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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 883
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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881. Unsere Frau zum Hasen

In der Kirche des Dorfes Thüngenthal stand auf einem Altar in einem kleinen Chörlein ein Muttergottesbild. Da geschah es, daß ein Herr von Limburg in der Gegend Hasen jagte und die Hunde einen Hasen auftrieben, der seinen Lauf schnurstracks in die Kirche nahm und mit einem Satz auf jenen Altar sprang, wo er am Gewände des Marienbildes angstvoll aufwärtsstrebte. Als der Herr von Limburg der Jagd nachfolgte, denn er hatte gesehen, wie auch seine Hunde dem Hasen nachsetzend in die Kirche gedrungen waren, fand er die Hunde vor dem Altar in ruhiger Stellung und ergriff das gehetzte Tier, das nun nicht weiterkonnte, mit der Hand, trug es auf den Kirchhof heraus, wehrte den Hunden, es zu verletzen oder ihm zu folgen, und sprach, indem er den Hasen in Freiheit setzte: Zeuch hin, lieber Has! Du hast Freiheit in der Kirche gesucht, die hast du funden, dieweil die Hunde dein Asyl geehrt, so will ich's auch nicht verletzen. – Also lief der Hase davon, und kein Hund folgte ihm. Wie nun solches unter den gemeinen Mann kam, ward ein großes Zulaufen und Wallen, und man nannte die Kirche Unsere Frau zum Hasen, und von dem Opfer, so die Waller dahin gaben, ward ein neuer Chor gebaut und ein steinern Madonnenbild errichtet, an dem ein Hase emporstrebt, zum ewigen Gedächtnis.

Es sind dazumalen der Wallfahrten immer mehr worden. Auf dem Berge der ehemaligen Burg Flügelau fand ein Hirte im Stamm einer großen hohlen Buche angesammeltes Wasser, das war zur Zeit, als die Heilbronner Wallfahrt sich auftat, und glaubte aus Einfalt, es sei in der Buche eine Wasserquelle, schrie das aus und pries das Wasser als heilsam für blöde Augen; das ward ihm gleich geglaubt, und lief das Volk in Scharen hinauf zur Buche und wollte sich seine Blindheit wegwaschen und opferte viel Geld, und da der Hirte sah, daß das Wasser zu Ende ging und keins nachquoll, so tat er wie Sankt Mattheis nach dem Sprüchwort:

Sankt Mattheis
Bricht das Eis.
Findt er keins,
So macht er eins –

er sorgte täglich für frisches Wasser und stärkte statt der Augen die Verblendung, und siehe, es konnte bald von den zahlreichen Opfergaben eine herrliche Kirche erbaut werden und mit schönen Ornaten versehen, ja ein Pfründhaus und auch ein Wirtshaus, und ward eine Pfründe gestiftet, alles von dem Regenwasser im alten Buchenstock, und sähe man recht, wie mächtig Gott auch im Kleinen ist. Und ward dieser selbigen Wallfahrt nachgesagt, wann der Wirt der Gäste an manchem Feiertag allzuviele gehabt und die Zechleute nicht alle in seiner Behausung unterbringen können, habe er sie in die Kirche gesetzt, und sei die Kirche zur Taberne geworden. Als aber die Reformation kam, hat Markgraf Georg von Brandenburg die Wallfahrt abgestellt.

Wieder eine andere Wallfahrt entstand 1472 auf dem Einkorn, fast gleichzeitig mit jener zur Buche auf dem Burgberg, zu einer Eiche, ohngefähr eine halbe Meile hinter Comburg, dem berühmten Stift, im Rischachertale, wo sich der Fußpfad auf Oberrischach und Herzelbach scheidet. Da fand ein Schuhmacher, Siegmund Weinbrenner, in einem Bildhäuslein ein bleiern Amulett, wie man es den Wallern zu Vierzehnheiligen im Frankenlande gab, und verkündete dem Volke, daß er eine Erscheinung gehabt: es wollten an diesem Ort die vierzehn heiligen Nothelfer verehrt sein. Da wurde ein großer Zulauf, besonders zur Sommerszeit, weil Hall nahe lag, mit Speisesäcken und Flaschen, mehr großen Mahles als Wallens wegen; dennoch wurde eine bretterne Kapelle errichtet und darin Messe gelesen an tragbaren Altären. Weil aber über den Ortesbesitz zwischen Comburg und Limburg sich Streit erhob, zerging bald wieder Wallfahrt und Kapelle.

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