Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Bechstein >

Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 584
Quellenangabe
pfad/verz/werk/book.xml
typelegend
authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
year1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130529
projectid28f4b66e
Schließen

Navigation:

582. Die Gräfin von Orlamünde

Es war ein Graf zu Orlamünde, Otto, der starb und hinterließ seine Gemahlin Agnes, die ihm zwei Kinder geboren, als eine noch sehr junge Witwe; sie war eine geborene Herzogin von Meran, und so war ihr als Erbe neben der Grafschaft Orlamünde in Thüringen auch die Plassenburg und deren Gebiet in Franken zugefallen, und sie wohnte bisweilen dort. Da geschah es, daß sie eine heftige Liebe gewann zu Albrecht dem Schönen, Markgrafen von Brandenburg und Burggrafen zu Nürnberg, und heimlich forschen ließ, ob dieser wohl geneigt sei, sich mit ihr zu verbinden. Es war aber schon zwischen dem Markgrafen und der Gräfin Sophia von Henneberg eine Verbindung im Gange, welche des Markgrafen Eltern lebhaft wünschten, und Albrecht ließ die Äußerung fallen, als ihm unter der Hand von der Neigung der Gräfin von Orlamünde Kenntnis zuging: Wenn vier Augen nicht wären. Dieses hörte die Gräfin und deutete es auf ihre zwei schuldlosen Kindlein, das eine, ein Söhnlein, von drei, das zweite, ein Töchterlein, von zwei Jahren, und ward von unsinniger Liebe zu dem Markgrafen also verblendet, daß sie den schwarzen Entschluß in ihrer Seele faßte, die Kindlein aus dem Wege zu räumen. Darauf gewann sie mit Gaben einen Dienstmann, Haider, die Kindlein umzubringen, und als dieser zur Tat schritt, soll der kleine Graf gefleht haben:

Lieber Haider, laß mich leben.
Ich will dir Orlamünde geben;
Auch Plassenburg, das neue,
Auf daß es dich nicht reue! –

und das Töchterlein:

Lieber Haider, laß mich leben,
Ich will dir alle meine Docken geben! –

aber der Mörder ließ sich nicht erflehen und vollbrachte die Untat, hat aber nachher auf der Folter bekannt, daß sie ihm schrecklich gereuet habe, wenn er der Worte der unschuldigen Kinder, insonderheit des Mägdleins, gedacht. Da nun die Gräfin ihren Zweck dennoch nicht erreichte, fiel sie in Reue und Verzweiflung, übte schwere Buße und fand auch nach ihrem Tode keine Ruhe, sondern wandelt als die bekannte weiße Frau auf dem Schlosse Plassenburg umher. Sie rutschte auf ihren Knieen bis zum Kloster Himmelskron und liegt alldort begraben.

*

 

 << Kapitel 583  Kapitel 585 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.