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Deutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise

Max Barthel: Deutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorMax Barthel
titleDeutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise
publisherBüchergilde Gutenberg
year1926
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
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Neuer Frühling

Das schwarze Silber des Teiches zitterte. In ihm spiegelten sich der Himmel und die nach seinem scheuen Blau strebenden Bäume, die das Wasser umstanden. Das Spiegelbild dieser Bäume behielt auch im Teich die samtgrüne Farbe der Natur. Über den Teich führte eine Holzbrücke, deren primitive Architektur wie das Durcheinander der vielen Bäume war und sich genau so wie sie kunstvoll verzweigte. Amseln hüpften zwitschernd durch das nasse, schon wieder grüne Gras. Zwei Krähen flogen krächzend nach den Wiesen des nahen Flusses. Der lichte Purpur der Weiden stand vor den weißen Birkenstämmen wie Feuer, leuchtete auch unter den starren Zypressenruten der Pappeln und vor dem schwarzen Grün des Nadelholzes. Graue Finken schwirrten über den Teich und fielen in das zarte Geäst der Erlen und Buchen klirrend ein. Manchmal sangen sie auch kurz und beglückt. Es waren die letzten Tage vor dem Frühling.

Im Rücken der Anlage aber lag ein dunkler Ton, eine Mauer von Lärm. Dort stand wie Donner und ewige Bedrohung eine große Fabrik. Sie hatte vor Jahren den Wald eines schmalen Hügels abgefressen, die Wiesen verschluckt, die Blumen vergast, die Vögel verjagt und das klare Wasser des nahen Flusses vergiftet. Über zweitausend Männer und Frauen der Stadt waren dieser Fabrik dienstbar. Auch in den Nächten rötete das Feuer ihrer hohen Essen in den Himmel. Auch in den Nächten brauste ihre Unrast laut. Dreizehn Schornsteine ragten von dem verwüsteten Hügel auf, dreizehn graue Essen mit den Fahnen der Arbeit.

Gelassen ging ein junger Mann in den dreißiger Jahren durch diesen Park. Er hieß Karl Sommerschuh, war Journalist und auf dem Wege nach Berlin. In dieser Stadt hier hatte er für seine Zeitung zu tun gehabt, wanderte durch den Park, wartete auf den Zug, sah den unirdischen Glanz des nahen Frühlings, sah auch die dreizehn Essen der großen Fabrik. Da kreuzte seinen Weg eine Mutter mit ihrem Kind. Das Kind war in dem süßen Alter von drei bis vier Jahren und riss mit seinen unzähligen Fragen, die wie ausgestreckte Arme sind, die ganze Welt an sich. Es sah die grauen und schwarzen Vögel, es sah auch die große Fabrik und von ihren Schornsteinen feurigen Rauch aufsteigen.

»Mutter!« schrie da der kleine Mensch, »Mutter, Mutter, die Fabrik brennt!«

Sommerschuh hörte den kleinen Schrei, aber er hatte keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Die Rauchfahne seines Eisenbahnzuges wehte von ferne. Mit raschem Schritt lief er nach dem nahen Bahnhof, aber als er in seinem Abteil saß, musste er an das Kind denken: »Die Fabrik brennt!« Ja, viele Fabriken brennen in der Welt, wenn auch das Feuer der Kesselhäuser die Flammen weckt und Dampf erzeugt. Aber auch ein andres Feuer flammt, in dem die grauen Arbeiter ausgebrannt werden, dachte er, das höllische Feuer ewiger Armut und Arbeit. Mit diesen Gedanken kam er in Berlin an.

Kühl, klar und gläsern waren die Abende über der Jungfernheide. Gegen das Ziegelrot und Scharlach der frühen Sonnenuntergänge stand, ehe das blaue Schweigen kam, die weiße kühle Sonne im ebenholzschwarzen Astwerk der hohen Kiefern. Über dem nahen Hafen wehte noch eine Fahne verspäteten Rauches. Die starre Wand der acht Schornsteine über dem Elektrizitätswerk war wie ein entkronter Wald. Die Wüstenillusion der Rehberge, diese verwehten Sanddünen von der Eiszeit her, brach immer mehr zusammen, seit die Notstandsarbeiter die Hügel einebneten, planierten und Spielplätze und Parkanlagen vorbereiteten.

Die ersten Vögel aus dem Süden waren schon da. Die Amseln sangen selig in den kahlen Kronen der Bäume. Blitzende Flüge pfeilschneller Tauben kreuzten durch den zarten, blauen Himmel, eine Welt spritzender Schaum, ein Flügelschwung Licht, eine harmonische Schleife oder Kurve am Rande der Stadt Berlin, eine phantastische Wanderschrift des Frühlings.

