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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 605
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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603. Die Nägelstätter Weide

Zwischen Langensalza und Groß-Vargula, allwo Winfried Bonifazius eine Kirche gründete und zum Zeichen der Wahrheit der Christuslehre seinen Stab in den Boden stieß, aus dem ein grünender Baum wurde, liegt das Dorf Nägelstätt und dabei eine Trift, die ist verrufen und heißt die Nägelstätter Weide. Zum öftern sind Geister dorthin gebannt worden. So lebte zu Langensalza ein wunderlicher Doktor, der von aller Welt sich abgeschieden hielt, doch ließ er reiche Gaben an die Armen durch seinen Diener austeilen. Er starb endlich alt und vielleicht auch lebenssatt; da es nun zu seinem Begräbnis kam und der Sarg schon in der Flur stand, sangen die Kurrendschüler vor dem Hause nach üblicher Weise ein Sterbelied – siehe, da schaute oben der alte tote Doktor in seiner weißen Zipfelmütze und mit einer grünen Brille zum Fenster heraus. Man eilte bestürzt in das Haus, öffnete den Sarg – da lag der Alte starr und steif; man erhob rasch den Sarg und trug ihn zum Gottesacker hin, während der Doktor wiederum gemütlich nachsah, wie man mit ihm dahinlief, als wäre er ein zu begrabender Jude. Von da an schaute von jedem Mittagsglockenschlag zwölf Uhr bis um ein Uhr der Geist des Doktors aus dem Fenster, und niemand wollte in das Haus ziehen. Da ließ man einen Hullen- und Pöpelsträger kommen, das war ein Jesuit vom Eichsfeld, der brachte einen Fuhrmannskober mit, bannte den Geist dahinein und trug ihn in die Nägelstätter Weide. Acht Tage darauf geschah es von ohngefähr, daß ein Brautpaar aus dem Dorfe durch die Weide ging, wollte in die Stadt und wollte Einkäufe zur Hochzeit machen, hatte aber des Geldes nicht gar viel, und da tat die Braut einen Wunsch: Ach, wenn wir doch einen Schatz fänden, da wäre unserer Sorge mit einem Male abgeholfen! – Jaja, sagte der Bräutigam, hat sich was mit Schatz finden! – Da aber gewahrte sein Blick an einer alten Eiche einen Kober, der mit Stricken fest umwunden war, der hing an einem Astrest, und da rief der Bräutigam scherzend: Fundus! hier hängt unser Schatz. – Rasch wurde der Kober vom Baume genommen, er war sehr schwer, gewiß enthielt er Geld – und wurde etwas seitab vom Wege geöffnet. Wie die fest geknoteten Stricke mühsam gelöst waren und der Deckel abgehoben war, siehe, da ging es dem Brautpaar wie dem Fischer im ersten Märchen der Tausendundeinen Nacht, der die alte Wärmflasche aufgefischt und aufgeschraubt, es stieg ein Qualm aus dem Kober, der roch wie Teufelsdreck, Baldrian und Moschus durcheinander, und aus diesem Qualm formte sich die Gestalt eines uralten hockeruckerigen Männleins, und das war der Langensalzer Doktor, der sprach gar freundlich: Habt Dank, ihr jungen Leutchen, daß ihr mich aus dem Kober erlöst habt, in den mich der gottverfluchte Jesuiter hineingebannt.

und empfanget zum Danke diesen Goldgulden, dafür mögt ihr kaufen, was ihr wollt, er wird immer wieder zu euch zurückkehren. Doch mißbraucht nie die Gabe meines Dankes. Da wurde das Brautpaar reich und glücklich. Der Geist des alten Doktors ging aber nicht wieder in das Haus nach Langensalza zurück, sondern blieb in der Nägelstätter Weide, wo er sich noch immer bisweilen sehen läßt. Eine ähnliche Sage wird vom Webicht, einem Walde bei Weimar, erzählt, wo es auch nicht geheuer sein soll, zumal an dieses Laubwaldes unterm Ende, nach Tiefurt zu, auch die Ilmnixe sich sehen läßt, ihr grünes Haar strählt und flicht und Leute in das Wasser lockt.

*

 

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