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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 471
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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469. Friedrich des Gebissenen Taufritt

Es ist gar nicht zu sagen, was für Kampf und Streit und Unglück sich im Thüringerland und um dasselbe erhob durch den Treuebruch Landgraf Albrecht des Entarteten, denn die Söhne Margarethens stritten, als sie zu ihren Jahren gekommen, gegen ihren Vater, und der Vater stritt gegen die Söhne. Landgraf Albrecht hatte seine Kebse gefreit und wollte gar das Land seinen rechten Söhnen abdringen und dem Apitz, seinem Bastard, zuwenden. Einmal hatte er sogar seinen ältesten Sohn als Gefangenen lange im Turm der Wartburg liegen, der ward aber heimlich befreit. Endlich verkaufte Albrecht ganz Thüringen für zwölftausend Mark Silber an Kaiser Adolf von Nassau, dem widersetzten sich die jungen Markgrafen samt der ganzen Ritterschaft, darüber erwuchsen neue schwere Kämpfe, und des Kaisers Volk hausete gar schlimm und übel in Thüringen, davon noch ein altes Lied geht, wie eine ganze Schar dieses Heeres, das in Rastenberg ein Kloster zerstört und die Nonnen geschändet, dafür von den Thüringern und Hessen kapaunt worden. Indessen starb Albrechts Kebse, Kunne von Eisenberg, und ihr Apitz folgte ihr noch im selben Jahre nach, da freite baldmöglichst seinen Söhnen zum Trotz Albrecht die reiche Witwe eines Grafen von Arnshauk, Adelheid, die nur eine einzige Tochter hatte, so Elisabeth hieß, diese blieb auf ihrer väterlichen Burg zurück, war vierzehn Jahre alt und ein gar tugendsames und holdseliges Jungfräulein. Die sahe Friedrich mit dem Wangenbiß und entbrannte in Minne gegen sie, und nach einer Zeit entführte er sie unversehens, brachte sie auf sein Schloß Gotha, den festen Grimmenstein, und schrieb an seine Stiefmutter und warb um Elisabeth, die ihm, da sie schon in seinen Händen war, nicht füglich versagt werden konnte, ward also seiner beiden Eltern Schwiegersohn. Das hinderte aber keineswegs, daß Streit und Krieg sich fortspannen, in welchem die Zwingburg Klemme, ein Bau Heinrichs des Erlauchten zu Eisenach, abgebrochen wurde und zwei schöne Türme der Frauenkirche ihrer Glocken beraubt und auch niedergerissen wurden. Bald darauf erhielt Landgraf Friedrich heimliche Sendung von der Wartburg, nahm nur fünfzehn tapfere Mannen mit sich, bargen sich in der Nähe der Wartburg in einer seitab des Tales gelegenen waldigen von Felsen umgebenen Schlucht, die heute noch das Landgrafenloch heißt, klimmten dann empor, kamen zur Burg an der hintern Seite, wo jetzt der Turm steht, und da waren schon Mannen, die ihnen die Mauern ersteigen halfen. Da fing Friedrich seinen Vater ohne Schwertschlag und entsandte ihn nach Erfurt. Die Landgräfin blieb aber bei ihrem Sohne auf der Wartburg, dahin dieser seine junge Gemahlin Elisabeth eilend kommen ließ. Aber mit der Wartburg hatte Friedrich noch nicht das Land, denn das gehörte doch noch dem Vater oder aber dem Kaiser, der es gekauft, und selbst die Bürger von Eisenach wollten nichts von dem jungen Landgrafen wissen, und da wurde die Wartburg enger umlagert und bedrängt als je, und rings um dieselbe wurden kleine Bergfrieden aufgeführt, Schanzen und Blockhäuser, und aller Zugang und alle Zufuhr ihr abgeschnitten, was das Schlimmste war, denn mit Stürmen war der Burg nichts anzuhaben, auch nicht viel mit Steinschleudern, da sie himmelhoch über alle den Lagern der Feinde sich erhob. In diesen Zeiten gebar Frau Elisabeth die Jüngere auf Wartburg ein Töchterlein, und da kein Pfaffe auf der Burg war, war guter Rat teuer, das Kind zu taufen, denn damals war nicht Sitte, vier oder sechs Wochen oder noch länger damit in Gottes Namen zu warten, auch beschäftigten sich nicht, wie in unsern Zeiten, Personen, die keinerlei priesterliche Weihen empfangen, mit dem Vollzug der heiligen Taufhandlung. Der Landgraf aber, schnellen Entschlusses und freudig zu jeder raschen Tat, hieß die Amme samt dem Kinde zu Roß steigen, erkor zwölf tapfre Kampfgesellen, ritt mit ihnen den Berg herab, um die Stadt herum, über den Gaulanger und Sengelbach, und erst da vernahmen die Wächter ihren Ritt und bliesen Lärm. Rasch ritten Friedrich und die Seinen nun den Talweg entlang, nach Tenneberg zu, doch hörten sie nach einer Weile, daß sie verfolgt wurden. Auf einmal ließ die Amme ihr Zelterlein ruhiger traben und die Ritter an sich vorbeireiten: das Kind schrie, der Landgraf blieb neben ihr halten und fragte: Was ist's? Warum eilst du nicht? Was fehlt dem Kinde? Schweige es! – Herr, sprach die Amme, es will gestillet sein, es schweiget nicht, es sauge denn! – Da rief der Landgraf den Seinen zu: Haltet! Meine Tochter soll ob dieser Jagd nichts entbehren, und sollte es das Thüringerland kosten! – Und da scharten sich alle um die Amme her, in Willens, wenn die Feinde herankämen, das Kind und sie auf Leben und Tod zu verteidigen – aber die Feinde ließen ab von ihrer Verfolgung, obwohl Friedrich schier zwei Meilen weit immer hinter sich den Hufschlag ihrer Pferde vernommen hatte, und so kamen die Reiter mit Kind und Amme glücklich nach Schloß Tenneberg, wohin der Abt von Reinhardsbrunn, das nahe dabei gelegen, entboten wurde, der mußte die Tochter taufen und nach der Mutter Elisabeth nennen. Danach hat Friedrich sich Hülfe gewonnen, die Wartburg stattlich gespeist, die Belagerung tapfer abgewehrt und alle Grafen und Herren Thüringens auf seine Seite gebracht. Darob ergrimmte Kaiser Albrecht gar sehr und wollte das Thüringerland wiederum mit Heeresmacht überziehen und bezwingen, wie er zu gleicher Zeit die Schweiz bezwingen wollte. Da geschah es, daß all seinem Wollen ein Ziel gesetzt ward durch seines Neffen, Herzog Johanns von Schwaben, meuchelmörderische Hand, und gewann das Land hernach durch selben Landgrafen Friedrichen mit dem Wangenbiß, den man auch den Freudigen nennt, guten Frieden.

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