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Deutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise

Max Barthel: Deutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorMax Barthel
titleDeutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise
publisherBüchergilde Gutenberg
year1926
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
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Die hohen Berge

Bayern hat sehr wenig schwarze Kohle, aber dafür stürzt und springt in den grünen, reißenden Gebirgsflüssen aus den Bergen die weiße Kohle, die elektrische Kraft. Von München aus führen elektrische Bahnen nach dem Allgäu und an den Fuß der Alpen. Auch die Bahn, mit der Sommerschuh die Stadt verließ, wurde durch Elektrizität angetrieben. Schöne Fahrten durch den Sommerregen an grünen, tiefen Buchenwäldern und blühenden Wiesen vorüber zum Starnberger See! Vor der blauen und herrlichen Wand der Alpen liegt Kochel. Große Moorfelder zeigen vor Kochel ihren schwarzen Samt. Wolken wühlen um die Berge. Das Licht strömt ungeheuer auf das flache Land. Grüne Vorberge erheben sich und sind vom schwarzen Wald erobert.

In Kochel standen die Postautos schon bereit. Der Kochelsee blitzte. Er musste blitzen, immer, auch in der Nacht, denn an seinem Rande steht das Turbinenhaus des Walchenseekraftwerkes, das der Herr von Miller erbaut hat. Große Namen verpflichten auch zu großen Dingen, und was der Genosse Sommerschuh am Kochelsee, am Walchensee und dann an der Isar zu sehen bekam, fügte sich ganz ein in den gigantischen Rahmen des Deutschen Museums in München. Ja, es sprengte diesen Rahmen, denn es war ja nicht nur ein Schaustück und schweigende Predigt von der Übermacht des Menschen: es war die großartige Handlung von umgewandelten Naturkräften, die in elektrischen Strömen in das Land schossen.

Der Walchensee liegt 200 Meter über dem Kochelsee, und die Idee des Herrn von Miller war, diese 200 Meter Fallstufe auszunutzen und durch das Wasser der Isar zu verstärken. Die Ausnutzung und Verwertung des Wassers zweier Alpenseen gibt dem kohlenarmen Bayern die weiße Kohle und schickte einen Drehstrom von 115 000 Volt zur Versorgung der Städte mit elektrischer Kraft und einen Gleichstrom von ebenfalls 115 000 Volt aus, damit die Eisenbahnen elektrifiziert werden können.

Die grüne Isar schießt aus den Bergen und wird bei Krümm festgehalten, gestaut und durch Schleusen, Kanäle und Stollen nach dem Walchensee geleitet. Aus dem Walchensee strömt bei Urxfeld das Wasser durch einen zwölf Meter breiten Kanal nach dem 1200 Meter langen Druckstollen ab, um sich am Nordhang des Kesselberges in dem sogenannten Wasserschloss zu sammeln. Dieses Wasserschloss ist die große Stauanlage, von der aus die Isar mit dem Walchensee, reguliert durch das Apparatehaus, in sechs gewaltigen Druckrohren nach dem Maschinenhaus am Kochelsee stürzt. Ungeheuerlich schön schießen diese genieteten Rohre in die Tiefe. Sie ruhen auf Betonklötzen, auf dem Felsen der Berge gegründet, und sind wie Langrohrgeschütze des Friedens. Sie nehmen ihre Kraft aus dem Grund eines Alpensees, geben sie in die Maschinenhalle am Kochelsee und verhunderttausendfachen sie durch die großen singenden Dynamos.

