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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 84
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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82. Spanheims Gründung

Es war vordessen ein Graf von Vianden und Ravenzierburg, der liebte eine Gräfin des Nahegaues, welche eine Witwe war, und auch sie war ihm als dem zweiten Bewerber um ihre Hand nicht abhold – aber der Graf hatte in einer Fehde einen nahen Verwandten der Gräfin erschlagen, und so konnte und mochte sie ihm, schon der Verwandtschaft wegen, die Hand zum Ehebunde nicht so bald reichen, sondern band die Erfüllung seines Wunsches an eine Bedingung, welche Zeit vergönnte, jenen Fehdehandel mehr in Vergessenheit kommen zu lassen. Sie sprach zum Grafen von Wanden, er möge zur Sühne des Erschlagenen eine Pilgrimfahrt in das Heilige Land antreten und von dort ihr ein Zeichen von den heiligen Orten mitbringen, das geweiht und beglaubigt sei, daran werde sie seine aufrichtige Liebe und den Willen des Himmels zugleich erkennen.– Der Graf schied vom Heimatlande, und es währte wohl über Jahr und Tag, bevor er an die Rückkehr denken konnte. Er kämpfte gegen die Ungläubigen, betete an allen heiligen Orten und erwarb, sein Gelübde zu lösen, auch einen Span vom Kreuze des Herrn, dessen Echtheit der Patriarch von Jerusalem durch einen Pergamentbrief mit bleiernem Siegel beglaubigte. Der Graf von Vianden war sehr glücklich, einen so werten Schatz zu besitzen, und ließ eine kleine goldene Truhe anfertigen, besetzt mit Edelgesteinen und sehr kunstvoll, und in getriebenem Golde den Namen der Herrin, der er diente, auf dem Deckel der Truhe anbringen. Darauf schickte sich der Graf zur Heimreise an, voll Hoffnung auf endliches Glück. Aber das Geschick zeigte sich ungünstig. Auf der weiten Meerfahrt von Palästina nach den Küsten Italiens erhob sich ein furchtbarer Sturm, welcher das Schiff zu scheitern brachte, kaum daß die Mannschaft das nackte Leben davonbrachte. Alle Habe des Grafen und auch jenes wertvolle Kästchen verschlangen die Wogen des Adriatischen Meeres. – Arm und gebeugten Geistes, bekümmerten Herzens, ein bettelnder Pilgrim, durchreiste der Graf die Gauen Welschlands und Deutschlands, und so kam er auf seinen Heimatburgen wieder an, wo er zwar des Gutes und Geldes genug fand, allein nichts, was seinen Verlust hätte ersetzen können. Betrübt suchte er die Gräfin auf, sie hieß ihn freudig willkommen, er fand sie schöner und liebenswürdiger als je vorher, das schmerzte ihn um so tiefer, und er sprach: Frau Gräfin, Ihr seht mich mit leerer Hand Euch wieder nahen. Ich hatte ein kostbares Reliquienstück, einen echten Span vom Kreuze unsers Herrn, wohlbewahrt in köstlichem Schrein, für Euch vom Heiligen Lande mitgebracht. Ein Sturm, der unser Schiff scheitern ließ, raubte mir alle meine fahrende Habe und auch jenes Kleinod, das für Euch bestimmt war, das mein Glück an Eurer Hand begründen sollte. –

Armer Graf, sprach die Gräfin, und ihre Augen strahlten ihn liebereich und minniglich an, so bringt Ihr vom Kreuze des Herrn keinen Span heim? War denn vielleicht auf dem Kästchen, das Euch der Meersturm raubte, mein Name zu lesen?

Der Graf hörte ganz erstaunt diese Worte, er glaubte zu träumen und rief: Beim Kreuze des Heilands, Frau Gräfin, wie könnt Ihr wissen? –

Gottes Hand, der Heiligen Fügung! antwortete ernst und liebreich die Gräfin, erschloß einen Schrein, nahm aus diesem des Grafen goldne Truhe und hielt sie dem Staunenden unter die Augen. Heute in der Morgenstunde hat es an mein Burgtor geklopft, wie der Pförtner öffnet, steht ein Jüngling draus, hell gekleidet, mit einem Antlitz schön wie die Morgenröte. Der spricht: Für deine Herrin – und gibt dem Pförtner dieses Kleinod in die Hand. Wie der es betrachtet und wieder zu dem Jüngling aufblickt, ist derselbe schon hinweggeschwunden. Brauchen wir weiter Zeugnis? Wir haben gehofft, jetzt laß uns glauben und lieben! – Mit diesen Worten fiel die junge Witwe dem Grafen um den Hals und küßte ihm den Verlobungskuß unter Freudentränen. Und als beide miteinander vermählt waren, erbauten sie eine neue Burg und ein Kloster, und gründeten einen Ort, und nannten den Spanheim, und stifteten den heiligen Span in ihr Kloster, und das Kloster begabte mit kleinen Partikeln von dem Span, reich in Gold gefaßt, auch das nachbarliche Kloster Kreuznach, ja dessen alter Name Crucinaha, dem Kreuze nahe, soll sogar davon abstammen. Und das Geschlecht der beiden Vermählten blieb gesegnet vom Herrn, viele fromme und berühmte Männer und Frauen gingen aus ihm hervor, stifteten Klöster, bauten Kirchen, kämpften im Heiligen Lande oder wandelten selbst als heilige Personen durch das Leben.

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