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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 907
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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905. Der Graf von Calw

Es war ein Graf im Schwabenlande, der hieß Diepold von Calw, und brach Kaiser Konrads Landfrieden, auf welcher Tat die Todesstrafe stand. Darum entwich der Graf in den Schwarzwald und barg sich mit den Seinen in einem Mühlhaus an der Nagold, nicht allzufern vom Kloster Hirsau, welches Helizena, eine reiche fromme Witwe desselben Geschlechtes, schon im Jahre des Herrn 645 zuerst gestiftet hatte, und zwar nach göttlicher Eingebung auf einem blachen Feld, darauf drei Fichten auf einem starken Stamme entsprossen waren. Darnach, als Helizena verstorben war, erbaute wieder eine Edle des Geschlechtes von Calw, die Erlafried geheißen war, dem Kloster eine schöne Kirche. Nun geschah es, daß der Kaiser in die Gegend und in das Tal der Nagold kam, allda zu jagen, gerade zu einer Zeit, als des Grafen von Calw Gemahel damit umging, eines Kindleins zu genesen. Da er aber den Kaiser ganz nahe sah, fürchtete er sich sehr, verließ die Kreißende und entging, während der Kaiser in die Mühle trat und in ihr rastete. Und während die Frau noch in Wehen zubrachte und endlich eines Söhnleins genas, hörte der Kaiser eine Stimme nicht einmal, sondern dreimal rufen: Dieses Kind wird dein Tochtermann und Erbe! – Dem Kaiser dünkte diese Prophezeiung keine schöne zu sein, und meinte, seine Tochter, so er eine übrig hätte, wäre nicht für so einen kleinen Klapperburschen, und hieß zwei Diener der Mutter das Knäblein wegnehmen, es ertöten und ihm dessen Herzlein bringen. Nun nahmen zwar die Diener der verlassenen Mutter ihr Kind, aber sie vermochten's nicht zu töten, sondern legten es auf einen Baumzwiesel, fingen einen Hasen und brachten dessen Herz ihrem grausamen Herrn. Das ausgesetzte Knäblein wurde durch Gottes Lenkung von einem auf die Jagd reitenden Schwabenherzog gefunden und mit heimgebracht, und mußte seine kinderlose Gemahlin zum Schein tun, als habe sie diesen Neugebornen zur Welt gebracht, und der Herzog nannte ihn Heinrich und nahm ihn im stillen mit seiner Gemahlin zum Sohn an, damit sein Gut und Erbe nicht an die lachenden Erben falle. Darauf verging eine gute Reihe von Jahren, nach deren Ablauf einmal der Kaiser gen Ravensburg kam, wo jener Herzog wohnte, dem gefiel der angebliche Herzogsohn gar wohl, so daß er ihn mit an sein Hoflager nahm. Aber nach einer Weile kam ihm doch böser Verdacht in den Sinn; er rechnete nach, gedachte der früheren steten Unfruchtbarkeit der Gräfin von Calw und diftelte endlich heraus, daß dieser Jüngling kein anderer sei als der, welcher nach jenem prophetischen Zuruf sein Eidam werden sollte; gedachte deshalb abermals daran, den Jüngling aus dem Wege zu räumen, schrieb einen Brief an die Kaiserin, die zu Aachen wohnte, und schrieb hinein: By dime leben gib deme jungen den tod. Mit diesem Uriasbrief wurde der Jüngling nun entsendet, der war der weiten Reise froh und freute sich darauf, die Kaiserin und ihre Töchter zu sehen, von welchen der Ruf ihrer Schönheit durch alle Lande ging. Da dieser Briefbote nach Speier kam, kehrte er bei einem Priester ein, den er kannte, und übergab ihm für die Nacht, da er bei ihm herbergen wollte, seine Tasche und den Brief darin zur Verwahrung. Der Priester aber mochte gar zu gern wissen, was in dem Briefe stehe, und endlich ließ ihm die Neugier keine Ruhe mehr, er nahm ihn und öffnete ihn und las ihn, denn in jener Zeit waren fast ausschließlich die Pfaffen allein Schreiber der Briefe und wußten mit deren Öffnen und Schließen gut umzugehen. Da las er mit Grausen den Befehl, und es dauerte ihn der Jüngling, nahm alsbald ein feines Messerlein und ein Schreibrohr und schnitt sich selbiges frisch und recht spitz und schabte am D im Worte Tod und änderte ganz leichtlich den in dine und tod in tochter, und nun lautete die Zeile: By dime leben gib deme jungen dine tochter. Die Kaiserin verwunderte sich zwar, doch war sie ein gehorsam Weib und galt auch gegen ihres Herrn Gebot gar kein Wenn und Aber, welches im jetzigen Weibersinn damals noch nicht erdacht war, und legte dem Junker die Tochter bei, das waren die beiden letzten gar wohl zufrieden. Aber der Kaiser ward sehr zornig, da er die Mär erfuhr, half ihm indessen nichts, geschehen war geschehen, und als sich nun vollends allgemach offenbarte, wer sein Eidam sei, so sprach er: Wie Gott will, ich halte still! – und machte seinen Schwiegersohn zum Herzog von Alemannien. Da kam auch der alte Graf von Calw zurück und wurde wieder zu Gnaden angenommen und brachte sein Geschlecht zu hohen Ehren.

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