Sommerschuh fuhr nach dem Wasserschloss und sah das Staubecken des angebohrten Sees. Die sechs stählernen Rohre, in denen ein ausgewachsener Mann sehr bequem stehen kann, fielen nach dem Maschinenhaus am Kochelsee, in dem acht lautlos laufende Turbinen arbeiteten und elektrische Ströme erzeugten. Der Journalist stand auch in der Maschinenhalle und sah die rasenden, blauumblitzten Drehungen der Dynamos. Kühl und sauber war die Halle, phantastisch, schrecklich die große und kühle Bändigung und Nutzbarmachung wilder Naturkräfte. Sommerschuh war kein Fachmann, aber viele Millionen Menschen, die sich des elektrischen Stromes bedienen, waren ja auch keine Fachleute. Sie hatten sogar die Kraftquelle nicht gesehen – einen grünen, reißenden Fluss, einen stillen, blauen, zärtlichen See, zweihundert Meter über einem anderen, stillen, blauen, zärtlichen See. Sommerschuh hatte die Kraftquellen gesehen, und darum ging er ebenso lautlos wie die Maschinen durch das Turbinenhaus und war mehr ergriffen als damals, als er im Kölner Dom oder im Ulmer Münster stand. Der Geist, der in diesem Hause spritzte und summte, war wie der alte Gott der Bibel, ein guter Gott, ein böser Gott, der einmal ganze Städte zischend erhellte, Fabriken und Eisenbahnen bewegte oder, wenn er toll von seiner Größe oder Schmach war, in blauen und schwefelgelben Blitzen über die Berge, Gewässer und Landschaften sauste. Am Tor zum Turbinenhaus ist eine Tafel angebracht, auf der die Namen von siebzehn Arbeitern vermerkt sind, die beim Bau der Anlagen tödlich verunglückten. Als könne das ein Trost sein, stehen nicht weit von jener Sterbetafel wie Triumphbogen die zwei Doppeltore der Leitungsmasten, die den transformierten Strom, den Wechselstrom für das Land, den Gleichstrom für die Bahn, zur Arbeit schicken.

Sommerschuh besuchte nicht allein das Kraftwerk. Von München war ein ganzer Schwarm von Reisenden aufgebrochen, und in diesem Schwarm war auch der Chauffeur Rudolf Geipel aus Dresden, der seine zehn Tage Urlaub in den Bergen verbringen wollte. Mit diesem Geipel kam der Journalist am Walchensee näher zusammen, und aus der zufälligen Bekanntschaft entwickelte sich eine Reisefreundschaft, die bis nach Wien führte. Der Tag war sommerlich heiß. Die Kette der Alpen glühte im Licht. Der See lag kühl und in sich verloren am Fuße der Berge und hatte keine andre Aufgabe, als zu atmen, zu ruhen, zu blitzen und von den Überschüssen seiner Kraft ein wenig abzugeben an den andern Bruder da unten bei Kochel, sich in der Turbinenhalle zu wandeln und dann in den Nächten durch die Städte zu leuchten.

Die Regentage waren vorüber. Im Schwarzwald wüteten neue Wetterkatastrophen, neue Wolkenbrüche, neue Stürme, neuer Überschwemmungen. Im Hochgebirge stand das Licht wie weißes Feuer. Die Wälder zitterten. Von den Wiesen stieg berauschender Duft auf. Um die Berge war jenes feierliche Schweigen, das der Mensch der Großstadt nur in den frostklaren Wintermärchen erlebt, wenn er in die Schwermut endloser Felder flüchtet. Das Schweigen der Berge schien aus den grellen, nackten Steinen aufzusteigen, aus den letzten kleinen Kiefern an der Grenze des Baumwuchses, aus den weißen Schneefeldern und aus dem großartigen Schwung der allerletzten Zinnen und Gipfel. In Mittenwald, das ganz von den Hochalpen umgeben ist, verließ Sommerschuh mit dem Arbeiter Geipel das Postauto und fuhr über Garmisch-Partenkirchen in das schöne Land Tirol. Er flüchtete aus dem sommerlichen Trubel der Sommerfrischler, aus der gezierten Versammlung der alten Damen und der jungen Nichtstuer. Die Berge lockten, die Steine, der Wetterstein und sein deutscher Gipfel, die Zugspitze. Er fuhr das liebliche Tal der Loisach entlang, das aus der deutschen Republik den Weg öffnet nach Tirol in die Pracht und Herrlichkeit der Berge. Noch heiß vom Staub der Reise, reiste Sommerschuh mit dem Chauffeur nach der Talstation Obermoos und fand, was er sich hätte denken können, viele hundert Menschen, die auf die Fahrt nach der Zugspitze warteten.

Vor acht Tagen war diese Bahn dem Verkehr übergeben worden. Sechshundert Menschen konnten an jedem Tag befördert werden. Die Fahnen der deutschen und der österreichischen Republik flatterten noch von den Masten des schönen Vorplatzes. Wolken zogen um den Wetterstein und verhüllten die Zugspitze. Die schneeweiße Lichtpyramide der Sonnenspitze stand ganz klar im späten Nachmittag.

