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Deutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise

Max Barthel: Deutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise - Kapitel 15
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typefiction
authorMax Barthel
titleDeutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise
publisherBüchergilde Gutenberg
year1926
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
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Der Ausgleich

Das Hotel war ein Stundenhotel und lag am Gürtel unweit des Bahnhofs. Um sich von dieser Enttäuschung zu erholen, bummelte Sommerschuh mit Geipel die Mariahilfer Straße entlang. Der erste Mensch, den sie ansprachen, war ein Genosse. Vom Ring her schwärmten erregte Gruppen alter und junger Leute. Das Sportfest der Deutschen Turner hatte begonnen. In den Straßen hingen noch die Fahnen. Heute waren auch die letzten Gäste vom Arbeiter-Turn- und -Sportfest abgefahren, nach Berlin und Riga, nach Helsingfors und Graz. Große Verbrüderungen hatten Wien erschüttert. Der Einzug der deutschen Turner unter den kaiserlichen Fahnen war mehr eine Gegendemonstration als ein Bekenntnis zum geeinten Deutschland.

Die letzten acht Tage waren ein Lobgesang auf den Sozialismus gewesen. An einem Sonntag marschierte das proletarische Wien auf, das nichts zu tun hat mit jener verlogenen Geschichtsschreibung, die jetzt in den Lichtspielhäusern als Film von der schönen blauen Donau abrollt. Die Schmiede marschierten, die Straßenbahner, die Studenten, die Kanalräumer, die Lehrer, die Bauarbeiter, die Buchdrucker, die Ingenieure, die Holzarbeiter und die Mechaniker, die sich in der Partei, in den Gewerkschaften, in den Sportvereinen und in den Kulturverbänden in den letzten Jahren gesammelt hatten. Hunderttausende marschierten, und andre Hunderttausende säumten die Straßen und die Boulevards. Vier Stunden dauerte der Vorübermarsch der proletarischen Kolonnen. Auch noch in jener Nachtstunde, als die Freunde mit dem Wiener Genossen, es war ein abgebauter Bankbeamter namens Landesberg, durch die Straßen wanderten, den Ring und die Kärntnergasse streiften, vor der schwarzen Steinfontäne des Stefandoms standen und dann in einem Café saßen, auch diese Nachtstunde war noch erfüllt vom heiteren Lärm jenes Arbeiteraufmarsches. Der Gesang der deutschen Turner konnte den Lärm nicht mehr bezwingen, den heiteren Lärm des Sieges, der die Straßen und Steine der Stadt Wien erfüllte und wie eine goldene Donnerwolke über allen Dingen schwebte.

Vor rund sechzig Jahren entstand in Wien die erste Zelle des Arbeiterbildungsvereins. 1869 demonstrierten 15 000 Arbeiter für das Koalitionsrecht. 1870 kommt der berüchtigte Hochverratsprozess gegen Scheu und Oberwinder, bringt Kerker und die Auflösung des Arbeiterbildungsvereins. Die Amnestie im nächsten Jahr macht die unterirdische Bewegung wieder legal. Auf dem Geheimkongress der Partei im Jahre 1874 kommt die erste Spaltung. 1892 wird der Metallarbeiterverband gegründet, und einige Jahre später gründet ein Metallarbeiter den Arbeitertouristenverein »Die Naturfreunde« und gibt damit den Anstoß zu jener gewaltigen Arbeitersportbewegung, die in den letzten Jahren viele Millionen Proletarier erfasst hat. 1897 sind die Wahlkämpfe entbrannt und bringen der Partei 14 Abgeordnete. 1907 werden 87 Sozialdemokraten ins Parlament gewählt. Der Jammer des Nationalitätenstreits im alten Österreich wirkt sich auch in der Arbeiterbewegung aus. Die unterdrückte slawische Jugend ist revolutionär und stößt zum größten Teil zur Arbeiterklasse. Vor dem Krieg gibt es in Wien schon viele sozialistische Studenten, Ärzte, Bankbeamte und Techniker. Auch in Österreich ist die Geschichte der Arbeiterbewegung eine Geschichte der Spaltungen und Wiedervereinigungen und des Ausnahmezustandes, der Gefängnisse und Kerker. Slawische, ungarische, italienische Blutströme treffen mit dem deutschen Blutstrom Wiens zusammen, und ihr Ineinanderfließen baut mit an einer sozialistischen Großstadt inmitten kapitalistischer Umwelt.

