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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 516
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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514. Vom Singerberge

Zwischen Ilmenau und Stadtilm, die beide am Ilmfluß liegen, erhebt sich ein einzelner Hochgipfel, das ist der Singerberg. Er ist einer der vielen Sagenberge des Thüringerlandes, und die Sagen von ihm sind teils den übrigen verwandt, teils eigentümlich. Er soll den Namen tragen vom Gesang und Getöne, das zuzeiten in seinem Innern vernommen wird, gleich wie im Hörseelenberge. Auch in ihm soll ein Mann verzaubert sitzen, und ein Schloß ist in seinen tiefen Schoß hinab verwünscht. Bisweilen gelingt es wohl einem, die Öffnung zu finden, die hinein- und hinunterführt. Ein Schäfer fand eine gelbe Blume und pflückte sie, dem erschien eine Prinzessin und leitete ihn in das Innere, wo an einer Tafel viele eisgraue Ritter schlafend saßen, denen allen die Bärte durch den Tisch gewachsen waren. Und da ist es ihm ergangen wie den Hirten und Schäfern im Kyffhäuser, Fragen nach dem Flug der Vögel, hier schwarzen und weißen, Wiederentschlummern, Gewölbe voll Waffen, Rossen und Schätzen, und der Lohn – eine Tasche voll Sand, den aber der Schäfer einmal nicht wegwarf, sondern davon reich ward. Auch die Sagen von der zauberhaften Bergentrückung wiederholen sich am Singerberge. Ein Fuhrmann fand im Berge Nachtquartier mit Schiff und Geschirr, da er in Meinung, in einen großen Gasthof am Wege zu fahren, in den Berg hineinfuhr. Herrlicher Stall, glänzende Bewirtung; am andern Morgen spannte er wohlgemut ein, wendet sich noch einmal, in das Haus zu gehen und die Zeche zu bezahlen – weg ist das Haus, weg die Stallung – weg sind die Wirtsleute und ihr Gesinde. Grausen ergreift den Fuhrmann – er fährt von dannen, kehrt im nächsten Wirtshaus ein, sieht da den Kalender, nimmt ihn von der Wand, liest die Jahrzahl und staunt. Sieben Jahre, sieben Monate und sieben Tage war er im Singerberge gewesen. – Ein Hirte blieb gar hundert Jahre darin. Häufig erscheint am Berge die weiße Jungfrau, die nicht fehlen darf, wo ein Schloß stand; sie äfft oft Jäger und Holzleute, wie auch die Reisenden. Auch wird, das ist die allgemeine Sage, für den Singerberg in allen katholischen Kirchen Erfurts jährlich einmal gebetet, wie für den Sperrhügel und für den Schneekopf selbst im nichtkatholischen Arnstadt, daß er nicht berste und von ihm aus das ebene Land überflutet werde. Dieweil er aber der Singerberg heißt und ist und die Singer und Sänger das Wasser erst nicht lieben, so ist sein Schoß angefüllt mit vielen hunderttausend Fässern Weines, den die Ritter des Schlosses darin aufgehäuft und seltsamerweise nicht selbst getrunken haben. Etwas von diesem Wein entrinnt alljährlich dem Bergesschoße, das mischt sich in seine Quellen, darum sind sie so erquicklich und labend – wenn aber nicht mehr für den Berg und überhaupt nicht mehr gebetet wird, dann sollen alle Fässer bersten und soll die Weinflut aus dem Berge strömen, und alles Land mit allem Vieh und Menschenkindern werden dann darin untergehen als in einer zweiten Sündflut; das wäre viel schlimm und des Guten zu viel auf einmal, darum sollen die Menschen den lieben Gott und das Beten nicht ganz und gar vergessen.

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