Journalist die Elbe flussaufwärts bis zu jenen Bergen, verließ das romantische Dresden und die Berge von Loschwitz. Wie eine Kulisse war der Wald aufgebaut, wie eine Kulisse in dem großen Theater menschlichen Lebens. Die Berge waren nicht immer mit Wald und Villen bestanden. In früheren Jahren wuchs an ihren Hängen Wein. Er wurde durch Fröste und Schädlinge vernichtet. Jetzt wir an den steinernen Terrassen Gemüse, Obst und Spargel gezogen. Das tapfere Schiff mit den beiden Schaufelrädern stampfte flussaufwärts. Am rechten Ufer lag die Industrie. Zwischen dem Fluss und den Fabriken waren große Friedhöfe und ein mächtiges Krematorium. Es war, als stünde der Tod zwischen der Landschaft und der Arbeit. Auf den Wiesen zu beiden Seiten des Wassers flammten die gelben Blütensonnen des Löwenzahn. Auf der Hochfläche der Berge vergingen kleine Dörfer im Frühlingsschnee der Baumblüte. Die Berge flohen nach Osten und ließen nur einen runden Hügel zurück, der wie ein versteinertes Tier da oben liegt. Ehe das Lustschloss von Pillnitz kam, krachte der Lärm der Presslufthämmer einer kleinen Werft in den schönen Tag. Unweit dieser Werft standen einige Kastanienbäume wie verzückte Sprudel im Schaum weißer Kerzen. Dann kam Pillnitz mit dem Lustschloss und den japanischen Dächern. Darunter liefen in breiten Bändern ägyptische Bildschriften. Viel schöner als das Schloss war der große Park, in dem Ziersträucher und Pflanzen aus der ganzen Welt gesammelt sind.

Wie ein Pfeil steht die Spitze einer großen schmalen Insel im Strombett bei Pillnitz. Das ist keine Insel wie da oben an der Mündung, wie Kuhwärder oder Finkenwärder, keine Insel der Arbeit mit dem Schwung arbeitender Kräne und dem schrillen Schrei ausfahrender Schiffe. Diese Insel ist still und grün. Der Laubwald ist auf ihr wie ein rauschender Dom aufgebaut. Die Tafelberge der Sächsischen Schweiz sind schon sichtbar. Auch vor diesen Bergen steht der Rauch der Industrie. Große Zellulosefabriken mit den kilometerlangen Stapeln junger Baumstämme ziehen sich am Ufer hin. Die jungen Bäume sind keine Bäume und kein Wald mehr, sie sind Wert und Ware und morgen oder übermorgen schon Papier. Sozialistisches Papier, nationalistisches Papier, Wahrheit und Lüge, wie es der Mensch bestimmt, der es kauft, bedrucken läßt und verbreitet. Achtzehn junge Mädchen mit bunten Kleidern laufen mit den vier jungen Burschen in der Mittagspause lachend an dem toten, grauen, geschlagenen Wald vorüber und freuen sich, als sei er noch grün und rauschend. Ein Floß schwimmt schwer und breit im Fluss. Vier böhmische Holzschiffer bringen es nach Hamburg. Neue Flöße kommen von der Grenze und haben schwarzweißrote Fahnen gehisst. Eiserne Zillen mit eignem Motor jagen vorbei. Große Kähne, mit Zucker beladen, kommen aus der Tschechoslowakei. Die Berge sind im Dunst verschwommen. Die Türme der alten Stadt Pirna ragen auf. Die Grenze des Industriegebietes ist erreicht. Die Hochfläche des Sandsteins beginnt. Die Elbe krümmt sich durch ihr vielverschlungenes Tal, das von begrünten Steinwänden und mächtigen Kegeln und Bergen eingefasst ist.

