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Deutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise

Max Barthel: Deutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise - Kapitel 11
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typefiction
authorMax Barthel
titleDeutschland - Lichtbilder und Schattenrisse einer Reise
publisherBüchergilde Gutenberg
year1926
firstpub1926
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
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Kohle und Eisen

Die Feuer der Hochöfen brennen im Ruhrgebiet Tag und Nacht. Die Flammen des Tages sind unsichtbar, aber wenn der Abend kommt und die Nacht hinter sich herschleift, springen sie heiß und züngelnd empor. Eine Nachtfahrt von Hamm nach Essen und Duisburg ist eine Fahrt an den Flammenrändern der Schwerindustrie entlang, an den langen Reihen der Martinsöfen, an den leuchtenden Hallen der Walzwerke, an den runden hohen Säulen der Hochöfen. Auch über die schwarzen steilen Gerüste der Förderanlagen zucken die Lichtspritzer. Die vielen Städte mit ihren Lampen und Signalen verblassen vor der roten Front der Hütten und Werke.

In der Gegend zwischen Hamm und Düsseldorf drehen sich die Förderseile, rauchen die Eisenhütten, qualmen die Kühltürme und Schlote, sausen die Dampfhämmer, knallen die hydraulischen Pressen, rattern die feurigen Blöcke über die Walzen, und die Funkenströme weißfließenden Gusses schießen dahin. Der Himmel ist angerußt und durchlöchert vom fressenden Feuer. Zwischen bäuerlichen Feldern liegen Städte und Dörfer. Die Dörfer sind keine Dörfer mehr, sondern moderne Großstadtstraßen, Häuserblocks und Bahnknotenpunkte. Unvermittelt haben sie sich aus der Flut reifenden Getreides. Sie sind unharmonisch und nicht erfüllt von jener geheimen Schönheit, die noch die schmutzigste Zeche umleuchtet. Dortmund und Essen waren auch im Mittelalter Kulturzentren, aber aus dem Nichts verlassener Provinzeinsamkeit stiegen auf die neuen Städte Bochum und Hamborn, Gladbeck und Herne, Wanne-Eickel und Mühlheim an der Ruhr. Diese gesichtslosen Städte stehen wie barbarische Steinhaufen neben den Schutthalden der Zechen und Hütten. Sie sind wie auseinandergesprengt und planlos. Aber jetzt greift die ordnende Faust neuer Stadtbaumeister in die Anarchie großer Menschenansammlungen und versucht, klare, übersichtliche Stadtbilder zu schaffen. Das ganze Ruhrgebiet ist beinahe eine große Riesenstadt, in der viele Millionen Menschen wohnen. Das fieberhafte Tempo der Industrieentwicklung hat eine neue Wohnkultur noch nicht aufkommen lassen. Nur die schüchternen Ansätze sind da: die Grünstreifen erster Parks und Spielwiesen, die kühle und schöne Gestalt neuer Bahnhöfe, die klassischen Würfel einiger Turmbauten, das Massiv neuer Warenhäuser und Verwaltungsgebäude. Die ersten Linien einer Schönheit werden sichtbar, die sich in der Bewegung der Arbeit und im Tempo der Anstrengung schon ausgebildet hat.

