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Deutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise

Max Barthel: Deutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise - Kapitel 13
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typefiction
authorMax Barthel
titleDeutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise
publisherBüchergilde Gutenberg
year1926
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20110531
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Technik und Reisebeschreibung

In der Stadt München verbanden sich in den letzten Jahren die Schatten der Fememörder, die Bluturteile der Klassenrichter und der Kampf gegen die Republik. Das Hakenkreuz war mächtiger als die Kreuze an den Kapellen und Kirchen. Auch heute noch sieht der Reisende, wenn er durch die Straßen streift, ab und zu einen Stoßtrupp junger Hitlergardisten. Aber ihre Blütezeit ist auch in Bayern vorbei, ohne andre Früchte getragen zu haben als die des Blutes und der bitteren Verhetzung. Heute ist München wie eine schöne verzierte Pforte in das Wunder der nahen Alpen. Wie andre Städte im Süden, wie Stuttgart zum Beispiel, ist auch München von einer bestimmten Höhe abgestürzt. Geblieben ist die Pracht der Gemäldesammlungen, die Bindung des Geistes durch weitbekannte Verlage, die heidnische Lebensfreud des Essens und des Trinkens, die Übermacht der katholischen Kirche, die sich auf alte Gemeinschaftskulturen aufbaut, und dann, wie ein heftiger Stern, der »Simplizissimus«.

München ist eine sehr schöne Stadt. Kein Qualm großer Industrien verwischt ihr Gesicht. Der Fremde sieht nur das schöne Gesicht, die alten Prachtbauten der Innenstadt, das Bauwunder der vielen Kirchen, die solide Wucht der vielen Brauereien, die Zwillingskuppel der Frauenkirche, das neugotische Rathaus und die Vorhallen und Aufgänge zu den Schlössern und Museen. Er sieht und weiß nicht, dass von den rund zweihunderttausend Versicherten in der Krankenkasse hundertundfünfzehntausend in einem Jahr erkranken, dass elf von ihnen im letzten Jahr zerquetscht und zerrissen wurden, siebzehn der Schädel zerschmettert wurde, vierundzwanzig durch Sturz und Schlag starben, weil auch das Oben und Unten der sozialen Schichtung die Menschen quält und peinigt.

Mit dem Dichter Zerfaß fuhr Sommerschuh nach Augsburg und besuchte das Fuggermuseum, in dem die goldenen Trümmer mittelalterlichen Reichtums, Schnitzereien, Gläser, Porzellane, Schmiedearbeiten, Waffen, Schmuckstücke und Hausgeräte in hohen Glasschränken aufbewahrt sind und nur ein schwaches Abbild geben können von dem sagenhaften Reichtum der Fugger, die in Augsburg herrschten. Vor fünfhundert Jahren war Augsburg eine Weltstadt wie Rom und Venedig. Sie standen auch vor dem Haus der Welser. Das waren jene Kaufleute, die die ersten Schiffe nach Indien ausrüsteten und denen Venezuela gehörte. Dann saßen die Freunde, denen nichts gehört als die ganze Welt, in der Kapelle des Welserhauses, die nach dem Verfall der Familie ein Lagerhaus wurde und in unserm aufgeklärten Jahrhundert ein Gasthaus. Natürlich hätte Sommerschuh sich noch viel notieren müssen, Geschichtliches und Soziologisches, aber er sperrte sich ab von den Maschinenfabriken am Rande und vor dem Jammer der inneren Stadt. Er war noch einige Stunden in Augsburg, um sagen zu können, er sei dagewesen. Dann fuhren sie nach München zurück, der ehemalige Gärtner Zerfaß in die Redaktion der »Münchener Post«, in der er die Feuerblume der deutschen Arbeiterdichtung pflegte, der Karl Sommerschuh in das Deutsche Museum.

Das Deutsche Museum ist lebendiges Leben und soll nach den Worten seines Begründers, des Herrn Oskar Miller, der auch das Walchenseekraftwerk erbaute, »die historische Entwicklung der naturwissenschaftlichen Forschung, der Technik, der Industrie in ihrer Wechselwirkung darstellen und ihre wichtigsten Stufen durch hervorragende und typische Meisterwerke veranschaulichen«.