In diesen Tagen, die wir nur kurz beschrieben haben, weil sie jeder Mensch alljährlich neu erlebt, beschloss der Journalist Karl Sommerschuh seine Reise durch Deutschland. Der Schrei eines kleinen Kindes hatte ihn mit aufgeweckt. Sein Wanderkamerad in den ersten Wochen war ein junger Schlosser aus Hameln an der Weser. Er hieß Alfred und war einer von den zwei Millionen Menschen, die keine Arbeit hatten. Brannten die Fabriken? Nein, sie brannten nicht! Viele Jahre hatte Sommerschuh in Deutschland gelebt, aber er war in diesem Lande oft fremder als ein Marsbewohner. Wohl hatte ihn hier die erste Liebe erschüttert und der erste Hass heimgesucht, aber sein Herz war noch jung und hing mehr in den fremden Ländern und Abenteuern. Odessa und Amsterdam, Neapel und Omsk, Stockholm und Astrachan hatte er auf vielen Reisen berührt, doch in den ersten Frühlingstagen des Jahres 1926 zog er mit derselben Weltbegeisterung hinaus wie damals nach Moskau.

Die Schwester von Alfred wohnte in Berlin. Sie hieß Fiete, war mehr interessant als schön und brachte die Freunde zum Bahnhof. Der Himmel war grau. Mit drohenden Wolken und kühlen Winden stand der erste Tag vor den Reisenden. Der Bahnhof war bald erreicht. Die schwarzen Reihen der vielen Eisenbahnzüge dampften schon. Die Feuer unter den Kesseln zischten. Bunte Signale gaben die Strecke frei. Fiete war auf diesem Wege durchaus nicht fröhlich. Sie liebte ihren Bruder sehr. Aber als die Stunde des Abschieds kam, unwiderruflich, da riss sie sich zusammen, heiterte sich auf, machte sich Mut und lächelte. Das Lächeln blieb in ihrem Gesicht auch dann, als sie dem Bruder und dem Journalisten Blumen an die Mützen steckte. Vergissmeinnicht! Als ob die zwei Männer in die Unendlichkeit reisen wollten, Vergissmeinnicht, als ob sie jemals die Heimkehr vergessen würden! Die Lokomotive zog die Wagen an. Da küsste die junge Frau ihren Bruder. Und nun war das Licht da, das Leuchten des Frühlings. Lange wehte das weiße Tuch der jungen Frau abschiedwinkend durch die trübe Halle des Bahnhofs. Viele weiße Fähnlein wehten, doch Sommerschuh und der Schlosser Alfred Eimeck sahen nur das eine weiße, wehende und vor allem anderen schöne Tuch von Fiete. Die Räder begannen zu hämmern. Schienen und Gleisanlagen blitzten. Die Reise begann.

Die Steinquadern und Häuserblocks der Stadt sanken zusammen, gingen unter in sandgrauer Fläche und im Grün kleiner Gärten. Rieselfelder drehten sich vorüber, gelbe Äcker, schwarze Kiefern. Manchmal baute sich auch eine hässliche Häuserreihe auf, doch das Land war schon mächtiger und besiegte die große Stadt. Bald hemmte der Fluss ruhiger Flächen keine Fabrik und kein Häuserblock mehr. Schwarzblau standen die kleinen Wälder gegen den matten Himmel. Der schmale Lauf eines Wassers blitzte wie ein Degenhieb auf. Wie ein silbernes Schild schimmerte der Spiegel eines Sees. Der erste Mensch, mit dem die Freunde ins Gespräch kamen, war ein alter Landstreicher. E nannte sich Heinrich Müller und stammte aus Dessau. Er war Bauarbeiter, da aber trotz der Wohnungsnot sehr wenig Häuser gebaut wurden, wollte er nach Mecklenburg, um bei einem Gutsbesitzer unterzukriechen. Bei allen Fragen richtete er sich demütig von seinem Platze auf, zog oder berührte seinen schmutzigen Hut und antwortet nur mit gedämpfter Stimme.