Von den knapp zwei Millionen Einwohnern der Stadt Wien sind über 3 000 000 organisierte Sozialisten. Jeder dritte Mann in Wien ist Genosse. Die Stadt ist in der Verfassung der österreichischen Republik ein Bundesstaat wie Tirol oder Steiermark. Das Stadtparlament ist zugleich Landesparlament wie in den deutschen Hansestädten. Wenn Paris Frankreich ist, so ist in viel größerem Ausmaß Wien Österreich. Die Arbeiter eroberten sich nach dem Krieg die Mehrheit im Gemeinderat und festigten sie in den kommenden Jahren. Die Revolution brachte von 175 Gemeinderatsmitgliedern 100 Sozialdemokraten. Über vier Jahre praktische Arbeit und Neuwahl: unter 120 Gemeinderatsmitgliedern sitzen 78 Genossen. Die Stadt teilt sich in einzelne Bezirke. Der Gemeinderat wählt den Bürgermeister und den Stadtsenat. Daneben arbeiten für die Verwaltung acht Ausschüsse. An der Spitze der Ausschüsse steht ein amtsführender Stadtrat. Er wird vom Gemeinderat gewählt und kann jederzeit, wenn er das Vertrauen verloren hat, abberufen werden. Das ist in groben Umrissen der verwaltungstechnische Aufbau der Stadt Wien.

Von der Verwaltungstechnik kann keine Stadt leben und kein Mensch glücklich sein. Es bleibt den Wiener Arbeitern vorbehalten, diese kühle Technik auszubauen zu einer Technik des Glücks für die große Mehrzahl der Bevölkerung. Die Hauptquelle des Glücks entspringt nicht nur der proletarischen Finanzpolitik, die das Vermögen und den Luxus sehr hoch besteuert, die Hauptquelle entspringt der Geschlossenheit des Proletariats. Der nächste Tag führte Sommerschuh hinaus an den Rand der Stadt nach Nußdorf, wo die Weinberge beginnen, die Donau strömt und schöne Landschaft die Brust weit macht. Er besuchte die Arbeiterhochschule, die in einem kleinen Lustschloss der Kaiserin Maria Theresia ihr tapferes Leben lebt und die schönen, alten Gemächer mit dem Herzschlag unsrer Zeit erfüllt. In jenem Schloss waren dreißig junge Arbeiter und Arbeiterinnen aus den Betrieben und aus den Büros, eine menschliche Gemeinschaft junger Kameraden, die von ihren Organisationen ein halbes Jahr zum Studium delegiert waren, um die Arbeit mit der Wissenschaft zu vermählen. Sie standen am Schluss ihres Studiums, und Gruß und Gegengruß war: »Freundschaft«!

Sommerschuh hörte die letzten Stunden der Prüfung, Vorträge über das alte Österreich, über die Geschichte der Arbeiterbewegung und die weltpolitischen Zusammenhänge. Die Schüler waren keine dressierten Studenten, in ihren Vorträgen spürte man die Mühe der Forschung und die Freude am geistigen Besitz. Mitten in dem Bericht eines jungen Arbeiters schrien die Sirenen einer nahen Fabrik. Der Lehrer und Leiter dieser Schule deutete diesen heiseren Schrei dahin, die sechst Monate Freiheit seien nun vorüber, der Schrei der Fabrik sei zugleich der Schrei der Kameraden. Die Fabrik riefe und die graue Armee des Proletariats. Und die Antwort auf diesen vielfachen Schrei war: »Freundschaft! Freundschaft!« Mit jenen dreißig Schülern aus Österreich besuchte der Gast am Nachmittag den proletarischsten aller Arbeiterbezirke, Favoriten, und besichtigte das Amalienbad. Der Weg führte durch graue, trostlose Straßen, an Wohnkasernen und Fabriken vorüber durch das versteinerte Elend, aber vor der Wand des Jammers erhob sich groß und mächtig ein schöner Baublock: das berühmte Bad der Stadt Wien. Dieses Bad ist den Augen eine Wohltat und dem Herzen ein Wohlgefallen. Es wurde in den Jahren 1923 bis 1926 unter den Bürgermeistern Jakob Reumann und Karl Seitz erbaut. »Dieses Bad«, las Sommerschuh auf einer Tafel, »führt seinen Namen zur Erinnerung an Amalie Pölzer, Gemeinderätin der Stadt, geboren 27. Juni 1871, gestorben am 8. Juni 1926. Amalie Pölzer war eine Kämpferin für die Rechte der Arbeiterschaft, zugleich aber in ihrer zärtlichen, mütterlichen Güte eine nie rastende Beraterin und Helferin aller Bedrückten.

