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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 955
Quellenangabe
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
year1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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953. Andreasnacht

Solche böse Possen, wie die Fräulein zu Koburg vornahmen, ihre künftigen Liebhaber vorher zu schauen, sind in der Andreasnacht, Christnacht, Thomasnacht und andern heiligen Nächten auch in Schwaben vorgenommen worden. Die Andreasnacht hatte aber den Vorrang neben der Thomasnacht. Da mußten die Mädchen, die ihre Zukünftigen erschauen wollten, allein in der Kammer schlafen und mit dem zwölften Schlag der Mitternachtsstunde den Andreassegen beten, auch dabei den Bettstollen dreimal treten, wie man tut, wenn man zu einer gewissen bestimmten Stunde nachts erwachen will. Der Segen lautet:

Heiliger Andreas (Thomas), i bitt di,
Bettstoll, i tritt di.
Laß mir doch erscheinen
Den Herzallerliebsten meinen.
Wie er geht und steht.
Und wie er mit mi in de Kirchen geht.

Es hat mit diesen und andern Dingen jedoch ein Aber. Manches Mädchen, welches den Segen sprach, fühlte, daß eine eiskalte Hand ihm übers Gesicht fuhr; der Herzallerliebste, der ihr so erschien und sie noch im selben Jahre freite, war dann der Tod. Andre, die dem wirklich erscheinenden Liebhaber etwas entrafften, mehrenteils Messer, sind sehr unglücklich geworden, den auf diese Zauberweise zu ihnen gewaltsam Hinentrückten befiel entsetzliche Beängstigung, und wenn sie dann später unversehens das Messer fanden, stießen sie es den eignen Frauen in das Herz. Ein Brauch ist auch, daß sich in der Andreasnacht die Mädchen, nachdem sie zwischen elf und zwölf Uhr ein brennend Licht auf den Tisch gestellt, völlig entkleiden und, den Rücken der Stubentüre zuwendend, die Stube auskehren; sie dürfen sich aber beileibe nicht umdrehen. Dann sehen sie ihren künftigen Ehemann hinter dem Tische sitzen, wie er leibt und lebt. Eine Dirne aus Wurmlingen machte den Versuch, und siehe – hinter dem Tisch saß ihr Brotherr, welcher schon eine Frau hatte. Nun schämte sich das arme nackte Ding fast zu Tod und dachte, der könne sie ja doch nicht heiraten. Aber noch in demselben Jahre starb die Hausfrau; der Mann gönnte sie dem Himmel von Herzen und freite frischweg die schöne junge Magd.

*

 

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