Vor ungefähr zweihundert Jahren entstanden in der Gegend von Essen die ersten Eisenhütten. Dreihundert und vierhundert Jahre alt sind die Hochöfen in den Tälern des nahen Sauerlandes, in dem Eisenerz gefunden wurde. Die ersten Hochöfen wurden mit Holzkohle gefeuert. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts fasste die Schwerindustrie Fuß. Die Witwe Krupp aus Essen erwarb 1799 die Gutehoffnungshütte. Ihr Sohn Friedrich errichtete 1811 einen Reckhammer und eine Schmelzerei. Neben Krupp wappneten sich die Brüder Haniel mit Eisen und Stahl. Neue technische Erfindungen kommen aus England, die Puddelöfen, die Dampfmaschinen, die ersten Heizapparate mit heißer Luft, Koks wird gewonnen, Roheisen verhüttet. 1829 wurden noch alle mitten im Steinkohlengebiet liegenden Hochöfen mit Holzkohle beschickt. Mit der Erschließung der mächtigen Kohlenfelder sprangen aus den Feldern der Ruhr Dampfhämmer, Walzwerke, Schmiedefeuer und Puddelöfen. Ein Hauptgründer jener Eisenwerke war ein Proletarier. Er hieß Piepenstock und warf sich nach den Napoleonischen Kriegen auf die Schwerindustrie und begründete die Herrmannshütte bei Hörde. In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren in jener Hütte 800 Arbeiter beschäftigt. Täglich wurden fünfhundert Eisenbahnschienen und zwölf Satz Eisenbahnräder mit Achsen geliefert. Um die Geschichte in groben Umrissen zu schreiben, genügt es nicht, die Männer Krupp, Haniel und Piepenstock au dem Dunkel treten zu lassen. Gleichzeitig mit ihnen müsste die ungeheure technische Umwälzung durch die Dampfmaschine aufgedeckt werden, die Revolution durch die Eisenbahn, die Entdeckung des Bessemerverfahrens, der Martinsöfen und der Umgestaltung des europäischen Weltbildes. Auch die hundert Jahre Steinkohlenbergbau müssten geschildert werden, die Geschichte der Panzerplattenkönige und Kanonenerzherzöge, das heftige Ineinander und Gegeneinander der Rüstungen, die Haubitzenschläge des Krieges und das tödliche Auf und Ab der kapitalistischen Welt.

Das Auf und Ab der kapitalistischen Welt in den letzten hundert Jahren spiegelt sich vor allem in der Geschichte des Hauses Krupp ab. Krupp ist aus der preußisch-deutschen Entwicklung nicht wegzudenken. Friedrich Krupp starb 1826. Als er starb, waren die sechzig Schmelzöfen, die er 1818 bauen ließ, noch nicht fertig. Sein Sohn Alfred übernahm mit seiner Mutter das Erbe. 1843 wurden die ersten Gewehrläufe aus Gussstahl hergestellt und 1847 das erste Kanonenrohr aus Gussstahl. Damit waren für Preußen-Deutschland die ersten Sätze der Kriegserklärung an Österreich, Dänemark und Frankreich in den nächsten zwanzig Jahren geschrieben. Sie wurden geschrieben in den Flammen der Kruppwerke in Essen. Bismarck feilte nur den rauhen Guss jener Thesen mit der genialen Hand eines großen Staatsmannes. Auch Bismarck ist ohne Krupp nicht denkbar. Das erste Geschützrohr aus Gussstahl war ein Dreipfünder. Sieben Jahre später wurde der erste Zwölfpfünder gegossen. Das Kanonenzeitalter hatte begonnen. Es begann, die alten Grenzen zu zerschießen und die Welt zu erobern und zu erschüttern, bis es dann selbst im letzten großen Krieg in Europa erschüttert und abgelöst wurde durch die Bombengeschwader, die Tanks und die Giftgase. Es ist wie ein blutiger Witz, dass gerade im Ruhrgebiet die Arbeitersiedlungen Kolonien genannt wurden. Gerade so wie ferne Insel und Länder, die von hier aus durch die technische Übermacht der weißen Rasse erobert wurden.

Krupp hat nicht nur Kanonen gebaut und die ganze Welt in ein Waffenlager verwandelt. Krupp hat auch Eisenbahnschienen und Lokomotiven gemacht und im Jahr 1861 den berühmten Dampfhammer »Fritz« mit tausend Zentner Fallgewicht aufgestellt, jenen ersten großen Dampfhammer in der Reihe der behirnten Fallhämmer in den Werkstätten der Welt. Im Jahre 1848 arbeiteten bei Alfred Krupp siebzig Arbeiter. Als er starb, waren es gegen zwölftausend. Die Kruppwerke haben der Stadt Essen ihr schwarzes Gesicht gegeben, wie Stinnes und Thyssen der Stadt Mülheim an der Ruhr ihr Gesicht gegeben haben, und wie der Bochumer Verein die bedeutungslose Stadt Bochum aus jahrhundertelangem Schlaf gerissen und zu einer Viertelmillionenstadt gemacht hat.