Die Gemeinde ehrt diese schlichte, durch die edelsten Eigenschaften ausgezeichnete Frau, indem sie das größte und schönste Bad der Stadt Wien nach ihr benennt.«

Ein schöner Treppenaufgang mit viel Licht führt mitten in das Herz des Bades, in die große Schwimmhalle. Sie ist über 30 Meter lang und über 12 Meter breit. Das Wasser ist klar und blau wie ein Alpensee. Von den obenliegenden Kabinen nach der Schwimmhalle gehen die Wege durch Reinigungsbäder, Duschen und Fußwannen. Der Mensch, der die Schwimmhalle zu sehr liebt und die Duschen vorher verachtet, muss doch, ehe er sein Ziel erreicht hat, durch ein Fußbecken. Die mohammedanischen Moscheen müssen ohne Schuhe betreten werden. Das neue Bad der Stadt Wien ist auch ein Heiligtum. Es nimmt nur Gäste mit sauberen Füßen auf.

Die Schwimmhalle überdeckt ein verschiebbares Dach, damit die Sonne auf die nackten Leiber stürzen kann. Breite Tribünen für die Zuschauer bei Wettkämpfen sind aufgebaut. Sprungtürme und Sprungbretter stehen da. Über der Schwimmhalle gibt es verschiedene Abteilungen und Kabinen. Es gibt Schlammbäder, Gasbäder, elektrische Bäder und Solbäder für die Kranken. Man findet auch Dampfbäder und Ruhehallen, Brausen und Duschen, Räume für Massage und Hand- und Fußpflege. Auf dem flachen Dach sind Sonnenbäder und Luftbäder eingerichtet. Durch das ganze Haus strömt frische Luft. Die Gänge und Wände und Treppen sind aus erlesenem Material, sie leuchten vor Sauberkeit. Man sieht sehr viel Mosaik, Glas- und Kachelverkleidung, und zuletzt erlebt man noch wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht den bunten gewölbten Raum über dem Warmwasserbecken der Dampfbadeabteilung. Das Eintrittsgeld für dieses Bad ist dem Charakter des Stadtbezirks angepasst und beträgt nur wenige Groschen.

Das Amalienbad ist ein Hymnus auf die Heiligsprechung des menschlichen Leibes, ein Hymnus auf die geschundenen Zweihänder, die ihren Leib nur zur Arbeit und Zeugung haben und sich erst hier des zweiten Daseins bewusst werden: der Freude an sich selbst und damit der Freude an der Welt. Dieses Bad ist »ein Symbol des Aufstiegs der Arbeiterklasse zur neuen Kultur«, wie es in einem Werbedruck der Wiener Stadtverwaltung heißt, in dem berichtet wird, dass im Jahre 1913 etwas über vier Millionen Besucher in den Gemeindebädern gezählt wurden, und dass es im Jahre 1925 über sechs Millionen waren, trotzdem sich die Bevölkerung Wiens seit dem Jahre 1913 um 250 000 Einwohner verringert hat.

Über eine Stunde ging Sommerschuh mit seinen Freunden durch das Bad an den Hallen und Kabinen vorüber, er sah und bewunderte die Heilbäder und die animalische Fröhlichkeit der Schwimmer. Mit den Paternoster-Aufzügen fuhren sie nach dem Dachgarten und blickten in den Jammer der alten Mietkasernen, die damals gebaut wurden, als Wien noch Kaiserstadt war. Auch dieses Bad schwebte nicht in der Luft, es stand auf dem technischen Untergrund vieler Maschinenhallen, dem heftigen Sausen großer Feuer und Wasserzuflussrohre. Vom Amalienbad aus ging Sommerschuh mit Geipel zu den neuen Wohnstädten, die wie Springbrunnen aufsteigen oder wie rauschende Wälder im Sommern!

