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Deutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise

Max Barthel: Deutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorMax Barthel
titleDeutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise
publisherBüchergilde Gutenberg
year1926
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
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Frühling an der Nordsee

Der Schlosser Alfred Eimeck war von Hamburg aus nach Harburg gefahren und über Bremerhaven in Cuxhaven gelandet. Auf dieser Tippelei vervollkommnete er seine Kenntnisse im Bettelwesen. Der Journalist hatte kurz vor Ostern einen Vorstoß in die Landschaft unternommen und war in Buxtehude gelandet. Diese kleine Stadt wird immer lächerlich gemacht, aber sie ist nicht lächerlicher als die anderen Kleinstädte, wenn man sie mit dem Maßstab Hamburg oder Berlin misst. Von Buxtehude ist nicht viel zu erzählen. Auch dort gibt es Arbeitslose. Die Papierfabrik, die dreihundert Leute beschäftigte, liegt still. Der Wirt im »Bremer Schlüssel« führte alles Unglück in der Welt auf die hohen Preise und vor allem auf die hohen Löhne zurück und bekannte sich als Feind jeder Arbeitslosenunterstützung. Das Mittagessen aber und auch das Bier berechnete er fromm und bieder zu den neuen Nachkriegspreisen, Dann sah Sommerschuh in der Stadt Buxtehude die vielen Kirchgänger, junge und alte Männer und schwarzen Gehröcken und hohen Zylindern. Straßenjungen sangen patriotische Lieder. Da floh er aus Buxtehude und wanderte an der Este hinüber nach Cranz an der Elbe.

Diese Wanderung war wunderschön. Die Weiden hoben ihre roten und glühenden Ruten in das Licht. Aus de Gras leuchteten die gelben Glanzsterne der Butterblumen. Die zartverzweigte Wand ferner noch unbelaubter Bäume stand silbern gegen den Horizont. Die Landschaft war Sumpf und Moor. Von schmalen Wasserläufen wurden die Felder durchschnitten. Aus dem Fluss sprangen junge blitzende Fische. Die Luft war voller Vogelgezwitscher. Der Wanderer stand im Wohlgeruch der morgen oder übermorgen blühenden Kirschbäume, kam an großen Obstplantagen vorüber und erreichte über das langgestreckte Dorf Königreich die Elbe. Mit einem Motorboot fuhr er nach Blankenese hinüber. Der kleine stampfende Bogen ging im großen Bogen um die angeschwemmten Sandinseln, die der gelbe Fluss auf seiner Wanderschaft in den Jahrtausenden aufgebaut hatte. Noch einmal berührte Sommerschuh die Stadt Hamburg, um am nächsten Tag an die Nordsee zu fahren. Dort oben lief er mit dem Schlosser durch das Wattenmeer, stand an der »Alten Liebe«, dem Bollwerk der Stadt Cuxhaven, und entdeckte, dass auch Deutschland sein »Alte Liebe« war.

Die Stadt Cuxhaven ist Hamburger Staatsgebiet und durchaus kein Seebad, wie die Prospekte größenwahnsinnig verkünden. Cuxhaven hat keinen Badestrand, und nach Duhnen sind es immerhin noch zwölf Kilometer. Cuxhaven ist auch als Badeort nicht so wichtig. Wichtig ist diese Stadt für den Fischfang. An ihr legen auch die großen Amerikadampfer an. Cuxhaven ist Lotsenstadt und hat eine berühmte Wetterwarte. Diese Stadt steht als letzter Gruß für die Auswanderer da, und als erstes Willkommen für die Heimkehrer. Genau so unwichtig wie das Seebad scheint die Festung Cuxhaven zu sein, die ihre Küstenbatterien drohend nach der Elbmündung und dem offenen Wasser richtet. Der neue Krieg ist ein chemischer Krieg. Der Regen und Nebel, der dann aus der Luft fällt, ist tödliches Gas.

In den Hafenstädten sind nur der Hafen und die Seefahrt wichtig. Alles andre ist Kulisse. Die Kulisse der Stadt Cuxhaven ist kleinbürgerlich. Das Schloss Ritzebüttel liegt in einem schönen Park. In der Nähe des Bahnhofs stehen viele neue Häuser in jenem sachlichen Backsteinstil, den man auch in Hamburg findet, und der im Chilehaus Musik wird. Natürlich gibt es auch viele Cafés und Hotels. Der Blick über die Unterelbe schweift endlos über das Wasser. Mit einem scharfen Glas erkennt man den flachen Hügelstreifen von Brunsbüttel, wo der Nordostseekanal beginnt. Im Fischereihafen liegt die Hochseeflottille. Die Fahrten gehen bis nach Island hinaus. Zwei große Gesellschaften streiten sich in Cuxhaven um die Ernte des Meeres.