Was da Miller in wenigen Worten umreißt, ist nicht mehr und nicht weniger als der Plan, durch Naturwissenschaft und Technik die Entwicklung der Menschheit in ihren entscheidenden Epochen zu zeigen. Der Plan nämlich, aus dem geologischen Geschiebe der Erdrinde, aus ihren Strömen, Meeren, Erzen, Kohlen und Kristallen die Gegenwart, das Zeitalter des Stahls, der Rohöle, der Elektrizität, des Welthandels, der Wissenschaft und der Forschung wie einen wundervoll verzweigten Baum menschlicher Kraft und Größe aufsteigen zu lassen. Der geniale Plan letzten Endes, den gesellschaftlichen Aufbau der Völker über dem geologischen Aufbau der Erde zu zeigen.

»Am 13. November 1913, zugleich am Tage der Eröffnung des provisorischen Museums, haben Weil. Seine Königliche Hoheit Luitpold, Königlicher Prinz von Bayern, des Königreiches Bayern Verweser, und sein erlauchter Gast, Seine Majestät Wilhelm II., Deutscher Kaiser, König von Preußen, im Beisein Ihrer Majestät, der Deutschen Kaiserin Augusta Victoria, Königin von Preußen, im Beisein Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Ludwig, unsers erhabenen Protektors, wie der Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hauses, unter Anteilnahme der berufensten Männer aus allen Gauen des Reiches, unter dem Jubel der ganzen Bürgerschaft von München den Grundstein gelegt...«

Diese ehernen Worte deutscher Männer sind mit in dem Grundstein des Museums eingemauert, damit die kommenden Geschlechter einmal neben den Anfängen der Technik die Anfänge der Menschwerdung studieren können, wie wir heute den primitiven Schlitten des Eskimos neben dem neuesten Tropfenauto sehen und studieren können.

Dieses Museum ist kein Museum an und für sich, keine Totenkammer für gelehrte Leute und keine Ahnengalerie versunkener Generationen. Das Deutsche Museum ist das gewaltige Gymnasium unsrer Zeit, in dem der Betrachter durch das heroische Schweigen der Dinge mehr und mehr ergriffener lernt als durch alle Vorträge gelehrter Professoren. In seinen unzähligen Räumen, Sälen, Grotten, Stollen, Hochkuppeln und Galerien ist dargestellt, wie der Mensch mit der Erde und ihren Schätzen ringt, wie er sie benutzt, dienstbar macht, stimmt und einfügt in seine großen Pläne und wie er darüber hinaus in den Weltraum greift, um die Milliardenhaufen der Sterne zu erkennen, zu erforschen und einzubauen in das tönende Gewölbe seiner Vernunft.

Nur in schwachen Umrissen konnte Sommerschuh das großartige Bild des Weltmenschen erkennen, der da unten auf der Isarinsel sein Antlitz erhebt. Das Museum ist fertiggestellt worden im Zusammenbruch Deutschlands, in den Jahren des Hungers, der Revolution, der Inflation und des Bürgerkrieges, und zwar nur »von den berufensten Männern aus allen Gauen des Reiches« und durchaus nicht von den glänzenden Figuren Königlicher und Kaiserlicher Hoheiten, die damals den provisorischen Bau einweihten. Vielleicht, dachte Sommerschuh, vielleicht liegt der Witz darin, dass die Monarchie auch nur eine provisorische Lösung oder Eröffnung einer bestimmten Menschheitsepoche ist.

Liebevoll bauen sich die Säle und Räume auf. Die ersten Säle zeigen Geologie, Bau und Schichtung der Erdrinde, Naturwissenschaft über und unter der Erde. Die Erze, Kristalle und Kohlen der Tiefe sieht man in Grundrissen und Querschnitten dargestellt. Gemälde, Diagramme und kurze Erklärungen und Tafeln sind wie männliche Prologe aufgestellt vor dem Schauspiel, das nun beginnt: vor dem Abstieg in ein Bergwerk mit den Demonstrationen alter Schächte und neuer Arbeitsmethoden. Man läuft durch die schwarzen Gänge der Kohlen, durch die kristallklaren Dome des Salzbaues, steht in der weißen Pracht des Kali und geht an den mittelalterlichen Modellen der Erzschächte vorüber, die schon lange leer und ausgebeutet sind. Der Besucher kann auch, wenn er sein Herz mitsprechen läßt, das furchtbare »Vor Ort« der Häuer erleben. In kilometerlangen und wirklichkeitsnahen Darstellungen wird die Arbeit der Bergleute unter der Erde gezeigt. Sommerschuh kannte die richtigen Bergwerke, er dachte an die Männer im Zwickauer Revier, an die schweißtriefenden Kumpels in den westfälischen Kohlenpütts und an die 25 000 Bergarbeiter, die in den letzten zwölf Jahren tödlich verunglückten.