Auch der Reumannshof, der seinen Namen nach dem ersten proletarischen Bürgermeister Wiens bekommen hat, steigt wie ein Springbrunnen und rauschender Wald im Sommer auf. In dem blühenden Vorhof der Wohnstadt, in der über 6000 Arbeiterfamilien menschlich leben, steht die Bronzebrüste Reumanns. Große quadratische Würfel erheben sich. Ihre kühle Fläche wird durch viele Blumen an den Fenstern unterbrochen. Die großen Höfe sind schön wie Oasen. Kindergärten, gemeinschaftliche Waschküchen und Baderäume gliedern sich an. Jede Wohnung ist lebendig wie eine Blume und wendet ihr Gesicht der Sonne zu. Viele Gärten zieren die Höfe aus. Auch der Reumannshof ist aus den Erträgnissen der Wohnbausteuer errichtet worden. Diese Steuer ist klein und gerecht, weil sie die proletarischen Wohnungen und Mittelstandshäuser schützt und nur 2 bis 6 Prozent des Vorkriegszinses heranschleppt. Sie ist groß und noch gerechter, weil sie die Luxuswohnungen bis zu 36 Prozent besteuert. Der gesamte Betrag dieser Steuer ist für das Jahr 1926 auf rund zwanzig Millionen Mark veranschlagt und für Neubauten berechnet, die aus der Unkultur früherer Mietkasernen als Schulen, Kindergärten, Bäder und proletarische Siedlungen aufblühen. Vor einiger Zeit wurde in Wien die fünfundzwanzigtausendste neue Arbeiterwohnung gebaut. Der Mietzins ist sehr klein und erreicht, um ein Beispiel zu geben, kaum die Hälfte des deutschen Zinses. Vor dem Krieg gab es in Wien für das Proletariat die schlechtesten Wohnungen. In den neuen Bauten steht in ganz Europa die Wohnkultur der Wiener Arbeiter mit an der Spitze.

Die Grundsteinlegung eines neuen Häuserblocks ist für Wien ein Fest. Die fünfundzwanzigtausendste Wohnung wurde in dem Vorort Florisdorf jenseits der Donau errichtet. Die Arbeiter der Straßenbahn sangen die Bundeshymne. Der Genosse Bürgermeister und der Bundespräsident des Landes Wien hielten eine Ansprache. Zu der steinernen Ballade des neuen Hauses hatte der Dichter Josef Luitpold Stern ein Gedicht geschrieben: »Die neue Stadt.« In diesen Versen weht Geist vom Geist der neuen Zeit.

»Selig sind,« singt Stern, »selig sind, denen das Herz ergrimmt vor den niedrigen Sinnen der Satten...

Ihr Sonntag heißt: Grundsteinlegen zu neuen Heimen oder die Pforten ragender Häuser staunend, dankbaren Wohnern öffnen. Selig die Menschen der kommenden Tage, er kennt nicht die Steinschlucht der bösen Straßen, er kennt nicht das Schrecknis lichtlosen Atmens. Die allzu kurze Spanne des Lebens wird er sich heimisch fühlen auf der wohnlich gewordenen Erde. Die Städte werden seinem Anblick wohlgefallen wie Symphonien an seinem Ohr. Jedes Tor Pforte der Schönheit, jedes Fenster Auge der Klugheit!«

Sommerschuh besuchte noch viele Gemeinschaftshäuser. Mitten in der Stadt am Gürtel, jenem zweiten grünen Ring, der Wien umschließt, waren Planwiesen und Freibäder für Kinder eröffnet. Natürlich gab es auch viel Elend in Wien, grausame Proletarierviertel, in denen die Luft verpestet war und die Freude totgeschlagen wurde. Auch in Wien tanzte noch das Hackmesser sozialer Unterschiede und Klassenteilung, aber der Neubau hatte begonnen. Seine Grundrisse waren vorgezeichnet und überstrahlten jenes romantische Bild von Wien, das sich in den Herzen der kleinen Mädchen und in den Manuskripten der Filmschreiber festgesetzt hatte.

In Deutschland enden dieses Jahr zwanzig bis dreißigtausend Menschen durch Selbstmord. Unter allen Geburten sind jährlich achthunderttausend Totgeburten. Die Sterblichkeit der Kinder aus dem Proletariat ist fünfmal so groß wie die der Bourgeois. Dieser Bericht könnte auch aus Wien ergänzt werden. Auch Paris oder Madrid liegen nicht im Paradies, auch diese Städte liegen an der Pforte der kapitalistischen Hölle. Es wird einmal eine Zeit kommen, in der der Wert eines Staates nicht nach seinen Rüstungsausgaben gemessen wird, sondern nach seiner Fürsorge für die Hilflosen der Gesellschaft, an den Kindern und alten Leuten.