Krupp hat sich mit seinen Kanonen selbst in Grund und Boden geschossen. Krupp konnte nur leben, wenn Mord und Krieg blühten. Während des Weltkrieges waren 38 000 Arbeiter und Beamte in den Anlagen beschäftigt. Heute sind es noch 15 000. Morgen vielleicht nur noch 10 000. In den Riesenwerken ist Platz für 80 000 Arbeiter. Jetzt werden keine Kanonen mehr gemacht. Krupp baut landwirtschaftliche Maschinen, Lastkraftwagen, Schreibmaschinen und so weiter. Krupp interessiert sich auch für Landkommunen in Sowjet-Russland. In den zwölf Hallen des Lokomotivbaus, in denen Platz für sechstausend Mann ist, arbeiten heute dreihundert Leute, um ein Beispiel zu geben von dem Verfall des Riesenunternehmens. Sechzig Prozent aller Produktion bei Krupp dienten früher dem Kriegswesen. Die Kruppwerke sind graue, verrußte Stadtteile am Rande der Stadt Essen. Man sieht sterbende Hallen, ausgeblasene Hochöfen, verrostete Gießereien und gelähmte Walzwerke. Krupp ist nicht mehr der Erzherzog der Schwerindustrie. Die Krupps sind von den Thyssens überflügelt worden. Mülheim an der Ruhr, Hamborn, Bochum und Dortmund sind jetzt die neuen Produktionszentren. Der Krieg, von dem Krupp lebte, wird in andern Formen von dem neuen Stahlguss gegen Krupp selbst geführt. Krupp ist nicht mehr der Herrscher, aber er ist immer noch ein mächtiger Herr. Seine Wirtschaftsspione sitzen in der ganzen Welt und schicken ihre Berichte nach Essen. Krupp verkauft heute ebenso gern Mähmaschinen und Lastkraftwagen, wie er früher Kanonen und Panzerplatten verkauft hat. Heute läßt er die geologische Schichtung der Erdrinde, die Fruchtbarkeit der russischen Steppe und den Bedarf an landwirtschaftlichen Maschinen genau so scharf studieren, wie ehemals die imperialistischen Tendenzen der ausländischen Regierungen. Die Tendenz vor dem Kriege in Deutschland war ihm gut bekommen. Da brauchte er nicht mehr zu studieren.

Sommerschuh war nach Bochum gefahren und kam viele Male nach Essen hinüber. Die Städte des Ruhrgebiets liegen ja kaum eine kleine Stunde auseinander. In die Kruppwerke kam er nicht hinein, aber er ließ sich von einem Arbeiter von jenem denkwürdigen Besuch des ehemaligen Kaisers erzählen, der kurz vor dem Zusammenbruch nach Essen kam. Eine halbe Stunde hatte der Hohenzoller um die Seele der Arbeiter geworben. In seiner Rede war viel Angst um das bittere Ende, verzerrte Ohnmacht vor dem Absturz. Zuletzt wütete er gegen die Friedenssehnsucht und stellte sie als die Mache ausländischer Feinde hin.

»Jeder, der auf solche Gerüchte hört,« sagte der Kaiser, »der ist ein Verräter und herber Strafe verfallen, ganz gleich, ob er Graf ist oder Arbeiter... Jeder von uns bekommt von außen seine Aufgabe zugeteilt, du mit deinem Hammer, du an deiner Drehbank und ich auf meinem Thron. Jetzt haben wir Frieden mit Russland und Rumänien; Serbien und Montenegro sind erledigt, nur im Westen kämpfen wir noch, und da sollte uns der liebe Gott im letzten Augenblick verlassen? Gott helfe uns, und nun lebt wohl, Leute.«

»Mann,« sagte der Kruppsche Arbeiter, »bei der Ansprache waren nur ausgesuchte Leute da, keine Hetzer und Sozis, aber wir haben den Kaiser gehasst. Kein Wort von Frieden, kein Wort, dass es in Deutschland anders werden soll, kein Wort von Dankbarkeit für unsre Opfer und kein Wort für die halbverhungerten Kinder und Frauen. Wir waren seine lieben Freunde, weil wir Granaten drehten und im Trommelfeuer lagen... Nun, und acht Wochen später türmte der Mann über die Grenze. Er brachte sich in Sicherheit, und jetzt sollen wir ihm einige Millionen Goldmark Pinkepinke nach Holland schicken.«

»Er hat seine Aufgabe zugeteilt bekommen, du an der Drehbank, er auf dem Thron«, höhnte Sommerschuh.