»Ja, Herr«, sagte er, »Arbeit will ich haben und nicht auf der Landstraße verkommen und vor die Hunde gehen. Zwanzig Mark verdiene ich auf dem Land in der Woche, wenn ich Glück habe. Vielleicht habe ich Glück. Bei Spandau wohnt eine reiche Schwester von mir, aber ich will erst hinaus aus dem Dreck. Sechsundvierzig Jahre bin ich alt, drei Jahre schon habe ich keine Arbeit, und seit der Zeit bin ich immer unterwegs, im Schwarzwald, in Tirol, in Thüringen, und jetzt komme ich aus Bayern.«

Das alles wurde mit leiser Stimme vorgetragen. Neue Reisende belebten das Abteil. Der Mann des Jammers, Heinrich Müller aus Dessau, machte sich so dünn als nur möglich. Er war vollkommene Demut.

Die Landschaft veränderte sich rasch. Die schwarzen Kiefernwälder blieben zurück. Mit moosgrünen Stämmen und zartem Astwerk begannen die ersten Buchenwälder zu prunken. Neue Seelandschaft blitzte vorbei. Aus Schilf und Röhricht flogen wilde Enten auf. Schwarze Ackererde frohlockte über märkischem Land.

Noch einmal kam der Journalist mit Müller ins Gespräch. Und da legte er seine Maske ab. Da war er nicht mehr demütig, als Sonnenschuh erzählte, dass auch er früher auf den Landstraßen gelegen hätte. Im Laufe des Gesprächs kam heraus, dass Heinrich Müller durchaus keine Lust hatte, bei einem Mecklenburger Junker für einen Hungerlohn zu arbeiten. Vielmehr wollte er nach den Ostseebädern, um dort im Frühling seine Kurtaxe persönlich abzuheben. Er kam auch nicht aus Bayern. Vor zehn Tagen war er noch im Hamburger Gefängnis wegen einer Bettelgeschichte gewesen. Dort hatte man ihm, einem neuen Simson, den rauschenden Bart und die langen Haare abgeschnitten. Und damit seine Stärke, seine Maske, seine Verkleidung. Alten Bettlern mit langen Bärten und wallendem Haar wird viel mehr gegeben als jungen bartlosen Burschen. Aber auch ohne Bart und Haare hatte Müller seine Rolle gut gespielt. Als neue Reisende in das Abteil kamen, wagte er kaum zu atmen, setzt sich still auf seinen Platz zurück und stellte seine Lumpen mit gezierter Demut zur Schau.

In Neustrelitz hatten die Freunde einige Stunden Aufenthalt. Sie besahen sich eine lachhafte Kleinstadt (sie kamen ja aus Berlin), staunten in dem großen Park das große Schloss an, gingen mit gelinder Verachtung an den sehr mittelmäßigen Statuen antiker Göttergestalten vorüber und zählten in einer kleinen Straße sieben Schilder ehemaliger Hoflieferanten. Zum ersten Mal sahen sie auch das Mecklenburger Wappen, das von einem Ochsen und einem geflügelten Löwen gestaltet wird. Auf ihren Streifzügen erlebten sie die kleine Stadt. Sie sahen alte Herren, die stolz durch die Anlagen spazierten. In dieser Stadt waren die Arbeiter nur zur Bedienung und zur schweren Arbeit zugelassen. Kleine Stadt in Deutschland, niedrige Häuser und dumpfe Stuben, in die das Leben und die Bewegung des Lebens nur durch die Spiegelkasten vor dem Fenstern hereingeisterte...

Der Himmel war hell und dunkel zur gleichen Zeit. Der Abend brachte Schnee und Sturmwind. Zwischen Licht und Schatten fuhren die Freunde weiter durch das gelbe Grau vieler Felder, das manchmal schon vom ersten Saatengrün leicht überflogen war. Matt und dumpf schimmerte die Seenkette mit offenem Wasser, kristallen leuchtete sie auf mit letztem Eis. Die Sonne kam nur noch für wenige Minuten hoch, um dann in fahle Abgründe zu versinken und die Stadt Waren am Müritzsee ein wenig strahlend zu machen. Dunkle, beinahe gestorbene Stadt mit finsteren Gassen und uralten Häusern, erleuchtete Stuben, Menschen darin, und dann eine einsame Frau, ein kleines Mädchen, eine müde Großmutter. Der Mann ist in der Versammlung. Die Lampe brennt. Viele Bücher stehen in den Regalen. Das kleine Mädchen liest angestrengt in einem wissenschaftlichen Buch. Die stille einsame Frau fertigt behutsam den Schlosser ab und zahlt Reiseunterstützung aus. Gruß und Gute Nacht. Und dann sitzen die Freunde eine halbe Stunde in einem Café. Der Journalist liest die Lokalzeitung und findet zehnzeilige Kurzgeschichten, die von der Oberfläche hinabführen in die Tiefe des Lebens.