In einem Wiener Arbeiterbezirk steht die »Kinderübernahmestelle«. Auch sie ist aus den Mitteln der Wohnbausteuer errichtet und steht wie ein Palast neben jenem verwahrlosten Haus, in dem früher die Stadt Wien für die verwahrlosten Kinder sorgte. Die Stadt Wien ist kein Paradies, auch dort gibt es noch Jammer und Elend genug. Aus dem Elend der dunkelsten Bezirke werden in der Kinderübernahmestelle die wehrlosesten aller Geschöpfe, die kleinen Menschen, gesammelt, beruhigt, geheilt und in helfende Schwesterhände weitergegeben. Auch dieses Haus ist wie der Reumannshof oder der Fuchsenfeldhof eine harmonische Stadt voller Schönheit, Licht und Liebe. Die Babys kommen hierher, die Fünfjährigen, die Zehnjährigen. Sommerschuh lief mit einem Menschendoktor durch das Kinderhaus, das alle anderen Bauten der Umgebung überragt, wie im Mittelalter der Dom die Stadt überragte. Die Kinder aus dem Schmutz der Großstadt kommen meistens krank und abgerissen in dieses Heim. Sie werden ärztlich untersucht, und in den drei bis vier Wochen, in denen sie Gast sind, wird über jedes Kind Buch geführt, seine Stärken und seine Schwächen werden studiert. In den drei bis vier Wochen ordnet sich der kleine Mensch und geht dann in die Kinderheime oder in die Stuben liebevoller Pflegeeltern. Wie das Amalienbad, so glänzt auch das Kinderhaus von Reinlichkeit. Jedes Stockwerk ist wie ein Schmuckkasten. Neben den lebendigen Kindern, den Babys, die mit ihren Müttern auf sonnigen Veranden wohnen, und neben den Zwölfjährigen, die sich lachend durch die hellen Stuben bewegen, reihen sich am Stiegenhaus die steinernen Figuren gemeißelter Kinder empor. Das schönste Bildwerk ist der Mutter mit dem Kind geweiht und heißt: »Die helfende Mutter.«

Der Reisende ging auch zu den Meistern, die jene Musik der Menschenliebe erbauen ließen: er besuchte seine Genossen im Hause der Partei. Das Haus der Partei in Wien liegt in trostloser Gegend am kleinen Flusslauf der Wien und ist von greulichen Häuserblocks und schwarzen Fabriken umgeben. Aber an diesem kleinen Fluss springen die Quellen der schönen Stadt aus den Besprechungen der Genossen auf. Auch Sommerschuh besprach sich mit den Genossen. Die Frucht der Gespräche waren viele Besuche in der Stadt, im Rathaus, in der Arbeiterhochschule und im Schloss von Schönbrunn. Ehe er weiterging, notierte er sich, dass die sozialistische Gemeinde in den Schulen die unentgeltliche Abgabe der Lehrmittel an alle Kinder, an arme und reiche, durchgeführt hat. Er notierte sich, dass in Wien in keiner Klasse mehr als dreißig Kinder unterrichtet wurden, während in den bürgerlich regierten Ländern, wie Tirol, Niederösterreich und Salzburg, fünfzig bis siebzig Kinder in einer Klasse zusammenhockten. Er notierte sich, dass aus der ganzen Welt Kommissionen nach Wien kamen, um das Schulwesen zu studieren. Sie kamen aus Japan, aus Russland, aus Deutschland, aus Belgien, aus Frankreich, aus Amerika, aber sie kamen nicht aus Tirol, Niederösterreich oder Salzburg. Auch das vermerkte sich der Journalist, dass jeden Abend in Wien über achthundert Versammlungen von der Partei, von den Gewerkschaften und von den Kulturorganisationen einberufen und überfüllt sind. Noch viel mehr notierte sich Karl Sommerschuh. Als er nach Schönbrunn hinausfuhr und hinter dem prunkvollen Schloss den Zauber des großen Parks sah, die leuchtenden Blumenbeete, die goldgrünen Taxushecken, die smaragdenen Wiesenfelder, die vielen Wasserkünste und die marmornen Standbilder, da lachte sein Herz, denn der große schöne Park gehört dem ganzen Volke. Das inselgrüne Glück erlebten nicht mehr einzelne. Hunderttausende schwärmten jeden Sommer durch diese Anlagen. Über den Prachtsälen und Prunkräumen des Schlosses Schönbrunn, das immer eine Zuflucht der Habsburger war, hatten sich die Leiter der »Kinderfreunde« eingenistet. Aus einem Zimmer des Schlosses, aus dem so viele goldene Märchenvögel aufgestiegen sind, flogen auch die roten Falken los. Als Sommerschuh von der Ostsee nach Berlin zurückkam, hatte er von den Roten Falken geträumt. In Wien aber lebten sie und zogen durch die Länder der Alpenrepublik und bauten ihre Nester auch schon in Deutschland auf. Die Roten Falken sind ein Teil der österreichischen Kinderbewegung. In der Verfassung ihres Bundes schmilzt sich die romantische Sehnsucht junger Jahre in den Kampf ihrer Klasse ein. Aus dem Horste des Genossen Tesarek flogen die ersten Falken auf. Es gab ihnen folgende Flugrichtung:

»Rote Falken werden mit einem Mindestalter von zwölf Jahren aufgenommen und heißen Jungfalken. Nach ungefähr einem halben Jahr, nach abgelegter Prüfung, legen die Jungfalken das Gelöbnis ab und sind Rote Falken.