Neben den Schachtanlagen und neben neuzeitlicher Geologie sah Sommerschuh auch die Demonstrationen technischer Wandlung durch fünf Jahrhunderte. Er sah die Erzgewinnung des Mittelalters und die ersten flachen Mulden des Erzbaues im Harz und in Sachsen. Die japanischen Gruben sahen wie unterirdische Vogelnester aus. In diesen Nestern lag das rote Gold. Neben dem primitiven Schacht mit der Steigleiter standen die neuesten Förderanlagen mit Wetterführung und Pressluftbohrern. Der Journalist erkannte, dass die Geschichte der Technik nicht nur eine Geschichte der menschlichen Entwicklung ist, er erkannte, dass es auch eine Geschichte der Ausbeutung des Menschen durch andre Menschen ist: eine Geschichte des Kapitalismus.

Die Kohle ist gebrochen, das Erz ist gefördert, der Rohstoff ist der Erde entrissen, das Eisen, das Blei, das Zinn und das Kupfer. Nun wird es durch große, lärmende Maschinen von nutzlosen Fels und vom wertvollen Nebengestein geschieden, wird zermahlen, zerrieben und zerstampft, bis nichts mehr ist als matter, schwerer, metallischer Staub. Das Wasser hat mit an der Scheidung gearbeitet, das eigne Schwergewicht und die Elektrizität. Staub ist Staub, das Feuer muss ihn glühend machen und schmelzen. Die Arbeit in Ruß und Flammen beginnt.

Erze und Salze, Kohle und Kali: nun beginnt die Verarbeitung, die Geburt der leblosen Dinge. Ist schon der Ursprung, der Schlummer, das schmerzhafte Erwachen, die rasende Förderung aus der Erde ins Licht so wechselvoll und gewitterhaft, in viel wilderer Form hat die Technik über Tag ihre grausam ineinandergreifenden Maschinen gebaut. In dem Museum entschleiern sich auch die Geheimnisse, die in den Arbeitsbezirken Deutschlands hinter den hohen rußigen Mauern der Werke unsichtbar bleiben. Sommerschuh wanderte durch die großen Hallen, in denen fast alle modernen Maschinen der Metallverarbeitung stehen. Er kam an Kranen und Dampfhämmern vorüber, an den Modellen der Hochöfen und Martinswerken und sah auch den Querschnitt einer Kruppschen Bessemerbirne, in der früher Eisen in Stahl verwandelt wurde. Neben dem zwanzigsten Jahrhundert stand das trübe Dunkel eines Laboratoriums aus dem sechzehnten Jahrhundert, in dem die Hüttentechnik ein wohlbehütetes Geheimnis war, wie noch heute bei einigen Negerstämmen. Dann wanderte Sommerschuh durch das neunzehnte Jahrhundert in unsre Zeit hinein, zu Siemens und zu Halske, zu Stinnes und Bergmann, und berührte noch einmal, um sich der Gegensätze und der Entwicklung ganz klar zu werden, eine alte Sensenschmiede, die mit einem Wasserhammer betrieben wurde. Dann stand er in der Neuzeit vor dem Mittelalter, vor einer Darstellung afrikanischer Arbeitsmethoden und sah die Fertigstellung einer Speerspitze in 27 Stufen, die einer Haarnadel in elf und die eines Messers in sieben Stufen. Aber das war nur eine schwarze Idylle neben den gewaltigen Schmiedepressen, die früher mit drei Millionen Kilo Pressdruck auf das weißglühende Eisen niedersausen konnte, wenn ein Arbeiter den Hebel einstellte. Neue Schmiedehämmer, neue Dampfhämmer: Kanonen, Panzerplatten und Geschütztürme. Die Speerspitze des Negers uns sein kleines Messer werden von den Giganten der Schwerindustrie mit einem einzigen furchtbaren Schlag zerstäubt.

