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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 509
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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507. Die Ritter des Hermannsberges

Nicht weit von Steinbach-Hallenberg, recht mitten im Waldgebirge, liegen zwei Berge, der kleine und der große Hermannsberg. Über letztern läuft ein steiler, haushoher Porphyrfelsenkamm, wie eine Riesen- oder Teufelsmauer, grau bemoost und mit alten Bäumen bewachsen. Da droben soll ein Schloß gestanden haben, bewohnt von einem Grafen, welcher Hermann hieß. Er führte gar ein übles Leben mit seinen Rittern und gewann dadurch einen großen Schatz, daß er zwölf Seelen opferte. Zur Strafe seiner Untaten ward er mit den Seinen in den Berg verflucht; zuzeiten hört man ein wildes, wüstes Toben dieser Ritter, sieht auch wohl den Grafen umgehen; so hat ihn mancher Förster und Kreiser auf sich zukommen sehen mit einem spinnewebenen Gesicht. Ein Führer geleitete einen Fremden über die Waldestrift, wo man von Steinbach-Hallenberg nach Mehlis geht, an einem Märzmorgen. Es hatte einen frischen Schnee gelegt. Da kam der Geist sichtbarlich und ging an den Wanderern vorüber; wie sie sich umsahen, weil sein Aussehen sie entsetzte, war er verschwunden, und im Schnee war, wo er gegangen, kein Fußtapfen zu erblicken.

Einst hütete ein Hirte am großen Hermannsberg, da verlief sich der Brüller (Herdochse), und der junge Knecht ging in den Wald, ihn zu suchen. Da kam er zu einer Gesellschaft Herren, die vergnügten sich mit Kegelschieben, und da sie ihn sahen, winkten sie ihm, ihnen die Kegel aufzusetzen. Dies tat er, und als sie ihr Spiel beendigt hatten, gingen sie hinweg und sagten, er möge nur die Kegel mitnehmen. Er belud sich mit dem Spiel, kam wieder zur Herde, zu der sich indes der Ochse wiedergefunden hatte, trieb sie heim und wurde verwundert gefragt, wo er denn bleibe und gewesen sei, er sei schon drei Tage nicht nach Hause gekommen. Er aber beteuerte, kaum eine halbe Stunde von der Herde gegangen zu sein, die Herren hätten ihn genötigt, ihnen die Kegel aufzusetzen. Da fragte man weiter, ob er auch einen Lohn bekommen. O ja, sagte der Knecht, ich habe das ganze Spiel mitgebracht, draußen liegt's unter der Treppe. – Nun wollte der alte Hirt selbst den Ranzen mit den Kegeln unter der Treppe hervorziehen, vermochte das aber nicht, hingegen der Junge, wie er angriff, brachte ihn gleich hervor, und da waren die Kegel von purem Golde. Zu einer andern Zeit, als der junge Knecht wieder im Walde hütete und herumschweifte, fand er die Gesellschaft wieder, setzte wieder auf, und da bekam er auch die Kugeln. So war er zweimal glücklich.

In einem Dorfe am Fuße des großen Hermannsberges saßen an einem Winterabend einige Männer und karteten, und die Magd saß auf der Ofenbank. Da es schon spät war, so war sie an ihrem Spinnrad eingenickt. Sie zu ermuntern, sprach ihr Herr: Magd, geh hinauf auf den Hermannsberg, hol uns eine Flasche Wein. Dies sagte er, weil die Sage geht, daß in den verschütteten Kellern des ehemaligen Schlosses viele Fuder steinalten Weines liegen. Die Magd, dumm und schlaftrunken, macht sich in der Tat auf, empfängt auch droben, sie hat nicht zu sagen gewußt wie, eine Flasche Wein in ihre Hand. Als sie herunter und wieder in die Stube kommt, fährt der Herr sie an: Wo bist du gewesen? Wo bleibst du so lange? – Ihr habt mir ja geheißen, verteidigt sie sich, daß ich auf den Hermannsberg gehen solle und Euch Wein holen, so hab' ich's getan, und hier ist auch der Wein. – Verwundert hörten und sahen das die Männer, die Flasche war ganz grau und schimmlig. Doch brachen sie sie an und tranken mit gutem Mut den alten Felsenwein. Er war vom besten und brannte wie Feuer.

*

 

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