Wieder fuhr der Journalist nach Bochum zurück. Dort besichtigte er den »Bochumer Verein für Bergbau und Gussstahl«, ein Riesenunternehmen, das in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als eine Aktiengesellschaft mit über zwei Millionen Mark Kapitaleinlage gegründet wurde. Der Gründer dieses Vereins war ein Jakob Mayer aus Dunningen in Württemberg, der nach vielen Fehlschlägen als erster das Geheimnis des Stahlfassongusses fand, nämlich das Geheimnis, dem Stahl in beliebige Formen zu gießen. Jakob Mayer aus Dunningen hatte sich bei Bochum angesiedelt. Sein Werk blühte und mit ihm die klein Stadt, die jetzt eine große Stadt geworden ist, ihre alten Straßen zertrümmert und die umliegenden, schmutzigen Dörfer auffrisst.

Vor jedem Fabrikeingang sitzt der Portier als traurige Gestalt zwischen den Arbeitern und der Geschäftsleitung. Auch am Haupteingang zum Bochumer Verein sitzt ein Portier, aber Sommerschuh konnte frei passieren. Sein Begleiter war der Vorsitzende des Betriebsrates. Die Geschäftsleitung hatte die Besichtigung freigegeben. Die Mauern vor den Gießereien, Walzwerken und Martinsöfen waren keine Sperrmauern mehr. Sommerschuh drang mit dem Genossen bis zum bittern Kern der Arbeit vor. Bis zu den Flammen und Giftgasen der Hochöfen, bis zu den feurigen Schlangen der Walzwerke und bis zu den weißglühenden Sturzbächen des geschmolzenen Eisens.

Der Bochumer Verein ist eine dunkle, feurige und rußige Stadt für sich. Eine rauchende, krachende Arbeitsstadt, in der neuntausend Menschen schwitzen und schuften. Der Bochumer Verein ist eine Stadt mit eignen Bergwerken, riesigen Erzbunkern, Schrägaufzügen, Gleisanlagen, Kühltürmen, Winderhitzern, Hallen und Halden. An dem Dampfhammerwerk vorüber, dessen harte Musik in den Ohren dröhnte, brachte der Führer den Journalisten zuerst nach einem Hochofen. Das war ein runder Kessel, um den sich stählerne Gerüste, Treppen, Röhren und Aufzüge dreißig Meter hoch aufbauten. Der erste Guss und Abstich war schon vorüber. Das Wasser strömte in rieselnden Bächen um den Bauch des Ofens. Flammen loderten. Das heulende Gebrüll der Seilbahnen zerschnitt die Luft. Die Schrägaufzüge brummten und schleppten Kohle und Erz heraus. Der Masselkran fuhr an einer beweglichen Brücke über die Gießfelder und ließ den Masselhammer tanzen. Auf und ab tanzte er, und der Tanz war ein trockenes, dunkles Klopfen auf den fertigen Guss, ein Stampfen und zorniges Hämmern. Aus die Gießfelder zerschlagen waren, kam der Magnetkran, riss das zerstampfte Eisen nach den wartenden Waggons, die es nach den Martinsöfen schleppten. Dort verwandelte sich das Eisen in Stahl.

Vom Hochofen sah Sommerschuh in das schöne wilde Land der Ruhr. Er sah Bergwerke, Schrägaufzüge, Kühltürme, rußige Feuer und die Schienenstränge der Eisenbahn. Das stahlharte Wunder der Technik und die kühle Ordnung all der Röhren, Pfeiler, Treppen, Aufzüge, Geländer und Brücken berauschten ihn. Auch für die runden, hohen Türme der Winderhitzer und für die Schrägaufzüge mit den Erzglocken begeisterte er sich. Von seinem eisernen Turm sah er in den versteinerten Wald der Schornsteine, aus dem gelber, schwarzer, grauer, weißer und giftgelber Rauch aufstieg. Erzbunker lagen unter ihm mit den großen Halden des Erzes, das silbergrau, mattblau, rostbraun und weißgrau schimmerte. Die an hohen Kranen aufgehängten Kipper rissen ganze Waggons von den Schienen und schütteten das Erz in die Bunker. Der Rauch der Arbeit, der alabasterweiße und schwarzblaue Rauch wehte und wogte wie ein Nebelmeer. Wohl flammte das Feuer in den Hochöfen, Walzwerken und Gießereien, aber sein Schein sprang in die Landschaft, zuckte durch die Rauchwolken und Hallen und donnerte im Lärm der Arbeit. Von hier aus, aus den Flammen, erhob sich der Mensch bewusst und herrisch. Der erste Schmied, das erste Eisen, der erste Pflug, das erste Schwert, die erste Kanone und die erste Mähmaschine.