Um die Fischerei hat sich eine ganze Industrie gruppiert. Da gibt es eine mächtige Eisfabrik, in der die großen schweren Kunsteisplatten zu faustgroßen Stücken zersägt und zermahlen werden. Die ausfahrenden Schiffe werden damit ausgerüstet und die Sonderzüge, um die Fänge frisch zu halten. Bis in die Türkei rollen die Wagen. In Konstantinopel und in Kairo kann man eisgekühlten Nordseefisch kaufen. Neben der Eisfabrik stehen die Korbflechtereien, die Netzfabriken und die Räuchereien. Geräucherter Schellfisch verwandelt sich in Seelachs. Geräucherter Hering wird Bückling. In anderen Betrieben werden die Fische gebraten oder mariniert. Viele hundert Frauen stehen an den Öfen, Maschinen und in den Fabriken. Aber die Fische schwimmen nicht im Schlossteich von Ritzebüttel. Sie müssen weit draußen in der See gefangen werden. Der Fischfang beginnt und geht nach ganz bestimmten Plätzen nach Schottland hinaus, nach Island oder an die norwegische Küste. Wo die Meeresströmungen zusammentreffen, wo auf dem Grund des Meeres wuchernde Gärten entstehen, in denen kleine Fische leben, um von großen Fischen gefressen zu werden: dorthin fährt der Mensch, der Vielfraß und Oberfresser.

Nicht immer fahren die Schiffe hinaus. Im Sommer liegen die grauen Kasten viele Monate still. Die Fischereihäfen sind dann wie große Friedhöfe. In Deutschland werden im Sommer sehr wenig Seefische gegessen. Aber wenn die Zeit kommt und die Heringe in gleißenden Millionenzügen wandern, dann schaukeln die Dampfer in die Nordsee und die Ostsee. Dann beginnt die Arbeit der Matrosen. Drei bis vier Wochen bleiben die tapferen Schiffe auf hoher See. Drei bis vier Wochen werden Tag und Nacht die großen Schleppnetze ausgeworfen. Drei bis vier Wochen werden auf dem Meer die vielen gefangenen Fische geschlachtet, eingeeist oder eingesalzen. Im Winter sind die schwarzen Schiffe wie weiße schwimmende Eisberge. Die Arbeit auf dem Meer ist nicht romantisch. Sie ist grausame Qual. Über die heulende See tanzen die Kutter und Segler. Sturm stößt von Island oder Spitzbergen. Haushoch türmen sich die schwarzgrünen Wogen. Der Mensch auf dem Meer kämpft seinen heroischen Kampf mit den Elementen und ist nicht immer der Sieger. Sieger trotz Sturm und Unwetter sind die Leute am flachen Land, denen die Schiffe gehören. Der Kapitän eines Fischkutters, auf dem ein Dutzend Matrosenfahren, ist mit zwei Prozent am Gewinn beteiligt. Die Mannschaft bekommt ein halbes Prozent.

Das ist Cuxhaven. In den Cafés ist Musik. Siebzehn Fischkutter sind auf hoher See. In den Hotels sitzen die Frühlingsgäste. Der Arbeiter Neuhaus verunglückte im Hafen tödlich. Eine Lore Kies stürzte vom Kran herab und zerschlug sein Rückgrat. Der Fischdampfermatrose Martin ist beschuldigt, vorsätzlich und gesetzeswidrig eine Fensterscheibe zerstört zu haben und muss zwanzig Mark Strafe zahlen oder zwei Tage ins Gefängnis. Die Arbeiterin Stine wurde im Logis eines Fischdampfers festgenommen und gab zu, de gewerbsmäßigen Unzucht nachgegangen zu sein. Sie wurde zu einer Woche Gefängnis verurteilt. Der Postinspektor Hinrichsen feiert sein fünfundzwanzigjähriges Dienstjubiläum. Für die in der Fischerei beschäftigten Frauen soll ein Heim errichtet werden... Flüchtiges Spiel des Lebens in einer kleinen Stadt am Meer!