Die Horde ist die kleinste Gruppe. Sie umfasst ungefähr zehn Rote Falken oder ebenso viele Jungfalken. Der Führer der Horde ist der Hordenführer. Er wird vom Gruppenführer vorgeschlagen und in der »Zausestunde« von der Horde bestätigt oder abgelehnt. Jungfalken sind in der Regel keine Hordenführer.

Alle Horden eines Ortes bilden die Gruppe. Die Gruppe entspricht der Gruppe der »Schul- und Kinderfreunde«, der Führer ist der Gruppenführer und muss von der Ortsgruppenleitung der »Schul- und Kinderfreunde« bestätigt worden sein.

Alle Gruppen eines Landes bilden den Kreis und alle Kreise zusammen den Bund.

Wir führen bei den Roten Fahnen einfache Fahnen und Wimpel. Nicht nur, weil es unseren Kindern gefällt, und weil wir ein Zeichen brauchen, das allen Leuten, den Genossen und den Gegnern zeigt, wer wir sind, sondern weil es auch praktisch ist. Kommen viele Horden und Gruppen zusammen, so bilden Wimpel und Fahnen gute Punkte für Sammelplätze.

Jede Horde führt einen Hordenwimpel. Doppelseitiges rotes Tuch, gleichschenkliches Dreieck. Auf beiden Seiten sind Kreise aus weißem Stoff. Auf dem einen Kreis in schwarzer Silhouette das Hordenzeichen, nach dem die Horde sich benennt. (Panther, Schlange, Eule, aber auch Werkzeuge, Hammer, Zange, Winkeleisen, Amboss...) Auf der anderen Seite ein roter Falke auf weißem Feld.

Unsre Buben und Mädels sollen sich von den anderen Proletarierkindern möglichst wenig unterscheiden. Sie tragen im Sommer zur kniefreien Hose (zum kurzen Rock) das Pfadfinderhemd oder die Wanderbluse mit aufgesteppten Taschen. An der linken Brustseite wird das Falkenzeichen getragen. Am linken Ärmel sind die Führer- und Prüfungszeichen. Hut tragen wir keinen.

Rote Falken grüßen einander durch Erhebung der rechten Hand, Handfläche dem Begrüßten gegenüber, mit dem Gruße ›Freundschaft‹. Dabei ist der Körper straff. Der Gruß ist für alle gleich. Der Rote Falke bekennt sich zur Arbeiterklasse.

Der Rote Falke ist seinen Genossen stets treu.

Der Rote Falke sieht jeden arbeitenden Menschen als Freund und Bruder an.

Der Rote Falke ist stets hilfsbereit.

Der Rote Falke achtet jede ehrliche Überzeugung eines andern, auch dann, wenn er sie bekämpft.

Der Rote Falke führt stets die Anordnungen seines gewählten Führers aus.

Der Rote Falke ist mutig und nie verzagt.

Der Rote Falke ist wahr: auf sein Wort kann man bauen. Er ist zuverlässig und pünktlich.

Der Rote Falke ist rein in Gedanken, Worten und Taten.

Der Rote Falke ist enthaltsam und Bekämpfer aller Rauschgifte.

Der Rote Falke hütet seinen Körper und stählt ihn.

Der Rote Falke ist ein Freund und Beschützer der Natur.«

An einem Sonntag zogen Sommerschuh, Geipel und Landesberg in das zärtliche Wien hinaus und waren Schwärmer unter vielen tausend Schwärmern, die an der Donau verweilten, an den sanften Wiesenhängen lagerten, im sommerlichen Wald rasteten oder auf die Berge stiegen. Sonne und Schatten, Waldhörnerklang, schöne Mädchen, die wie Vögel flatterten: der erhitzte Tag stand wie eine gläserne, singende Glocke über den Weingärten, Wiesen, Wäldern und Feldern. Der Wiener Wald stieg auf mit der grünen Brandung schöner Berge und Schluchten, einsamer Wege, die Liebesleute glücklich machten. Leuchtende Wiesen dehnten sich endlos und waren heitere Lagerplätze für viele Wanderer und Turner. Sommerliche Landschaft voller Duft und Überschwang, in deren Kessel die Stadt Wien funkelte.