Da ist der große schöne See mit blauen Buchten, grünen Inseln, Schilf und schreienden Wasservögeln. Auf einer verschwiegenen Insel wurden Waffen gefunden. Achtzig Maschinengewehre, 5000 Schuss Munition, ein schweres Maschinengewehr und Leuchtraketen. Zur Entenjagd? Nein, zur Menschenjagd!

Und damit das Grausen ganz nahe sei, steht in demselben Blatt eine Statistik über die Gebrechen von Mecklenburg-Schwerin. Über achttausend Menschen sind in diesem kleinen Land taub, stumm, taubstumm, wahnsinnig, schwachsinnig und epileptisch. Über zweitausend Menschen hat der letzte Krieg verstümmelt. Einen Protest gegen die Waffen in dem schönen See fand der Journalist nicht, dafür aber einen geharnischten Protest gegen das Spießen der Hechte, die jetzt die Laichplätze aufsuchen, um sich zu vertausendfachen trotz des jähen Todes, der an den Ufern lauert.

Am nächsten Morgen ganz früh wanderten die Freunde weiter. Die Stadt schlief noch. Nur die Arbeiter und Kontormädchen waren unterwegs. Die Sonne stand golden und feurig am Himmel. Der See blühte aus der braunen Fassung der Felder und am schwarzblauen Samtrand ferner Wälder matt und glühend empor. Im Schilf spielte der Morgenwind. Die Fische stiegen aus dem Schilf empor und zogen nach den Laichplätzen. Einige wurden gespießt, doch die Art blieb am Leben und zeugte neues Leben. Die Vögel sangen im Sonnenschein. Lerchen rankten sich quer durch die Welt. Über die Wege hüpften Goldammern. Nach den Wäldern flogen ebenhozschwarze Krähen.

Vor der Stadt lagerten Zigeuner. Da leuchtete nun der See, da dehnten sich die Felder, da zitterte der junge Wald. Am Rande des Waldes stand eine Wagenburg. Da flackerte ein freies Feuer, am dem vier Männer und drei Frauen lagerten. Eine Handvoll Zigaretten für die Zigeuner knüpften ein Band herzlicher Freundschaft. Um dieses Band noch mehr zu festigen, erhoben sich zwei von den Frauen und führten die Freunde abseits. Die Frau, die aus Sommerschuhs Hand das Schicksal lesen wollte, war ungefähr dreißig Jahre alt und hatte ein freies, wildes Gesicht.

»Ein türkische Frau bin ich«, sagte sie, »und ich kann heilen alle Sprachfehler und Herzschwäche, aus deiner Hand will ich dir sagen Vergangenheit und Zukunft, junger Herr. Lege ein Geldstück auf meine Hand, verstehst du, ich geb' es dir wieder.«

Schwarze Augen sahen ihn an, die Stirn war hoch, der Mund war viel geküsst, also legte Sonnenschuh ein Geldstück in die Hand, panzerte sein Herz mit Spott und lachte.

»Du darfst nicht lachen«, sagte die Frau, »aber du musst noch ein bisserle Geld drauftun, Silbergeld, weißt du. Ich sage dir auch die ganz reine Wahrheit.«

Das Silbergeld war rar, und fünf Groschen taten es am Ende auch. Die Zigeunerin führte Sommerschuhs freie Hand an ihre Brust, schloss damit den uralten, erotischen Kreis und sage dann mit heiserer Stimme:

»Auf einer Reise bist du, und von weit her kommst du, und viel Glück wirst du haben, und gelingen wird dein Vorhaben. Viel Kummer hat dich gequält. Auch eine Frau sehe ich. Klüger bist du geworden, junger Herr, eine neue Liebe steht dir am Weg, geh nicht achtlos vorbei, sie ist dein großes Glück.«

Dann hielt sie inne, machte ein bedenkliches Gesicht und verlangte noch ein bisserle Geld. Dazu sang sie den alten Singsang der Kartenlegerin, den Singsang von Glück und Unglück im Geschäft, den Singsang von Unglück und noch mehr Glück in der Liebe; sie sang das, was die Menschen gerne hören wollen. Zum Schluss kam ein »Amen«. Der Journalist musste es wiederholen, dann durfte er dreimal über das Geld in der geschlossenen Hand blasen. Sommerschuh blies mit großer Begeisterung, denn die Zigeunerin war schön. Sie öffnete auch ihr Hemd und zeigte ihm die nackte Brust.

