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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 640
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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638. Das Horoskop

Auf dem Bergschloß Kynast wurde ein frühgezähmter Wolf gehalten, der wie ein Hofhund umherlief, ja sogar zu einigen Kunststücken, wie ein Hund, abgerichtet war. Da beging am 2. März des Jahres 1635 der Herr der Burg und Grafschaft, Johann Ulrich Graf von Schaffgotsch, die Feier seines Geburtstages mit Bewirtung zahlreicher Freunde und Zuziehung der höheren Dienerschaft. Dabei war auch der Pfarrer von Giersdorf, dicht unterm Kynast, Johann Andreas Thieme, welcher ein Astrolog war, Jünger einer Wissenschaft, die in den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges noch in hohem Ansehen stand. Das Gespräch der Gäste lenkte sich durch des berufenen Propheten Anwesenheit auf seine Kunst, und des Grafen Geburtstag legte den Wunsch nahe genug, ihm das Horoskop zu stellen. Thieme tat es, forschte nach, rechnete, schrieb Zeichen nieder und tat dann mit bekümmerter Miene den Ausspruch: Unser gnädiger Herr, der Graf, wird durch kaltes Eisen eines gewaltsamen Todes sterben. – Alle entsetzten sich, tadelten diese Rede, und der Graf hatte selbst an ihr die mindeste Freude, doch machte er zu diesem bösen Prophetenspiel leidlich gute Miene und dachte bei sich: dem vorwitzigen Pfaffen wollen wir einen Possen spielen. Er befahl ein Lamm in die Zimmer zu bringen, versammelte die Gäste und gebot dem Pfarrer, diesem Lamme alsobald auch die Nativität zu stellen und zu sagen, wer es essen werde. Solche Verhöhnung seiner Kunst, welche Pfarrer Thieme für eine göttliche erachtete – denn es wird ihrer vielfach gedacht in Heiliger Schrift, und daß ihre Stellung tiefe Bedeutung habe, wie Jesaias weissaget vom kommenden Tage des Herrn: Die Sterne im Himmel und sein Orion scheinen nicht helle, die Sonne gehet finster auf, und der Mond scheinet dunkel – nahm der Nativitätsteller übel und weigerte sich lange, dem Geheiß nachzukommen; endlich ließ Thieme nach dem Schäfer senden, von dessen Herde dieses Lamm genommen war, und fragte nach Tag und Stunde von des Tieres Geburt; als er diese erfahren, rechnete er wiederum und tat dann den überraschenden Ausspruch: Dieses Lamm wird der Wolf fressen. – Alle, die das hörten, lachten, und der Graf selbst sprach lachend: Dieser Wolf wollen wir selbst sein, der Koch soll es alsobald schlachten und braten, daß es zur Abendtafel, wann wir von der Jagd heimkehren, fertig sei. – Der Koch schlachtete das Lamm, steckte es an den Spieß, wußte nichts von der ganzen Verhandlung, gab unbefangen dem zahmen Wolf den Spieß zum Drehen in die Pfote und verließ auf kurze Zeit die Küche. Der Wolf aber war über die Gäste und die Gasterei des Geburtstagsfestes von dem Diener, der ihn fütterte, vergessen worden und hatte einen wahren Wolfshunger. Nun wäre mit bellendem Magen für andere einen Braten drehen zu müssen nicht bloß für einen Wolf eine unangenehme Sache, und der Wolf, der wohl ohnehin lange kein frisches Fleisch geschmeckt hatte, verzehrte den Lammsbraten mit größtem Wohlbehagen und stillte seinen Hunger in vollständiger Weise, bis der rückkehrende Koch das Opferfest unterbrach und dem Wolf mit ungeheuer vielen Prügeln den Braten versalzte. Indes geschehen war geschehen, mit allen Prügeln war das Lamm nicht herauszuschlagen, ein anderes nicht zur Hand, der Koch sorgte für andere Braten, und die Abendtafel ward auf das beste zugerichtet. Als nun die Gäste, unter ihnen auch wieder Thieme, mit dem Grafen zu Tische saßen und schon einige Gänge Speisen auf- und abgetragen waren, sah der Graf ungeduldig nach der Türe und fragte den aufwartenden Kammerdiener: Kommt nicht bald das Lamm? – Dieser ließ den Koch befragen, und da erschien der Koch selbst in großer Verlegenheit und stammelte: Gnädigste Erlaucht, Herr Graf – verzeihen! Es ist etwas vorgefallen mit dem Lamm – es ist – vom Spieß – hinweggekommen! – Wieso, vom Spieß? – Ja, gnädigste Erlaucht – der verfluchtige Kerl, der Bratenwender – der Wolf – hat's gefressen! – Tiefes – schreckenvolles Schweigen. Der Graf legte Messer und Gabel hin – er sprach: Es geschehe der Wille des Herrn! – verließ die Tafel und zog sich unwohl zurück.

Nicht volle fünf Monate darauf ward Johann Ulrich Graf von Schaffgotsch auf Befehl des Kaisers zu Regensburg enthauptet.

*

 

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