Immer noch tanzte der Masselhammer über die dampfenden, rotglühenden Gießfelder. Von zwanzig Jahren war die Arbeit an den Gießfeldern noch Handarbeit. Verbrennung, Rauchvergiftung und Schwindsucht standen mit jenen Arbeitern vor den Gießfeldern auf du und du. Auch heute noch ist die Arbeit an den Hochöfen furchtbar. Tag und Nacht, in drei Schichten geht der Dienst. Siebenmal in vierundzwanzig Stunden wird der wasserumspülte Hochofenturm angebohrt. Siebenmal schießt der feurige Fluss des Eisens in das vorbereitete Sandbett. Das flüssige Eisen ist funkenumtanzt und gelbgrau umwölkt. Diese Rauchwolken sind giftig. Alle acht Tage werden die Arbeiter hier unten halbvergiftet abgelöst. Wenn der Wind gegen den Abstieg stößt, sieht man nur eine rauchende Hölle, durch die flüssiges Eisen blitzt und goldene Funken tanzen. Das Eisen fließt nach den entfernten Gießfeldern oder fällt zischend in große Kübel. Der Absturz in diese Kübel ist herrlich anzuschauen. Herrlich wie ein Gießbach in den Bergen. Alle feurigen Sterne sind um diesen Eisensturzbach versammelt.

An den Erzbunkern vorüber strömt das Kühlwasser des Hochofens nach den Kläranlagen, und von dort wieder nach der Ofenglut. An den Erzbunkern vorüber wanderte auch Sommerschuh mit seinem Führer und kam in das Maschinenhaus mit den großen Dynamos und Turbinen, jenen unheimlichen, beinahe lautlos arbeitenden Maschinen, die alle Aufzüge bewegen, alle Winderhitzer beschicken und die Masselkräne und Waggonkipper mit Kraft versorgen. Nur das leise Knistern der Dynamos war zu hören. Kein Staub, kein Ruß, kein Rauch war sichtbar. Nur großer Schwung, rasende Umdrehung, kristallisierte Kraft und Bewegung.

Der Hochofen schmilzt das Erz und macht Eisen. Das Martinswerk macht aus Eisen wertvollen Stahl. IN einer Reihe flammen die Martinsöfen den flüchtigen Besucher an. Das Eisen wird mit Manganerz und anderen Zutaten gemischt, schmilzt im weißglühenden Feuer und wandert in fahrbaren Kübeln zum Guss. Die Formen stehen schon bereit. Das Eisen ist nicht mehr Eisen, sondern Stahl und liegt in Blöcken, Stangen, Säulen und Würfeln in der Halle. Dann kommt das Martyrium der Walzwerke. Die Walzwerke sind große Hallen mit großen Kränen. Jeder Kran wird von einem Arbeiter gelenkt. Er schickt die Greifzange nach dem Feuerofen und wirft dann einen Block oder eine Stange auf blitzende Rollwalzen und sieht gelassen dem Spiel zu, das jetzt beginnt: nämlich der feurigen Jagt des Stahls durch die großen Pressen, dem klirrenden Auf und Ab der Hebeböden, dem heftigen Stoß gewalzter Schienen über blanke Rollen. Dann ist nichts mehr sichtbar als das Rasen glühend roter Stahlschlangen durch eine hohe Halle. Die rotglühenden Schlangen erstarren langsam und werden unzerbrechliche Schienenbänder, über die im nächsten Monat schon die Eisenbahnen donnern. Neunundachtzig Hochöfen brennen im Ruhrgebiet und zwingen über achttausend Arbeiter in ihren Flammenkreis. Siebenmal neunundachtzig am Tag und in der Nacht schießen die weißen Ströme des flüssigen Eisens in die Gießfelder oder in die Kübel. Die Masselhämmer und die Magnetkrane haben viel Arbeit. Die Martinsöfen stehen in voller Glut. Die Walzwerke jagen die glühenden Stangen und Blöcke durch die Quetschpressen. Der Himmel verfinstert oder rötet sich, die Flammen fressen sich durch die Nacht. Die Stahlkonzerne haben sich zu einem gewaltigen Stahltrust zusammengeschlossen. Französisches Kapital und deutsches Kapital arbeiten mit belgischem und amerikanischem Geld gemeinsam, aber alles Kapital auf der Welt kann keinen einzigen Hochofen in Gang setzen, wenn die Kohle fehlt, die das Erz schmilzt. In Westfalen war zuerst das Erz da, und dann kam die Kohle, doch erst im Zusammenklang von Erz und Kohle ist hier jene Industrie entstanden, die man die Schwerindustrie nennt.

