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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 312
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
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310. Hütchen

Da Bischof Bernhard zu Hildesheim regierte, fand sich in seiner Residenz ein eigentümlicher Kobold ein, welcher nicht wie jener vielförmige Hinzelmann vorzog, unsichtbar zu bleiben, sondern sich vor jedermann in einem Bauernkleide sehen ließ, sehr fromm und gutmütig erschien und beständig einen spitzen Filzhut tief über das Gesicht trug, daher ihn das Gesinde bald nicht anders nannte als Hödeken, das ist Hütchen, weil man von seinem Kopfe eigentlich nur den Hut sah. Dieser seltsame Geist ließ sich gern in mancherlei Gespräche ein, gab guten Rat, fragte und antwortete und erzeigte sich gefällig und hülfreich. Zu einer Zeit, da Graf Hermann von Winzenburg durch einen seiner Vasallen wegen schlimmen Handels und begangener Untat samt seiner Gemahlin ermordet worden war und dadurch des Grafen Land herrenlos, weil er noch keine Kinder hatte, trat Hütchen in derselben Stunde, in welcher die Tat geschah, in des Bischofs Schlafgemach, erweckte ihn und sprach: Stehe auf und wappne dich; die Grafschaft Winzenburg ist erledigt. Nimm dein Volk und gewinne sie dir und deinem Stift. Da brach Bischof Bernhard schleunig auf mit Kriegsvolk, fiel in die Grafschaft, nahm Besitz von ihr und ließ Hildesheim vom Kaiser auf ewige Zeiten mit ihr belehnen. Später fand sich noch ein Erbberechtigter, und um diesen nicht zu sehr zu verkürzen, bekam er nun die Grafschaft vom Bischof zu Lehen. Dieser Graf von Winzenburg hatte zwei Söhne, die schon erwachsen waren und in Unfrieden lebten. Es war bei der Belehnung festgesetzt, daß nicht der Älteste, sondern immer der die Vorhand haben solle, welcher zuerst um die neue Belehnung nachsuchen werde. Als der alte Graf starb, hatte der ältere Bruder nichts Eiligeres zu tun, als sich zu Pferde zu setzen und gen Hildesheim zu jagen; der jüngste aber hatte kein Pferd und war ratlos und konnte für sich nichts hoffen. Da trat Hütchen zu ihm herein und gab guten Rat. Schreibe einen Brief an den Bischof, sprach er. Melde deines Vaters Ableben und suche um die Belehnung nach. Dein Brief soll schneller hinkommen als dein Bruder. Da schrieb der jüngere Graf schnell seinen Brief und drückte sein Siegel darauf, und Hütchen nahm den Brief, schlug Richtwege ein geradeaus über Gebirg und Wald gen Hildesheim und kam eine oder einige Stunden früher an als jener, gerade so früh, daß in der Kanzlei des Bischofs für den jüngeren Bruder ein neuer schöner Lehenbrief in bester Form geschrieben werden und des Bischofs und Kapitels ovale Siegel in blechernen Kapseln darangehängt werden konnten. Der Bergpfad heißt noch heute Hütchens Rennpfad und ist nicht leicht zu finden.

So leistete Hütchen gute und nützliche Dienste und erwies sich vielen hülfreich. Einem armen Nagelschmiede schenkte er ein halbes Hufeisen, Nägel daraus zu schmieden, jeder Nagel aber, den der Mann daraus fertigte, ward zu Gold. Der Tochter desselben gab er eine Rolle Spitzen, die kein Ende nahm, soviel man davon maß, doch durfte eine gewisse Zahl Ellen nicht überschritten werden. Ein Domherr zu Hildesheim, dem der Wein besser zu Halse ging als die Weisheit und die Wissenschaft, sollte zu einer Kirchenversammlung als Orator abgeordnet werden, da ward ihm schrecklich bange, denn er fühlte gar zu sehr selbst, daß sein Wissen und Weissagen Stückwerk sei, und daß er mit seiner Redekunst nicht glänzen werde. Auch dem half Hütchen aus Angst und Not; er fertigte ihm ein kleines Kranzgeflecht von Lorbeerlaub, Siegwurz und Allermannsharnisch, das mußte der Chorherr bei sich tragen, und siehe da, auf der Kirchenversammlung erschien der Orator von Hildesheim als ein gar großes und hell brennendes Kirchenlicht, und war jedermänniglich erstaunt und erbaut von des Mannes mächtiger Redegabe, und hätten viel spätere Redner von ihm lernen oder sich glücklich schätzen können, wenn ein gescheites Hütchen ihnen beigestanden.

Zu Hildesheim hatte ein Mann ein schönes Weib mit einem vielliebenden Herzen, der mußte verreisen und übertrug dem Hütchen die Hut und Ehrenwache. Welche Not aber Hütchen hatte, diesem Ehrenamte vorzustehen, das ist nicht zu sagen. Freudig eilte der Geist dem endlich heimkehrenden Manne entgegen und sagte: Gut und dreimal gut, daß du wieder da bist! Einmal und nicht wieder dein Weib gehütet, lieber alle Schweine in ganz Sachsenland auf einmal als solch überlistigen und ränkevollen Weibes Hut!

Da aber Hütchen neben großer Gefälligkeit doch jezuweilen die schlimme Koboldnatur blicken ließ, sich zornig und rachsüchtig zeigte, auch unnachsichtig der Dienerschaft Fehler rügte, so wurde er dem Gesinde und endlich auch dem Bischof selbst doch zur überlast, und so bannte ihn durch kräftige Beschwörung der Bischof von Hildesheim hinweg.

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