Wer kann an einem frühen Morgen an einem silbernen See der schönen Landschaft nackter Brüste widerstehen? Sommerschuh konnte es nicht. Er warf noch einige Groschen in das Hemd der braunen Frau, gab ihr das Geld in die geschlossene Hand und lief ganz schnell aus dem Mittelalter und Aberglauben in den glockenhellen Sonntag, in die duftenden Wälder, auf die klingende Straße. Alfred rannte, vom Gelächter geschüttelt, hinterher. Dann verglichen sie ihre Weissagungen und fanden heraus, dass die zwei Frauen beinahe wörtlich dasselbe Lied gesungen hatten.

Der Reif des Morgens glänzte im Licht. Sie wanderten weiter, sangen die alten Lieder, sahen schimmernde Rehe, flinke Hasen, grüne Saat, das klare Blau des Himmels und kamen, im Ohr noch den röhrenden Schrei der wilden Enten, nach Malchow. Ehe sie die Stadt erreichten, wehte ihnen über schmale Hügel Rauch entgegen. Von Malchow ist nicht viel zu erzählen. Er liegt an einem See, ist ein kleiner Badeort, und dem Bürgermeister Meyer, der vor 70 Jahren einen Fahrdamm durch das Wasser legen ließ, ist ein schöner Denkstein gesetzt worden. Ein andrer Denkstein ist ein Kriegerdenkmal mit einem nackten Soldaten, von dessen Schild ein Hakenkreuz klotzt. Der Hauptgeldgeber für dieses Denkmal war ein Jude. Das Hakenkreuz war der Dank für ihn. Mit dem nächsten Zug reisten die Freunde weiter durch das Land Mecklenburg über Parchim nach Ludwigslust, durch das Paradies der Junker, die ihren Landarbeitern einschließlich Deputat fünfunddreißig Pfennig Stundenlohn zahlen, den Frauen kaum zwanzig, also auch da war noch das Mittelalter und nicht nur bei den Zigeunern am Müritzsee. Am Abend kamen die Freunde nach Boitzenburg an der Elbe. Die feurige Wand des Himmels stand über dem breiten Wasser des Flusses, zuckte und zerfiel ins Aschgraue. Der Zauber des Abends verging sehr rasch. Die Werft lag still. Arbeitslose standen am Hafen. Der Hafen war verödet. In der großen Plattenfabrik arbeiteten polnische Arbeiter an manchen Tagen in sechzehnstündiger Schicht. In Boitzenburg selbst gab es achthundert Arbeitslose. Das Nachtquartier fanden die Freunde in einer Herberge; sie kamen mit einigen Handwerksburschen zusammen, die von Hamburg erzählten und den letzten Winter verfluchten.

Von Boitzenburg an beginnen schöne Hügel am Elbufer zu schwellen. Dann hört die Schönheit plötzlich auf. Ein Herrensitz stellt Gitterzäune in die Freiheit der Landschaft. Die Freunde überstiegen das Gitter, wanderten durch den gepflegten Park, kamen durch grüne Wälder und standen dann vor einem braunen Feld, hinter dem sich ein großer Buchenwald vollkommen gotisch aufbaute. Auf der Landstraße trafen sie über ein Dutzend Tippelbrüder, junge und alte, Patrouillen der großen zerlumpten Armee arbeitsloser Menschen, die auf den deutschen Landschaften marschieren. Dann erreichten sie Lauenburg, eine weithingestreute Stadt an grünen Hügeln, sahen das mächtige Überschwemmungsgebiet der Elbe, wilde Gänse und schreiende Möwen.

Was sollten sie lange in Lauenburg verweilen? Der Fluss strömt zum Meer, die Weltstadt Hamburg ist in der Nähe, die kleinen Werften Lauenburgs hämmerten und klapperten, der Mensch war wieder am Werk, der Kanal, die Eisenbahn, die Werft, die Fabrik. Am Elbe-Trawe-Kanal ratterte der Zug. Der Kanal war wenig belebt. Bald verließen sie diese Strecke und fuhren durch den Sachsenwald nach Norden. Das Idyll grüner Wälder, schöner Täler und Hügel war bald vorbei. Wie ein Film rollte alles ab. Schon rauchten die Fabriken von Bergedorf. Der Zug füllte sich. Kaufleute und kleine Schieber fuhren nach Hamburg zurück. Alle Waggons waren in den Dienst der nahen Stadt gestellt, und der lange Zug war nichts als ein grauer rasselnder Kurier vom Zentrum nach den Vororten.

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