Neue Säle, neue Maschinen, neue Wunder. Das Metall ist geschmolzen, geschmiedet, gewalzt und gepresst. Es ruht in schwarzen Vierkantblöcken, dünnen Stäben, endlosen Bändern, schweren Schienen und kühlen Würfeln. Es will verarbeitet werden. Und da stehen schon die Maschinen und warten, die Fräsen, die Revolverdrehbänke, die Bohrmaschinen, die Automaten. Wenn das Metall durch die stählernen Zangen, Sägen, Messer, Kreisel und Krallen gegangen ist, wartet eine neue Folterung. Die Prüfungsmaschinen warten auf das Opfer und zerren, reißen, stechen, schießen, biegen, schlagen und brechen. Und wenn nun die Not der Maschinen überstanden ist und die Folterbänke verlassen sind, dann erst kommt die Vollendung und Gestaltung, und es ist ein menschlich großer und schöner Gedanke, hinter die Qual der Arbeit das Meisterhandwerk zu stellen: erlesene Figuren und Dinge der Schmiedekunst und des vollendeten Gusses. Die makellose Form, die nichts ist als schön. Das alles sah Sommerschuh im Deutschen Museum am ersten Tag. Und was er da gesehen hatte, war nur ein einziger Bruchteil aus der Fülle einer einzigen Abteilung, aus dem Bergbau und der sich daraus ergebenden Metallverarbeitung. Die Erde und ihre Schichtung und ihre vielfältigen Schätze wurden dargestellt. Der Mensch der Oberfläche erobert sich die Tiefe, gräbt flache Mulden, sprengt zweitausend Meter tiefe Schächte, liegt krumm und halbnackt in den Flözen und unterirdischen Stätten und Revieren, sprengt und wird selbst in die Luft gesprengt, arbeitet und hat nichts von seiner Arbeit als das tägliche Brot und die Gewissheit, als fünfter oder sechster Mann da unten zu sterben. Er hat nichts zwischen Arbeit, Leben und Tod als die wilden Träume von Freiheit, Liebe, Sonne, Weltverbrüderung und Weltverachtung.

Die neuen Säle, die Sommerschuh an den folgenden Tagen besuchte, waren genau so anschaulich und sichtbar wie die Gruppe vom höllischen Metall. Er sah die großen Kraftmaschinen und die Modelle der ersten Treträder, als deren Antrieb menschliche und tierische Kraft eingesetzt war. Er sah Windkraftmaschinen und Turbinen und die große Erfindung von James Watt: die Dampfmaschine, die dem ruhig schlagenden Herz der Welt ein heftigeres Tempo gegeben hat. Sommerschuh sah auch die erste Lokomotive, die mit Dampf, und die neueste Konstruktion, die mit Elektrizität gespeist wurde. Dann lief er durch die Säle, die dem Verkehrswesen gewidmet sind. Diese Säle waren herrlicher als ein Heldengedicht. Er sah die Hundeschlitten der Indianer und den Renntierschlitten der Samojeden, ausgeprobt in den Eisstürmen der sibirischen Tundra. Kaum drei Sprünge von ihm entfernt stand der Prunkwagen eines bayrischen Königs. Das war ein pompöses Gefährt mit vergoldeten Rosen, Sonnengesichtern, Posaunenengeln, Schwänen und bunten Malereien. Auch ein vergoldeter Prunkwagen stand da. Aber der graue Schlitten der Arbeit, kühl und nüchtern, harmonisch eingefügt in das graue Leben der sibirischen Steppe, war tausendmal köstlicher als jenes vergoldete Gefährt mit dem vergänglichen Zauber einer vergänglichen Zeit.

