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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 969
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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967. Doktor Luthers Flucht

Als Doktor Luther im Jahre 1518 nach Augsburg beschieden war, dort ins Verhör genommen zu werden, und daselbst von einem übelunterrichteten Papst an einen besser zu unterrichtenden Papst appellierte, nicht minder auch den Gedanken der Appellation an ein allgemeines Konzilium faßte, erfuhr er von mehr als einer Seite her, daß ihm von seinen erbitterten Gegnern persönliche Gefahr drohe; insonderheit warnte ihn ein Freund, der Augsburger Patrizier Langemantel, und bewog ihn, die Stadt heimlich zu verlassen, bot ihm auch sein Geleite an, und so führte er ihn eines Abends durch die Straßen und bog plötzlich, indem er sprach: Da hinab! zur Rechten der Straße, welche beide herabkamen, in ein enges Winkelgäßchen ein, das sich abwärts gegen die Mauer senkte und zu einem Pförtlein leitete, dessen Wächter gewonnen war, und vor dem die Rosse schon harrten. Am andern Tage, wo die Gegner Luthern fassen wollten, war er fort. Wer anders konnte ihm fortgeholfen haben als der Teufel? In einem langen Mantel hatte selbiger als langer dürrer Kerl im Gäßchen gestanden und Luthern den Weg zur sichern Flucht gezeigt, der noch bis heute zum Dahinab heißt. Müßt' ein erzdummer Teufel gewesen sein, dem dann zumal auf Wartburg sein schlechter Habedank vom Luther geworden. Außerhalb der Mauern Augsburgs setzten sich Luther und sein biederer Geleitsmann in raschen Trab, hatten's auch nötig, denn die Flucht war entdeckt, und des Papstlegaten Reiter jagten nach, immer dem Laufe des Lech entgegen, dem Gebirge zu – wurden's aber bald müde, da sie keine rechten Reiter waren, und kehrten heim und sagten, sie hätten den Luther beinahe gefangen, aber der Teufel reite neben ihm, und beide hätten feuerschnaubende Rosse geritten und wären davongesaust und -gebraust wie die Windsbraut – zu allen Teufeln.

Acht Meilen ritten in dieser einen finstern Herbstnacht der Luther und der Langemantel, da hob sich vor ihnen im Glühen der Morgenröte das Schloß Hohenschwangau mitten aus dem Schoß des Hochgebirges, wo die biedern Ritter von Schwangau saßen, die gleich andern bedeutenden Männern der deutschen Ritterschaft, wie Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten, Sylvester vom Schaumberg und die von Freiberg auf Hohenaschau, dem Luther und seinem Werke im Herzen zujauchzten, und da ward Luther gar herzlich und gastlich empfangen und hätte weilen mögen, solange er gewollt, zudem sein Herr, der Kurfürst von Sachsen, ihm durch Spalatin hatte andeuten lassen, er sehe es gern, wenn jetzt in der Zeit großen drohenden Sturmes Luther noch eine Zeitlang sich an einem sichern Ort verborgen halte und nicht so bald nach Wittenberg zurückkehre. Da schrieb Luther dem Kurfürsten mit seinem gottgetrosten, unerschütterlichen Mute: Will ziehen, wohin mich der allmächtige Gott haben will, mich seinem gnädigen göttlichen Willen ergeben, er mach's mit mir, wie er wolle. Ich bin gottlob noch von Herzen fröhlich.

Aber weil Burg Hohenschwangau, die jetzt zum herrlich erneuten Königsschloß geworden und der Anwesenheit Luthers in ihren Mauern in einem Bilde Lindenschmits noch immer freudig eingedenk ist – gleich des Schatzes, der in ihren Tiefen liegt und bisweilen zutage steigt, wenn der Regenbogen seinen Fuß auf die Burgzinnen setzt und der Schatz sich sonnt – wegen Augsburgs Nähe dem Langemantel noch nicht sicher genug schien, so schied er mit Luther von den Schwangauern und suchte tiefer im Bayerlande ein stilles, abgelegenes Asyl. Sie hatten danach weit zu reiten, über München, allwo Luther, gleichwie zu Wertheim am Main, die Bratwürste schuldig geblieben sein soll, nach Rosenheim und von da zum Chiemsee, wo still im Schoß der Alpenvorberge zwischen dem See mit seiner Herren- und Fraueninsel und dem gewaltigen Alpstock des Hochriesen ein stattlich Schloß sich hebt, das noch heute mit seinem Ahnensaal und manch alten Erinnerungen an die ritterliche Vorzeit mahnt. Das war Hohenaschau, das Hauptschloß der Freiberge, und dahin brachte Langemantel den Luther in ganz sichere Hut. Ein dürftig kleines Kämmerlein ist's freilich, das alldort dem Wanderer als Luthers Wohnzelle gezeigt wird, und der Kastellan weiß nichts zu sagen, als daß Luther auf seiner Reise nach Rom, die er als Mönch machte, dort geherbergt habe, und die Forschung behauptet dasselbe. Allein obschon nach dem Sprüchwort alle Wege nach Rom führen, so ist dennoch kaum zu denken, was der wandernde Mönch, der früher im Dienst seines Ordens reiste, damals in einem von jeder Hauptstraße völlig abgelegenen Gebirgstalkessel und auf einem Ritterschloß zu suchen gehabt, selbst wenn er die Straße durch das nahe Inntal verfolgt hätte. Und so lebt Luthers Anwesenheit auf zwei stattlichen Burgen des Bayerlandes, die ihm gastlich Schutz und Schirm geboten haben sollen, sagenhaft fort, da Luther selbst von dieser ganzen Fahrt geschwiegen hat und der Orte weder den einen, noch den andern genannt. – Er zog immerdar dahin, wohin der allmächtige Gott ihn haben wollte, und war von Herzen fröhlich.

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