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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 924
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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922. Vom Urschelberg

Über Pfullingen erhebt sich ein Berg, der Urschelberg genannt. Wie sein Name an den Hörseelenberg, vom Volke Hörschelberg gesprochen, in Thüringen erinnert, so hat er auch an einem Abhang, der das Hörnle heißt, gleich jenem, der unter seinem Eisenach zugestreckten Horn eine Höhle hat, das Hörselloch, ebenfalls eine solche, die bei den Umwohnern das Nachtfräuleinöloch genannt wird.

Gleich der Frau Holle, der alten Spinnefrau im Hörseelenberge, wohnt die alte Urschel als Spinnerin im Urschelberge, und ist des Berges ganze Umgegend mit Sagen über sie erfüllt. Ein Teil dieser Sagen deutet darauf hin, daß die Urschel gleich andern wandernden Jungfrauen aus verwünschten oder versunkenen Schlössern – zwei Schlösser sollen auf dem Urschelberge versunken sein – auf Erlösung harre, die auf einer Eichel, deren Erwachsen zum Baume, auf das Fertigen einer Wiege aus diesem Baume und auf einem darin gewiegten Sonntagskinde beruht, der Hoffenden aber stets fehlgeschlagen, weil der erkorene Gesell, der sie durch ein aufgefundenes Pferdekumt sichtbar geschaut, nicht Mut genug gehabt, das Werk der Erlösung zu vollführen. Nach andern war es keine Eiche, sondern eine von der Urschel selbst gepflanzte Buche, aus welcher die Wiege gefertigt wurde, und noch immer soll eine solche Buche auf dem Urschelberge stehen und von ihr gehütet werden. Andernteils deuten die Urschelsagen rein auf sie als Spinnefrau. Wie die Berchta im Vogtlande ihr Gefolge hat von Heimchen, hat die Urschel eines von Nachtfräulein, nur nicht so zahlreich, meist nur auf die Dreizahl beschränkt. In deren Begleitung kam sie nach Pfullingen auf die Wiek, eine also genannte Häuserreihe, an welcher die Heergasse vorüberführt – leise Hindeutung auf die Urschel auch als wilde Jagdfrau – in die Lichtkarz und spannen albda sehr fleißig. Einst machte sich aber ein Bursche den Scherz, einem der Nachtfräulein den Faden abzubrechen, und wollte nach der üblichen Sitte, indem er den Rocken nahm, diesen mit einem Kuß ausgelöset haben – das nahmen die Urschel und die Nachtfräulein sehr übel, nahmen ihre Spindeln, gingen von bannen und kamen nie wieder in dieses Haus. Von dem Hause aber wich seitdem aller Segen. Sie besuchten dagegen bisweilen andere Häuser und spannen nicht allein für sich, sondern auch für die Frauen, die sie besuchten, und spannen deren Kunkeln ganz leer und alle Spindeln voll, und dert seinsten Faden, den es geben konnte, spannen sie, und wann sie gingen, sah man ihre schloßschleierweißen Kleider beim Schein ihres Laternchens bis nahe an das Nachtfräuleinsloch am Urschelberge leuchten. In Reutlingen heißen sie Bergfräulein, weil sie im Urschelberge wohnen, da sollen sie ihren Aus- und Eingang, wenn sie auch dorthin zum Spinnen kamen, mitten auf dem Markt gehabt haben. So ganz ledigen Standes müssen aber die Urschelbergerinnen doch nicht gelebt haben, denn es sind Sagen von in den Berg geholten Hebammen vorhanden, welche mit Strohhalmen belohnt wurden, von denen sich die in Goldstangen und Goldstücke verwandelten, die nicht verächtlich weggeworfen worden waren.

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