In Bochum machte er sich in einem Café (die Tanzmusik spielte) einige Notizen über das Sterben der Arbeiter. Die Musik war schön und aufreizend. Die Gäste des Cafés waren gut gekleidet. Es waren kleine Kaufleute und Beamte, Reisende und Liebespaare. Sie lebten ihr Leben und freuten sich der Abendstunden. Wenn man mit ihnen über den Bergmannstod gesprochen hätte, wären sie auf Minuten vielleicht nachdenklich geworden. Vielleicht auch nicht. Sie waren zur Freude ins Café gekommen und nicht zur Trauer. Auch sie hatten ihre Ängste und Qualen. Auch die Kontore entließen viele Angestellte. Über zweihunderttausend Bergarbeiter lagen im Ruhrgebiet auf der Straße. Immer brausender stieg die Musik auf, als gäbe es keinen Hunger und keinen Tod. Und als er sich die kleinen Kurzgeschichten aus der Zeitung notierte, war es ihm, als gehöre das alles zusammen: das Weinen und Lachen, das Sterben und das Geborenwerden... Er notierte sich:

»Förderkorb-Unglück. Bei der Seilfahrt der heutigen Morgenschicht auf der Zeche ›Langenbrahm‹, Schacht 2, in Rellinghausen bei Essen fuhr aus bisher unbekannter Ursache der mit Bergleuten besetzte Förderkorb in den Sumpf, während sich der Gegenkorb in der Seilschleife verfing. Es ist bereits gelungen, alle Bergleute aus dem Korb zu retten. Tote sind nicht zu beklagen, drei Personen sind leichter verletzt worden. Etwa zwanzig Bergleute haben hauptsächlich Verstauchungen und Quetschungen erlitten. Die meisten konnten aber sofort zu ihrer Familie zurückkehren. Nur vier Bergleute, die Knochenbrüche davongetragen hatten, mussten ins Krankenhaus übergeführt werden.

Die letzte Schicht. Es ist also eingetroffen, wie wir vor kurzem vorausgesagt haben: die Zeche Vereinigte Margarete lieft still. Am gestrigen Tage haben die Bergleute die letzte Schicht verfahren. Mit ihrem Handwerkszeug und ihren Arbeitsanzügen sah man sie heimwärts ziehen. Besonders hart trifft dieser Schlag auch die Gewerbetreibenden, war doch diese Zeche, nachdem Zeche »Freiberg« vor Jahren stillgelegt worden war, fast die einzige Verdienstmöglichkeit. Der Überschichtenpütt. Auf Prosper 2 in Bottrop fährt samstags die Morgenschicht fast geschlossen nochmals abends in die Grube ein. Für die Überschicht wird kein Pfennig mehr bezahlt. Der Hauerdurchschnittslohn beträgt 8,08 Mark, aber die Kumpels bekommen nur 5,80 bis 7,30 Mark ausbezahlt. Daraus ergibt sich, wie das Gedinge auf den Prosperschichten gesetzt ist. Im Revier 11 herrscht das sogenannte Metergedinge. Wer gutes Gebirge hat und gute Kohle, der kann etwas verdienen, aber wehe dem armen Teufel, dessen Gebirgsverhältnisse schlecht sind. Er kann sich totschuften und verdient doch nichts. Die Kumpels arbeiten bis zur letzten Minute. Schweißtriefend rennen sie dann zum Schacht, wo sie sich durch kalten Luftzug sehr oft schwere Erkältungen zuziehen. Sie müssen krank feiern und werden dann entlassen.«

