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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 314
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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312. Von Heinrich dem Löwen

Herzog Heinrich, der Herr der Braunschweiger Lande, fuhr über Meer; ein Sturm erfaßte sein Schiff und verschlug ihn und sein Schiffsvolk in unbekannte Meere; alle Speise ging ihnen aus, und der Hunger quälte sie über die Maßen. Da mußte einer nach dem andern sein Leben opfern für der andern Sättigung, und bestimmte das Los den, welcher sich mußte töten lassen. So fristeten sie eine Zeit ihr Leben, und immer fügte es Gott, daß das Los des Herzogs nicht gezogen wurde. Endlich war nur noch der Herzog und ein einziger Diener auf dem Schiffe, und der Hunger nahm kein Ende. So losen wir nun zum letztenmal, sprach traurig der Fürst, und wen das Los trifft, der sterbe. – Nein, lieber tötet mich, o Herr! sprach der treue Knecht. – Nein, wir losen, antwortete der Herzog. Und da warfen sie das Los, und es traf Heinrich. Aber der Diener sprach: Nimmer werde ich meinen liebwerten Herrn töten, ich habe noch einen Rat, ich will Euch in eine Ochsenhaut einnähen und Euer Schwert dazu, vielleicht sendet der Himmel Euch eine Rettung. Das war der Herzog zufrieden, und als es geschehen war, so kam ein Vogel Greif geflogen, der faßte die Haut in seine Krallen, glaubte ein Tier zu rauben und trug die Beute weit übers Meer in sein Nest, dann flog er wieder hinweg, und Heinrich durchschnitt mit dem Schwerte die Haut, und da die jungen hungrigen Greifen ihn anfielen, schlug er ihnen mit dem Schwert die Köpfe ab, dann nahm er sich eine Klaue mit und stieg von dem hohen Baume, darauf das Greifennest war, in den Wald hinab. Lange irrte der Fürst in diesem wilden Walde, endlich hörte er ein nie vernommenes Geschrei, ein Brüllen, das wie Donner klang, und einen heisern pfeifenden Laut und gellend, daß der ganze Wald davon schallte. Wie nun der Fürst dem furchtbaren Schreien nachging, so sah er einen großen Löwen und einen entsetzlichen Lindwurm miteinander im wütenden Kampfe, doch drohte schon der Löwe zu unterliegen. Da gedachte der Fürst, daß der Löwe doch ein schönes und edles Tier und der Tiere König, der Lindwurm aber ein giftiges Tier sei, und stand dem Löwen bei, befreite ihn und erlegte den Lindwurm nach langem Kampfe. Wie der Löwe sich befreit und sein Leben gerettet sah, streckte er sich dankbar zu des Herzogs Füßen und verließ ihn nur, um Speise zu fangen, die er mit ihm teilte. Dem Herzog war in dieser Einsamkeit, in dieser Gesellschaft und bei dieser Kost nicht allewege wohl zumute. Da das Meer nahe war, so baute er sich, so gut er konnte, ein Floß und fertigte ein Ruder, und als der Löwe eines Tages wieder jagen gegangen war, da bestieg der Herzog sein Floß und stieß vom Strande. Bald aber kam der Leu zurück, vermißte den Herrn, folgte seiner Spur, kam zum Strande und sprang alsbald in die Meerflut, dem Floß nachschwimmend, das er auch bald erreichte, und dort streckte er sich wieder geruhig vor den Herrn hin. Aber auf dem Meere gab es kein Wild zu jagen, und die Pein des Hungers kehrte ein mit verzweifelnden Gedanken. Da erschien dem Herzog der Teufel und sagte ihm: Daheim bei dir in Braunschweig geht es heute lustig zu, da ist Freude die Fülle, und du schwebst hier herum zwischen Wasser und Wolken und hungerst; hier ist Hunger bei dir, und dort daheim bei dir ist Hochzeit, denn dein Weib ist deines Ausbleibens müde und nimmt sich einen andern jungen Mann, einen gar schönen Grafen; dich hält sie längst für tot. Herzog Heinrich erschrak über diese Rede, und der Teufel fuhr fort: Du möchtest doch wohl gern auch bei sotaner Hochzeit sein! Ergib dich mir, so führe ich dich noch heute heim, da kannst du mit tanzen. – Das wolle Gott nicht, das ewige Licht, daß ich ihm abfalle und dein sei, sprach der fromme Herzog, und der Teufel antwortete: Was dein Gott will oder nicht will, weiß ich nicht. Helfen scheint er dir nicht zu wollen, ich aber will's, ich bin da, besinne dich, eh dich's reut, zu solcher Hochzeit kommt einer nicht alle Tage, und morgen wär's zu spät. – Meine Seele würde ewigen Schaden leiden, so ich dir folgte, sprach wieder der Herzog, und der Teufel erwiderte: Deine Seele wird auch nicht schnurstracks in den Himmel fahren, Pein muß sie leiden, so oder so. Du hast von meinem Reiche keine rechten Begriffe, es ist gar nicht so übel, da zu sein, die sogenannte Seligkeit ausgenommen, sieh, ich wohne schon lange allda und befinde mich leidlich wohl. Ich schlage dir vor, du läßt dich heimführen. – Aber mein Löwe, sagte Heinrich, der ist gar zu gut und treu, möcht' ihn nimmer missen. – Auch den bringe ich, sagte der Teufel zu und stellte die Bedingung, daß Heinrich nur dann ihm angehören sollte, wenn er ihn bei der Wiederankunft mit dem Löwen auf dem Giersberge nahe bei Braunschweig schlafend finde. Außerdem verlangte der Teufel für seine große Mühe gar nichts.

