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Deutsches Sagenbuch

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch - Kapitel 298
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authorLudwig Bechstein
titleDeutsches Sagenbuch
publisherF. W. Hendel Verlag
editorKarl Martin Schiller
year1930
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296. Engel und Lilien

Im Kloster Corvey erschienen alljährlich, und wohl sonder Zweifel am Jahrestage St. Veits, in der Kirche zwei Engel oder auch mehrere, und wenn die Knaben im Singechor das Gloria sangen, stimmten die Engel am Grabmal des heiligen Veit das Responsorium an mit wunderherrlichen Stimmen. Da war einmal ein Propst im Kloster, der glaubte nicht an Engel, und als der himmlische Gesang wiederum sich hören ließ, schritt er hin zum Kenotaph St. Viti und fragte frech: Was singet ihr hier? Wer seid ihr? Von wannen kommt ihr? Da sangen die Engel zur Antwort: Kommet, wir wollen wieder zum Herrn! Die nach ihm fragen, werden ihn preisen! Seitdem durchtönte nie wieder Engelgesang die Klosterkirche, wie es seit dreihundert Jahren immer geschehen war, und das Kloster kam in Verfall, sein weitverbreiteter Ruhmesstern erlosch.

Was sich im Dome zu Lübeck zugetragen mit den voraussagenden Todesrosen und dem Mönche Rabundus, dasselbe begab sich im Kloster Corvey mit Lilien. Im Chore der Kirche hing ein eherner Kranz, und im Kranz war eine Lilie, und wenn einer der Brüder sterben sollte, so kam diese Lilie allezeit wunderbarlich herab und lag drei Tage vorher im Stuhle des Bruders, dem zu sterben bestimmt war, und der dann ernst und still sich vorbereitete zum seligen Dahinscheiden. Dieses Wunder war mehrere hundert Jahre lang im Gange, da fand einst ein junger Klosterbruder, der früher als die anderen in den Chor kam, auf seinem Stuhle die Lilie und dachte bei sich selbst, indem er erbebte: Soll ich schon sterben und bin noch so jung? Wäre es nicht besser und mehr in der Ordnung, es ginge damit der Reihe nach, erst die Alten, damit die Jungen Zeit gewännen, auch alt zu werden? Und da lag schon die Lilie aus des jungen Klosterbruders Hand im Stuhle des ältesten Mönchs. Da dieser nun kam und die Lilie sah, entsetzte er sich fast bis zum Tode, denn das hohe Alter stirbt am mindesten gern, weil das Leben so schön ist und den Ältesten nur als eine kurze Spanne erscheint, und erkrankte, doch nicht zum Sterben; nach dreien Tagen aber lag der junge Klosterbruder, der das Todeswahrzeichen, die Lilie, von sich ablehnen wollen, kalt und steif auf dem Brett, von einem jähen Tod hinweggerafft.

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