Die meisten Steinbrüche hinter Pirna liegen still. Die Rutschen, auf denen der gebrochene Stein in das Tal sauste, sind nur noch schwarze Spuren und gleichen den umflorten Treppen zu einem Trauerhaus. Aber da oben ist kein Trauerhaus. Gelb, grau und rosa schimmern die Steinbrüche. Auf ihrer Sohle stehen verlassene Arbeiterhäuschen, die von neuem Leben erfüllt sind. Blühende Gärten liegen an den einsamen Siedlungen unterhalb der steilen Wände. Die Berge sind jetzt geschützt und dürfen zum größten Teil nicht mehr abgebaut werden. Und das ist gut so. Seit Jahrtausenden sind andre Baumeister und Gleichmacher am Werk: das Wasser und der Frost waschen und sprengen den Felsen mit verbissener Wut.

Und nun sieht man ein Tal vor sich, das ebenso schön ist wie das Rheintal zwischen Rüdesheim und Koblenz. Diese steilen Wände der Bastei steigen über zweihundert Meter über dem Fluss empor. Türme und Tafeln, Nadeln und Zinnen sieht man, sonderbare Figuren, die »Lokomotive« heißen und »Lamm« oder »Mönch«. Und es sind auch versteinerte Riesenlokomotiven und Riesenlämmer. Am Pfaffenstein steht die »Barbarine« wie eine riesenhafte versteinerte Frau. Dann gibt es einen »Türkenkopf«, eine »Tante«, einen »Dreifingerturm«, einen »Höllenhund«, eine »Zackenkrone«, einen »Teufelsturm«, einen »Schrammsteinwächter«, einen »Prebischkegel« und einen »Chinesischen Turm«. Aber es gibt auch einen »Wachtturm«, einen »Lilienstein«, einen »Königstein«, die »Wolfsschlucht« und die »Schwedenlöcher«. All diese Türme, Kegel, Zacken, Wände und Steine sind ein Paradies für die Kletterer. Jeden Sonntag stoßen die Wanderscharen aus den nahen Städten ins Gebirge vor, hängen an den flachen Wänden, kauern in den Kaminen, traversieren an schmalen Bändern und bezwingen die Felsen. Viele Tote geistern um die Steine. Das sind die Abgestürzten von jenen Zacken und Zinnen.

Dieses Gebirge ist nicht nur ein Paradies für die Kletterer. Es ist ein landschaftliches Juwel. Im glitzernden Fluss schwimmen die Schiffe und Zillen im Schatten der hohen Berge, die sich das Wasser und der Frost im Wandel der Zeit gebaut haben. Der Tafelberg des Liliensteins steht klar am Himmel vor den blauen Schattenrissen der Grenzberge. Die Festungsmauern des Königsteins leuchten. Die Zackenkrone des Schrammsteins ist nicht weit. Der Zirkelstein hebt sich steil empor. Wie eine chinesische Flößlandschaft sehen die breiten Täler mit den schroffen Wänden und bizarren Figuren aus. In den Schluchten und Gründen rauschen die schwarzen Wälder und fließen kühle Bäche. Das Sausen der Wälder, die schöpferische Ruhe, das Schweigen aller Steine macht den Menschen frei.

Vor ungefähr hundert Jahren erst wurde die Schönheit dieses Gebirge entdeckt. Seit hundert Jahren ungefähr sind diese Gründe und Schlünde erschlossen. Sie haben mit jenen Bergen der Schweiz nichts zu tun. Sie haben ein eigenes Gesicht, ein liebliches und ein grausiges. Sie haben auch nichts mit jener Postkartenschönheit zu tun, die alles verkitscht. Sie stehen auf eignen mächtigen Füßen und sind voll einzigartiger Schönheit. Sommerschuh kannte und liebte diese Berge sehr. Er entsann sich der ersten Sonnenaufgänge mit dem Gezwitscher der Vögel. Er wusste von ihrer Welteinsamkeit im heißen Sommer und von ihrem brüllenden Donner im Gewitter. ER kannte die weißen, wogenden Nebel an den Regentagen und die abseitigen Wege und Hochflächen, die allein durch ihr Dasein den Menschen glücklich machen können.