Herzog Heinrich, der sich herzlich nach seiner Gemahlin, wie nach Erlösung aus seiner trostlosen Lage sehnte, willigte endlich in diesen Beding und ward alsbald vom Teufel durch die Lüfte bis auf den Giersberg geführt und auf diesen abgesetzt. Nun wache fein! rief der Teufel und schwang sich wiederum hinweg, den Löwen zu holen. Der Held fühlte sich von Entbehrung und der Luftfahrt matt und todmüde, bald konnte er sich des Schlafes nicht mehr erwehren, er legte sich in das Grüne und schlief wie ein Toter. Jetzt kam der Teufel mit dem Löwen weit durch die Luft gesaust. Mit seinem Teufelsauge sah er schon aus endloser Ferne den Schlafenden und schnalzte vor Freude mit der Zunge, denn er hatte vorausgewußt, daß der Fürst schlafen müsse und werde. Aber als er näherkam, sah der Löwe bald auch den Herrn liegen, steif und starr, meinte, derselbe sei tot, und erhob ein so furchtbares Gebrüll, daß sie drunten in Braunschweig sagten: Wir bekommen Gewitter, es donnert schon. Von dem Gebrüll aber wachte Herzog Heinrich auf, und der Teufel war wütend, daß er ihn nun nicht schlafend fand, und warf den Löwen aus der Höhe herunter, daß es krachte. Der Löwe aber, nach Katzenart, fiel sich keinen Knochen entzwei, sondern kam auf seine Beine zu stehen und folgte darauf seinem Herrn nach der Stadt und nach seiner Burg, aus der ihm viel Musikgetön und Jubel entgegenscholl. Das war die Hochzeitfreude. Der Herzog ließ die Braut als ein Pilgrim um einen Trunk Weines bitten, und diese sandte den Becher. Der Pilgrim zog einen Ring vom Finger, warf ihn, nachdem er getrunken, in den Pokal und bat den Diener, der Herrin beides zu übergeben. Da erkannte die Herzogin ihres Gemahles Ring und ließ den Pilgrim zu sich in den Saal entbieten; der kam, und ihm folgte sein Löwe nach. Da erkannte sie ihren Gemahl und fiel ihm zu Füßen und hieß ihn willkommen, und alle Diener jauchzten, und der junge Bräutigam wurde durch eine junge Braut entschädigt. Hernach hat Herzog Heinrich, den man nur den Löwen nannte, noch lange Jahre glücklich regiert, und da er endlich starb, hat sich sein Löwe auf sein Grab gelegt und ist auch gestorben. Da wurde er auf der Burg begraben und ihm ein ehern Denkmal errichtet. Andere sagen, Herzog Heinrich habe solch ehernen Löwen schon bei seinem Leben gießen und aufrichten lassen. Des jungen Greifen Klaue aber hatte Heinrich im Dom aufhängen lassen, zum Zeichen seiner Meer- und Luftfahrt.

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