Ehrwald ist ein kleines Dorf am Fuße des Wettersteins. Die Bahn nach der Zugspitze hat es aus dem Schlaf gerissen. Der Berg, auf dem nichts wächst als Schnee und Eis und die Fernsicht in die Alpen, war wie ein Magnet und riss aus dem nahen Garmisch-Partenkirchen und aus dem ganzen Lande viele Tausende von Fremden in das stille Dorf, füllte es an mit Unruhe der großen Städte, weckte einen Verkehrsverein und einen Verschönerungsverein auf, eine kleine Bank und Wechselstube öffnete sich, und die Gasthäuser und die Hotels waren überfüllt. Die Zugspitzbahn ließ auch neue Hotels aus der Erde wachsen und mit den Fremden und mit den Hotels natürlich auch die Fremdenindustrie und den gelinden Nepp. Aber über allem Nepp stehend die Zinnen, Schroffen, Wände und Grate der Berge und verlocken den in der Großstadt versteinerten Menschen, aufzusteigen oder aufzuschweben in die Welt der lebendigen Steine, in das ruhevolle Denken der Schneefelder und in das Schweigen, wie von der Ewigkeit her, das um die Wände und Kuppeln weht. Da stehen nun die kahlen Bergscheitel voller Eis und Schnee, schon jenseits der irdischen Dinge. Ihre Füße stehen in Blumenwiesen und Lärchenwäldern, aber ihr Schweigen ist ein Donnerschrei an die arme Kreatur Mensch zur Heimkehr und Weltbegeisterung.

Vor rund hundert Jahren wurden die Bayrischen Alpen für die Generalstabskarten vermessen. Über den Gipfeln der Zugspitze geht die deutsch-österreichische Grenze, und um diese Grenze und die Formation des Wettersteins zu erforschen, stieg im August des Jahres 1820 der Leutnant Naus in die Höhe und eroberte den Westgipfel der Zugspitze. Er bahnte als erster den steilen und steinigen Weg für eine ganze Generation kühner Bergsteiger, die nach ihm kamen. Den Ostgipfel eroberte drei Jahre später der Maurermeister Resch, aber der Aufstieg des Leutnants und der Aufstieg des Maurers wurde von den tapferen Bewohnern der Täler und Städte in das Reich der Fabeln verwiesen. Der Maurer Resch, der viele Häuser gebaut und Stein auf Stein gelegt hatte, liebte vor allen Steinen den Wetterstein, und so stieg er nach elf Jahren mit seinem fünfzehnjährigen Sohn und dem Zimmermann Hanni noch einmal an und eroberte nochmals die Zugspitze. Die drei Männer erhöhten auf dem Ostgipfel das »Steinmandl« als Zeichen des Sieges, das man auch bei klarem Wetter durch das Glas von Partenkirchen aus sehen kann. Der Zimmermann Hanni wurde der erste Führer und brachte im selben Jahr zwei Forstbeamte auf den Gipfel und im nächsten Jahr eine ganze Expedition. Der Abstieg aber war so grausig, dass sich Hanni verschwor, niemals mehr die Zugspitze zu besteigen.

Über zehn Jahre ruhte der Berg in sich und seiner nackten Schönheit. 1846 bezwingen ihn zwölf Münchener Touristen und fünf Jahre später eine Kolonne von neunundzwanzig Mann, die der Pfarrer Ott hinaufschickt, um da oben ein Kreuz zu errichten. Das Kreuz wurde errichtet, es war 14 Fuß hoch und 150 Kilo schwer und stand über 40 Jahre, bis die »Münchner Hütte« gebaut wurde. Dann wanderte es nach dem Ostgipfel über dem schmalen Grat und steht noch heute. Der Pfarrer Ott hatte keine Phantasie, kein Herz und kein Auge, sonst würde ihn die Schönheit der Felsen ergriffen haben, die von nichts anderm gekrönt werden als dem berauschenden Wein der Bergluft, dem Schleifen der Wolken, dem Zucken der Blitze, dem Sausen der Stürme und dem Feuer der nächtlichen Sterne.

Neue Aufstiege, neue Wege, bis in den siebziger Jahren die planmäßige Erschließung des Wettersteingebirges begann. Hütten wurden errichtet und Wege markiert. Von allen Seiten wurde das Gebirge angegriffen, von Ehrwald und vom blauen Eibsee her und durch das Höllental. An den steilen Wänden fanden viele Touristen durch Absturz den Tod. Jedes Jahr fordert der Berg seine Opfer. Im Frühsommer, wenn die Steinlawinen und die Schneelawinen niedergehen und die Steige zerstört und die Markierungen zerschlagen sind, hängt über den einsamen Kletterern die weiße und graue Lawine des Absturzes. Der Wetterstein ist ein heidnischer Berg trotz des Kreuzes auf dem Ostgebirge der Zugspitze. Der Tod und das Opfer nahm von ihm nicht das Kreuz, dieser Berg wurde durch die Technik erschlossen und durch die Schwebebahn, die von Tirol aus die großen Städte Berlin, München, Dresden, Wien und Amsterdam aus dem Dunst der Niederung in das Atmen der Alpenwelt reißt und jene Menschen mit Licht erfüllt, die schwebend die schneebedeckten Zinnen erreichen.