Sommerschuh stieß auf die grausigen Statistiken des Ruhrbergbaus und las, dass im preußischen Bergbau im letzten Jahr 113109 Bergleute verunglückten. Jeder vierte preußische Bergmann verunglückte im Jahr einmal, 1564 Bergleute aber verunglückten im letzten Jahr im preußischen Bergbau tödlich. Sie starben durch schlagende Wetter, Seilrisse, Deckeneinstürze, Explosionen, Steinschläge, Verschüttungen und Quetschungen. Das Ruhrgebiet forderte über dreizehnhundert Tote in einem Jahr. Die meisten Opfer fraß die Arbeit unter Tag, vor allem die Hauer und die Schlepper. Aber auch die Schwindsucht machte sehr viele Kumpels bergfertig. Von 186 bis 1915 wurden im deutschen Bergbau über zwei Millionen Arbeiter verletzt. Ungefähr vierzigtausend Arbeiter verunglückten tödlich. Über zweihunderttausend waren länger als vier Wochen krank. Die meisten der Verunglückten kamen durch schlagende Wetter um.

1853 meldete der Bericht die erste Katastrophe. Auf der Zeche Laura bei Minden töteten Schlagwetterexplosionen 11 Bergleute. 1866 riss auf der Zeche Prosper, dem Überschichtenpütt von 1926, das Seil und zerschmetterte 14 Bergleute auf dem Schachtgrund. Auf der Zeche Neu-Iserlohn starben 1866 zweiundachtzig Kumpels durch schlagende Wetter. Und so geht es durch die Jahrzehnte: 10 Tote, 13 Tote, 15 Tote, 37 Tote, 63 Tote, 116 Tote. Am 12. November 1908 kamen auf der Zeche Radbod 348 Bergleute durch schlagende Wetter und Kohlenstaubexplosionen um. Wie sterben die anderen Bergleute im Schacht? Durch Seilbruch, durch Absturz, durch Grubenbrand, durch Wassereinbruch, durch giftige Gase, durch Bruch der Seilscheibenachse bei der Seilfahrt und durch Dynamitexplosionen.

Die Zechen haben schöne Namen. Sie heißen: König Ludwig, König Wilhelm, Prinz von Preußen, Gottes Segen, General Blumenthal, Grube Maria, Fürst Hardenberg, Julia, Helene, Mansfeld, Mont Cenis, Freier Vogel und Unverhofft. Die Toten heißen: Kamphausen, Grzylewitz, Guhl, Müller, Preczang, Hecht, Liersch, Schmidt und Schönherr. Aber sie haben einen Sammelnamen wie alle Namenlosen, wie alle Geschichtslosen, sie heißen in der Sprache der Bergleute: Kumpels. Wenn sie gestorben sind und noch auf das Massengrab warten, fahren die andern Kameraden in die Tiefe, bis ihr Seil reißt, bis das Schlagwetter ihr Leben auslöscht.

Im Ruhrgebiet kämpfen viele Kräfte gegeneinander. Aus dem Kölner Braunkohlengebiet kommen die elektrischen Hochspannungsleitungen. Aber nicht nur durch ihre elektrische Umwandlung kämpft die Braunkohle mit der Steinkohle. Die Braunkohle hat sich in den letzten Jahren auch als Hausbrand und Fabrikbefeuerung auf den Markt gedrängt. Sie rollt an in den gleichmäßig geschichteten Briketts, ist billiger und kämpft als junge Industrie mächtig gegen die ältere Schwester. Die Jahresförderung an Steinkohle beträgt 120 bis 130 Millionen Tonnen. Auch die Jahresförderung der Braunkohle kommt über die Hundert-Millionen-Grenze hinaus. Die Blütezeit der Kohle scheint vorbei zu sein. Die elektrische Kraft und das Öl bewegen schon heute die meisten Schiffe und Maschinen.

