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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 642
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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640. Berggeist Rübezahl

Vom Kynast hat einer nicht weit auf das Gebirge zu wandern, darin des weit und breit genannten Berggeistes Rübezahl Reich ist. Von keinem Gespenst gehen so viele teils alte echte, teils neuersonnene Volkssagen. Zahlreich sind die Örtlichkeiten im Gebirge, an denen sein Name haftet; es steige einer nur vom Dorfe und Vitriolwerk Schreiberhau hinauf zum Elbfall, zu den Zackel- und Kochelfällen und zum großen Rad wie zur Koppe, da findet er unterwegs Rübezahls Festung, seinen Ball, seine Treppe, seine Steinkanzel, seinen Keller, Garten, Teich, Thron und dergleichen häusliche Niederlassungen mehr. Rübezahl ist ein Proteus der deutsch-slawischen Mythe, allbekannt und doch noch nicht genau erkannt; eine Koboldnatur, gut und schlimm, mehr neckisch als tückisch, aber leicht reizbar und oft grausam in seiner Neckerei. Er erscheint in allen Gestalten der Waldleute, als Bergmann, Jäger, Holzhauer, Köhler, Reffträger, Führer, Bote, nicht minder als Mönch, als Moosmann, in Tiergestalt, er gebietet den Elementen wie allen Schätzen der Tiefe, deren Oberhüter er ist. Es ist eine bekannte Rede, daß dieser Geist den Namen Rübezahl nicht leiden könne und sich an denen empfindlich räche, die ihn damit rufen und höhnen, was ihm auch nicht zu verdenken ist, denn kein Gescheiter wird dulden, daß ihm der erste beste Laffe den ehrlichen Namen verhunze und verschände. Nun weiß aber kein Mensch den wahren Namen dieses Waldschrats, und so nannte man ihn den Herrn des Gebirges, den Herrn vom Berge, und die Kräutersammler nannten ihn Domine Johannes und verehrten ihn, da er den Kräutlern gar gute Wurzeln und Kräuter anzeigte, sie auch schöne Steine finden ließ, wenn er sie selbst gut und seiner Gaben wert befand. Da der Gebirgsgeist den ihm aufgehängten Namen so wenig leiden und ertragen kann – wie der Pilatussee in der Schweiz oder der bayerische See auf der Gebirgsgrenze zwischen Böhmen und Bayern, wo man es in jener Welt nennt, die in sie geworfenen Steine, und diese mit Toben und Brodeln, ausstoßen – so hat er zum öftern groben Schrollen, die es an ihn gebracht und ihn sogar zum Kehren der untersten Feuermauer eingeladen, gar schlimm und scharf gelohnt. Davon wäre viel zu erzählen. Einem dieser unsaubern und gemeinen Gesellen, der ihn förmlich schimpfte, schickte der Geist ein Hagelwetter auf den Hals; einem zweiten putzte er die Feueresse mit der Mistgabel aus; einem botanisierenden Mediziner brach er das Genick; einem Schäfer ließ er Ochsenhörner am Kopfe wachsen; einem Schneeberger Ratsdiener zog er die Ohren so hoch in die Höhe, daß sie genau die Ohrenlänge des güldenen Esels hatten. Ein Briefträger wurde vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht und bis zum andern Morgen um ein altes Zauberschloß in Ruinen herumgeführt; ein Bauer wurde zum Nasenkönig gemacht, der mußte, wenn er sich schneuzen wollte, das Fazinettlein so weit vom Gesicht weghalten, als sein Arm langte. Einer Grasemagd, die im Walde Spottliedlein auf den Berggeist sang, nahte er sich als Buhle, griff ihr unters Kinn und heftete ihr einen Ziegenbart an, den sie ihr Lebelang tragen mußte. Bauern, die ihn geschmäht, lenkten sich, als sie in der Scheune draschen, unwillkürlich die Flegel nicht aufs Getreide, sondern auf ihre Köpfe und Buckel, so daß sie mehr blaue Flecke als Körner ausdraschen, und solcher Strafen verhängte er, wenn er gereizt war, oft und viele.

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