Sommerschuh blieb mit Geipel in Ehrwald und wanderte durch die hohen Lärchenwälder, die am Fuße des Wettersteins rauschten. Die Bergeinsamkeit der Nacht kam mit vielen Sternen und zitronengelbem Mond. Die Sonne ging über der Sonnenspitze auf, der Tag war erschienen, an dem der Journalist zum ersten Male in die klare Höhe von dreitausend Meter auffahren sollte. Die Talstation von Obermoos war bald erreicht. Die Züge aus Bayern hämmerten noch durch das Tal der Loisach und brachten den Ansturm der Bergfahrer. Schön war der Tag, ganz im Licht stand das Massiv der Berge. Aus dem Maschinenhaus der Talstation kam die leiste Musik der arbeitenden Motoren. Die drei Seile der Wagenführung schwanken im gelinden Bogen über die Nadelholzwälder. Nach einer kleinen Stunde des Wartens und der Erwartung kam der Wagen zum Licht, der fliegende, schwebende Wagen zur Höhe. Zwanzig Menschen fuhren auf zur Höhe.

Hin über die grünen, hohen Wälder, in die von der Arbeit eine Gasse geschlagen wurde, schwebte der Wagen. Aber die Wälder wehen und rauschen über dem schmerzhaften Schnitt zusammen, öffnen sich wieder, zeigen die blühenden Narben kleiner Täler und Senkungen, versinken dann in sich selbst, und die erste Felsenkuppe bricht auf, das erste, graue Riff.

Sicher und gelassen schwebt das Kabinenschiff zur Höhe, tanzt über die festverankerten Stützen, und mit jedem unfühlbaren Schwung steigen aus den Tälern und ihren harten Höhenzügen schimmernd neue Berge auf. Langsam stirbt der Wald. Verkrüppelte Kiefern beißen sich in den Fels. Schneefelder rutschen in den Sommer des Tales. Auf einer Felstafel hockt eine Hütte an der Grenze von Grün und Grau. Dann spießt eine schroffe Zackenwand steil empor in das steinerne Meer und Trümmerfeld der Felsen. Die großen, hängenden Schneeäcker beginnen. Die Stütze fünf ist da und mit ihr das Wunder. Immer neue Berge blühen am Himmel. Der Horizont erweitert sich. Es ist, als stiege man aus tiefster Unwissenheit auf. Das Bild der Welt im Tal wird klein und lächerlich. Alle Wände sind gesprengt. Ungeheure Ausblicke eröffnen sich. Wie eine Rose blühen im Aufschwung rings die Alpen auf. Das dunkle Blau des Eibsees blitzt matt aus dem schwarzen Grün unwahrscheinlicher Wälder. Aber der See lockt nicht mehr. Das Herz wird verführt von den Steinen, den Wänden, Schroffen, Traversen und steilen Graten.

Immer noch tanzt rhythmisch die Kabine an dem gesicherten Seil. Neben den hohen Trägern der Personenbeförderung stehen noch die kleinen Mastanlagen für die Proleten, die in einem ungeheuren Jahr der Arbeit die Schwebebahn gebaut haben. Ihr Berg. Und Talfahrt war ohne Sicherung. An einem einzigen Seil schwebten die Arbeiter und das Baumaterial aufwärts. Wieviel proletarische Opfer vernichtete der Berg, damit der Mensch aus der Großstadt dreifach gesichert auffahren kann? Sommerschuh wusste das nicht genau. Nur das wusste er, dass einige Arbeiter durch Lavinen und andre durch Abstürze getötet wurden. Keine Tafel zeigt ihre Namen an. Auch um sie ist das Schweigen der Berge.