In Bochum erlebte Sommerschuh eine Versammlung der Bergarbeiter und vernahm aus den Berichten das Elend der Bezirke. Er hörte die runde Summe des Jammers, den er aus den Gesprächen mit Arbeitslosen schon kannte. Im letzten Jahr wurden bei der Provinzregierung über dreihundert Anträge auf Stilllegung der Zechen gestellt. Dreihundert Zechen, die in einem Jahr ihre Schächte schlossen, ihre Maschinen abstellten, ihre unterirdischen Reviere aufgaben! Das Elend der Arbeitslosen schrie in jener Versammlung auf, das Elend unsrer Zeit: arbeiten wollen und nicht arbeiten dürfen! Von hier aus geht der Absturz des Lumpenproletariats. Von hier aus beginnt die Aufstellung einer verzweifelten Armee demoralisierter Menschen, die zu allem bereit sind: zum Streikbruch, zum Putsch, zum Verrat an ihrer Klasse.

Die Kohlenfelder im Ruhrgebiet liegen sechshundert bis achthundert Meter unter der Erde. Ungefähr die Hälfte aller Flöze sind steile oder verfallene Berge. Was nützen aber auch die guten Flöze und Berge, wenn zuviel Kohle in der Welt gefördert wird? In den Laboratorien sitzen die Chemiker und bereiten die Umwandlung der Kohle in leichte und schwere Öle vor. Der Streik der Bergarbeiter in England verhinderte im Ruhrgebiet noch mehr Stilllegungen. Die Kumpels, von denen kaum ein Drittel gewerkschaftlich organisiert ist, ließen sich auf der einen Zeche hinausschmeißen und waren glücklich, wenn sie in einem andern Pütt Überschichten fahren konnten. Sie hatten nicht nur ewige Armut in die Berechnung ihres Daseins gesetzt, nicht nur die schlagenden Wetter und Schachtbrände, viele von ihnen freuten sich über den Streik in England. Der große Aufstand der englischen Kameraden gab ihnen Brot.

In den letzten zwölf Jahren verunglückten im deutschen Bergbau rund fünfundzwanzigtausend Menschen tödlich. Stellt euch eine Stadt von hunderttausend Menschen vor, deren erwachsene Männer alle gestorben sind. Dann habt ihr in einem Bild das Bergarbeiterschicksal in den letzten zwölf Jahren. Stellt euch, wenn ihr wollt, die fünfundzwanzigtausend Särge vor! Zehn Stunden braucht ihr, an den toten Bergarbeitern vorbeizuwandern. Oder nehmt die Särge und stellt sie auf Leichenwagen, wenn ihr wollt, und ihr habt einen Zug toter Arbeiter von der Stadt Essen quer durch das ganze Westfalen bis nach Hannover hinüber.... Nach einer Statistik der Knappschaftsgenossenschaft aus dem Jahr 1924 fielen über zweiundsiebzig Prozent der Gefährlichkeit der Gruben zum Opfer und nur vierundzwanzig Prozent durch eigne Schuld. »Eigne Schuld«, das ist die Hetze um den Bissen Brot, das ist das Akkordsystem, das gerade in Bergwerken mehr als woanders zu einem Mordsystem wird.

Vor seiner Abreise aus dem Ruhrgebiet besuchte Sommerschuh den Bergarbeiterverband. Da kam er endlich dahinter, dass diese stillen proletarischen Männer, die aus der Grube ausgestiegen waren, genau so an einer Umwandlung arbeiten wie die Bergbauchemiker in den Laboratorien: sie arbeiten an der geistigen Umwandlung der krummen, vom Tode bedrohten Sklaven der Kohlenpütts zum Menschen und vor allem zu tüchtigen Kämpfern für die Grundrechte ihrer Klasse.

Die Zechen und Stahlwerke versanken. Der Himmel wurde wieder blau und klar. Felder kamen und Wälder und Wiesen. Kleine Dörfer lagen dicht am grünen Grund der Erde. Das Wesergebirge sprang schwärmerisch empor. Die Stadt Hannover mit der verbauten Altstadt, der neuen Industrie und der Reaktion ihrer Hochschule war bald erreicht. Dann kam die Elbe mit dem Seegebiet letzter Überschwemmung. Die Funktürme von Nauen standen klar und scharf am Horizont. Schon stieg der Rauch Berlins empor, die Deutschen Werke in Spandau und die hohen Fabriketagen von Siemens qualmten. Hinter dem Alarm der Friedrichstadt glühte der stille Sommer der Jungfernheide.

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