Der Tag war schön. Der schmale Aufstieg zur Bastei, in dem sich Postkartenverkäufer angesiedelt hatten, war bald überwunden. Die Musik der Wälder begann, der erste Blick in das tiefe Tal des Flusses, und dann war die Höhe erreicht, das Plateau der Bastei mit den Felsenbändern, die im Menschen das Schwergewicht aufheben wollen und ihm Flügelsehnsucht geben. Dann war die große Ruhe da, das Verweilen und Besinnen wie bei einem Ziel, das fröhliche Aufatmen und Abschiednehmen und die Wanderung durch die Gründe und Schlünde hinunter zum Fluss.

Das Elbsandsteingebirge ist der Sandgrund eines ehemaligen Meeres, durch den sich die Elbe ihren Lauf gefressen hat. Das Wasser hat die harte Tafel des versteinerten Sandes gesprengt und mit dem Dynamit des Eises auseinandergefetzt. Der Regen, der Frost und das Flusswasser haben dieses phantastische Gebirge gebaut. Sie bauen auch jetzt noch daran. Tag und Nacht schleppt die Elbe den feinen Sand nach ihrer Mündung. Bei Hamburg und bei Cuxhaven liegt jener Sand, baut Inseln und Untiefen und heißt Steinwärder und Finkenwärder, Großer und Kleiner Vogelsand, Hugger Platte, Falsche Tiefe oder Klotzenloch. Er vermischt sich mit dem Schlamm des Meeres oder treibt weit in die Nordsee hinaus. Der Elbsandstein ist porös. Das Regenwasser läuft durch ihn wie durch einen Schwamm, formt und bildet ihn um und modelliert all die Köpfe, Türme, Zacken und Zinnen, die so plastische Namen haben. In vielen Jahrtausenden wird das letzte Sandkorn im Schlamm der Nordsee liegen. Die Gründe und Schlünde jenes Gebirges demonstrieren grausam die Arbeit jener Allesgleichmacher. Schroffe Wände sieht man, die der Frost auseinandergeknallt hat, einzelne Blöcke stehen wie riesenhafte Pilze da, in den hohen Wänden klaffen große Löcher, die das Wasser ausgelaugt hat. In den Rissen und Rillen der Wände haben sich Pflanzen angesiedelt. Birken und Fichten stehen da oben und sprengen ihre Wurzeln mitten in den Stein. Wie eine grüne Fontäne schießt das Farnkraut von den Traversen auf. Wasser rieselt und tropft unermüdlich aus den wilden Riegeln und Platten. Das Gebirge zerfällt langsam, aber jedes Jahr steigt der Frühling neu aus der Elbe. Das gelbe und rostbraune Winterlaub wird schwarz, aus dem gelben Gehänge alter Farne springen die jungen, gerollten Blätter, die Moose schwellen und wuchern, junger Klee blüht, Gras ist wieder grün, Vögel singen, Blumen blühen am Weg, und das lichte Schleiergewebe der Buchen hängt vor dem verwitterten Stein und vor dem Nadelwald, der immer und immer wieder sein Rauschen hören läßt.

Waldeinsamkeit, Waldeinsamkeit!

In diesem Gebirge wächst wenig Brot. Brot wächst in den nahen Fabriken bei Pirna und in den Textilfabriken bei Sebnitz und in der nahen Oberlausitz. Brot bringen auch die Fremden mit, die das Gebirge besuchen. Jeden Morgen rattern die Eisenbahnzüge mit den Bergproleten nach jenen eisernen Feldern, auf denen für sie das Brot zum Leben wächst. Sommerschuh saß dann mit seiner Mutter, als jener kühle Grund durchwandert war, eine Stunde in dem Café am Fluss und fuhr mit der Eisenbahn in die Stadt zurück. Hinter Pirna notierte er sich, was in den vielen Fabriken nach Dresden hinunter gemacht wurde: Kunstseide, Schokolade, Glas, Kunstdruck, photographische Apparate, Papier, Elektrizität, Gardinen, Malz und chemische Artikel.

Die Stadt Dresden war bald erreicht. Nach Leipzig ist es nicht mehr weit. Und wie zum Ausgleich steht gerade in Sachsen das schöne Gebäude des Arbeiter-Turn- und Sportbundes, jener Riesenorganisation, in der sich in ganz Deutschland über dreiviertel Millionen Menschen gesammelt haben. Gegen die eiserne Maschine hat sich der lebendige Mensch aufgestellt, der geschundene Leib aus den Fabriken und aus dem Dunkel der Schächte wird auf den lichten Sportplätzen gesund gemacht, gestählt und gereinigt.

