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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 464
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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462. Der Krieg auf Wartburg

Bei Landgraf Hermann und seiner Gemahlin Sophia waren auf Schloß Wartburg im Jahre 1206 eine Zahl meisterlicher Minnesinger, die hießen Walther von der Vogelweide, Reinhart von Zwetzen, auch Reimar Zweter genannt, Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Ofterdingen, Meister Biterolf und Heinrich von Rispach, der tugendhafte Schreiber genannt, der war des Landgrafen Kanzellar und auch ein Ritter. Diese Sechse hielten ein Wettsingen miteinander, darin sie das Lob guter Fürsten priesen und vornehmlich das des gastlichen Landgrafen Hermann von Thüringen, der Grafen Poppo und Hermann des Weisen von Henneberg, auch des Markgrafen Otto von Brandenburg, zubenamt mit dem Pfeile, der selbst ein Minnesinger war. Besonders waren es die Henneberger, von denen Wolfram von Eschenbach und Heinrich von Rispach den Ritterschlag und Rosse und Gewande empfangen hatten, welche der genannte Heinrich, Biterolf und Wolfram von Eschenbach priesen, ebenso pries Heinrich von Rispach den Thüringer Landesherrn, aber Heinrich von Oferdingen, ein Osterreicher, obschon ihn alte Bücher einen Bürger von Eisenach nennen, und, wie viele glauben, der Dichter des hochwerten Nibelungenliedes, pries Leopold, Herzog von Osterreich, und sang, daß dieser vor allen Fürsten strahle gleich der Sonne vor allen Gestirnen. Da wurde der Sängerkampf also ernst und heftig, daß die Sänger beschlossen, es solle der Unterliegende durch die Hand des Henkers sterben. Alle waren gegen Heinrich von Ofterdingen erbittert und hätten ihn gern vom Thüringer Hofe weggehabt. Da nun alle gegen ihn, den einen, sangen, so unterlag er, und nur die gütige Landgräfin, zu der der Verfolgte sich flüchtete, schirmte ihn, indem sie ihren Mantel über ihn breitete, als er Rettung flehend zu ihren Füßen sank. Heinrich von Ofterdingen erbat sich ein Jahr Frist, er wolle von dannen reisen und einen größern Meister holen, der solle urteln und richten. Damit meinte er den berühmten Meister Klinsor vom Ungarland, der ein Minnesinger und ein Zauberer zugleich war. Ofterdingen zog nun von Wartburg fort, gen Österreich zu seinem gefeierten Herzog und von diesem nach Siebenbürgen zu Klinsor, der ihm seine Begleitung nach Thüringen zusagte, ihn bei sich behielt und sich und ihm mit Dichten, Singen und allerlei Kurzweil die Zeit vertrieb, so daß unvermerkt das Jahr verstrich und Ofterdingen endlich bange ward, er werde zur bestimmten Frist Wartburg nicht wieder erreichen. Da er nun gegen Klinsor ängstlich klagte, beruhigte ihn der und sagte: Wir haben starke Pferde und einen leichten Wagen, wir kommen wohl noch zeitig hin, und gab ihm einen Schlummertrunk, als es Abend geworden, legte ihn auf eine lederne Decke und sich dazu und ließ sich und ihn von den Geistern, denen er gebot, sänftiglich in der Nacht gen Eisenach in das beste Wirtshaus tragen, das war dazumal nicht der halbe Mond oder Rautenkranz, sondern der Hellegrafenhof am St. Georgentor linker Hand, wenn man zur Stadt ausging. Wie der Türmer den Tag anblies, erwachte Ofterdingen und hörte den Klang der Glocke, die zur Frühmesse läutete, von St. Georgen, und rief: Wie ist mir doch? Dieselbe Glocke hört' ich schon, ich meint', ich war' zu Eisenach, ist das nicht Sankt Jürgentor? – Klinsor lächelte und sprach: Siehe zu, ob du nicht träumest.

– Da nun die Kunde hinauf auf Wartburg kam, daß die zwei Meistersänger gekommen seien, gingen die Sänger alle herab, sie zu begrüßen und hinaufzugeleiten, und wurden gar herrlich von dem Fürstenpaare und seinem Hofstaate empfangen.

*

 

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