Das leuchtende Wien!

Das donnernde Hamburg!

Und wenn man es recht bedachte, ging auch von Hamburg ein Leuchten aus, das aus derselben Flamme sprang wie in Wien: aus der Arbeitersolidarität. Sommerschuh entsann sich auf der Heimfahrt des Hamburger Besuchs und dachte, als die Dona an den schönen Bergen vorüber durch den Wein der Abendröte schäumte, an den Elbstrom und an das Werk der Proletarier in der »Produktion«, jener großartigen Vereinigung von über hunderttausend Menschen in der Konsumgenossenschaft.

Über fünfundzwanzig Jahre wurde an dieser Organisation gebaut. Aus ganz kleinen Anfängen heraus entwickelte sich der Riesenbetrieb, der heute eigene Fabriken, Lagerplätze, Schiffe, Fuhrparks, Milchwirtschaften und so weiter in festen Händen hält und im letzten Jahr, um ein Beispiel zu geben, über zehn Millionen Mark Spargelder verwaltete und tausend Kinder in das eigene Heim an die Ostsee schickte. Auf welchem Grund baute sich die »Produktion« auf? Buchdrucker, Tabakarbeiter, Maurer, Musiker, Angestellte, Kupferschmiede, Schneider, Hafenarbeiter, Seeleute, Schiffszimmerer, Holzarbeiter, Vergolder, Buchbinder, Ehefrauen und Witwen: das war der dunkle Grund, auf dem sich eine so leuchtende Vereinigung aufbaute. Aber auch eine Handvoll Schriftsteller, Heilkundiger und Techniker hatten sich angeschlossen.

Fünfundzwanzig Jahre Produktion, und das ist fünfundzwanzig Jahre Kampf. Siegreicher Kampf. Eine Ziegele in Lauenburg, eine Nährmittelfabrik und chemische Abteilung, einige Kaufhäuser und Wohnhäuserblocks, landwirtschaftliche Betriebe, eine Molkerei, in der im letzten Jahr rund viereinhalb Millionen Liter Milch verarbeitet wurden. Die Produktion war nicht nur der Bauch Hamburgs, der in einem Jahr für sieben Millionen Mark Schlachtvieh aufkaufte, über dem Bau bestand das klare Gehirn einer wirtschaftlichen Verbindung und neben dem Hirn das heiße Herz großer Zukunftsgläubigkeit. Und diese Produktion war nur eine einzige Organisation in dem mächtigen Bund der deutschen Konsumvereine, die ebenso gut wie in Wien mit am Ausgleich schufen und eine neue Lebensgemeinschaft mit vorbereiteten.

Natürlich dachte der Reisende auch noch an die andern Bünde und Verbände seiner Klasse, er dachte an die Arbeiterbank, an die Bauhüttenbewegung, an die vielen Berufsgenossenschaften, die im Lande aufblühten, und vor allen Dingen an die Kulturvereinigungen, die das Theater, die Musik und die Wissenschaft eroberten. Nicht mehr abseits und voller Hass und dumpfer Wut standen die Proletarier: sie regten neben den Händen ihre Herzen und Gehirne, um die Welt zu verändern.

Der Eisenbahnzug hämmerte durch die Nacht. Ein Gewitter stand am Himmel und zeigte für einige Sekunden, wenn die grellen Blitze zuckten, die friedvolle Landschaft. Regen stürzte über die Erde. Der helle Tag brachte die traurige Stadt Bitterfeld, umdroht von den schwarzen Kohlenkratern, aber die herrischen Leitungsmaste der nahen Kraftstation Tzschornewitz rissen diese Stadt aus dem Dunkel flammend hin nach Berlin, das sich brüllend aus dem Sand der Mark Brandenburg erhob.

In Berlin erlebte der Journalist an einem Sonntag den Aufmarsch der Gewerkschaften, viel gewaltiger und geschlossener noch als den Pfingstzug der Frontkämpfer. Das ganze schaffende Volk war in Bewegung, das Volk der Fabriken und Betriebe, das unsterbliche Volk trotz aller Opferungen. Der Sommer war vorbei. Der Herbst berührte die Welt. Auf den Feldern wurde die Ernte eingeholt. Auch Sommerschuh holte seine Ernte ein. ER reiste in den Harz. Fiete, die mit am Beginn seiner Wanderschaft stand, war bei ihm. Sie fuhr nach Hameln. Ehe sie aber die Mutter küsste und den Bruder umarmte, stieg sie mit dem Journalisten auf den Brocken. Für einige Minuten leuchtete das Land unter ihnen. Dann kam der Nebel und verhüllte alles.