Keine Trauer mehr, keine Schwermut. Immer noch blüht die Blume der Schneeberge nach dem klaren Lichthimmel. Immer neue, silberne Blätter entfalten sich. Wie aus einem Kelch schwingt der Mensch aufwärts. Aber dann ist das Licht versperrt. Die Bergstation ist erreicht. Durch dunkle Hallen und Räume führt der Weg in steile und steinerne Freiheit des Aufstiegs nach dem Gipfel. Der Weg zum Gipfel führt durch Geröll und Schnee auf einem Grat entlang. Um ihn ist die herrische Klarheit der Höhenluft. Das Herz schlägt heftiger. Die Lungen sind wie trunken. Man braucht keinen Führer. Das Herz ist Führer genug. Die Augen sind Führer. Die flinken Füße sind Führer, die sich endlich einmal selbst die Wege aussuchen dürfen und nicht mehr auf asphaltierten Straßen trotten.

An der Bergstation stehen auch andre Führer. Das sind junge Leute, mit Nagelschuhen und großen Seilen ausgerüstet. Gern und willig ketten sie ganze Familien an die Seile und schleifen sie lächerlich behutsam über sichere Wege bis zur Höhe. Der Weg zum Gipfel war für Sommerschuh und Geipel ein Wettlauf, ein innerliches Tanzen. Am Wege fanden sie arme dicke Bäuche und Angsthasen mit geschlossenen Augen, weil eine Wand vielleicht ein wenig schroffer ausfiel als in den Bergen des Vogtlandes oder des Thüringer Waldes. Manche Frau blieb am Wege liegen und musste auf die Höhe geschleift werden. Aber die kleinen Satyrspiele erhöhten nur das Wunder der weiten Welt, das hymnische Brausen der Lüfte. Die Münchener Hütte war bald erreicht. Wundervoll standen die Allgäuer Alpen, die Berge des Salzkammergutes und die Zackenlinien der Tiroler Berge in weißen, grauen, silbernen, feurigen und mattblauen Wänden und Pyramiden rings um den Wetterstein. Aus der weiten Ebene von München blitzte der matte Schimmer des Starnberger Sees auf. Auch die Firne der Schweiz und Italiens waren sichtbar. Zwischen Licht und Schatten, Klarheit und Übermacht stiegen weiße Wolken aus den Gründen wie große Feuerbrünste.

Kurz vor dem Westgipfel geht die Grenze, die das Wunder der Alpen politisch zerschneiden will. Niemals wird der Unsinn der Grenze so deutlich, als gerade hier in der schrankenlosen Schönheit der Berge. Wie sich die Berge nicht trennen lassen, so kann auch ein Volk nicht zerteilt werden. Das Wettersteingebirge ist eine unzerstörbare Einheit mit vielen Kuppen, Zinnen, Gründen und Schlünden. Daran ändert die politische Grenze nichts. Auch Deutschland und Österreich, das sah Sommerschuh auf seiner Reise nach Wien, sind eine unzerstörbare Einheit und werden sich, früher oder später, zusammenfinden und zusammenbinden zum Siebzigmillionenvolk der deutschen Republik.

Sommerschuh war ein politischer Mensch, obwohl er wusste, dass die Politik vielfach nur ein übles Geschäft ist, aber er war politisch in dem Sinne, dass er auch die Landschaften in das Spiel setzte, die Seele der Landschaften und die Seele der Menschen. ER war auch nicht mehr jung genug, um leichtsinnig und selig über die Dinge zu schwärmen. Wie eine Blume fand er auch im Dung und Abfall er Erde starke und feurige Kräfte, die er blühend machen konnte. Seine Politik war mehr Dichtung als Berechnung. Im Anblick der vielen Berge dachte er an seine Brüder und genossen, die sich in die Bergwerke versenken und auch in die Arbeit einwühlen wie in einem tiefen Schacht. … Vielleicht wollte er mit diesem Gedanken seine eigene Freiheit entschuldigen, wir wissen es nicht, aber das wissen wir, dass er den Ostgipfel mit dem Kreuz nicht erklettert, sondern allein und fröhlich durch das Geröll und den Schnee hinabstieg. In der Nähe der Bergstation türmte er über einen Grat in die Einsamkeit des Wettersteins, saß lange auf einem nackten Felsen und blickte in die Täler.

Die Welt in den Bergen ist eine vollkommen andre Welt als die in der Ebene. Auch die Menschen sind anders. Sie sind eingekesselt von den schroffen Zinnen und Wänden, die Berge stehen wie Barrikaden da und sperren den Ausblick in das Land. Nur die Täler und auch die Pässe sind, genau so wie die Ströme, Kulturrinnen, Herzschlagadern, Brücken und Laufgräben nach der andern Seite.