In einer Hamburger Zeitung stand die Geschichte vom Leichtmatrosen Klemens Förster, die sich Sommerschuh notierte, weil sie zeigt, dass auch ein Schiff auf hoher See nicht viel anders ist als eine Fabrik, in der gearbeitet und geopfert wird. Der Leichtmatrose Klemens Förster, achtzehn Jahre alt, wurde auf der Reise von Port Arthur in Texas nach Dünkirchen in Frankreich über Bord gespült und ertrank im Meer. Das Schiff hatte auf dieser Reise mit schwerem Wetter zu kämpfen. Über das Vordeck waren Stecktaue gezogen. Eine schwere See riss Klemens Förster in die Tiefe. Der Maschinenjunge Kliesmisch sah ihn im Wasser treiben und rief sofort: »Mann über Bord!« Der auf der Brücke stehende wachthabende Offizier eilte nach hinten, um einen Rettungsring dem Treibenden zuzuwerfen. Das war am Nachmittag um fünf Uhr. Aber es waren keine Rettungsringe mehr da. Am Vormittag wurden sie durch überkommende See weggeschlagen. Auch die vier Rettungsringe an der Brücke hatte sich die See geholt. Es war kein Ring mehr da. Einer wurde später an Deck gefunden, aber der Verunglückte war inzwischen aus Sicht gekommen. Ein Boot auszusetzen, war bei dem schweren herrschenden Sturm unmöglich. Die Unfallstelle wurde vom Schiff eine Stunde ohne Erfolg abgesucht. Klemens Förster war in Amerika nicht aufenthaltsberechtigt, deshalb ausgewiesen und mit anderen Leuten dem Dampfer »Masconoma« zum Rücktransport übergeben und als Leichtmatrose angemustert worden. Die Schiffsleitung und die Mannschaft schilderten ihn als fleißigen, ruhigen und ordentlichen Menschen. Er wollte die nächste Reise des Dampfers wieder mitmachen. Der Kapitän hätte ihn gerne genommen. Ein Selbstmord des Klemens Förster ist nach Aussagen aller Zeugen vor dem Hamburger Seeamt vollkommen ausgeschlossen.

Der Reichskommissar führte aus, dass er der Schiffsleitung keinen Vorwurf machen wolle, aber es sei bei der Unterbringung der Rettungsringe in Zukunft so zu verfahren, dass diese Ringe bei einem Wetter nicht über Bord gespült werden können. Auch müssten Reserveringe an Bord sein. Diese müssten so untergebracht werden, dass sie von der See nicht erfasst werden könnten.

Das Seeamt verkündete darauf folgenden Spruch: »Der am 10. Januar 1908 in Lehe geborene Leichtmatrose Klemens Förster ist auf der Fahrt des Dampfers »Masconoma« von Port Arthur (Texas) nach Dünkirchen am 15. März 1926, nachmittags 5,10 Uhr, auf 41 Grad 14 Minuten N., 45 Grad 26 Minuten W. über Bord gespült und ertrunken. Der Schiffsleitung ist wegen dieses Unglücks kein Vorwurf zu machen. Nach der Entdeckung des Unfalls sind die nach Sachlage geeigneten Rettungsversuche gemacht, die aber leider ohne Erfolg geblieben sind.«

Sommerschuh war kein Seemann, aber er fand nicht nur aus diesem Grunde diesen Spruch unverständlich. ER erinnerte sich vieler Unglücksfälle in den Fabriken. Auch da hatte die offizielle Untersuchung ergeben, dass die Werksleitung schuldlos sei. Sie alle haben keine Schuld, wenn die Arbeiter in den Bergwerken, in den chemischen Fabriken, an den Maschinen oder auf den Schiffen krepieren.

Mit seinem Freund wanderte Sommerschuh an das Meer hinaus. Er sah am Deich die schwarzen Bänke der blauen und die Kalkstreifen der weißen Muscheln, er sah Ebbe und Flut, den Tanz und schaumgekrönten Schlag der grünen Wellen, die Fahrt und Ausfahrt in die Welt. Wenn die Flut zurückgeht, legt sie vor Cuxhaven das Wattenmeer frei. Man sieht viele Kilometer Schlammgrund nach dem Wasser zu, ein wundervolles Schauspiel von silberweißen, blauen und rosa Pastellfarben. Auch silbergrün und stahlblau schimmert der Schlick und Schlamm. Am Strand drohen die Langrohrgeschütze. Der Leuchtturm der Insel Neuwerk ist sichtbar und auch die breite Fahrstraße nach der Insel durch den glänzenden Schlamm. Am Himmel wehen unendliche weite Rauchfahnen von den Frachtschiffen und Passagierdampfern, die nach England, Spanien oder Amerika fahren.