Was soll vom Deutschen Museum noch berichtet werden? Auf dem Grund der Erde hat sich der Mensch angesiedelt, aus den Wäldern steigt er von den hohen Bäumen auf das grüne Land, wird Jäger, Fischer, Ackerbauer, findet das Feuer und später das Metall. Er baut die ersten Wagen und Schlitten, die ersten Boote und Schiffe, verlässt die dunklen Höhlen und baut seine ersten Hütten und Dörfer. Diese Geschichte kann man auch in dem Deutschen Museum verfolgen. Sommerschuh sah die alten Straßen der Römer, diese großartigen Heer- und Handelsstraßen, die durch das heutige Europa westlich der Elbe bis nach Schottland hinaufführten, die an der Nordküste Afrikas entlang nach dem Nil vorschießen und Kleinasien herrisch öffneten und auch den Balkan und das südliche Russland mit dem alten Rom verbanden. Er sah auch die ersten Brückenbauten, die ersten kühnen, durch die Alpen gesprengten Tunnels, die Lianenbrücken der fremden Völkerstämme, die schwingenden Brückengedichte aus Stahl und Beton der Neuzeit und die Eroberung des Meeres und der fremden Länder in den wohlgeordneten Übersichten der großen und der kleinen Häfen. Die Geschichte des Schiffbaus blitzte vorüber vom Einbaumboot bis zu den schwimmenden Städten auf dem Ozean, den großen Verkehrsdampfern. Auch das deutsche Unterseeboot Nr. 1, das bei Krupp im Jahre 1906 gebaut wurde, war ausgestellt. Das Unterwasserschiff hatte beinahe dieselbe Form wie ein Zeppelinkreuzer. Dieselbe Form und derselbe Tod: die geschwinden, unheimlichen Torpedos im Maul. Dann stieg Sommerschuh hinauf zum Abteil der Flugtechnik. Der Mensch konnte überall leben, in der Erde, unter dem Wasser, auf der Erde, auf dem Wasser und auch in der Luft. Keine Schranken waren im gesetzt, dem Schrankenlosen.

Der Weg führt an dem Denkmal von Goethe vorbei. Sommerschuh las, dass unser Goethe gelehrt hat, die Schöpfung des Menschengeistes als Bildungselemente aufzunehmen. Eine halbe Treppe höher sah er dann das große Wandgemälde, in dem die Eröffnung des provisorischen Museums dargestellt war. Der frühere Kaiser hatte sich in der Uniform der Totenkopfhusaren abmalen lassen. Sommerschuh war verbittert, aber mit Erbitterung ist die Welt nicht zu ergreifen und zu gewinnen. Er lächelte über den Mann, ließ die Erde und ihren Staub und träumte in jener Galerie, die dem fliegenden Menschen gewidmet ist, den Traum aller Träumer:

Vierhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung baute Archytas von Tarent eine Taube aus Metall, die fliegen kann.

Der Araber Abul Kassim macht in Andalusien, in Federn und Flügel eingehüllt, einen Schwebeflugversuch.

Im Jahre 1300 stiegen in China bei einer Kaiserkrönung viele Drachen auf.

Im Jahre 1450 führte der fränkische Physiker Müller einen fliegenden Metalladler vor.

Im Jahre 1490 machte Dante von Perrugia mit einem Schwingenapparat einen verunglückten Flugversuch über dem Trasimenischen See.

Im Jahre 1500 beschäftigt sich der Maler, Bildhauer, Architekt, Physiker und Philosoph, das Universalgenie Leonardo da Vinci mit der Flugkunst, schreibt ein Werk darüber, baut Fallschirme, Flugapparate, Schraubenflugzeuge, entwirft viele Zeichnungen, von denen auch einige im Deutschen Museum ausgestellt sind, und die auf der klarsten Beobachtung des Vogelfluges basieren.

Im Jahre 1660 machte ein Seiltänzer von sich reden, acht Jahre später ein Mechaniker, 1706 ein Franziskaner, die sich mit dem Flugwesen beschäftigten. Der Brasilianer Gusman läßt im Jahre 1709 ein aerostatisches Luftschiff steigen, sechsunddreißig Jahre später versuchte der Marquis de Baqueville die Seine zu überfliegen.

Im Jahre 1772 konstruierte der Pfarrer Desforges einen Flugwagen mit beweglichen Flügeln.

Im Jahre 1781 machte der Baumeister Meerwein aus Emmendingen mit einem Segelflugzeug die ersten Gleitversuche.