Der Journalist wanderte schweigend durch den Nebel über den wüsten, baumlosen Berg. Riesige Granitblöcke liegen gesprengt an seinen Flanken. Große Steinfelder fallen zur Tiefe. Phantastische Felsen bauen sich auf. Dazwischen liegen Sümpfe und Moräste. Wildwasser stürzen schäumend ab. Ringsum stehen sausende unberührte Wälder, und Täler sind zu sehen, so schön wie das Tal zwischen den Brüsten eines Mädchens.

In den Spätsommernächten beginnt oft über den schweigenden Feldern und Wiesen Musik zu tönen, die jenseits der irdischen Töne singt. Die Winde berühren die Gräser und Blumen, und der Rhythmus ihrer Bewegung und der Duft ihrer Arbeit vereinigt sich zu einem ruhigen Schleifen. Dunkle und schwermütige Stimmen kommen aus der Erde, aus den Quellen und dem Zusammenfließen des Wassers, aus dem fast seufzenden Gewirr der Wurzeln. Heller Silberschrei springt ganz tief empor, wenn die Kristalle und Erze bauen. Der machtvollste Ton bricht aus dem Atemholen aller Dinge, aus den Wiesen, Feldern, Wäldern, aus der Nachtkühle und dem Flüstergang fern kreisender Sterne. Der Mond ist ganz kühl und tonlos, und doch ist es, als sei er der Meister, der in der verzauberten Nacht alle Stimmen, Schreie, Seufzer, Rufe und Geständnisse weckt, und kühl und klar zusammenfügt.

Aber derselbe kühle Mond schwebt auch über den zweihundert Kindern, die in einem einzigen Jahr in Preußen (sie waren meistens unehelich und kaum einige Tage alt) von den zuckenden Händen verzweifelter Mütter getötet wurden. Derselbe Mond stand auch kühl und klar über den Zuchthäusern und Grubenkatastrophen. Er webte am Thüringer Wald an dem Hungertuch für die unterernährten, blassen und wächsernen Heimarbeiter. Nein, Sommerschuh ließ sich nicht mehr vom verzauberten Mond einfangen. Wohl entsann er sich, als er durch den stürmenden Abend wanderte, jenes Mondes, der in frühen Jahren in seine Kammer geschienen hatte. Hoch und erhaben schwebte er vorbei. Wie ein Ziel. Wie eine Lichtansage. Aber der kalte Nebel wehte, als er daran dachte. Kein Mond stand am Himmel. Kein Stern war sichtbar.

Auch auf dem Brocken erfasste sein Herz noch einmal die Idee vom zweiten Dasein, das der Mensch schon hier auf Erden erleben kann. Die Arbeit war das erste Dasein. Sehr oft war es überhaupt gar kein Dasein, sondern nur Sterbeangst und ein wenig Wollust vor dem Tode. Aber teilhaftig werden aller Dinge, die über der Arbeit stehen weil sie aus ihr quellen, teilhaftig werden der Vertausendfältigung und Vergeistigung des Blutes: Aufschwung im Sozialismus – das war das zweite Dasein. Ja, schon wuchsen dem grauen Volk der Tiefe die Flügel zum Aufstieg. Die Harmonie mit sich und seiner Umgebung: das war das zweite Dasein, die herrliche Gefechtspause zwischen den Siegen und Niederlagen des Lebens. Immer noch wehte der Nebel. Immer noch wanderte der einsame Mensch über den Berg. War er einsam? Nein, er kam aus der Tiefe des Lebens, und da lebten seine Brüder. Stand er nun am Ende seiner Reise? Auch nein, er hatte in den letzten Monaten nur flüchtig einige Städte, Landschaften und Menschen streifen können. Das Bild, das er von Deutschland entworfen hatte, war ein unvollkommenes Bild mit vielen Schattenseiten. Aber vielleicht ist es ihm doch gelungen, dieses oder jenes Herz zu rühren oder aufzupeitschen. Wir alle leben ja nur auf einer Wanderschaft. Es ist ein langer Weg nach Deutschland. Aber dort liegt unser Herz.

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