Ein Blick auf die Seekarte zeigt die Tiefen und Untiefen der Elbe und die sich windende Fahrrinne für die großen Schiffe. Man sieht auf dieser Karte die Löcher, Gründe, Sandbänke, Watten und Platten. Sie heißen: Marner Sand, Klotzenloch, Norder Gründe, die falsche Tiefe, der Steilsand, die Hugger Platte, der Große und der Kleine Vogelsand. Viele Kilometer vor der Küste und den Sandbänke liegen die Feuerschiffe. In den Schiffsberichten spielen die Gründe und Sandbänke eine große Rolle. Viele Schiffe sind schon trotz ihrer Lotsen aufgelaufen. Das Meer schleppt Schlamm herbei, die Elbe wälzt den Sand aus der Sächsischen Schweiz, und Strom und Meer bauen die Gründe, Watten, Sandbänke und Platten.

Viele Stunden lagen die Freunde am Strand, sahen die Flut steigen und fallen, die Schiffe fahren und die Möwen vorbeiflitzen. Sie sahen das trockene Meer der Watten und wanderten weit hinaus nach den kleinen Rinnen, Rillen und Strombetten, in denen das Wasser nach dem Meer zurückfließt. Sie panschten durch Schlick und Schlamm und fanden weiße Muscheln und zappelnde Krabben. In einer schönen, klaren Frühlingsrunde, als der Schlosser aus Hameln in den Watten herumbummelte, kam plötzlich wie Schnee und schneller Regen Nebel über das Land. Er füllte dunkel den Strand und das Wattenmeer aus. Eine unheimliche Wand wuchs hoch, in der jeder Schrei erstarb. Eine ganze Stunde irrte der Schlosser herzklopfend durch den Nebel. Endlich fand er doch das Ufer. Der Instinkt des Tieres in großer Gefahr hatte ihm den richtigen Weg gezeigt.

Die Flut rollte an, grün und weiß und stahlblau. Die Muschelbänke lagen unter dem Wasser. Über die Kaimauern zischten die Wellen. Der Nebel wehte immer noch in schweren Schwaden. Er löschte das letzte Licht aus, verjagte die Spaziergänger in die Cafés und Hotels, nahm dem Frühling Glanz und Farbe und zeigte das andere Gesicht der See: das finster verzerrte und heimtückische. Viele Segelschiffe jagten gespenstisch durch den Nebel. Das dunkle Tuten der großen Schiffe röhrte über der Flut. Die Blinkfeuer der Leuchttürme zuckten auf und wanderten.

Auch am andern Tag wehte noch der kühle Nebel. An diesem Morgen war die Stadt Cuxhaven grau und nüchtern. Sie hatte ihre Arbeitskleider an. Auf den kleinen Werften prasselten die Presslufthämmer. In den großen Fischhallen lärmte die Auktion. Wie in Altona und Sankt Pauli lagen die Fische in den flachen Kasten: Schellfisch, Schollen, Hechte, Rotbarsche, große flache Rochen und blauschwarze Aalquappen. Wie in Hamburg standen über den toten Fischen die lebendigen Menschen und kauften und verkauften. Das Meer war nicht mehr das Meer. Der Fisch war nicht mehr das freie, in sagenhaften Schwärmen wandernde Tier, der Fisch und sein vielgestaltiges Geschlecht war nur noch eine Ware. Hinter der Ware standen die beiden Hochseefischereien, die sich gegenseitig bekämpften. Sommerschuh bedachte das alles, als er durch die Fischhallen wanderte. Nicht die toten Fische machten ihn kummervoll, kummervoll machte ihn vor allen Dingen die bittere Erkenntnis, das es beinahe nichts auf der Welt gibt, sei es nun Erde, Erz, Kristall, Tier, Pflanze oder Mensch, das nicht durch den Menschen entwertet wird und für dieses glatte Obertier ein gutes Geschäft werden kann, eine Spekulation, ein Börsentipp, ein hundertprozentiger Gewinn.

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