Von einem steinernen Sessel auf dem nackten Felsen blickte Sommerschuh in das weite Land. Für ihn waren die Berge keine Barrikaden und Sperrmauern. Er war wohl ein Mensch der Oberfläche, aber auf seinen Reisen hatte er ja zweitausend Meter über der Erde geschwebt damals in Hamburg, und er war auch in die Tiefe er Bergwerke gestiegen damals in Zwickau, und wenn er auch nicht aufgestiegen oder hinabgefahren wäre, auch dann hätte er den Sinn der Berge erkannt: Gipfel der Einsamkeit, Erhebung in das große Schweigen der Welt, Sinnbild aller großen Ziele und Aufstiege, das ewige »Immer höher!« und »Vorwärts!«

Die Süßigkeit eines Sieges füllte seine Brust aus, als er mit der Bahn ins Tal zurückkehrte. Die vollerblühte Rose der Berge schloss sich langsam. Die Schneefelder blieben an den Felswänden zurück. Die grünen Wälder begannen zu rauschen. An der Talstation lärmte der Betrieb vieler Gäste, die aus Garmisch-Partenkirchen gekommen waren. Die Sonne füllte das schöne Tal der Loisach vollkommen aus, glühte durch die Wartestunde in Leermoos, brannte auch um die Sonnenspitze und löschte erst auf dem Fernpass, als ein Gewitter mit schwarzen Wolken und blauen Blitzen aufzog. Die Fahrt über den Pass führte durch märchenhafte Lärchenwälder, schwarze Tannenberge, verwunschene See-Einsamkeit in tiefen Tälern und an nackten Gebirgen vorüber, von denen wilde, weiße Sturzbäche rauschten. Das Tal der Inn öffnete sich lieblich. Am selben Tag erreichten Sommerschuh und Geipel die alte Stadt Innsbruck.

Diese Stadt ist das zweite goldene Tor in das Wunder der Berge. Große Hotels stehen am Bahnhof. Aus den Cafés rasten die Rhythmen der Jazzbandmusik. Die breite Maria-Theresia-Straße bis zu den Laubengängen belebte die Promenade abendlicher Spaziergänger. Auch Sommerschuh und Geipel trieben in dem Menschenstrom, sie liefen kreuz und quer durch die Stadt, standen auf der Brücke der schon verdunkelten, heftig brausenden Inn und wanderten später die sanfte Schwellung der Brennerstraße hinauf zum Berg Ischel, In der warmen Sommernacht sprang auf jenem Berg das Denkmal des Andreas Hofer wie ein schwarzer Springbrunnen in die Ferne. Die Lichter und Leuchtketten der Stadt Innsbruck füllten schwärmerisch das Tal aus. Am andern Tag fuhren die Freunde durch das Land Tirol über Kitzbühel nach Wien.

Von Tirol sahen sie nur das Schöne und das Bezaubernde: die Wälder, die Berge, die kleinen romantischen Städte, die verschlafenen Dörfer und die einsamen Matten. Politisch ist Tirol ein reaktionäres Land und noch lange nicht heilig, trotz der vielen Kirchen, Kapellen und Heiligenbilder. Sie fuhren auch durch das Land Salzburg und kamen durch das Elztal, das die Berge durchschneidet und den Weg frei macht zur Donau.

Die Fahrt durch das Eltztal ist unbeschreiblich schön. Ein kleiner wilder Fluss begleitet die Eisenbahnstrecke und ist wie eine leidenschaftliche Frau in der hitzigen Verwandlung seines Wesens vom ruhigen Fließen bis zum gellenden, schießenden, schaumgekrönten Sturz durch die enge Schlucht, die von steilen Berghängen engefasst ist. Über diesen Wänden stehen die Ausbrüche der Hochalpen und heben ihre Schneekuppen und Eisschilder in den Himmel. Aus den Wäldern steigt der Nebel auf und wird wehende, weiße Wolke. Mitten im Sturzbach wachsen drei junge Bäume empor. Dann sprengt sich das Tal auseinander, am Himmel stehen noch die fernen, hohen Berge, dann beruht sich das Land und wird leicht und lieblich. Die Donau schwemmt strahlend durch Wiesen und Wälder und vergeht im letzten Licht des Abends. Die elektrischen Lichter der Nacht brannten schon, als die Reisenden die Stadt Wien erreichten.

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