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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 376
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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374. Das Glück im Brunnen

Zu Schilda im Amte Torgau, dessen Bürger unter dem Namen der Herren von Schilda bekannt sind, und welches Städtlein von wegen der kurzweiligen Reden und Taten, so man von denen Einwohnern erzählt, weitberühmt ist, hat sich im Jahre 1553 diese wahrhaftige Geschichte zugetragen. Es wohnete daselbst ein Bürger, der hieß Urban Ermtraut, der hatte auf seinem Hof einen tiefen Brunnen, aber des Wassers wenig darin, und wollte ihn tiefer graben lassen, verdingte das einem Maurer des Namens Hemberg. Der machte sich am 18. November im Brunnen sein Gerüst über dem Wasser, stellt die Leiter ein, steigt herauf, verzehrt sein Morgenbrot, muß aber erst ein Maß fertigen, daran es ihm gebricht, bevor er weiterarbeiten kann, hat jedoch seinen Hammer drunten liegenlassen, steigt nochmals hinunter, denselben zu holen; indem, wie er drunten ist, verfällt unten das Erdreich, weichen oben die Steine und bricht mit Donnergepolter der ganze Brunnen zusammen, daß er sich mit Schutt und Gestein füllt bis herauf zum Rande. Alle Welt zu Torgau erschrak. Der ist gut aufgehoben! sprachen die weisen Herren zu Schilda, lasset ihn begraben sein! Damit war es abgetan. Der Rat war doch noch weiser wie die Bürger, der beriet sich und ratschlagte ein langes und ein breites, endlich drang die Meinung durch: Nein! Der Brunnen muß geräumt werden und der arme Verschüttete heraufgeholt und dahin begraben werden, wo ihm als einem Christen zu liegen ziemt. Das geschahe am 21. Tage des Wintermonds, und es wurde nun erst begonnen zu graben nach der Zeche und nach Schachten fort und fort. Und am folgenden Tage nach Mittag um zwei Uhr kamen die Arbeiter auf einen großen Stein, da ging ein Loch hinunter, da stießen sie eine Stange hinab, zu fühlen, wie tief es gehe – und da schrie es drunten: Au! meine Nase! – und der Verschüttete lebte noch und hatte sich von selbiger Stange unangenehm berührt gefühlt und schrie, sie möchten ihn um Gottes willen aus dem kalten Loch helfen, es sei gar nicht schön da herunten! – Wie nun die Arbeiter hörten, daß der Mann noch lebte, arbeiteten sie sehr fleißig bis zehn Uhr abends, da wurden sie seiner ansichtig; er stand hinter der Leiter, die hatte ihn gegen die Steine geschützt, aber mit dem halben Leib stak er im Erdreich, und rief: Sagt meiner Frau, sie solle mir eine Biersuppe kochen, dieweil mich hungert! – Aber indem er das rief, tat das Erdreich unter den Arbeitern wieder einen Schuß hinab und auf ihn drauf und verschüttete ihn aufs neue ganz und gar. – Nun ist's aus, nun ist Feierabend! sprachen die Arbeiter und stiegen gemächlich wieder hinauf. Droben aber stand der Bürgermeister zu Schilda, Herr Jakob Schmied, und befahl zu arbeiten ohne Aufhören. Man sollte Schilda nicht auch noch zu den vielen Lügenmären, die über das Städtlein im Schwange gingen, nachsagen, es begrübe die Leute in die Brunnen. – Und so ward aufs neue begonnen, mit keiner Hoffnung – doch um Mitternacht gelangten sie zu dem verfallenen Maurer, und da fragte er: Ist die Biersuppe fertig? Und brachten ihn frisch und gesund herauf, und war vier Tage und drei und eine halbe Nacht, achtundachtzig Stunden, im Brunnen gewesen; ließ sich seine Suppe von Torgauer Würzbier übertrefflich schmecken und lobte Gott, dessen hohe Wundermacht er im Finstern erkannt hatte, wie geschrieben steht im 88. Psalm V. 13.

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