Die Arbeitersportbewegung ist noch jung, und doch ist sie schon Kulturbewegung geworden. Ihr Endziel ist der sozialistische Mensch. Kann Keulenschwingen oder Weitsprung Sozialismus sein? Natürlich nicht, aber jeder Keulenschwung und jeder Weitsprung führt fort aus dem Kasernendasein eines armen Lebens, gibt Kraft und Freude und jenen hymnischen Gleichklang, der immer erbraust, wenn viele Kameraden zusammen sind und sich vorbereiten. Und die Arbeiterturner bereiten sich vor nicht zu jenen Sportleistungen, in denen scheinbar das Glück der Welt und Menschheit am Bruchteil einer Sekunde beim Schnellauf zitternd hängt, die Arbeiterturner bereiten sich vor, die Schäden und Misshandlungen der Maschinenarbeit zu heilen und auszugleichen und darüber hinaus vorzustoßen, wenn der Vorstoß ihrer Klasse beginnt. Vom Turm der neuen Bundesschule in Leipzig kann man auch das Völkerschlachtdenkmal sehen, jenen grausamen Quaderhaufen, um den auch jetzt noch der Blutgeruch großer Schlächterei schwebt. Wenn man den Blick wendet, sieht man den Turm des Leipziger Volkshauses aufragen, das vor einigen Jahren im Bürgerkrieg zerstört wurde und nun stolz und mächtig dasteht: ein Turm der neuen Zeit. Und dazwischen liegt die Schule der Arbeitersportler. Nur wenige Worte – sie sind in den Grundstein eingemauert worden – sollen zitiert werden, um zu zeigen, auf was für einem Grund diese Organisation steht.

»Im Jahre 1924 am 28. September … wurde der Grundstein zum Bau einer Lehranstalt für Turnen und Arbeitersport gelegt. Es sollte die Bundesschule des Arbeiter-Turn- und -Sportbundes sein, der 1893 als eine Folge der Reaktion in der Deutschen Turnerschaft gegründet und bis zum Ausbruchs des Weltkrieges von den bürgerlichen Verbänden gehetzt und verleumdet und von den damaligen Behörden verfolgt und für politisch erklärt wurde. Unzählige Summen Geldstrafen, ja selbst Gefängnisleiden mussten unsre Jugendvorturner der damaligen Zeit erdulden, nur darum, weil sie Turnunterricht am Jugendliche erteilt hatten. Die staatlichen Lehranstalten, Turnhallen und Spielplätze der Gemeinden blieben mit wenigen Ausnahmen den Arbeiterturnern verschlossen. Wir mussten uns helfen – wir sind groß und stark geworden...«

Ja, die Arbeiterturnbewegung ist in Deutschland groß und stark geworden. Die Schule ist schon lange fertig. Die Lehrkurse haben begonnen. Es wird theoretisch und praktisch geübt und gelernt, es wird geturnt, geboxt, geschwommen, gerudert, gestemmt und gesprungen. Über siebenhunderttausend Menschen in Deutschland sehen mit Liebe und Begeisterung auf das schöne, ernste und fröhliche Haus in Leipzig.

Über eine Million Arbeitersportler sind in der Berliner Zentralkommission gesammelt, und diese Million sind nur ein einziger Zweig der großen Sportinternationale, die machtvollen Olympiaden ihre schöpferische Kraft gezeigt hat. Die neue Großmacht! Zu den Arbeiterturnern und -sportlern gehören in Deutschland gegen zweihunderttausend Radfahrer, über sechzigtausend Athleten, sechsunddreißigtausend Samariter, rund sechzigtausend »Naturfreunde« und viele tausend Schachspieler, Arbeiterschützen und freie Segler. Der proletarische Mensch hat auch im Sport den Kampf gegen das maschinisierte Zeitalter aufgenommen.

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