Diese Wunschträume hatte sich Sommerschuh notiert. Auch den Traum der chinesischen Menschen, die sich schon vor dreitausend Jahren mit dem Flugwesen beschäftigten. China, Italien, Frankreich, Deutschland, Griechenland und Arabien: die Welt träumte vom Sieg über die Schwergesetze der Erde. Und der Sieg wurde errungen. Im Jahre 1783 erfinden die Brüder Montgolfier gemeinsam mit dem Physiker Jaques Charles den Luftballon. Der erste Aufstieg erfolgte am 5. Juni. Der zweite Aufstieg kam acht Wochen später. Europa hielt den Atem an. Am 19. September begann der dritte Aufstieg. Die ersten Passagiere waren ein Hammel, ein Hahn und eine Ente. Und erst als die Tiere gesund auf die feste Erde kamen, wagten auch die ersten Menschen den Aufstieg. Zwei Jahre nach dem ersten Luftballon überflogen den Ärmelkanal der Franzose Blanchard und der Engländer Dr. Jeffris. Der Mensch hatte sich von der Erde losgelöst, aber es dauerte noch ein volles Jahrhundert, bis das erste Flugzeug den Kanal bezwang. Der Flieger und Sieger war ein Franzose und hieß Bleriot. Sein Flugzeug war der Eindecker Nr. 11.

Das war die große Ballade vom Sieg, die sich die Menschheit in einigen Jahrtausenden zu Ende gedichtet hatte. Sommerschuh war stolz darauf, dass in diesem Lobgesang auch deutsche Sänger ihre Stimme erhoben. Er dachte an den Kampf des Grafen Zeppelin, an die ersten Flüge Lilienthals und an seinen tödlichen Absturz, er erinnerte sich auch der Europaflüge der Japaner und der Überlandstrecken der Amerikaner, Spanier, Engländer, Franzosen, Deutschen und Italiener und der Stundengeschwindigkeit von 300 Kilometer, mit der die Flüge über die Erde brausten. Er entsann sich auch der Bombenabwürfe und der kommenden Giftregen, die ein neuer Krieg in die Städte senken würde. Ja, das Gesicht der Technik war das Gesicht der Medusa.

Da besann sich der Journalist. Er war ja nicht allein von den sechzig Millionen seines Landes verloren. Die Millionenmasse des Volkes wollte den Frieden. Von den Flugzeugen aus ging er in den großen Saal der Musikinstrumente und hörte die Harmonie über dem Chaos. Er hörte die Trommeln der Neger, die Saxophone der Amerikaner, die Fugen Bachs und die Hymnen Beethovens und ahnte auch eine Harmonie der lebendigen Dinge im Zusammenklang mit den toten Dingen. Er forschte ihre Zusammensetzung nach, analysierte und fand in der Chemie alle Grundstoffe versammelt. Da wurde er fröhlich und wusste, dass auch die Völker einmal harmonisch zur Menschheit zusammenwachsen würden.

Das Bild des neuen Menschen erstand der Besucher in den vielfältigen Abteilungen des Museums in wechselnder Gestalt. Die Technik und die Wissenschaft waren wie die Pole eines gewaltigen, schicksalhaften Bogens, von dessen straffer Sehne die Schönheit abgeschossen wurde. Aber nicht nur die Schönheit, nicht nur die Harmonie ging von jenem Bogen aus, auch herzloser Antrieb ganzer Geschlechter war dabei, Mord und Tod, Qual und Ausbeutung. Das Leben und der Tod, das Glück und das Unglück, die Freiheit und die Knechtheit: auch diese Dinge standen in den hohen, hellen Räumen und Sälen, in Maschinen oder Werkzeugen gebunden, trafen sein Herz, verwundeten es oder machten es unsterblich.

Ach, die verstummten Maschinen begannen sich plötzlich wie in einer Vision zu bewegen. Sie rauschten und donnerten leicht wie in fernen Fabriken oder in tiefen Bergwerken. Auch die alten Völkerstraßen, die Jahrtausende schon ertragen hatten, schienen zu wanken. Vielleicht rührten sich die Geschlechter, die jene Heerstraßen und Handelswege gebaut hatten, tief unten im Grund und Staub. Sie waren ja auch nichts weiter als Staub, heiliger Staub in Millimeterdichte, und doch fruchtbarer Boden und feste Kruste über dem feurigen Nickelkern unsres Planeten...

In der astronomischen Abteilung erlebte er im Planetarium das Wunder unsrer Zeit: die vollkommene Illusion des schwingenden Weltalls, den feurigen Tanz der Gestirne, das tönende Himmelsgewölbe, in dem auch die kleine Erde tanzte und sang. Und mit den Sternen begegnete sich Sommerschuh selbst, seiner Idee von allen Dingen, die den Menschen quälen und beseligen: er fühlte und ahnte die kommende Hochzeit der Arbeit mit der Wissenschaft, als deren Kind der neue und befreite Mensch aufsteigen wird.

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