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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 970
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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siehe Bildunterschrift

Der Abt zu Kalbsangst

968. Der Abt zu Kalbsangst

Auf dem Marienberge ohnweit Kempten stand ein Schloß, das hatte den seltsamen Namen Kalbsangst, das soll schon gestanden haben, als die Kaiserin Hildegard das Kloster Kempten gründete, dessen erster Abt, Andagar, bereits im Jahre 796 verstarb. Das ist lange her. Zur Zeit der deutschen Gegenkönige Philipp von Schwaben und Otto IV. und ihrer Kämpfe soll es um Zucht und Ordnung im Kloster Kempten nicht allzu wohl bestellt gewesen sein; der Abt, Herr Wernher, beliebte gar nicht im Kloster zu wohnen, sondern wohnte auf Schloß Kalbsangst und führte allda ein vergnüglich Leben, wobei man munkelte, daß er mit dem bösen Feind und seinen Engeln mehr als mit Gott und dessen Heiligen verkehre, obschon er zum öftern vom Schloß herunter in das Stift ritt, um daselbst Messe zu lesen.

Eines Morgens sollte dieser Ritt auch erfolgen, aber des Abtes Türe tat sich nicht auf, und er antwortete auf kein Rufen, und da man endlich nach langem Harren das Schloß sprengte, so lag Abt Wernher tot, nicht in seinem Bette, sondern mitten in seinem Gemache, und während man seinen Rücken erblickte, erblickte man auch zugleich sein Gesicht, und die Zunge hing ihm etwas weit aus dem Munde. Und als es Nacht geworden und der Leichnam auf einem Paradebette lag, da schwebten schwarze Vögel zu den Fenstern herein, die rauschten mit ihren Flügeln und hatten blitzende Augen und feurige Schnäbel und rotglühende Krallen, und kamen ihrer immer mehr und mehr, daß entsetzt die Leichenwächter flohen und mit Zetergeschrei des Schlosses Bewohner zusammenriefen. Aber wie man sich nach dem Zimmer traute, hatten die Vögel allzumal des Abtes entseelten Leichnam erhoben und trugen ihn fort durch die rabenschwarze Nacht. Fernhin sah man ihn noch ziehen, wie einen Feuerstreif, aber nicht empor, sondern tiefer und immer tiefer, nach dem See zwischen Martinszell und Niedersandhofen. Seitdem ist es auf Schloß Kalbsangst nicht mehr geheuer gewesen, und es ist deshalb nach und nach von allen Bewohnern verlassen und eine öde Trümmer geworden. Aber auch in und um den See hat es greulich gespukt, so arg, daß der Kemptner Äbte Jagdschlößchen, das auf einer Landzunge in den See hineingebaut stand, auch eine Ruine geworden.

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